Martyr
Kapitel 2
Nymphe
Innerhalb eines Wimpernschlags weiß ich, dass ich nicht gehen will. Zum einen habe ich mich nicht grundlos in die Kerker gewagt. Zum anderen finde ich den Umstand, mit ihm alleine zu sein, mehr und mehr faszinierend. Ich möchte wissen, wie weit er gehen würde. Was zu tun ist er bereit, was nicht? Vor allem aber möchte ich verstehen, was in ihm vorgeht.
Meine Hand kommt wie von selbst hoch und streicht ihm eine seiner Strähnen aus dem Gesicht, sodass er mich wieder ansieht. Verunsicherung und Verwirrung liegen in seinem Blick, vielleicht sogar etwas Neugierde.
„Dafür ist es zu spät", sage ich leise.
Sein Ausdruck verändert sich und verrät nur zu deutlich, dass es ihn viel Überwindung kosten muss, das zu verarbeiten, was ich getan habe. Ich kann es ja selbst kaum glauben. Jede Berührung zwischen uns ist uns strikt untersagt, noch dazu, wo uns beiden langsam dämmert, dass das hier alles andere als harmlos ist.
„Legen Sie es tatsächlich darauf an, dass ich Sie hinauswerfe, Granger?", fragt er mit einer gewissen Bitterkeit in seiner Stimme.
Ob ich mich wohl je an diesen schlagartigen Wechsel seiner Gefühlsäußerungen gewöhnen werde? Ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal, was ich darauf antworten soll. Ihm vorzumachen, dass er attraktiv ist, halte ich für zwecklos. Es gibt viele Namen, die die Schüler ihm gegeben haben. Bestimmt ist ihm das nicht entgangen. Und selbst dann, wenn ich zugeben muss, dass ich meine Scheu vor ihm verloren habe und ihn auf gewisse Weise anziehend finde, gibt es noch etliche andere Gründe, die dagegen sprechen, bei ihm zu bleiben. Mein Magen verkrampft sich schon bei der Vorstellung davon, wie Harry und Ron reagieren würden, wenn ich ihnen berichte, mit welchen Methoden ich versucht habe, Snape um den Finger zu wickeln. Außerdem bin ich kein Mädchen für eine Nacht oder gar eine Stunde. Wenn überhaupt, dann möchte ich mit jemandem schlafen, der mir etwas bedeutet; und eine Beziehung zu jemandem aufbauen, die Zukunft hat. Beides scheint mit Snape nicht infrage zu kommen.
Aber da sitzt er und sieht mich mit diesen durchdringenden schwarzen Augen an, dass mir ganz komisch wird. Ein Mann, der offengestanden gefährlich ist, ein Blick, der mein Herz schneller schlagen lässt. Ich kann nicht verleugnen, dass er diesen Effekt auf mich hat, seit ich festgestellt habe, dass seine Nähe mich nicht mehr abschreckt, wie sie es früher getan hätte. Liegt das an mir? Oder vielleicht an ihm? Zu gerne würde ich behaupten, dass ich es angefangen habe, also bringe ich es auch zu Ende. Aber ich kann es nicht. Ich kann ihm nicht sagen, dass ich bereit bin, von alleine zu gehen, weil es nicht so ist. Ich möchte hier bleiben und ihn ansehen, den Mann in seinen schwarzen Sachen. Den Todesser, der abseits des Schlosses nicht zögern würde, mich Voldemort auszuliefern, wenn er es müsste - vielleicht wollte Dumbledore ja deshalb, dass wir von Snapes Rolle für den Orden erfahren, damit wir verstehen, wie wichtig es ist, die Identität des Professors zu wahren.
