Hallo ihr Lieben! Ja, ihr seht richtig: ein neues Kapitel! Hurra! Endlich hat es geklappt. Ich will euch nicht mit den Details nerven, aber irgendwann Anfang März ist mein PC kaputt gegangen. Und die letzten Monate war ich damit beschäftigt aus Sexual Seduction einen Roman zu basteln. Natürlich ist die momentane Story ganz anders geworden als erwartet. Ich schreibe immer noch daran. Ich schreibe alles um, sollte ich besser sagen... Wenn ich soweit bin, seid ihr die Ersten, die davon erfahren! Bis dahin kann ich euch hoffentlich mit einem neuen Kapitel vertrösten. Das nächste habe ich bereits angefangen. Viel Spaß beim Lesen. (PS: Ich suche für Sexual Seduction 2.0 übrigens noch eine "Testleserin". Wer sich angesprochen fühlt, kann sich gerne melden. Auch gerne über FB.)
PPS: eine kurze Zusammenfassung, für diejenigen, die sich nicht durchklicken wollen: Kiss hat ihr Gedächtnis verloren. Sie wurde angeschossen, ist im Krankenhaus aufgewacht, kann sich an nichts und niemanden erinnern. Nach einem kurzen Aufenthalt bei ihrer Tante kommt sie ihrer Vergangenheit langsam auf die Spur. Das Problem? Ihr fehlen die letzten 12 Monate.
Not beta'd.
12 Monate zuvor:
Die Musik ist so laut, dass ich schreien möchte. Aber da sie so laut ist, würde mich niemand hören. Niemand würde Notiz von mir nehmen und sie leiser stellen. Also halte ich den Mund und hoffe darauf, dass sich irgendjemand beschwert und die Polizei ruft. Allerdings sind wir hier in einer abgelegenen Lagerhalle, in der die, laut Jake „abgefahrenste Party des Jahres" stattfindet. Blöderweise habe ich ihn nicht darüber informiert, dass ich viel zu laute Musik hasse. Und vor allem hasse ich diesen verdammt unausstehlichen Minimalsound. Es hört sich an als würde ein Specht mit seinem Schnabel unaufhörlich gegen meinen Schädel hämmern. Ironischerweise ist ausgerechnet Jakes Kumpel Embry der DJ.
„Ist er nicht der Hammer?", ruft Jake und nippt an seinem Bier und ich verkneife mir ein Augenrollen und stehe auf. Ich spüre, dass eine Sicherung durchbrennt. Eine Sicherung in meinem Verstand. Vielleicht ist es der Alkohol. Vielleicht auch nur die pure Intuition. Aber just in diesem Moment hat der letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen gebracht: sein selbstgefälliges Grinsen.
„Ich glaube ich gehe heim. Ich fühle mich nicht so gut", sage ich.
Jake sieht mich fassungslos an. Fassungsloser als fassungslos. Er sieht mich an als würde ich eine Sprache sprechen, die er nicht versteht. Ich kann es ihm nicht verübeln.
„Das ist nicht dein Ernst, Kiss. Du kannst doch jetzt nicht gehen."
„Ich kann und ich werde."
Es ist das erste Mal, dass er mich so erlebt. Normalerweise halte ich den Mund. Immer. Mir gefällt alles. Ich mache alles mit. Ich bin Kiss. Ich habe keine eigene Meinung. Bis jetzt… und den Freitag vor drei Wochen, als ich mit ihm Schluss gemacht habe.
„Aber wie willst du bitte heim kommen?", fragt Jake mit großen Augen.
„Ich rufe mir ein Taxi." – Einstein! Doch um das noch anzufügen, fehlt mir noch der Mut.
Ich werfe meine schwarze Tweedjacke um und schenke ihm einen letzten Blick. Noch länger und mein Hirn würde seine restliche Fähigkeit zu denken für immer verlieren. Wie kann ein Mensch so etwas nur als „Musik" bezeichnen?
