Kapitel 1: Überbleibsel
Es war dunkel, feucht und zugig. Das hatten die abgelegenen, grob aus dem Stein gehauenen Gänge in Tronjheim so an sich. Die in denen nur selten etwas herumlief, was größer war als Ungeziefer. Abgesehen von einer in Schwarz gehüllten Gestalt, die sich leise im düsteren Zwielicht voran schlich.
Ihr folgten drei gut ausgerüstete Zwerge. Sie alle hatten ihre Harnische, Stiefel und Waffen mit Lumpen umwickelt die sie davon abhielten zu klappern.
Seit geraumer Zeit wurden immer mehr Zwerge die in der Nähe unbewohnter Gänge lebten und arbeiteten verschleppt und kehrten nicht zurück.
Irgendwelche dunklen Mächte waren hier am Werk und Garth hatte es sich zur Aufgabe gemacht herauszufinden was dahinter steckte.
Schon seit Wochen waren sie auf der Jagd nach dem Wesen, was die Zwerge zu einem großen Teil in Angst und Schrecken versetzte. Nach einiger Arbeit hatten sie schließlich das Ungetüm verfolgen können, zu Fuß, denn die Magier waren nicht fähig gewesen etwas aufzuspüren, allerdings waren sich alle einig gewesen, dass etwas da war, was ihre Leute tötete. Für die Krieger, und für Garth war klar gewesen, dass sie etwas tun mussten, egal wie hoch der Preis dafür war. Und so hatten sie gelauert, in Grüppchen verteilt und hatten gehofft, dass das "Monster" wieder zuschlagen würde. In dem Wissen, dass es mindestens ein Opfer geben würde. Aber sie waren breit, dieses Risiko einzugehen, ansonsten wären noch weit mehr in Gefahr, als es bisher der Fall gewesen war.
Nun hatte das schattenhafte Wesen wieder zugeschlagen. Es hatte eine Zwergin erwischt.
Beinahe lautlos war sie gestorben und wurde beinahe zu schnell für das menschliche Auge oder dem eines Zwerges in die weniger zugänglichen Gänge gezerrt.
Sie hatten nicht lange gezögert, waren dem Untier aus mehreren Richtungen gefolgt um es endlich zu stellen und zu töten.
Garth befand sich an der Spitze einer der drei Gruppen und schlich voran, nicht weil er den besten Orientierungssinn hatte, sondern weil er der Einzige der Anwesenden war der etwas Magie beherrschte und abgemacht war, dass er das Angriffsignal gab.
Er passte nicht ins Bild, ragte über den Zwergen auf und ging meist etwas geduckt durch die tief liegenden Gänge, in denen sie sich im Moment befanden.
Was ganz einfach daran lag, dass er ein Mensch war.
Mit einem schnellen Handzeichnen blieb er stehen, so dass die Drei die ihm folgten ruckartig anhielten.
Wenn ihn nicht alles täuschte hatte der schwarzhaarige, junge Mann ein Geräusch gehört.
Eine Scharren und Knacken, gefolgt von Reißen.
Es klang eklig und ein Schauer lief seinen Rücken hinab. Seine drei Gefährten hatten es ebenfalls gehört und verzogen leicht das Gesicht. Wobei aber auch Wut in ihren Augen aufblitzte.
Vorsichtig spähte er um die nächste Biegung des Ganges.
Was er erblickte ließ ihn beinahe würgen. Die junge Zwergin, Ugrima, die als letztes verschwunden war lag tot in der Mitte des sich ausbreitenden Raumes.
Ihr Körper war entsetzlich verdreht und sie blickte Garth aus starren, trüben Augen entgegen.
Über ihr gebeugt befand sich eine dunkle Gestalt in einen matten Umhang gehüllt.
Daraus hervor blitzte ein schwarz glänzender Schnabel, der sich gierig über die tote Zwergin hermachte. Ihrer Achtsamkeit und dem Hunger der Kreatur war es zu verdanken, dass sie bisher noch nicht aufgefallen waren...
Vorsichtig zog Garth den Kopf zurück und gab ein Zeichen. Er griff nach einem magischen Stein in seiner Hosentasche, kaum hatte er das entsprechende Wort geflüstert, ertönte Kampfgebrüll aus einigen weiteren Gängen die sich in die Höhle vor ihm ergossen.
Zwerge stürzten aus den Gängen genau auf die Gestalt zu.
Seine drei Gefährten sprangen ebenfalls mit gezückten Waffen aus dem Dunkel.
