Beinahe schwerelos schwebte die junge, schwarzhaarige Frau auf den stillstehenden Gewässern eines sattblauen Flusses dahin, auf denen die Zeit selbst nicht zu existieren schien, denn während sie ihren Blick in dem prächtigen Farbenspiel ihr bekannt vorkommenden Gefilde verlor, verging nicht eine Sekunde ihres Lebens, und doch glaubte sie, eine Ewigkeit und länger dahinzugleiten, bevor sie schließlich ihr unbekanntes Ziel erreichen sollte. Sie wusste nicht, wie sie an diesen wundersamen Ort gelangt war, war sie doch nur Augenblicke zuvor noch mit ihrem Verlobten in ihrem Bett gesessen, sie wusste nicht, wie sie hilflos auf einem Fluss treiben sollte, konnte sie doch nicht schwimmen, sie wusste nichts, und doch verstand sie, dass sie es würde geschehen lassen müssen, um ihr Ziel zu erreichen.

Unbewusst spürte sie, dass sich ihre Reise auf diesem Fluss ihrem Ende näherte, richtete sich auf, und warf einen letzten Blick auf den im Nebel der Zeit verblassenden, nächtlichen Regenbogen, der sie an längst vergangene Tage des Glückes erinnerte, bevor sich das Gewässer dem Boden zuneigte, und sie im Schein der satten Blauschattierung ein geschickt aus glänzend weißem Marmor gefertigtes Podest erblickte, neben dem sich ein Liebespaar, gefangen in der Unendlichkeit der Zeit, in des anderen Augen verlor. Einer vergessenen Göttin gleich an Eleganz setzte sie ihren schwerelosen, linken Fuß auf den kalten Marmor und spürte ihr eigenes Gewicht wieder, als auch ihr zweiter Fuß auf dem Boden der neuen Welt aufsetzte.

Ein bezauberndes Lächeln schmückte ihre rubinroten Lippen, als sie das sich liebende Paar im spärlichen Licht des in allen Farben des Regenbogens aufleuchtenden Flusses der Zeit beobachtete, bevor das prächtige Farbenspiel vom undurchdringlichen Schwarz der Nacht verschlungen wurde, jenes Paar, das sie so sehr an die wenigen, freudvollen Tage mit ihrem Verlobten erinnerte, an Ranma, der eine so erstaunliche Ähnlichkeit mit jenem Mann an der Seite der wunderschönen Frau, deren langes, rostbraunes Haar wellenförmig an ihrem schmalen Schultern und dem anmutigen, weißen Kleid hinab fiel, das ihr hinreißende Weiblichkeit lieblich betonte, aufwies, dass die junge Frau wenige Momente verblüfft auf dem Podest stehen blieb, ohne auch nur einen Atemzug der frischen Nachtluft nahm, bevor sie ungläubig seinen Namen ausrief.

„Ranma?"

Noch immer vollkommen verblüfft beobachtete die junge Frau, wie sich der angesprochene Mann ebengleich sprachlos aus der Umarmung mit der Frau an seiner Seite riss, um seine Verlobte mit vor Erstaunen weit geöffnetem Mund anzustarren, ohne auch nur einen Laut produzieren zu können, während ihre Augen verwirrt zwischen dem jungen Mann und der sie mit zusammengezogenen Brauen fragend anblickenden Frau huschten, versuchend, Sinn in diesen für sie unsinnigen Ereignissen der letzten Sekunden, Minuten oder Stunden zu finden, die ihr, als sie über all das Geschehene nachdachte, schreckliche Kopfschmerzen zu bereiten drohten.

„Akane?", fragte der junge Mann tonlos, nachdem das vollkommene Schweigen, das so drückend auf den Personen an diesem verzauberten See lag wie die undurchdringlichen Nebelschwaden der frühen Morgenstunden über den Gewässern der Welten hingen, und trat einen vorsichtigen Schritt auf die verwirrte junge Frau zu. „Was? Wie? Wo?"

„Wortgewandt wie eh und je", flüsterte die angesprochene Kampfsportlerin in die sanften Wogen des Windes hinein und beobachtete für einen kurzen Momenten, in dem all ihre Sorgen und Ängste in Vergessenheit gerieten, mit einem strahlenden Lächeln, wie die unsichtbaren Schwingen ihre gehauchten Worte an die Gefilde unbekannter Länder trugen, von denen sie niemals zurückkehren sollten. „Ranma, was geht hier vor sich? In einem Moment sitze ich in meinem Bett und im nächsten Moment stehe ich hier – wo auch immer das sein mag. Wo sind wir? Und wer ist sie?"