Ich bin wütend. Vor allem auf mich selbst. Ich hätte nicht mitgehen sollen. Ich hätte nicht auf Jake und seine dumme Bitte hören. „Lass es uns doch noch ein letztes Mal versuchen!"
Wie konnte ich nur so dämlich sein? Was gibt es da zu versuchen, wenn man unterschiedliche Vorstellungen vom Leben hat?
Was gibt es da zu versuchen, wenn die Liebe auf einmal fehlt? Ausserdem: er dachte wirklich, er könnte mich mit diesem „Event" zum Umlenken bringen? Was ist aus dem traditionellen Candle-Light-Dinner mit anschließendem Kinogang geworden?
Jake hält mich zum Glück nicht auf. Er weiß, dass er es damit nur noch schlimmer machen würde. Er lässt mich gewähren. Wahrscheinlich weil mein Blick mehr als tausend Worte sagt. Ich rufe ein Taxi, sobald ich draußen angekommen bin. Ich atme die kalte Luft ein und schließe die Augen, während meine Ohren brennen. Ich höre ein tinnitusähnliches Surren und bete, dass es bis morgen verschwindet. Und dann ziehe ich eine Notfallzigarette aus meiner Clutch und rauche. Langsam und genüsslich, sieben Minuten. Bis das Taxi vor mir steht und ich einsteige.
Zuhause findet eine kleine private Hausparty statt. Dabei will ich nur noch ins Bett. Doch in unserer Wohnküche sitzen Jasper und Alice, umgeben von zwei Männern, einer jungen Frau und Holly, Ally's Schwester.
„Kiss, ich dachte nicht, dass du so früh kommst. Die Pizza ist schon alle", entschuldigt sich Ally und ich winke ab und lächele.
„Ich habe keinen Hunger", antworte ich und sie nickt erleichtert und stellt mir ihre Gäste vor. Da sind Jaspers Cousin Finn und seine Freundin Lisa, sowie Holly und ihr neuer Freund Dawson. Ich schüttele allen die Hände und bin höflich und wohlerzogen und verziehe mich nach ein wenig Small Talk schließlich auf mein Zimmer. Ich kann mich nicht beruhigen. Auch nicht, nachdem ich langsam, auf meinem Bett liegend, bis 100 gezählt habe. Ich weiß, was mein Problem ist. Ich bin unglücklich. Ich muss mein Leben ändern.
Ich schließe die Augen und versuche angestrengt darüber nachzudenken, was ich falsch gemacht habe. Wie es so weit kommen konnte? Und plötzlich klopft es an meiner Tür und Ally steht da und fragt, ob ich mitgehen will.
„Wohin?", frage ich und richte mich auf.
„Nur ins Henleys. Die Jungs wollen Billard spielen."
„Cool. Klar", sage ich und stehe auf. Ich brauche Ablenkung, auch wenn es nur Alices spießige Freunde sind. Sie sehen allesamt aus wie Tommy Hilfiger-Models. Und Alice und ich sind ihre Chanel-Anführerinnen. Mit Tweedjäckchen und schwarzen Pumps.
Als wir die vier Blocks zu Fuß laufen und meine Füße zu brennen beginnen, frage ich mich, ob meine Eltern enttäuscht von mir wären? - Jake. Diese übertriebenen Klamotten. Dieses unaufregende Leben. Und Sparks! Wieso zum Teufel kündige ich nicht endlich? Ich sehe mich um und weiß die Antwort. Weil diese Menschen mich nicht anders kennen. Weil sie mich nur so kennengelernt haben. Ich bin die Protagonistin meines eigenen Schmierentheaters. Meine Stilettos klackern, meine Perlenohrringe glänzen. Ich bin Coco Mademoisselle. Perfekt und makellos. Dabei stehe ich seelisch kurz vor einem Shutdown. Ich bin ein wandelndes Potemkisches Dorf. Ich bin das Mädchen, das alles und nichts hat.
