wow, vielen Dank für das Feedback pebbles, isis und bea! Habe mich riesig gefreut! :) Wenn ihr über euer Profil ein Review hinterlasst, kann ich euch sogar antworten! Und jetzt schnell weiter...

übrigens, falls ihr Musik hören wollt: Aaron Smith - Dancin' (Krono Remix)


KISS


Ich habe mein komplettes Zimmer auf den Kopf gestellt, bevor ich erschöpft ins Bett gefallen bin. Nichts. Keine persönlichen Notizen außer langweilige Seminaraufschriebe. Kaum Fotos. Keine Musik. Kein Player. Keine DVDs. Nur Bücher ohne Hinweise auf mehr. Ich muss wohl wenig Zeit in diesem Zimmer verbracht haben oder jemand hat meine persönlichen Sachen geklaut. Kein Wunder, dass es mir so schwer fällt mich zu erinnern. Ich fühle mich wie eine kaputte Schallplatte. Vielleicht sollte ich mich selbst nicht so unter Druck setzen. Doch wie auch immer... Die Reisetasche, die mir Alice zur Verfügung gestellt hat, ist mit meinen wenigen Habseligkeiten gepackt. Ich habe meinen Ausweis und meine Kreditkarte eingesteckt. Ich habe eine frische Zahnbürste und eine Haarbürste eingepackt. Im Grunde bin ich bereit. Im Grunde kann es losgehen.

Doch ich kriege kein Auge zu. Irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas fehlt. Ich habe ein beklemmendes Gefühl im Bauch und Schmerzen in meiner Schulter und in meinem Kopf. Wenn ich die Augen schließe, höre ich Stimmen und sehe Bilder und sobald ich sie öffne, verflüchtigen sie sich und ich kann sie nicht fassen. Es ist, als ob ich einem Phantom nachjage. Ich weiß, dass es mehr gibt da draußen. Und ich will endlich alles wissen! Ich will das Geheimnis lösen, hinter den Tellerrand blicken.

Um kurz nach 8 sitze ich schließlich verschlafen in Emmetts Auto. Er hat mir Bagels und einen schwarzen Tee besorgt, weil ich angeblich keinen Kaffee trinke. Und tatsächlich.. sobald ich seinen Kaffee rieche, dreht sich mein nüchterner Magen und ich verziehe das Gesicht.

„Du konntest es noch nie leiden", grinst er und stellt seinen To-Go-Becher in seiner dafür vorgesehenen Halterung ab. Es ist das erste Mal, dass ich mich in etwas zu hundert Prozent bestätigt fühle. Ich hasse Kaffee!

„Wie ist diese Charlotte so?", frage ich, als wir auf dem Weg sind die Stadt zu verlassen.
„Ihr standet euch sehr nahe. Nach dem Tod von Mum und Dad bist du zu ihr gezogen. Erst als du angefangen hast hier zu studieren, bist du wieder zurück nach Chicago gekommen."
„Oh!"
„Sie war am Boden zerstört, als sie gehört hat, was mit dir passiert ist. Sie wollte nie, dass du in die große Stadt ziehst."
„Wohnt sie nicht selbst in einer großen Stadt."
„Sie leben außerhalb. In einer Vorstadt, etwa 4000 Einwohner, sehr überschaubar."
„Haben sie Kinder?"
„Ja, Bree."

„Wie alt ist sie?", frage ich interessiert und schlürfe den Rest meines Tees aus.

„Ein Jahr jünger als ich."
„Verstehen wir uns gut?"
„Ich denke schon... keine Ahnung, wir sehen uns nicht mehr so häufig."
„Und wieso habe ich nichts von ihr gehört?"

Emmett schweigt für einen Augenblick und zuckt schließlich mit den Schultern.
„Es ist auch für mich schwer, Kiss. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, dass du auf einmal nichts mehr weißt. Ich weiß nicht wo ich anfangen soll, was ich dir alles erzählen soll. Du musst mich wohl Dinge fragen, um Antworten zu bekommen."

