II.
Valjean, Javert und Cosette teilten sich in den folgenden gut drei Wochen ein Zimmer in dem Gasthaus, in dem sie nach ihrer Ankunft in London sich eingemietet hatten. Ihre Tage waren damit angefüllt, Cosette weiter Lesen und Schreiben beizubringen, gemeinsam mit ihr die englische Sprache zumindest soweit zu erlernen, das es für alltägliche Dinge reichte und nach einem Haus als dauerhafter Unterkunft zu suchen.
Womit ihre Nächte hingegen nicht ausgefüllt waren, waren Intimitäten. Dies verbot schon die nächtliche Anwesenheit von Cosette im selben Zimmer. Sie hatte zwar ein eigenes Bett in einer Ecke, trotzdem war es nur wenige Meter entfernt.
Valjean stellte bei mehreren Gelegenheiten fest, daß Javert gereizt reagierte auf den Umstand, daß er seinen Lebensraum teilen mußte, und die nächtlichen Annehmlichkeiten hingegen nicht genießen konnte, die eine solche Teilung für gewöhnlich mit sich brachte.
Daher intensivierte Valjean die Suche nach einem Haus, bis er Ende Januar die Anzeige für ein Haus in einer Nebenstraße von Cheapside in der Zeitung entdeckte. Er beschloß, sich das Objekt zunächst alleine anzusehen, denn Cosette war die ewigen Besichtigungen leid, doch alleine lassen konnte man sie auch nicht.
Das Haus stellte sich als zweistöckiges Gebäude heraus, in dem sich oben eine Wohnung und unten ein leerstehender Laden befand. Die Wohnung hatte neben Küche und Salon zwei Schlafzimmer sowie einen kleineren Raum, der von einem der Schlafzimmer abging. Hinter dem Haus gab es einen kleinen Garten.
Valjean hinterließ seine – falschen – Personalien und versprach gegen Abend wiederzukommen in dem Gefühl, das perfekte Haus gefunden zu haben. Als er tatsächlich am Abend mit Javert und Cosette zurückkehrte, betrachtete Ersterer das Haus mit Skepsis. „Die Wohnung gefällt mir, aber was wollen wir mit einem Laden?"
„Uns fällt bestimmt etwas ein." Valjean hatte schon die eine oder andere Idee. „Was meinst du, Cosette?"
„Ich will hier wohnen", verkündete das Mädchen ohne zu zögern,
„Dann ist die Entscheidung gefallen." Valjean wandte sich an den Makler, der sich fragte, ob seine Auftraggeber Franzosen als Mieter akzeptieren würden. „I rent this house."
„For you and your daughter?"
„Yes, and him." Valjean deutete in Javerts Richtung. „He is…", er suchte nach dem richtigen Wort, „not real family but…"
„Oh, an in-law?" half der Makler aus.
Valjean hatte zwar keine Ahnung, woher der Makler erraten haben mochte, daß Javert beruflich mit dem Gesetz zu tun gehabt hatte, nickte jedoch bestätigend.
So kam es, daß der Makler dem Hauseigentümer mitteilte, daß Mr. Ultime Fauchelevent zusammen mit seiner Tochter und seinem Schwager, vermutlich dem Bruder der verstorbenen Frau und Mutter der beiden ersteren, das Haus mieten würden.
Am nächsten Tag zogen die beiden Männer und das Mädchen vom Gasthaus in das angemietete Haus. Ganz selbstverständlich brachte Javert seine Sachen in die Kammer neben dem großen Schlafzimmer. Valjean betrachtete es mit einiger Sorge, sagte jedoch vorerst nichts.
Abends kochte Valjean, und Cosette verkündete: „Wir sollten unten in dem Laden ein Gasthaus eröffnen…"
„Ein Gasthaus?" Valjean wirkte verständnislos.
„Wo du doch so gut kochst, Papa."
„Und was soll ich dann tun?" wollte Javert amüsiert wissen. „Kellnern?"
„Nee, dazu muß man die Gäste ja anlächeln", antwortete Cosette mit all dem Wissen, das sie sich in den letzten Wochen in anständigen Gasthöfen angeeignet hatte; im „Sergeanten von Waterloo" hatte sie solche Kenntnisse mit Sicherheit nicht erworben. „Das schaffst du nicht. Sonst müssen wir das Gasthaus ‚Zum schweigenden Polizisten' nennen."
