III.
Miss Isobel Gardiner stammte aus einer guten, aber verarmten Familie. Letzterem Umstandes sowie dem Skandal, der zur Verarmung der Familie geführt hatte, war es zu verdanken, daß es ihr mangels Mitgift nicht gelungen war, sich zu verheiraten, und so mußte sie mit Ende Dreißig ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Für Frauen wie sie gab es nur zwei akzeptable Tätigkeiten, nämlich Gesellschafterin bei einer älteren Dame von Stand, was in Miss Gardiners Fall schon daran scheiterte, daß sie nicht im mindesten unterhaltsam war, oder aber Gouvernante.
Ihr letzter Schützling war nun in die Gesellschaft eingeführt worden, womit sie erneut auf der Suche nach einer Anstellung war. Da kam ihr die Anzeige dieses französischen Herrn ganz recht, seine kleine Tochter zu unterrichten, und gleichzeitig ihm und seinem Schwager die englische Sprache beizubringen. Natürlich zögerte Miss Garduber in Anbetracht der Tatsache, daß diese Menschen in einer Nebenstraße von Cheapside lebten und auch nicht den Eindruck machten, als würden sie in ersten Kreisen verkehren, doch die Bezahlung war zu verlockend für jemanden, der ohne Einkommen war.
Das Mädchen war wohlerzogen, obwohl sie gegenüber ihrem Vater und ihrem Onkel gelegentlich vorlaut wirkte, was beide nicht zum Anlaß nahmen, das Kind zurechtzuweisen, sondern lieber darüber lachten. Die beiden Männer hätten unterschiedlicher nicht sein können. Der Vater des Mädchens war trotz seiner weißen Haare und des weißen Bartes schwer im Alter zu schätzen. Er war freundlich, höflich und sehr geduldig. Er war gebildet, auch wenn man merkte, daß er körperlich gearbeitet hatte, bevor er wohlhabend wurde. Der Onkel des Mädchens war jünger, von südländischem Aussehen, und freundlich oder geduldig wären die letzten Attribute gewesen, um ihn zu beschreiben. Es lag etwas Unnahbares, Abweisendes in seiner Art gegenüber jedem außer dem Mädchen und dessen Vater.
In Miss Gardiners Augen war es albern, noch darauf zu hoffen, daß sich doch noch ein Ehemann fand, doch sie konnte nicht umhin, Männer, denen sie begegnete, zu beobachten, ob sie zumindest theoretisch in Frage kamen. Beide Männer waren unter ihrem Stand, aber der Ältere würde einen perfekten Ehemann abgeben mit seiner Güte, wobei sie in aller Stille zugeben mußte, daß der Jüngere sie weit mehr faszinierte. Aber natürlich versuchte keiner von beiden, sich ihr in irgendeiner Weise zu nähern.
Es war im übrigen interessant, wie unterschiedlich die beiden Männer sich die fremde Sprache erarbeitete, der ältere eher intuitiv, der jüngere methodisch und fast verbissen, doch sie machten Fortschritte, so daß durchaus komplexere Gespräche in der englischen Sprache möglich wurden.
XXX
Das wurde auch erforderlich kurz nach Ostern. Javert und Valjean waren auf den Markt gegangen, um einzukaufen. Valjean war natürlich an dem Stand mit den Büchern hängengeblieben, während Javert etwas mehr als ungeduldig wartete. Er beobachtete die Szenerie und fragte sich, ob Valjean wohl wieder versuchen würde, mehr Bücher zu erwerben, als sie tragen konnten. Dieser Hang, ständig neuen Lesestoff zu erwerben, war für jemanden, der in Montreuil eine Bibel, die er verlegt hatte, und das „Handbuch für Polizeiarbeit" besessen hatte, ziemlich rätselhaft. Bücher waren gefährlich, sie mußten es sein, denn weswegen waren ansonsten so viele davon verboten?
Auf einmal bemerkte Javert einen Jungen, vielleicht ein Jahr jünger als Cosette, der sich an Valjean heranschob. Für ein geübtes Auge war es ein Leichtes zu erkennen, was der Junge vorhatte. Die kleine Hand glitt mit einer schockierenden Geschicklichkeit in die Rocktasche Valjeans und brachte eine Geldbörse zum Vorschein. Sehr zufrieden mit seiner Beute wollte der Junge den Rückzug antreten, drehte sich herum, um loszurennen, stieß jedoch gegen ein schier unüberwindliches Hindernis. Der Junge blickte nach oben und mußte erkennen, daß er gegen diesen hochgewachsenen Mann mit der straffen Haltung gelaufen war.
