Im Angesicht der schicksalsträchtigen, schwarzen, sternenlosen Nacht erwachten die vier Winde der Welt zu neuer, alter Stärke, die sie ob ihrer ewigen Gefangenschaft an den vier Enden der Erde längst zu vergessen gehabt glaubten, entrissen sich ihren goldenen Gefängnissen und jagten sich gleichsam über Land und Meer, um die Träume, die auf den stolzen Rössern, deren samtene Hufe hastig durch die Lüfte der Welt preschten, erhaben ritten, mit ihrem Vater, dem Schlaf, zu vereinen, der, auf dem unheilbringenden Ostwind gleitend, den Menschen und Göttern gleich traumlose Nächte gewährte, doch in dieser dunklen Nacht seine Pflichten vernachlässigte, um mit seinen Söhnen eine andere Aufgabe wahrzunehmen.

Schnell wie der Wind galoppierten die pechschwarzen Rösser, deren purpurne Hufe sicheren Halt in den hohen Regionen der Winde der Erde, denen sie entsprungen waren, doch denen sie zugleich entsprachen, genossen, und trugen ihre, in sich verschlungenen, blendend weißen Kutten mit ebenso weißen Kapuzen, die ihre tief in schwarzen Schatten liegenden Gesichter gänzlich bedeckten, strahlend weißen Handschuhen und Schuhen gekleideten Reiter lautlos zu ihrem Vater, der, in scharfen Kontrast zu seinen Söhnen gänzlich in Schwarz gekleidet, ihre Ankunft mit einem tonlosen Nicken quittierte und ihnen schweigend bedeutete, ihre Pflicht zu erfüllen.

Lautlos verfingen sich die kalten und warmen Winde der eisigen Frühlingsnacht in den Ästen der wenigen Bäume und bedingten ein leises Knarren und Rascheln, als sie sich, die so lange voneinander getrennt waren, liebevoll umkosten, um sich schließlich ob ihrer Gegensätzlichkeit in einer vollkommenen Windstille zu neutralisieren, währenddessen der Schlaf und seine Söhne schweigend, da in der wachenden Welt wandelnd mit Stummheit geschlagen, den Kuss zweier Liebender betrachteten. Erhaben erhob jeder der drei schicksalsbehafteten Reiter in der kurzen Zeit des Vergessens, da die Winde der Welt stillstanden, seine rechte Handfläche zu seinen nichtexistenten Lippen und blies bedacht den samtenen Staub seiner Träume in die geschlossenen Augen des jungen Mannes, bevor sie ihrem Vater ein respektvolles Nicken schenkten und die Zügel ihrer Rösser scharf herumrissen, um die Winde der Welt, die in ihrer Macht alles mit sich rissen, an ihren angestammten Platz zurückzuführen.

In jenem Moment, da der schwarzhaarige Mann seine Verlobte küsste, sprang ein knisternder Funke von ihren kirschroten Lippen auf ihn über, der die längst vergessenen, doch noch immer schwächlich glimmenden Kohlereste einer ihm unbekannten Feuerstelle in seinem Herzen fand und sie von Neuem entzündete, sodass ein lichterlohes Feuer entbrannte, dessen gefährlich züngelnden Flammen warme und verwirrende Gefühle der Vertrautheit und des Verlangens in ihm entfachten, denen er trotz seiner eisernen Selbstkontrolle nicht widerstehen konnte: für einen kurzen Augenblick, nicht länger als ein Wimpernschlag in der Ewigkeit, schlang er, von nicht vorhandenen Erinnerungen geleitet, seinen rechten Arm um ihre Hüfte, zog die junge Frau, die ob seiner plötzlich erwachten Leidenschaft sinnlich in dem von ihn initiierten Kuss stöhnte, an sich, dass ihr wohlgeformter Körper an seinen muskulösen Oberkörper gepresst wurde, und strich ihr grob, doch zärtlich und verlangend durch ihr kurzes, blauschwarzes Haar, bevor er schließlich wieder zu sich kam, und schwer atmend von der jungen Frau abließ, die jedoch keine Anstalten machte, sich aus seinem Schoß hinfort zu bewegen.

