sorry für die verspätung, es hat leider nicht eher geklappt. dafür ist das kapitel ein wenig länger geworden :) ich danke für eure unterstützung und die lieben worte, die ihr mir hinterlassen habt. ich schätze das wirklich sehr. und jetzt gehts weiter...
Musik: Ed Sheeran - I see fire (Kygo Remix)
KISS
„Kiss, du zitterst ja", bemerkt Peter und ich schüttele den Gedanken, den ich zuvor noch in meinem Kopf hatte, ab.
„Mir ist nur ein wenig kalt", lüge ich und er lächelt ein wenig mitleidsvoll und sagt, dass er gleich fertig ist. Ich sehe, wie Bree mich beobachtet, doch sie sagt nichts. Sie wartet. Und als Peter schließlich sein Kunstwerk beendet, packt sie mich an meiner unverletzten Seite am Arm und zieht mich die Stufen hinauf in den zweiten Stock.
„Erzähl!", fordert sie, als ich auf dem Bett im Gästezimmer Platz nehme und sie beginnt vor mir auf und ab zu laufen.
„Was soll ich erzählen?"
„Was du gesehen hast!"
„Was meinst du?"
„Das Gedicht! Es hat etwas in dir ausgelöst, Kiss! So habe ich dich noch nie gesehen! Deine Augen haben gefunkelt."
„Aaah…", stöhne ich und lasse mich nach hinten fallen. „Ich weiß nicht, was los ist mit mir. Es war als hätte ich was gesehen. Und dann war wieder alles weg. Ich glaube mir wurde das Gedicht vorgelesen. Von einem Mann...", sage ich nachdenklich.
„Von einem Mann?", fragt Bree interessiert. „Welchem Mann?"
„Woher soll ich das wissen?", frage ich irritiert zurück und setze mich ein wenig auf.
„Vielleicht dein Ex?"
„Pff..", schnaube ich und schüttele den Kopf. „Das wüsste ich."
Ich habe keine Ahnung, wieso ich so gereizt reagiere. Aber ich weiß, dass Jake es nicht war. Uns hat nie etwas verbunden außer unserem gemeinsamen Interesse für Basketball. Mein Interesse dafür war übrigens geheuchelt. Ich wollte einfach nicht allein sein.
„Oh mein Gott, Kiss…"
„Hmm?"
„Hast du vielleicht einen Neuen?"
Ich setze mich nun komplett auf und sehe Bree durchdringlich an.
„Ich weiß es nicht!"
„Was, wenn er dir dieses Gedicht vorgelesen hat?"
„Wieso erinnere ich mich dann nicht an ihn? Müsste ich mich nicht als aller erstes an denjenigen erinnern, mit dem ich gerade ausgehe?"
„Nicht, wenn er etwas mit deiner Verletzung zu tun hat", mutmaßt sie und zeigt mit ihrem Finger auf meine Schulter.
„Was soll das heißen? Er hat mich angeschossen?"
„Nein, natürlich nicht. Aber vielleicht ist er irgendwie involviert? Keine Ahnung, vielleicht übersehen wir etwas."
„Das ist unmöglich, Bree. Wieso war er dann nicht im Krankenhaus? Oder bei mir zuhause? Oder wieso ruft er mich nicht an?"
„Du hast gesagt du hast kein Handy", wirft sie ein.
„Dann hätte er vorbeikommen können."
„Weiß er wo du wohnst?"
„Wieso sollte er das nicht wissen?"
„Vielleicht steht eure Beziehung erst am Anfang?"
„Weißt du wie lächerlich das alles gerade klingt?", grinse ich auf einmal und stehe auf. „Ich habe keinen Freund. Wenn ich verliebt wäre, wüsste ich das, Bree. Ich werde schon herausfinden, wieso ich mir diese Worte stechen ließ, aber es hat sicher nichts mit einem Mann zu tun."
„Wenn du meinst… aber findest du es nicht seltsam, dass du dich ausgerechnet daran erinnert hast, dass ein Mann dir diese Worte vorgelesen hat?"
„Vielleicht habe ich mich auch geirrt. Es ging so schnell, B. Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet."
„Und was wenn nicht?", fragt sie und ich zucke mit den Schultern.
