VII.

Es war warm und sonnig, als Javert für seine Verhältnisse ausgesprochen gut gelaunt zum Old Bailey spazierte. Er war in dieser Woche noch nicht zu seinem besonderen Sprachunterricht dort gewesen; bis Cosette wieder ganz auf den Beinen war, hatten sie dafür gesorgt, daß immer einer von ihnen bei ihr bleiben konnte. Aber jetzt war sie munter wie sonst auch, die Erkältung, deren Vorbote das Fieber gewesen war, hatte sich verzogen, und sie verlangte auch nicht mehr, daß sie im Schlafzimmer übernachten konnte.

Letzteres hatte gestern abend dazu geführt, daß Valjean offenbar ein großes Bedürfnis nach körperlicher Nähe verspürt und Javert mehrere Stunden wachgehalten hatte. Nicht, daß Javert dagegen Einwände erhoben hätte, doch irgend etwas war anders gewesen als sonst. Wenn er länger darüber nachdachte, war es wohl der Umstand, daß Valjean dicht an ihn geschmiegt, eingeschlafen war. Das war nichts, was üblicherweise geschah, aber Javert kam nicht umhin, es irritierend angenehm zu finden. Vielleicht war ja doch alles viel einfacher, und sie würden irgendwann einmal darüber sprechen, was sie eigentlich füreinander waren.

Javert stieg, nachdem er das Gerichtsgebäude betreten hatte, die Stufen zur Besuchergalerie hinauf. Er grüßte sogar zwei der ebenfalls regelmäßig anwesenden Besucher mit einem kurzen Kopfnicken, bevor er seinen üblichen Platz direkt neben einer der Säulen einnahm. Der Sitzungstag nahm seinen üblichen Verlauf. Es begann mit einem Straßenräuber, dann folgte ein Dieb und schließlich ein Mann, der angeklagt war, einen anderen in einem Wirtshaus einen Bierkrug auf den Kopf geschlagen zu haben, also nichts, was Javerts Aufmerksamkeit besonders gefesselt hätte, abgesehen davon, daß der Geschädigte im letztgenannten Fall mit einem nur schwer verständlichen Akzent sprach, da er aus dem Norden Englands stammte.

Im vierten aufgerufenen Fall wurden zwei junge Männer zur Anklagebank geführt. Sie wirkten nicht so wie die meisten Angeklagten, sondern irgendwie scheu, dabei jedoch einander auch nahestehend. Sie weckten Javerts Aufmerksamkeit, so daß er von der Anklageerhebung den ersten Teil nicht richtig mitbekam, sondern lediglich etwas von „widernatürlichen Beziehungen" verstand.

Der erste Zeuge der Anklage war ein Nachbar, der sehr umständlich erzählte, wie die beiden Männer in die Wohnung neben ihm gezogen waren, und augenscheinlich etwas vor der Nachbarschaft zu verbergen hatten, da sie sich mit niemandem dort näher bekannt machten. Schließlich berichtete der Zeuge mit sichtlicher Empörung, wie er eines Tages meinte, Schreie aus der Nachbarwohnung gehört zu haben, dort hineinstürmte, und beide Männer in wenig bekleidetem Zustand auf dem Bett in einem „sodomistischen Akt" erblickte.

Javert hoffte, daß der Zeuge nun endlich zum Punkt kommen würde. Irgendwie mußte doch langsam einmal eine strafbare Handlung kommen anstatt lediglich der Beschreibung einer fürchterlich peinlichen Situation. Zu Javerts grenzenloser Überraschung stellte der Ankläger keine weiteren Fragen, und der Anwalt der Verteidigung begann den Zeugen intensiv darüber zu befragen, was genau er gesehen haben mochte und konnte, und ob es irgend etwas gab, was er mißdeutet haben könnte.

Javert war mehr als irritiert, so daß er einem der beiden anderen Besucher, die regelmäßig kamen, fragte: „Entschuldigen Sie, ich verstehe gerade nicht so ganz, was da unten vorgeht. Weswegen sind die beiden genau angeklagt?"

Der Mann runzelte die Stirn über soviel Unwissenheit, schob es jedoch darauf, daß sein Gegenüber es vielleicht nicht verstanden haben mochte, da Englisch hörbar nicht seine Muttersprache war. „Na, Sodomie. Und sie sind zweifellos schuldig."

„Aber das ist doch nicht alles, oder?"

„Das reicht doch wohl."