Beinahe erschrocken über sich und die animalische Ader des Begehrens, von der er bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst hatte, dass sie in ihm existierte, obwohl er und sein Körper aufgrund des schonungslosen Trainings in perfekter Harmonie standen, die jedoch für den Bruchteil einer Sekunde seinen Sinn in einem wütenden Feuer der Liebe verschlungen hatte, blickte er abwartend in jene braunen Augen seiner Verlobten, die trotz ihrer Jugend und vorgetäuschten Oberflächlichkeit eine unnatürliche Tiefe innehatten, die er nicht zu deuten vermochte, und erkannte in diesem Moment der Verletzlichkeit nach seiner Zuneigungsbekundung ein alles verschlingendes Feuer der Lust in ihrem Blick, das, angefacht durch eine grenzenlose Liebe zu ihm, die er sich nicht erklären konnte, ihren Verstand vernebelte.

Verwirrt versuchte er, sich von ihrem Blick zu lösen, da er sie fragen wollte, da er wissen musste, warum er diese Gefühle in ihrem Wesen sehen konnte, obgleich er wusste, dass sie ihren alten Meister liebte, warum ihn dieses Gefühl der Vertrautheit, dieses Gefühl der Liebe überwältigt hatte, obgleich er sie nicht kannte, doch nahm ihn die unergründliche Tiefe ihrer Augen gefangen, sodass er keuchend, ihr Körper, von seinem rechten Arm gehalten, gegen seinen gepresst und nur durch den Stoff ihrer Kleidungen getrennt, sitzen blieb und zum zweiten Mal binnen weniger Sekunden von ihrem heißen Atem auf seinen Lippen elektrisiert wurde, bis er wieder für den Bruchteil einer Sekunde glaubte, sie zu kennen, erschauderte, und schließlich schluckte, um die Trockenheit in seinem Mund zu besiegen, während er unbewusst langsam mit den Fingerspitzen seiner linken Hand sanft über ihre Wange streichelte.

Ein wohlig warmer Schauer durchfuhr das gesamte Wesen der jungen Frau, nachdem Ranma von ihr abgelassen hatte, und für einen kurzen Moment der Glückseligkeit raubte die Lust ihre Sinne, da sie ihren Ranma für die kürzeste aller Sekunden durch den verhassten Schleier des Vergessens gespürt hatte, doch zwang sie sich sofort, das Feuer ihres Verlangens zu ersticken, da sie wusste, dass dieses Erwachen nur eine Projektion ihres Wunschtraumes gewesen sein konnte; und doch blickte sie hoffend, verlangend, all ihre grenzenlose Liebe offenbarend in seine azurblauen Augen, nach einem Zeichen seines wahren Wesens suchend, und konnte ihren seinen Blick verschlingenden Augen nicht trauen, als sie hinter den grauen Schleier, der seine Erinnerungen trübte, für einen Wimpernschlag ihren Mann zu erkennen glaubte, bevor er wieder verschwunden war.

Akane wusste, dass sie sich nicht getäuscht haben konnte, da sie ihren Ranma zum zweiten Mal binnen weniger Sekunden gespürt hatte, und doch wusste sie, dass sie sich dem Blick des ihr gegenüber sitzenden, schwarzhaarigen Mannes sofort entreißen musste, bevor sie ihr Verlangen, ihre natürlichen Bedürfnisse, ihre Lust, die sie seit ihrer ersten Begegnung in der Fußgängerzone der Stadt verdrängt hatte, trotz der eisernen Disziplin, die sie sich unter dem harten Training des jungen Mannes angeeignet hatte, überwältigen konnten, als seine Fingerspitzen ihre Wange entlang streiften und das gewaltige Feuer ihrer zügellosen Leidenschaft damit das Blut in ihren Adern zum Kochen brachte, bis sie wegen ihres unterdrückten Verlangens zitterte.