Und so versuche ich immer wieder, einen Sinn darin zu sehen. War es richtig, mit der Absicht, den Plan auszuführen, zu ihm zu gehen? Nein. War es richtig, ihn zu belügen, um damit zu versuchen, ihn zu brechen? Nein. Aber wieso kümmert es mich plötzlich, was in ihm vorgehen mag? Seine Person birgt auf mich bezogen so viele Widersprüche und Risiken in sich, dass ich mich gezwungen sehe, mich zu fragen, ob es überhaupt etwas gibt, das es rechtfertigen würde, bei ihm zu bleiben. Doch wie ich es drehe und wende, das Ergebnis bleibt immer dasselbe: Mein Gewissen nagt an mir, hinzu kommt meine Unvernunft, aufgrund derer ich schon oft genug bereit war, den ein oder anderen Fehler zu begehen, für den ich irgendwann einmal bezahlen sollte. Bisher hatte ich Glück und bin ganz glimpflich davongekommen. Also dränge ich weiter und kann mir mein Verhalten nur damit erklären, dass ich verrückt danach bin, ihn kennenzulernen.
„Tun Sie es, Professor", sage ich schlicht. Und um ihm noch einmal zu verdeutlichen, weshalb ich ursprünglich hergekommen bin, setze ich nach: „Ich bin soweit gekommen, da werde ich mich keinen Schritt rühren."
Snape zögert nur kurz, ehe er meine Arme umfasst und mich von sich zieht, um selbst auf die Beine zu kommen. Dann steht er vor mir und blickt auf mich hinab, unsicher, ob er es wagen kann, mich freizugeben. Ich erkläre es mir damit, dass er schlicht und ergreifend nicht weiß, was er mit mir tun soll.
Das Spiel ist vorbei, ich fühle mich kraftlos und schwach und wanke wie auf Gummisohlen vor und zurück. Alleine seine Hände sind es, die mir Halt geben. Traurigkeit überkommt mich, ebenso wie die Scham, ihn benutzt zu haben.
„Ich möchte nicht gehen", sage ich leise.
Wie angewidert verzieht er die Mundwinkel und schiebt mich mit einem Schwung von sich. Sein Tisch fängt mich auf. Ich stoße unsanft mit der Hüfte gegen die glatt geschliffene Kante und bemühe mich, den Schmerz zu unterdrücken, um nicht wie ein Schwächling vor ihm dazustehen, weil ich nur zu gut weiß, dass ich nichts anderes als seine Zurückweisung verdient habe.
Als ich mich halbwegs wieder gefasst habe, wage ich einen Blick nach oben und erkenne, dass er verächtlich auf mich hinabsieht. Vermutlich wird er mir nie wieder auch nur ein Wort glauben, das über meine Lippen kommt, dennoch muss ich es versuchen. Mit all der Aufrichtigkeit, die ich zusammenbringe, halte ich seinem Blick stand.
„Es tut mir leid."
Zuerst reagiert er nicht, dann fährt er sich langsam mit den Händen durch die Haare und atmet durch, bevor er antwortet.
„Natürlich, Granger."
Seine Worte sind nichts als abgeschlagener Sarkasmus dem jeglicher Biss fehlt.
Für mich ist es damit an der Zeit, mich selbst geschlagen zu geben. Reumütig wie ein Hund ziehe ich den Schwanz ein und entferne mich in Richtung Tür.
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„Ich kann dir gar nicht sagen, wie wütend ich auf dich bin, Harry, also lass mich gefälligst in Ruhe!"
Das sind die einzigen Worte, die ich am darauffolgenden Tag mit meinem vermeintlich besten Freund wechsle. Dabei bin ich im Grunde so von mir selbst enttäuscht, dass ich ihm gar nicht die Schuld daran geben dürfte.
Es tut weh. Das Gefühl, das ich habe, ist nicht gut, egal ob es sich dabei um Snape handelt oder nicht. Am liebsten würde ich zu ihm rennen und ihn bitten, in meinen Geist einzudringen, um ihm zur Entschädigung zu zeigen, wie sehr mich das, was geschehen ist, beschäftigt.
