Die ersten, warmen Strahlen der aufgehenden Sonne krochen geschmeidig über die meterhohe Wand, deren steinerne Präsenz den dunklen Garten, dessen sattgrüne Wiese, die rosarot knospenden Kirschbäume und der im Glanze der lieblichen Sonne bläulich schimmernde Teich eine Oase der Ruhe inmitten des von Aufregung gezeichneten japanischen Lebens darstellten, eifersüchtig vor den drohenden Gefahren der Welt zu schützen suchte und dabei seine Herrlichkeit vor der Welt verschleierte, und wurde magisch von der samtenen Haut der jungen Frau angezogen, die im farblosen Sonnenlicht von überirdischer Schönheit erstrahlte und den düsteren Wohnraum in ein Paradies der Freude verwandelte.
Ungläubig starrte der schwarzhaarige Mann jene unvergleichbar schöne Prinzessin der Himmel an und schluckte sichtbar, als sie einen eleganten Schritt auf ihn zutrat, da er nicht nur von ihrer wilden Schönheit fasziniert war, sondern sie auch in jeder ihrer Bewegungen eine unüberwindbare Unerreichbarkeit demonstrierte, die nur ein galanter Held in einer eisenbeschlagenen Rüstung, deren Glanz in der Sonne nur ihrem strahlenden Lächeln an Anmut nachstand, würde erreichen können. Sein mürrisches Herz setzte einen kleinen Schlag aus, als sie sich ihm mit einem weiteren kleinen Schritt näherte, ein bezauberndes Lächeln auf ihrem makellosen Gesicht tragend, und ihr Blick nur auf ihm ruhte, so wie auch er niemanden außer der jungen Frau wahrnahm.
„Solltest du nicht Nabiki und Kasumi holen, Vater?", hauchten die rubinroten Lippen der atemberaubenden Frau lautlos, ohne ihren Blick von ihrem künftigen Verlobten zu nehmen, doch achtete Akane sorgsam auf ihre Atmung während der Artikulation der Worte, um ihrer indirekten Aufforderung eine sinnliche Nuance und zugleich nichtexistente Dringlichkeit beizufügen, die, getragen und gestärkt von ihren Gefühlen für den Kampfsportler, zu den Ohren jenes jungen Mannes wehten und ein blasses Rot auf seine Wangen zauberte. Ein kleiner Stich in ihrem Gewissen erinnerte sie daran, dass sie diese Atemtechnik Shampoo zu verdanken hatte und sie dazu nutzte, ihr Versprechen gegenüber der blauhaarigen Amazone zu brechen, um Ranma für sich zu gewinnen.
„Ja, genau, die anderen beiden, gute Idee", stimmte Soun seiner jüngsten Tochter verwirrt, doch zugleich zufrieden mit der offenkundigen Zuneigung der beiden Erwachsenen zueinander, bei und stand sogleich auf, um dem jungen Mann seine beiden leiblichen Töchter vorzustellen. „Ihr beide könntet euch in der Zwischenzeit schon einmal bekannt machen, Akane."
Die Augen der älteren Frau blitzten mit unterdrückter Freude, als sie den liebevollen Blick ihrer künftigen Schwiegertochter, mit dem sie ihren Sohn bedachte, und seine offenkundige Reaktion vernahm. Lächelnd dachte sie an die zahlreichen Besuche, die sie der befreundeten Familie in der Vergangenheit abgestattet hatte, dachte daran, wie die Bewohner dieses Hauses der Trauer einen Platz in ihrem alten Herzen gewonnen hatten, vor allem Akane, deren ungezähmtes Temperament und offene und ehrliche Art sie schätzte, und die ihrem einzigen Sohn, wie es schien, ein vollkommenes Gegenstück zu seiner Persönlichkeit darbot.
„Ja, das ist eine gute Idee, Akane", pflichtete ihm Nodoka beherzt bei, stand dabei trotz ihres formellen Kimono eleganter auf als der alte Freund ihrer Familie, zog schließlich ihren Mann, der die offensichtliche Bedeutung der Worte seiner Frau nicht verstanden zu haben schien, auf die Beine und verließ den Raum zusammen mit dem Patriarchen der Familie. „Ihr beide unterhaltet euch ein wenig und wir sind gleich wieder zurück."
Langsam überbrückte die junge Frau im gelben Nachthemd die Strecke zum hölzernen Tisch in der Mitte des Wohnraums, der ihr, einem standhaften Boot in der tosenden See gleich, ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit gab, das sie so sehr vermisst hatte, schritt um den jungen Mann herum und setzte sich ihm anmutig gegenüber. Nachdenklich neigte sie ihren Kopf und stützte ihn schließlich auf ihre Hände, nachdem sie ihre Ellbogen auf die hölzerne Oberfläche des Tisches gelegt hatte, um sich selbst Halt zu vermitteln, da sie spürte, dass nur ihr Platz, der Platz neben Ranma, jene Sicherheit ausstrahlte, die sie suchte, dass nur Ranma selbst ihr jene Geborgenheit geben konnte, die sie brauchte.
„Da sind wir ja in was reingeraten, huh?", meinte Akane unbeschwert und lächelte ihm dabei gedankenverloren zu.
Ranma antwortete ihrem Lächeln mit einem ebenso traumverlorenen Lächeln; nicht nur waren ihre strahlenden, rubinroten Lippen, die ihm spielerisch zulächelten, so wunderschön wie die herrlichen Strahlen der aufgehenden Sonne oder ihr Lächeln einfach ansteckend, nein, er realisierte, dass er sich in der jungen Frau getäuscht hatte: vielleicht war sie die unerreichbar schöne Prinzessin auf ihrem Gaul, doch sie würde nicht auf ihren Prinz warten, sondern ihren Prinzen selbst suchen und wählen. Sie war Akane, die Frau, die ihn so behandelt hatte, als ob er schon Äonen von Jahren mit ihr befreundet gewesen war, bevor sie ihm die Freundschaft angeboten hatte, die Frau, die sich nun noch immer, trotz der unangenehmen Situation, gewöhnlich mit ihm unterhielt, die Frau, die ungeschminkt in einem gelben Nachthemd mit ihm plauderte.
„Hm", brummte er als Antwort, obgleich ihre Frage nicht direkt an ihn gerichtet war, da ihn das ungewöhnliche Kribbeln in seiner Bauchgegend nervös machte und ihn zu einer Antwort zwang, und verstärkte damit ihr Lächeln.
