V.

A.N.: Tatsächlich wurde die englische Polizei, die einen solchen Namen verdient, erst 1829 gegründet. Vorher gab es die Bow Street Runner und seit Ende des 18. Jahrhunderts die Marine Police, die für die Themse zuständig war. Sir Robert Peel ließ die Metropolitan Police nach französischem Vorbild gründen…

Nach einer Stunde im Hauptquartier der Marine Police hatte Finch eine sehr genaue Beschreibung des einen Täters und eine vagere des anderen – der Zeuge hatte diesen nur kurz von hinten gesehen. Eine weitere Stunde lang fragte Finch dann Javert aus über die französische Polizeiorganisation und –arbeit sowie über den Gründer der Surête M. Vidocq. Letzteres erfreut Javert nicht sonderlich, auch wenn er sonst alle Fragen geduldig beantwortete, um einen wirklichen Eindruck von echter Polizeiarbeit zu geben. Aber ausgerechnet von Vidocq erzählen zu müssen und zu erklären versuchen, wieso ein mehrfach verurteilter Krimineller die effizienteste Polizei der Welt geschaffen hatte!

„Ich frage mich gerade, ob ich Sie überzeugen könnte, regelmäßig für uns tätig zu sein", sagte Finch gerade. „Sie könnten übersetzen und uns nebenbei ein paar von Vidocqs Tricks beibringen."

Javert gab einen undefinierbaren Laut von sich. Die Vorstellung, ein wenig Kontakt zu dem zu bekommen, was er einmal gelernt hatte, war verlockend, aber Tricks? Er benutzte keine Tricks.

„Welche Sprachen können Sie noch?"

„Französisch natürlich, und provençalisch, was aber etwas eingerostet ist."

„Sprechen alle französischen Polizisten vier Sprachen?" Finch war kurz davon, vor Bewunderung zu platzen.

„Ähm, eigentlich nicht." Javert räusperte sich. „Ich werde mir allerdings wohl noch ein wenig Vokabular aneignen müssen, wenn Sie wirklich vorhaben, mich zum Übersetzen zu beschäftigen. Unsere Lehrerin hat verständlicherweise bislang darauf verzichtet, mir nützliche Worte für Polizeiarbeit beizubringen. Was denken Sie, wo ich diese Worte am besten lernen könnte?"

„Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, die Zuschauergalerie von Old Bailey zu besuchen?" schlug Finch vor. „Dort sollten Sie ausreichend ‚nützliche' englische Worte lernen können."

„Das ist ein sehr bedenkenswerter Vorschlag." Javert fühlte sich ungewöhnlich beschwingt, als er schließlich die Polizeistation verließ. Er hatte etwas gefunden, womit er sich in diesem Land nützlich machen konnte. Valjean wollte seine Schule gründen, er selbst würde der englischen Polizei unter die Arme greifen, dabei war er sicherlich qualifizierter, als bei irgendwelchen Kindern Geduld zu üben.

Zu Javerts Überraschung fand er bei seiner Rückkehr in die Wohnung Valjean einträchtig mit Miss Gardiner im Salon Tee trinkend vor. Cosette veranstaltete mit Catherine eine eigene kleine Teeparty vor dem Kamin.

„Stellen Sie sich vor, Javert, Miss Gardiner, hat sich bereit erklärt, in unserer Schule zu unterrichten." Valjean strahlte ihn geradezu an, und zu seiner Schande mußte Javert sich diesen kleinen Stich der Eifersucht eingestehen. Wieso war es dieser Frau gelungen, ein solches Strahlen auf Valjeans Gesicht zu zaubern? Wieso war ihm das bisher nicht gelungen?

„Das sind in der Tat außergewöhnliche Neuigkeiten", erwiderte Javert und konnte sich nicht überwinden, seine eigenen Erlebnisse zu berichten. Auf einmal war er sich auch nicht mehr sicher, ob Valjean es wirklich als gute Nachricht betrachten würde, wenn er selbst begann, wieder für die Polizei tätig zu werden. So nickte er den beiden am Tisch zu und ging hinüber zu Cosette.