Beim Frühstück sitzt er an seinem Platz bei den anderen Lehrern und isst fast nichts. Kein Wunder, denn auch mein Appetit hält sich in Grenzen. Ich bleibe für mich und gebe vor, ein Buch zu lesen, obwohl ich mich nicht so richtig darauf konzentrieren kann.
Mehrmals luge ich vorsichtig zu ihm hoch, da merke ich auf einmal, dass er mich ansieht. Sofort ziehen sich meine Eingeweide zusammen. Es ist ein eigenartiger, fast schon verlorener Blick, der mir wieder ins Bewusstsein ruft, wie unglaublich enttäuscht ich ihn haben muss - ausgerechnet ich, die musterhafteste Schülerin von allen! Trotzdem geht eine gewisse Kälte von ihm aus, die mich frösteln lässt.
Die nächste Stunde in Verteidigung gegen die dunklen Künste ist alles andere als ein Vergnügen für mich. Snape lässt mich seine Verachtung nur zu deutlich spüren. Selbst Harry fällt es auf, doch ich ignoriere ihn weiterhin. Mir ist nicht danach, mit irgendjemandem darüber zu reden, was geschehen ist. Das ist eine Sache, die nur den Professor und mich was angeht.
Als sich gegen Ende der Woche keine Besserung einstellt, weiß ich, dass es an mir ist, etwas zu unternehmen. Er würde mir mein Verhalten bis an mein Lebensende nachtragen, dessen bin ich mir sicher. Snape vergibt nichts und vergisst nichts. Das ist auch nicht weiter verwerflich, wenn man bedenkt, was ich getan habe. Aber ich will nicht, dass er denkt, ich würde die Geschichte einfach so abtun. Ich habe das Gefühl, mich meiner Verantwortung stellen zu müssen, um ihm zu zeigen, das nicht alle Menschen so sind wie ich. Bestimmt gibt es da draußen einige, die besser sind. Doch das ist nicht alles. Mein Egoismus meldet sich und möchte, dass ich ihn bitte, sein Urteil über mich noch einmal zu überdenken.
So reumütig, wie ich gegangen bin, stehe ich am Freitagabend vor seiner Tür und flehe innerlich darum, dass er mich einlassen und anhören wird. Die Sekunden, die es für ihn braucht, um auf mein Klopfen zu antworten, ziehen sich für mich hin wie quälende Minuten. Ich fühle mich, als würde ich auf meinen Henker warten, dennoch kommt es nicht infrage, zu fliehen ... Begonnen, durchgezogen, beendet...
Er öffnet und ich erkenne, dass er offenbar schon mit dem Gedanken gespielt hat, dass ich es sein könnte, die ihn um diese Zeit belangen möchte. Die Maske, die er zu seiner Verteidigung aufgesetzt hat, ist jedenfalls eisern und hart.
„Es tut mir wirklich leid", beginne ich sogleich, noch ehe er mich abwimmeln und zurückschicken kann.
Das Beben seiner Nasenflügel und der abgehalfterte Ausdruck dazu versetzen mir einen Stich. Ich beiße mir auf die Lippe und sehe mich verstohlen um. Wenn jemand uns hier sieht, wie ich mit Tränen in den Augen vor ihm stehe, stecken wir beide in noch größeren Schwierigkeiten.
„Bitte lassen Sie mich rein, Professor."
Seine Brauen ziehen sich zusammen, er zögert. Ehrlich gesagt habe ich so sehr damit gerechnet, dass er mich abblitzen lässt, dass ich kaum begreife, was es zu bedeuten hat, als er beiseite geht, um mir den Weg ins Innere seines Büros freizugeben. Er ist sich eben doch irgendwo seiner Verantwortung als Lehrer bewusst.