Je stärker sie um die Kontrolle über ihr Verlangen kämpfte, desto schneller schien sie ihr aus den Händen zu gleiten wie ein glückseliger Traum, aus dem sie das beständige, laute Hämmern der Weckuhr rüttelte, den sie festzuhalten suchte, ohne zu wissen, warum sie dies wollte, bis sie schließlich aufgeben musste, und sich nicht daran erinnern würde können, was das Gefühl der Glückseligkeit in ihrem Traum überhaupt hervorgerufen hatte. Mit letzter Willenskraft riss sie ihren Blick von seinen strahlend blauen Augen und starrte gebannt auf seinen Adamsapfel, der sich im Takt ihres Herzschlages bewegte, als er schluckte, schloss nach Atem ringend ihre Augen, sodass sie seinen verführerischen Körper nicht mehr sehen konnte, doch vergaß dabei, dass durch seine Ausbildung ihre anderen Sinne um ein Vielfaches verstärkt wurden, sobald sie auf einen ihrer Sinne verzichten musste, und spürte nun noch deutlicher seinen maskulinen Körper, seinen heißen Atem in ihrem Gesicht, seine Fingerspitzen, sog den herben, männlichen Geruch seines Seins ein und tastete, ohne zu bemerken, was sie tat, mit ihren Fingern über seine raue Haut, die von kurzen Bartstoppeln überzogen war.

„Akane", hauchte er atemlos in ihr Ohr, als er ihre zarten Fingerspitzen auf seinen roten Wangen spürte, und fühlte erneut jenes unbekannte, doch vertraute Gefühl in sein wild schlagendes Herz einziehen, während ihre Sinnlichkeit seine Sinne vernebelte und seine rechte Hand, mit der er ihre Hüfte umschlungen hatte, langsam, aber beständig an ihrer Seite hinab wanderte, bis seine Verlobte vergnügt aufstöhnte und schließlich gänzlich die Kontrolle über ihren Verstand verlor.

Anzüglich lächelnd öffnete die junge Frau ihre Augen, die vor unterdrückter Leidenschaft und Vergnügen langsam nach oben rollten, und bildete unbewusst ein Hohlkreuz, sodass ihre Brüste noch fester gegen seinen Oberkörper drückten und sich sanft nach oben bewegten, um ihm dasselbe Gefühl der Lust zu geben, das er ihr gab. Gleichzeitig umschloss sie seinen Körper mit ihren Armen und grub ihre Fingernägel in seinen muskulösen Rücken, um sich selbst Halt zu geben, während sie ein leichtes Kribbeln in ihrem Magen verspürte, das sich wie das Gefühl des freien Falls, der Schwerelosigkeit in ihrem ganzen Körper verbreitete, und sie erneut aufstöhnte, als sie ihn spürte und seinen Körper zur Gänze wahrnahm. Und als sie ihn voll wilder Leidenschaft küsste, ihm liebevoll in seine Unterlippe biss, während er genüsslich seufzte und mit seinen Händen ihren Körper verwöhnte, hörte sie plötzlich ihren Vater.

„Akane?", wehte die Stimme zur Gartentür hinaus auf das Dach und ließ die beiden Kampfsportler hastig aufspringen und sich einige Schritte voneinander entfernen. „Ist alles in Ordnung bei dir?"

„Ja", brachte die junge Frau als Antwort heraus, während sie versuchte, ihre Atmung zu kontrollieren und ihren unregelmäßigen Herzschlag zu stabilisieren, ihren durchdringenden Blick stets auf ihren Verlobten gerichtet, als ob sie fürchtete, dass er bei der geringsten Unaufmerksamkeit mit der schwarzen Nacht verschmolz und für sie für alle Zeiten unerreichbar war, doch bewegte sich der junge Mann keinen Zentimeter, sondern erwiderte ihren Blick fragend, und schritt schließlich geschmeidig wie eine Katze auf dem unebenen Untergrund auf sie zu.

