Nate sah mit tränenverhangenen Augen ins Leere. Er schien den Verlust seiner ersten Liebe wieder zu durchleben, und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Unbehaglich rutschte ich auf den Bank umher und stieß ihn dabei versehentlich an. Das riss ihn aus seinen Gedanken. Er lächelte mich traurig an. „Wir wollten im Frühjahr heiraten. Unsere Eltern waren einverstanden, und wir konnten es kaum erwarten, auch vor Gott und den Menschen auf ewig vereint zu sein. Zu dieser Zeit waren die Engländer dabei, Irland zu besiedeln, um die Einwohner gälischen Ursprungs auszurotten oder wenigstens ihr Erbgut zu verwässern. Der Landlord von Clare war damals Henry Sanguard III. Noch nie in den gesamten 20 Jahren meines Lebens hatte ich ihn je gesehen, und trotzdem vergällte er mir die restlichen 20 000. Denn auch er wusste von der Schönheit und Lieblichkeit meiner Mary Kate. Er beschloss, das ihm vom König von England gegebene Jus primae noctis geltend zu machen." „Was ist das?" fragte ich und kam mir dumm vor. „Der Landlord hatte das Recht, die erste Nacht mit der Braut einzufordern. Meistens taten sie es nicht, aber wir hatten Pech." „Oh", rutschte es mir heraus. „Direkt aus der Kirche heraus wurde Mary in sein Schloss geholt. Wir beide weinten an diesem Tag, der eigentlich der glücklichste unseres Lebens hätte sein sollen. Sie schwor, nie einen Gedanken an jemanden anders als mich zu verschwenden, und ich wachte die ganze Nacht am Tor des Schlosses. Es war Neumond, stockdunkel. Eiskalt. In der Ferne hörte ich Wölfe heulen, die mit jedem ängstlichen Atemzug von mir näherzukommen schienen. Ich war krank vor Angst und Sorge, aber nicht um mich, sondern um mein Herz. Endlich ging die Sonne auf. Ich war vollkommen steif gefroren und völlig entkräftet. Es wurde Mittag, es wurde Abend, es wurde wieder Nacht. Wieder eine stockdunkle Neumondnacht, das einzige Mal in der Geschichte Irlands. Ich wartete diese Nacht wie die erste. Am Morgen endlich erschien eine Kutsche im Tor. Hoffnungsvoll trat ich näher. „Was willst du, Ire?" schrie der Kutscher mich an. Ich sprach damals kein Wort Englisch, nur Gälisch. Hast du schon mal jemanden Gälisch sprechen gehört?" Ich schüttelte den Kopf. Nate lächelte und räusperte sich. „Ich habe es schon lange nicht mehr gesprochen. In Irland erlebt es jetzt ein wahres Revival. Es ist ohne Frage eine schöne, wohlklingende Sprache." Er stimmte sich leise summend ein und begann wieder zu singen, diesmal eine heitere, schnelle Melodie mit eigentümlichem Text.
„I mBaile Athá Cliath, Ní fhaca mé riamh,
Aon chailín níos sciamhaí ná Mol Ní Mhaoileoin,
Ag stiúradh a barra, gach áit ins a chathair,
Le Ruacain is sliogáin, is iad go breá beo.
Is iad go breá beo, is iad go breá beo,
Le Ruacain is sliogáin, is iad go breá beo."
Er brach ab und lachte. „Ich war damals ein Bauernjunge, und bin es heute noch. Also antwortete ich ihm, wie man eben in diesem Fall antwortet. Zum Glück für mich, denn sonst hätte ich den Morgen nicht überlebt. Mein irisches Gefluche brachte den Vorhang am Fenster der Kutsche zum Flattern. Ein blasses, übertrieben geschminktes Gesicht unter einer pompösen Hochsteckfrisur erschien. „Wer bist du?" fragte die Frau in gebrochenen Gälisch. „Ich warte auf meine Frau." stieß ich hervor. „Da kannst du lange warten", antwortete sie mit einem undamenhaften Schniefen. „Er wird sie behalten. Verschwinde jetzt hier." Sie gab dem Kutscher ein Zeichen. Die Kutsche rumpelte davon, und ich warf mich gegen das Gitter und begann hemmungslos zu weinen. Er hätte jede Frau haben können, aber er musste die meine nehmen." Nate holte tief Luft. „Nachdem ich gefühlte hundert Jahre vor den Tor gekauert und geweint hatte, stand ich auf und begann zu laufen. Ich wollte bis ans Ende der Welt laufen. Ich lief den ganzen Tag hindurch und auch die ganze Nacht – wieder eine Neumondnacht. Bis ans Ende der Welt kam ich nicht, in Letterfrack brach ich vollkommen entkräftet zusammen und blieb mitten auf der Straße liegen."