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Wir sehen uns an. Ich hocke wie ein Häufchen Elend auf demselben Stuhl wie beim letzten Mal, ehe er mich dazu aufgefordert hat, aufzustehen. Meine Augen brennen eigenartig, mein Hals schmerzt, weil er so trocken ist. Snape hingegen sitzt legere zurückgelehnt auf seinem Platz, hat die Beine übereinandergeschlagen und den Kopf auf seine Hand gestützt, während die andere auf seinem Knie liegt. Hin und wieder trommelt er mit einem seiner langen Finger darauf herum.
Ich muss blinzeln, dann läuft mir eine Träne über die Wange. Er reagiert äußerlich nicht darauf; was in ihm vorgeht, weiß ich schon gleich gar nicht. Wieso sollte es ihn auch kümmern?
Das Schweigen zwischen uns sagt mehr als alle Worte dieser Welt. Es bedeutet, dass wir uns eigentlich nichts zu sagen haben, obwohl das in Wahrheit natürlich zu einfach wäre. Vielmehr drückt es alles aus, was in mir vorgeht, am meisten aber erzählt es von der Leere, die ich empfinde.
Nach einigen Minuten schlucke ich alles hinunter: die Traurigkeit, die Angst vor seiner Zurückweisung, vor allem aber die Wut auf mich selbst.
Ich setze mich auf und sage es noch einmal: „Es tut mir leid. Ich hätte das nicht tun dürfen. Ich hätte es nie soweit kommen lassen dürfen."
Er kneift die Augen zu Schlitzen zusammen. „Das hatten wir bereits, Granger."
Ich kann es nicht glauben! Das war nun wirklich mehr als emotionslos und aalglatt gesprochen.
„Verzeihen Sie, dass ich nicht Ihren Erwartungen entspreche", stoße ich aufgeregt aus. „Ich weiß nicht, wie ich es ändern oder wieder gutmachen soll. Sie machen es einem ja auch wirklich schwer, Sie zu mögen, wissen Sie das?"
Einer seiner Mundwinkel rutscht sanft nach oben und verleiht ihm dabei einen unglaublich gehässigen Ausdruck.
„Sprechen Sie ruhig weiter. Wir haben die ganze Nacht Zeit. Und wenn Sie wollen, sogar das ganze Wochenende. Es sei denn, jemand anders verlangt nach meiner Anwesenheit."
Entgeistert sperre ich den Mund auf. „Wenn Sie mir nicht glauben, kann ich es Ihnen nicht einmal verdenken. Doch normalerweise bin ich nicht so, dass ich so etwas tue."
„Dass Sie was tun?", sagt er gelassen. „Herumschnüffeln und andere ausspionieren? Seit Sie an dieser Schule sind, geschehen merkwürdige Dinge, Miss Granger. Zutaten verschwinden wie von Geisterhand aus Vorratsschränken, jemand legt es darauf an, mich anzuzünden ..."
„Das hatte doch nichts mit Ihnen zu tun", unterbreche ich ihn eilig. Ich war mir gar nicht richtig darüber bewusst, dass er mitbekommen hat, dass ich dafür verantwortlich war. „Das war alles nur, um Harry zu helfen."
„Selbstverständlich", kommentiert er trocken. „Ich habe tatsächlich nichts anderes von Ihnen erwartet."
Ich ringe nach Worten. „Wa-was soll das heißen?"
„Dass ich Sie in den letzten Jahren genau beobachtet habe. Sie und Ihre beiden Freunde. Doch so gerne ich Potter die kleinen Katastrophen, die sich seinetwegen ereignet haben, zuschreiben würde, kam ich immer wieder zu demselben Schluss, nämlich dem, dass Sie der Kopf der kleinen Bande sind, während die anderen die meiste Zeit über lediglich im Dunkeln tappen."
Mir dreht sich der Magen um. „Harry und Ron sind zwei wunderbare Menschen. Sie haben kein Recht, sie schlecht zu machen."
„Aus Ihrer Sicht vielleicht. Säßen Sie jedoch an meiner Stelle, würden Sie es anders betrachten."