„Fein, wer wollte mich umbringen?"
„Fängt das schon wieder an?", stöhnt er genervt.
„Was, wenn es mir wieder einfällt?"
„Dann würde ich mich freuen", antwortet er ehrlich. „Und denjenigen hinter Gittern bringen."

Ich schweige und sehe aus dem Fenster. Ich bin so verwirrt.
Was, wenn Emmett wirklich nur das Beste für mich will?

Warum nur fühle ich mich so unvollständig? So allein?

„Hatten wir vor dem Attentat auf mich eigentlich viel Kontakt?", frage ich und er schweigt.
So lange, dass ich irritiert wieder aus dem Fenster sehe.

„Nein, wir hatten nicht viel Kontakt, Kiss. Ehrlich gesagt war es sehr angespannt zwischen uns."
„Warum?"
„Wir haben uns einfach nicht mehr verstanden. Du wolltest nicht mehr, dass ich Teil deines Lebens bin", sagt er und ich schlucke, bin leicht schockiert.
„Wieso?"
„Es gab viele Gründe. Das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, war nachdem du mit Jake Schluss gemacht hattest. Ich habe dich blöderweise zur Rede stellen wollen und du hast mich gebeten, mich nicht mehr in dein Leben einzumischen. Nach dem Gespräch hast du dich nicht mehr bei mir gemeldet."
„Wow. Ich muss wohl ziemlich angepisst gewesen sein."

Er zuckt mit den Schultern statt zu nicken und ich schweige erneut und sehe aus dem Fenster.

„Wann war das?"
„Vor etwa neun Monaten."
„Und davor war alles cool?"
„Davor war alles cool", nickt er.

„War ich früher anders?", platzt es aus mir heraus, nachdem mir Alices Worte wieder in Erinnerung gekommen waren.
„Was meinst du?"
„Vor dem Unfall. War ich anders?"
„Du warst ruhiger", zuckt er wieder mit den Schultern. „Deutlich ruhiger. Ziemlich verschlossen eigentlich. Ich glaube das letzte Mal als du so viel mit mir geredet hast wie jetzt, war vor der Pubertät."
„Du willst mich verarschen!", erwidere ich mit großen Augen.

Emmett wirft mir einen kurzen Blick zu, bevor er wieder nach vorne blickt und fängt an zu lachen. Laut!
„Fluchen habe ich dich auch noch nie gehört!", verkündet er.
„Noch nie?"
„Noch nie", bestätigt er. „Naja, außer die Tage nach deinem... Unfall. Aber das ist auch verständlich. Du hast viel durchgemacht und bist durch den Wind und so..."

„Shit, ich habe nicht geflucht? Ich war ja noch langweiliger als ich dachte", murmele ich irritiert. Und er lacht weiter.
„Du warst nicht langweilig, Kiss. Du warst einfach nur jemand, der sehr viel Wert auf Privatsphäre gelegt hat. Schau auf deine Handgelenke", sagt er. „Niemand, der langweilig ist, würde sich Tattoos stechen lassen, oder?"

„Was hat es eigentlich damit auf sich?" frage ich.

„Das ist eine gute Frage. Vielleicht kannst du sie mir auch irgendwann einmal beantworten", sagt er lächelnd. Und ich verstehe, dass mein Bruder mich vielleicht sogar noch weniger kennt als ich mich selbst.

„Isabella!", ruft meine Tante Charlotte Stunden später und steigt die Stufen ihrer Veranda herab, während Emmett und ich uns auf sie zu bewegen. Ihr Gesicht kommt mir so vertraut vor und ihr Lächeln ist so aufrichtig, dass ich sie sofort ins Herz schließe. Sie sieht aus wie eine nette Dame mittleren Alters und sie trägt Jeans und ein violettes Sweatshirt, auf dem das Konterfei eines Löwen prangt. Sie scheint total cool drauf zu sein.