Bevor der junge Mann auch nur über eine zufriedenstellende Antwort auf die für ihn ebengleich verwirrenden Fragen nachdenken konnte, vernahm Ranma das kaum hörbare Rascheln eines Kleides in der leichten Brise des Windes und sah, wie seine Freundin aus vergessen geglaubten Kindheitstagen zu seiner Verlobten auf das Podest trat und ihr, ein freundliches Lächeln schenkend, die Hand darbot. Zögerlich, wenngleich noch immer lächelnd, nahm die junge Frau die Hand ihrer hübschen Konkurrentin an, während wohlklingende Worte ihrer bezaubernden Stimme ihre sinnlichen Lippen verließen, die selbst Berge zu bewegen zu vermögen schienen.

„Was hier vor sich geht, kann ich dir auch nicht beantworten", meinte die braunhaarige Frau freundlich, bevor sie die Hand ihres Gegenüber mit sanfter Gewalt drehte, um ihren unbedeckten Handrücken erkennen zu können, auf dem dasselbe Zeichen, das auch auf dem Podest eingemeißelt war, schwächlich aufleuchtete, und mit einem verwirrten Seitenblick auf den jungen Mann leise murmelnd fortfuhr, „aber es ist so, wie ich vermutet habe; nur, warum?"

„Was meinst du?", fragte Ranma und trat zu den beiden Frauen auf das Podest, sodass auch er die im spärlichen Licht des anbrechenden Tages schwächlich aufleuchtenden Dreiecke sehen konnte. „Wie kann das sein?"

„Ich verstehe es auch nicht", gab sie zu und blickte in seine fragenden Augen. „Es müssten zwei in einem sein, damit es Sinn macht, aber das kann unmöglich sein, nicht wahr? Aber anders kann ich es nicht erklären. Wie lange und gut kennt ihr euch schon, Ranma?"

„Nicht länger als zwei Tage", antwortete er ihr, bevor das Gespräch der beiden abrupt beendet wurde, indem die junge Frau ihre Hand aus der Hand der ihr noch immer unbekannten Frau nahm und sich laut räusperte, sodass die fragenden Blick der beiden Erwachsenen sich nun auf Akane richteten.

„Was geht hier vor sich?", fragte sie bestimmt und blickte abwechselnd ihren Verlobten und die Frau mit den rostbraunen Haaren an. „Und ich will keine ausweichende Erklärung, sondern eine verständliche Kurzfassung: wo bin ich, wer bist du, warum bin ich hier, und was passiert hier?"

Für einige unbequeme Augenblickte suchten die beiden angesprochenen Erwachsenen fragend in den Augen des anderen nach Antworten, sodass das erneute Schweigen Akane die Möglichkeit bot, die wunderschöne Frau zu betrachten: ernüchtert stellte sie fest, dass die Unbekannte ein wenig größer war als sie selbst, dass ihre kastanienbraunen Haare so voluminös und lang waren wie sie selbst es sich mit ihrem Haar wünschte, dass sich ihre Figur unter dem wundervollen, weißen Kleid deutlich weiblicher abzeichnete als ihre eigene, dass ihr kokettes Verhalten, als sie sich auf die Unterlippe biss, ihre weiblichen Reize noch auffälliger herausstechen ließ, dass sie wunderschön war, dies wusste, und geschickt einzusetzen vermochte.

„Am besten setzt du dich hin, denn das hier wird ein wenig länger dauern", meinte der junge Mann schließlich, nachdem er beinahe unmerklich mit den Schultern gezuckt und seine Freundin daraufhin zustimmend genickt, zugleich aber resignierend geseufzt hatte, bevor sie dem Paar nun den Rücken zudrehte und einen lauten Pfiff ausstieß, auf den das laute Wiehern eines Pferdes folgte, das mit Windeseile über die hölzerne Hängebrücke, die die Insel mit dem Festland verband, auf die drei Erwachsenen zugaloppiert kam. „Akane, das ist Malon, eine Freundin aus Kindheitstagen. Malon, das ist Akane, meine, ich meine, sie ist…"

„Seine Verlobte", half ihm die junge Frau mit einem ärgerlichen Blick nach und beobachtete den Rücken ihrer möglichen Rivalin, an dem sie jedoch keine Veränderung wahrnehmen konnte. „Schön, dich kennenzulernen!"