„Weißt du, was das besonders Dummes an deiner Tat ist?" fragte Javert in seinem akzentbeladenen, nicht ganz grammatikalisch richtigen Englisch. „Wenn du gefragt hättest, würde das Geld deins sein."
Der Junge zappelte in dem eisernen Griff, der seine Schultern festhielt.
„Oh, haben Sie Freundschaft geschlossen?" Valjean war hinzugetreten. Er sprach französisch, mehr aus Gewohnheit, denn aus Absicht.
„Eigentlich wollte ich verhindern, daß Sie die diversen Bücher, die Sie zu kaufen beabsichtigen, nicht bezahlen können." Javert entwand die Geldbörse der Hand des Jungen und reichte sie an Valjean zurück. „Ich denke, ich werde dieses Subjekt bei den zuständigen Behörden abliefern."
„Oh, Javert, nicht, er ist doch noch ein Kind."
„Ein kriminelles Kind."
„Sehen Sie doch, wie mager er ist. Bestimmt wollte er sich etwas zu essen kaufen."
Javert schloß die Augen. Alles in ihm drängte danach, einen mehrminütigen Vortrag darüber zu halten, daß Hunger allein kein Grund war, kriminell zu werden, daß es andere, legale Wege gab, um an Geld zu kommen, aber gleichzeitig wußte er, daß diese Worte bei Valjean nicht auf fruchtbaren Boden fallen würden. Wie sollten sie auch bei jemandem, dessen kriminelle Karriere genau wegen des Hungers eines Kindes begonnen hatte, wie er nicht müde wurde zu betonen? Javerts Griff lockerte sich nur ein wenig, was der Junge sofort dazu nutzte, sich mit einer geschickten, offenbar nicht zum ersten Mal versuchten Bewegung wegzudrehen und loszurennen.
Javert machte keine Anstalten, ihn aufzuhalten. „Wenn man zu lange zögert, einen Straftäter festzunehmen, kann es leicht sein, daß er entkommt."
„Tatsächlich?" Valjean hob die Augenbrauchen und war sich selbst nicht allzu sicher, ob der Junge tatsächlich entkommen war, oder ob Javert ihm die Flucht ermöglicht hatte. War letzteres überhaupt vorstellbar? Andererseits hatte Javert schon so viele seiner Überzeugungen über Bord geworfen; der beste Beweis war, daß er hier auf diesem Londoner Markt stand.
Valjean entschied sich, den ganzen Vorfall zu ignorieren – zumindest vorerst.
XXX
Das Abendessen an diesem Tag war sogar für Valjeans Verhältnisse außerordentlich gut, und Javert wurde den Verdacht nicht los, daß dies etwas zu bedeuten hatte. Keine zehn Sekunden, nachdem alle drei das Besteck niedergelegt hatten, lehnte sich Javert zurück, betrachtete Valjean eingehend und fragte dann: „Nun?"
Ein wenig zu ertappt, um vorzugeben, nicht zu wissen, wonach Javert fragte, begann Valjean mit seinem Glas herumzuspielen. „Ich habe eine Idee, was wir mit dem Laden machen können."
„Doch ein Gasthaus?" fragte Cosette. Offenbar hatte sie Gefallen an dieser Idee gefunden.
„Nein, ich dachte mehr an eine Art Schule."
„Eine Schule?" Diesen Gedanken fand Javert irritierend. „Woher nimmst du die Schüler?"
„Sieh dich doch um in dieser Stadt." Valjean klang aufgeregt. „All diese Kinder, die hungrig sind, die keine Zukunft haben. Jemand muß ihnen Bildung verschaffen, damit sie lernen für ein besseres Leben, damit sie Arbeit finden können, mit der sie ihren Lebensunterhalt verdienen können."
Irgendwie hätte Javert damit rechnen müssen, daß die Art, wie M. Madeleine für Montreuil-sur-mer gesorgt hatte, nicht nur Tarnung gewesen war, sondern auch Teile davon in Valjean schlummerten. „Dieser Plan kann nicht funktionieren."
