Ich sah zu ihm auf; sein Blick schien alle Traurigkeit unserer Welten in sich zu tragen. Er liess ich los und wandte sich wortlos zum Gehen. Ich blieb unschlüssig auf der Treppe stehen. Der Drang, ihm nachzulaufen, war übermächtig, nur mit Mühe widerstand ich ihm. Stattdessen rief ich ihm nach. „Nate, was tust du morgen nachmittag?" Er drehte sich um und lächelte. „Soll das ein Rendevous werden?" Ich nickte, obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich ein Date mit ihm wollte. Langsam kam er zu der Treppe vor unserer Haustür zurück. „Da, wo ich herkomme, fragt der Mann die Frau und nicht umgekehrt." tadelte er, aber er strahlte über sein ganzes schmales Gesicht. „Bella, willst du mich morgen treffen?" Ich lächelte jetzt auch. „Sehr gerne."
Der nächste Tag war sonnig und der wärmste, den das Jahr bisher gesehen hatte. Ich traf Nate nach der Schule bei den Sportplätzen. Edward war heute nicht zur Schule erschienen, und ich machte mir doch ein wenig Sorgen um ihn. Andererseits, was konnte ihm schon groß passiert sein? Nate empfing mich mit einer kleinen Verbeugung. Wie schon den ganzen gestrigen Abend lang wunderte ich mich über sein altmodisches Verhalten. Aber er konnte ja auch 1000 Jahre alt sein, wer wusste das schon genau.
„Du siehst bezaubernd aus, Bella." begrüßte er mich. Ich errötete. „Wer auch immer dir deinen Namen gegeben hat, es war ein Weiser. Nomen est omen, und bei dir trifft es zu wie bei keiner anderen." Von allen Jungen, die ich kannte, hätten derartige Schmeicheleien dumm oder sogar anstößig geklungen, von Nate klangen sie so natürlich wie ein Hallo. Er deutete auf den schmalen Pfad, der an den Sportplätzen vorbei auf einen der umliegenden Berge führte. „Möchtest du ein wenig spazieren gehen? Wir könnten oben rasten."
Der Aufstieg dauerte eine volle Stunde und brachte mich ganz gewaltig zum Keuchen. Nate ging neben mir her, als schlendere er durch einen Supermarkt. Als wir oben angekommen waren, ließ ich mich äußerst undamenhaft auf die Bank am Aussichtspunkt fallen und holte ein paar Mal tief Luft. Nate spazierte eine Weile umher und bewunderte die Aussicht, dann setzte er mich zu sich. Wir saßen schweigend nebeneinander. Die vögel sangen, und der Wind rauschte. Nach einer gefühlte Ewigkeit räusperte Nate sich. „Ich denke, du hast es verdient, meine Geschichte zu hören." Ich sah ihn erwartungsvoll an. „Ich habe sie noch nie jemanden erzählt, also verzeih, wenn sie stockend vorgetragen wird." „Das macht nichts. Ich fühle mich geehrte, dass du sie mit mir teilen willst."
„Geboren wurde ich 1618. Ich bin also wirklich alt, auch wenn man es nicht sieht." Er lächelte in sich hinein. „Mein Eltern waren Fischer und lebte in Doolin, das ist eine kleine Stadt an der Westküste Irlands. Wir hatten nicht viel zum Leben und waren dennoch reich; denn in jenen Tagen galten die Leute, die nicht verhungerten, als durchaus vermögend. Ich hatte keine Geschwister und musste hart mitarbeiten, aber ich denke ich hatte eine glückliche Kindheit. Eines Tages, ich war gerade 18 geworden, zogen ins Haus neben uns andere Fischer, aus Tralee stammend, und sie hatten eine Tochter. Ihr Name war Maria Katherina, und sie war bildschön, so schön wie ein Tautropfen auf einer roten Rose. Ich sah sie an, und meine Augen gaben ihr mein Herz. Obwohl ich es nie für möglich gehalten hatte, verliebte auch sie sich in mich, und sie wurde meine Mary Kate."
Nate brach ab und sah verträumt in die Sonne. „Wir verbrachten jeden Herzschlag miteinander. Zwei Jahre lang teilten wir Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Als Mary Kate 16 wurde und somit heiratsfähig, versprachen wir uns einander. Waren wir schon vorher für den anderen die Luft zum Atmen gewesen, jetzt wollten wir es auch vor dem Gesetz sein."
Er sah mich an. „Kennst du das Lied „The Rose of Tralee?" Ich schüttelte den Kopf. „Ich habe es jeden Abend für sie gesungen." „Sing es für mich." Nates Stimme war weich wie Samt, und schwer wie ein Mühlstein.
„The pale moon was rising above the green mountains,
The sun was declining beneath the blue sea,
When I strayed with my love by the pure crystal fountain,
That stands in the beautiful Vale of Tralee.
She was lovely and fair as the rose of the summer,
Yet 'twas not her beauty alone that won me.
Oh no, 'twas the truth in her eyes ever dawning
That made me love Mary, the Rose of Tralee.
The cool shades of evening their mantle were spreading,
And Mary all smiling was listening to me.
The moon through the valley her pale rays was shedding,
When I won the heart of the Rose of Tralee.
She was lovely and fair as the rose of the summer,
Yet 'twas not her beauty alone that won me.
Oh no, 'twas the truth in her eyes ever dawning
That made me love Mary, the Rose of Tralee.
In the far fields of India 'mid war's dreadful thunders,
Her voice was solace and comfort to me.
But the chill hand of death has now rent us asunder,
I'm lonely tonight for the Rose of Tralee.
She was lovely and fair as the rose of the summer,
Yet 'twas not her beauty alone that won me.
Oh no, 'twas the truth in her eyes ever dawning
That made me love Mary, the Rose of Tralee.
That made me love Mary, the Rose of Tralee." flüsterte er mit brechender Stimme, und ich sah die Tränen in seinen Augen. Er wischte kurz mit dem Handrücken über sein Gesicht, dann sah er mich an. „Wir waren so glücklich, wie es sich für Menschen nicht gehört. Und dafür mussten wir bezahlen."
