Am nächsten Tag erwachte ich vollkommen übernächtigt und mit bohrenden Kopfschmerzen. Ich griff wie jeden Morgen auf das Kissen neben mir, und als ich es leer fand, stürzte der gestrige Abend wie eine dunkle Woge über mich her. Plötzlich war mir zum Weinen und zum Lachen gleichzeitig zumute. Wie konnte ich mich derart über Jakes blöde Fragen aufgeregt haben! Aber das bittere Gefühl in der Magengegend blieb. Edward hatte mich nicht gefragt, und obwohl es von vornherein klar gewesen war, dass wir zusammen hingehen würden – seit dem Sommer vor einem Jahr, in dem wir zusammen gekommen waren, unternahmen wir fast alles gemeinsam – hatte ich darauf gewartet, dass er mich zum Tanz bitten würde. Dumm, ja, aber...ich war enttäuscht und verletzt. Vielleicht nahm er mich schon als so selbstverständlich hin, dass er es nicht mehr für nötig hielt, sich um mich zu bemühen? Seine Komplimente, seine Liebesbekundungen... tat Edward das nur, weil er dachte, dass man es von ihm erwartete? Weil er es so bei seinen Adoptiveltern sah, die nach über 300 Jahren noch verliebt wie am ersten Tag waren oder zumindest so taten? Ich hatte bisher noch nie an Edwards Gefühlen zu mir gezweifelt, aber jetzt... Wo er doch genau wusste, wie wichtig mir der heutige Abend war! Vielleicht sah er inzwischen in mir nur noch eine gute Freundin und keine Freundin mehr, mit der man mehr teilte als die Erlebnisse in der Schule und auf dem Sportplatz? Womöglich gab es schon lange eine Andere, für die er nun das empfand, das er früher für mich empfunden hatte, und ich hatte es aus meiner vermeintlich sicheren Festung unserer Zweisamkeit nicht gemerkt! Auf einmal ertrug ich es nicht, ihn heute in der Schule zu sehen, und Jake auch nicht – immerhin war er an meinen Zweifeln schuld. Ich spitzte die Ohren und hörte das Auto meines Vaters in der Einfahrt. Als ich sicher war, dass er zur Arbeit gefahren war, ging ich in die Küche und begann, mir Frühstück zu machen. Wenn jemand fragen würde, wo ich heute morgen gewesen sei, entschloss ich, schlimme Menstruationsschmerzen vorzutäuschen; bei allen anderen funktionierte diese Ausrede immer wunderbar und für alles.
Nach dem Frühstück ging ich ins Bad und stieg unter die Dusche. Nachdem ich mich abgetrocknet hatte, ging ich zurück in mein Zimmer und hob die Kette vom Boden auf. Wie beim ersten Mal, als ich sie in der Hand gehalten hatte, schien sie auf meiner Handfläche zu fließen wie blaues Blut. Ich ballte die Hand zu einer Faust, bis der Stein mir in die Finger schnitt. Sollte ich heute Abend überhaupt zu dem Ball gehen? Womöglich würde Edward mich den ganzen Abend über kaum beachten! Ich öffnete meine Faust und brachte die Kette mit dem Stein ganz nah vor meine Augen, wie um in seiner dunkelblauen Tiefe nach einer Antwort zu suchen. Der Stein drehte sich träge zwischen meinen Fingern und fing das Licht der Morgensonne ein. Ein Lichtstrahl traf direkt in meine Augen. Geblendet und halb blind taumelte ich zurück und stieß gegen den Kleiderständer, an dem mein Ballkleid hing. Ich verlor das Gleichgewicht, und Ständer und ich landeten auf dem Boden. Ich schrie vor Schreck und Schmerz auf und blieb ein paar Minuten auf dem Rücken liegen. Ich spürte den warmen, weichen Samt auf meiner Haut, der mich wie eine zärtliche Hand zwischen den Schulterblättern berührte. Plötzlich fiel mir der Satz wieder ein, den Edward zu mir gesagt hatte, als ich ihm das Kleid vorgeführt hatte. „Du bist..." murmelte ich vor mich hin. Der Stoff des Ballkleides brachte die Erinnerung an seine Berührung in mir hoch wie eine warme Welle, ich zerdrückte eine kleine Träne und beschloss, heute Abend mit Edward die schönste Nacht unserer bisherigen Beziehung zu verbringen.