„Hast du gehört, wir gründen eine Schule?" fragte sie, während sie vorgab, Javert eine Tasse Tee einzugießen.

„Ich habe davon gehört." Da es etwas albern war, in gebückter Haltung auf Cosette und Catherine, die auf dem Fußboden hockten, sowie den Schemel, der als Tisch diente, herunter zu sehen und vorzugeben, Tee aus einer leeren Tasse zu trinken, ließ Javert sich im Schneidersitz auf dem Boden nieder. Es erinnerte ihn unangenehm an seine Kindheit, aber den Gedanken vertrieb er sofort.

„Kann ich auch in diese Schule gehen?" fragte Cosette unvermittelt.

„Sicher nicht", antwortete Javert scharf. „Das ist keine Schule für junge Damen."

„Aber muß ich denn eine werden?"

„Eine was?"

„Eine junge Dame. Papa sagt auch immer, eine junge Dame tut dies oder das, und das klingt sehr langweilig."

Einen Augenblick war Javert ratlos. Bei Cosettes Vorgeschichte war eine erstklassige Erziehung dringend vonnöten, damit niemals irgend jemand den Verdacht schöpfen würde, daß sie unehelich geboren war, womit ihre Mutter zuletzt ihren Lebensunterhalt verdient hatte, und wie sie bei den Thenardiers leben mußte. „Was möchtest du denn sonst sein?"

„Ich könnte doch Arzt werden. Dann könnte ich Menschen helfen."

„Mädchen können keine Ärzte werden."

„Wieso nicht?"

„Weil…," Javert wußte die Antwort, aber er konnte unmöglich diesem Kind, ihrem Kind, wie Valjean es genannt hatte, sagen, daß Frauen für solche Berufe nicht geeignet waren wegen ihrer starken Emotionen und der Unbeherrschbarkeit dieser. „Weil Frauen nicht erlaubt ist zu studieren." Das war immerhin weniger verletzend und auch keine Lüge.

„Vielleicht werde ich dann Pirat", überlegte Cosette laut.

„Pirat?" Javert schüttelte den Kopf. „Wie kommst du denn jetzt darauf?" Vielleicht sollte man Frauen doch studieren lassen, wenn die Alternative eine kriminelle Karriere darstellte?

„Piraten tun, was sie wollen."

„Und enden dafür am Galgen. Piraterie ist ein Verbrechen", erwiderte Javert streng.

„Und du magst keine Verbrecher, oder?" Cosette legte den Kopf schief.

Ohne es zu wollen, wanderte Javerts Blick zum Tisch hinüber, wo Valjean sich noch immer in angeregter Unterhaltung mit Miss Gardiner befand.

Cosettes Augen folgen diesem Blick. „Aber Papa magst du."

„Ja, das tue ich." In Javerts Stimme lag ein Hauch von Bitterkeit.

„Das finde ich gut." Cosette lächelte zufrieden und begann, Catherine zu befragen, was diese denn für Vorstellungen von der Zukunft hatte.

XXX

Nachdem Cosette an diesem Abend zu Bett gegangen war, stand Javert etwas unschlüssig in der Küche herum und sah zu, wie Valjean das Geschirr vom Abendessen abspülte. Schließlich griff er nach einem Handtuch und begann, das abgespülte Geschirr abzutrocknen.

Valjean warf ihm einen Seitenblick zu. Es war selten und außergewöhnlich, daß sich Javert mit dem Haushalt befaßte, wenn es sich nicht gerade um Dinge handelte, die seinen Ordnungssinn beeinträchtigten.

„Ich habe heute ein Angebot erhalten", begann Javert und starrte dabei auf den Teller in seiner Hand.