„Meine Kleine!", sagt sie, als sie vor mir steht und mich vorsichtig umarmt. „Bin ich froh, dass du da bist."
„Danke."
„Emmett sagte mir, dass du dich an gar nichts erinnern kannst. Dem werden wir Abhilfe schaffen. Ich habe gestern Abend alle Fotoalben herausgekramt, die ich finden konnte. Du wirst sehen, bald weißt du wieder, wer du bist."
„Yay", grinse ich.
„Ich habe auch deinen Lieblingskuchen gebacken. Und es gibt heiße Schokolade."
„Char, ich kann leider nicht bleiben. Ich habe heute Nachtschicht", schaltet sich Emmett auf einmal ein und wir blicken zu ihm.
„Ach, Emmett. Ich habe dir doch gesagt, dass du dir einen Tag frei nehmen sollst. Es gibt gleich New York Cheesecake."

„New York Cheesecake", japse ich begeistert, aus welchem Grund auch immer.

„Dein Lieblingskuchen", zwinkert Charlotte und bestätigt ihre Kiss-Kenntnisse.
„Ich würde gerne bleiben, aber es geht leider nicht", sagt Emmett schulterzuckend. Meine Tante sieht ein wenig enttäuscht aus, umarmt ihn aber und kneift ihm anschließend in die Wangen.
„Hach, diese Grübchen! Du siehst aus wie dein Vater, weißt du das?", grinst sie und umarmt ihn erneut, während ich leise kichere. „Kiss, ist dein Bruder nicht einfach hinreißend?"
„Ja, ja, er ist ganz toll", nicke ich übertrieben und Emmett rollt mit den Augen und schnaubt.
„Ich mache mich jetzt auf den Weg. Wir telefonieren, Kiss." Er umarmt mich und zwinkert mir zu und ich sehe ihm nach, bis mir etwas einfällt.
„Wo ist eigentlich mein Handy?" Er bleibt stehen, dreht sich langsam um.
„Keine Ahnung, woher soll ich das wissen?"
„Es war nicht am Tatort?"
„Das wüsste ich."
Komisch. Ich runzele die Stirn und überlege mir, ob ich ihn bitten sollte es zu orten, verwerfe den Gedanken aber seltsamerweise gleich wieder.

„Ist schon ok, ich frage Alice", lüge ich intuitiv und er nickt und steigt in den Wagen und winkt ein letztes Mal. Und ich winke zurück und lächele, obwohl mir überhaupt nicht nach Lachen zumute ist. War es eine gute Idee ihm zu vertrauen und hierher zu kommen?

„Lass uns reingehen, Kiss!"
„Du nennst mich also auch Kiss?"
„Natürlich, Schatz! Jeder nennt dich so", lacht sie. Doch irgendwas in meinem Inneren sagt mir, dass das nicht stimmt.

„Du hast dich selbst Kiss genannt. Iz-Kiss. Es war so süß, dass wir es alle übernommen haben und zwar bis zum heutigen Tag." Ich erinnere mich, dass Emmett mir die gleiche Story erzählt hat.
„Ich dachte es sei wegen denen hier", sagte ich und hebe meine Handgelenke hoch.
Sie sieht die Kussmünder und blickt auf. Ihr Blick ist so traurig und ich verstehe gar nichts.
„Du hast sie dir mit 16 stechen lassen. Als Erinnerung an deine Eltern."

Und plötzlich knallt's.

BÄNG!

Als hätte mich ein Schuss getroffen, bleibe ich plötzlich stehen und erinnere mich. Zumindest fühlt es sich so an, als würde ich mich erinnern. Es trifft mich unvorbereitet und ich verstehe nicht, was ich vor meinem Inneren sehe, doch dann ist da diese Nadel vor mir und die Kontur, die sie auf meiner Haut nachfährt.

Es hatte so schrecklich weh getan. Als würde mich jemand aufschlitzen, langsam und qualvoll.

„Was ist los?"

Ich schüttele den Kopf und blicke irritiert auf.
„Ich... äh..."
„Erinnerst du dich an etwas?"
Ich kneife die Augen zusammen und versuche mich zu konzentrieren, aber das Bild ist wieder weg.
„Ich hatte ein Foto der beiden in meiner Hand, als ich mir die Tattoos stechen ließ", murmele ich erstaunt. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was gerade passiert ist.