„Gestern warst du aber nicht so mundfaul", neckte sie ihn und spürte das wohl vertraute Gefühl der Sehnsucht in ihrem Herzen, als sie sich in seinen blauen Augen verlor, die ihr vor Freude an ihrem unabhängigen Geist und ihrer Wagemut zulachten. „Weißt du, nur weil wir, na ja, bald verlobt sein werden, heißt das nicht, dass wir nicht mehr befreundet sind, oder? Ich meine, das war gestern ernst gemeint."
Die Freude über das erneute Angebot der jungen Frau durchströmte Ranma wie das glühend heiße Magma der Erde, erwärmte die kribbelnde Luft in seinem Inneren, sodass sie ihn in schwindelerregende Höhen auftrieb, von denen er nicht wusste, dass sie existierten, bevor sie sich abkühlte und er sich mit einem unbekannten Gefühl der Zuneigung widerstrebend aus ihnen löste, bis er sich wieder auf dem harten Boden befand. Zärtlich lächelte er sie an, ohne sich bewusst zu sein, dies zu tun, und nickte zufrieden.
„Natürlich, ich würde gerne weiter mit dir befreundet sein", sagte er und blickte sie dann mit gespielter Verwunderung an: „Aber gestern warst du nicht so erpicht auf unsere Verlobung."
Akane wusste, dass er sie nur neckte, da dies seine Art war, sich zu bedanken, wusste, dass er seine Worte nicht ernst meinte, da er sie erst so kurz kannte, wusste, dass er noch keine Gefühle für sie hatte; und dennoch trat ein sanftes Rot auf ihre Wangen, als sie versuchte, sich zu erklären, während ihr sein schallendes Lachen im Ohr klang, dieses ungebundene, ungespielte, ungebändigte Lachen, das ihr bewusst machte, wie sehr sie um ihren früheren Verlobten tatsächlich trauerte, trotz der unbeschreiblichen Erleichterung und Freude über sein Wohlergehen. Er war nicht er, doch war er Ranma, und sie liebte ihn, doch liebte sie Ranma nicht. Bevor sie verstand, was sie tat, hatte sie diese Erkenntnis zum Aufstehen gebracht.
„Pass auf, was du sagst!", flüsterte sie und atmete tief ein und aus, da sie glaubte, von den Schnüren, die sich plötzlich um ihre Brust gelegt zu haben schienen, erstickt zu werden. Plötzlich erschrak sie ob ihrer Reaktion, als sie die Verwirrung in den Augen ihres Verlobten sah, und schalt sich für sie; er konnte nichts für ihre Situation oder für ihre Gefühle, die ihr Herz und ihren Instinkt über ihren Verstand hatten herrschen lassen, der jedoch, dieses eine Mal ihrem Herzen gleich, nach Gewissheit verlangte, nach Gewissheit, ob der junge Mann, obwohl sie sich erst diese kurze Zeit kannten, auch Gefühle für sie hatte, ob sie jemals wieder eine ähnliche Liebe für sich zu gewinnen vermochte. Hastig zwang sie sich zu einem unbekümmerten Lächeln und sagte: „Schau nicht so blöd, das war doch nur Spaß!"
„Gut gespielt, wäre wirklich darauf reingefallen", antwortete er mit einem angedeuteten Grinsen, das seine wahren Gedanken unter einer täuschend echten, undurchschaubaren Kaskade von fließendem Wasser verborg, die nur ihm die Möglichkeit bot, hindurchzublicken; es war das zweite Mal binnen einem Tag, dass er erkannt zu haben glaubte, dass die junge Frau, deren verlockend schönen, braunen Augen ihn nun mit solch unbekannter Intensität und etwas, das er nicht zu deuten vermochte, anblickten, dass das Wasser verdampfte und seine wahren Gedanken preisgab, eine plötzliche und vollkommene Gemütsschwankung durchgestanden hatte, die mit ihrem alten Lehrmeister und einer Verlobung zusammenhängen musste. Erneut ergriff ihn eine Welle unberechtigter Wut, die jedoch sogleich wieder verebbte, als Akane ihre Arme einladend ausbreitete und er eine alles verdrängende Zuneigung empfand.
„Das ist gut", scherzte sie, sah aber, dass er ihr nicht zugehört hatte.
Akane wusste, dass ihr die Technik, die sie anzuwenden gedachte, noch nie zuvor gelungen war, sie wusste, dass es gefährlich war, da er ihr die Theorie dargelegt hatte, und wusste doch, dass sie niemals Ruhe würde finden können, wenn sie nicht wüsste, was in ihm vorginge. Langsam ließ sie ihr Herz mit Erinnerungen an die gemeinsam verbrachte Zeit füllen, sodass ihr ganzes Wesen vor Zuneigung heller erstrahlte als die funkelnden Sterne am Nachthimmel, und breitete einladend ihre Arme aus, während ihre Aura gefährlich nach vorne peitschte und nach dem Gegenstück ihrer Liebe suchte; falls Ranma sie auch nur mochte, würde die Macht ihrer Aura ihn zum Aufstehen bewegen, vielleicht sogar, zu ihr zu laufen, falls nicht, dann…
„Soll ich dir schon einmal das Haus zeigen? Oder die Trainingshalle? Oder den Garten?", fragte sie mit geneigtem Kopf und erwartete gespannt seine Reaktion.
Nur einen Wimpernschlag, nachdem sie ihre Arme ausgebreitet hatte, sah sie, wie der schwarzhaarige Kampfsportler hastig aufsprang, dabei beinahe den Tisch umstieß, und schließlich geradewegs über ihn in ihre Arme sprang, sodass sie von der Wucht des Aufpralls unsanft zu Boden geworfen wurde. Sie schloss ihre Augen ungläubig, als sie den warmen Körper auf ihrem spürte, seinen heißen Atem auf ihren Wangen, deren Farbe rasch ein sattes Rot annahm, und sah, nachdem sie ihre braunen Augen wieder geöffnet hatte, das tosende Meer, sein maskulines Gesicht, seine begehrenswerten Lippen nur Zentimeter von sich entfernt. Schaudernd ob ihres unbeschreiblichen Glückes legte sie ihre Arme um seinen muskulösen Körper und drückte ihn fest an sich, bevor sie ihren Kopf leicht zu seinem neigte, sodass sich ihre Nasenspitzen berührten. Sie wusste, was sie wollte, was sie brauchte, doch wollte sie ihn nicht verschrecken. Wenige Sekunden, doch für die beiden Erwachsenen eine halbe Ewigkeit, lagen sie auf dem hölzernen Fußboden, ohne sich zu bewegen, und spürten mit jedem Atemzug die Nähe ihrer Körper, den Atem auf ihren Gesichtern und eine glucksende Stimme. Hastig sahen sie auf und erkannten ihre Familien auf der Türschwelle stehen.