„Wir müssen reden", flüsterte er ihr zu, damit ihr Vater, der nun in der Türschwelle zum Garten erschienen war, ihn nicht hören konnte, und folgte ihr an ihrem Vater vorbei in das Wohnzimmer, nachdem sie ihm als Antwort ein beinahe unmerkliches Nicken geschenkt und ihm bedeutet hatte, ihr zu folgen.

Noch immer schwer atmend und mit roten Wangen betraten die beiden Erwachsenen das Wohnzimmer des Anwesens und blieben erstaunt nebeneinander in der Türschwelle stehen, als sie neben Soun Tendo auch Nodoka und Genma Saotome am Tisch sitzen sehen konnten. Während sie die beiden Männer freudig an den Tisch winkten und dabei genüsslich an ihren Gläsern nippten, zog die einzige Frau am Tisch interessiert ihre rechte Augenbraue hoch und warf den beiden Kampfsportlern über ihre dampfende Teetasse hinweg einen neugierigen Blick und ein verschmitztes Lächeln zu, sodass die roten Wangen der jungen Frau ein noch satteres Kirschrot annahmen als zuvor und sie hastig ihren Blick niederschlug.

„Herr und Frau Saotome", keuchte Akane verlegen, ohne den Blick von ihren Füßen zu nehmen, und hoffte, die Reaktion ihrer zukünftigen Schwiegermutter falsch gedeutet zu haben. „Wie schön, Sie hier wieder zu sehen. Was beschert uns diese Ehre? Und wie lange sind sie denn schon da?"

„Aber, aber, meine Tochter", tadelte sie die Mutter ihres Verlobten leichthin und lächelte ihr sanftmütig zu, da die braunäugige Frau bei dem Wort ‚Tochter' verlegen aufgeschaut hatte. „Ich denke, im Anbetracht der Umstände kannst du mich Nodoka und ihn hier Genma nennen, denn du gehörst ja beinahe schon zur Familie – und um auf deine Fragen zu antworten: wir sind vor ein paar Minuten angekommen, um nach unserem Sohn zu sehen; wir wollten nur sichergehen, dass es ihm hier gefällt und ihn fragen, wie sein erster Tag hier verlaufen ist, aber scheinbar war er zu, nun ja, beschäftigt, um uns sofort zu empfangen, nicht wahr, Ranma, Schatz?"

„Nein, überhaupt nicht", antwortete der junge Mann seiner Mutter, während er seinen Hinterkopf verlegen mit seiner rechten Hand kratzte, und fügte, nachdem ihm Akane schnell, aber leicht in die Rippengegend gestoßen hatte – eine Tatsache, die den beiden Männern, deren gesamte Aufmerksamkeit auf das glasklare Getränk in ihren Gläsern gerichtet war, nicht jedoch der nun noch breiter lächelnden Frau entgangen war –, hastig hinzu: „Ja, meine ich! Wir waren beschäftigt, ah, haben miteinander geredet."

„Ihr habt euch also alleine auf dem Dach unterhalten", wiederholte Nodoka mit einem belustigten Funkeln in ihren scharfen Augen, während sie Akane zufrieden musterte. „Und was ist dann passiert? Dein Vater war besorgt, dass du dich verletzt hättest, Akane. Er meinte, er hätte irgendetwas gehört, aber das kann natürlich auch daran liegen, dass die beiden Männer hier seit unserem Eintreffen schon eine beträchtliche Menge Reiswein getrunken haben."

„Nein", antwortete die angesprochene Frau hastig und gestikulierte dabei in die Richtung des Daches. „Ich bin, eh, ausgerutscht und gefallen."