Ich muss zugeben, dass mich seine Worte überraschen. Vielleicht ist es ja wahr und ich war von Anfang an nur der Auslöser etlicher Katastrophen. Hätte ich nachgegeben und nicht so überstürzt gehandelt, nachdem er mich enttarnt hat, würde ich jetzt vermutlich nicht hier sitzen. Dennoch geschah alles nur aus der Absicht heraus, Harry zu helfen. Ich konnte damals ja auch nicht wissen, dass Snape den verhexten Besen beschworen hat und nicht die Absicht hatte, Harry umzubringen.
"Warum haben Sie nie versucht, mit uns zu reden?", frage ich vorsichtig. "Dumbledore war doch von Anfang an klar, dass eine große Last auf Harrys Schultern lag. Wenn wir gewusst hätten, dass Sie auf unserer Seite sind, könnten wir heute vielleicht alle ganz anders miteinander umgehen. Stattdessen müssen wir mit dem Hass und den Vorurteilen kämpfen, die sich zwischen Ihnen und uns aufgetan haben."
Wieder einmal sieht er mich auf sehr befremdliche Weise an, die mir unmissverständlich zeigt, dass ich gar nicht erst versuchen sollte, ihm auf diese Tour zu kommen. Dabei habe ich es diesmal ehrlich gemeint.
"Sie halten mich für naiv, nicht wahr, Professor?"
Er zuckt belanglos mit den Achseln. "Wer weiß, Granger."
Ich muss mich unbewusst schütteln. Eine Eiseskälte kriecht mir in die Glieder. Es scheint zwecklos zu sein, ihm etwas Gutes zuzuschreiben.
"Wäre es so verwerflich, wenn Sie uns zeigen würden, wer Sie wahrhaftig sind?", murmle ich in Gedanken vor mich hin. "Was haben Sie dabei zu verlieren?"
Seine Brauen ziehen sich zusammen. "Alles und nichts", knurrt er unliebsam. "Und daran sollten Sie genau genommen nicht einmal denken."
Er nimmt die Hände hoch und fährt sich damit durch die Haare. Seine Bitterkeit trifft mich hart. Ich halte es nicht länger hier aus. Mir ist bewusst, dass ich etwas falsch gemacht habe. Trotzdem kann ich nicht verstehen, wie er nur so leben kann. Immer wieder habe ich versucht, aus seinem Verhalten schlau zu werden, habe ihn im Laufe der Jahre sogar vor Harry und Ron in Schutz genommen.
"Dann gibt es tatsächlich nichts mehr, das ich hier zu suchen habe", erkläre ich unmissverständlich und stehe auf. "Ich hatte gehofft, wir könnten einen Weg finden, uns miteinander zu arrangieren. Einen Weg, der es uns ermöglicht, uns nicht als Feinde gegenüberzutreten, sondern als Verbündete, die für ein und dieselbe Sache kämpfen: Für Harry."
Er schnaubt leise. "Zum Teufel mit Potter, Granger. Und zum Teufel mit Ihnen. Ich brauche keine Verbündeten, die mir ohnehin nur ins Gesicht lügen. Ich brauche niemanden."
Fast ist mir, als hätte ich es geahnt. Er ist verletzt, emotional und seelisch.
Bevor ich mich zurücknehmen kann, stehe ich bei ihm und gehe vor ihm in die Knie. Abschätzig sieht er mich an, wobei seine Augen dieselbe Unsicherheit und Verwirrung widerspiegeln wie zuletzt, als ich auf seinem Schoß saß.
Instinktiv wandert meine Hand zu seinem Arm und hält ihn fest. "Ich weiß nicht, was Ihnen widerfahren ist, Professor, aber ich bin nicht gewillt, hinzunehmen, dass ich allein dafür verantwortlich bin, warum Sie so abweisend auf Menschen reagieren."
Langsam beugt er sich zu mir hinab und berührt mit seiner Nase fast mein Gesicht, wie um mich daran zu erinnern, dass ich eine enorme Schuld auf mich geladen habe.
