-XVIII-
Mit großen Augen starrten die Krankenschwestern, Ärzte und die beiden Polizisten in den Raum.
Miwako saß aufrecht im Bett und sah die Neuankömmlinge an.
Sie war verwirrt.
„Äh…ich schätz, ich bin geehrt, aber…ist dieser riesige Menschenauflauf wirklich nötig?"
„Miwa-ko?", hauchte Takagi, als er den Raum betrat.
Seine Partnerin sah ihn an „Huh? Ist das eine Art Witz? Hab ich etwas verpasst?"
„Erinnerst du dich, was auf der Eröffnung passiert ist?", fragte Shiratori.
„Ausstellung?", Miwako schwieg. Plötzlich weiteten sich ihre Augen, als sie realisierte, was gemeint war.
„Gowej!", schrie sie, „Ist er in Ordnung?"
Takagi sah kurz Shiratori an, ehe er sich an Miwako wandte. „Tut mir leid, dir das zu sagen…", fing er an, „Aber Gowej wurde erschossen. Und wir alle waren um dein Wohlbefinden besorgt."
Miwako sah ihn an, als würde sie nicht verstehen, was los war.
Der Arzt zwängte sich durch die Menge.
„Das werde ich erklären.", sagte er, „Ms. Sato, während der Durchführung des Auftrages, wurden sie verletzt, ihn wurde mit einer unbekannten Waffe die Brust durchbohrt. Sie wurden mit einem durchbohrten Brustbein und einer durchbohrten Lunge gefunden. Genauso wurde ein Teil des Herzmuskels zerstört und auch ihre Wirbelsäule wurde beschädigt. Auch wenn es ein Wunder an sich ist, dass sie diese Wunde überlebt haben, waren wir sicher, dass sie niemals mehr in der Lage gewesen wären, sie von den Armen abwärts zu bewegen."
Miwako sah ihn an, schwang beide Beine aus dem Bett und stand auf.
„Nie mehr in der Lage sich zu bewegen?", fragte sie sich. Sie sah zu Takagi.
„Takagi! Wann ist der Angriff passiert?"
Takagi zuckte zusammen. „Vor über 26 Stunden."
Miwako erstarrte. Wo waren ihre Schmerzen?
Ohne zu zögern riss sie die Bandagen von ihrer Brust, völlig das Keuchen von Takagi und Shiratori ignorierend.
Der Arzt hatte Recht. Es war eine tiefe Wunde direkt unter ihren Brüsten gewesen.
Aber sie war völlig verheilt.
Nach einer schnellen Untersuchung sagte der Arzt, dass auch die Lunge und das Herz vollständig repariert seien.
„Nun, Frau Sato.", sagte der Arzt, nachdem er seine Verwirrung überwunden hatte, „Ich weiß nicht warum, aber sie sind durchaus in der Lage ihre Arbeit als Polizistin wieder aufzunehmen."
Verwirrt verließen die Krankenschwestern und der Arzt den Raum wieder, während Takagi und Shiratori vor der Tür Stellung bezogen. Beide hatten eine tiefrote Farbe angenommen.
Schließlich war es für beide sehr ungewöhnlich zu sehen, wie Miwako sich auszog. Wirklich.
„Hey, Nin.", begann Takagi.
„Hör auf mich so zu nennen.", seufzte Shiratori, „Du weißt, dass ich Ninzaburo heiße."
„Tut mir leid. Aber weißt du ich habe nachgedacht. Ich frage mich, warum es Miwako so plötzlich besser geht. Es ist wie ein Wunder."
Shiratori verstummte.
„Hast du die Frau bemerkt, die an uns vorbei ging, als wir hierher kamen?", fragte er nach einer Weile.
Takagi nickte. „Sie war irgendwie komisch.", sagte er.
„Genau. Als ob sie kein Mensch wäre.", murmelte Shiratori. Plötzlich machte etwas in seinem Kopf ‚Klick'.
„Erinnerst du dich daran, was passiert ist, als dieser Dante-Typ in unserem Büro war?"
„Da war dieser Überfall.", antwortete Takagi. Jetzt verstand er es auch.