„Oh, du Arme!", rief die Mutter von Ranma erschrocken aus, dass nicht nur die beiden Väter sie verwirrt anblickten, sondern auch Kasumi und Nabiki aus der Küche in das Wohnzimmer traten, um zu sehen, was geschehen war, und fügte mit einem gutmütigen Zwinkern zu den Schwestern der jungen Frau lächelnd hinzu: „Ich hoffe, du hast dich dabei nicht verletzt, und bist nicht zu tief gefallen, meine Liebe."

„Nein, nicht wahr, Ranma?", meinte die junge Frau kleinlaut und versuchte, ihre roten Wangen vor ihren Schwestern zu verbergen, indem sie den Mann an ihrer Seite anblickte, dessen verwirrter Blick von seiner Verlobten zu seiner Mutter schwenkte, da er offenbar die augenscheinliche Bedeutung der Worte nicht verstanden hatte. „Wir haben uns, ich meine, er hat mich gerade noch gefangen, bevor wir, bevor ich fallen konnte."

„Aber natürlich, meine Liebe", sagte die ältere Frau nickend und schenkte den beiden skeptisch blickenden Schwestern ihrer künftigen Schwiegertochter ein wissendes Lächeln, bevor sie sich wieder an Akane wandte. „Mein Sohn scheint bei dir in guten Händen zu sein, Akane. Genma und ich werden deinem Vater noch eine Weile Gesellschaft leisten, aber ich bin mir sicher, dass ihr beiden noch einiges zu besprechen habt, also lasst euch nicht aufhalten, und unterhaltet euch noch ein wenig."

„Danke", murmelte die junge Frau erleichtert, wandte sich zu ihrem Verlobten um und griff, wie sie es das gesamte letzte Jahr über stets zu tun gepflegt hatte, wenn sie mit ihm sprechen wollte, nach seiner Hand, drückte sie sanft und beruhigend und schenkte ihm ein bezauberndes, von Zuneigung erfülltes Lächeln, bevor sie ihn leichthin durch die Türe in den Gang zu ihren Schwestern zog, nachdem die beiden sich von den Ältesten der Familien verabschiedet hatten: „Gute Nacht!"

Mit einem zufriedenen Lächeln aufgrund der offensichtlichen Verwirrung der drei Männer und mit noch immer ungewöhnlich unregelmäßig schnell schlagendem Herzen wollte die jüngste Frau des Hauses ihren Schwestern, die noch immer in der Türschwelle verweilten, eine angenehme Nacht wünschen, als der Weg der beiden Kampfsportler plötzlich von einem ausgestreckten weiblichen Arm versperrt wurde. Verwirrt folgte Akane dem seidenweißen Arm der anderen jungen Frau hinauf zu ihrer Schulter, ihrem Hals und blickte schließlich fragend in das Gesicht ihrer älteren Schwester, die sich sorglos gegen die Flurwand gelehnt hatte und ihrem Blick ebenso fragend antwortete.

„Könnten wir vielleicht kurz mit dir in der Küche sprechen, Akane?", fragte Nabiki ihre jüngere Schwester ohne Umschweife, deutete mit ihrem noch immer ausgestreckten Arm ausladend in die Richtung der Küche und fügte, nachdem sie ihr mit einem gleichgültigen Schulterzucken geantwortet hatte, bedeutsam hinzu: „Alleine, wenn das möglich wäre."

„Wenn es sein muss", tat die junge Frau die Bitte ihrer Schwester scheinbar gleichgültig ab und wandte sich einen Moment ihrem Verlobten, der sich aus der Angelegenheit der Familie galant zurückgehalten hatte, ihr jetzt jedoch interessiert zuzwinkerte, zu. „Wenn du schon einmal in mein Zimmer gehst, verspreche ich dir, dass ich in ein paar Minuten nachkommen werde, in Ordnung?"

„Natürlich, lass dir ruhig Zeit", antwortete er ihr nachdenklich und ließ seinen Blick noch einmal über die vier Frauen schweifen, von denen drei ihn mit leicht geöffneten Mündern erstaunt beäugten, bevor er sich von ihnen verabschiedete. „Kasumi, Nabiki, Mom, gute Nacht!"

