Sie hatte es sich geschworen. Sie hatte es sich geschworen, und dennoch spürte sie, wie jene wankelmütigen Worte in den unergründlichen Tiefen ihrer Augen widerhallten, verstummten, und, wiedergeboren als das verhasste Versprechen, in den gläsernen Sphären aufwallten, in denen sich das durch das geöffnete Fenster eindringende Sternenmeer des düsteren Nachthimmels spiegelte, als sie die Leere seines dringlichen Abschiedes auf ihren liebenden Lippen, die nach ihrem rauen Gegenstücke lechzten, erkannte. Sie hatte es sich geschworen, keine Träne mehr zu vergießen, und dennoch perlten die salzhaltigen Diamanten von ihren Wimpern, spiegelten sich bläulich im gesponnen Licht der milden Mondstrahlen und tropften mit unerträglicher Gleichgültigkeit rhythmisch auf ihren auf der Bettdecke erstarrten Handrücken.
Sein sanfter, freudvoller Frühlingsatem, der jenen kalten Winter ihres Missvergnügens mit seiner wärmenden Wonne vertrieben hatte, hauchte ihrer zerrissenen Seele die quälende Leere seiner ausdruckslosen Augen ein, als seine blassen Lippen die verhassten Worte des Abschiedes formten. Während die eisige Kälte das Feuer ihres Herzens zu tilgen und den sehnlichsten Wunsch ihrer Seele zu vernichten drohte, griff die junge Frau in verzweifelter Hoffnung nach der Hand ihres Verlobten, umgarnte sein undurchschaubares Sein mit der bedingungslosen Liebe ihres gesamten Wesens, bis sein Wesen, in jenem seltenen Zustand zwischen Wachen und Träumen gefangen, auf die Verlockung ihres Seins antwortete und ihre Seelen, getrennt nur durch ihre Körper, für einen Wimpernschlag in der Ewigkeit verschmolzen, bevor ein brennender Schmerz ihren Körper durchfuhr und sie gezwungen war, von ihm zu lassen.
Undurchdringlich erschien ihm das vollkommenste Schwarz vor seinen geschlossenen Augen, das unaufhaltsam in jede Pore seines Wesens drang, als er entspannt auf das weiche Bett seiner Verlobten fiel, um niemals auf ihm zu landen. Akane Tendo, seine Verlobte. Er wusste nicht, warum der Klang dieser wohlgeformten Worte sein Herz höher schlagen ließ, warum er ein liebevolles Lächeln auf seine lauteren Lippen zauberte, warum er ihr glockenhelles Lachen, ihre kindliche Unbeschwertheit, ihre elegante Schönheit sehen wollte, wenn er seine azurblauen Augen aufschlug, obgleich er sie selten in seinem Leben gesehen hatte, warum er dem Kommenden keinen Gedanken der Furcht schenkte, sondern voll Wehmut auf die wenigen sonnigen Tage der Sorglosigkeit zurückblickte, obgleich er sie kaum kennen konnte, warum er seine Verlobte vermissen würde, obgleich er sich niemals dem aufoktroyierten Willen seines Vaters würde beugen.
Ohne sein Gewicht zu spüren, schwebte der schwarzhaarige Mann in der scheinbaren Schwerelosigkeit des Flusses der Zeit, dessen sanfter Strom ihn an die bekannt unbekannten Gestaden des fernen Landes geleiten sollte, bis seine Schuhe sicheren Boden berührten, und er sein Gewicht wieder selbst tragen musste. Als ein silberner Streifen das erdrückende Schwarz des Nichts durchzog, erkannte er, dass er das Ziel seiner Reise auf den Wassern des Neubeginns und zugleich Endes erreicht hatte, und hob vorsichtig, aber mit einem resignierenden Seufzer sein rechtes Augenlid, bevor er es würgend wieder schloss, da sein Kopf noch immer glaubte zu fallen, doch sein Auge die wunderschönen Umrisse eines zauberhaften Ortes erkennen konnte, an dessen Rand er stand, bis er die widersprüchlichen Informationen verarbeiten konnte.
Behutsam brach das silbrige Licht des weißen Vollmondes durch die vereinzelten Wolken, deren stark akzentuierte Umrisse sich rötlich vom dunklen, sternenübersäten Nachthimmel absetzten, und fiel lautlos auf die vom kühlen Winterwind wallende Wasseroberfläche, deren kleine Wellen die wabernden Nebelschwaden, die mit den Winden tanzend die Schneise des gesponnenen Mondlichtes zu verdecken versuchten, hinfort zu tragen schienen in das dichte, düstere Dickicht des Waldes, der den kleinen See umgab. In weiter Ferne erhob sich majestätisch ein Berg hoch gegen das von den Sternen besiedelte Firmament, dessen Umriss sich in jenem gespenstischen Nebel nur undeutlich abzeichnete wie das am Seeufer hervorragende Haus, neben dem die kleine, hölzerne Brücke das Festland mit der winzigen Insel verband, auf der Ranma das kontinuierliche Schattenspiel des Mondes in seinen Erinnerungen schwelgend betrachtete.