Entweder sind das meine First World Problems. Oder ich habe ein ernsthaftes, psychisches Problem.
„Kiss?", fragt Ally, als Jasper uns die Tür aufhält und ich zögere. Ich schüttele meine Gedanken, lächele und folge ihr. Das hier ist natürlich keine gewöhnliche Kneipe. Es glänzt und riecht gut. Nicht nach Bier und Erdnüssen, sondern nach irgendeiner geruchsneutralen Seebrise. Dabei hatte ich das alles ganz anders in Erinnerung.
„Haben sie hier umgebaut?", frage ich Jasper und er sieht mich irritiert an und schüttelt den Kopf.
„Nicht, dass ich wüsste…"
Die Jungs umzingeln einen der freien Billardtische, während wir Mädels einen Tisch in der Nähe suchen. Es ist Donnerstag, daher scheint alles überschaubar. Wir setzen uns und Holly fängt sogleich an von Dawson zu sprechen, während ich die ganze Zeit eine Ähnlichkeit zu Dawson von „Dawson's Creek" auszumachen versuche. Nichts interessiert mich mehr. Ich fühle mich leer und müde. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es an Jake liegt oder einfach nur an mir?! Am liebsten würde ich in Tränen ausbrechen. Doch ich weiß, dass niemand mir helfen würde. Ich stelle mir ihre mitleidsvollen Blicke vor. Hinter vorgehaltener Hand würden sie über mich tuscheln, wenn die Mitarbeiter der Klapse mich endlich abführen. Sie würden sich zu Kaffee und Kuchen treffen und sagen "Erinnert ihr euch noch an Kiss? Das arme, verrückte Mädchen? Ich frage mich, was aus ihr geworden ist."
„Kiss?" Ally reißt mich ein zweites Mal innerhalb von 15 Minuten aus den Gedanken und ich runzele die Stirn. Für gewöhnlich bin ich nicht so abwesend. Für gewöhnlich bin ich aufmerksam und super präsent.
„Entschuldige bitte, was?"
„Wie war die Party, auf der du mit Jake warst?"
Ich lächele sanft und blicke auf die Uhr, die an der Wand hinter Ally und Holly hängt.
„Es ist kurz nach Mitternacht, Al. Was denkst du?"
Lisa kichert amüsiert, während Holly weiterfragt. Also erzähle ich ihnen die Details. Und auch mein Vorhaben nicht wieder mit Jake zusammenzukommen.
„Das wird Em aber überhaupt nicht freuen", wirft Ally ein.
„Dich dafür umso mehr, oder?", grinse ich. Es ist kein Geheimnis, dass Ally kein großer Fan von Jake ist. War sie nie. Dafür allerdings mein Bruderherz.
„Sagen wir mal so… Meine Welt würde nicht zusammenbrechen", zwinkert sie und ich lache.
„Ihr seid unmöglich. Wie könnt ihr nur so über ihn reden?", wirft Holly ein.
„Kennst du ihn?", fragt Ally herausfordernd. „Jake ist der oberflächigste Mann, der dir in Chicago begegnen wird. Er verbringt mehr Stunden im Bad als wir vier zusammen."
„Du übertreibst. Wieso sollte Kiss mit so einem Typen ausgehen?"
Drei Augenpaare blicken mich an und ich seufze.
„Wir kennen uns seit Highschooltagen", sage ich und zucke schließlich mit den Schultern. Als ob das eine ausreichende Erklärung wäre. Wir wissen jedoch alle, dass das nicht reicht. Ich hätte sagen sollen, dass ich ihn liebe. Ich hätte sagen sollen, dass er ein guter Mensch ist. Aber Jake ist Jake. Oder sollte ich lieber „Narziss" sagen, das Flaggschiff von Abercrombie und Fitch? Irgendwann, vor all den Jahren, haben wir uns ausgezeichnet verstanden. Wir sind zusammen auf Bäume geklettert. Er kannte meine Eltern. Er war mutig und abenteuerlustig. Aber das war die Jugend. Und aus Naivität wurde Realität. Wir haben uns beide verändert. Nur in andere Richtungen.