Vielleicht bin ich wirklich die Hälfte eines Ganzen. Vielleicht. Aber es ist mir nicht bestimmt das heute herauszufinden.
"Hast du meine Handynummer?"
"Ja", nickt Bree und verschwindet kurz in ihr altes Zimmer. Währenddessen grübele ich über die Strategie meines Vorgehens. Wen sollte ich zuerst befragen? Wie bleibe ich auf der sicheren Seite? Wenn ich gezielt angeschossen wurde, kann es durchaus sein, dass ich immer noch in Gefahr bin. Aber wenn sie mich wollten? Wieso haben sie ihre Arbeit nicht beendet? War es eine Warnung?
"Also, hier ist sie", verkündet Bree und hält mir das Display entgegen.
"Kannst du mal anrufen?"
Sie nickt und wir warten. Doch dann schüttelt sie den Kopf.
"Die Nummer ist nicht vergeben", sagt sie und ich runzele mit der Stirn. "Komisch."
"Gäbe es eine andere Möglichkeit mich zu erreichen? Habe ich nicht einen Facebook-Account?"
"Den hast du vor Monaten gelöscht."
"Wieso sollte ich das tun?"
"Vielleicht weil du Bedenken wegen dem Datenschutz bekommen hast?", fragt sie grinsend und dabei gleichzeitig schulterzuckend. Die Zahnlücke zwischen ihren Vorderzähnen strahlt mich an und ich grinse zurück.
"Ja vielleicht. Habe ich offiziell irgendeinen Grund angegeben?"
"Nein, du hast mir damals nur eine SMS mit deiner neuen Nummer geschickt?"
"Die Nummer, die nicht mehr vergeben ist?"
"Korrekt!"
"Und sonst?"
"Du hast eine E-Mailadresse. IzDwyer yahoo", sagt sie und ich springe auf. Das sagt mir was!
"Ich hole Chars Notebook."
Ich fühle, wie Motivation Besitz von meinem Inneren ergreift. Eine erste Spur!
Fünf Minuten später versuche ich mich einzuloggen. Bree schaut mir über die Schulter, meine Handflächen sind merkwürdig feucht.
"Schon blöd, wenn man sich nicht mehr erinnern kann. Ich könnte schwören, dass das mein altes Passwort war."
"Vielleicht hast du es geändert?", sagt sie während ich nach Hilfemöglichkeiten suche.
"Hier... da gibts eine Sicherheitsfrage. First Kiss?", lese ich verwirrt.
"Was soll das heißen?", fragt Bree. "Mit wem du deinen ersten Kuss hattest? Oder wo du ihn hattest?"
"Oh mein Gott, habe ich diese Sicherheitsfrage selbst entworfen? Wieso habe ich nicht die dämliche Frage nach meinem Lieblingsbuch gelassen?"
"Menschen denken nun mal nicht daran, dass sie irgendwann mal ihr Gedächtnis verlieren könnten", tröstet mich Bree. Aber es ist kein Trost. Ich will am liebsten in Tränen ausbrechen.
"Ich gebe jetzt einfach mal Matt ein."
"Matt?"
"Matt Clint. 3. Schuljahr. Er hat mich beim Vorbeirennen auf die Wange geküsst, nachdem die Pause zu Ende war."
"Classy!", grinst Bree und lacht.
"Es war der erste Kuss", sage ich schulterzuckend. Falsche Antwort.
"Ok, das war es also nicht."
"Probier es mit seinem vollen Namen." Falsche Antwort.
"Probier es mit einem, der dich auf den Mund geküsst hat."
Ich rolle mit den Augen und gebe Nick Kinley ein. Falsche Antwort.
"Das ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Wieso hätte ich meine alte Sicherheitsfrage ändern sollen?"
"Vielleicht meinst du damit den ersten Kuss mit Jake?"
"Den Ort?"
"Vielleicht."
"Wieso sollte ich das eingeben? Wieso sollte ich die Frage wegen Jake ändern? Es läuft nichts mehr zwischen uns", sage ich mit Ausdruck. Ich bin frustriert, verwirrt, müde. Es fühlt sich an wie ein Teufelskreis aus dem ich keinen Ausweg finden kann.
"Ist schon gut, Kiss", versucht mich Bree zu beruhigen, doch ich finde keine Ruhe. Und im Moment scheint es als ob ich sie nie finden werde.
