VIII.

Isobel Gardiner war bereits aufmerksam geworden, als Javert in diesem merkwürdig abweisenden Zustand das Schulzimmer durchquert hatte, und als M. Fauchelevent ihm gefolgt war, hatte sie sich bemüht, Cosette abzulenken.

Irgendetwas zwischen den beiden Männern war sehr im Argen. Sie sog stark die Luft ein, als Javert nach mehreren Minuten zurückkehrte, eine Uniform über dem Arm, vor Cosette in die Knie ging und in schnellem Französisch auf das Kind einredete. Miss Gardiner verstand nur einige Satzfetzen, nämlich ein „Ich muß für einige Zeit fortgehen." sowie ein „Ich werde immer an dich denken." Dann umarmte er Cosette, drückte sie fest an sich, schien sich schließlich fast gewaltsam losreißen zu müssen und erhob sich wieder.

Er sah zu Miss Gardiner hinüber, nickte ihr knapp zu und sagte, diesmal auf englisch: „Sie können ihn haben." In noch aufrechterer Haltung als schon normalerweise verließ Javert das Haus.

Miss Gardiner starrte ihm nach. Was um alles in der Welt hatte er damit sagen wollen? Und vor allem, was war zwischen den beiden Männern vorgefallen?

So dringend Miss Gardiner dieses herausfinden wollte, so vorrangig waren zunächst andere Dinge. Cosette hatte nämlich bitterlich angefangen zu weinen. Entgegen ihrer Natur zog Miss Gardiner das Kind an sich und machte die notwendigen Bewegungen, um es zu beruhigen.

Nachdem Cosette aufgehört hatte zu schluchzen, machte sie sich los. „Papa muß Javert zurückholen", erklärte sie mit erstickter Stimme, aber sehr entschlossen. „Er muß einfach. Wir brauchen ihn doch."

Miss Gardiner verbiß sich die Bemerkung, daß unter Erwachsenen Dinge selten so einfach waren. Wenn Cosette jetzt einfach nach oben stürmte, war vollkommen unsicher, in welchem Zustand ihr Vater wohl sein würde, und nach Miss Gardiners Erfahrung gab es Situationen, in denen Kinder ihre Eltern besser nicht sahen. „Du bleibst hier, Cosette, ich sehe nach, wo dein Papa steckt", sagte sie.

Cosette nickte, noch immer mit Tränen in den Augen.

Während Miss Gardiner die Treppe nach oben stieg, wurde ihr schlagartig bewußt, was Javert mit seiner letzten Bemerkung hatte andeuten wollen. Sicherlich, sie würde sich selbst belügen, wenn sie behaupten würde, nicht zu irgendeinem Zeitpunkt den Gedanken gehabt zu haben, wie wohl eine Verbindung mit M. Fauchelevent wäre. Doch das, was Javerts Bemerkung ebenfalls enthielt, machte ihr deutlich, wie fruchtlos dieser Gedanke gewesen war, denn M. Fauchelevents Interessen lagen mit Sicherheit woanders. Instinktiv berührte sie die Kette, die sie unter ihrem Kleid trug, und den daran hängenden Ring.

Der Verdacht, den Miss Gardiner gehegt hatte, wurde zur Gewißheit, als sie Valjeans ansichtig wurde. Er hatte sich, seit Javert hinausgestürmt war, nicht von der Stelle gerührt, sondern war lediglich am Türpfosten herab gerutscht und hockte auf dem Fußboden.

„Er ist fort", flüsterte er, und es war nicht zu erkennen, ob er es zu Miss Gardiner sagte, oder ob es bereits zum wiederholten Male ins Leere gesprochen wurde.

„Hat er gesagt, wo er hin will?" Miss Gardiner zwang sich, ihre Stimme so geschäftsmäßig wie möglich klingen zu lassen. Irgendwer mußte einen kühlen Kopf bewahren, und es sah leider so aus, als müßte sie diese Aufgabe übernehmen.

Valjean blickte auf, starrte Miss Gardiner aus tränenblinden Augen an und schien den Versuch zu machen, sich zu erheben, woran er jedoch scheiterte. „Dover. Und von dort nach Frankreich."

Miss Gardiners Hand fuhr erneut zu dem Ring an ihrer Halskette. Das war kein Zufall mehr, das war ein Wink des Schicksals, endlich etwas zu tun, was sie schon längst hätte tun müssen. „Sie werden ihn doch wohl hoffentlich nicht gehen lassen?"

„Es ist zu spät."

„Nur der Tod ist zu spät. Was auch immer zwischen Ihnen vorgefallen sein mag, bringen Sie es in Ordnung. Cosette braucht Sie beide, und Sie brauchen einander." Miss Gardiners Stimme hatte denselben Klang, als wenn sie eine ungehorsame Schülerin schalt.