Langsam trottete der junge Mann die knarrenden Holztreppen hinauf und schlurfte in Gedanken versunken bis an das Ende des langen Korridors, bis er zu seiner Linken die schwere Holztüre mit an einem provisorisch angebrachten Namensschild in Form einer Ente, auf dem der Name seiner Verlobten stand, erblickte. Zögerlich drückte er die Türklinke nach unten und öffnete die Türe, während er sich verwirrt fragte, was soeben auf dem Dach zwischen den beiden passiert war, und wer sie eigentlich war: sie war eine exzellente Kampfsportlerin seiner Schule, die erschreckend viele seiner geheimsten Techniken kannte und seine eisenharte Verteidigung damit zu durchbrechen vermochte, obwohl dies noch niemandem gelungen war; sie war eine temperamentvolle Frau, die seine Selbstkontrolle mit einem sinnlichen Wort ihrer rubinroten Lippen hinfort zu schmettern vermochte, obwohl er sich damit brüstete, niemals die Kontrolle verloren zu haben; sie war seine Verlobte, die er zu kennen glaubte, obwohl er sie noch nie zuvor gesehen hatte.

„Sie wird mir Rede und Antwort stehen", versicherte er sich zuversichtlich, während er das saubere, geordnete Zimmer der jungen Frau betrat und sich nach einigen Momenten der Unentschlossenheit schließlich erschöpft auf ihr weiches Bett fallen ließ, um für die kurze Zeit, in der er alleine war, seine müden Augen auszuruhen, bevor ihn der Schlaf übermannte und ihm die sinnlichsten Träume längst vergessener Tage des Glückes bescherte.

„Er schläft bei dir?", fragte Nodoka nach wenigen Momenten des Schweigens sichtlich beeindruckt, legte ihre linke Hand verblüfft auf ihre Wange und betrachtete mit einem anerkennenden Lächeln das Mimikspiel der drei Schwestern: während die älteste Frau des Hauses erstaunt errötete und die Hände vor den Mund schlug, um ihr überraschtes Keuchen zu dämpfen, zog Nabiki ihre Augenbrauen gespannt nach oben, eine zufriedenstellende oder aber amüsante Antwort erwartend, und Akane riss Mund und Augen weit auf, um hastig zu protestieren, doch kein Wort wollte ihren sprachlosen Lippen entkommen. „Also schläft er tatsächlich bei dir, Akane?"

„Ja!", presste die braunäugige Frau schockiert hervor und gestikulierte wild mit den Armen, als Nabiki wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen begann, Kasumi ihr einen vorwurfsvollen, wenngleich vor Scham abgewandten Blick zuwarf, und selbst Nodoka sie verblüfft, doch amüsiert und interessiert betrachtete. „Nein, meine ich! Oder ja, er schläft hier, aber nicht bei mir, also nicht in meinem Bett. Ich, wir wollten nur noch kurz reden, deshalb habe ich ihm gesagt, er soll in meinem Zimmer warten, nicht weil er bei mir schlafen soll!"

Erschöpft versuchte Ranma, seine schlaftrunkenen Augen wieder zu öffnen, um nicht auf dem Bett seiner Verlobten einzuschlafen, da er ihr einige Fragen stellen musste, scheiterte beim ersten Versuch kläglich, rieb sich den Schlaf mit seinen Handknöcheln aus den Augen, vollbrachte es, seine Lider für den Bruchteil einer Sekunde aufzuzwingen, schloss sie jedoch sogleich wieder, nur um sie Sekunden später wieder verstört aufzureißen, seine Müdigkeit mit einem Schlag vollkommen vergessend, und starrte ungläubig um sich herum in die unbekannte Gegend.