Einen Tag später sitze ich auf der Rückbank eines in die Jahre gekommenen Greyhound-Busses und lasse den Blick schweifen. Emmett weiß nicht, dass ich komme. Und auch Char hat ihm nichts gesagt. Ich habe sie inständig darum gebeten. Und sie hat mir widerwillig vertraut. Wenn Emmett mir nicht helfen will, muss ich die Dinge selbst in die Hand nehmen. Meine immer wieder auftretenden Kopfschmerzen sind weniger geworden. Meine Wunde verheilt, laut Peter, nach Plan. Auch wenn sie wie Hölle schmerzt. Ich fühle mich ein wenig wie eine Kriegerin. Ich habe überlebt und Narben davongetragen. Welche Schlacht ich allerdings gekämpft habe, weiß ich nicht. Ob sie es wert war?
Ich blicke herunter auf mein kleines Notizbuch, das mir Char vor Abfahrt geschenkt hat. Auf der ersten Seite habe ich Robert Frosts Gedicht niedergeschrieben, auch wenn ich jedes Wort auswendig kenne. Es erinnert mich daran, dass mich jemand jenseits dieses Nebels in meinem Kopf kennt. Dass es eine andere Welt gibt als die, die ich bereits kenne.
Auf der zweiten Seite stehen meine alte Handynummer, meine E-Mail-Adresse, Passwortmöglichkeiten aus alten Tagen.
Auf der dritten Seite steht mein vorläufiger Plan, meine Vorgehensweise für Mission "12 months". Zuerst muss ich in die Bar. Danach zu Jasper. Ich kann es kaum abwarten wieder in Chicago zu sein. Ich kann es kaum abwarten mich wiederzuentdecken. Doch gleichzeitig spüre ich ein innerliches Zögern, das ich nicht verstehe. Als würde eine Stimme mich warnen weiterzugehen, weiter zu forschen, mich in Gefahr zu begeben. Eine Schussverletzung ist eine ernste Sache. Ich weiß es. Ich muss nur vorsichtig sein.
Stunden später stehe ich im Sparks und sehe mich um. Ich erinnere mich, dass ich hier gearbeitet habe. Ich erinnere mich an diesen prätentiösen Touch, an die Kühlheit der Leute, ihre hässlichen Aktentaschen und Fratzen, an die überteuerten Preise. Ich habe es hier nur ausgehalten, weil ich in Ruhe gelassen wurde. Und weil die Bezahlung angemessen war. Es war erträglich hier, aber auch kein Ponyhof.
"Oh mein Gott, Kiss, Hi!", begrüßt mich Heidi, die aus dem Nichts erscheint. Ich hatte ganz vergessen, wie nervig ihre Stimme ist. Sie mustert mich von oben bis unten und verzieht leicht das Gesicht, bevor ihre Küsschen kommen. Links. Rechts. Ich weiß, warum sie irritiert ist. Ich trage keine dieser abscheulichen Dandy-Schnürschuhe wie fast 99% hier. Meine Füße schmücken schwarze Chucks. Ich gehöre hier nicht hin. Ich habe keine Stoffhose an, keine schicke Bluse, keine adrette Frisur. Stattdessen trage ich Leggins, ein schlichtes kurzes Baumwollkleid und meine neue Lederjacke. Zum Glück baumelt um meine gesunde Schulter die teure Reisetasche, die Alice mir geliehen hat. Auf ihr prangen die Logos einer Marke, die in diesen Kreisen eindeutig Zustimmung erhält.
"Schöne Tasche", bemerkt Heidi genau wie erwartet und ich zwinge mir ein Lächeln auf.
"Danke. Meinst du wir können uns mal ganz kurz unterhalten? Ich habe ein paar Fragen wegen der letzten paar Monate... Vielleicht kannst du meiner Erinnerung ein wenig auf die Sprünge helfen."
"Ja, klar! Gib mir 10 Minuten, danach habe ich Pause. Soll ich dir was bringen?", fragt sie in einem viel zu übertrieben fröhlichen Ton. Es ist so künstlich. Wie alles hier in diesen Räumlichkeiten.
"Das ist nicht nötig. Ist Clayton da?"
"Du hast ihn um eine halbe Stunde verpasst. Er hat einen Termin mit einem Lieferanten."