„Gleiches Recht für alle, huh?", gluckste Nabiki, während sie sich an den Türrahmen lehnte und beobachtete, wie das satte Rot den Ton einer reifen Kirsche annahm. „Wollten wir nicht alle gemeinsam entscheiden, was mit der Verlobung geschieht, Daddy?"
„Nun ja", stimmte ihr der alte Mann zu und wischte sich dabei die Tränen aus den Augen. „Es sieht aber fast so aus, als hätten die beiden schon gemeinsam entschieden, was mit der Verlobung geschieht, nicht wahr, alter Freund?"
„Und wie, Soun!", rief der glatzköpfige Mann enthusiastisch und umarmte prompt seine überraschte, aber zufriedene Frau. „Und jetzt müssen wir nur noch heute Nacht abwarten und wir können schon den Priester hereinbestellen!"
„Oh, ist das nicht ein bisschen früh, Akane?", fragte ihre älteste Schwester besorgt. „Willst du denn wirklich schon, ich meine, morgen ist ja auch noch ein Tag! Du kennst ihn doch erst so kurz! Oder, Nodoka?"
„Bei so viel Temperament würde es mich nicht wundern", meinte die Mutter des Kampfsportlers lächelnd und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu: „Wenigstens weiß ich jetzt, dass du meinen Sohn zur Männlichkeit erzogen hast, Schatz."
Verzweifelt versuchte Akane, sich aus der peinlichen Situation mit einer schlagkräftigen Antwort zu befreien, doch sowohl die Nähe ihres Verlobten als auch die verringerte Sauerstoffversorgung ihres Kopfes, da ihre Wangen mehr Blut benötigten, vernebelten ihren Geist. Instinktiv griff die junge Frau nach dem nächsten Gegenstand, bemerkte nicht, dass sie ein Bein des Tisches in der Hand hielt, hob den Tisch auf und schleuderte ihn mit geschlossenen Augen gegen den Kopf des noch immer regungslosen Ranma, der schließlich über ihr zusammensackte.
Schläfrig schlug der schwarzhaarige Mann seine blauen Augen auf, gähnte herzhaft und rieb sich den verbliebenen Schlaf mit den Knöcheln seiner Hände aus den Augen, bevor er realisierte, dass er keinen Augenlider besaß, die er hätte aufschlagen können, keinen Mund, mit dem er hätte gähnen können, und keine Hände, mit denen er sich den Schlaf aus den Augen hätte reiben können. Verwirrt versuchte er, sich umzudrehen, und bemerkte, dass der pechschwarze Raum, dessen Dunkelheit bis in die Unendlichkeit zu reichen und keine feste Konturen zu haben schien, sondern sich nach dem Auge des Betrachters veränderte, seinen Blicken folgte. Nach wenigen Momenten des staunenden Starrens stellte er fest, dass er, da er keinen Körper besaß, auch nicht an den Boden gefesselt sein konnte, und schwebte in just dem Moment, in dem er diesen Gedanken vervollständigt hatte, langsam in die unendliche Höhe der Schwärze, in der er eine zarte Stimme vernahm, die ihn zu sich zu rufen schien, die er aber nicht verstehen konnte. Als er versuchte, sie zu greifen, zerplatzte sie wie eine empfindliche Seifenblase bei der ersten Berührung, und ließ ihn zurück in die Dunkelheit fallen.
Schlagartig öffnete der junge Kampfsportler seine Augen ein zweites Mal und schloss sie sogleich wieder, da ihn das strahlend helle Weiß einer Glühbirne blendete, bevor ein dumpfes Pochen an seinem Hinterkopf einsetzte. Nachdem er sich an das grelle Licht der Lampe gewöhnt hatte, blickte sich der Mann interessiert und verwundert um, da er sich weder daran erinnern konnte, warum er eingeschlafen war, noch an das fremde Zimmer, in dessen Schlafsack er nun lag; noch bevor er allerdings die Einzelheiten des Zimmers erkennen konnte, wurde die Schiebetüre leise und vorsichtig zur Seite gezogen und Akane trat ein.
„Oh, du bist schon wach", murmelte sie schuldbewusst, senkte ihren Kopf, während sie auf ihn zuging, und setzte sich schließlich auf den Boden neben ihn. „Tut mir wirklich Leid. Wie geht's deinem Kopf?"
„Passt schon. Ich hatte schon schlimmeres", brummte er, zuckte mit den Achseln, als er seinen Kopf vorsichtig anhob und ihn mit den Fingern seiner rechten Hand berührte, um festzustellen, ob er etwas spüren würde, und setzte sich schließlich auf. „Was ist überhaupt passiert? Wir haben uns unterhalten und dann, und dann bin ich hier aufgewacht. Was ist eigentlich mit, na ja, du weißt schon?"
„Wir, nun ja, ich wollte dir das Haus zeigen und beim Aufstehen bin ich wohl, na ja, gefallen und wir sind wohl irgendwie übereinander gerollt", log Akane erleichtert und dankbar, dass er den Zwischenfall vergessen zu haben schien. „Und dann musst du wohl gegen den Tisch gefallen sein."
„Gegen den Tisch gefallen?", wiederholte der junge Mann ungläubig und bemerkte, während er sie anblickte, dass sie noch immer das gelbe Nachthemd trug. „Und davon bin ich ohnmächtig geworden?"
„Nun gut!", rief sie errötend aus und warf ihm einen bösen Blick zu. „Der Tisch ist vielleicht auch gegen dich gefallen."
„Und warum das?", fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Na ja, wie wär's denn, wenn du mal deine Hände fragst, wo sie sich hingelegt haben, nachdem wir gefallen sind", schlug Akane vor und sah zufrieden, wie ein fragender Blick in sein Gesicht trat und ein zartes Rot seine Wangen zierte. Ihre Worte waren diesmal keine Lüge gewesen, doch teilte sie auch nicht die gesamte Wahrheit mit ihm.
„Ich, na ja, tut mir Leid", brummte Ranma und mied ihren belustigten Blick, bevor ihm eine weitere Frage einfiel: „Sag mal, wie lange war ich eigentlich bewusstlos? Und warst du die ganze Zeit hier?"