Er lag nicht länger auf dem kuschelig weichen Bett seiner Verlobten, sondern stand, ohne sich erinnern zu können, jemals aufgestanden zu sein, in der Mitte einer riesigen, flachen Steppe, in der ein schmaler, schmutziger Trampelpfad in alle vier Himmelsrichtung führte, während die schwarze, sternenlose Nacht, durchzogen vom hellen Schein des überdimensional großen Vollmondes, drückend auf ihn nieder starrte. Der schwarzhaarige Kampfsportler drehte sich nach rechts und sah soweit sein Auge reichte riesige, bedrohlich auf ihn herabblickende Bäume, die einen schwarzen Schattenwald bildeten, nach links und sah in weiter Ferne einen von hohen Mauern umgebenen Ort in der Mitte der Steppe, drehte sich um und sah einen im Mondlicht glitzernden See, und blickte schließlich nach vorne, von wo ihn die Fackeln einer mittelalterlichen, stark befestigten Stadtmauer hämisch im Dunkel der Nacht angrinsten, als er plötzlich in der Stille des Seins das ferne Getrappel näherkommender Hufe hörte.

Hastig blickte Ranma wieder in die Richtung des düsteren Waldes, gespannt wartend, was ihm als nächstes in diesem wundersamen Traum widerfahren würde, als mit einem Mal aus den Schatten des Waldes ein mächtiges, rotbraunes Ross mit silberner Mähne heraus brach und voll ungezähmter Wildheit mit seinem Reiter auf ihn zupreschte. Während der schwarzhaarige Kampfsportler ruhig auf seinem Platz verharrte, erkannte er mit dem Näherkommen des Pferdes die Reiterin auf dem Rücken des Tieres, deren elegantes Kleid silbern im Mondlicht erstrahlte, deren prachtvolle, rotbraune Haare ungebunden in der kühlen, nächtlichen Brise wehten, und ihr dadurch eine wilde Schönheit verliehen, die ihresgleichen suchte.

„Flieh, du Narr!", schrie sie ihn an, als sie ihn erkannte. „Die Wölfe sind mir auf den Fersen und werden dich – Ranma, bist du das?"

Ranma erschauderte, als er seinen Namen hörte, denn er realisierte erst nun, dass dieser Traum zu realitätsnah war, um tatsächlich ein Traum zu sein. Starr vor Entsetzen folgten seine blauen Augen den ebenso blauen Augen der jungen Frau, die in diesem einen Moment, in dem die Zeit still zu stehen schien, bevor sie an ihm vorbeipreschte, mit schreckensgeweiteten Augen auf ihn herabblickte, während der von der Geschwindigkeit des Pferdes aufgebrachte Wind seine schwarzen Haare zerzauste und ihm Staub in die Augen trieb. Er spürte, wie sich plötzlich ein grauer Schleier des Vergessens von seinen Augen legte und er die junge Frau mit einem Mal erkannte.

„Was ist?", fragte Akane ihre beiden Schwestern freundlich, doch mit leichter Ungeduld in ihrer Stimme, als sie endlich die Küche erreicht hatten, und sie sich nun mit undeutbaren Gesichtszügen zu ihr umdrehten. „Was wollt ihr mir denn sagen?"

„Es geht um deinen Verlobten", seufzte Nabiki, nachdem sie einen bedeutungsvollen Blick mit ihrer älteren Schwester getauscht hatte, und blickte nachdenklich durch das Fenster in die schwarze Nacht hinaus. „Vielleicht solltest du dich setzen, was wir mit dir zu besprechen haben, ist kein lustiges Thema."

„Was?", fragte Akane nun sichtlich irritiert und blickte ihre beiden Schwestern abwechselnd an.