Zum Glück lässt Ally danach das Thema schnell wieder fallen. Wir widmen uns Lisa. Und ich klinke mich gedanklich wieder aus. Bis mein Blick zu den Jungs wandert und ich einen Typen sehe, der nach außen hin alles repräsentiert, was mir fehlt. Zunächst scheint es mir, als würde ich eine Fata Morgana sehen. Doch dann beobachte ich ihn dabei, wie er Jasper auf die Schulter klopft und grinst. Ich weiß, er ist real. Er ist die personifizierte Freiheit! Er trägt ein Lächeln, das echt wirkt. Er bewegt sich, als wäre nichts einstudiert. Er ist er selbst. Er ist das, was ich vergessen habe, zu sein.
„Wer ist der Typ, mit dem Jasper da redet?", frage ich Ally und sie folgt meinem Blick.
„Das? Das ist nur Garrett", antwortet sie fast schon verächtlich und ich starre unverschämt weiter. Er trägt tiefhängende Jeans, schwarze Adidas, einen sportlichen Hoodie. Seine Mähne ist kinnlang und zerzaust und er trägt einen Bart, der viel zu obszön für das Sparks und alle Etablissements ist, in denen ich mich für gewöhnlich herumtreibe.
„Und wer ist dieser Garrett?"
„Jaspers Bruder", sagt Ally und ich löse schockiert meinen Blick von ihm.
„Ja, ich weiß. Sie sehen sich überhaupt nicht ähnlich", rollt sie, wie erwartet, mit den Augen. „Sie sind nicht gemeinsam aufgewachsen. Jasper lebte bei seiner Mum, Garrett bei seinem Dad. Sie haben eigentlich auch nicht viel gemeinsam. Sieht man ja…"
Die Mädels lachen, ich runzele die Stirn. Ich sehe, wie Garrett etwas sagt und plötzlich zu Lachen beginnt. Und ich beneide ihn. Ich beneide seine Ausgelassenheit, die Fröhlichkeit, die ihn umgibt. Ihn scheint nicht einmal Jaspers verhaltener Blick zu stören. Ihn schert es nicht, dass sein eigener Bruder einen anderen Lifestyle repräsentiert, in einer anderen Welt verkehrt, eine andere Aura ausstrahlt. Nackt wären wir alle gleich. In dieser materialistischen Welt sind wir es allerdings nicht.
Ich muss ihn kennenlernen, beschließe ich. Ich muss. Ich muss! Er ist wie das Zeichen, auf das ich gewartet habe. Er ist der Anhaltspunkt, die Lösung, die Rettung.
Die nächsten Minuten verbringe ich damit ihn zu beobachten. Mir entgeht keiner seiner Schritte. Ich folge ihm mit meinem Blick, sehe, wie er mit den Jungs spielt und sich anschließend verabschiedet. Ich habe keine Ahnung, wieso er hier ist. Anscheinend nicht wegen Jasper. Auf einmal weiß ich aber nur, dass er dabei ist zu gehen. Und ich stehe automatisch auf und folge ihm. Ich verstehe nicht, was ich tue. Ich weiß nur, dass es richtig ist. Zumindest fühlt es sich so an.
"Ich bin gleich wieder da", rufe ich den Mädels zu, die mich ansehen als hätte ich den Verstand verloren. Doch es ist mir egal. Ich klackere laut, schnell, unsicher. Am liebsten will ich meine lächerlichen, überteuerten Pumps ausziehen und ihm barfuß hinterherrennen. Panik durchflutet meinen Körper. Garrett biegt um die Ecke und ich habe plötzlich Angst ihn zu verlieren.