Ich nicke und setze mich und sehe Heidi hinterher. Ich habe keine Ahnung, was Emmett an ihr findet. Ist er wirklich so oberflächlich? Ich schüttele den Gedanken angewidert ab und versuche mich zu konzentrieren. Übersehe ich irgendwas? Wieso kann ich mich nicht erinnern, wie ich am Freitag vor fast drei Wochen hier gearbeitet und auf dem Nachhauseweg angeschossen wurde?
Wieso kann ich mich an diesen Ort erinnern, aber nicht an die letzten Monate?
"So, da bin ich. Reese springt für mich ein", erklärt Heidi und setzt sich mir gegenüber, in ihrer Hand eine Tasse Kaffee.
"Super, danke", nicke ich und sie lächelt mitleidsvoll.
"Wie geht es dir? Ich will nicht unhöflich klingen, aber du siehst schrecklich aus, Kiss. Ich wollte letzte Woche nichts sagen, aber..."
"Danke", murmele ich und ziehe irritiert die Augenbrauen zusammen.
"Ich meine das nicht böse", versucht sie mich zu beschwichtigen und ich lache. Ich hätte mich vielleicht mehr schminken sollen. Ich habe nur Mascara aufgetragen und auf das Make-Up verzichtet. Ich trage kein Rouge wie sie. Und keinen Lippenstift. Meine Haare sind offen und vom Wind zerzaust. Ich habe mich noch nie wohler gefühlt. Wären da nicht die Kopfschmerzen, die Verletzung und die fehlende Erinnerung selbstverständlich.
"Ist schon gut, Heidi. Alles cool", winke ich ab und sie atmet erleichtert aus.
"Gut, ich will nicht, dass irgendetwas zwischen uns steht."
"Das tut es nicht, keine Sorge. Also, worüber ich reden wollte...", setze ich an und sehe mich um. "Vielleicht kannst du mir helfen. Mir fehlen etwa die letzten 12 Monate und ich muss unbedingt wissen, ob sich in diesem Zeitraum irgendetwas verändert hat."
Ich sehe sie konzentriert an und sie denkt nach und nickt.
"Du hast aufgehört am Wochenende hier zu arbeiten. Früher warst du vier Tage die Woche hier. Weißt du das noch?"
"Ja."
"Und dann bist du zu Clayton und hast darum gebeten weniger zu arbeiten. Er wollte dich nicht gehen lassen und du hast darauf bestanden das Wochenende frei zu haben. Also habt ihr euch auf Sonntag und Montag geeinigt."
"Ich habe nur noch Sonntag und Montag gearbeitet?"
"Ja. Er hat gehofft, dass du deine Meinung änderst und wieder öfter kommst."
"Wieso hat er mir nicht gekündigt?"
"Du bist eine seiner zuverlässigsten Mitarbeiterinnen, Kiss. Die Beste, gleich nach mir", grinst sie und ich schüttele amüsiert den Kopf. Ich kann mich erinnern, dass Clayton das in der Vergangenheit oft betont hatte. Ich kann mich allerdings auch erinnern, dass alle, die hier arbeiteten, auch Wochenendschichten übernehmen müssen. Und dazu zählte definitiv nicht Sonntag. Sondern Freitag und Samstag Nacht.
Er hat mit mir also einen Kompromiss geschlossen.
"Habe ich einen Grund genannt?"
"Ja, dein Studium", nickt sie. "Du sagtest, dass du kurz vor dem Master stehst und viel lernen musst."
"Das war alles?"
"Ja."
"Ok. Und was war vor drei Wochen. Am Freitag?"
Sie sieht mich verwirrt an und zuckt mit den Schultern.
"Was soll da gewesen sein, Kiss? Du warst nicht hier. Du warst schon seit Monaten Freitags nicht mehr hier."
Ich sehe sie verständnislos an und blicke zurück auf den exklusiven, teuren Holztisch, der zwischen uns steht. Heißt das, dass Emmett, Jasper und Alice mich angelogen haben? Ich war nicht auf der Arbeit? Ich war nicht hier?
Wo war ich dann? Und wo hat mich Jasper gefunden?