„Akane", sagte Kasumi vorsichtig und legte ihr eine Hand sanft auf die Schulter. „Ich weiß, dass du Ranma liebst, obwohl du ihn erst seit zwei Tagen kennst, ich kann es in deinen Bewegungen, in deinen Augen, in deinem ganzen Wesen sehen, und wir wunderten uns, wie du so viel für ihn empfinden kannst, da du ihn doch erst so kurz kennst. Nein, Akane, lass mich ausreden! Ich weiß, es geht mich nichts an, was während der fehlgeschlagenen Hochzeit passiert ist, es geht mich auch nichts an, wer er ist, und woher ihr euch kennt, denn obwohl er dich nicht zu kennen scheint, kann ich doch fühlen, dass du ihn kennst. Warte, Akane! Unsere Familie besitzt die Gabe, den roten Faden des Schicksals zu sehen und ihr beide seid mit dem roten Faden des Schicksals verbunden, einem so starken und unzertrennlichen Band, wie ich es noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe, doch wie stark es auch sein mag, geht doch ein zweiter roter Faden von seinem kleinen Finger hinfort."

„Aber, aber, das kann, das gibt es nicht!", stammelte die junge Frau verwirrt, sank auf den Stuhl neben sich und blickte ihre älteste Schwester flehend an. „Bitte sag mir, dass das nicht wahr ist. Sag mir, dass du dir das ausgedacht hast, weil du ihn nicht magst, sag mir, dass das ganze ein Scherz ist!"

„Nein, Akane", entschuldigte sich ihre Schwester gequält. „Es tut mir schrecklich leid, meine Liebe, aber ich kann nicht ändern, was ist. Ich musste es dir sagen, weil der beinahe verblasste, zweite Faden stärker wird."

„Aber wer? Wohin geht er?"

„Dorthin", meinte Nabiki ruhig und deutete sanft hinauf zur Decke. „Er verschwindet in den Himmel und verblasst dort oben. Es ergibt keinen Sinn, aber es ist so."

„Ranma?", hörte er die zarte Stimme einer jungen Frau über die leblose Steppe zu ihm herüberwehen, während er seine Augen schloss und mit beiden Händen seinen Kopf hielt, der vor unsäglichem Schmerz zu zerbersten schien, als sich der Schleier für kurze Zeit von seinen Augen hob, und ihm Einsicht in Erinnerungen erlaubte, die er vor Jahren vergessen zu haben schien, die jetzt jedoch so klar vor seine Augen traten, dass er glaubte, sie wären erst gestern geschehen.

„Ranma?", hörte er die zarte Stimme erneut, doch dieses Mal dringlicher sprechen, und spürte eine warme Hand auf seiner Brust, während er verstand, wo er war, wer diese junge Frau war, was er hier tat; er erinnerte sich daran, wie er schon einmal scheinbar in seinen Träumen in diesem fernen Land verweilt war, ihm auf Bitten eines alten Mannes geholfen hatte, und nach Jahren wieder nach Hause zurückgekehrt war, ohne dass er auch nur eine Sekunde fort gewesen zu sein schien.

„Ranma?", hörte er die unverkennbar weibliche Stimme ein drittes Mal rufen und öffnete endlich seine Augen wieder, als die Erinnerungen Einzug in sein Gedächtnis erhalten hatten, und blickte erstaunt in die Augen seiner Verlobten, die besorgt neben ihm auf dem Bett saß, ihre warme Hand auf seiner Brust, und ihm nun, da er scheinbar wieder erwacht war, ein strahlendes Lächeln schenkte. „Was war denn los, Ranma? Du hast dir deinen Kopf gehalten und vor Schmerz gestöhnt! Ist alles in Ordnung?"

„Nein", flüsterte er beinahe lautlos und starrte mit entsetztem Blick auf seinen Handrücken, auf dem plötzlich ein leuchtendes Zeichen eingraviert schien; als er begann, das Zimmer und seine Verlobte doppelt zu sehen, lehnte er sich mit wehmütigem Blick nach vorne zu ihr, nahm ihre rosaroten Wangen in seine Hände und küsste sie ein letztes Mal. „Ich werde dich vermissen."

Kurz bevor er schließlich hintenüber fiel und sich seine Augen schlossen, glaubte er, seine Verlobte ein letztes Mal wie trunken sprechen zu hören: „Meine, meine Hand…"