„Warte!", rufe ich und bleibe schockiert stehen. Das habe ich noch nie getan. Noch nie habe ich ernsthaft einem Mann nachgesehen. Und ganz gewiss habe ich noch nie einem Mann hinterhergerufen. Doch es klappt. Seine Schritte verlangsamen sich und er dreht sich irritiert um, die Tür bereits geöffnet.
„Meinst du mich?", fragt er skeptisch und ich nicke und hole ihn ein. Gemeinsam schreiten wir hinaus in die windige Frische Chicagos.
„Kennen wir uns?", fragt er weiter und ich schüttele den Kopf.
„Ich bin Kiss."
„Kiss? Wie die Band?", grinst er und ich rolle mit den Augen.
„Kiss wie Isabella", erkläre ich und er sieht mich amüsiert an.
„Logisch, hätte selbst drauf kommen können. Garrett", sagt er und reicht mir die Hand.
„Ich weiß. Du bist Jaspers Bruder."
„Schuldig im Sinne der Anklage. Womit kann ich helfen?"
Ich zögere. Er ist netter als ich dachte. Aber vielleicht sehe ich nur Dinge, die ich sehen will.
„Ich… ähm… Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich es ausdrücken soll."
Ich beiße auf meine Unterlippe und fühle mich wie die letzte Idiotin, während Garrett seine Stirn in Falten legt und mich ansieht als hätte ich den Verstand verloren.
„Du willst meine Nummer?", schlägt er vor und ich nicke automatisch, bevor sich meine Augen weiten. Ich will seine Nummer? Bin ich völlig verrückt geworden? Garrett lacht leise, fast schon ungläubig und sieht mich noch einmal genauer an. Rauf und runter. Ich weiß, was er denkt. Seine Worte bestätigen es.
„Bist du dir sicher, Süße? Du spielst nicht gerade in meiner Liga."
„Was soll das heißen?", frage ich bissig und er lacht erneut, hebt abwehrend die Hände nach oben.
„Keine Sorge, das war ein Kompliment."
Trotzdem rolle ich mit den Augen.
„Sorry, ich habe keine Ahnung, wieso ich…" Gepeinigt schließe ich die Augen. „Sorry, ich sollte lieber wieder gehen."
„Hey", ruft er mir hinterher, als ich die Tür wieder öffne.
„Ich bin fast jeden Freitag im Pushkin. 970 Ecke 31ste", sagt er und ich nicke. „Ab 22 Uhr. Vielleicht sehen wir uns da."
Er geht. Und ich sehe ihm sprachlos nach.
„Kiss?" – Ertappt blicke ich Ally an, die mit verschränkten Armen vor mir steht und mich besorgt ansieht. Die Tür hinter mir fällt ins Schloss. „Was ist los? Was machst du hier?"
„Nichts. Ich dachte nur ich hätte einen alten Freund gesehen", lüge ich und sie lässt locker. Ich atme erleichtert aus. Und wie von Zauberhand fühle ich mich besser. Leichter. Hoffnungsvoller.
Zwei Wochen später…
Es ist mein erster freier Freitag seit Monaten. Es hat mich Nerven für zwei gekostet, um endlich einen freien Freitag auszuhandeln. Doch ich habe es geschafft. Und nun stehe ich hier. Vor dem Pushkin. Von außen sieht es unscheinbar aus. Vielleicht täusche ich mich aber. Immerhin stehe ich mit einem Fuß fast in einem Hinterhof, abseits der Hauptstaße. Im Hintergrund fahren Autos, hier ist alles still. Es ist ein wenig unheimlich und ich bin allein. Doch schließlich wollte ich das. Ich habe mich getraut zu kommen. Also kann ich auch den letzten Schritt wagen und reingehen. Stattdessen zünde ich eine Kippe an und zähle bis 100, wie ich es so oft tue, wenn ich unter Stress stehe. Em würde mich umbringen, wenn er wüsste, wo ich mich herumtreibe. Die Gegend sieht nicht gerade sicher aus. Aber vielleicht liegt es nur daran, dass ich mich bisher immer in anderen Bereichen der Stadt bewegt hatte. Hinter mir höre ich plötzlich Schritte und drehe mich panisch um. Es ist eine blonde Frau, in eine schwarzen Lederjacke und eine skandalös enganliegende Jeans gehüllt. Erleichtert atme ich aus und drücke meine Zigarette aus.