„Ein paar Stunden", antwortete die junge Frau und strich sich eine Strähne ihres Haares aus dem Gesicht, bevor sie seine nächste Frage beantworten konnte. „Und ja, ich war die ganze Zeit bei dir; das ist schließlich auch meine Schuld. Außerdem ist es auch meine Pflicht, jetzt wo wir, na ja, verlobt sind."
„Die Verlobung", wiederholte der junge Mann flüsternd und blickte ihr direkt in die Augen, bevor er sich dazu rang, ihr die Wahrheit zu erzählen. „Ich muss dir noch etwas sagen…"
„Der Fluch?", fragte sie gelassen und zuckte mit den Schultern. „Wir haben alle unsere Probleme, ich habe sogar eine eigene Quelle. Wenn du dir also nicht sicher bist, ob ich es bin, schütte lieber mal heißes Wasser über mich."
„Das heißt, du meinst, ich meine, es ist, du hast, ich meine, du denkst nicht, dass ich, na ja, ein Freak bin?", stotterte er hoffnungsvoll.
„Du bist du, so wie ich dich kennengelernt habe", antwortete sie leidenschaftlich. „Oder denkst du anders über mich, weil ich eine Quelle habe?"
Ranma spürte die Antwort auf seine Frage mehr als er sie tatsächlich hörte, da die unschuldige Schönheit der jungen Frau ihn benommen machte; das zögernde Fortstreichen der bläulich schwarzen Haarsträhne hinter ihr Ohr, das erwartungsvolle Kauen ihrer sinnlichen Unterlippe, ihr gelbliches Nachthemd, das ihre Figur zwar nicht übermäßig betonte, seinen Augen jedoch eine genaue Vorstellung ihrer Vorzüge gab, der hoffnungsvolle Blick ihrer bezaubernd braunen Augen, als sie auf seine Antwort wartete, all das ließ sein Herz höher schlagen, seine Atmung beschleunigen, seine Zuneigung wieder erwachen. Wieder? Gemächlich streckte sich ein gewaltiger Drache in seinem Inneren, als er innehielt und feststellte, dass die beiden sich zueinander geneigt hatten, ohne es zu bemerken oder sich dafür zu interessieren. Er wusste nicht, was er tat; er kannte diese junge, geheimnisvolle Frau erst wenige Stunden, doch fühlte er sich ihr verbunden, als ob er sein gesamtes Leben mit ihr verbracht hatte, wollte sie halten, sie nie wieder von sich lassen. Das Gefühl ihres heißen Atems auf seinen Lippen ließ ihn erschaudern, ließ ihn das zweite Mal an diesem Tag in unbekannte Höhen des Glücks schweben. Das zweite Mal?
„Lieferservice!"
Erschrocken sprangen die beiden Erwachsenen auf ihre Füße und traten schnell einen Schritt auseinander, während der laute Ruf, nach dem, gefolgt von einem ebenso energischen Klopfen, eine wunderschöne Frau, deren rüschenbesetzte, weiße Schürze, die an ihrem Rücken mit einer übergroßen weißen Schleife zugebunden war, ein rotes, nach dem wenigen, was Ranma sehen konnte, chinesisches Kleid versteckte, doch ihre unnatürlich kurvige, umwerfende, weibliche Figur so sehr betonte, dass der junge Mann seinen sich selbstständig geöffneten Mund erst nach zwei ungläubigen Blinzeln wieder schließen konnte, den Raum betrat. Ihr hüftlanges, blaues Haar war mit einem weißen, rüschenbesetzten Haarband so geschickt zusammengebunden, dass es frei wie ein phantastischer Wasserfall an ihren Schultern hinunterfiel, doch an ihren Seiten in zwei kleinen Strähnen an ihrer seidenen Haut hinab stieg, während ihre wissenden, braunen Augen mit Gefallen begutachteten und sie ihre roten Lippen schürzte.
„Shampoo", flüsterte Akane ungläubig und erbleichte sichtlich, als sie die junge Amazone mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. „Was machst du hier?"
„Akane", grüßte die blauhaarige Frau ihre frühere Kontrahentin mit einem zierlichen Lächeln, das über ihre Kraft hinwegtäuschen konnte, in ihrer Heimatsprache und streckte ihr ihre mit Goldringen besetzte Hand entgegen. „Schön, dich wiederzusehen! Ich habe unser Geschäft hier wieder eröffnet und wir machen bessere Nudeln als je zuvor. Und da dachte ich mir, dass ich euch ja ein Abendessen vorbeibringen könnte. Übrigens, wer ist er denn?"
„Niemand für dich", gab Akane wütend zurück, da ihr weder der abwägende Blick noch der begehrliche Unterton der Amazone entgangen war. „Du bist verheiratet, also gib dich mit Mouse zufrieden!"
„Nur weil ich verheiratet bin, darf ich doch wohl trotzdem noch schauen, oder?", fragte die Amazone zynisch und setzte den Behälter, in dem sie die Nudeln aufbewahrte, auf den Boden ab. „Warum bist du denn so leicht gereizt?"
„Vielleicht, weil du gerade ihren Verlobten angestarrt hast?", mischte sich der schwarzhaarige Kampfsportler in der Sprache der beiden Frauen ein und bot der Amazone seine Hand dar, die sie jedoch misstrauisch beäugte, bevor sie ihm knapp zunickte. „Ranma Saotome. Sind das etwa die Nudeln, die hier so duften?"
„Vielleicht", antwortete sie ihm, ihre Augenbrauen konzentriert zusammengezogen, und ließ ihren Blick nachdenklich auf die andere Frau schweifen. „Ich verrate es dir, wenn du mir verrätst, woher du meine Sprache in meinem Dialekt sprichst."
Ranma lächelte. Er mochte den unabhängigen Geist und den Scharfsinn der blauhaarigen, chinesischen Frau, die ihre Hände nun in ihre Hüften gestemmt hatte und ihn noch immer gedankenverloren anstarrte, da ihr ganzes Wesen ein grenzenloses Selbstvertrauen ausstrahlte und ihn an einen längst vergessenen Traum der Freundschaft erinnerte. Gerade als er ihr eine weitere Frage stellen wollte, sah er aus den Augenwinkeln ein beinahe unmerkliche Bewegung und stellte erstaunt fest, dass seine Verlobte den Kopf leicht geneigt hatte und ihm zwei Mal zublinzelte.
„Ich hatte einen guten, chinesischen Lehrer in der Kampfkunst, der Körper und Geist schulte", sagte der junge Mann und begutachtete die Nudeln mit neuem Interesse. „Also, sind das die Nudeln, die so gut duften?"
