Midorima's POV.:
Ich hatte mich gerade in mein Bett gelegt, als mich mein altvertrauter Klingelton daran hinderte, meine Brille abzulegen. Mein Handy lag wie jeden Abend direkt neben mir, auf dem Nachttisch, am Akku. Das Display zeigte an, dass soeben ein Video per MMS eingegangen war. Seltsam. Noch niemand hatte es gewagt, mich mit Videos zu stören. Nicht einmal Takao, der sonst für alles zu haben schien, dass mich nur ordentlich aus der Reserve lockte.
Ich griff nach dem grünen Gerät und klappte es auf. Ungläubig und geschockt starrte ich auf den Absender: »Takao Kazunari«. Ich wagte nicht, mich zu bewegen. Als würde mir das etwas nützen… Ich wusste, diese MMS konnte unmöglich von Takao selbst stammen. Shikaru hatte sein Handy. Dies hier war ein weiterer mentaler Angriff, dieses Psychopathen.
Der Betreff bestätigte mich: »Allerletzte Warnung.« Mehr stand dort nicht. Kein weiterer Text, keine weitere Drohung. Nur ein Video, dass von mir erwartete, abgespielt zu werden. Und ich war nicht sicher, ob ich das wirklich wollte. Aber ich wusste, dass ich es wohl tun musste. Auch wenn es genau das war, was Shikaru von mir wollte, würde ich damit vielleicht einen Schritt weiter kommen, und Takao's Aufenthaltsort ausfindig machen. Selbst wenn ich Zweifel daran hegte. Mir waren nicht viele Lagerhallen bekannt, da ich nie auf so etwas angewiesen gewesen war.
Also drückte ich auf Play.
Bereits in den ersten Sekunden des Videos, sparten diese Menschen nicht an allen möglichen Grausamkeiten, die ihnen hätten einfallen können. Takao lag bereits zu Anfang halb auf dem Boden, als hege er nicht mal mehr die geringste Hoffnung. Vermutlich fühlte man sich so… Ich selbst konnte mir nur vage vorstellen, was sie ihm bereits alles angetan hatten. Und das fühlte sich schlimmer an, als wenn jemand dein Eigentum beschädigt. Es fühlte sich an, als würdest du gerade einen Mord beobachten, aber aus Angst vor den Konsequenzen weglaufen. Nur lebte Takao glücklicherweise noch. Vielleicht auch nicht unbedingt glücklicherweise. So musste er die Schmerzen über sich ergehen lassen, die unerträglich sein mussten…
Erst schnitt Shikaru dem Schwarzhaarigen in den linken Arm. Es war ein vergleichsweise feiner und vorsichtiger Schnitt. Ich war erst froh, aber dann erkannte ich, dass dieses Monster bloß eine Art Trommelwirbel anstimmte. Seine Zuschauer taten ihm diesen Gefallen auch noch, in dem sie lauter grölten, als er sich Takao's Beinen zuwandte. Jetzt fuhr er mit der Messerklinge schon tiefer über die bereits fast vollständig auseinander gerissenen Shorts, aber es dauerte nicht lange, bis ihm auch das zu langweilig wurde.
Rinnsale aus Blut benetzten schon bald den dreckigen Steinboden der Halle, und umrandeten Takao's Körper, der nun ganz auf dem kalten und feuchten Boden lag, auf abstruse Weise. Shikaru fand jedoch sichtlich Spaß an seinen Spielchen, als er zum finalen Schlag ansetzte. Er hob die Arme höher in die Luft als zuvor, und stach mit unglaublicher Geschwindigkeit und Kraft in Takao's Rumpf ein. Der am Boden liegende keuchte schmerzerfüllt und krächzte etwas, dass ich nicht verstehen konnte. Er war zu leise… Das Getöse im Hintergrund flaute nun langsam ab, nachdem es seinen Höhepunkt erreicht hatte.
"Ich würde vorschlagen, du besorgst dir lieber die Genehmigung für das Wiederholungsspiel, anstatt deinen Kameraden hier langsam und qualvoll verrecken zu lassen!", schrie Shikaru triumphierend an den Kameramann gerichtet, bevor das Video stoppte.