„Hi Schätzchen", grüßt sie mich grinsend und zwinkert mir zu.
„Hi", antworte ich verunsichert und lächle und folge ihr.
„Verabredet?", fragt sie und ich zucke mit den Schultern.
„So in der Art." – Sie strahlt eine Coolness und Gelassenheit aus, die mich an Garrett erinnert. Und ich fühle mich augenblicklich zu ihr hingezogen. In einer nicht-sexuellen Art und Weise versteht sich.
„Kenne ich ihn?"
„Keine Ahnung", zucke ich mit den Schultern. „Er heißt Garrett."
„Garrett Meyer? Unser Lumberjack für Arme?"
„Lumberjack?", frage ich verwirrt und sie lacht.
„Der Schwarzhaarige mit dem Bart?"
Ich nicke begeistert und sie grinst erneut.
„Was willst du mit einem wie Garrett, Kleines? Du bist viel zu hübsch für ihn."
„Ich habe nicht vor ihn zu daten", rechtfertige ich mich. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was ich will. Ich brauche keine neue Beziehung. Vor allem nicht, nachdem ich vorletzte Woche mit Jake ein zweites Mal Schluss gemacht habe. Ich will Garrett einfach nur kennenlernen. Schauen, wie er ist. Was es ist, was ihn so anders macht. Ehrlich gesagt will ich mich in seiner Gegenwart suhlen. Ein wenig von seinem Glanz mit nach Hause nehmen. Mut fassen. Mich wieder ein wenig wie die alte Kiss fühlen.
„Dein Wort in Gottes Ohr", lacht die junge Frau und reicht mir die Hand. „Ich bin Rose."
„Kiss."
„Kiss? Das ist ein cooler Name. Wie mein Lieblingslied."
„Welches?", frage ich neugierig und sie fängt an ausgelassen zu kichern.
„Na, Kiss from a Rose natürlich!" Und plötzlich lache ich auch.
Das Eis ist gebrochen.
Es stellt sich heraus, dass Rose als Bedienung im Pushkin arbeitet. Ich sitze an der mahagonifarbenen Bar, während sie mir ein wenig über die Geschichte des Hauses erzählt und dabei gleichzeitig ein paar Männer bedient, die ihr unverschämt aufdringliche Blicke zuwerfen. Ich kann es ihnen allerdings nicht verüben. Rose ist wirklich wunderschön, mit ihren schulterlangen Haaren, ihren hohen Wangenknochen und langen Wimpern.
„Vor drei Jahren hat Dmitri die Bar übernommen", sagt sie und schenkt mir ein weiteres Glas Coke ein. „Er hat hier alles komplett umgebaut, alles in diese dunklen Farben verwandelt. Früher sah es hier aus wie in einer finnischen Sauna, alles holzverkleidet, aber edel. Jetzt ist alles schwarz. Und edel", sagt sie seufzend, als würde es ihr nicht gefallen.
„Es hat in der Tat etwas Maskulines an sich", beobachte ich und sie nickt. Der einzige feministische Touch hier sind Rose und ich. Der Boden ist mit dunklem Holz verkleidet, die Wände sind mit teurer, dunkler Tapete beklebt. Es hängen alte Schwarz-Weiß-Bilder, die Männer in maßgeschneiderten Anzügen zeigen. Einige Fotos zeigen die Wahrzeichen Russlands, den Roten Platz, den Kreml. Die Sitzplätze sind großzügig verteilt. Jeder hat das Recht auf seinen Rückzugsort. Niemand kann die Gespräche des anderen belauschen. Außer an der Bar. In einer Ecke stehen Spielautomaten, daneben hängt eine Dartscheibe. Davor steht ein Billardtisch. Um einen der Tische sitzen Männer und rauchen Zigarren. Dabei hatte ich gedacht, dass das mittlerweile verboten sei.
