Midorima's POV.:

Während um mich herum ein heilloses Chaos und Geschrei hereinbrach, hechtete ich selbst auf Takao zu. Als er mich erblickte, sagte er nichts. Vielleicht war er zu geschwächt um zu reden, aber selbst wenn nicht, hätte es nicht viel Unterschied gemacht. In der Lagerhalle herrschte Gebrüll und Gedrängel. Die Mannschaft der Masaru Gakuen hatte fast augenblicklich begonnen, sich nach Fluchtwegen umzusehen und sich zu diesen hindurch zu prügeln. Shikaru und Akashi waren irgendwo in diesem Chaos verschluckt worden, aber etwas flüsterte mir, dass es besser war, keinen von beiden zu Gesicht zu bekommen. Hier und da konnte ich aus dem Augenwinkel einen goldblonden, dunkelblauen oder violetten Haarschopf ausmachen, der niemals auf einer Stelle blieb und sich flink von hier nach da bewegte.
Es passierte schnell genug, um meinen Verstand auf Autopilot schalten zu lassen. Ich dachte ausnahmsweise nicht genau über meine nächsten Schritte nach. Rückblickend betrachtet, hätte es ein schlimmer Fehler sein können. Aber das war es nicht. Ich hastete auf den am Boden liegenden Takao zu, verschwendete keine Zeit damit, seine derangierte Erscheinung zu mustern, schob einen Arm hinter seinen Rücken, den anderen unter seine Kniekehlen und hob ihn so sanft, wie es mir möglich war, hoch.
Dabei leistete Takao selbst wenig Widerstand und fühlte sich auch in meinen Armen leichter an, als er es eigentlich sollte. Ich konnte mir vorstellen, dass sie ihm nicht gerade ein All-you-can-eat-Buffet zur Verfügung gestellt hatten.
Ich drückte ihn ein wenig fester an meine Brust, um ihn daran zu hindern, aus meinen Armen zu segeln, als ich mich in Bewegung setzte. Nur am Rande bemerkte ich, dass Aomine bei uns war und uns vermutlich den Rücken freihielt, während wir uns so elegant wie möglich durch das Durcheinander um uns herum schlugen.

Beinahe warf ich mein gesamtes Körpergewicht gegen die schwere Tür, durch die wir hinein gekommen waren, jedoch hinderte ich mich selbst noch rechtzeitig daran, da Takao immer noch schutzlos in meinen Armen lag. Vielleicht war es die Erleichterung, die sich jetzt in mir breit machte, aber es kam mir so vor, als würde die Tür sich leichter aufschieben lassen, als vorher. Als wollte sie uns bedeuten, dass wir es endlich geschafft hatten und uns keine Sorgen mehr zu machen brauchten. Wie geölt schwang sie auf und entließ uns in das rötliche Sonnenlicht, das auf das Gelände fiel.
Auch wenn ich es noch nicht wirklich glauben konnte, dass es aus und vorbei sein sollte, sprachen die weiteren Anzeichen für sich. Vermutlich war es kurz nach fünf Uhr Abends und die Sonne begann damit, uns das auch merken zu lassen. Rötliche Strahlen schimmerten zwischen den Baumkronen auf uns hinab. Das orange-rote Licht war ganz im Stile von Akashi's heterochromen Augen gehalten, die in diesem Moment wohl auf die Szenerie innerhalb der Halle hinunter brannten.
Ich atmete leise auf, war mir aber sicher, dass zumindest Takao es gespürt haben musste.
Ein dunkelbrauner Haarschopf schob sich an den Rand meines Blickfeldes und ich erkannte, dass es Akashi's „Verbündeter" war, der ebenfalls jemandem zur Flucht verholfen hatte. Dieser Junge jedoch, war zurzeit bewusstlos. Er hatte schwarze Haare, seine Augen waren dank seiner geschlossenen Lider nicht ersichtlich, er war schlank und ein bisschen größer als Takao. Seine Haut wies einige schlimm aussehende Verletzungen auf, auch, wenn diese ihm vor nicht allzu langer Zeit zugefügt worden sein durften. Es musste sich um diesen Hiroko handeln, der mich angerufen hatte.