„Oh mein Gott, Kiss...", flüstert meine Tante ehrfurchtsvoll.
„Lass uns rein gehen, du musst mir sofort alle Fotos zeigen, die du hast", sage ich und sie nimmt mich an der Hand, als wäre ich ein kleines Mädchen und zieht mich die Stufen hoch zur Veranda.

Zunächst zeigt sie mir mein altes Zimmer. Das Zimmer, das – wie Char sagt - „leider nicht mehr so aussieht wie damals." Schließlich habe ich alles mit nach Chicago genommen.

Das Gästezimmer, das mein altes Zimmer abgelöst hat, sieht sehr einladend aus. Schlicht, aber einladend. Helle Farben, zwei Fenster, eine leichte Dachschräge.

„Stand mein Bett damals genau so?", frage ich und fahre mit den Händen über den gelb-blauen Quilt.

„Nein, es stand unter diesem Fenster", sagt Char und zeigt mit dem Finger nach links. Ich sehe in die Ecke und runzele die Stirn.

„Daneben stand dein Nachttisch. Hier war dein Schrank, daneben der Schreibtisch. Du hattest hier auch deine Gitarre stehen. Genau in dieser Ecke. Sie war Charlies Gitarre."

„Sie hatte auf der Unterseite eine leichte Delle und war schwarz", murmele ich, nachdem mich wie von Zauberhand ein Flashback ereilt. Ich sehe mich auf dem Bett sitzend, die Saiten zupfend. Es war ausgerechnet die Melodie von Johnny Cash's „Hurt", die ich gewählt hatte, nachdem ich am Vormittag meinen Schwarm Ben Cheney mit Angela Webber hinter der Sporthalle beim Küssen erwischt hatte. Ich war damals in der 10. Klasse.

„Ja, das ist richtig", grinst Char und bewegt sich hinüber zu der anderen Seite des Raumes. „Hier hingen deine Poster. Du hattest ein Bild von Jim Morrison hier kleben. Und eins von Jeff Buckley. Genau hier."

Und plötzlich sehe ich eine 21 jährige Bree, wie sie das Poster abschlabbert. Wie sie mit dem Rücken zu mir steht und Jeff küsst und ich mich vor Lachen überschlage.

„Bree... Sie liebt Jeff Buckley, nicht wahr?"

Char sieht mich prüfend an und nickt schließlich langsam.

„Bist du sicher, dass du dein Gedächtnis verloren hast?", fragt sie und ich lache leise.

„Ja, ich bin mir ziemlich sicher. Es ist komisch, aber auf einmal kommt ein Flashback nach dem anderen. In Chicago habe ich einige Fotos angesehen und die ganze Wohnung inspiziert, doch es kam gar nichts", sage ich und lasse mich unladylike aufs Bett plumpsen.

„Ich erinnere mich jetzt zumindest an Mum und Dad, an Bree, an meine Gitarre. Übrigens, wo ist die Gitarre überhaupt?"

„Du hast sie natürlich mit nach Chicago genommen", antwortet Char verwirrt. „Hast du sie etwa nicht gesehen? Sie war dein Heiligtum, Kiss!"

Schweigend sitze ich da und blicke auf meine Hände, untersuche meine linken Fingerkuppeln. Wieso ist mir das nicht bereits früher aufgefallen? Die ehemalige Hornschicht hat sich bereits an einigen Stellen gelöst. Ich habe also schon länger nicht mehr gespielt.

„Ich habe keine Ahnung, wo sie steckt. Aber ich werde es herausfinden, Char!"

Abends sitzen wir bei Tee, Kuchen und umzingelt von dutzenden von Fotos am Esstisch und ich lasse mir Anekdoten und Fun Facts aus meinem Leben erzählen. Vieles, was Char und schließlich auch Peter erzählen, wirkt wie ein Trigger. Ich sehe hier eine Szene, da ein Bild. Ich erinnere mich an viele Einzelheiten aus meiner Kindheit. Als ich die ersten Bisse vom Cheesecake nehme, erinnere ich mich an meinen 9. Geburtstag. Als Char mir vorm Schlafen gehen das Video von der Hochzeit meiner Eltern zeigt, fange ich an zu weinen. Nicht, weil ich da war und mich erinnern kann. Sondern weil ich mich an das Lächeln meiner Eltern erinnere, an das Gefühl, das ich in ihrer Gegenwart hatte. Ich erinnere mich an ihre Liebe und Zuneigung füreinander. Ich hatte immer davon geträumt genauso eine Verbindung zu einem anderen Menschen zu haben. Ich kann mich leider nicht erinnern, ob ich jemals so verliebt war wie meine Mutter, als sie meinem Vater das Ja-Wort gab.