„Ich wusste, du würdest zu mir zurückkehren", durchstreifte der Hauch eines Flüsterns die kalte Nachtluft mit solcher Intensität, dass die in seinen Ohren wohlklingenden Worte die Luft zu entzünden schienen, und zugleich mit solcher Zärtlichkeit, dass der von der Anwesenheit einer weiteren Person an diesem menschenleeren Ort überraschte Mann mit einem strahlenden Lächeln die aus den Winkeln seiner geschlossenen Augen hervorquellenden Tränen mit seinen Fingern hinfort wischte.
„Ich wusste, du würdest für mich zurückkehren", flüsterte die weibliche Stimme erneut, während Ranma spürte, wie zwei schlanke Arme seinen muskulösen Oberkörper zärtlich umschlangen, um ihn sanft und fest zugleich an die junge Frau zu drücken, die ihn nun zwang, sich in der unfreiwilligen Umarmung zu ihr herumzudrehen.
„Wie hast du gewusst, dass und wann ich hier erscheinen würde?", fragte der blauäugige Kampfsportler sanft, als er sich in den Armen der Frau umdrehte und einen kurzen Blick auf ihr rostbraunes Haar, das wie eine Kaskade an ihrem Rücken hinab fiel, erhaschte, bevor sie ihr Gesicht in seiner Schulter vergrub, und haltlos zu zittern begann, sodass er zaghaft seine starken Arme um ihren im schalen Licht des Mondes zerbrechlich wirkenden Körper legte, um ihr Halt zu geben.
„Ich wusste es nicht, deshalb habe ich jede Nacht hier auf dich gewartet. Es ist schließlich dein Lieblingsplatz, und schau nur, auf was du stehst", antwortete sie ihm leise, ihre Stimme gedämpft durch den Stoff seines Hemdes, und stahl sich aus der Umarmung, indem sie einen Schritt von ihm zurücktrat und ihren Blick auf den Boden gesenkt hielt.
„Unser Zeichen?", hauchte er überrascht, nachdem er seinen Blick auf den Boden gesenkt und bemerkt hatte, dass er sich auf einer kleinen, sechseckigen Erhöhung, einem Podest gleich, befand, in der ein schlichtes Symbol graviert war: ein . „Aber was bedeutet das?"
„Es bedeutet, dass ich dich all die Jahre vermisst habe!", offenbarte sie ihm und richtete ihre meerblauen Augen das erste Mal auf seine azurblauen Augen und spürte, wie verzweifelte Tränen aus ihnen sprudelten, ihre geschlossenen Lider überfluteten, und silbern im Mondlicht aufblitzend sich ihren eigenen Weg an ihren Wangen hinab bahnten, bis sie, die Stille der einsamen Nacht durchbrechend, mit lautem Getöse auf das marmorne Gebilde schlugen, bevor sie die Hand auf ihren Mund schlug, um ihr Schluchzen zu verbergen und den Strom der salzigen Tränen zu stoppen.
Wie in Trance trat der junge Mann auf die gleichaltrige Frau zu, nahm zärtlich ihre noch immer ihren Mund bedeckende Hand in seine eigene und strich sanft eine Strähne ihres gelockt braunen Haares hinter ihr Ohr, bevor er seine zitternde Hand um die schlanke Hüfte der jungen Frau legte und sie fest an sich zog. Mit dem leisen Rascheln ihres schlichten, weißen, knielangen Kleides in der sanften Brise des Windes bemerkte Ranma die schlafende Eleganz seiner Freundin, deren wohlgeformter Körper sich nahezu perfekt an ihn schmiegte, während sie ihren Kopf dankbar an seine Schulter legte, und ihre Tränen langsam im roten Stoff seiner Kleidung versiegten.