Valjean sog scharf die Luft ein. Er wußte nicht, wie Javert auf eine derartige Neckerei reagieren würde.
„Das, Mlle. Cosette", sagte Javert sehr würdevoll, „war eine ausgesprochen freche Bemerkung. Und ich denke, es fehlt dir an Respekt. Dafür verdienst du, bestraft zu werden."
Cosette wirkte auf einmal ängstlich. Sie war schließlich bis vor einem Monat mit unschöner Regelmäßigkeit geschlagen worden.
„Javert, ich denke", begann Valjean besorgt, doch Javert gebot ihm mit einer befehlenden Geste Schweigen. Javert stand auf, ging um den Tisch herum, blickte auf Cosette herunter, die in sich zusammensank, und begann, sie intensiv durchzukitzeln.
Cosette quietschte, zunächst erschreckt, dann überrascht und schließlich voller Begeisterung.
Mit einem Gefühl übergroßer Erleichterung lehnte Valjean sich in seinem Stuhl zurück und genoß das Schauspiel. Er hatte für eine kurze Schrecksekunde tatsächlich geglaubt, Javert würde Cosette etwas tun, sie vielleicht schlagen, doch jetzt begriff er, daß dies niemals geschehen würde. So unerbittlich Javert gegenüber anderen war, Cosette durfte sich alles erlauben.
„Gibst du auf?" fragte Javert fast lachend.
„Ja, bitte, ich kann nicht mehr", keuchte Cosette, die fast vom Stuhl gefallen war. Sie fühlte sich so unbeschreiblich glücklich in diesem Moment, wie sie es noch nie getan hatte. Sie hatte ein Heim, und sie hatte zwei Männer um sich, die sich im letzten Monat mehr um sie gekümmert hatten, als es vorher jemand in ihrem ganzen Leben getan hatte. So konnte das Leben definitiv weitergehen.
Sie hatten in den letzten Wochen eine Routine entwickelt, wie Cosette schlafen ging. Sie machte sich bettfertig, dann kam Valjean und sprach zusammen mit ihr ein Nachtgebet, hinterher kam Javert und sang ein Schlaflied, was sie vehement einforderte. Valjean lehnte dabei meist irgendwo, hörte aufmerksam zu und ließ Javert nicht aus den Augen.
Entgegen der Routine konnten die beiden Männer sich jedoch an diesem Abend zurückziehen, da Cosette jetzt ein eigenes Zimmer hatte.
„Ich habe gesehen, daß du deine Sachen in die Kammer gebracht hast", sagte Valjean nach einer Pause. Er hatte begonnen, Javert zu duzen, wenn sie alleine waren, und zu siezen, wenn sie sich in Gesellschaft befanden. Javert hatte hierzu nichts gesagt, war jedoch dem Beispiel stillschweigend gefolgt.
„Ich dachte, das wäre angemessen, da du ja diese Wohnung bezahlst."
„Ich wollte nicht darauf hinaus, wer von uns in dieser Kammer schläft."
„Ich weiß." Javert mußte sich räuspern. „Ich bin mein ganzes erwachsenes Leben allein gewesen, und ich befürchte, daß ich Zeiten brauchen werde, zu denen ich mich zurückziehen muß, weil dieses Zusammenleben in einer Wohnung zuviel für mich ist."
„Ich verstehe." Valjean nickte. Er hatte in den ersten Monaten nach Toulon mit den überfüllten Unterkünften Menschen gemieden. Und Javert hatten die letzten Wochen spürbar angestrengt.
„Wenn ich allerdings sage, daß ich gelegentlich Abstand benötigen werde, meinte ich nicht heute nacht."
Valjean hob den Kopf und sah, wie Javert einen Schritt auf ihn zumachte, um die Distanz zu verringern. Keiner hätte später sagen können, wer die erste Bewegung machte, denn praktisch gleichzeitig nahm Javert Valjeans Gesicht zwischen seine Hände, und Valjeans Arme fanden ihren Weg auf Javerts Rücken. Ihre Lippen trafen sich zu einem hungrigen Kuß. Ohne sich voneinander zu lösen, versuchten sie, gemeinsam sich ins Schlafzimmer zu manövrieren, ohne dabei gegen Möbelstücke zu stoßen. Irgendwie gelang es, diesen Weg unfallfrei zurückzulegen und sogar noch die Tür hinter sich zu schließen.