Saruwatari schnaufte leise in sich hinein und hatte sich neben seinen Teamkollegen gekniet, der jetzt anscheinend der Einzige war, dem er noch vertrauen konnte. Jedoch kümmerten mich die zwei Anderen in diesem Moment nicht zu sehr. Außerdem war es einfach nicht meine Art, mich in ihr Leben einzumischen. Ganz davon abgesehen, dass ich keinen von beiden kannte.
Ich spürte einen Blick auf mir und sah zu Takao hinunter, der sich immer noch schwach an mich geklammert hatte und verbot es mir, meinen inneren Schock nach außen hin sichtbar zu zeigen. Vielleicht gelang es mir an diesem Tag tatsächlich ganz gut, oder Takao hielt sich nicht mit Kleinigkeiten auf, wie sich über mein Gesicht lustig zu machen.
„Derangiert" war ein Wort, das beinahe nicht mehr zu dem derzeitigen Zustand des Schwarzhaarigen passte. Es war fast schon untertrieben. Takao wies mehrere schwere Schnittwunden, Schrammen und einige blaue Flecke auf, egal ob im Gesicht, auf den Armen oder Beinen… Ich war mir sicher, er trug auf jedem seiner Körperteile etwas davon, dass ihm einige unangenehme Erinnerungen bescheren würde. Es würde mich auch nicht wundern, wäre etwas gebrochen. In seinem Gesicht waren die meisten Schwellungen und Schürfwunden. Es war ein Wunder dass ich dieses Gesicht überhaupt erkannt hatte.
Er sah einfach nur furchtbar verletzt aus und tief in mir regte sich ein Gefühl, dass ich nie zu spüren gehofft hatte. Zumindest nicht mit der Intensität in der es mich nun überrumpelte. Hatte es mich wirklich so lange gebraucht herzukommen? So lange, um Takao so leiden und verletzt werden zu lassen? Dass es schrecklich gewesen sein musste, hatte selbst ich mir denken können, aber das?

Ich war mir sicher, er wollte irgendetwas sagen, dass von seiner jämmerlichen Erscheinung ablenkte, als er den Mund öffnete, um zum Sprechen anzusetzen, doch ich hinderte ihn daran: «Sag jetzt nichts. Ruh dich aus. Wir bringen euch beide ins Krankenhaus.»
In diesem Moment hatte ich das Gefühl, als wären diese meiner Worte eine Art Mantra gewesen, dass Takao in seinem Kopf immer und immer wiederholte. Augenblicklich flatterten seine Augenlider zu und sein Kopf sank gegen meine Brust. Er gönnte seinem geschundenen Körper – und seiner ebenso geschundenen Seele – endlich Ruhe. Zwar konnte ich mir nicht sicher sein, dass er schöne Träume haben würde, aber zumindest schlief er.
Mein Blick blieb noch eine Weile lang forschend an Takao hängen, wie er einfach so dalag, und es ihm nach seiner Gefangenschaft so erschreckend leicht fiel, mir einfach so zu vertrauen. Ich war nicht Shikaru, aber kannte er mich tatsächlich gut genug, um zu wissen, dass ich ihn nicht verletzen würde? Immerhin war ich in der Vergangenheit immer dabei, wenn es darum ging, abzustreiten, dass Takao und ich befreundet waren. Waren wir denn überhaupt Freunde? Ich dachte kurz über diese Möglichkeit nach, bevor ich sie verneinte. Nein, es fühlte sich nicht wie Freundschaft an. Was waren wir dann? Wo standen wir?
Und obwohl mir ein wahrer Stein von meinem Herzen gefallen war, schwang noch die Unsicherheit mit.

«Oi, Midorima… Was jetzt?», riss mich Aomine's genervt abwartende aber dennoch ruhige Stimme aus meinen Überlegungen.
Ich verspürte das Verlangen, meine Brille die Nase hochzuschieben, bevor ich realisierte, dass Takao dies erfolgreich verhindern würde. Daher lächelte ich nur milde, und so, dass ich mir sicher war, dass Aomine es nicht zu Gesicht bekommen würde. «Ins Krankenhaus natürlich.»
Es gelang mir einfach nicht, so zu sein, wie üblich. Ich benahm mich merkwürdig und anders, und selbst ich bemerkte es. Handelte es sich dabei um das Gefühl, das man „Glückseligkeit" nannte? Ich verzog bei dem Gedanken daran ein wenig den Mund. „Glückseligkeit" war ein viel zu ernsthafter und starker Begriff, oder?
Mit Takao im Arm, dessen Gewicht ich erst jetzt wirklich spürte, als ich dabei war, mich zu bewegen, ging ich voraus.

Ich hörte noch, wie Aomine etwas von Akashi's Verbleib, und dem der Anderen murmelte, bevor er schulterzuckend aufgab, um sich Saruwatari zuzuwenden. Vermutlich um ihn zu fragen, ob er mit anpacken sollte. Ich hatte Aomine nie für einen besonders schlauen Menschen gehalten. Trotzdem war seine soziale Kompetenz stärker ausgeprägt als meine. Er musste wohl gespürt haben, dass es mir nicht recht sein würde, Takao aus den Augen zu lassen.


