Kapitel 10
Sara saß vor dem Computerbildschirm und versuchte sich zu konzentrieren. Zu Beginn der Schicht hatte Catherine verkündet, dass Grissom aus persönlichen Gründen frei genommen hatte. Er wolle wohl Zeit mit seiner Frau verbringen, hatte Catherine lächelnd ergänzt.
Sara war überrascht. Wollte er tatsächlich so schnell mit Christine reden?
Sie war froh, dass sie die Frau nicht kannte. Das hätte die Sache für sie noch schlimmer gemacht.
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Grissom hatte lange überlegt wie er das Gespräch angehen sollte. In einem Restaurant – nein, dann würde Christine einen falschen Eindruck bekommen und am Ende gab es noch einen Skandal.
Deshalb hatte er alles zu Hause hergerichtet und zum Glück war Christine auch relativ pünktlich. Er war schon die ganze Zeit nervös gewesen und jede Sekunde die verging, machte es schlimmer.
Als Christine ihr Apartment betrat hatte sie ein komisches Gefühl. Zuerst hatte sie gedacht, dass er vielleicht etwas Nettes geplant hatte, aber der Tisch war ganz normal gedeckt. Keine Blumen weit und breit.
Grissom brachte das Essen ins Wohnzimmer und wartete auf Christine.
Als sie sich hinsetzte, begann sie sofort das Gespräch.
„Gil, gibt es einen bestimmten Anlass für unser Essen? Du hast selten die Arbeit „geschwänzt"."
„Ich wollte etwas Wichtiges mit dir besprechen. Aber es fällt mir sehr schwer, weil ich dich wirklich sehr respektiere und dir nicht wehtun will."
„Oh, das klingt ernst."
„Ich habe... ich bin in jemanden verliebt."
Grissom war erleichtert, dass er den Satz herausgebracht hatte. Christine auf der anderen Seite sah ihn ungläubig an. Hatte sie wirklich richtig gehört?
„Was willst du damit sagen?"
Sie stoppte ihn.
„Das war eine rhetorische Frage. Trotzdem verstehe ich nicht so recht. Gil, ich bin wirklich überrascht. Das passt nicht zu dir."
Sie sah ihn weiter ruhig.
„Was erwartest du von mir?", fragte sie schließlich.
„Ich möchte dich um die Scheidung bitten."
„Scheidung ? Hast du dir das gut überlegt? Gil, wir sind doch beide rational denkende Menschen. Gut, du hast dich verliebt. Aber das geht wieder vorbei. Bitte, wirf doch nicht alles weg."
Grissom hatte eine Diskussion erwartet. Schließlich war er als ihr Ehemann im letzten halben Jahr Teil ihres Lebens geworden. Alle ihre Kollegen und Freunde hatten ihn kennen gelernt und in ihre Kreis aufgenommen. Es hatte ihrer Karriere nicht geschadet einen anerkannten Wissenschaftler als Ehemann vorweisen zu können. Aber er wollte nicht ungerecht sein. Christine machte sich im Prinzip recht wenig aus Äußerlichkeiten, aber eine Scheidung war immer auch ein persönlicher Verlust. Und für die Umgebung stellte sich immer wer war Schuld und welche Gründe gab es.
„Ich habe darüber nachgedacht. Natürlich ist eine Scheidung schrecklich, aber ich kann so nicht weiterleben. Ich brauche Klarheit."
Sie nickte. Das glaubte sie ihm gern.
„Wer ist es? Hast du sie in Miami kennen gelernt ? Dann ist es sicher nur ein Flirt. Du wirst sie wieder vergessen."
„Nein, es ist kein Urlaubsflirt. Ich liebe sie."
„Kenne ich sie? Ist es jemand von der Arbeit?"
Grissom schüttelte den Kopf.
„Das ist nicht entscheidend. Du kennst sie nicht. Bitte."
Christine stand auf und ging zum Fenster.
„Du erwartest also Verständnis von mir? Ich soll dich gehen lassen ? Du kannst es dir vielleicht nicht vorstellen, aber ich liebe dich Gil. Vielleicht habe ich es dir zu selten gesagt."
Es lief irgendwie schwerer als Grissom er erwartet hatte. Oder vielleicht hatte er auch einfach nur gehofft, dass sie Verständnis für seine Gefühle hätte. Er wusste nicht mehr was er sagen sollte.