"Ok...", sage ich leise. Ich muss meine Contenance bewahren. Vor allem vor Heidi, die jedes Detail des Gesprächs meinem Bruder brühwarm weitererzählen könnte. "Wie habe ich in letzter Zeit gewirkt?"
Heidi nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse und klimpert mit den Wimpern. Dann schweift ihr Blick zu mir und verändert sich. Ins Negative. Ihre Augen sprechen Bände. Und alles, was ich sehe ist Mitleid.
"Du hast angespannt gewirkt. Niedergeschlagen. Schlecht gelaunt. Du hast ab und zu die Lehrlinge angeschnauzt, du warst unnahbar, mehr als sonst. Mich hast du fast vollkommen ignoriert. Wie auch alle anderen. Wenn ich dich gefragt habe was los sei, hast du nicht geantwortet. Du warst sehr verschlossen. Im Grunde warst du das immer. Aber vor einem halben Jahr. Da warst du anders."
"Inwiefern?", frage ich vorsichtig.
"Du warst glücklich?", sagt Heidi. Und es klingt wie eine Frage. Sie klingt leicht fassungslos, als ob diese Tatsache nicht ins Bild passt.
"Ich war glücklich?"
"Ja, du warst immer gut gelaunt. Du hast sogar während der Arbeit gesummt. Es war etwa zwei oder drei Monate nachdem du dich von Jake getrennt hast. Auf einmal warst du das blühende Leben."
"Und danach wurde ich zur Bitch?"
"Also so hart würde ich das nicht nennen... aber ja", kichert sie und ich fahre mir angespannt durch die Haare.
Ok. Das ist schon mal was. Am liebsten will ich mein Notizbuch zücken und die neuen Informationen aufschreiben, doch ich lasse es sein und wechsele das Gesprächsthema. Ich weiß, dass Heidi mit einem Gespräch nur zufrieden ist, wenn sie selbst ausreichend geredet hat. Also stelle ich ihr persönliche Fragen, damit sie sich über ihre kleinen Alltagsprobleme auslassen kann. Und ehe ich mich versehe ist ihre Pause um und ich atme erleichtert aus. Während sie sich wieder hinter die Theke begibt und Leute bedient, kritzele ich in meinem Notizbuch und spinne meinen Plan weiter. Bis eine vertraute Stimme mich aus meinen Gedanken reißt.
"Wenn das nicht meine beste Hilfskraft ist...", höre ich Clayton in einem amüsierten Unterton sagen. Ich sehe auf und sehe, wie er sich mir gegenüber setzt.
"Hallo Mr Clayton", lächele ich und schließe mein Buch.
"Ich dachte mir schon, dass du früher oder später auftauchen würdest."
"Ich war schon letzte Woche hier, doch Sie waren außer Haus."
Er nickt und bemerkt meine Tasche.
"Warst du auf Reisen?"
"Ich war ein paar Tage bei meiner Tante in St. Louis."
Er nickt erneut und mustert mich. Wie Heidi. Nur hat er nicht diesen leicht missbilligenden Blick. Ganz im Gegenteil. Er sieht mich an als würde ihm gefallen was er sieht.
"Du siehst gut aus, Kind. Die Pause hat dir scheinbar gut getan."
"Pause?", frage ich grinsend. "Ich wurde angeschossen."
"Die Straßen von Chicago sind ein hartes Pflaster", sagt er nonchalant. Clayton war nie für seine Empathie bekannt.
"Und ich habe es am eigenen Leib erfahren müssen."
"Die Hauptsache ist, dass du hier bist. Was uns nicht umbringt, macht uns stärker. Nicht wahr, Isabella?"
Ich nicke und sehe hinunter auf mein Buch.
"Heidi hat mir erzählt, dass du dein Gedächtnis verloren hast."
"Ja, meine Birne hat es ziemlich erwischt", nicke ich erneut und fahre mit meinen Fingerspitzen die Blutkruste am Hinterkopf ab. "Aber es hätte schlimmer sein können, haben die Ärzte gesagt."
"Ich sehe allerdings, dass du dich an mich noch erinnern kannst?"
"Ich erinnere mich mittlerweile fast an alles. Nur nicht an die letzten 12 Monate", erkläre ich und er runzelt die Stirn.
"Das ist aber seltsam."
"Ich weiß."
Und bevor ich anfangen kann ihm Fragen zu stellen, klingelt sein Handy und er steht auf.