Während diese Worte ihren Mund verließen, traf das braune Pferd, dessen Mähne majestätisch in der kühlen Brise wehte, als es sein hoch erhobenes Haupt, als ob ihm die Worte missfielen, schüttelte, auf der Insel ein und bot seiner Besitzerin die Satteltaschen dar, aus denen sie schnell eine zusammengerollte Karte zog, bevor sie ihm einen liebevollen Klaps gab, der ihm zu verstehen gab, dass er nach Hause reiten durfte, und sich mit einem strahlenden Lächeln wieder den beiden Erwachsenen widmete, die Karte vorsichtig auf dem Podest ausbreitend, während das Pferd gemütlich auf das Festland zuritt.

„Es freut mich auch, dich kennenzulernen", begrüßte sie die schwarzhaarige Frau und blickte sie fragend an. „Ich nehme an, es handelt sich um eine arrangierte Hochzeit?"

„Woher?", wollte die junge Frau wissen, doch Malon signalisierte ihr mit einem ungeduldigen Winken, dass sie sich setzen sollte, während sie die Karte ausbreitete.

„Ranma meinte, er kenne dich erst seit zwei Tagen", rief sie der jungen Frau ins Gedächtnis und blinzelte ihr lächelnd zu, als diese zunehmend verwirrt blickte. „Ich kann eins und eins zusammenzählen, schließlich bin ich die Botin der Weisheit. Und bevor du nun fragst, was es damit auf sich hat, erzähle ich es dir lieber gleich: Siehst du das auf dem Podest eingemeißelte Symbol? Es repräsentiert den heutigen Glauben der Menschen an drei Göttinnen der Weisheit, des Mutes, und der Stärke."

Während die braunhaarige Frau der sie neugierig beobachtenden Fremden alle Fragen zu beantworten versuchte, strich sie zärtlich mit ihrer rechten Handfläche über den kalten Marmor und hielt dabei für wenige Augenblicke auf jedem der drei Dreiecke, deren Seiten zusammen die langen Seiten eines größeren Dreieckes bildeten, in dessen Mitte der weiße Marmor ein viertes, umgekehrtes Dreieck zeigte, inne, um dessen jeweilige Bedeutung zu verdeutlichen, bevor sie dem sie fragend anblickenden Mann ein bezauberndes Lächeln schenkte.

„Vor vielen, vielen Jahren drohte die Natur der hier in dieser Welt lebenden Menschen und Göttern, sich selbst und die Welt mit sich zu zerstören, und so beteten die wenigen vernünftigen Menschen zu den ihnen unbekannten Göttern, ihnen in dieser Zeit der Not Beistand zu leisten", setzte sie ihre Erklärung fort, den verstimmten Blick der schwarzhaarigen Frau nicht wahrnehmend. „Durch ihre gemeinsame Anstrengung gelang es ihnen, eine Brücke über den Fluss der Zeit, der sich stetig in nur eine Richtung bewegen sollte, zu schlagen, und Ranma und mich als Kinder aus unserer Welt in ihre zu holen, wo sie uns als Götter der Weisheit und des Mutes proklamierten. Mit der Hilfe der Prinzessin der Menschen schafften wir es nach zahllosen Konflikten, Frieden zwischen den Menschen, den selbsternannten Göttern und den Monstern herzustellen."

„Fluss der Zeit? Götter? Monster?", fragte Akane noch verwirrter als zuvor und bat ihren Verlobten mit einem ratlosen Blick um eine Erklärung. „Wovon redet ihr da? Und wo sind wir eigentlich?"

„Zeit, Akane, ist fließend", versuchte die junge Frau, ihr das Phänomen zu beschreiben. „Wie ein tatsächlicher Fluss schreitet sie stets in eine Richtung voran, hat aber auch Seitenarme und Kurven. Wir alle treiben auf dem Fluss der Zeit, ohne uns dessen bewusst zu sein, und auf den verschiedenen Abschnitten des Flusses existieren verschiedene Welten, die eine fließt schneller, da sie näher an der Quelle der Zeit ist, die andere langsamer, da sie weiter von ihr entfernt ist. Alle diese Welten sind miteinander verbunden, und uns doch verborgen, da wir sie nur betreten können, wenn wir die Zeit selbst beherrschen, im Fluss zu schwimmen vermögen; aber nur sehr, sehr wenige Menschen haben diese Fähigkeit. Bist du nicht selbst vor wenigen Momenten auf genau diesem Fluss getrieben?"