Valjean machte einen weiteren Versuch, auf die Füße zu kommen, was dieses Mal gelang. „Ich weiß nicht, ob ich das kann."

„Natürlich können Sie das. Und selbst, wenn Sie es nicht können, müssen Sie es versuchen, oder Sie werden es Ihr ganzes Leben bereuen."

„Sie verstehen nicht, er sagt, ich hätte ihn in ein Verbrechen getrieben."

Miss Gardiner lachte bitter auf. „Verbrechen!"

„Und das, was ich ihm entgegenbringe, sei nicht genug." Valjean fuhr sich mit der Hand durch die Haare und hielt mitten in der Bewegung inne. „Sie haben nicht gefragt, welches Verbrechen es ist."

„Das brauche ich nicht."

„Aber Sie können nicht verstehen…"

„Ich verstehe besser, als Sie denken." Miss Gardiner atmete einmal tief ein und aus. „Der Grund, warum ich meinen Lebensunterhalt als Gouvernante verdienen muß, der Grund, warum mein Lebenswandel über jeden Zweifel erhaben sein muß, ist, war mein Bruder David. Er… faßte eine Zuneigung zu dem Sohn eines unserer Pächter, Martin. Eines Nachts wurden die beiden entdeckt. Martin konnte fliehen, doch mein Bruder… Er wurde festgenommen und starb einige Wochen später im Gefängnis. Mein Vater konnte die Schande nicht ertragen und ging eines Abends mit seinem Jagdgewehr in sein Arbeitszimmer… Meine Mutter fand ihn. Sie hat sich davon niemals erholt und verstarb einige Monate später. Also sagen Sie mir nicht, was ich verstehe. Und ich will verdammt sein, wenn ich noch einmal zusehen muß, wie dieses Gesetz das Leben von guten Menschen zerstört."

Valjean starrte Miss Gardiner fassungslos an. Er hatte die Frau noch nie so heftig erlebt. „Sie müssen doch verabscheuen, was Javert und mich verbindet, verbunden hat."

„Nein. Wenn man meinen Bruder und Martin einfach in Frieden gelassen hätte, wäre überhaupt nichts passiert. Also sehen Sie zu, daß Sie ein Pferd oder eine Kutsche organisieren und sich auf den Weg nach Dover machen. M. Javert wird wahrscheinlich mit der Postkutsche reisen, so daß Sie ihn leicht einholen können, bevor er ein Schiff besteigt."

Valjean nickte und stürzte zum Schrank im Schlafzimmer, um Hut, Mantel und seine Geldbörse zu holen. Als er wieder aus dem Raum trat wirkte er deutlich gefaßter als noch eine Minute zuvor. „Ich stehe schon jetzt tief in Ihrer Schuld, Miss Gardiner, und ich weiß, daß ich das niemals werde tilgen können, aber ich muß Sie um noch etwas bitten. Kümmern Sie sich um Cosette, während ich fort bin."

„Sie könnten mir im Gegenzug einen Gefallen tun." Miss Gardiner nahm die Kette ab. „Wenn Sie nach Dover kommen, suchen Sie nach einem Gasthaus namens ‚The Lyre'. Geben Sie dem Wirt diesen Ring, er wird Ihnen jede Hilfe geben, die Sie brauchen." Sie strich ein letztes Mal über den Ring. „Und sagen Sie ihm, daß David ihn mehr geliebt hat als sein Leben."

Valjean nahm den Ring und verwahrte ihn in seiner Rocktasche. „Ich verspreche Ihnen, den Ring in jedem Fall zu übergeben", sagte er feierlich und war dann bereits durch die Tür.

Miss Gardiner ließ ihm einige Minuten, um sich in Ruhe von Cosette zu verabschieden, dann folgte sie ihm nach unten.

Cosette stand in der Tür und blickte Valjean nach. „Papa bringt Javert zurück. Wenn Papa etwas will, dann schafft er es auch", sagte sie mit fester Stimme.

Miss Gardiner lächelte schwach. Sie hoffte auf einmal mit ganzem Herzen, daß die beiden Männer sich aussprechen und versöhnen würden. Als sie gerade die Tür schließen wollte, sah sie, daß Mr. Finch auf dem Weg war, und direkt auf sie zukam. „Guten Tag, Miss Gardiner, ich bin erfreut, Sie zu sehen", sagte der Polizist. „Ist Mr. Javert zuhause?"

„Leider nein." Irgendwie fühlte Miss Gardiner sich nach der ganzen Aufregung etwas geschwächt.

„Wissen Sie denn vielleicht, wann er zurückkommen wird?"