"Melde dich, wenn du wieder fit bist. Du kannst deine alte Schicht wieder haben."
"Sonntag und Montag?"
"Mittwoch bis Samstag", grinst er und nimmst den Anruf entgegen. Ich rolle mit den Augen und lasse mich zurück in den Stuhl fallen.
Und dann fällt es mir wieder ein. Jasper! Ich wollte Jasper anrufen, bevor Clayton kam. Ich wollte noch heute Abend mit ihm reden.
Ich stehe auf und schnappe mir meine Reisetasche, bevor ich mich nach vorne zum Personaleingang bewege. Reese und Julie grüßen mich und ich nicke ihnen freundlich zu, bevor ich ihre sensationslüsternen Blicke bemerke und mich genervt abwende. Es ist nicht so als würde ich wie eine Obdachlose aussehen. Könnten diese Leute sich mal wieder einkriegen?
Als ich Claytons Büro betrete, sieht er mich irritiert an, hält seine Hand über sein Handy und fragt, ob ich etwas vergessen hätte.
"Kann ich kurz das Telefon benutzen? Ich habe mein Handy verloren", erkläre ich. "Jemand muss mich abholen."
"Nur zu", sagt er und deutet auf das Telefon auf seinem Schreibtisch, bevor er sich ins Nebenzimmer verzieht. Ich atme erleichtert aus und wähle unsere Festnetznummer.
"Hallo?", meldet sich Alice nach drei Freizeichen.
"Alice? Hier ist Kiss."
"Oh, Kiss! Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Du hast dich gar nicht gemeldet. Wie geht's dir? Wie geht's Char?" Sie hört sich erleichtert an. Und sichtlich interessiert. Und ich erinnere mich wieder, wie gut wir uns früher verstanden haben. Mit Alice war alles immer sehr unkompliziert gewesen.
"Ja, sorry... Ihr gehts gut. Mir auch. Ich... ähm.. ich muss dich um etwas bitten."
"Klar."
"Ich brauche Jaspers Nummer. Ich muss mit ihm sprechen, ihm ein paar Fragen stellen."
"Ok, kein Problem. Kannst du dich wieder an etwas erinnern?", fragt sie und ich zögere. Was soll ich ihr sagen? Was soll ich verheimlichen?
"Nicht an alles."
"Aber an etwas?", fragt sie hoffnungsvoll.
"Nicht an die letzten 12 Monate", gestehe ich.
"Oh, ok... Das ist seltsam."
"Ich weiß", nicke ich. "Kannst du mir die Nummer durchgeben? Ich habe auch was zu Schreiben."
"Sicher."
Alice diktiert mir die Nummer und ich kritzele die Zahlen aufs Papier.
"Wann kommst du wieder?"
"Gleich nachdem ich mit Jasper geredet habe."
"Du bist in Chicago?", fragt sie sichtlich überrascht und ich lache leise.
"Hätte ich etwa noch länger bleiben sollen?"
"Nein, ich... natürlich nicht. Emmett hat nur nichts gesagt."
"Weil Emmett es auch nicht weiß. Und ich würde dich bitten ihn nicht gleich anzurufen und Alarm zu schlagen."
"Aber Kiss..."
"Nichts aber. Es ist alles in Ordnung. Ich bin bald wieder da."
"Ok", sagt sie verunsichert. Ally hat sich schon immer viel zu viele Sorgen gemacht. Um alles.
"Mach dir keine Sorgen. Mir geht's gut", versuche ich sie zu beruhigen.
"Ach, und Alice? Wann habe ich mir eigentlich mein Tattoo stechen lassen?"
"Das auf den Handgelenken?"
"Das auf dem Schlüsselbein."
"Vor etwa drei, vier Monaten, glaube ich. Wieso?"
"Nur so", murmele ich und wir verabschieden uns und ich lege auf.
Hmmm... vor drei, vier Monaten?
Mit pochendem Herzen wähle ich Jaspers Nummer. Und es klingelt. Doch er geht nicht ran. Und ich fluche und fange an irritiert auf und ab zu laufen.
"Geh ran, verdammt", flüstere ich. Und es wechselt zu seiner Mailbox.
Wenn es nach Plan liefe, würde er rangehen. Er würde sich mit mir treffen und ich könnte ihn von Angesicht zu Angesicht zur Rede stellen.