„Wieso nicht?"
„Zwei Gründe. Erstens kann es sich keines dieser Kinder erlauben, zur Schule zu gehen, wenn sie jeden Tag ums Überleben kämpfen."
„Genau das ist ja die Idee." Valjean lächelte Cosette an. „Wer zum Unterricht kommt, bekommt auch eine Mahlzeit. Also doch eine Art Gasthaus."
„Du willst die Kinder mit Essen bestechen, damit sie lernen?"
„Das ist etwas unfreundlich ausgedrückt, aber ja. Du sagtest, es gäbe zwei Gründe."
„Der zweite Grund ist der Unterricht selbst. Du kannst die Kinder schlecht auf französisch unterrichten und das, was wir an Englisch können, dürfte kaum reichen, um es anderen beizubringen."
„Hindernisse sind dazu da, überwunden zu werden. Ich dachte, ich frage Miss Gardiner, ob sie für uns arbeiten möchte."
„Das macht sie im Leben nicht. Es scheint ja schon unter ihrer Würde zu sein, uns zu unterrichten."
„Ich kann sehr überzeugend sein."
„Das würde ich nie bezweifeln." Die Blicke der beiden Männer hielten sich für einen sehr langen Moment fest.
Nach dem Essen begann die übliche Abendroutine, Cosette machte sich bereit fürs Bett, beide Männer wünschten ihr eine gute Nacht.
„Du hältst meine Idee für nicht gut?" fragte Valjean, während er den Tisch abräumte.
„Ich glaube einfach nicht, daß es funktionieren wird", erwiderte Javert. „Aber es scheint dir viel zu bedeuten."
„Es ist mir wichtig. Ich meine, ich bin schon einige Monate in diesem Land, und ich habe noch nichts getan, um jemandem zu helfen."
„Du hast ein schlechtes Gewissen, weil du ein paar Wochen lang nicht die Welt gerettet hast?" Javert konnte ein kleines Lachen nicht unterdrücken. „Manchmal bist du wirklich merkwürdig."
„Findest du?" Der kurze Moment von Selbstironie, der in Valjeans Augen geblitzt hatte, wich wieder großem Ernst. „Wirst du mich wenigstens ein wenig unterstützen?"
Javert machte zwei Schritte auf Valjean zu, legte diesem die Hand in den Nacken und zog ihn so an sich. „Wenn es sich für mich lohnt…"
„Sie werden doch nicht etwa auf Ihre alten Tage bestechlich, M. l'Inspecteur?"
Statt einer Antwort auf diese absurde Frage beugte sich Javert herunter und küßte Valjean. Es war ein langer, sehr ausgiebiger Kuß, der dazu führte, daß die Reaktion ihrer Körper darauf es nahelegte, den Rest des Abends ins Schlafzimmer zu verlegen.
„Papa?" kam plötzlich eine schlaftrunkene Kinderstimme von der Tür.
Die beiden Männer fuhren auseinander. In der Tür stand Cosette, Catherine im Arm, und blickte sie aus großen Augen an. „Kann ich noch etwas zu trinken bekommen, bitte?" fragte sie unsicher; es war deutlich, daß sie das gerade Geschehene nicht einzuordnen wußte.
„Natürlich kannst du noch etwas trinken." Valjean hatte sich als erster wieder gefaßt. „Was möchtest du denn? Ein Glas Wasser oder lieber etwas Milch?"
„Milch", antwortete Cosette entschlossen.
„Geh doch schon einmal wieder ins Bett, ich bringe dir gleich dein Glas."
Cosette blickte noch einmal von Valjean zu Javert und zurück und ging dann vor in ihr Zimmer.
Javert gab etwas von sich, was verdächtig nach einem Fluch klang, auch wenn die Sprache keine von denen beiden war, die Valjean verstand.
Valjean fuhr sich mit der Hand durchs Haar, blickte an sich herunter, wie um zu prüfen, ob seine Kleidung präsentabel war, und atmete einmal tief ein und aus. Dann trat er zum Schrank, goß etwas Milch in einen Becher und ging damit in Cosettes Zimmer. Er setzte sich zu dem Mädchen, das wieder ins Bett gekrochen war, und reichte ihr den Becher. Sie nahm ihn entgegen und trank zwei kleine Schlucke. Ihr Blick, den sie Valjean zuwarf, als sie den Becher absetzte, war eine einzige Frage.