Die nächsten Tage schließlich bin ich damit beschäftigt meinen Schädel festzuhalten, damit all die Informationen, die durch meinen Kopf rasen, mich nicht umhauen. Vier weitere Tage brauche ich, bis ich das Gröbste wieder weiß. Zum Beispiel erinnere ich mich wieder daran, wieso ich ausgerechnet Geschichte und Englische Literatur studieren wollte. (Es war übrigens unter anderem wegen meiner leidenschaftlichen Liebe zu Howard Zinn und Walt Whitman) – Ich weiß auch wieder, dass ich Geld habe. Eine kleine ansehnliche Summe, die mir aufgrund der Lebensversicherung meiner Eltern seit meinem 21. Lebensjahr zusteht. Char meinte, dass ich mich anfangs geweigert hatte das Geld anzunehmen. Obwohl es mir quasi aufgezwungen wurde… Die Gebühren für die NYU sind damit abbezahlt, genauso wie all meine weiteren zukünftigen materiellen Sorgen. Doch ich fühle mich durch diese Nachricht überraschenderweise keinesfalls besser. Geld kann mir niemanden ersetzen, keinen Trost spenden. Wenn man erfährt, dass man Geld hat, ist es auf einmal nichts anderes als das. Der Mythos zerfällt. Es ist Geld. Mehr aber auch nicht.

Das persönlichste, woran ich mich wieder erinnere, ist mein innerer Kampf. Sarkasmus und Zynismus lieferten sich im Kopf meines früheren Egos einen unaufhaltsamen Wettstreit. Bis ich nach Chicago ging. Dort kreierte ich schließlich ein Mysterium um meine Person. Ich verhielt mich verschlossen, doch nicht schüchtern. Ich passte mich allen Situationen an. Doch nur, um nicht aufzufallen. Das hieß allerdings nicht, dass ich Dinge aus Überzeugung tat. Ich wollte einfach so wenige Probleme wie möglich. Ich wollte jemand anders sein. Ich wollte nicht mehr diese Verbitterung über mein Schicksal und die vielen Probleme dieser Welt spüren. Ich wollte auch ein Stück vom Kuchen der Glückseligkeit. Und weil ich in St. Louis nicht vollkommen glücklich sein konnte, musste ich in Chicago mein altes Ich ablegen, es leugnen, es vergessen. Der Chance nach einem besseren Leben willen.

Das Ergebnis waren neue Freunde, ein Job in einer "hippen" Bar und "angesagte" (aber dafür super hässliche) Klamotten. Ein Gutes hat meine Amnesie allerdings. Ich kann mir nun eingestehen, dass die Idee, die brave und sophisticated Kiss zu spielen, ziemlich daneben war.

Als ich an Tag 5 meinen Arzt in Chicago mit der Neuigkeit anrufe, dass ich mich in groben Zügen an mein Leben bis zum 21. Lebensjahr erinnern kann, gratuliert er mir. Auf die Frage, wieso die letzten 12 Monate immer noch hinter einem Schleier verborgen sind, antwortet er, dass ich mich unterbewusst an alles erinnern kann. Es muss nur noch bis in mein Bewusstsein vordringen. Ich soll keinen Druck auf mich ausüben, mir Zeit lassen. Es wird schon alles wieder zurückkehren, sagt er.

Ich lasse sein Psychogelaber unkommentiert und lege auf.

Ist es nicht komisch, dass ich mich so schnell an meine Kindheit und Jugend erinnern konnte, aber nicht an die letzten 12 Monate? Es macht mich wahnsinnig.