„Nun, ich hatte das Gefühl, auf einem Fluss zu treiben", gab die angesprochene Frau zu, schüttelte aber energisch ihren Kopf, „aber das kann unmöglich sein! Die Zeit ist doch kein Fluss! Das kann einfach nicht sein!"

„Es ist aber so", stellte Malon gutmütig fest. „Ich weiß, dass es sehr schwer zu glauben ist, ich habe selbst lange gebraucht, um diese Tatsache zu verarbeiten; am besten, ich versuche dir die Theorie praktisch zu erklären: Hattest du noch nie ein Déjà-vu, das Gefühl, etwas wäre bereits geschehen, doch tatsächlich ist es das nicht? Manchmal treiben wir vom Hauptstrom der Zeit in einen Seitenarm, der schneller fließt, und wenn wir dann auf den langsamen Hauptstrom zurückkehren, ist unsere Realität für einen Moment zu schnell. Bis dieser Fehler korrigiert ist, leben wir zwei parallele Realitäten, vergessen die schnellere Zeit allerdings, sobald wir wieder im Tempo des Stroms dahin treiben, aber manchmal, nur manchmal erlaubt uns unser Verstand, diese andere Realität zu erblicken, und wir denken, wir hätten ein Ereignis schon einmal erlebt."

„Aber wenn das, was du sagst, tatsächlich wahr ist", versuchte die junge Frau, die gesamte Tragweite der nahenden Erkenntnis zu begreifen, obwohl ihr die Vorstellung eines Flusses der Zeit seltsam fremd, doch die möglichen Implikationen eines solchen Konstruktes noch viel erschreckender erschienen, „wenn das wirklich wahr sein sollte, heißt das dann, dass man die Zeit selbst…"

„Ja", antwortete Malon den beiden erstaunten Erwachsenen ernst. „Ich denke, es müsste möglich sein, aber selbst ich habe noch nicht herausgefunden, wie man die Zeit selbst beeinflussen könnte, obwohl ich seit vielen Jahren den Fluss der Zeit erforsche. Was aber jetzt wichtiger ist, Ranma, ist der Grund, warum du wieder hier bist; das Land ist…"

„Warte!", unterbrach Akane Malon, die ihr zunächst einen verwirrten Blick, da sie durch das Gespräch über den Fluss der Zeit vergessen hatte, dass der Neuankömmling noch immer nicht alles verstanden hatte, dann jedoch ein entschuldigendes Lächeln schenkte, während sie konzentriert ihren Worten lauschte. „Wenn der Fluss und diese Welt also wirklich existieren, und die Menschen Ranma und dich als Götter sehen, dann kann ich verstehen, warum Ranma hier ist, aber warum ich?"

„Das", meinte die junge Frau nachdenklich und wechselte einen flüchtigen Blick mit ihrem Freund, „ist eine gute Frage, vor allem, da ihr beide das Zeichen des Mutes innehaltet. So absurd es auch klingen mag, wäre eine solche Teilung nur möglich, wenn eure Wesen verbunden wären."

Bevor die junge Frau die Worte der hübschen Braunhaarigen erwidern, bevor sie auch nur einatmen konnte, flackerte der die Tiefen ihrer Erinnerung erhellende Schein einer brennenden Kerze vor ihrem inneren Auge auf, der die undurchdringliche Finsternis der ihr so vertrauten und zugleich gefürchteten Umgebung erleuchtete, und ihr den Blick auf einen im lodernden Schein tausender Kerzen aufleuchtenden Fluss gewährte, in dessen kalten Tiefen ihr vergangenes Selbst ihre Zeit mit ihrem Verlobten teilte, indem sie ihm die Hälfte ihrer hell flackernden Kerze vermachte, um sein Leben zu retten; als sie sich selbst im Fluss der Zeit sah, verstand sie, dass seine Existenz keine Lüge sein konnte, verstand sie, dass sie zusammen mit ihrem Verlobten hier war, da ihre Leben aufgrund ihrer Tat für immer miteinander verbunden sein würden.

„Der Fluss der Zeit, er existiert wirklich", murmelte sie geistesabwesend in die kalte Nachtluft, während sie in die Ferne der ihr unbekannten Welt starrte, ohne zu sehen, was sie dort erwarten würde.