„Leider ebenfalls nein." Eigentlich wollte sie gar nicht weitersprechen, doch es brach förmlich aus ihr heraus. „Mr. Javert hat angekündigt, zurück nach Frankreich zu gehen, und Mr. Fauchelevent folgt ihn nach Dover, um ihn daran zu hindern. Die beiden hatten einen fürchterlichen Streit. Und ich habe versprochen, hier zu bleiben und mich um Cosette zu kümmern, bis sie zurückkommen."

Mr. Finch sah sie an, fand, daß ihr spontane Ausbrüche ausgesprochen gut standen, blickte zu Cosette hinüber und meinte: „Dann schlage ich vor, daß ich uns dreien etwas zu essen besorge, damit keiner von uns verhungert, während wir gemeinsam auf die Rückkehr der Hausherren warten."

XXX

Valjean hatte immer noch den Hauch eines schlechten Gewissens, wieviel Geld er für die Übernacht-Extrapost ausgegeben hatte, und was man damit eigentlich hätte tun können. Aber der Stalljunge an der Poststation hatte recht gehabt; er würde mit einem einzigen Pferd niemals so rechtzeitig in Dover angekommen sein, daß er sicher gehen konnte, Javert noch aufhalten zu können.

Jetzt stand Valjean vor dem Gasthaus „The Lyre". Es war für ihn klar, daß er in einer fremden Stadt keine Chance hatte, jemanden zu finden, weil er vollkommen ahnungslos war, wo er die Suche überhaupt beginnen sollte. Also würde er etwas tun, bei dem er nicht besonders erfahren war, nämlich um Hilfe bitten. Und da kam die einzige Person in Dover, die er zumindest aus einer Erzählung kannte, in Frage.

Entschlossenen Schrittes betrat er das Gasthaus. Hinter dem Tresen stand ein Mann um die Dreißig mit großen, braunen Augen. „Guten Morgen, ich suche Martin", begann Valjean.

„Dann können Sie zu suchen aufhören." Der Mann lächelte.

„Ich brauche Ihre Hilfe."

„Oh, ja, natürlich." Martin legte die Liste, mit der er beschäftigt gewesen war, beiseite. „Wann möchten Sie übersetzen und mit wie vielen Personen? Müssen wir irgendwelche Maßnahmen treffen, um Verfolger abzuschütteln?"

„Ich, ähn…" Valjean war nicht sicher, wovon Martin sprach.

„Sie wollen doch nach Frankreich, um bestimmten Gesetzen zu entfliehen, oder?"

„Eigentlich möchte ich eher jemanden hindern, das zu tun."

„Sie sehen nicht aus wie ein Gesetzeshüter."

„Ich nicht, aber er ist einer, war einer", verbesserte Valjean sich.

„Oh, das klingt nach einer interessanten Geschichte, auch wenn ich persönlich auf dem Standpunkt stehe, je mehr von denen das Land verlassen, desto besser." Martin verdrehte die Augen. „Wieso denken Sie also, ich könnte Ihnen helfen?"

„Eine… Freundin gab mir für Sie eine Botschaft und diesen Ring." Valjean zog den Ring aus seiner Tasche und reichte ihn über den Tresen. „Sie sagte, daß David Sie mehr geliebt habe als sein Leben."

Martin starrte ungläubig auf den Ring, ohne ihn zu berühren. „Wer ist diese Freundin?" fragte er gepreßt.

„Isobel Gardiner."

Martin schossen unwillkürlich die Tränen in die Augen, als er den Ring an sich nahm, vorsichtig, als handele es sich um etwas sehr zerbrechliches. Er blickte fast eine Minute den Ring in seiner Hand an. „Es bedeutet unendlich viel für mich, daß jemand aus Davids Familie versteht..." Bevor seine Stimme brechen konnte, riß er sich zusammen. „Was soll ich tun, um Ihnen zu helfen?"

„Ich muß wissen, wohin sich jemand wenden wird, der nach Frankreich übersetzen will." Valjean zwang sich, das Gefühl der Rührung zu ignorieren, das sich seiner bemächtigt hatte. „Jemand ohne Ortskenntnis."

„Wenn er gute Gründe hat, England hinter sich zu lassen, weil er in den Augen des Gesetzes die falsche Person liebt, kommt er zu mir. Wenn er ganz offiziell das Land verläßt, gibt es ein paar Anlaufstellen, die ihm empfohlen werden, wenn er jemanden fragt."

„Sagen Sie mir bitte, wo diese Anlaufstellen sind."

„Ich werde Sie sogar dort hinbringen."

A.N.: Frankreich galt im 19. Jahrhundert insbesondere unter englischen homosexuellen Männern als Fluchtort, da dort im Gegensatz zum Vereinigten Königreich seit dem Code Napoleon männliche Homosexualität nicht mehr strafbar war.