Dante hatte mit einigen Kreaturen gekämpft.
Nein, nicht Kreaturen.
Dämonen.
-oOo-
Es war ein kleiner und ruhiger Teich in der Mitte des Waldes. Ein altes Heiligtum eines Tempels stand in der Nähe.
Aber ansonsten gab es keine Anzeichen davon, dass Menschen anwesend waren.
Ein Fisch sprang aus dem Wasser, als ein roter Schatten sich vorbei bewegte.
Eine hochgewachsene Frau mit einem roten Kimono und blauen Augen. Sie trug einen alten Koffer. Einen, der mit Erde bedeckt war.
Gerade als sie den Schrein erreichte, legte sie den Koffer ab und löste den Verschluss.
Der Deckel wurde aufgeklappt und weiße Knochen enthüllt.
Mit einem Seufzer drehte sie sich zum Schrein. Ein Lichtschein befand sich in ihm.
„Weißt du, du hättest etwas vorsichtiger sein können.", sagte die Frau. Ihre Stimme klang melodisch.
„Ich weiß.", antwortete das Licht, „Aber ich hätte nicht gedacht, dass Menschen kommen und versuchen würden mich zu töten, nur weil es gegen ihre Regeln war, einen Dämon einen versiegelten Höllendämon bewachen zu lassen."
„Du hast Glück.", entgegnete die Frau, während sich ihr Kimono in Schuppen verwandelte. „Dein Vater hat mich gelehrt, wie man ein Tor zur Hölle öffnet. Sonst wäre ich nicht in der Lage gewesen, dich zurück zu holen und deine Knochen würden auseinanderfallen."
Der Lichtschein gab keine Antwort. Stattdessen flog er über den Koffer und versank in den Knochen.
Er erlangte seinen Körper wieder.
Muskeln und Gewebe wuchsen wieder, ebenso wie Organe Haut und Fell.
Doch schon bald nach der Rekonstruktion seines Körpers, veränderte sich der Dämon erneut und erhielt einen menschlichen Körper. Vor ihm lagen Kleidungsstücken.
Die Frau hingegen hatte sich in ein schuppenbesetztes, Reh-ähnliches Wesen verwandelt. Ein Kirin.
„Sag mir.", begann sie, während sie zu sah, wie der andere sich anzog, „Warum bestehst du so darauf einen menschlichen Körper zu haben? Menschen sind ekelhafte und unbedeutenden Geschöpfe."
„Weil ich ein paar Freunde gefunden habe und ich sie nicht verlieren will.", sagte der Dämon, als er sich eine Strickmütze aufsetzte.
Die Kirin seufzte. „Gut, aber tue dieses Mal nichts Leichtinniges. Das letzte Mal, als du mit diesem Höllendämon gekämpft hast, wurde dein Vater getötet."
„Ich weiß.", ein kleines Grinsen folgte. „Aber ich traf den Sohn Spardas. Und ich bin ziemlich sicher, dass der Höllendämon nur darauf wartet, dass ich gegen ihn kämpfe."
-oOo-
Die Sonne stand ging schon unter, als ein schwarzer Porsche Nagano verließ. Der Job war erledigt und das Ziel zum Schweigen gebracht worden.
Doch weil sie schlechte Informationen über den Mann erhalten hatten, mussten drei weitere vor Teimon sterben.
Und Teimon selbst war kein leichtes Opfer.
Er war ein Waffenverkäufer, das hieß, er war in allen Arten von Fernkampfwaffen ausgebildet.
Eine Sache, die Gin sehr schmerzhaft zu spüren bekam.
Während der Fahrt zurück nach Tokyo war er immer noch auf der Suche nach Kugeln und anderen Projektilen.
„Wirklich Gin.", seufzte Vermouth, „Kannst du es nicht auf eine andere Art machen? Es ist ekelhaft zu sehen, wie du die Kugeln aus deinem Körper holst."
„Ich entschuldige mich. Ich könnte meinen Körper aufreißen, um sie zu finden. Allerdings denke ich, dass du das nicht sehr gerne sehen würdest."