„Ich freue mich, dass du mir glaubst", meinte die junge Frau und riss Akane damit aus ihren Gedanken. „Und Rauru wird sicherlich eine Antwort haben, warum du hier bist und das Zeichen des Mutes trägst; aber das ist jetzt nicht wichtig: wir befinden uns in dieser Welt nahe an der Quelle der Zeit, das heißt, die Zeit vergeht hier deutlich schneller als bei uns, da der Strom schneller hinab fließt; und obwohl Tag und Nacht dieselbe Länge wie zu Hause haben, sind seit seinem letzten Besuch in dieser Welt vor sieben Jahren in eurer Welt mehrere hundert Jahre in dieser Welt vergangen und alte Konflikte neu ausgebrochen."

„Welche Konflikte?", fragte Akane verwirrt in dem verzweifelten Versuch, nicht über ihre eigene Erkenntnis nachzudenken.

„Schau hier", sagte Malon und gestikulierte in die Richtung der Karte, die sie auf dem Podest ausgerollt hatte. „In dieser Welt hat der Fluss der Zeit viele Seitenarme, die an verschiedenen Positionen auf diese Welt treffen und ihr versickern, sodass diese Welt von reiner Energie der Zeit durchdrungen ist. Vor vielen Jahren lebten an diesen Positionen verschiedene Menschenstämme, die sich aber nach und nach diese Energie zunutze machten und sich veränderten. Sie glauben, dass es Magie sei oder etwas noch absurderes, nur weil sie nicht verstehen, dass die Zeit selbst dafür verantwortlich ist. Da sich die verschiedenen Stämme verschieden entwickelten, entstanden Konflikte, wer wem überlegen sei."

„Und?", fragte Akane. „Geschieht das nicht auch in unserer Welt?"

„Das mag sein", stimmte ihr Malon zu, „aber überlege, welche Gefahr besteht, wenn du die Energie der Zeit selbst verwendest, um deine Meinung zu betonen. Es kann katastrophale Folgen haben und die Zeit selbst beeinflussen; deshalb haben Ranma und ich mithilfe der damaligen Prinzessin versucht, die Interessensgegensätze auszugleichen, indem wir den Zora, den Goronen, und…"

„Wovon sprichst du?", mischte sich Ranma, der den Erklärungen der jungen Frau stillschweigend gefolgt war, um seiner Verlobten die Möglichkeit zu geben, die Welt, in der sie nun gefangen waren, zu verstehen. „Wer sind Zora und Goronen?"

Als Ranma geendet hatte, erschallte das glockenhelle Lachen der jungen Frau in der Stille der Nacht, wurde von der Oberfläche des ruhigen Wassers zurückgeworfen und tausendfach verstärkt, als es an die entfernten Gefilden des Festlandes wanderte und den Tag mit seiner Helligkeit herbeizurufen schien, während es in die Herzen der Menschen um sie herum eindrang und alle Ängste und Sorgen vertrieb, sodass Akane und Ranma nichts als reine Freude empfanden, als sie der wohlklingenden Stimme der Frau lauschten, die sie verzaubert zu haben schien.

„Ach, es ist Jahre her, seit ich das letzte Mal so aus vollstem Herzen gelacht habe", gestand sie, nachdem ihr Lachen verklungen war und die Nacht ein weiteres Mal Einzug in die Welt fand. „Ich habe ganz vergessen, dass du die neuen Namen der Bewohner dieses Landes gar nicht kennen kannst; über die Jahrhunderte haben sich die Völker und deren Reiche verändert und so auch ihre Namen. Komm, ich zeige es dir auf der Karte."

Noch immer lächelnd fuhr die junge Frau mit ihrem rechten Zeigefinger über die verschiedenen, markierten Orte auf der staubigen Landkarte und richtete ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den schwarzhaarigen Mann an ihrer Seite, während sie ihm die Namen der Landschaften aufzählte. Schweigend hörte Akane den Worten von Malon zu, doch ruhte ihr Blick nicht auf der Karte, sondern auf den beiden Erwachsenen auf dem Podest, die ihre Anwesenheit in dieser fremden Welt vollkommen vergessen zu haben schienen, als sie sich über die Gegebenheiten der verschiedenen Völker unterhielten.

Ruhig beobachtete Akane die braunhaarige Frau an der Seite ihres Verlobten und versuchte, sich einzureden, dass sie nicht mehr als eine Kindheitsfreundin aus längst vergessenen Tagen war, doch glaubte sie, ein jedes Mal, wenn der Blick der jungen Frau unbemerkt und unbewusst auf den schwarzhaarigen Kampfsportler fiel, das sehnsüchtige Glimmen einer beinahe erloschenen Glut erkennen zu können, die schlafend auf der Feuerstelle ihres Herzens lag, bedeckt von der Asche tausender, ein einst mächtig loderndes Feuer speisender Holzscheite, die jedoch durch die Ankunft ihres Freundes in dieser Welt hinfort geweht zu werden schien.