„Ein Angebot?" Irgendwie machte Javerts Verhalten Valjean ein wenig nervös.

„Die Marine Police hat mir angeboten, mich als Übersetzer zu beschäftigen." Javert atmete ein und aus. „Und ich habe angenommen."

„Wieso?" Valjeans Stimme klang ungläubig.

„Wieso?" wiederholte Javert.

„Ja. Ich gehe davon aus, daß jemand, der so methodisch und organisiert ist wie du, Gründe haben wird. Und die Gründe sind mit Sicherheit nicht, daß du Geld verdienen mußt."

„Nein." Javert dachte an die unvorstellbar hohen Beträge, die sich nach Einrichtung seines Kontos auf diesem plötzlich angefunden hatten. Er wußte sehr gut, daß es sich dabei keinesfalls um seine Ersparnisse alleine handeln konnte, sondern daß noch ein paar tausend Francs mysteriöserweise aus dem Nichts aufgetaucht waren. „Ich bin, was ich bin, Valjean. Und das ist ein Polizist. Ich kann das nicht ändern, ich habe nichts anderes gelernt, und ich will auch nichts anderes tun."

„Du vermißt es." Es war eine Feststellung, keine Frage.

„Ja, ich vermisse es mehr, als ich mir jemals vorgestellt habe. Und wenn ich davon etwas zurückholen kann, und sei es nur ein kleiner Teil, dann werde ich das tun."

„Gleichgültig, was ich darüber denke?" Valjean hatte sich wieder vollständig dem Abwasch zugewandt, er wollte nicht, daß Javert sein Gesicht sah. „Ich hatte die Hoffnung, wir könnten all das hinter uns lassen, vergessen, wer oder was wir waren."

„Das werden wir niemals können." Javerts Erwiderung war zu schnell und zu scharf, als daß sie tröstend hätte sein können.

Valjean nickte langsam. Er konnte es nicht in Worte fassen, aber er spürte, wie sich etwas änderte, wie ihm unmerklich etwas zu entgleiten schien, wovon er nicht einmal hätte sagen können, um was es sich handelte.. Er wollte etwas sagen, fragen, aber blieb stumm. Vielleicht war das eine natürliche Entwicklung, wenn zwei so unterschiedliche Charaktere zusammenlebten? Wer konnte das sagen? Sie beide sicherlich nicht.

„Cosette möchte deine Schule besuchen." Javert spürte die Spannung auch, doch er wußte nicht, wie er sie ändern konnte; so blieb nur, das Thema zu wechseln. „Und sie plant eine Zukunft als Arzt oder Pirat."

„Tatsächlich?" Valjean versuchte ein Auflachen, was prompt schief ging. „Ganz der Vater was? Etwas für andere tun oder sie ausrauben."

„Das war nicht lustig."

„Ich weiß." Valjean trocknete sich die Hände ab und wandte sich Javert wieder zu. „Ich weiß auch, daß du mir keine Rechenschaft schuldig bist, was du tust. Genausowenig wie ich dir."

„Richtig." Javert begann, das Licht im Salon und in der Küche zu löschen, Valjean verschloß die Eingangstür.

Vor der Tür des Schlafzimmers trafen sie wieder aufeinander, beide verunsichert, wie sie mit der Situation umgehen sollten. „Willst du wieder in dieser Kammer schlafen?" fragte Valjean schließlich unsicher.

„Willst du, daß ich das tue?" fragte Javert zurück.

Valjean schüttelte den Kopf.

„Dann ist die Antwort ‚nein'."

Sie sprachen nicht, als sie sich ihrer Kleider entledigten und zwischen die Decken schlüpften. Sie sprachen auch nicht, während ihre Hände begannen, den anderen zu berühren. Beide benötigten diese Umarmung, um sich zu versichern, daß sie das, was sie getan hatten, bevor sie irgend etwas anderes gemeinsam hatten, noch immer verband.