Javert begann, an seinem Kragen zu knöpfen, doch Valjeans Hände hielten die seinen fest. „Laß mich das machen." Fieberhaft zerrten Valjeans Finger an den Knöpfen von Rock und Hemd. Bei letzteren ging Valjean so hastig vor, daß einige abplatzten und durch das Zimmer flogen. „Die wird wohl einer von uns wieder annähen müssen", Valjean war inzwischen bei den Hosenknöpfen angekommen, „ich möchte Cosette nicht erklären müssen, wie das passiert ist."
Javert fühlte sich nicht wirklich in der Lage, eine zusammenhängende Antwort zu geben. Er drängte sich den Händen entgegen, die jedoch viel zu sehr damit beschäftigt waren, die letzten Kleidungsstücke vom Körper zu zerren, als sich mit diesem Drängen zu befassen. Erst als Valjean sich rückwärts auf das Bett fallen ließ und Javert intensiv betrachtete, wurde diesem bewußt, daß er nackt war. Er hatte noch nie so ungeschützt vor den Augen eines anderen gestanden, doch in Valjeans Blick war nichts anderes zu lesen als pure Bewunderung. Irgendwie war das gerecht, denn in Montreuil hatte Javert Valjean betrachten können. Trotzdem wurde ihm unter diesen Blicken heiß.
„Wenn du nur gucken willst", brachte Javert würdevoll, aber ein wenig atemlos hervor, „dann gibt mir wenigstens auch etwas zum Anschauen."
„Ich habe einen Monat lang geguckt, das reicht völlig." Valjean begann, an seinem eigenem Hemd herumzuknöpfen. Gleichzeitig streifte er seine Schuhe ab und begann, mit dem Fuß langsam Javerts Bein entlang nach oben zu streifen.
Javert schloß die Augen, flehte um Selbstbeherrschung und stellte fest, als er die Augen wieder öffnete, daß Selbstbeherrschung nicht wirklich zu Valjeans Präferenzen gehörte. Javert hielt den vorwitzigen Fuß fest und warf einen höchst vorwurfvollen Blick auf Valjeans Hosen.
Valjean lachte leise und begann, seine knöpfende Tätigkeit mit geradezu aufreizender Langsamkeit an seiner Hose fortzusetzen.
Da Javert gerade günstig stand, packte er das Hosenbein und zog daran. Valjean hob etwas die Hüften an, und das eine Hosenbein war zusammen mit der Unterwäsche fort. Javert gab das Bein, was er festgehalten hatte, frei und wechselte zum anderen Bein. Dort zerrte er das zweite Hosenbein herunter.
„Komm her", befahl Valjean, und der Tonfall war dicht an demjenigen, den M. Madeleine verwendet hatte, um seinem renitenten Polizeichef Anweisungen zu geben.
Javert zuckte etwas zusammen, weniger wegen des Tonfalls, sondern ob der Reaktion, die sein Körper darauf zeigte. Seine Erregung nahm womöglich noch zu. „Ich denke, ich werde dir diese Bürgermeisterattitüde austreiben müssen."
„Da bin ich aber gespannt." Die letzte Silbe war kaum verklungen, da war Javert über ihm, weitere Worte waren zunächst nicht möglich, da ihre Lippen und Zungen zu sehr miteinander beschäftigt waren. Es war schneller, härter, heftiger als in Montreuil, wo es darum gegangen war, etwas zu erschaffen, woran Valjean sich erinnern konnte; jetzt war es zunächst einmal wichtig, die Anspannung des letzten Monats abzubauen, die sie seit der Überfahrt gequält hatte. Alle sonstigen Bedürfnisse konnten warten. Es war schließlich davon auszugehen, daß sie mehr als diese eine Nacht haben würden.