„Ist dieser Dmitri aus Russland?", frage ich interessiert und Rose nickt.
„Naja, zumindest seine Eltern, soweit ich weiß. Aus Moskau."
„Hmm… das erklärt die Bilder. Und den Namen", murmele ich. Und plötzlich spüre ich, wie mir jemand auf die Schulter tippt. Erschrocken zucke ich zusammen und sehe Garrett dabei zu, wie er sich neben mich setzt.
„Du bist gekommen."
„Das bin ich."
„Sie ist nicht hier, um dich zu daten", schaltet sich Rose ein und ich laufe rot an. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das das letzte Mal getan habe.
„Keine Sorge, Ro. Ich habe nicht vor die Kleine zu korrumpieren", antwortet Garrett und bestellt ein Bier. „Aber Pronto!" Rose rollt mit den Augen und wendet sich ab und dann blickt Garrett wieder zu mir und lächelt mich sanft an.
„Lass mich raten. Du hängst für gewöhnlich mit meinem Bruder und seinen prätentiösen Freunden ab und hast dich nun entschieden ein wenig vom wahren Leben zu kosten?"
Ich starre ihn entgeistert an und schweige. Kann er Gedanken lesen?
„Ich bin ein guter Menschenkenner, weißt du?" Und ich schweige weiter.
„Was machst du beruflich?", versucht er es weiter.
„Ich studiere", antwortete ich. Am liebsten würde ich die Flucht ergreifen. Ich fühle mich verunsichert und ein wenig ängstlich. Ich hatte nichts beabsichtigt, nichts geplant. Und auf einmal sitze ich hier, mit diesem Fremden, der mich scheinbar besser kennt als meine sogenannten besten Freunde.
„Welche Fächer?", fragt Garrett sichtlich interessiert und ich antworte.
„Geschichte und Englische Literatur?", wiederholt er und pfeift anerkennend. Für gewöhnlich tut das niemand. Jeder blickt mich eher mitleidig an, wenn er hört, was ich mache. Alice studiert Wirtschaft. All ihre Freunde ebenso. Jasper ist Anwalt. Niemand von ihnen steht auf brotlose Kunst. Jeder hat nur das Wichtigste im Visier: Geld.
„Und was machst du?", frage ich zurück. Ich bemerke, dass ich mich viel zu leise anhöre, wie ein verängstigtes Mäuschen. Ganz anders als Garrett, der das pure Selbstbewusstsein ausstrahlt.
„Offiziell bin ich Informatiker", grinst er und zwinkert.
„Und inoffiziell?"
Er lacht, laut, und Rose stellt sein Bier vor ihm ab.
„Danke, Puppe!"
„Leck mich!"
„Liebend gern!", grinst Garrett und Rose zeigt ihm mit hochgezogener Augenbraue den Mittelfinger, bevor sie wieder ans andere Ende der Bar läuft. Ich sehe ihr ein wenig neidvoll hinterher und denke darüber nach, dass ich mich nie im Leben getraut hätte mich so zu verhalten. Dabei hätte ich mir in so vielen Situationen gewünscht den Mund aufzumachen anstatt zu schweigen, den Mittelfinger zu zeigen anstatt anstaltslos zu lächeln und alles kommentarlos hinzunehmen.
„Du willst so sein wie sie?", fragt Garrett, erneut furchteinflößend scharfsinnig und ich nicke.
„Dann solltest du aufhören mit den Snobs abzuhängen und dich dem einfachen Volk anschließen", schlägt er vor und nimmt einen genüsslichen Schluck von seinem Bier.