Krankenhäuser hatte ich bereits früher mit Krankheit und Tod in Verbindung gebracht. Ich hatte niemals einen Menschen in einem Krankenhaus dahinscheiden sehen. Trotzdem bedeuteten allein der sterile Geruch nach Desinfektionsmittel und das monotone Piepen einiger Geräte bereits Unheil. Umso schlechter nahm ich es auf, dass zumindest Takao nun hinter dieser einen Krankenzimmertür steckte, und ich gebeten wurde, auf dem Flur zu warten. Ich wusste, dass es sich nicht zwangsläufig um etwas Grauenhaftes handeln musste – schließlich war ich nicht abgeneigt Medizin zu studieren, und hatte mich sogar bereits ein wenig darauf eingestellt – aber es bereitete mir trotz allem ein unangenehmes Gefühl.
Ich saß zusammengesunken auf einem der drei zur Verfügung stehenden Hocker im Flur, und wickelte mir meinen Verband nun schon zum sechsten Mal fester um die Hand. Aus irgendeinem Grund lockerte er sich immer, aber bei meinem heutigen Glück, wunderte es mich nicht. Vielleicht war es als Nachteil verbucht worden, dass mein Lucky Item nicht mir gehört hatte?
Aomine, der an der Wand mir gegenüber lehnte und es selbstverständlich abgelehnt hatte, nach Hause zu gehen, so wie Saruwatari es wohl oder übel getan hatte, sah mich kritisch an. «Ich weiß ja nicht, was dir helfen würde, aber von mir aus kannst du ruhig in Tränen ausbrechen.»
Ich schob meine Brille zurecht. «Warum sollte ich das tun?»

Er zuckte die Schultern. «Die Frauen in meinen Heften würden jetzt bestimmt weinen.»
«Ich bin aber kein dickbrüstiges Pin-up Girl», erinnerte ich ihn desinteressiert. Ich konnte die beleidigte Furche, die sich zwischen meinen Augenbrauen gebildet hatte, spüren.
Aomine schien das das Interesse an diesem Gespräch verloren zu haben und beobachtete stattdessen lieber die Rezeption, an der die Krankenschwestern ab und an vorbei huschten.
Unser Weg hierher war weitestgehend ruhig verlaufen. Akashi hatte daran gedacht ein Taxi zu ordern, welches auf uns warten würde. Der Fahrer schien nicht überrascht zu sein, so dass ich mir vorgenommen hatte, meinen ehemaligen Captain zu fragen, was er ihm erzählt hatte. Es war still gewesen. Aomine, Saruwatari und ich hatten auf der Rückbank gesessen, während Hiroko auf dem Beifahrersitz geschlafen hatte. Dieser hatte nicht so gewirkt, als hätte er schwerere Verletzungen davongetragen, sowie eine schwere Gehirnerschütterung zum Beispiel. Trotzdem hatte ich meine Bedenken gehabt. Immerhin war ich noch kein Arzt und konnte mich durchaus irren.

Aber keiner von uns, hatte etwas gesagt…
Takao hatte aufgrund des Platzmangels fast komplett auf meinem Schoß gelegen. In Bezug auf ihn hatte ich mir stets am meisten Sorgen gemacht, bei jeder Bodenschwelle, über die das Taxi geholpert war. Schließlich wusste ich nicht, ob meine Brust bequem genug war. Die Haltung, die Takao eingenommen hatte, konnte es schon mal nicht sein… Aber der Schwarzhaarige war vor Erschöpfung kein einziges Mal aufgewacht und hatte sich nicht beschwert.
Der Fahrer war im Voraus bezahlt worden und hatte uns binnen einer Viertelstunde zum Aiiku Hospital gebracht. Ich hatte lieber gar nicht erst in Frage gestellt, wie viele rote Ampeln er überfahren hatte, um sein Ziel so schnell zu erreichen, schließlich würde man dann bemerken, dass ich mich auf nichts Anderes konzentriert hatte, als auf Takao.
Und nun saß ich innerhalb des Aiiku Krankenhauses und beobachtete, wie die Tür zu Takao's Zimmer aufgeschoben wurde, und ein älterer Arzt hinaustrat. Er schien mich sogar zu erkennen, denn er wandte sich ohne Umschweife an mich: «Ah, da sind Sie. Ihr Freund schläft, aber er ist stabil. Sie dürfen zu ihm.» Er trug ein freundliches, hoffnungsvolles Lächeln, doch ich wusste, dass Shikaru mich viel zu sehr vorbelastet hatte, als dass ich irgendeinem Fremden zu schnell traute, oder unterschätzte.