Wieso hast du gelogen, Jasper? Wen versuchst du zu schützen?
Aber wie immer läuft nichts nach Plan. Ich probiere es noch zwei weitere Male und lege nach meinem Misserfolg frustriert auf.
"Ist alles ok?", höre ich Clayton hinter mir fragen.
"Ja, alles fantastisch", gebe ich sarkastisch von mir. "Ich fahre jetzt heim. Danke, dass ich telefonieren durfte."
"Ich hoffe es waren keine Auslandsgespräche", scherzt er. Doch mir ist absolut nicht nach Lachen zumute.
"Wir sehen uns", sage ich nur und verlasse das Büro. Ich verlasse die Bar. Ich laufe einfach weiter, ohne zu wissen wohin. Bis ich irgendwann die "L" erreiche und meinen Heimweg einschlage. Ich fühle mich niedergeschlagen und mein Kopf hämmert. So viele Fragen und keine Aussicht auf Antworten. Es ist beschissen sich an nichts zu erinnern, obwohl man weiß, dass es mehr gibt, so viel mehr.
Ich weiß nicht einmal wie ich es schaffe meine Haltestelle nicht zu verpassen. Plötzlich bin ich wieder draußen und laufe Richtung Norden, auf unser sechsstöckiges Wohnhaus zu. Der Wind ist stärker geworden und ich ziehe den Kragen meiner Jacke nach oben und stülpe meine Kapuze um. Und als ich um die Ecke biege, mit gesenktem Haupt, deprimiert und müde, spüre ich eine Hand um meinen Ellbogen und blicke panisch auf.
Völlig aus dem Nichts steht er plötzlich vor mir. Und ich schlucke. Und mein Herz ist so schwer. Ich kenne ihn. Ich sehe diese Ähnlichkeit. Er ist ein Teil Jaspers wie ich ein Teil Emmetts bin.
„Garrett?"
"Du lebst also wirklich", haucht er fassungslos und starrt mich an. "Wir dachten du wärst tot."
Sein Blick ist von einer Ernsthaftigkeit gezeichnet, die mir Angst macht. Und dann zieht er mich weg von der Straße, hin zu seinem Auto. Und ich kämpfe. Mit den Bildern. Mit all den verdammten Bildern.
„Woher wusstest du, dass du mich hier findest?", frage ich irritiert.
Er wirft mir einen skeptischen Blick zu und öffnet die Beifahrertür.
„Du kannst dich wirklich nicht mehr erinnern?"
Ich schüttele den Kopf und bleibe stehen. Und Garrett atmet frustriert aus.
„Ich habe dein Telefonat mit Ally abgefangen."
„Vorhin?"
„Vorhin", bestätigt er und ich fange an zu zittern. Ich stehe kurz davor. Ich sehe alles so eindeutig, als wäre es gestern gewesen. All die Gespräche mit Garrett, meine Bitte, seine Hilfe.
Und dann sehe ich ihn.
Edward.
Es ist, als ob ich vor meinem inneren Auge tausend Feuerwerke sehe und dann ist auf einmal er. Der Vorhang verzieht sich. Und ich sehe sein makelloses Gesicht. Ich sehe sein Lächeln. Ich sehe den Schmerz in seinen Augen. Ich sehe Liebe.
Ich bin die Hälfte eines Ganzen. Ich weiß es! Ich weiß es wieder!
Oh mein Gott! Edward!
Ich sehe einen Film vor meinem inneren Auge. Doch das Ende lässt mich in die Knie zwingen. Garrett fängt mich auf, bevor ich falle und blickt erschrocken auf mich herunter.
„Was ist los?", fragt er, doch ich kann ihm nicht antworten. Meine Stimme ist weg. Mein Leben zerstört. Ich verstehe, wieso ich mich nicht erinnern konnte. Ich verstehe, wieso mein Unterbewusstsein es nicht zuließ. Edward lebt nicht mehr. Das war es, woran ich mich nicht mehr erinnern wollte.
Oh my gosh, I know...! :) Hinterlasst ihr mir was Schönes? Es weckt die Inspiration! Danke dafür und auch vielen Dank fürs Lesen.
nächstes Update: Donnerstag (I hope).