Je länger Akane die beiden beobachtete, desto sicherer wurde sie sich, dass jener tobende Wirbelwind, der auch ihr Herz im Sturm erobert hatte, dem Feuer im Herzen der jungen Frau neues Leben einhauchte, desto sicherer wurde sie sich, dass Malon nicht nur eine Freundin aus Kindheitstagen war, desto sicherer wurde sie sich, dass sie in ihr eine Rivalin sah, doch erinnerte sich in ebenjenem Moment an die Tatsache, dass Ranma und sie mit einem so starken und unzertrennbaren Band des Schicksals verbunden waren, dem nur ein einziges Hindernis in den Weg gelegt war.

„Nein", hauchte sie mit vor Schrecken geöffneten Augen. „Der zweite Faden, das kann nicht wahr sein!"

„Akane?", hörte sie die besorgte Stimme ihres Verlobten, die sie sanft aus ihren Gedanken riss, sodass sie gezwungen war, die verwirrten Blicke der beiden Erwachsenen entschuldigend zu erwidern. „Alles in Ordnung?"

„Ja", presste Akane verlegen hervor, während sie der zufrieden nickenden Frau einen nachdenklichen Blick schenkte. „Ja, bitte erkläre weiter, was es mit den Völkern auf sich hat."

„Aber natürlich", meinte Malon, widmete ihre Aufmerksamkeit wieder der Karte. „Hier, im Zentrum des Landes, liegt meine Farm. Früher war dort ein verlassener, düsterer Ort, den die Menschen Hel nannten. Im Norden wohnen die Hylianer, die selbsternannten Götter, in der einzigen Stadt des Landes, die du unter Asgard kennst, in der sich auf die Zitadelle der Zeit befindet, die einzig gebliebene Erinnerung an Vanaheimr, dessen wenige Bewohner noch immer den Schatz der Zeit hüten, doch nur auf Bitte Einlass in ihr Reich gewähren; im Nordosten des Landes leben die Menschen im Dorf Kakariko, das du als Midgard kennst, während im Westen des Landes das Gerudotal und die Wüste befinden. Dort leben die Gerudo, die Lichtelfen, eine unberechenbare Rasse, die keine Männer dulden, und die gutmütigen Goronen, die Felsriesen. Du kennst es als Alfheimr und Jötunheimr. Wir befinden uns ganz im Süden des Landes am Hylianischen See, den die Zora, die Eisriesen, ihr Eigen nennen – genau wie ihr Reich im Nordosten des Landes, das du als Niflheimr kennst. Über ihrem Reich thront der Todesberg, in dem die feuerspeienden Riesen, die Dodongo, leben. Du kennst ihn als Muspelsheimr. Und ganz im Südosten, weit von allen anderen Völkern entfernt, ist das Heim der Zwerge, die sich selbst als Kokiri, niemals das Erwachsenenalter erreichende Kinder, bezeichnen, im Kokiriwald, in dem auch der große Dekubaum lebt, der nach dem Glauben der Kokiri alle Welten miteinander verbindet."

„Also haben wir den Zora, den Goronen, und den …", begann Ranma, die Erklärung fortzusetzen, doch bemühte sich vergebens, sich an den Namen der Zwerge zu erinnern.

„Kokiri", half die junge Frau lächelnd nach und wandte sich wieder direkt an Akane. „Wir haben diesen drei Völkern je einen Diamantring gegeben, die zu dritt in Zeiten der Not das Tor zum Schwert der Zeit in der Zitadelle der Zeit öffnen können; allerdings hat dieser Kompromiss nicht lange für Frieden gesorgt und…"

„Warte", unterbrach Akane die junge Frau seufzend und vergrub ihren Kopf in ihren Händen, um besser nachdenken zu können, während sie ihre Augen schloss. „Das sind einfach zu viele Informationen! Im Norden leben also Hylianer, selbsternannte Götter? Warum sind sie Götter? Und sie hüten was in der Zitadelle der Zeit? Und wer sind Zora, Goronen, Gerudo, und Kokiri?"