Ich hatte Takao's Gesicht zum Schluss nicht sehen können, da er mit der Vorderseite seines Körpers gen Erde gelegen hatte, aber ich war mir sicher, er war kraft- und wehrlos. Und für einen winzigen Moment, stieg eine furchtbare Angst in mir hoch. Was wäre, wenn dieses Ungeheuer seine Drohung bereits wahr gemacht hatte. Wäre er so blöd? Das vielleicht nicht. Aber er war ohne Zweifel grausam genug. Er musste ja nicht gestehen, dass sein Druckmittel bereits nicht mehr existierte. Es stand ihm frei, zu bluffen. Takao wäre tot, aber wenn niemand davon wusste, würde er bekommen was er wollte, und sogar eine größere Chance auf den Sieg sehen können. Immerhin könnte Takao dann nicht teilnehmen. Da wäre zwar noch ich selbst, aber die Chancen der Masaru hätten sich definitiv verbessert.
19 Sekunden. Diese Folterszene hatte nicht länger gedauert als 19 kleine Sekunden, und trotzdem hatten sie fast zum Tode geführt!
Als meine Zimmertür unvermittelt aufging, warf ich mein Handy auf mein Bett und sprintete hinaus, vorbei an einem ausnahmsweise perplexen Akashi, der gerade noch rechtzeitig aus dem Weg gesprungen war, um nicht von mir überrant zu werden. Es war das erste Mal in meinem Leben, in dem ich aus Ekel und Angst meine kompletten drei Mahlzeiten aus mir herausgewürgt hatte…
Ich sank erschöpft mit dem Kopf auf den jetzt zugeklappten Toilettendeckel. Eine Weile lang herrschten verwirrte und ratlose Gedanken in mir vor, bis ich schließlich die blinde Wut spürte, die sich in meinem Bauch ansammelte. Zuerst war ich überrascht. Dies war eine vollkommen untypische Situation für mich. Dennoch. Akashi hatte mir versprochen, es würde nichts passieren. Er hatte gesagt, ich solle mich auf ihn verlassen. Was hatte es mir gebracht? Was hatte es Takao gebracht? Es hatte ihn ein Stück weiter an den Tod heran geführt. Ich war nie in meinem Leben besonders naiv gewesen, aber dieses Mal merkte ich selbst wie leichtgläubig und dumm ich gehandelt hatte. Einfach so mit einem Menschenleben zu spielen, und sich auf jemand Anderen zu verlassen!
Ich stand ruckartig auf und stampfte beinahe schon zurück in mein Zimmer, wo ich Akashi antraf, der gerade mein Telefon zur Seite legte, und mich abwartend musterte. Er schien genau zu wissen, dass sich meine ganze Wut auf ihn konzentrierte. Wahrscheinlich hatte er es kommen sehen, als er das Video angeschaut hatte.
"Und? Zufrieden?", fragte ich kalt und blieb so geduldig wie möglich im Türrahmen stehen.
Akashi seufzte. Anscheinend wollte er sich Mühe geben, mich zu beruhigen. "Nein, Shintarou. Ich bin nicht zufrieden. Überhaupt nicht."
"Ich habe dir quasi sein Leben anvertraut, und du hättest es beinahe einfach weggeworfen", warf ich ihm vor.
"Nein. Habe ich nicht", wiedersprach er genauso ruhig und einsilbig wie vorher auch.
"Was macht dich da so sicher?"
"Sie hätten ihn sowieso gefoltert. Was hast du denn gedacht, hm? Diese Menschen machen nicht den Eindruck, als wären sie dazu bereit, das kleinste Bisschen Mitleid zu zeigen." Ein ernster Blick aus den heterochromen Augen traf meine.
"Du hast versichert, wir würden ihn dort raus bekommen", erinnerte ich ihn stur.
"Und das werden wir, Shintarou. Aber beantworte mir eine ehrliche Frage: Hättest du es lieber gehabt, wenn ich dich in Sicherheit gewogen hätte, und sie deinen Freund einfach getötet hätten, oder wäre es dir vielleicht lieber, wenn er, zwar mit einigen Kratzern und Wunden, aber lebend zu dir zurück kommt?"
Noch nie in meinem Leben hatte ich schmollen müssen. Aber dieses war das erste Mal, an dem ich mir vornahm, mich wenn nötig wie ein kleines Kind zu verhalten, und nie wieder ein Wort mit Akashi zu wechseln. Der Rothaarige würde sich so oder so einmischen, und versuchen zu helfen. Ich würde ihn nur daran hindern, Takao's Leben noch einmal so kaltblütig aufs Spiel zu setzen, und wenn besagter Schwarzhaariger wieder zu hause war, würde ich mir noch einmal überlegen, ob ich Akashi nicht für den Rest meines Lebens in Grund und Boden ignorierte!
