IV.

Javert lag auf dem schmalen Bett, das in der Kammer stand, und war vielleicht weiter als jemals zuvor davon entfernt, Schlaf zu finden. Er hatte, seit sie aufgebrochen waren, um Cosette aus Montfermeil zu holen, nur zwei Nächte nicht in dem gleich Bett wie Valjean verbracht, und in einer dieser beiden Nächte war er überhaupt nicht schlafen gegangen.

Aber jetzt mußte er nachdenken, es schien auf einmal unbeschreiblich wichtig zu sein, daß er Distanz zwischen sich und diesen ehemaligen Sträfling brachte, dem er nicht nur zur Flucht verholfen, sondern ihn auf dieser sogar begleitet hatte. Einen vernünftigen Gedanken in Valjeans Gegenwart zu fassen, war ihm eigentlich im gesamten letzten Jahr schwergefallen.

Es gab Dinge, über die konnte er nicht mit Valjean sprechen. Wie sollte er ihm erklären, daß der Umstand, daß jemand über das, was zwischen ihnen passierte, Bescheid wußte, es irgendwie erst real werden ließ. Er konnte mit Valjean nicht darüber reden, was er empfand, denn dann hätte er Auskunft über seine Gefühle geben müssen. Schon das Zugeben, überhaupt Gefühle zu haben, erschien kaum möglich. Und das, was er empfand, in Worte zu fassen, ohne auch nur irgendeine Ahnung zu haben, ob seine Gefühle erwidert wurden…

Valjean hatte gesagt, Javert solle mit nach England kommen, aber was waren die Gründe gewesen? Natürlich war es für einen Charakter wie Valjean unmöglich, einem anderen die Strafe aufzuerlegen, die ihm selbst gebührte, sonst wäre er auch nicht nach Arras gereist, um diesen nutzlosen Champmathieu zu retten. Die Vorstellung, daß alles, was Valjean tat, nur auf Dankbarkeit und Verpflichtung beruhen mochte, machte es endgültig unmöglich für Javert, seine eigenen Gefühle zu gestehen. Es wäre unerträglich und demütigend zu hören, daß Valjeans Gefühle anderer Art waren.

„Ich wußte, warum ich niemals Gefühle zugelassen habe", flüsterte Javert in die Dunkelheit hinein. „Ich bin erbärmlich im Umgang damit."

Das kaum hörbare Wimmern brachte Javert dazu, sich irritiert aufzusetzen. Es war definitiv nicht von ihm selbst gekommen. Da war es ein weiteres Mal!

Javert schwang sich aus dem Bett und machte auf Zehenspitzen die drei Schritte vom Bett zur Tür. Einen kurzen Moment zögerte er, dann drehte er so vorsichtig wie möglich den Knauf und öffnete die Tür einen Spalt.

Auf dem Bett, welches sie für gewöhnlich teilten, warf sich Valjean hin und her und stieß Töne aus, die irgendwo zwischen Wimmern und Weinen lagen. Javert benötigte einige Sekunden, um zu begreifen, daß Valjean einen Alptraum hatte; etwas, das in den vergangenen Monaten nicht vorgekommen war.

Javert wußte nicht, wie er damit umgehen sollte. Einfach wieder zu gehen, war keine Option; offenbar war es alles andere als angenehm, was Valjean träumte. Also mußte er ihn wecken, vorsichtig und nicht zu hastig.

Javert beugte sich über das Bett und griff nach Valjeans Schulter. Statt sich jedoch zu beruhigen, gab Valjean einen leisen Schrei von sich, holte aus und versetzte Javert einen so heftigen Schlag gegen den Kopf, daß dieser das Gleichgewicht verlor und gegen die Wand taumelte.

Valjean setzte sich auf, seine Augen blitzten, er hatte Ähnlichkeit mit einem in die Enge getriebenen Tier. „Nicht anfassen", zischte er.

Javert hielt sich den schmerzenden Kopf und starrte auf das Bett. Was hatte er getan, einen solchen Schlag zu verdienen? Er füllte sich benommen und in mehr als nur körperlicher Weise verletzt.

„Javert?" Valjean schien seinen Verstand wiedergefunden zu haben. „Was ist passiert?"

Javert bewegte vorsichtig seinen Kiefer, um zu prüfen, ob sich noch all seine Zähne am richtigen Platz befanden. Wenn Valjean fragte, was geschehen war, hatte er den Schlag vielleicht nicht absichtlich geführt? „Hat dir schon mal jemand gesagt, daß deine Faust eine potentiell tödliche Waffe ist?" Er tastete sich zum Bett vor und setzte sich schwer atmend nieder.