„Ja, das sind die Nudeln", lächelte die blauhaarige Amazone unbeschwert, bückte sich und zauberte zwei gefüllte Nudelteller aus dem Tragebehälter hervor. Graziös balancierte sie diese auf ihren Fingerspitzen und reichte sie schließlich den beiden anderen Kampfsportlern mit einem Grinsen. „Ich hoffe, sie schmecken euch! Ranma, schön, dich kennenzulernen, Akane, wir werden und wiedersehen!"
Mit einigen leichtfüßigen Schritten passierte die blauhaarige Amazone die Türschwelle, zog die Türe hinter sich zu und verschwand wie der Wirbelwind, der die Gedanken der beiden Erwachsenen durcheinandergebracht hatte, aus ihren Leben. Während Akane ihre Nudeln zu sich nahm, dachte sie angestrengt über die Bedeutung ihrer letzten Worte nach: sie wusste, dass es sich bei ihren Worten nicht um eine gewöhnliche Abschiedsformel gehandelt hatte, da sie es zu stark betont und sie die Worte einen undefinierbaren Unterton in ihrer Stimme gegeben hatte. Und dann, ganz plötzlich, fiel ihr die Bedeutung ihrer Worte wie Schuppen von den Augen. Es war ein Versprechen, oder vielmehr eine Drohung, dass sie sich wiedersehen würden, mit dem sie ihr zeigen wollte, dass sie etwas ahnte.
„Sag mal, war das vorhin eine Warnung?", fragte der junge Mann zwischen zwei Bissen der schmackhaften Nudeln und unterbrach damit den Gedankengang seiner Verlobten, die sich ihm schweigend gegenüber gesetzt hatte. „Du weißt schon, mit dem Blinzeln?"
„Hm, 'ar ei'e", stimmte sie ihm nickend zu, schluckte die letzten Nudeln herunter und begann von Neuem: „Tut mir Leid, ich habe gerade an etwas anderes gedacht und nicht gemerkt, dass ich noch Nudeln im Mund hatte. Ja, es war eine Warnung. Mit Shampoo solltest du dich nicht abgeben, sie ist gefährlich, hat Köpfchen und seltsame Gesetze."
„Das wollte ich gar nicht so genau wissen, weißt du?", antwortete er ihr mit einem Lächeln. „Ich vertraue dir; wenn du meinst, sie ist gefährlich, bin ich vorsichtig. Eigentlich wollte ich nur wissen, woher du wusstest, wie du mich warnen kannst."
„Ich wusste es nicht, es war das Zeichen meines alten Trainers", flüsterte sie und lehnte sich, sich fragend, ob sie nicht zu viel verraten hatte, und ob sie nicht zu viel wagte, nach vorne, küsste ihrem Verlobten auf die Wange und stand schließlich, die leere Schüssel in der Hand, auf. „Wir müssen morgen früh raus, die Schule ruft. Also gute Nacht!"
Gedankenverloren fiel der schwarzhaarige Kampfsportler auf seinen Schlafsack und starrte träge an die weiße Decke, während seine Gedanken in seinem Kopf auf einer wilden Achterbahn fuhren: er wusste, dass er nun einige Zeit im Haus seiner neuen Verlobten verbringen würde, da er sich an sie gewöhnen sollte, doch fühlte er sich der jungen Frau schon so nahe wie keiner anderen Person, vor allem nach dem unerwarteten Kuss auf seine Wange. Ungläubig berührte er die Stelle, an der ihre zarten Lippen seine raue Haut berührt hatten und schloss seine Augen, doch den ersehnten Schlaf des Gerechten fand der junge Mann erst spät in der Nacht, da er noch lange Zeit über den mysteriösen Trainer seiner Verlobten nachdachte, für den sie augenscheinlich noch immer etwas empfand.
Der nächste Morgen stellte sich als ebenso ereignisreich wie der gestrige Tag heraus. Ranma lernte die Familie seiner neuen Verlobten kennen, ihre älteste Schwester, die ihn sehr an seine Mutter erinnerte, da sie ihn wie ihren eigenen Sohn behandelte, ihre ältere Schwester, die ihm, nachdem sich Akane sofort neben ihn an den Frühstückstisch gesetzt hatte, interessierte, aber kalkulierende Blicke zuwarf, als ob sie ihn für ein Objekt hielte, und ihren Vater, der ihm wie ein netter, wenn auch bisweilen zu emotionaler Mann, dessen Wissen um die Kampfkunst beeindruckend war, vorkam, und ihm allerlei Geschichten über seine Vergangenheit erzählte, sodass die wertvolle Zeit, ihn selbst auszufragen, beträchtlich eingeschränkt wurde. Die Fragen, die ihm vor allem Nabiki stellte, beantwortete er geduldig, und bald schwangen sie sich die Schultaschen über ihre Schultern und machten sich auf den Weg zu seiner neuen Schule; doch gerade, als sie durch das Tor schreiten wollten, stellte sich ihnen ein schwarzhaariger, ein hölzernes Trainingsschwert tragender Schüler entgegen.
„Was schreitest du niederträchtiger Narr so nah meiner Geliebten?", rief er den jungen Mann, der sich entgegen der Ratschläge der Familie, eine Schuluniform anzuziehen, für sein liebstes, rotes, chinesisches Hemd und eine schwarze Hose entschieden hatte, an. „Sprich, wer bist du, der es wagt, den großen Kuno herauszufordern?"
„Huh? Ich habe dich überhaupt nicht herausgefordert!", gab Ranma verwirrt zurück. „Ich weiß noch nicht mal, wer du bist, oder wer zum Teufel deine Geliebte ist!"
„Ha, feiger Hundling!", schnaubte der Schwertkämpfer, blickte belustigt in die Schar aus Schülern, die sich tuschelnd um die vier Mitschüler geformt hatte, und von denen die meisten mit ihren Fingern auf Akane oder den Neuankömmling zeigten, und deutete mit seinem hölzernen Trainingsschwert auf Nabiki. „Das, du Kreatur der Hölle, ist meine holde Maid! Obgleich ihre Schönheit verblasst im Angesicht der wilden Rose, dessen Wurzel ihrer Schwester Schritt auf lebloser Erde ist, so ist ihr Herz doch aus reinem Gold."
„Meine Schönheit verblasst also, hm?", brummte die braunhaarige Frau, sodass sich ihre Schwester wegdrehen musste, um ihr lachen zu verstecken, während Ranma noch immer ungläubig zuerst auf seiner Verlobte, dann auf den seltsamen Schüler vor sich starrte, bevor sie mit fester Stimme laut fortfuhr: „Er ist nicht mit mir hier, Kuno, sondern mit meiner Schwester."