Es fiel beiden schwer, ihr Stöhnen zu unterdrücken, so daß ein ums andere Mal der Mund des anderen, die Schulter oder der Hals dieses dämpfen mußten. Diesmal schafften sie es, fast im selben Moment zu kommen, was die Intensität noch steigerte.
Javert rollte sich von Valjean herunter, blieb bewegungslos auf dem Rücken liegen und starrte die Decke an, als könnte diese ihm die Antwort geben, wie es hatte geschehen können, daß er sich von einer Jungfrau zu einem außerordentlich sinnlichen Mann in weniger als fünf Wochen hatte entwickeln können.
Valjean drehte sich auf die Seite, so daß er Javert ansehen konnte. „Es ist gut, daß wir Januar haben", bemerkte er scheinbar zusammenhangslos.
„Was?" fragte Javert verständnislos, ohne den Blick von der Decke zu nehmen.
„Na, ja, ein Schal im Hochsommer wäre schwieriger zu erklären als jetzt, aber ich fürchte, du wirst in den nächsten Tagen auf jeden Fall einen brauchen."
„Soll das eine Unterhaltung über das Wetter werden?"
„Uh, du hast wirklich keine Ahnung, wovon ich rede, oder?" Valjean konnte nicht umhin festzustellen, daß er Javerts unschuldige Unwissenheit sowohl amüsant als auch ausgesprochen attraktiv fand. „Ich habe Spuren an deinem Hals hinterlassen. Das passiert, wenn man zu intensiv küßt an diesen Stellen."
„Das heißt, jeder, der das sieht…" Javerts Hand fuhr unwillkürlich zu seinem Hals.
„…Wird wissen, daß du nicht allein geschlafen hast."
„Vielen Dank."
„Dafür, daß ich dafür verantwortlich bin oder dafür, daß ich dich darauf aufmerksam gemacht habe?" Valjeans Miene verriet, daß er den Dank für ersteres bevorzugte. „Wir sollten bei Gelegenheit vielleicht ausprobieren, wie laut man hier sein kann, ohne daß es in Cosettes Zimmer zu hören ist. Es gibt Dinge, die muß unser Kind nicht hören."
„Unser Kind?" Javert wandte sein Gesicht Valjean zu.
„Als was würdest du Cosette denn sonst beschreiben? Ja, schön, sie sagt ‚Papa' zu mir, aber sie betet den Boden an, über den du läufst."
Es war vor einem Monat nicht vorstellbar gewesen, daß Javert bei dem Gedanken, ein Kind als „seines" zu betrachten, gelächelt hätte. Jetzt jedoch tat er es. Er empfand Stolz darauf, daß ein kleines Mädchen entschieden hatte, ihn als zusätzlichen Vater zu wählen. „Du bist mehr ihr Vater als ich", sagte er dennoch.
„Vielleicht, aber du bist ihr Held."
„Selbst wenn ich akzeptiere, daß wir beide ein Kind haben, muß ich doch feststellen, daß die Reihenfolge, ähm, ungewöhnlich ist."
„Ungewöhnlich?"
„Wir hatten ein Kind, bevor wir zusammen waren, wir haben zusammen gewohnt, bevor wir…das hier getan haben, wir haben das Bett geteilt, bevor wir uns geküßt haben. Nicht, daß ich hier über großartige Erfahrungen verfüge, aber nach allem, was man hört, ist die Reihenfolge üblicherweise eine andere."
„Eine Beziehung beginnt üblicherweise aber auch nicht damit, daß einer den anderen verhaftet", erinnerte Valjean. „Wenn es schon so anfängt, kannst du nicht erwarten, daß es konventionell weitergeht." Er beugte sich über Javert und küßte ihn. „Willst du wieder davonlaufen oder bleiben?"
„Bitte? Ich laufe nicht davon."
„In Montreuil hast du es getan. Beide Male. Es fühlte sich nicht gut an, allein zurückgelassen zu werden."
„Es fühlte sich nicht gut an, dich allein zurückzulassen. Aber ich mußte nachdenken, und das ist in deiner Gegenwart etwas, das mir schon immer schwergefallen ist." Javert erwiderte den Kuß. „Ich bin sicher, du hast ein paar Methoden, die mir einen sehr guten Grund geben, dieses Bett vorerst nicht zu verlassen."