Vermouth schauderte bei dem Gedanken, als ihr plötzlich etwas einfiel. Aus den Augenwinkeln beäugte sie ihren Partner.
„Warum heilst du dich nicht einfach?", wollte sie wissen.
Gin sah sie an. „Was meinst du damit?"
„Leicht.", antwortete Vermouth, während sie sich darauf konzentrierte, nicht den vorderen Wagen zu rammen. „Du bist ein Dämon. Das sollte doch heißen, dass du geniale Selbstheilungsfähigkeiten hast. Warum verwendest du die nicht einfach um deinen Körper zu heilen?"
Gin lehnte sich zurück. „Das funktioniert nur mit meinem richtigen Körper. Diese menschliche Hülle kann ich nicht heilen."
Er beobachtete Vermouth. „Alles, was ich tun kann ist ‚Zerstörung'. Ich soll zerstören, was die Götter schaffen. Das heißt aber auch, dass ich nicht heilen kann. Heilung braucht immer ‚Schöpfung'. Deshalb sind meine Regenerationsfähigkeiten so wie die der Menschen, nur schneller."
Vermouth warf ihm einen erneuten Blick aus den Augenwinkeln zu. Gin sah schlecht aus. Fast so, als wäre er krank.
Kann ein Dämon krank werden?
„Dämonen werden nicht krank.", sagte Gin sachlich.
„Du kannst meine Gedanken lesen?"
„Nicht nur das, ich dich auch steuern, damit du tust, was ich will."
Vermouth wandte ihren Blick wieder auf die Straße. Es war seltsam. Normale Menschen sollten durchdrehen, wenn sie einen Dämon treffen, aber sie behielt die Nerven. Wahrscheinlich, weil sie an seine Nähe gewöhnt war. Oder es war noch nicht ganz in ihren Geist gesackt.
„Jedenfalls liegt dieser Körper im sterben.", seufzte Gin, „Ich glaube, ich habe noch eine Woche oder so, bevor ich nach einem neuen suchen muss."
Vermouth erschrak. „Warte! Du meinst du wirst gehen? Gehen, wie verschwinden?"
„Nein. Ich werde immer noch hier sein. Nur der Körper, den ich benutze wird ein anderer sein."
Die Schauspielerin schüttelte den Kopf. „Verdammt. Selbst wenn du es bist, kann ich mir nicht vorstellen was passieren wird. Ich mag es, wie du im Moment aussiehst."
Gin grinste. „Tut mir leid. Ich werde versuchen, das Aussehen, das ich jetzt habe, zu kopieren."
„Ich dachte du kannst nichts erschaffen."
„Kann ich auch nicht. Aber ich kann rekonstruieren. Schließlich ist ein menschlicher Körper nur aus Zellen aufgebaut. Ich kann Zellen von verschiedenen Personen nehmen und mir einen neuen Körper erschaffen." Er runzelte die Stirn und fügte dann mit einem kleinen Lächeln hinzu: „Einen menschlichen Körper oder andere komplexe Lebewesen zu bauen ist leicht für mich. Solange wie ich das passende Material habe."
Er starrte nach draußen.
„Allerdings dauert es 13 Tage einen neuen Körper zu bilden. Ich hätte vorsichtiger sein sollen."
„Als der Kopfgeldjäger dich angegriffen hat?"
„Nicht nur da. Auch der Vorfall im Lagerhaus. Ich musste diesen Körper verlassen, um die Kerle zu töten."
„Und?"
„Wenn ein Dämon wie ich seine menschliche Form verlässt und dann versucht wieder in diese zu schlüpfen, dann wird der Körper schwer beschädigt."
Vermouth zuckte mit den Schultern. „Hey, ich habe kein Problem damit, wenn du den Kollegen sagst, warum du plötzlich nicht mehr menschlich bist."
„Ich könnte Anokata darum bitten mir ein paar Tage frei zu geben."
„Als ob das klappen würde."
Gin grinste nur leicht. „Mach dir keine Sorgen Vermouth. Ich werde das machen, aber vorher werde ich diesen bescheuerten Hunter töten."