„Was?", fragte der junge Samurai erregt und fuchtelte wütend mit seinem Schwert in die Richtung des schwarzhaarigen Mannes. „Dein Anliegen ist es, die zarte Unschuld dieses Engels zu beschmutzen? Um der holden Maid und meiner Geliebten willen, werde ich dieses Unrecht mit meinem Schwerte rächen, obgleich deiner die Herausforderung war, Dämon!"
„Kuno, Schatz, du verstehst das falsch", stellte Nabiki sachlich fest, doch glaubte Akane, eine inständige Bitte in ihrer Stimme zu hören. „Das ist Ranma, Ranma Saotome! Er ist der Verlobte meiner Schwester, also ist alles in Ordnung, okay?"
„Nein, meine Dame", prahlte der Samurai und deutete auf seinen Gegner, den Tumult, den die Worte der braunhaarigen Frau ausgelöst hatten, nicht beachtend. „Ich, Tatewaki Kuno, bin noch nie vor einer Herausforderung geflohen! Obgleich er die Worte einer lieblichen Blume in meinen Weg stellt, so kann ich seine widerliche Herausforderung nicht vergessen! Auf Worte folgen Taten, du Hund! Feigling! Feigling! Tritt heraus und zeige dich, Feigling!"
„Du nennst mich Feigling?", fragte Ranma ruhig, nahm seine Schultasche von seiner rechten Schulter, warf sie seiner Verlobten zu, die sie geschickt aus der Luft auffing und nahm seine sorglose Kampfhaltung ein. „Du bist einfach nur wahnsinnig! Greif an, wann immer du willst."
Die Schülerschar um den Samurai und den unbekannten Neuling stöhnte entsetzt auf, als der junge Mann seine Herausforderung ausgesprochen hatte, und bewegte sich langsam von den zwei Kampfsportlern hinfort, bis sie einen perfekten Kreis geformt hatten. Während die Jungen dem baldigen Kampf der beiden jungen Männer entgegenfieberten, hatten die Mädchen nur Augen für die junge Frau an der Seite des schwarzhaarigen Mannes, die bei den Worten ihrer Schwester schrecklich errötet war und diese nun zornig anfunkelte. Tuschelnd unterhielten sie sich über diese neueste Neuigkeit.
„Vielleicht willst du deinen Verlobten zurückrufen, Akane?", fragte Nabiki lächelnd und deutete mit verschränkten Armen auf Ranma. „Ich meine, Kuno ist wirklich stark und vielleicht möchte Ranma seinen ersten Schultag hier nicht im Krankenflügel verbringen?"
„Vielleicht solltest du deinen Köter zurückrufen", gab Akane ihrer Schwester zurück, „bevor er in Scheiben geschnitten wird. Oder hast du vielleicht Lust auf eine Wette? Wenn Kuno nur eine Minute gegen Ranma aushält, darf er eine Woche lang unser Haus nicht mehr betreten, in Ordnung?"
„Und wenn er es länger schafft, schläft Ranma eine Woche lang in meinem Bett, in Ordnung?", feixte Nabiki und meinte den Rauch aus den Ohren ihrer Schwester aufdampfen zu sehen.
„Ich vertraue meinem Verlobten", schoss sie zurück und betonte dabei die letzten beiden Worte.
Als Ranma die Worte seiner Verlobten wahrnahm, spürte er, sich zu ihr umdrehend und ihr strahlendes Lächeln sehend, das altbekannte Gefühl des freien Falls in seinem Bauch, das ihre Zuneigung in ihm auslöste, und das rasante Pochen seines Herzens. Verwirrt kämpfte er gegen zwei widersprüchliche Gedanken und Gefühle in seinem Kopfe an, die ihn den anstehenden Kampf mit dem Samurai vergessen ließen: er glaubte, dass er mit Akane würde auskommen können, und, den verstörenden Aspekt des zweiten Gedankens verdrängend, dass sein Vater das erste Mal in seinem noch jungen Leben eine richtige Entscheidung für ihn getroffen hatte.
„Ist das dein Ernst?"
„Natürlich! Und ich hoffe, du hast es gestern nicht nur so daher gesagt!", antwortete sie ihm mit einem Augenzwinkern und einer lässigen Handbewegung in die Richtung seines Gegners. „Willst du dich nicht erst einmal um den da kümmern?"
„Keine Angst, was ich sage, meine ich auch", meinte er belustigt und öffnete seinen Mund ein zweites Mal, um etwas hinzuzufügen.
Was auch immer er aber zu sagen gedacht hatte, verlor sich in einem lauten Kampfschrei des in blau gekleideten Samurai, der die Distanz zwischen den beiden Kämpfern in jenem Moment, in dem Ranma abgelenkt war, in einem Wimpernschlag überbrückt hatte, und sein hölzernes Trainingsschwert hoch über seinem Kopf hielt, um seinen Gegner mit einem einzigen, kraftvollen Schlag, dessen Druck den Staub um die beiden Kampfsportler heraufwirbelte, der sie für wenige Momente vor den neugierigen Augen der Schülerschar schützte, niederzustrecken. Als sich der Staub um die beiden Erwachsenen gelegt hatte, bot sich den Umstehenden ein beeindruckendes Bild: aus dem Zentrum der Verwirbelungen traten zwei schwarze Umrisse hervor, die in der Bewegung eingefroren zu sein schienen, sodass das Schwert des Samurai Zentimeter vor dem Gesicht seines Gegners inmitten der Luft zu schweben schien. Während sich der Nebel noch weiter lichtete, mussten die Schüler mit Entsetzen und Wunder feststellen, dass der junge Neuling das Schwert des besten Kämpfers der Schule mit seinem linken Zeigefinger kurz vor seinem Gesicht gestoppt hatte und noch immer in die Richtung seiner Verlobten blickte, bevor sein Kontrahent wie ein steifes Holzbrett nach hinten umfiel und vor seinen Füßen im Staub liegen blieb.
„So ein Spielzeug", meinte er mit einem ernsten Blick auf den Kampfsportler, als er ihm das Trainingsschwert aus den bewegungsunfähigen Fingern nahm, „sollte nicht in die Hände von Kindern. Du hast sicherlich den Wetteinsatz mitbekommen, also halte dich auch daran."
