VI.

A.N.: Dieses Kapital ist der Serie „Garrow's Law" gewidmet, quasi Schulfernsehen, wenn man etwas über das englische Rechtssystem im 18./19. Jahrhundert wissen will…

Javert saß jetzt die zweite Woche infolge auf der Besuchergalerie des Old Bailey und versuchte noch immer, sich einen Reim darauf zu machen, wie die englische Justiz funktionierte. Der Mangel an geschriebenen Gesetzen war irritierend. Er hatte bereits diverse Diebe, Straßenräuber, Prostituierte, eine Engelmacherin und zwei Totschläger abgeurteilt gesehen. Es war merkwürdig, Gerichtsprozesse zu beobachten, an deren Zustandekommen er keinerlei Anteil hatte, aber es übte zumindest seine Sprachkenntnisse. Das Vokabular hinsichtlich Verbrechen und Justiz war deutlich gewachsen, ebenso wie der Inhalt in dem kleinen Buch, in dem Javert die wichtigsten Worte notierte.

Als Javert zum ersten Mal einen „thieftaker" zu Gesicht bekam, war er ausgesprochen verwirrt. Die Vorstellung, daß ein Verbrechensopfer einer Person Geld zahlte, der dann einen Verbrecher festnahm und vom Gericht erneut Geld bekam, war jenseits Javerts Vorstellungskraft. Kein Wunder, daß der junge Mr. Finch so wild nach Geschichten von richtiger Polizeiarbeit war.

Aber Javert war ja auch nicht deswegen anwesend, weil er etwas über das englische Justizsystem lernen wollte, das war nur ein Nebeneffekt, es ging um Aneignung der entsprechenden Fachsprache. Deswegen verfolgte er auch nur die Sprache, weniger die Fälle und Urteile an sich.

Es war der fünfte oder sechste Fall an diesem Tag, der zweite nach der Essenspause, als der Richter ein Urteil verkündete, das abwich von der üblichen Hängen-Zuchthaus-Deportation-Routine abwich. Es lautete auf „branding". Javert benötigte einen kurzen Moment, um den Sinn dieses Wortes zu verstehen, dann hatte er das dringende Bedürfnis, den Saal des Old Bailey zu verlassen. Er spürte Schwindel, sein Magen rebellierte, er brauchte frische Luft.

Sehr unzeremoniell drängte er sich durch die Reihen der Zuschauergalerie, trat sogar noch jemandem auf den Fuß und schaffte es nach draußen auf die Treppen, bevor sein Magen die Oberhand gewinnen konnte.

Bis vor wenigen Monaten hatte er ein Brandzeichen für ein sinnvolles Instrument gehalten, um Kriminelle identifizieren zu können und gleichzeitig zu bestrafen. Doch der Umstand, daß er ein Brandzeichen seit über einem halben Jahr regelmäßig täglich zu Gesicht bekam, daß er es sogar mehr als einmal geküßt hatte, als könnte er den Schmerz, den es verursacht hatte, fortnehmen, änderte alles. Es war barbarisch, und wenn er den Gedanken kaum ertragen konnte, daß irgendein unbekanntes kriminelles Subjekt auf diese Weise bestraft wurde, wie sollte er sich dafür rechtfertigen, daß Valjean ein solches Brandmal trug?

Wäre Javert ein paar Jahre älter und früher nach Toulon gekommen, so hätte er Häftling 24601 vielleicht sogar selbst das glühende Eisen auf die Brust gedrückt, wie er es bei dem einen oder anderen Gefangenen getan hatte. Und wenn dieser bloße Gedanke schon ihm den Magen umdrehte, wie konnte Valjean überhaupt seine Anwesenheit ertragen? Wie gelang es Valjean, Tag für Tag mit jemandem zu leben, der ihn jede Sekunde an die schrecklichste Zeit seines Lebens erinnerte? Kein Wunder, daß Valjean niemals sagte, was er empfand, weil das, was er empfinden mußte, verletzend war.

Javert stützte den Kopf auf das Geländer vor sich und zwang seinen Atem und seinen Herzschlag durch bloße Willenskraft, sich zu beruhigen. Er war niemals näher an einer Panik gewesen, außer vielleicht in jeder Nacht in Montreuil, als er geglaubt hatte, den Bürgermeister falsch denunziert zu haben.

Er konnte nur froh sein, daß niemand seinen Anfall beobachtet hatte, den er kannte.

Javert hatte diesen Gedanken kaum zuende gedacht, als er vor sich den jungen Mr. Finch erkannte. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?" fragte dieser besorgt. „Sie wirken etwas blaß."

„Ja, wunderbar", antwortete Javert und wirkte etwas zerstreut. „Ich brauchte nur frische Luft. Es ist da heute sehr stickig drinnen."