Das Telefon im Wohnzimmer fing mitten in der Nacht an zu klingeln, und es machte nicht den Anschein, als würde es in nächster Zeit damit aufhören. Ich wollte nicht abnehmen. Ich erwartete bereits eine neue Attacke, seitens Shikaru. Das würde ich ab sofort immer vermuten, wenn es klingeln würde. Dessen war ich mir ungemein sicher…
Ich hatte es noch nicht geschafft, einzuschlafen. Obwohl mich das andauernde Bimmeln des Telefons störte, und es mich interessierte, wer so spät nachts noch anrief, versuchte ich das Geräusch auszublenden, und machte mir nicht die Mühe, aufzustehen.
So wie ich meinen früheren Team-Captain kannte, nahm er den Spruch »Sich wie zu hause fühlen« wörtlich, und würde mir diese Last abnehmen, sobald er gemerkt hatte, dass ich keinen Finger krumm machen würde. Tatsächlich konnte ich ein paar Sekunden später leichte Schritte auf dem Flurboden ausmachen. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich diese Reaktion als höflich, und somit positiv, oder als forsch und negativ einstufen sollte.
Ich lauschte in die Stille, während ich an die Decke starrte, und versuchte Licht- und Schattenreflexe auszumachen. Überall sah ich nur verschwommene Konturen. Es überraschte mich nicht. Ohne meine Sehhilfe war ich beinahe blind.
Ich konnte Akashi's Stimme hören, die irgendetwas in den Hörer redete, bevor die Schritte die Treppe wieder hinauf nahmen, ein wenig schneller diesmal. Sobald meine Zimmertür aufging, schloss ich stur die Augen. Es war schwer zu sagen, ob der Rothaarige mich durchschauen würde, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass ich nicht vorhatte, mich mitten in der Nacht mit irgendeinem Telefonstreich-Anrufer zu streiten. Die Idee, dass Akashi so jemanden ohne zu zögern abgewimmelt hätte, kam meinem überarbeiteten Verstand, zu meiner Schande, selbst erst viel zu spät.
Ein plötzliches und lautes Klonk war zu hören, als würde man etwas wirklich Schweres abstellen. Dann legte Akashi scheinbar den Hörer zur Seite, nur um den schweren Gegenstand erneut anzuheben. Ohne jegliche Art der Vorwarnung, traf mich etwas flüssiges, eiskaltes im Gesicht, und sorgte dafür, dass ich einen halben Sprung an die Decke vollführte, und am Ende auf dem harten Boden landete. Hatte dieser Teufel mir gerade einen vollen Eimer Eiswasser über den Kopf geschüttet? In mein Bett? Am wichtigsten allerdings; wie hatte er das in der kurzen Zeit geschafft und wo hatte er den Eimer her? Ich wusste nicht einmal, dass wir so einen im Haus hatten!
Knurrend hob ich meine Hand zum Nachttisch und tastete nach meiner Brille. Das Holz war feucht und gab einen platschenden Klang von sich. Großartig. Der war also auch nicht verschont geblieben. Unzufrieden fand ich nach dem Gesuchten, und setzte sie mir auf die Nase. Wassertropfen lagen wie eine einzige Schicht auf dem Glas und bewirkten dass meine Sicht vollkommen verschwamm, und ich den Rothaarigen nur ansatzweise sehen konnte.
"Was sollte das denn jetzt?", fuhr ich ihn gereizt an. Captain und Respektsperson hin oder her, er hätte immerhin versuchen können, mich auf normalem Wege zu wecken!
"Telefon für dich", meinte er ungerührt und drückte mir besagtes Gerät auch schon in die Hand.
Verärgert sah ich zu, wie Akashi aus dem Zimmer stolzierte und hob das Telefon an mein Ohr. "Hallo?"
Ein einzelner Wassertropfen floss an der Wand des Eimers hinunter, der nun unbenutzt in meinem Zimmer herum stand…
"Hi! Ich bin Kazeka Hiroko. Pass auf, ich habe hier jemanden, der dich unbedingt hören will" jubelte mir eine fremde Stimme geradezu ins Ohr. Für meinen Geschmack veranstaltete dieser Kazeka zu so später Stunde zu viel Lärm.
Ein Rascheln, oder Knacken war zu hören, als würde man das Handy weiterreichen. "Shin-chan!"