Ein ohrenbetäubendes Kreischen erklang, als das hässliche Wesen aufsprang, so schnell nach einem Schwert griff, dass es eher einem kurzen Flimmern glich und sich sogleich zur Wehr setzte.
Unter den kräftigen Hieben des Ra'zac, wie Garth erkannte... allerdings nur von Beschreibungen aus Büchern, ging ein Zwerg verletzt zu Boden.
Aber anders konnte er sich das hässliche Wesen nicht erklären, dessen schwarze, riesigen, liedlosen Augen im matten Licht schimmerten. Es schien weder ein Vogel noch ein Insekt zu sein, woran es am Meisten erinnerte.
Zum Glück waren sie weit in der Überzahl. Sie waren zu 12.
Mit einem Angriffschrei, der seinesgleichen suchte stürzte er sich mit ins Getümmel.
Er sprang über den sich windenden Zwerg am Boden und holte aus, um den Ra'zac mit seinem Anderthalbhänder zu töten. Aber das Biest wich aus, drehte sich mit einer blitzschnellen Bewegung zu ihm und stieß ihn zurück, nur um nachzusetzen und zu einem nächsten Hieb auszuholen, den der Schwarzhaarige unmöglich hätte blocken können.
In jenem Moment sprang Wengalf in die Angriffsbahn und schlug ihrer aller Gegner mit einem Knochenbrechenden Hieb seines Hammers davon, der leider ins Leere ging und nur einen Brocken Stein aus dem Boden schlug. Ein kräftiger Fluch war zu vernehmen.
Garth hatte die Gelegenheit genutzt um sich aufzurichten.
Um ihn herum herrschte ein wahres Durcheinander. Das Wesen war unglaublich schnell, war einmal hier und einmal da und es schien geradezu so, als ob der Trupp Zwerge keinerlei Herausforderung für den Ra'zac darstellte. Sie brauchten Verstärkung, wenn sie keine Niederlage hinnehmen wollten und er versuchte sich an einem kleinen Zauber, der Hilfe rufen sollte. Er wusste nicht, ob der Zauber gewirkt hatte, das festzustellen hätte zu Lange gedauert. Garth würde es bemerken, wenn hoffentlich Verstärkung eintraf, die sie bitter nötig hatten.
Das vogelartige Vieh hatte wohl seine Bemühungen bemerkt und stand schließlich direkt vor ihm. Er war so überrascht, dass seine Oberarmmuskeln nur kurz zuckten in dem Versuch sein Schwert hochzureißen, aber es brachte nichts, kaum hatte er den Arm die Hälfte des Weges bewegt drang ihm ein wirklich widerwärtiger Gestank in die Nase.
Die Wirkung setzte augenblicklich ein.
Ihm wurde zu der nicht zu verübelnden Übelkeit, schwummrig und schließlich spürte er seine Arme und Beine nicht mehr.
Nur durch einen dünnen Schleier bekam er noch mit, dass er auf dem Boden aufgekommen war. Der Schmerz der durch seinen Körper zucken sollte, ob des ungebremsten Sturzes drang nur dumpf in seinen Geist. Er konnte nur noch kurz mit ansehen, wie die Zwerge gegen das Ungetüm kämpften, ein weiterer seiner Gefährten nahe bei ihm zu Boden ging, dann traf ihn etwas am Kopf und schließlich schwanden ihm die Sinne vollkommen.
Als er wieder zu sich kam, spürte er eine weiche Matratze unter sich.
Garth' Schädel dröhnte und noch immer hing ihm der faulige Gestank des Atems dieses hässlichen "Dings" in der Nase.
Aber er konnte sich wieder bewegen und der Schmerz drang deutlich in sein Hirn. Sehr deutlich. Stöhnend fuhr er sich übers Gesicht und versuchte die Augen etwas zu öffnen.
Es funktionierte ganz gut nur ein paar schwach leuchtenden Lampen hingen in dem Raum.
Er befand sich in seinem Zimmer. An seinem Bett saß seine Mutter, über einem Buch eingeschlafen was sie gelesen hatte.
Garth runzelte die Stirn. Das letzte woran er sich erinnern konnte war dieser stinkende Abschaum gewesen. Und jetzt war er zuhause in seinem Bett. Er hoffte diese Pest hatte ein Ende gefunden. Vorsichtig rappelte er sich auf und schwang die Füße über die Kante des steinernen Bettes. Augenblicklich ergriff ihn Schwindel und er krallte sich am Bett fest und versuchte weitere verräterische Geräusche zu vermeiden um seine Mutter nicht aufzuwecken. Was leider nach hinten los ging.
Sie zuckte zusammen, blinzelte und warf Garth einen tadelnden Blick zu.