„Ich verstehe Sie wirklich richtig, daß die beiden wegen nichts weiterem beschuldigt werden, und daß das, was sie getan haben, strafbar ist?"

Der Mann warf Javert einen Blick zu, als zweifele er an dessen Verstand. „Na, das will ich meinen. Natürlich ist Sodomie strafbar, was denken Sie denn? Wo kämen wir denn hin, wenn jeder von den Perverslingen tun könnte, was seinem kranken Hirn beliebt?"

Javert hatte das Gefühl, als habe ihm jemand ohne Vorwarnung in den Magen geschlagen. Er spürte, wie sein Frühstück versuchte, wieder ans Tageslicht zu kommen, und es benötigte die gesamte seiner alles andere als unbeträchtlichen Willenskraft, um es daran zu hindern. Er glaubte für einen Moment, daß die Galerie sich neigen und ihn schnurstracks auf die Anklagebank hinunter kippen würde. Um dies zu verhindern, versuchte er, sich zurückzulehnen, stellte fest, daß die Bank keine Rückenlehne hatte, und lehnte sich statt dessen seitlich gegen die Säule, während seine Finger die Ränder der Bank umklammerten.

Es gab ein Gesetz, gegen das er seit Monaten immer wieder verstoßen hatte. In Frankreich mochte es genügend Personen geben, die es so sahen wie sein Sitznachbar, aber das änderte nichts daran, daß das, was zwei Männer miteinander taten, seit über einem Jahrzehnt keine Straftat mehr darstellte. Ihm war nicht bewußt gewesen, daß die Gesetze in England anders sein mochten.

Aber das änderte nichts, denn wenn Javert seine strengen Maßstäbe ansetzte, die er bei jedem Straftäter angewendet hätte, schütze Unwissenheit nicht vor Strafe. Aber die Strafe an sich war nebensächlich, es war der Umstand, daß er konsequent gegen ein Gesetz verstieß, und dieses nicht kurzfristig würde ändern können, wenn alles so weitergehen würde wie bisher.

Javert hatte in seinem ganzen Leben kein Gesetz gebrochen bis zu jenem Tag, als er Valjean, statt ihn nach Arras zu überstellen, freiließ und auf ein Schiff nach England setzte. Und seitdem immer wieder, war sein Leben eine einzige Straftat geworden, war sein Verhalten genau das, was Leute von jemandem seiner Herkunft erwarteten.

Das Gesetz war sein Gott gewesen, und er hatte versagt dabei, diesem Gott zu dienen. Er hatte früher immer gesagt, daß ein Verbrecher immer ein Verbrecher bliebe, und jetzt hatte sich dieser Satz mit grausamer Ironie bewahrheitet. Diese eine Straftat am Hafen von Etaplès, einem Straftäter zu Flucht zu verhelfen, führte zu einem Leben in Straftaten.

Wie sollte er mit diesem Wissen weiterleben? Für einen Moment lang erwog Javert ernsthaft, alles zu beenden, eine Themsebrücke, der Fluß, es würde schnell vorbei sein. Doch das ging nicht, der Kummer, den eine solche Handlung über Cosette bringen würde, das konnte er nicht.

Und vermutlich war in diesem Land sogar Selbstmord strafbar, fügte er in Gedanken sarkastisch hinzu.

Javert hing seinen Gedanken so nach, daß er weder bemerkte, daß die beiden jungen Männer verurteilt wurden, noch daß der Richter die weitere Sitzung auf den Nachmittag nach einer Mittagspause vertagte. Erst als ihn einer der Gerichtsdiener an der Schulter berührte und aufforderte, die Galerie zu verlassen, fiel ihm auf, daß sich der Saal fast vollständig geleert hatte.

Als befände er sich in einem Alptraum, leistete Javert der Aufforderung Folge. Er stieg die Treppe von der Galerie hinunter, verließ das Gerichtsgebäude und lief durch die Stadt. Häuser, Personen, Fuhrwerke wirkten, als seien sie nicht real, als flöge das alles wie ein flüchtiger Eindruck an ihm vorbei.

Und in seinem Kopf war dieser Gedanke, der mit unglaublicher Macht in seinem Gehirn hämmerte. Es ist vorbei, wie konnte es das nicht sein?

XXX

Valjean hockte auf dem Fußboden des früheren Ladens unter der Wohnung, die sich langsam, aber sicher in ein Schulzimmer verwandelte, und versuchte, an einem der Stühle, die er erworben hatte, die Beine zu fixieren. Miss Gardiner und Cosette saßen in einer der Bänke und nähten Vorhänge.