Ihrer verdutzten Schwester ein letztes, heimtückisches Grinsen schenkend, versuchte die junge Frau, sich ihrem Verlobten zu nähern, nur um ihren Weg von einer Horde befreundeter Mädchen blockiert zu finden, die sie, angeführt von ihren beiden besten Freundinnen, mit Fragen bombardierten, um den neuesten Klatsch aus erster Hand zu erfahren. Ranma beobachtete das Geschehen einige Sekunden lang mit einem Lächeln, bevor ihm jemand auf seine Schulter tippte. Als er sich umdrehte, erkannte er zwei junge Männer seines Alters, die, abgesehen von ihren verschiedenen Haarfarben, eine verblüffende Ähnlichkeit aufwiesen und ihn respektvoll anschauten.
„Hey", grüßte der braunhaarige Mann freundlich und streckte Ranma seine Hand entgegen. „Ich bin Hiroshi, das ist Daisuke."
„Hey, ich bin Ranma", grüßte Ranma die beiden und schüttelte ihnen die Hand. „Was gibt's?"
„Das war gerade ein ganz starker Kampf", meinte der schwarzhaarige Mann anerkennend und deutete auf den anscheinend ohnmächtigen Kuno, dem nur Nabiki Aufmerksamkeit schenkte. „Wie wär's, wenn du heute mit uns zu Mittag isst und uns erzählst, woher du so gut kämpfen kannst?"
„Oder woher du Akane so gut kennst, dass ihr verlobt seid?", warf Hiroshi grinsend ein. „Wäre echt cool! Und Akane wird nichts dagegen haben; so wie's aussieht, ist sie viel zu sehr damit beschäftigt, Fragen zu beantworten."
„Geht klar", antwortete ihm Ranma mit einem Grinsen und ging in die Richtung des großen Schulgebäudes.
Geschmeidig glitt die weiße, knochige Hand der schwarzen Erlösung ihrem ewigen Rivalen entgegen, als der trostlose Tag einen mannigfaltigen Tod starb, um in einem neuen Zeitalter geboren zu werden: der Zyklus des Lebens suchte sein Ende im Wiederbeginn, während die sternenklare Frühlingsnacht, deren graue Verwandten die am Firmament stehende Sonne so lange Zeit verdeckt hatten, den grauen Schleier aus Wolken öffnete, dessen Antlitz die Welt mit Trübsal bedeckt hatte, und der hoffnungsfrohen Welt sein diamantenes Meer aus glitzernden Augenpaaren preisgab.
Ein stummer Seufzer entwich den zu einem sehnsüchtigen Lächeln geformten Lippen des jungen Mannes, den der noch immer kalte, wehende Wind bis an die weit entfernten Gestade der weiten Welt tragen sollte, als er das neckische Zwinkern der Sterne durch die dichte Wand aus Zeit und Entfernung zu erkennen glaubte. Schaudernd schlang er seine blaue Jacke enger um seine muskulösen Schultern, als die kalte Frühlingsnacht ihren Tribut forderte. Unangenehm drückten die harten, blutroten Ziegel des Daches gegen seinen Rücken, als er darüber nachdachte, warum er das ungemütliche Dach seinem warmen, gemütlichen Zimmer vorzog: dies war der ein Ort des Friedens, eine Oase der Ruhe in den hektisch aufschäumenden Wellen und Wogen des ihm besänftigende, verführerische Worte flüsternden Meeres. Der Anblick der schwarzen, von Sternen übersäten See am Himmel vermochte ihm den Blick in den Spiegel seiner Seele zu gewähren.
Nach wenigen Momenten setzte er sich resignierend auf, da es ihm nicht gelang, sein aufgewühltes Herz zu beruhigen, und ließ seinen Blick über das Meer aus Lichtern schweifen, die unter ihm wie zahllose Meilen aus flüssigem Feuer brannten, die, entzündet von einem einzigen Funken, vom kalten Wind auf die gesamte Welt verteilt worden waren, sodass sich der todbringende Brand ausbreitete, bis ein zweites, mächtigeres Feuer ihn löschen würde. Gähnend legte sich der junge Mann wieder auf die harten Ziegel, als er plötzlich die sanften, rhythmischen Schwingungen lautloser Schritte vernahm. Er wusste, dass es Akane war, die sich ihm näherte, da er sie nicht fühlte, nicht hörte und auch nicht sah; wäre es nicht für die sanften Schwingungen im Metall gewesen, so hätte er sie nicht vernommen, bis sie über ihm gestanden wäre, und er wusste, dass sich nur wenige Kampfsportler auf diese Weise an ihn heranschleichen konnten, und auch, dass sie eine dieser wenigen war, da er am Nachmittag mit ihr trainiert hatte.
Langsam schloss er seine Augen und wartete, während er über die vergangene Trainingseinheit nachdachte; sie war gut, zu gut, zu schnell, zu stark, mit zu außergewöhnlichen Techniken, von denen er nicht gewusst hatte, dass sie irgendjemand außer ihm selbst kannte, dass er die Thematik über ihren früheren Trainer ruhen lassen konnte. Jedes Mal, wenn sie von ihm sprach, vernebelten sich ihre Augen wie in einem Traum, und er spürte ein schmerzhaftes Stechen in seiner Brust, das sich allerdings sogleich wieder auflöste, wenn sie weiter mit ihm trainierte. Er musste wissen, wer dieser Mann war.
„Was machst du hier?", fragte er ruhig und öffnete dabei seine Augen.
Sogleich nahmen die braunen Augen der jungen Frau, deren sanftmütiges Lächeln nur von einer einzelnen Strähne ihres seidenen Haares, das in wilder Schönheit in ihr samten weißes Gesicht fiel, unterbrochen wurde, die strahlend blauen Augen des Mannes gefangen, während sich ihre sinnlichen Lippen, deren blutrote Farbe sich von ihrer schneeweißen Haut wie die Sterne vom dunklen Nachthimmel abhob, spielerisch zu einem verführerischen Schmollen verzogen und sie eine Strähne ihres Haares hinter ihr Ohr strich.
„Willst du mich etwa nicht sehen?", fragte sie, den Blick gedankenverloren in weite Ferne gerichtet, und setzte sich mit einem unsicheren Lächeln neben ihn, nicht fähig, ein Zittern zu unterdrücken, da sie ihre blaue Schuluniform nicht ausreichend wärmte. „Ich bin hier, um dich zu holen."
„Weißt du, wo Akane ist?", fragte die braunhaarige Frau ihre ältere Schwester, als sie in die Küche des Hauses trat, in der Kasumi gerade das Abendessen mit solcher Sorgfalt zubereitete, dass der unbeteiligte Beobachter hätte meinen können, sie kümmere sich um ihr neugeborenes Kind. „Ich suche sie schon überall."
