Der Abend das Balls war der schönste seit Monaten. Der Mond stand rund und voll am Himmel, und die Sterne schimmerten am Firmament wie Diamanten auf einem dunkelblauen Kleid. Ich hatte mir mit äußerster Mühe und größter Konzentration die Haare aufgesteckt, und fand mich in meinem roten Kleid so schön wie noch nie (auch wenn ich den ganzen Abend lang bei Komplimenten nur betont lässig die Schultern zuckte). Edward erschien pünktlich um sieben Uhr, um mich abzuholen. Als ich die Tür öffnete, konnte ich sein Gesicht nur erahnen hinter dem gigantischen Strauß blauer Rosen, die er mir entgegenstreckte. Mir blieb die Luft weg. Ich konnte nur ein heiseres Danke hauchen, als ich die Blumen entgegennahm. Edward lächelte und berührte mich sanft an der Schulter. „Stich dich nicht an den Dornen. Du weißt, jede Rose hat sie." Ich konnte ihn nur sprachlos anstarren. Er sah heute abend so großartig aus wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Er hatte die Farbe seines Anzugs passend zu der Kette gewählt, deren Anhänger kühl auf der Haut meiner Brust lag, und das nachtblau brachte seine helle Haut und seine eindrucksvollen Augen schon fast göttlich zur Kenntnis. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Mund offen hatte, während ich ihn anstarrte, jedenfalls räusperte er sich nach einer Weile ein wenig verlegen. „Du tropfst dir auf die Schuhe." Ich schloss den Mund und schaute auf das durchweichte Blumenpapier im meinen Händen. „Ich stell sie nur schnell ins Wasser" sagte ich mit knallrotem Kopf und verschwand in der Küche.

Die Turnhalle der Schule war vom Ballkomitee in wochenlanger Arbeit geschmückt worden. Mond und Sterne aus Papiermache hingen von der Decke, um dem Motto „Winternacht" Ausdruck zu verleihen; die mickrigen Wattebäusche auf den Tischen, die meterdicke Schneelasten darstellen sollten, hatten diese Hilfe bitter nötig. Allen Anschein nach hatten die Mädchen des Komitees die Zeit lieber zum Reden und Rauchen als zum Basteln genutzt. Das gedimmte Licht bewirkte dennoch einen wunderbar romantischen Effekt. Nach der Eröffnungsrede des Rektors und der Ermahnung der Aufsicht führenden Lehrern, „brav zu sein", begann die Band den ersten Walzer des Abends zu spielen. Edward drückte meine Hand. „Schenkst du mir diesen Tanz?" Ich nickte, und wir begannen uns langsam im Takt der Musik zu drehen. Nach dem Walzer tanzten wir einen Fox und noch einen Walzer und einen Tanz, bei dem Edward führte und ich nur versuchte, meine Füße schnell unter den seinen wegzuziehen. Es war wunderschön. Die Kerzen auf den Tischen leuchteten, und vom Fenster grüßte der Vollmond herein. Nach dem vierten Tanz führte Edward mich zu einem Tisch und brachte mir ein Glas Fruchtbowle. Noch einmal schalt ich mich für meine eigene Dummheit von gestern abend. Gerade als ich den Mund öffnen und ihm von meinem völlig unnötigem Ärger erzählen wollte, legte jemand ihm die Hand auf die Schulter. Edward drehte sich um, und ein Zucken lief durch seinen ganzen Körper. War er vor wenigen Sekunden noch entspannt und ausgelassen gewesen, wirkte er jetzt bis in die letzte Faser seines Körpers angespannt, und wäre er ein Westernheld gewesen, er hätte seine Waffe in der Hand gehalten. Ich rutschte von meinem Stuhl, um den Grund seiner Wandlung zu sehen. Dieser war ein Junge wohl unseres Alters, genauso groß und schmal wie Edward, aber mit dunkelblonden schulterlangen Locken und blauen Augen, so blau wie der Himmel kurz vor einem Gewitter – oder wie der Stein an meinem Hals. „leihst du mir den nächsten Tanz, Edward?" fragte er mit einer tiefen Stimme wie Gewitterrollen, und ohne auf die Antwort meines Freundes zu warten, trat er auf mich zu und nahm meine Hand.

„O, sie nur lehrt die Kerzen, hell zu glühn!

Wie in dem Ohr des Mohren ein Rubin,

So hängt der Holden Schönheit an den Wangen

Der Nacht; zu hoch, zu himmlisch dem Verlangen.

Sie stellt sich unter den Gespielen dar,

Als weiße Taub' in einer Krähenschar.

Schließt sich der Tanz, so nah' ich ihr: ein Drücken

Der zarten Hand soll meine Hand beglücken.

Liebt' ich wohl je? Nein, schwör' es ab, Gesicht!

Du sahst bis jetzt noch wahre Schönheit nicht."

Und er küsste sanft meine Hand.

Das war das zweite Mal an diesem Tag, dass ich wie vom Blitz getroffen war. Doch bevor ich eine klaren Gedanken fassen konnte, lachte der Fremde kurz auf und sagte: „Ich bin nicht gut im Machen großer Worte, deswegen dachte ich, ich lassen den großen Meister selbst für mich sprechen. Ich hoffe du verzeihst mir." Ich holte Luft, um etwas zu erwidern, und stieß die Luft unbenutzt wieder aus – mit fiel nichts ein. Er ließ meine Hand los und sagte: „Ich bin Nathaniel – oder Nate, wenn dir das lieber ist."