„Oh, Gott, das wollte ich nicht. Glaub mir, ich wollte dich nicht schlagen, ich muß noch geträumt haben." Valjean biß sich auf die Lippe, seine Augen waren feucht. „Ich… ich dachte, du seiest jemand anderes."

„Wer?" fragte Javert.

Valjean schüttelte nur wortlos den Kopf.

„Findest du nicht, daß ich ein Recht auf eine Antwort habe, nachdem du mir gerade fast den Kiefer gebrochen hast?"

„Ich… Es ist jemand in Toulon, an den ich lieber nicht denken würde." Der Ausdruck in Valjeans Augen war gehetzter, als er es seit ihrer Ankunft in England bisher gewesen war.

Javert runzelte die Stirn. Es war für ihn schwer zu verstehen, was Valjean hindern mochte, ihm näheres zu erzählen. Valjean hatte ihm sehr freimütig berichtet, was er getan hatte, um das erste Jahr im Bagno zu überleben, was konnte da noch schlimmer sein? Es war eine irritierende Entdeckung für Javert, daß er sich verletzt fühlte, daß Valjean ihm nicht erzählen mochte, was seinen Alptraum ausgelöst haben mochte. Aber eigentlich setzte sich hier das Thema seiner trüben Gedanken der vergangenen Stunden fort. Was genau war er für Valjean?

„Wäre es für dich ein sehr großer Umstand, wenn du nicht wieder nach nebenan gingest?" fragte Valjean mitten in diese Zweifel hinein. „Es ist meist besser, wenn ich nicht alleine bin."

„Sicher", antwortete Javert etwas in seinen Gedanken verloren.

„Könntest du mich einfach nur festhalten?" Valjeans Stimme war verzweifelt, beinahe ängstlich.

„Wenn es das ist, was du möchtest…", antwortete Javert zögernd. Valjeans Wunsch machte das alles nicht wirklich klarer, abgesehen davon, daß er um etwas bat, was zwischen ihnen mehr als ungewöhnlich war. Ja, sicher war es intim, was zwischen ihnen in diesem Bett geschah, aber üblicherweise schliefen sie nicht in einer Umarmung ein, sondern rückten jeweils auf ihre Seite des Bettes. Es erschien irgendwie richtig zu sein, und insbesondere Javert fehlte es an Vergleichsmöglichkeiten, während Valjean bei seinen Erfahrungen niemals in der Position gewesen war, solche Vertrautheit einzufordern.

„Wie willst du es machen?" fragte Javert und hätte sich für die idiotische Zweideutigkeit am liebsten sofort auf die Zunge gebissen. „Ich meine, wie soll ich dich halten?"

„Wie du es willst", sagte Valjean nun ebenfalls etwas verlegen.

Javert streckte sich auf seiner üblichen Seite im Bett aus und zog Valjean an sich, so daß dessen Rücken seine Brust berührte. Eine Hand lag auf Valjeans Brust, die andere auf seinem Bauch. „Ist das so für dich angenehm?"

„Sehr", erwiderte Valjean und legte seine eigenen Finger auf die Javerts. „Und für dich?"

„Ja." Javert war so froh, daß er diese Haltung gewählt hatte, in der Valjean sein Gesicht nicht sehen konnte, denn er wußte nicht, welche seiner Emotionen man dort ablesen konnte. Dieses Gefühl der Geborgenheit, von dem er ahnte, daß es Glück sein mußte, oder den Zweifel, der weiter an ihm nagte, ob dies wirklich und von Dauer sein konnte, und ob er all dies tatsächlich verdienen mochte…

XXX

Als Valjean am nächsten Morgen erwachte, war Javert bereits aufgestanden. In der Küche fand Valjean eine Nachricht, daß Javert einige Einkäufe erledigen wollte.

Valjean fand es ungewöhnlich, daß Javert so früh das Haus verlassen hatte, aber er dachte nicht weiter darüber nach, denn Cosette benötigte ihr Frühstück, und ihm stand die Unterhaltung mit Miss Gardiner bevor. Nun, bei Tageslicht betrachtet, erschien es gar nicht mehr so einfach, die Dame zu überzeugen.

Als Miss Gardiner erschien, war Valjean ein in jeder Beziehung perfekter Gastgeber. Er servierte ihr Tee, den sie, wie er gelernt hatte, Kaffee vorzog, und nahm ihr gegenüber Platz. „Ich finde, Ihr Unterricht trägt langsam Früchte", begann er.