„Da haben Sie recht. Ich bin froh, daß ich nur einige Unterlagen abgeben mußte, anstatt wirklich in den Saal zu müssen." Finch betrachtete Javert prüfend. „Soll ich Sie lieber ein Stück begleiten? Sie wirken noch immer etwas wackelig auf den Beinen."

Alles in Javert sträubte sich dagegen, das Angebot anzunehmen, sein Stolz ließ das eigentlich nicht zu. Andererseits würde es seinem Stolz auch nicht guttun, wenn er mitten auf der Straße zusammenbrechen würde und sich von vollkommen Fremden helfen lassen zu müssen.

Finch redete pausenlos, beginnend vom warmen Wetter über den allgemeinen Gesundheitszustand und schließlich den Anstieg von Kriminalität im Hafen mit dem wärmeren Wetter. Javert hörte nur mit halbem Ohr zu, versuchte noch immer zu verstehen, was eigentlich genau mit ihm geschehen war, ohne dies wirklich zu begreifen, und ehe er zu irgendeinem Schluß kommen konnte, stellte er fest, daß sie an dem Haus angekommen waren, in welchem er wohnte.

Zivilisierte Umgangsformen waren nicht gerade Javerts allerstärkste Seite, aber er wußte auch, daß es alles andere als akzeptabel war, wenn er sich jetzt von Finch verabschiedete. „Möchten Sie vielleicht auf eine Tasse Tee hereinkommen?" fragte er.

„Das klingt verlockend." Finch folgte Javert durch den Laden, der schon erheblich mehr Ähnlichkeit mit einem Klassenraum aufwies als noch vor einer Woche, in die obere Etage.

Als Javert die eigentliche Wohnung betrat, bemerkte er, drei Dinge. Das erste war, daß die unvermeidliche Miss Gardiner im Salon saß und sich sehr angeregt mit Valjean unterhielt, das zweite war die Feststellung, daß Cosette sich offenbar in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, da sie nicht zu sehen war, und das dritte war der Umstand, daß Valjean bei seinem Eintreten zusammenzuckte. War das Schuld? Spielte sich da etwas ab zwischen Valjean und Miss Gardiner, was er nicht wissen sollte? Es war in der Vergangenheit niemals wirklich zur Sprache gekommen, ob Valjean Interesse an Frauen hatte. Er hatte sich aufopfernd um Fantine gekümmert, und er verbrachte ausgesprochen viel Zeit mit Miss Gardiner.

Valjean räusperte sich. „Ich sehe, Sie haben Besuch mitgebracht?"

Javert riß sich zusammen und stellte Finch vor. Valjean begrüßte den jüngeren Mann höflich, wirkte aber nicht sehr erfreut darüber, einen Polizisten bewirten zu müssen, während Miss Gardiner die Anwesenheit eines solchen für unter ihrer Würde zu halten schien.

Die Atmosphäre war angespannt während des Tees, keine der vier Personen schien genau zu wissen, worüber sie mit den anderen sprechen sollte, und so waren eigentlich alle erleichtert, als Miss Gardiner erklärte, sich nunmehr auf den Weg nach Hause machen zu wollen. Zum Erstaunen aller erbot sich Mr. Finch, sie ein Stückchen zu begleiten, bis sie besser beleumdete Straßen erreicht haben würde. Noch größer war das Erstaunen, daß Miss Gardiner dieses Angebot annahm.

Während Valjean das Abendessen vorbereitete, ging Javert nach Cosette sehen. Es war ungewöhnlich, daß sie sich in ihr Zimmer zurückzog und nicht zum Vorschein kam. Sie lag auf ihrem Bett und sah aus wie ein Häufchen Elend. Ihr schien fürchterlich warm zu sein, denn der Schweiß stand ihr auf der Stirn, doch gleichzeitig zitterte sie am ganzen Körper. „Mir geht's nicht gut", flüsterte sie, als sie Javert sah. Mit zwei Schritten war Javert am Bett, fühlte die Stirn des Kindes, die außergewöhnlich heiß war, und rief im nächsten Moment nach Valjean.

Die folgenden Stunden waren hektisch. Man sollte glauben, daß keiner der beiden Männer in der Lage gewesen wäre, mit einem kranken Kind umzugehen, aber das war nicht der Fall. Valjean hatte in Montreuil tatkräftig im Hospital geholfen, und Javert hatte sich eben auch um die Opfer einer Tat und nicht nur um den Verbrecher kümmern müssen. Medizinische Versorgung war ihnen somit beiden nicht fremd. Konzentriert und, als hätten sie dies schon häufiger getan, aufeinander abgestimmt, trafen sie die Vorkehrungen, um das Fieber zu senken.