„Sie ist auf dem Dach, mit Ranma", antwortete Kasumi ihr, ohne von ihrer Arbeit, die aus dem mühsamen Schneiden der Zwiebeln bestand, aufzuschauen. „Also bitte störe die beiden nicht, ja?"
„Das hatte ich auch nicht vor", meinte die zweitälteste Frau des Haushalts unschuldig und setzte sich auf den einzigen freien Stuhl der Küche. „Warum war Akane so schnell und ohne jede Gegenwehr dazu bereit, ihn als Verlobten zu nehmen? Ist irgendwas mit ihr nicht in Ordnung?"
„Nein", entgegnete die fürsorgliche Frau, hielt mit dem Schneiden inne, da sie abgerutscht war, legte das Messer auf die hölzerne Unterlage und blickte ihre Schwester zum ersten Mal, seit sie die Küche betreten hatte, direkt an. „Sie haben – aber hast du das nicht gesehen? Und sie weiß es, denke ich."
„Nein", murmelte Nabiki nachdenklich und blickte aus dem Fenster in die Dunkelheit. „Ich habe nicht wirklich aufgepasst und ich war nie so gut wie du. Das würde einiges erklären, aber wie? Wenigstens ist es gut für sie und gut, dass wir uns nicht eingemischt haben."
„Nein", flüsterte Kasumi, während ihre Schwester sie zunächst verwirrt, dann erschrocken anblickte, da sie Tränen, die nicht vom Schneiden der widerspenstigen Zwiebeln herrühren konnten, in den Augen der älteren Frau sehen konnte, die nun hoffnungslos von ihren Wimpern perlten und an ihren zarten Wangen hinab liefen, bevor sie imstande war, sie mit ihren Händen hinfort zu wischen. „Zwei und eins, so stark wie ich es noch nie zuvor gesehen habe, und trotzdem zwei! Es ist nicht gut!"
„Hier, nimm die", brummte der Kampfsportler und gab ihr seine blaue Jacke, die noch Momente zuvor eng um sein rotes Hemd und seine Schultern geschlungen war. „Ich brauch sie eh nicht, mir ist nicht kalt."
Lächelnd nahm die junge Frau die Jacke an und legte sie sich um ihre Schultern. Der herbe Geruch seines Duschgels füllte ihre Nase, die sanften Töne seiner Worte ihre Ohren, seine Aura ihr gesamtes Wesen. In diesem einen Moment erinnerte sie der junge Mann mehr denn je an Ranma, der sie, den Sternenhimmel und seine unzähligen Sternschnuppen betrachtend, sanft in seine wärmenden Arme genommen hatte, um dem chaotischen Weihnachtsabend eine schöne Erinnerung zu verleihen. Und in ebenjenem Moment wünschte sie sich die Erinnerungen, alle Erinnerungen des jungen Mannes zurück, wünschte sich, dass er sich an all die Grausamkeiten, an all die Zurückweisungen, an all den Schmerz, die Trauer, die Wut erinnerte, um wieder Ranma zu werden. Sie wünschte sich mit allem Herzen, dass sie dieser Welt entkommen konnte, dass er sie wieder liebte, wie sie ihn liebte, wünschte sich den egoistischsten Wunsch und versprach sich selbst, ihn für all den Schmerz mit ihrer Liebe zu entschädigen, doch wusste, dass es unmöglich war.
Verzweifelt kämpfte die junge Frau gegen die aufwallenden Tränen, die ihr gebrochenes Herz fortzuspülen suchten, und verlor den ewigen Kampf, bis die diamantenen Perlen sanft auf den Ziegeln des Daches zerschlugen, sich in dem silbrig weißen Mondschein brachen und für eine kleine Ewigkeit wie blaue Edelsteine schienen, bevor sie in der Regenrinne für immer verblassten. Plötzlich spürte sie eine strahlende Wärme, als sie der junge Kampfsportler in eine verstehende Umarmung schloss. Herzergreifend schluchzend klammerte sie sich an sein Hemd, der einzige Hoffnungsschimmer in der pechschwarzen Unterwelt, und weinte, bis sie keine Tränen mehr vergießen konnte, ohne dass Ranma auch nur ein Wort verlor.
„Wir müssen etwas unternehmen!", forderte Nabiki hitzig und stand aus ihrem Stuhl auf. „Wir können sie nicht einfach, ich meine, wenn es nicht, was, warum?"
„Nein, das können wir nicht", hauchte Kasumi sanftmütig und legte ihre Hand auf die Schulter ihrer Schwester. „Hast du mir denn nicht zugehört? Außerdem ist es nun zu spät."
Die ältere Frau deutete zitternd in die Dunkelheit, die durch das Fenster schien. Unsicher folgte Nabiki dem Fingerzeig und starrte mit weit geöffnetem Mund erbleichend in das Schwarz der Nacht. Ein sattes, pulsierendes Rot durchstreifte die trostlose, schwarze Landschaft mit solcher Intensität, dass sie glaubte, ihre Augen spielten ihr einen schlechten Streich. Ungläubig starrte sie auf ihre Schwester, die ihr unmerklich als Bestätigung zunickte und dann langsam zur Spüle lief, um sich ein Glas Wasser einzuschenken.
„Das kann nicht sein!"
„Warum?", fragte er sanft, als ihre Tränen versiegt waren, und sie sich nur noch an ihn klammerte. „Warum willst du diese Verlobung? Du liebst ihn, nicht wahr? Deinen alten Trainer?"
„Nein", flüsterte Akane und blickte ihm das erste Mal, seitdem sie sich an ihn geklammert hatte, direkt in die Augen. Ein kleiner Funken sprang von ihr auf ihn über und entbrannte sein Herz mit solcher Leidenschaft und Liebe, dass er sich unwillkürlich zu ihr neigte, bis sie ihre Augen schloss, bevor sie drei einfache Worte, die nicht deutlicher waren als das Rascheln der zahllosen Blätter im Wind, hauchte: „Ich liebe dich!"
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, küsste er sie als Antwort mit solchem Feuer, dass sie glaubte, in seinen Armen zu schmelzen, eins zu werden mit der alles verschlingenden Macht des Feuers. In diesem Moment der Glückseligkeit verharrten die beiden Erwachsenen für eine Ewigkeit und einen Tag in ihrer eigenen Welt, bis sie eine mächtige, allumfassende Stimme aus der seligen Umarmung der Liebe riss.
„Ranma! Ranma, komm zu uns!"