Miss Gardiner blickte ihn nicht ohne Mißtrauen an. Üblicherweise fingen auf diese Weise Gespräche an, mit denen man Lehrerinnen entließ, weil die Schüler ausreichend gelernt hatten oder zu alt wurden. Sie hatte keinen Grund, an dieser besonderen Stellung zu hängen, nur hatte sie bislang noch keine anderen Angebote erhalten. Es gab eine große Zahl von Familien, die sich an den Skandal, der mit dem Namen Gardiner verbunden war, erinnerten. Ihre eigenen Ersparnisse würden auch nicht mehr allzulange reichen, wenn auch noch das Entgelt für den Unterricht hier wegfiele.

„Daher frage ich mich, ob Sie vielleicht eine Ausweitung Ihrer Unterrichtstätigkeit in Betracht ziehen würden", fuhr Valjean fort.

„Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz." Immerhin, offenbar wollte man nicht auf ihre Dienste verzichten.

„Wir werden eine Schule gründen", erklärte Valjean, als sei dies das selbstverständlichste von der Welt.

„Sie denken an ein Institut für junge Damen?" Miss Gardiner fand die Idee durchaus nachdenkenswert.

„Nicht so ganz." Valjean räusperte sich. Javert hatte recht gehabt, das hier war deutlich schwieriger, als er es sich vorgestellt hatte. „Ich plane, den Laden unten in eine Schule für Kinder der Umgebung umzuwandeln. Wer zum Lernen kommt, bekommt auch eine Mahlzeit."

„Sie meinen, Sie wollen… gewöhnliche Kinder unterrichten." Miss Gardiner war sichtlich schockiert. „Sie wollen, daß ich diese Kinder unterrichte?"

„Das war meine Idee." Valjean lächelte gewinnend.

„M. Fauchelevent, vielleicht verstehen Sie nicht richtig", begann Miss Gardiner mit erzwungener Ruhe, „aber ich bin die Tochter eines Gentleman, ich habe nur in angesehenen Haushalten gearbeitet, und Sie verlangen, daß ich Arbeiterkinder unterrichte?"

„Finden Sie nicht, daß diese Kinder von Ihrem großen Wissen profitieren könnten?"

„Schmeicheln wird Sie nicht weiter bringen. In Frankreich mögen die Dinge anders liegen mit Ihren Revolutionen, aber hier ist es einfach nicht akzeptabel, was Sie mir anbieten. Ich kann meine Zeit nicht mit ungewaschenen Straßengören verbringen, um ihnen das ABC beizubringen."

„Und wenn ich Ihnen das Doppelte von dem zahle, was Sie in Ihrer letzten Stellung erhalten haben, zuzüglich dem Honorar für unseren Unterricht?"

Miss Gardiner warf einen zweifelnden Blick auf die Einrichtung, die eher einfach gehalten war. Schwer vorstellbar, daß ein solcher Preis gezahlt werden konnte. „Es ist unmöglich. Selbst, wenn ich das tun wollte, was ich nicht will, ich könnte es nicht. Sie verstehen meine Situation nicht. Ich würde danach niemals wieder eine Stelle in einem angesehenen Haus erhalten. Es ist schon so nicht einfach."

„Aber wenn Sie mein Angebot annehmen, müßten Sie sich nicht mehr nach einer Stelle umsehen. Es gibt genug zu tun für ein ganzes Leben. Und ich würde dafür sorgen, daß die Schule auch nach meinem Tod weiterhin besteht." Ich werde nicht ein weiteres Mal eine Schule, die ich gegründet habe, durch Umstände schließen lassen, fügte Valjean stumm hinzu.

Miss Gardiner starrte den Mann an, als habe er ihr gerade etwas sehr unpassendes vorgeschlagen. Es war unpassend, es mußte einfach unpassend sein, und doch… Sie hatte seit Monaten keine akzeptablen Angebote erhalten, und die zwei Stellen, die sie seit dem Skandal gehabt hatte, waren auch nur durch Vermittlung einer wohlmeinenden Großtante zustande gekommen, die nicht mehr am Leben war. Und vielleicht, vielleicht war es ja doch passend, zumindest bis etwas Angemesseneres erschien, denn das Geld stimmte, und wenn man es als Wohltätigkeitsarbeit tarnte…

Ganz langsam nickte sie.