„Keine Angst, du wirst es alles verstehen, wenn du sie siehst", meinte die junge Frau beruhigend. „Die Hylianer sind selbsternannte Götter, da sie den Strom der Zeit besser als alle anderen Völker zu verstehen wissen, und damit Kräfte haben, die den anderen unbekannt sind; deshalb stellen sie auch den König des Landes. Sie hüten in der Zitadelle der Zeit ein Schwert, das vor vielen, vielen Jahren von einem Meisterschmied gefertigt wurde und in dem die reine Energie der Zeit fließt, sodass ihm keine der Besonderheiten der verschiedenen Völker seine Macht zu brechen vermag. Nur mit diesem Schwert können wir es wagen, die Konflikte zu lösen."

„Was für Konflikte denn?", fragte Akane nach einem kurzen Moment des Schweigens, in dem sie versuchte, die Vielzahl an verrückten Informationen in diesem seltsamen Land zu verarbeiten, die auf sie eindrangen.

„Nun, im Todesberg haust ein riesiger Drache, der den Vulkan zum Ausbruch zwingt und damit die Menschen am Fuße des Vulkans in Lebensgefahr bringt", begann die junge Frau ihre Aufzählung. „Aber wir können nicht in den Berg, da die Feuerechsen jeden, der sich ihrem Heim nähert, angreifen. Die Goronen würden uns helfen, da sie so stark wie sie sind und das Feuer der Dodongo aushalten, aber sie schaffen es nicht, über den Treibsandfluss zu gelangen, den die Hylianer aus Furcht vor ihnen angelegt haben. Dazu kommt, dass die Zora die Wasserversorgung der Menschen abschneiden, da die Hylianer ihnen diesen See nicht zugestehen wollen, und die Kokiri schotten sich von der Außenwelt komplett ab, da die Menschen Teile ihres heiligen Waldes gefällt haben, um sich selbst Häuser zu bauen."

„Und warum sollen wir uns darum kümmern?", fragte die zunehmend verwirrte junge Frau sichtlich irritiert, während sie ihren Verlobten anblickte. „Warum du? Du gehörst noch nicht einmal zu dieser Welt!"

„Weil wir vom Schicksal gezeichnet sind", erklärte Ranma ihr langsam, seine rechte Hand, auf der das Zeichen nach wie vor blass schimmerte, hebend. „Und wenn wir es nicht tun, wer tut es dann? Meine Pflicht als Kampfsportler ist, denjenigen, die sich nicht selbst helfen können, zur Seite zu stehen."

Nachdenklich blickte die junge Frau in jene azurblauen Augen des schwarzhaarigen Mannes, in denen sie sich schon so oft verloren hatte, und erkannte in ihnen eine unumkehrbare Entschlossenheit, den Menschen diesen Landes zu helfen, dass ihre eigenen Einwände und Sorgen mit der kühlen Nachtbrise hinfort zu wehen schienen und sie ihm langsam zunickte.

„Gut", unterbrach Malon den schweigsamen Moment und rollte die Karte wieder zusammen. „Wenn du keine Fragen mehr hast, dann können wir uns jetzt zu Rauru aufmachen, denn er erwartet uns bereits."

„Malon?", fragte Ranma vorsichtig, nachdem er einen kurzen Blick mit seiner Verlobten gewechselt hatte. „Zu Fuß brauchen wir bis zur Stadt sicher zwei oder drei Tage und wie du siehst, haben weder Akane noch ich passendes Schuhwerk oder passende Kleidung. Außerdem ist es noch nicht einmal Morgen. Können wir uns vielleicht nicht eine Stunde irgendwo ausruhen?"

„Ah", meinte Malon amüsiert und deutete auf das Podest, auf dem die drei noch immer standen. „Zeit spielt in diesem Fall keine Rolle. Ich habe euch gesagt, dass die Seitenarme des Flusses der Zeit auf dieser Welt auftreffen, nicht wahr? Nun, soweit ich weiß, passiert das an genau sechs Orten, das heißt, es gibt sechs Seitenarme, in jeden einzelnen von denen man eintauchen kann, wenn man nur weiß, wie. Da es in der Zeit selbst aber keine Zeit gibt, gelangt man also, ohne auch nur eine Sekunde zu verlieren, an den Ort, an dem die Zeit auf die Erde trifft; und das heißt…"

„Das heißt, dass man von einem Ort an den anderen gelangen kann, ohne Zeit zu verlieren, egal, wie weit er auch entfernt sein mag", folgerte Akane und starrte die beeindruckt nickende Frau erstaunt an. „Und du kannst das?"

„Nun ja", relativierte Malon die Frage ihres Gegenübers mit einem unschuldigen Schulterzucken. „Ich kann nur hierher und in die Zitadelle der Zeit gelangen, aber die anderen Orte habe ich noch nicht erforschen können."