Christine kam zu ihm hinüber. Sie hockte sich hin damit sie ihm in die Augen sehen konnte.
„Grissom, bist du wirklich sicher, dass du das willst?"
Er nickte.
Sie stand auf und setzte sich wieder an den Tisch.
„Du hast Zeit gehabt darüber nachzudenken. Ich nicht. Trotzdem - ich werde dir nicht im Weg stehen."
Grissom sah sie erleichtert an.
„Danke."
„Aber, ich gehe nicht sofort mit dir zum Anwalt. Lass mir ein paar Tage bis ich mich an den Gedanken gewöhnt habe. Dann machen wir einen Termin aus."
Ihre Stimme wurde immer leiser.
„Du hast deine Sachen schon gepackt?"
Grissom nickte. Sie kannte ihn wirklich gut.
„Dann bleibt für den Moment nichts zu sagen. Bitte entschuldige, aber ich will jetzt allein sein."
Grissom stand auf.
„Es tut mir wirklich leid."
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Grissom trug zwei Reisetaschen zum Auto, ging dann noch einmal in die Wohnung zurück und nahm seine Aktentasche und den Laptop an sich.
Er legte den Schlüssel auf die Garderobe und zog die Tür hinter sich zu.
Seine restlichen Sachen würde er später abholen.
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Den Rest des Tages verbrachte Grissom damit sein Haus wieder in Beschlag zu nehmen. Die Tiere wanderten an ihre alten Plätze zurück und der Garten brauchte ebenfalls etwas Aufmerksamkeit.
Leider musste er nicht zur Arbeit. Es war sein freier Tag und eigentlich sollte er dankbar für die Zeit sein.
Aber er vermisste Sara.
Ob sie auf einen Anruf von ihm wartete?
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Auch der zweite Tag ohne Grissom war für Sara nicht so gut gelaufen. Glücklicherweise hatten sie nicht viel zu tun und Catherine konnte alle pünktlich nach Haue schicken.
Jetzt saß sie im Bett, ein Frühstückstablett neben sich und den Laptop auf den Knien vor sich.
Sie loggte sich in ihren E-Mail-Account ein und fing an die Spams zu löschen und ein paar Rechnungen zu sichern. Die musste sie langsam bezahlen.
Plötzlich blinkte ihr Messenger auf.
„Sara, bist du da ?"
Was für eine Frage, dachte sie. Typisch Grissom. Er sah doch, dass sie eingeloggt war.
„Ja."
Grissom stöhnte auf als er ihre kurze Antwort las. Sie machte es ihm nicht leicht.
Er loggte sich aus und griff zum Telefon.
Saras Blick war auf den Bildschirm fixiert und sie war schockiert als Grissom sich ausloggte.
Was zum Teufel sollte das ?
Als dann das Telefon klingelte, stieß sie vor Schreck fast ihren Kaffee um.
„Sidle."
„Hi, ich bin's. Ich dachte, es ist schöner direkt mit dir zu reden. Wie war dein Tag ?"
„Ganz gut. Es war zum Glück recht ruhig. Und was hast du an deinen beiden freien Tagen gemacht ?"
„Ich …", Grissom wusste nicht so recht was er sagen sollte. Wenn er von dem Auszug erzählte, würde sie sich vielleicht verantwortlich fühlen.
Die Sekunden vergingen und Saras Herz sank. Er hatte es doch nicht getan. Natürlich nicht. Wie dumm von ihr so etwas zu hoffen.
„Grissom, ich verstehe. Eine Ehe wirft man nicht so leicht weg."
„Was nein. Sara."
Er holte tief Luft.
„Ich habe mit Christine gesprochen und ich bin bei ihr ausgezogen."
„Oh. Du bist einfach so ausgezogen ?"
„Nun, ja. Es schien mir logisch."
Er hörte sie lachen. Hatte er etwas komisches gesagt ?
„Sara ?"
„Entschuldige. Du bist so süß. Und deine Logik ist einfach – ich könnte dich dafür küssen."
„Ich hätte nichts dagegen."
„Aber du bist so weit weg."
Sara überlegte einen Moment. Sollte sie wirklich ? Bevor sie eine Entscheidung getroffen hatte, hörte sie seine Stimme.
„Das können wir ändern."
Xxx
TBC