Valjean war sicher, in zwei Wochen die ersten Schüler unterrichten zu können, und das sorgte bei ihm für ein Gefühl von großer Zufriedenheit. Er hatte das Gefühl, durch das erzwungene Verlassen von Montreuil seine Aufgabe nicht vollständig erfüllt zu haben. Doch jetzt konnte er in einem anderen Land fortsetzen, was er begonnen hatte, um endlich, mit seinen geringen Mitteln, das Elend der Welt zu verbessern.

In diesem Moment ging die Tür auf, und Javert kam herein. „Vielleicht könnten Sie mir eben etwas zur Hand gehen und…"

Javert reagierte nicht und durchquerte den Raum, als habe er überhaupt nicht gehört, daß er angesprochen wurde.

„Javert?" fragte Valjean und konnte nur zusehen, wie dieser ohne einen Blick nach links oder rechts zu werfen, die Treppe nach oben stieg. Valjean sah zu Cosette hinüber, die ihn fragend ansah, und zu Miss Gardiner, in deren Augen Irritation lag.

Sehr sorgfältig legte Valjean den Stuhl beiseite, erhob sich und folgte Javert. Selbst jemand, der nicht mehrere Jahre damit zugebracht hatte, Javert im Auge zu behalten, hätte erkennen können, daß irgend etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, denn dessen Gesicht war so bleich, als habe er einen Geist gesehen.

Valjean öffnete die Tür zur Wohnung und fand, nachdem er zunächst vergeblich im Salon nachgesehen hatte, Javert im Schlafzimmer, genauer gesagt im Rahmen der Tür, die das Schlafzimmer mit der Kammer dahinter verband. Javerts Stirn lag gegen das Holz des Türrahmens gepreßt, während seine Augen das große Bett im Schlafzimmer anstarrten.

„Was ist los mit dir?" fragte Valjean. „Bist du in Ordnung?"

Javert schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin ganz und gar nicht in Ordnung. Ich bin ein Verbrecher."

Valjean konnte sich ob der Absurdität dieser Aussage ein Auflachen nicht verkneifen. „Du? Unmöglich."

„Du findest das amüsant, ausgerechnet hier, an dem Ort, an dem das Verbrechen begangen wurde?"

„Was?" Jetzt war Valjean vollkommen verwirrt. Er machte einen Schritt auf Javert zu, doch dieser hob mit solcher Entschlossenheit die Hand, daß er mitten in der Bewegung innehielt.

„Ich kann nicht bleiben."

„Es ist doch in Ordnung, wenn du heute noch etwas vorhast." Valjean hatte das unangenehme Gefühl, daß ihm gerade etwas Entscheidendes an dem Gespräch entging, ohne zu wissen, was das sein mochte.

„Hast du es gewußt?" Javert hob zum ersten Mal langsam den Kopf.

„Ich habe leider überhaupt keine Ahnung, wovon du gerade sprichst."

„Vielleicht ist das Teil des Problems. Wir verstehen einander nicht."

„Verdamm, Javert", an der Tatsache, daß er fluchte, konnte man erkennen, wie beunruhigend Valjean das Gespräch fand, „was ist los? Erkläre mir, was mit dir passiert ist in den letzten Stunden, denn als du heute morgen das Haus verlassen hast, warst du noch bester Dinge."

Javert schloß die Augen und öffnete sie sogleich wieder. Die Erinnerung an den Grund, weswegen er das Haus in guter Laune verlassen hatte, machte alles nur noch schlimmer. „Hast du gewußt, daß es Länder gibt, in denen… bestimmte Verhaltensweisen anders als in Frankreich strafbar sind?" fragte er mit erzwungener Ruhe.

„Oh", machte Valjean lediglich.

„Ich saß heute im Gericht und habe dabei zufällig erfahren, daß es in England ein Verbrechen ist, wenn zwei Männer…" Javert machte eine Kopfbewegung zum Bett herüber.

„Es tut mir leid, daß du es so erfahren hast", murmelte Valjean und wußte im selben Moment, welchen fatalen Fehler er gemacht hatte.

Zum ersten Mal machte Javert eine schnelle Bewegung, seit diese Unterhaltung begonnen hatte. Er fuhr herum und starrte Valjean an. „Du hast es gewußt? Du hast es gewußt", wiederholte er, jetzt nicht mehr als Frage, sondern als Feststellung. „Wie konntest du mir das verschweigen?"