„Vielleicht sollte ich hier anfangen?", murmele ich nachdenklich und sehe, wie Garrett plötzlich beginnt den Kopf zu schütteln.
„Oh nein… Nein, nein, nein. Das ist eine ganz schlechte Idee, Kiss. Vertrau mir, das willst du nicht…"
„Wieso?" – Es waren drei "Neins" zu viel. Meine Neugier ist geweckt. Vor allem, als ich entdecke, dass er beginnt sich zu verstellen. Andernfalls würde er nicht versuchen das Thema zu wechseln.
„Bist du mit deinem Studium nicht schon genug ausgelastet? Oder suchst du gerade einen Job? Ich kann mich für dich umhören."
„Ehrlich gesagt habe ich schon einen Job."
Er atmet ein wenig erleichtert aus und ich sehe ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Was verheimlicht er?
„Und welchen?", fragt er.
„Ich bin Kellnerin im Sparks."
Garrett lässt einen Lacher von sich und sieht mich ungläubig an.
„Der Edelschuppen auf der Lincoln?"
„Genau der", sage ich leise, fast schon beschämt.
„Du willst den Job für diesen Schuppen hier kündigen?", fragt er provokant.
„Wer hat gesagt, dass ich kündigen will?"
„Du willst dich in Arbeit stürzen? Studium und zwei Jobs? Brauchst du Geld?"
„Nein."
„Du kannst nicht versuchen ein anderer Mensch zu sein und gleichzeitig im Sparks arbeiten. Das ist viel zu schizophren. Außerdem glaube ich kaum, dass sie hier momentan jemanden suchen."
„Wovon sprecht ihr?", schaltet sich Rose interessiert ein. Sie hat momentan gerade niemanden, um den sie sich kümmern muss. Drei Tische sind besetzt und versorgt. Und an der Bar sitzen neben uns nur noch vier andere, die sie bereits alle bedient hat.
„Meinst du ich könnte hier anfangen?"
Rose sieht mich mit großen Augen an.
„Ich… ähm… bist du sicher?"
Sie mustert meine Tweedjacke. Ich weiß, wie ich aussehe. Ich kenne ihre Antwort bevor sie den Mund öffnen kann. Vor allem, nachdem sie Garrett einen vielsagenden Blick zuwirft.
„Ja, ich bin sicher", bestätige ich.
„Ich weiß nicht. Ich muss Dima fragen."
„Tu das nicht, Kiss. Die Arbeit ist schlecht bezahlt. Und ich bin nur einmal die Woche hier. Außerdem kann ich dir auch anders helfen. Wenn du neue Leute kennenlernen willst, wirst du das. Aber nicht hier. Das ist die Höhle der Schlangen. Du hast hier nichts verloren."
Seine Worte entfachen meine Neugier nur noch mehr. Noch nie habe ich so impulsiv gehandelt wie in diesem Augenblick. Auf einmal brenne ich. Auf einmal will ich etwas. Dabei ist es vollkommen verrückt. Es ist als wäre mir eine Sicherung durchgebrannt. Plötzlich kann es nicht schnell genug gehen. Dabei kenne ich Garrett nicht einmal. Und Rose kenne ich auch nicht. Vielleicht bin ich lebensmüde. Das muss es sein.
Vielleicht aber bin ich auch ein Menschenkenner. Vielleicht spüre ich, dass sie echter und realer sind als alle meine Freunde zusammen. Vielleicht täuscht mich meine Intuition nicht. Vielleicht sollte ich einmal im Leben etwas riskieren.
„Wo ist dieser Dima? Hier? Kann ich mit ihm sprechen?", frage ich Rose, während Garrett den Kopf schüttelt.
„Jas wird mich umbringen, wenn er das erfährt", höre ich ihn murmeln.
„Dann solltest du ihm nichts erzählen. Ich werde es auch nicht tun", grinse ich.
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