Ich konnte meinen eigenen Ohren nicht trauen. Das war ohne Zweifel Takao's Stimme. Er klang angeschlagen, aber zum Glück lebendig. Es fehlte noch ein großes Stück, bis er sich wieder so anhörte, wie sein unbeschwertes Selbst, vor seiner Entführung, aber wenigstens hatte man ihn noch nicht totgeprügelt… Aber ich war verwirrt. Wieso erlaubte man ihm anzurufen? Würde man den Schwarzhaarigen erneut quälen, nachdem das Telefonat beendet war? Gehörte dies zu Shikaru's miesen Tricks? Aber wenn dem so wäre, würde Takao sich wohl kaum so erleichtert anhören…
"Takao?! Wo bist du?", schrie ich um ein Haar in den Hörer. Ich war überrascht, es geschafft zu haben, mich zurückzuhalten.
Wieder das Rascheln, bevor diese fremde Stimme sich wieder meldete: "Wir sind in einer Lagerhalle. Aber die Gegend hat keine Adresse. Deswegen solltet ihr lieber das Handy orten. Dann wisst ihr auch, wo ihr lang' müsst. Ich werde es an lassen, ihr habt also alle Zeit der Welt, nur ich an eurer Stelle, würde mich ein bisschen beeilen. Ich nenne euch eben die Nummer."
Im Grunde war dies unnötig, und er hätte es auch gar nicht tun brauchen, aber ich war zu überrumpelt, um ihm dies zu sagen. Sofort, als ich eine fremde Stimme gehört hatte, hatte ich einen kurzen Blick auf das Display riskiert. Die Nummer war nicht unterdrückt gewesen, und ich hatte mein Bestes getan, um mir wenigstens den Anfang zu merken, bevor erneut aufgehängt wurde. Vielleicht hätte ich aber schon früher nach Schreibwerkzeug suchen sollen.
Ich schwieg also, während Kazeka die Nummer herunter ratterte, und schrieb sie mir gehorsam auf. Kaum hatte er das erledigt, legte er auch schon übereilt auf, ohne auch nur ein Wort des Abschieds zu formulieren. Wenn ich ehrlich war, hätte ich mich gerne noch vergewissert, ob es Takao wirklich gut ging. Immerhin bestand eine reelle Chance, dass er ernsthaft, oder schlimmer, lebensbedrohlich verletzt war. Aber ich konnte nachvollziehen, dass es äußerst dumm und unsicher war, länger als nötig nach außen zu telefonieren. Jeden Moment konnte jemand Ungebetenes stören, oder ihnen das Handy abnehmen. Dann wäre es vorbei mit dem Plan, den sie ausgeheckt hatten. Und es würden weitere qualvolle Momente für Takao folgen…
Dennoch, war mir dieser Kazeka nicht unbedingt geheuer. Mochte ja sein, dass er in dieser Situation ein Freund für Takao war, aber das bedeutete noch lange nicht, dass man ihm wirklich trauen konnte. Vielleicht war es ja irgendein verrücktes Psycho-Spielchen, um den Gefangenen soweit zu zermürben, bis er vollkommen hilflos war? Wenigstens hatte seine Stimme zu keinem von den Spielern gehört, die mir bereits einen »Besuch« abgestattet hatten. Er würde sie ja wohl kaum permanent verstellen. Das war viel zu viel Aufwand.
"Forderungen?", ertönte Akashi's Stimme aus dem Nichts heraus. Als ich aufsah, stand er bereits wieder im Türrahmen. Offenbar hatte er mich der Höflichkeit halber allein gelassen. Meine Brillengläser waren inzwischen getrocknet, sodass ich ihn wieder erkennen konnte.
Ich schüttelte leicht den Kopf. "Eher ein Lichtblick. Jemand scheint uns zu Hilfe zu kommen. Auch wenn ich nicht sicher bin, ob wir ihm voll und ganz vertrauen können."
"Den Eindruck hatte ich auch nicht", sagte Akashi, mit sich vollkommen zufrieden. "Und was hat er genau zu dir gesagt?"
"Dass wir das Handy dieses Typen orten lassen sollen, und so Takao's Aufenthaltsort herausfinden können."
Akashi nickte. "Gut. Dann werden wir genau das morgen früh in Angriff nehmen. Ich weiß schon genau wie…" Etwas Unheimliches lag bereits wieder in der Stimme des Rothaarigen, doch ich ignorierte es mühevoll.