„Es tut mir leid, ich hätte es dir sagen sollen. Aber ich wußte nicht wie. Ich habe befürchtet, daß du so reagierst wie jetzt."

„Das ist keine Entschuldigung."

„Keine gute jedenfalls, ich weiß."

„Aber das, was wirklich das ist, was mich wütend macht, ist nicht einmal, daß du mich durch dein Schweigen dazu gebracht hast, in deinen Armen zu liegen, obwohl es hier gegen das Gesetzt verstößt. Es zeugt nicht gerade von Respekt, es nicht für notwendig zu erachten, mit mir zu sprechen. Du hast mir jede Möglichkeit genommen, selbst eine Entscheidung zu treffen."

„Natürlich respektiere ich dich", widersprach Valjean, doch Javert fiel ihm sofort ins Wort.

„Deine Art, das zu zeigen, sagt etwas anderes. Was bin ich für dich, Valjean? Nein, sag es nicht, denn ich weiß es. Ich bin eines deiner Projekte. In dem Moment, in dem ich an Bord dieses Schiffes gegangen bin, wurde ich dazu. Und natürlich warst du dein großmütiges Selbst. Nachdem ich dich hatte gehen lassen, konntest du mich ja nicht einfach wegschicken, denn ich hing fest hier, ohne viel Geld, ohne Sprachkenntnisse." Javert lachte einmal bitter auf.

„Du redest Unsinn", erklärte Valjean, „und das weißt du auch."

„Nein, das tue ich nicht." Javert wandte sich ab, ging in die Kammer, kam nach einigen Sekunden mit seiner Uniform und dem dazugehörigen Mantel über dem Arm heraus und breitete beides auf dem Bett aus. „Ich weiß deine selbstlosen Versuche zu schätzen, mich über das, was ich zurückgelassen habe, hinwegzutrösten." Die Stimme triefte vor Sarkasmus. „Ich hatte eine Karriere, einen Beruf, der mir alles bedeutet hat, ich hatte ein Leben in Frankreich. Ich habe all das aufgegeben, nicht, weil ich Angst hatte, was mit mir gesehen würde, sondern weil ich glaubte, das Richtige zu tun, weil ich mit dir zusammen sein wollte. Doch hier stelle ich fest, daß ich nicht gut getauscht habe. Jedes Mal, wenn ich dich berühre, werde ich zum Verbrecher. Doch selbst das hätte ich hingenommen, wenn das, was sich zwischen uns entwickelt hätte, all das wert wäre. Aber das ist es nicht, jedenfalls dann nicht, wenn eine Seite tiefere Gefühle hat und die andere lediglich Mitleid empfindet." Er rollte die Uniform samt Mantel zusammen. „Lebwohl, Valjean. Es recht mir nicht mehr, nur Empfänger deines Mitleides oder ein Projekt zu sein. Dafür habe ich zuviel aufgegeben. Du machst es mir unmöglich zu bleiben."

Valjean hatte mit wachsender Verzweiflung zugehört. Er hatte niemals gelernt, mit einer derartigen Situation umzugehen. Im Grunde seines Herzens glaubte er noch immer, daß er aufgrund seiner Vergangenheit kein Glück von Dauer verdiente. Er begriff nicht, was in Javert gerade vorging, ein wenig fühlte er sich, als habe er einen Schlag auf den Kopf erhalten, irgendwie benommen und handlungsunfähig. „Wohin willst du denn gehen?" fragte er hilflos.

„Dover", antwortete Javert knapp. „Und von dort ein Schiff nach Calais. Ich werde mich meiner Verantwortung in Frankreich stellen."

„Aber man wird dich dort wahrscheinlich verhaften."

„Dann ist es eben so." Javert trat zur Tür und schob Valjean mit sanfter Gewalt zur Seite, da dieser mit seinem Körper den Weg blockierte. Bei dieser Gelegenheit blickt er auf Valjean herunter, schien sich dessen Gesichtszüge in jeder Einzelheit einprägen zu wollen und verließ das Zimmer.

Valjean benötigte vier Sekunden, bis seine Stimme in der Lage schien, ein ersticktes „Geh nicht" auszusprechen.

Javert zuckte leicht zusammen, aber er wandte sich nicht um, als er die Wohnung verließ.