Haltlos schluchzend suchte sie, nicht im aufgewühlten Meer ihrer Gefühle zu ertrinken, dessen turmhohe Wellen sich schäumend an jenem einsamen Fels in der Brandung brachen, in dessen rotes Hemd sich ihre zitternden Hände verzweifelt gegraben hatten, um sich selbst der Illusion des sicheren Halts hinzugeben, während das silberne Mondlicht, einem statischen Scheinwerfer gleich, die ineinander verschlungene, unbewegliche Figur zum Tanze bat. Lautlos zog der über dem herrlichen See wabernde Nebel hinfort in die eisigen Regionen der Wolken, während die beiden Erwachsenen in der starren Umarmung der Nacht verharrten, bevor die braunhaarige Frau sich sanft aus ihr löste und ihn beschämt anblickte.
„Es tut mir Leid", flüsterte sie, den Blick auf das kleine Podest richtend, auf dem die beiden standen, doch wurde sanft unterbrochen, als ihr Gegenüber ihr seine Hand auf die Schulter legte.
„Nein, ich muss mich entschuldigen, Malon", meinte er und deutete ein sanftes Lächeln an, als er vernommen hatte, wie sich die rubinroten Lippen seiner Freundin zu einem schwächlichen Lächeln verzogen hatten, der Nennung ihres Namens folgend. „All diese Zeit musstest du hier als Wächterin dienen, während ich diese sieben Jahre zu Hause verbringen durfte. Es tut mir Leid!"
„Sieben Jahre?", hauchte die junge Frau lautlos, ihr hoffendes Lächeln zerfallend in abertausend Splitter, die sich mit grausamer Gleichgültigkeit gemächlich in die silberne Seifenblase ihrer Traumwelt bohrten, bis diese zerplatzte und die Scherben ihres Lebens in dem aus dem Zerbersten ihrer Träume hervorgerufenen winterlichen Winde in alle Himmelsrichtungen zerstreut wurden, sodass sich ihre leeren Augen in seinen blauen Augen widerspiegelten, als sie verzweifelt versuchte, eine Lüge in seiner Äußerung zu erkennen. „Sieben Jahre waren es also?"
„Was meinst du?", fragte der junge Mann verwirrt, als er die tiefe Traurigkeit in den Tiefen ihrer Augen erkannt hatte, deren Leere ihn so sehr an seine Verlobte erinnerte, dass er sich unwillkürlich fragte, welche Schrecken ihm diese Spiegel zu ihren Seelen mit der Zeit offenbaren würden.
„Zeit", antwortete sie ihm abwesend, während neuerliche Tränen in ihren Augen aufwallten, die sie hastig mit ihrem rechten Handrücken, der von einem braunen Handschuh verdeckt war, fortzuwischen suchte, bevor sie fortfuhr: „Der Fluss der Zeit, der auch unsere Welt bestimmt, ist hier näher am Ursprung, an der Quelle der Zeit, und fließt deshalb schneller, reißender den Berg hinab als zu Hause."
„Was?", fragte Ranma nun noch verwirrter.
„Es ist eigentlich ganz einfach, Ranma", sagte sie lächelnd, da sie sich mit ihm an ihrer Seite an alte Zeiten erinnert fühlte. „Was ich all die Jahre befürchtet habe, ist tatsächlich wahr: obwohl Tag und Nacht hier dieselbe Länge haben wie zu Hause, vergeht die Zeit schneller. Für dich mögen seit dem letzten Besuch hier sieben Jahre vergangen sein, aber für mich – ich gehöre dieser Welt nun einmal nicht an und unterliege somit den Gesetzmäßigkeiten meiner, unserer Welt –, für mich sind hier in dieser Welt Jahre vergangen, nein Jahrhunderte, ich weiß es nicht mehr, denn irgendwann habe ich aufgehört, die Tage zu zählen."
„Aber wie?", fragte der Kampfsportler irritiert, während sein Blick über die schlanke Form seiner Freundin schweifte, den fehlenden Lederhandschuh an ihrer linken Hand erkennend, auf deren Rücken er verblasst drei goldene, gleichseitige Dreiecke vernahm, die Ecken des am höchsten sitzenden auf den Spitzen der beiden anderen verweilend, und somit ein größeres Dreieck bildend, bis sein fragender Blick auf den im sanften Licht des Mondes für wenige Augenblicke hell aufblitzenden Diamantringen hängen blieb. „Wie kann das sein? Wie kann hier so viel Zeit vergangen sein, ohne dass du dich geändert hast?"
„Wer sagt, dass ich mich nicht geändert habe?", antwortete sie ihm mit einem traurigen Lächeln und bedeutete ihm mit ihrer gehobenen linken Hand, zu schweigen, während sie enttäuscht und wütend zugleich auf den grünen und roten Ring an ihrem Mittel- und Ringfinger blickte. „Ich weiß, was du gemeint hast, Ranma: ich bin gealtert wie du, weil ich dieser Welt nicht angehöre, sondern unserer Welt; aber ich habe mich auch geändert. Ich bin nicht länger so naiv wie früher, und ich würde denselben Fehler nicht ein zweites Mal begehen."