Es kam nicht häufig vor, daß Valjean sich überfordert fühlte, doch dies war eindeutig einer dieser Momente. „Ich denke, du benötigst einige Antworten. Selbstverständlich werde ich dir diese Antworten geben."
Hätte Cosette Fragen gestellt, wäre es deutlich leichter gewesen, doch sie sah ihn nur stumm an.
„Was du gesehen hast, war ein Kuß, aber das weißt du sicherlich. Erwachsene küssen sich auf diese Weise, wenn sie…", Valjean zögerte, weil er nicht wußte, wie er das, was Javert und ihn verband, in Worte fassen konnte. Sie hatten nie darüber gesprochen, was sie empfanden, es gab keine Liebesschwüre oder ähnliches. „…Wenn sie sich etwas bedeuten", beendete er den Satz schließlich.
„Na, das habe ich schon einmal gesehen", erwiderte Cosette trocken und erinnerte damit daran, daß sie ihr Leben bisher nicht als behütetes höheres Töchterchen verbracht hatte. „Aber das waren nicht zwei Männer."
„Einige Männer finden einen anderen Mann attraktiver als eine Frau." Die Situation ließ Valjean hilflos wirken. „Dazu gehöre ich auch.
„Dann bist du wohl nicht mein Vater?"
„Was?" Jetzt schaffte sie es, ihn völlig aus dem Konzept zu bringen.
„Da du doch den Brief von Maman hattest und so, habe ich gedacht, daß du vielleicht wirklich mein Vater bist. Aber wenn du Männer lieber magst…"
„Ich möchte, daß du mir ganz genau zuhörst." Valjean nahm Cosettes Hand in die seine. „Ich bin in jeder Beziehung dein Vater; nur weil ich deine Mutter nicht in dieser Weise gekannt habe, ändert das nichts daran, daß du mein Kind bist."
Cosette schien einen sehr langen Moment nachzudenken. „Ich glaube, ich bin froh, daß du Männer lieber magst als Frauen."
„Ach, ja?" fragte Valjean überrascht.
„Ja, denn sonst wäre Javert nicht bei uns, oder?"
Valjean mußte das Lachen unterdrücken, das vor lauter Erleichterung aus seiner Kehle herauswollte. Die Logik des Kindes war verblüffend. „Nein, ich denke, das ist einer der Gründe, warum er doch mitgekommen ist." Er beugte sich zu Cosette herunter, küßte sie auf die Stirn. „Du solltest jetzt schlafen." Er deckte sie noch zu und ging aus dem Zimmer.
Javert war weder in der Küche, noch im Salon zu sehen. Valjean setzte seine Suche im Schlafzimmer fort. Dort saß Javert auf dem Bett und starrte ins Dunkel.
„Ich denke, wir müssen uns keine Sorgen machen", sagte Valjean. „Sie hat es akzeptiert. Das, was sie gesehen hat, ist für sie in Ordnung."
„Ich fürchte nur, für mich ist es nicht in Ordnung." Javert blickte nicht auf. „Ich habe Schwierigkeiten hinzunehmen, daß jemand davon weiß, was hier in diesem Zimmer zwischen uns vorgeht."
„Ich hoffe stark, daß Cosette das nicht so im Detail weiß." Valjean bereute seine Bemerkung bereits im selben Moment, in dem er sie ausgesprochen hatte. Ganz offensichtlich war Javert nicht nach Humor zumute, so trocken dieser auch sein mochte. „Entschuldige, das war nicht sehr passend. Wieso ist es ein Problem, was Cosette gesehen hat?"
Statt einer Antwort erhob Javert sich. „Dies ist wohl einer dieser Momente, wo ich merke, daß ich mich zurückziehen muß. Ich werde in der Kammer schlafen."
„Ich verstehe diese Reaktion gerade nicht so wirklich." Valjean griff nach Javerts Schulter. „Erkläre es mir bitte."
Javert blickte auf die Finger auf seiner Schulter, löste diese sanft, aber bestimmt und antwortete: „Das kann ich nicht. Ich weiß nicht, wie ich das könnte." Ohne ein weiteres Wort ging er in die Kammer, schloß die Tür und ließ einen ratlosen Valjean zurück.