Sie sprachen mit Cosette, um ihr zu versichern, daß alles in Ordnung sei, aber es erschien unmöglich, miteinander zu sprechen. Welchen Sinn hätte es gehabt, wenn sie einander versichert hätten, wie sehr sie sich sorgten?

Cosette erhielt Wadenwickel, und sie flößten ihr Wasser ein in großen Mengen. Als sich ihr Zustand am späteren Abend noch immer nicht gebessert hatte, machte Valjean sich auf den Weg, um einen Arzt zu holen. Er kehrte zurück mit einem Beutel voller Weidenrinde, aus der er einen Tee brauen sollte, und der Mitteilung, nachdem Arzt zu schicken, sollte der Tee das Fieber nicht innerhalb einer Stunde verringern.

In der Wohnung war es ruhig. So leise es ging, schlich Valjean zu Cosettes Zimmer und warf einen Blick hinein. Das Mädchen hatte aufgehört zu zittern und atmete ruhig in tiefem Schlaf. Ihr Kopf lag in Javerts Armbeuge, er selbst hatte sich halb sitzend, halb liegend neben ihr ausgestreckt und streichelte ihre Hände. Auch er hatte die Augen geschlossen.

Valjean konnte sich mehrere Sekunden nicht von dem Anblick losreißen der beiden Menschen, die für ihn innerhalb weniger Monate Mittelpunkt seines Lebens geworden waren. Cosette, das Kind, das ihn so bedingungslos liebte, wie er sie liebte, dem es gleichgültig war, ob er, wie bei ihrer ersten Begegnung in Ketten herumlief. Es war schlichtweg unvorstellbar, daß sich daran jemals etwas ändern würde, weder auf seiner Seite, noch von Cosette aus.

Javert war komplizierter, schwieriger. Es gab zwischen ihnen so vieles, was unausgesprochen blieb, es war unmöglich zu erraten, was hinter seiner Stirn vorgehen mochte. Was er dachte, was er fühlte, war für Valjean noch immer ein Rätsel. War Javert hier, weil er hier sein wollte, oder weil seine Alternativen begrenzt waren? Bedauerte er seine impulsive Entscheidung, oder hielt er sie immer noch für eine gute Idee?

Valjean war sich nur seiner eigenen Gefühle sicher. Er war sich ihrer bewußt gewesen spätestens nach ihrer Rückkehr nach Montreuil, daß er sich auf der Reise unmerklich, aber stetig verliebt hatte. Es war alles andere als einfach, verliebt zu sein, ohne zu wissen, ob diese Gefühle über das hinaus, was zwischen ihnen in ihrem Bett vor sich ging, erwidert wurden.

Und dieser Moment vorhin, als Javert diesen jungen Polizisten mit nach Hause gebracht hatte… Beinahe hätte Valjean vergessen, daß er nur noch Gutes tun wollte. Aber dieser junge Mann an Javerts Seite, der soviel mehr gemeinsam mit Javert hatte als er selbst, und dazu noch den Vorteil, fünfundzwanzig Jahre jünger zu sein… Eifersucht war kein schöner Zug, aber was konnte er dagegen tun?

Javert wählte diesen Moment, um von dem schmalen, schlafenden Körper in seinem Arm aufzusehen. Ihre Blicke trafen sich, und Valjean errötete, denn er fühlte sich ertappt bei seinen Gedanken, die er nicht auszusprechen wagte. Wie konnte er selbst Vertrauen dafür in Anspruch nehmen, daß er selbst nun ein anderer Mensch war, wenn er gleichzeitig zeigte, daß er an Javerts Treue zweifelte?

„Sie schläft jetzt fest", sagte Javert leise. „Das Fieber scheint auch gesunken zu sein."

„Gott sei Dank." Valjean bekreuzigte sich. „Was hast du gemacht, daß es gesunken ist?"

„Nichts. Ich habe sie nur in den Schlaf gesungen, wie sonst auch."

„Deine Stimme ersetzt die Medizin eines Arztes?" Vor Erleichterung wußte Valjean nicht, ob er lachen oder weinen sollte. „Vielleicht solltest du ein Geschäft daraus machen."

Javert konnte nicht umhin zu lächeln. Was auch immer geschehen würde, der Umstand, daß sie beide Cosette liebten, würde sie immer verbinden. Er warf einen Blick zu Valjean und von diesem auf die andere Bettkante.

Ohne daß ein Wort gesprochen worden war, verstand Valjean. Er legte die Medizin zur Seite, schlüpfte aus Hut, Mantel und seinen Schuhen und ließ sich auf der freien Bettkante nieder. Seine Hände schlossen sich um die Javerts, so daß sie beide Cosettes Hände umfaßten.