"Leg dich wieder hin, Junge!", zischte sie drohend, klappte das Buch zu und drückte den Schwarzhaarigen mit sanfter Gewalt wieder in die Kissen.
"Mutter, mir geht es gut!", brummte er und verzog verärgert das Gesicht.
"Wenn es dir gut ginge, wärst du keine Woche bettlägrig gewesen!", fuhr sie ihn an und seufzte dann tief auf.
"Garth... ich bin froh, dass du überhaupt noch lebst!", sie setzte kurz aus und fuhr sich durch die langen braunen Haare die von grauen Strähnen durchzogen wurden.
"Es ist den Kriegern nur mit Müh und Not gelungen ... dieses Untier zu töten. Nur Dank der Verstärkung die du gerufen hast!", zischte sie besorgt.
"Wenn sie nicht gekommen wären... wärst du sicher auch Futter dieses Ra'zac gewesen!"
Alarmiert setzte er sich wieder auf.
"Wer ist alles ums Leben gekommen?", fragte er. Seine Brüder, seine Kampfgefährten! Mit denen er seit Kindesbeinen an befreundet gewesen war!
Panik spiegelte sich in seinen Zügen wieder, er sprang auf.
"WER?"
Maerva zuckte zurück, legte beruhigend eine Hand auf die bebende Brust ihres Sohnes und drückte ihn in eine sitzenden Position.
Sie wusste, dass er mit wer, nur drei der kämpfenden Zwerge meinte, die die ihm am nächsten standen, es war klar, dass ihm das zuerst am wichtigsten erschien. Um seine anderen gefallenen Waffenbrüder würde er ebenso trauern ... aber sie nannte er nicht Freunde.
"Wengalf.", hauchte sie.
Garth fluchte, stand abermals auf und trat gegen die hölzerne Truhe am Ende des Bettes, was ihn nur einen stechenden Schmerz im Fuß einbrachte.
Unruhig lief er auf und ab und raufte sich die langen Haare.
"Barzûl!"
Tränen liefen ihm über die Wange und versickerten in seinem schwarzen Kinnbärtchen.
"Beruhig dich, Garth!", sagte seine Mutter, folgte ihm und versuchte ihn wieder zum Bett zu schieben.
Dann schlang sie allerdings die Arme um ihrem Sohn und versuchte ihn zu trösten.
Redete beruhigend auf ihn ein und strich immer wieder über den Kopf und durch die schwarzen Haare.
"Wäre er nicht gewesen, wäre ich jetzt mit Sicherheit tot!", schluchzte er und wurde dann mit einem Schlag ganz ruhig.
Er versuchte die Fassung zu bewahren.
Das was er jetzt tun musste war mit Dokan und Anthor zu reden. Er musste wissen wie Wengalf gestorben war.
"Mutter, es ist gut..", sagte er leise zu ihr und seufzte, wischte sich übers Gesicht und versuchte zu lächeln, was jedoch kläglich misslang.
"Ich muss mit Dokan und Anthor reden...", nuschelte er und seine Mutter sah ihn ernst an.
Schließlich seufzte sie leise, da sie erkannte, dass sie ihn jetzt nicht zum Bleiben bewegen konnte.
"Gut... aber zieh dir was an, bevor du gehst.", sagte sie und deutete auf die Truhe, gegen die er zuvor getreten hatte.
Garth nickte.
Da er schon eine Hose trug klaubte er sich ein Oberteil aus der Kiste und schlüpfte in seine Stiefel, kaum später hatte er sich sein Kettenhemd übergeworfen und der Schwertgürtel hatte seinen Platz an seiner Hüfte gefunden.
Dann drückte er seiner Mutter einen Kuss auf die Wange. Sie sah ihm die blauen, beinahe weißen Augen: "Anthor ist sicher bei Dokan. Er war erst hier, ist dann aber zu Dokan, da er auch noch verletzt Zuhause liegt...", sagte sie noch, bevor ihr Sohn aus dem Haus verschwand.
Seine Kopfschmerzen ignorierend ging er aus dem niedrigen Haus in dem er nur mit seiner Mutter lebte, sein Vater war mit den Varden in den Krieg gezogen, vor 20 Jahren, während Maerva, schwanger mit ihm, zurückgeblieben war. In Tronjheim. Seitdem hatten sie das Beorgebirge nicht mehr verlassen, denn sein Vater kam nie wieder zurück...
Wieso sollten sie woanders hin? Das Beorgebirge war ihr Zuhause geworden. Die Zwerge waren freundlich zu ihnen gewesen und hatten ihnen erlaubt zu bleiben, neben ihnen lebten auch noch andere Menschen hier, allerdings nicht so viele, wie zu den Zeiten von Galbatorix' Herrschaft.