Der Doktor machte eine Handbewegung in den Raum hinein und ich betrat ihn. Als ich Takao erblickte, erstarb die Sorge in mir. Seltsamerweise nahm sie auch ein winziges bisschen Enttäuschung mit. Ich hatte mit allem gerechnet, mit allem, dass durchaus schlimmer hätte sein können, aber Takao lag friedlich in dem weißen Krankenhausbett und schien vor sich hin zu schlummern.
«Wie ich sagte; er ist stabil.» Der Arzt musste meinen Blick bemerkt haben und schenkte mir nun einen, der mich wohl aufbauen sollte.
«Ich verstehe», sagte ich daraufhin schlicht und ging auf leisen Sohlen auf das Bett zu. Ich wollte keine falsche Bewegung machen, und den schwer verletzten Takao am Ende aufwecken.
Der Arzt blätterte durch sein Klemmbrett. «Er ist schwer verletzt, aber glücklicherweise ist rein gar nichts gebrochen. Sobald er sich ausgeruht hat, wird er auch langsam wieder dazu im Stande sein, auf Beinen zu laufen, die nicht bei jedem Schritt zittern.»

«Warum erzählen Sie mir das?», fragte ich beiläufig, während meine Hände sich ohne mein Zutun am Bett verkrampften.
«Weil wir ihn nach Hause schicken können, wenn er aufwacht. Sofern er das auch will.» Er lächelte freundlich, aber nicht zu breit, als er das sagte. Ein wenig später verrutschte das Lächeln auch schon. «Er hatte Glück. Sie sollten sich überlegen, ob Sie nicht die Polizei einschalten wollen.»
Ich sah ihn nur misstrauisch fragend an.
«Die Wunden die er hat, können natürlich nicht von einem Sturz kommen. Ich muss…-», setzte er zum Erklären an, doch wurde er von Aomine's Stimme unterbrochen, die plötzlich sehr aufgeregt klang.

«Sensei! Eine Krankenschwester brauchte einen behandelnden Arzt in Zimmer 209! Sie hat geschrien, es wäre ein Notfall!»
Mit einem zweifelnden Blick, dennoch in Eile, machte der Arzt sich auf den Weg zu besagtem Zimmer. Kaum hatte er Takao's Krankenzimmer verlassen, betrat Aomine es.
Ich warf ihm einen skeptischen Blick zu. «Was sollte das eben?»
«Er wollte die Polizei anrufen! Akashi sagte, sowas sollten wir unterbinden», rechtfertigte Aomine sich und schob die Hände in die Hosentaschen. «Wir müssen deinen Freund von hier wegbringen.»

«Bist du irre? Was wenn er zurückkommt?»
«Glaub ich nicht. Zimmer 209 ist auf der anderen Seite des Gebäudes. Ich hab' mich hier gerade umgesehen. Wir müssen trotzdem schnell machen», verkündete er und tat bereits einen Schritt auf das Krankenbett zu.
Ich bedeutete meinem ehemaligen Teamkollegen auf der Stelle stehen zu bleiben und begann, Takao's Decke zu heben, bevor ich ihn erneut auf die Arme nahm, da er noch immer nicht bei Bewusstsein war. Das war doch verrückt! Warum sollten wir nicht zur Polizei gehen? Was plante Akashi? Ich hätte es eigentlich auch wissen müssen. Er spielte schon wieder so achtlos mit Takao's Sicherheit und seinem Leben… Der ehemalige Captain der Generation der Wunder würde mir eine Erklärung schuldig sein. Ich würde mich nicht abwimmeln lassen.
«Was wird aus diesem Hiroko?», fragte ich, während ich prüfend meinen Kopf aus dem Krankenzimmer schob.

Aomine ging vor und bedeutete mir ungeduldig, schnell hinterher zu kommen. «Hat nichts von diesem Hiroko erwähnt – jetzt komm schon!»
«Ist Akashi tatsächlich skrupellos genug, um Hiroko anstelle von Takao ans Messer zu liefern, von dem wir noch nicht mal wissen, wie schwer verletzt er ist? Oder hat er selbst das geplant…»
Ich schob meine wirren Gedanken stur zur Seite und folgte Aomine. Wenn Takao aufwachte, würde er selbst entscheiden, ob er zur Polizei ging, oder nicht. Vielleicht würde Takao mir auch eine Hilfe dabei sein, herauszufinden, wo wir nun standen…

A/N: Hallö ^.^/
Dieses Kapitel kam wieder von mir, Yuki, wie man unschwer an Midorimas POV erkennen konnte :D