"Und Sie werden es auch nie erfahren", flüstert er leise durch seine nahezu unbeweglichen Lippen hervor. Dann fletscht er die Zähne. "Ob Sie es hören wollen oder nicht, Sie können sich glücklich schätzen. Sie sind jung und unvoreingenommen. Noch sind Sie unverbraucht, obwohl ich nicht sicher bin, wie lange das so bleiben wird, wenn Sie sich weiterhin in Schwierigkeiten bringen. Glauben Sie von mir aus, was Sie wollen, Granger. Sie haben noch längst nicht alles gesehen. Die meisten Menschen sehen ohnehin nur das, was sie sehen wollen. Als ich in Ihrem Alter war, sah mein Leben bereits vollkommen anders aus. Sie haben sorgende Eltern, haben Freunde. Denken Sie also ja nicht, dass das, was zwischen uns geschehen ist, eine Rolle spielt. Es war ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn ich den Rest meines kläglichen Daseins damit in Verbindung bringe. Doch wenn Sie sich dadurch besser fühlen, werde ich Ihnen zeigen, was es heißt, sich immer tiefer in eine Schlucht hineinzubewegen, aus der es kein Entrinnen gibt. Man ist alleine und verloren. Niemand hört dort unten in der dunklen, ausweglosen Hölle die Schreie. Was ich bin, bringt nichts als Verderben. Der Dunkle Lord ruft und ich gehorche, andernfalls bin ich tot. Doch das Mal brennt weiter und niemand wird kommen, um einem den Schmerz zu nehmen, wenn alle anderen bereits erlöst sind. Keiner streckt seine Hand nach einem aus, um zu helfen. Vielleicht halten Sie mich für gleichgültig, aber ich kann Ihnen versichern, dass ich es nicht bin. Und warum all das? Weil wir dazu verdammt sind, zu fühlen."
Er schließt die letzte Distanz zwischen uns, umfängt mit seinen warmen Händen mein Gesicht und drückt seinen Mund hart auf meinen.
Die berüchtigten schwarzen Strähnen meines Professors umhüllen mich, zugleich brennen sich seine Augen scheinbar tief in mein Inneres und berühren einen Punkt meiner Seele, den noch nie zuvor jemand entdeckt hat. Die traurigen Worte über sein Schicksal als Voldemorts Sklave, die mich so sehr ergriffen haben, dass ich am liebsten weinen möchte, hallen in meinem Kopf nach, während ich verzweifelt nach Sauerstoff ringe und ungewollt seinen Geruch in mich einatme, um nicht an meiner Ignoranz zu ersticken. Wie konnte ich nur so naiv sein? Nichts kann die Schuld von mir nehmen, niemand den Schmerz lindern, nur er allein.
Ich lasse es zu, lasse es gebannt mit mir geschehen, als wäre es selbstverständlich, dass er das tut.
Seine Zunge drängt ungestüm gegen meine Lippen, nicht lange darauf gebe ich den Weg ins Innere frei. Ich bin zu schwach, um ihm zu widerstehen. Die ungeahnte Kraft, mit der seine Hände mich an ihn drücken, macht mich willenlos. Wie zuletzt auch bin ich zu sehr von ihm gefesselt, als dass ich mich dazu aufraffen könnte, ihn einfach hier zurückzulassen. Unabhängig davon, was mein Verstand mir rät, spüre ich das Verlangen in mir aufkommen, ihn immer weitermachen zu lassen. Snape jedoch macht sich langsam von mir los und sieht mich an.
"Sie sind erlöst, Granger, die Schuld liegt nicht länger bei Ihnen, sondern bei mir. Das ist es doch, was Sie wollten, nicht wahr? Niemand wird Ihnen Ihr Fehlverhalten zur Last legen oder eine Strafe dafür geben. Wenn Sie wollen, wird kein Mensch je davon erfahren. Gehen Sie also jetzt."