Garth war unter Zwergen groß geworden. Er kam sich so vor wie einer von Ihnen nur im falschen Körper.
Allein das setzte ihm Barrieren, die er anders überwinden musste. Sein menschlicher Körper konnte die Kraft nicht aufbringen wie es ein Zwergischer konnte, also musste er sein kämpferischen Können durch Taktik und Schnelligkeit mit dem der Zwerge gleichsetzen, wenn Muskelmasse nichts brachte... und davon hatte er einiges...
Was auch gut funktionierte. Was die höchste Ehre bewies, die ihm zuteil geworden war.
Vor zwei Jahren war ihm das geschehen, wovon er immer geträumt hatte.
Der Clan seiner beiden besten Freunde hatte ihn aufgenommen.
Er war nun offizielles Mitglied des Dûrgimst Vrenshrrgh, was ihn mit großer Ehre durchflutete.
Nicht umsonst trug er das Symbol dieses Zwergenclans auf seiner rechten Wange tätowiert, sodass es auch jeder sehen konnte.
Ein Wolfskopf mit gekreuzter Kriegs-Axt und einem Kriegs-Hammer darunter.
Allerdings bot er im Moment wohl kaum einen beeindruckenden Anblick. Er sah mitgenommen aus.
Seine Haare waren ungewaschen und zerzaust und sein Kinnbärtchen hatte ringsherum einen unschönen Bartschatten erhalten. Zudem war er ungewaschen, müffelte wahrscheinlich und seine Kleidung war auch nicht gerade ordentlich angelegt. Aber das war ihm egal, sein Ziel lag direkt vor Augen, als er sich durch die Straßen und durch das Gewirr der Leute schlängelte und schließlich vor Dokans Haus zum stehen kam.
Garth atmete tief durch und klopfte gegen die Tür.
Wie erwartet öffnete Anthor dir Tür.
Sah Garth aus großen Augen an und umarmte den Menschen knochenknackend, was wohl einen denkbar lächerlichen Anblick bot, da der Schwarzhaarige gute 40 cm größer war.
Aber Garth war mehr als froh darüber.
"Mensch, Bruder ich dachte nicht, dass du jetzt schon wieder auf zwei Beinen durch die Straßen rennst!", er schlug dem Menschen auf die Schulter und zog ihn ins Haus.
"Dokan! Schau mal wer hier vorbeirumpelt!", meinte er gut gelaunt, was Garth ihm nicht so recht abkaufen wollte.
Er folgte dem rothaarigen Zwerg in das angrenzte Zimmer wo ihm Dokan aus einem Berg Bettdecken entgegensah.
Er schwitzte, war aber bei Sinnen.
"Entzündete Wunde?", fragte der Größte von ihnen und der braunhaarige Zwerg nickte.
"Hat mich übel erwischt das Biest... aber nicht so schlimm wie Wengalf.", erklang sein tiefer Bass.
Anthor kratzte sich tief seufzend am Bart.
"Mann er hat gekämpft... mach dir keine Sorgen Garth, er hat eine ehrenvollen Tod... hat diesem Ungetüm den Schädel zertrümmert, bevor der Blutverlust ihn dahingerafft hat...", brummelte er in seinen Bart, wobei sein Blick ins Leere ging.
"Anscheinend hat dich das Ding vergiftet und der Schlag den du abbekommen hast war wohl auch nicht von schlechten Eltern.", sagte Dokan leise.
Garth ließ sich auf einen der herumstehenden Stühle sinken.
"Wann finden die Feierlichkeiten zu Ehren der Gefallenen statt?", fragte er, da klar war, das nicht nur Wengalf von ihnen gegangen war.
"Nächste Woche.", sagte Anthor. Er wollte gerade zu einem nächsten Satz ansetzen, als die Tür knallend aufgeschlagen wurde und Dokans Schwester Agrima in den Raum stürmte.
"Jungs, Jungs! Das müsst ihr euch ansehen! Eragon und Saphira sind gerade eingetroffen!", haspelte sie herunter und bekam sich kaum ein. Sicher es waren hin und wieder andere da gewesen... sie hatten ihre Reihen aufgestockt, aber bisher belief sich ihre Anzahl auf gerade einmal elf voll ausgebildete Drachenreiter, darunter sogar eine Zwergin.
Und nach 20 Jahren, kam DER Drachenreiter wieder nach Alagaёsia... sicherlich war das kein gutes Zeichen...