„Was soll das bedeuten?", fragte Ranma gespannt. „Wenn du in den Fluss der Zeit eintauchen kannst…"

„Genau da liegt das Problem", unterbrach ihn Malon lächelnd, indem sie seine Hand nahm. „Es ist nicht einfach, in den Fluss einzutauchen, denn wenn es das wäre, würde es natürlich jeder machen, nicht wahr? Jeder Ort, an dem ein Seitenarm in die Erde eintaucht, ist von einem bestimmten Element geprägt; dieses Element musst du vollkommen verstehen, um den Seitenarm des Flusses vollkommen verstehen zu können und in ihn einzutauchen. Aber selbst wenn du dieses Element verstehst, musst du noch auf den Fluss zugreifen können, und das kannst du nur, wenn du die Melodie des Elementes kennst."

„Die Melodie?", fragte Ranma verwirrt.

„Die Melodie des Elementes", wiederholte Malon, während sie seine Hand drückte. „Hast du noch nie gehört, dass Musik zeitlos ist? Jedes Element hat seine eigene Melodie, die Musik der Zeit, die es trägt, und die uns erlaubt, in den Fluss einzutauchen. Mach dich bereit."

Und mit diesen Worten begann Malon ein Lied zu singen, ein Lied von solcher Schönheit, dass Akane für einen Moment ihre Augen schloss und nur der wunderschönen Stimme der braunhaarigen Frau lauschte, die über den See zu gleiten schien; es war ein Lied, das alle Facetten des Wassers in seiner unzählbaren Vielfalt in sich vereinte: es war eine einfache und klare Melodie, die zugleich von der ruhigen Schönheit des stillen Gewässers im sich brechenden Licht der Sonne wie von der unzähmbaren Wildheit der tosenden Gefälle erzählte, von den verschiedenen Formen, die es annahm, von seiner Tiefe und unberechenbaren Kraft, von seinem lebenspendenden Sein, von Regen, der Flüsse speiste, die wiederum in unendliche Meere trieben, es war eine einfache und klare Melodie, die vom wahren Wesen des Wassers erzählte.

Als die Stimme der Frau nach wenigen Sekunden verblasste, öffnete Akane ihre Augen und erblickte erstaunt, dass Ranma und Malon verschwunden waren, dafür aber ein sattblauer Funkenregen vom Himmel auf sie und das Podest herabzuschneien schien, in dessen Mitte sich die beiden Erwachsenen kristallisierten, als er das Podest erreichte, bevor er in alle Farben des Regenbogens zerbarst und sich schnell im undurchdringbaren Schwarz der Nacht auflöste. Fasziniert betrachtete Akane das bezaubernde Farbenspiel, in dessen Mitte sie sich befand, und ließ unbewusst ihr gesamtes Wesen mit dem Element des Wassers durchfluten, wie es ihr Meister einst gelehrt hatte, während das Lied des Wassers in ihrem Herzen anschwoll, bis es ihr Herz zum Überlaufen brachte, und es aus ihren Lippen hervorbrach, bevor sie sich stoppen konnte.

Für einen Wimpernschlag hatte Ranma seine Augen während des wundervollen Gesangs seiner Kindheitsfreundin geschlossen, um ihre Stimme in vollen Zügen genießen zu können, und den Fluss der Zeit gespürt, auf dem er nun, nachdem er seine Augen wieder geöffnet hatte, hinunter auf das Podest trieb, auf dem seine Verlobte auf ihn wartete; doch Akane schien ihn nur kurz wahrzunehmen, bevor sie begann, dasselbe Lied zu singen, das Malon verwendet hatte, um in den Fluss der Zeit einzutauchen. So schön die Stimme seiner Freundin gewesen war, war sie doch kein Vergleich zu jenem Gesang, den seine Verlobte nun lächelnd anstimmte, jenen Gesang, der das Wasser in seinem Körper, das Wasser in seinem Blut zum Kochen brachte und ihn mit der verlangenden Wildheit des Wassers erfüllte, die seine Sinne zu vernebeln drohte, doch noch während seine schwerelosen Füße auf dem Podest aufsetzten, verschwand die junge Frau vor seinen Augen und mit ihr seine unzähmbare Wildheit.

„Wie, wie?", stammelte Malon verblüfft, als Akane im Fluss der Zeit verschwand und ließ die Hand ihres Freundes fallen. „Wie hat sie das gemacht?"

„Ich habe keine Ahnung", antwortete Ranma. „Aber du kannst sie gerne selbst fragen, da kommt sie."