XXX

Javert wußte, daß er eine unschöne Angewohnheit hatte, das Bett zu verlassen, wenn dort etwas geschah, was für ihn zu intim war. Auch Valjean hatte das ja bereits in ihrer ersten Nacht in dieser Wohnung angemerkt. Aber er konnte nun einmal in Valjeans Gegenwart nicht klar denken, das hatte er schließlich nie gekonnt. Er tat dann statt dessen Dinge, die er eigentlich nicht tun wollte.

Manchmal tat er das auch ohne Valjeans Anwesenheit, mußte er sich selbst eingestehen, als er gerade sich dabei erwischte, damit beschäftigt zu sein, Ausschau nach Dingen zu halten, die für die Einrichtung einer Schule mit angeschlossener Küche notwendig oder von Nutzen sein konnten.

An einem Marktstand entdeckte er diverse Töpfe und Pfannen sowie Blechgeschirr. Als er sich die Ware etwas näher ansehen wollte, bemerkte er, daß der Verkäufer ihn musterte. Die Hautfarbe und seine Haare waren für einen Engländer dunkel, und bevor Javert den richtigen Schluß ziehen konnte, sprach der Mann ihn an. „Ich kann dir einen guten Preis machen, Bruder", sagte er in der Roma-Sprache. „Wir müssen zusammenhalten."

„Ich bin weder an Zusammenhalt mit Ihnen interessiert, noch Ihr Bruder", antwortete Javert und stellte im gleichen Moment fest, daß er dieselbe Sprache benutzt hatte.

Der Mann lachte. „Sicher, Bruder. Und, kommen wir ins Geschäft?"

„Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt." Javert wendete sich ab und konnte nicht umhin, die Schuld für diesen kleinen Vorfall Valjean zu geben. Wenn er nicht so abgelenkt gewesen wäre, hätte er, wie sonst in solchen Situationen in französisch oder hier in englisch geantwortet.

„Sir, kann ich Sie einen Moment sprechen?" kam auf einmal eine männliche Stimme von der Seite.

Javert sah in die Richtung des Sprechers und sah einen etwa dreißigjährigen Mann in militärischer Haltung, der allerdings Zivilkleidung trug. „Was wünschen Sie?" Dank Miss Gardiner war sein Englisch bedeutend besser geworden.

„Mein Name ist Finch, ich bin Mitglied der Marine Police", stellte der Mann sich vor. „Sie haben eben mit diesem Mann gesprochen?"

„Und?" Javert hatte in den vergangenen Monaten festgestellt, daß die englische Polizei in keiner Weise mit der französischen zu vergleichen war. Der größte Unterschied bestand darin, daß die englische Polizei kaum existent zu sein schien. Die Bow Street Runner setzten sich in Javerts Augen aus Subjekten zusammen, die man lieber verhaften als Verhaftungen vornehmen lassen sollte.

„Sie sprechen diese Zigeunersprache?"

„Wozu wollen Sie das wissen?" Javert war mehr als ungeduldig. Es war schlimm genug, daß ihm überhaupt Worte dieser Sprache entfleucht waren, aber daß ein Vertreter der ineffektiven englischen Polizei das mitbekommen mußte, war schon demütigend.

„Ich suche einen Übersetzer", antwortete Finch und lächelte. „Ich ermittle in einer Reihe von Diebstählen von Schiffen. Ein Zigeuner hat die Diebe gesehen und wurde von ihnen niedergeschlagen. Aber er spricht kaum englisch. Ohne seine Beschreibung wird es unmöglich, die Diebe zu fassen."

Javert betrachtete Finch etwas näher. „Und da haben Sie sich einfach auf die Straße gestellt in der Hoffnung, eine Person zu finden, die Rom spricht?"

„Äh, nein, eigentlich wollte ich den alten Jock fragen", Finch deutete auf den Verkaufsstand, „aber wenn ich die Möglichkeit habe, statt dieses Gauners einen anständigen Bürger zu bitten, ziehe ich das natürlich vor."

Javerts Scham, beim Sprechen seiner Muttersprache erwischt worden zu sein, wich einer gewissen Amüsiertheit. „Das kann ich nachvollziehen. Ich bin gerne bereit, Ihnen behilflich zu sein. Mein Name ist Javert, Inspektor der französischen Polizei. Im Ruhestand", fügte er wahrheitsgemäß hinzu.

„Die französische Polizei…" Finchs Augen bekamen einen schwärmerischen Ausdruck. „Sie müssen mir unbedingt davon erzählen."