Ich rufe Em an und zwinge ihn, mich abzuholen. Er sagt, dass es unmöglich sei. Er müsse arbeiten. Bla bla bla. Ich weiß, dass er etwas verheimlicht. Also lege ich auf und beschließe mit dem Zug zu fahren. Ich muss zurück. Ich muss Columbo spielen, die Uni besuchen, meine alten Kollegen, Jasper interviewen. Ich habe so viele Ideen, wie ich meine Suche nach dem Unbekannten anfangen kann. Ich weiß, dass etwas vorgefallen sein muss. Etwas Gravierendes, etwas Lebensveränderndes.

Plötzlich will ich mich wegbeamen. Chicago ist definitiv mein nächstes Ziel.

Char versteht mich, bittet mich allerdings noch zwei Tage zu bleiben. Vielleicht hat sie sich mit Emmett abgesprochen? Oder vielleicht will sie einfach nur, dass ich Bree sehe, die sich spontan angekündigt hat. Sie war auf einer Konferenz in Nashville und fliegt über St. Louis zurück nach Providence.

Als sie schließlich da ist, will sie alles wissen. Wieso, weshalb, warum. Die meisten Fragen kann ich ihr nicht beantworten. Aber wir schwelgen in alten Erinnerungen. Und sie gibt mir, genau wie Char und Peter, das Gefühl, dass ich ein altes Leben hatte. Dass ich real war, dass ich eine Vergangenheit hatte, in der ich so war wie heute: aufgeschlossen, fröhlich, energisch. In St. Louis war ich nie so ruhig und verschlossen wie in Chicago.

Am nächsten Tag beobachtet Bree ihren Vater und mich beim Verbandwechsel. Sie erzählt von ihrem neuen Freund, während Peter interessiert lauscht. Insgeheim hofft er, dass dieser Will diesmal der Richtige ist. Er will bald Großvater werden, sagt er und ich lache. Bree rollt mit den Augen und grinst mich an und dann wandert ihr Blick plötzlich nach unten und ihre Augenbrauen ziehen sich überrascht zusammen.

„Du hast ein neues Tattoo?", fragt sie mich.

„Keine Ahnung? Offensichtlich schon, wenn du es nicht kennst."

„Ist das nicht ein Vers von Robert Frost?", murmelt sie nachdenklich und schließt die Augen. Dann schüttelt sie den Kopf und steht auf, um aus dem Zimmer zu verschwinden.

„Was ist los? Wo ist sie hin?", frage ich Peter, doch er zuckt nur mit den Schultern, während er meine Wunde desinfiziert.

„Ich habs", sagt Bree, nachdem sie nach wenigen Minuten wieder den Raum betritt. In ihrer Hand befindet sich ein Buch mit dem Konterfei eines Mannes. Robert Frost. Poems. Sie blättert darin herum, räuspert sich schließlich und setzt an.

"Nature's first green is gold,

Her hardest hue to hold."

Augenblicklich erhöht sich mein Puls. Mein Atem stockt. Meine Handflächen werden feucht. Diese Worte…

Her early leaf's a flower;

But only so an hour."

Ihre Stimme verwandelt sich in meinen Gedanken plötzlich in eine andere. Ich kenne das Gedicht. Jemand hat es mir vorgelesen. Ich weiß es.

"Then leaf subsides to leaf.

So Eden sank to grief,"

Sie schweigt einen Moment und prüft meinen Gesichtsausdruck.

"So dawn goes down to day.

Nothing gold can stay", ergänze ich ehrfurchtsvoll und sie nickt.

Es ist nicht wie die anderen Male. Ich sehe nichts. Ich fühle mich nur zurückkatapultiert an einen fremden Ort in eine fremden Zeit, als mir jemand diese Worte vorlas. Es ist, als würde die Szene zum Greifen nah sein. Doch alles, was am Schluss bleibt ist seine Stimme. Und die Erkenntnis, dass ich sie liebe.


uuuh... that's right...! hinterlasst mir was schönes, es spornt an! :)

nächstes update: hoffentlich donnerstag!