„Malon? Was genau?", fragte der junge Mann besorgt, den Blick von den in reich verzierten, goldenen, ineinander verschlungenen Fassungen, auf denen die Diamanten ruhten, auf das mit einem Mal schreckensbleiche Gesicht der braunhaarigen Frau wendend, deren Hand sich blitzschnell um seinen Arm geschlossen hatte, und ihn mit aller Kraft vom Podest hinfort zerrte. „Was ist denn jetzt los?"
„Jemand kommt", antwortete sie ihm kurz angebunden, und blieb schwer atmend neben der kleinen Erhöhung stehen, ihre geweiteten Augen auf das Podest gerichtet, ihre zitternden Hände Halt suchend an seine starke Brust gelehnt, den beruhigend regelmäßigen Schlag seines Herzens fühlend, ihre Stimme bebend, als sie ihm befahl: „Umarme mich und blicke nur in meine Augen!"
„Jemand kommt?", fragte Ranma nun noch verwirrter, den Befehl seiner Freundin ignorierend, und versuchte zu begreifen, warum grenzenlose Furcht das ganze Wesen der jungen Frau eingenommen hatte.
„Ich verspreche dir, jede deiner Fragen zu beantworten, nur tue jetzt, was ich dir sage!", drängte sie ihn verzweifelt, während ihre blauen Augen ihn anflehten, ihren Worten Folge zu leisten. „Vertraue mir!"
Eindringlich suchten seine azurblauen Augen in jenen meerblauen Augen der braunhaarigen Frau nach einem Anzeichen, das ihm hätte helfen können zu verstehen, das ihm hätte erklären können, was um ihn geschah, doch fanden sie in ihnen nichts als die bloße Furcht vor dem Kommenden, sodass der junge Mann nach kurzem Zögern beinahe unmerklich nickte und seine Arme vorsichtig um die in den gesponnen Strahlen des Mondlichtes zerbrechlich wirkende Figur der Frau legte, die sich zuneigend in die Umarmung ihres Freundes legte, während ihre Hände zärtlich an seiner Brust bis zu seinem Hals wanderten, hinter dem sie sich liebevoll ineinander verschlossen.
Für den Bruchteil einer Sekunde vergaß Ranma die drohende Gefahr und versank, geleitet durch den heißen Atem der jungen Frau, der in der Kälte der Nacht kleinste Wölkchen in den spärlichen Raum zwischen ihren Gesichtern zauberte und über seine leicht geöffneten Lippen wehte, in wundervolle Träume längst vergessener Kindheitstage, die das feurige Blut in seinen Adern nur ein klein wenig erwallten, sein vor Leben bebendes Herz nur ein klein wenig schneller schlagen und seine ruckartige Atmung nur ein klein wenig unregelmäßiger werden ließen, während sein Mund das affektierte Lächeln der rubinroten Lippen seiner Freundin imitierte, bis er die Veränderung in seiner Umgebung wahrnahm.
Von weiter Ferne erschallte das schwache Wiehern eines stolzen Rosses, dessen Hufe, so leise war sein Galoppieren, von der Luft getragen zu sein schien, während das Schwarz der Nacht von einem durchdringenden Blau verdeckt wurde, das sich spiralenförmig schnell dem Podest näherte, bis es auf das marmorne Gebilde traf, dort in einen Regenbogen aus allen Farben zerbarst, die schneller als das Licht von der Schwärze der bitterkalten Nacht absorbiert wurden, und in ihrer Mitte somit einzig den schemenhaften Umriss einer menschenähnlichen Person zurückließen, der jedoch nach wenigen Momenten, in denen das schwache Nachleuchten der Farben verblasst war, mit der Dunkelheit verschmolz.
Indes leistete der junge Mann der Bitte seiner Freundin, ihr und nur ihr in die Augen zu blicken, Folge, sodass er das verwirrende Geschehen seiner Umgebung nur aus seinen Augenwinkeln wahrnahm; aber es war nicht nur um ihres Flehens willen, dass er sich nicht von ihr abwandte. Als das leise Trappen der Hufen des Pferdes an Intensität zunahm, erforschte Ranma die unverhohlen Zuneigung ausstrahlenden blauen Augen der Frau, die ihm so bekannt und zugleich so fern war, bis ihn ein einziges Wort einer wohl vertrauten Stimme aus der selbstauferlegten Trance riss, und ihn erschrocken und verwirrt die Bitte Malons vergessen ließ.
„Ranma?"
