Martyr

Kapitel 3

Märtyrer

Ich weiß definitiv, dass hier etwas falsch ist, weil ich nicht will, dass es vorbei ist. Snapes Geschmack in meinem Mund ist zu gut, um seine Worte einfach hinzunehmen. Ja, ich mag sogar seinen für ihn typischen, männlich-herben Geruch, der mir zuvor nie so angenehm aufgefallen ist.

Jetzt, wo er sich zurückgezogen hat, gerate ich aus dem Gleichgewicht. Meine Glieder, die eben noch federleicht waren, sind schwer wie Blei und ziehen mich zu Boden. Würde ich nicht ohnehin schon auf den Knien vor ihm sitzen, wäre ich vermutlich längst umgekippt.

Langsam holt mich die Realität ein und ich komme zu mir. Warum hat er das überhaupt gemacht?

Während ich nach Fassung ringe, werde ich das Gefühl nicht los, dass Snape sich umgehend in sich selbst zurückgezogen hat. Seine Wangen sind leicht gerötet, seine Atmung aufgewühlt. Er sieht mich nicht mehr an und scheint mit dem, was er getan hat, zu hadern, obwohl ich es zugelassen habe.

Vorsichtig komme ich auf die Beine. Dann stehe ich vor ihm, strecke die Hand nach ihm aus und lege sie auf seine Wange. Er reagiert nicht auf mich, also drehe ich seinen Kopf, bis er mich ansieht. Etwas Fremdartiges liegt in seinem Blick und mir wird bewusst, dass er nicht von mir erwartet, dass ich ihn verstehe. Vielleicht kann ich das auch tatsächlich nicht. Ich bin durcheinander, denn das, was er gesagt hat, lässt mich noch immer nicht los. Zugleich verletzt es mich, ihn so zu sehen.

„Sie werden niemandem davon erzählen?", frage ich hin- und hergerissen. „Nicht einmal Dumbledore?"

Er schluckt und ich begreife, dass er sich in einer Zwickmühle befindet. Vermutlich will er es ihm nicht erzählen. Aber vielleicht wird er es früher oder später müssen.

„Dann werde ich es genauso handhaben", sage ich wie selbstverständlich. Solange ich es vermeiden kann, Harry und Ron davon zu erzählen, werde ich es tun.

Ich setze mich zögerlich auf ihn und lege die Hände in meinen Schoß. Er versteift seine ganze Haltung und mustert mich abschätzig, sagt jedoch nichts darauf. Mal ehrlich, darüber sind wir doch längst hinweg.

„Es war nicht das, was ich wollte", bringe ich leise hervor. „Ich möchte nicht meine Schuld auf Sie abwälzen."

Noch immer scheint er zu überlegen, ob er es wagen kann, mir zu trauen. Ich traue mir ja selbst kaum. Wer ist dieses eigenartige Mädchen, das sich jemandem nähern möchte, den es nie leiden konnte? Professor Snape ist jetzt, wo Umbridge längst nicht mehr hier ist, wie immer der unbeliebteste Lehrer der ganzen Schule. Und das nicht ohne Grund. Seine Lehrmethoden sind knallhart, sein Auftreten so beunruhigend, dass es jedem Schüler Angst einflößt.

„Wollen Sie, dass ich gehe?", frage ich plötzlich, wobei mein Herz so stark klopft, dass er es spüren muss.

Warum geschieht das mit mir? Weil ich nicht gehen will. Immer wieder stelle ich fest, dass das noch längst nicht alles gewesen sein kann, was sich zwischen uns abspielt.

Leise seufzend lässt er den Blick in die Ferne schweifen. „Ich denke nicht, dass es einen Sinn hat, weiter darüber zu reden, Granger", sagt er mit rauer Stimme.

Super. Jetzt bin ich genauso weit wie zuvor. Er ist der Professor. Er sollte wissen, was zu tun ist. Dennoch schließe ich aufgrund seiner mangelnden Sozialkompetenz darauf, dass er keine Ahnung hat, wie es weitergehen soll. Soviel dazu, wenn man jahrelang alleine in den Kerkern von Hogwarts lebt. Ich hatte Recht, was ich bezüglich seiner Einsamkeit vermutete. Snape ist kompliziert. Er vereint so viele Klischees, dass es schon fast wieder komisch ist.

Ich hole Luft. „Vielleicht freut es Sie, zu hören, dass es mich die ganzen Tage über zutiefst bewegt hat."

Mit einer erhobenen Braue legt er den Kopf schief. „Tatsächlich."

„Ja. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen, dass ich einfach zu Ihnen kommen musste. Es ging mir nicht darum, nicht bestraft zu werden. Im Gegenteil. Wenn es etwas wieder gut gemacht hätte, hätte ich jede Strafe auf mich genommen, die Sie mir aufgebrummt hätten."

Er schüttelt den Kopf. „Ein Strafe macht es nicht ungeschehen, Granger. Wer hat Ihnen beigebracht, so zu denken?"

Etwas betreten beiße ich mir auf die Zunge. „Um ehrlich zu sein, waren Sie das. Sie scheinen mehr als jeder andere Lehrer auf Strafen zu stehen."

Es wird still.

"Das klingt absolut lächerlich, Granger", sagt er dann mit einem flachen Lächeln auf seinen dünnen Lippen.

"Ich weiß", gebe ich offen zu. "Aber trotz Ihrer Unterrichtsmethoden sind Sie einer der Lehrer, der bisher das Beste aus mir herausholen konnte."

Er räuspert sich verhalten und seine schwarzen Augen sehen mich dabei so eindringlich an, als wäre ihm eben erst wieder bewusst geworden, dass wir die ganze Zeit über verbotene Dinge getan haben.

Mir wird ganz schummrig, bestimmt sind meine Wangen knallrot geworden.

"Ich kann Ihnen versichern, dass Sie dank Ihres Wissensdursts bei Professor Slughorn nicht weniger erfolgreich abschneiden werden", sagt er ernst. "Es besteht also keine Notwendigkeit, mich weiterhin zu besuchen, Granger. Habe ich mich da klar ausgedrückt?"

Mir schwant, worauf er hinaus will. Immerhin wissen wir beide, dass es sonst nicht seine Art ist, jemanden unbehelligt davonkommen zu lassen. Doch die ersehnte Erleichterung, die ich mir erhofft habe, als ich heute zu ihm kam, bleibt aus.

Enttäuscht nicke ich. Seit ich festgestellt habe, dass ich seinen Geschmack und seinen Geruch gut leiden kann, ist etwas mit mir geschehen, das es mir unmöglich macht, ihn mir aus dem Kopf zu schlagen.

"Ja, Sir."

Er atmet auf. "Gut. Sie sollten …"

"Sir?", unterbreche ich ihn schnell, ehe er aussprechen kann, wovor ich mich so sehr fürchte, dass es schon beinahe schmerzt. "Bitte vergeben Sie mir. Bestimmt halten Sie mich für verrückt, wenn ich das jetzt tue, aber ich habe das Gefühl, es tun zu müssen."

Noch ehe ihm in den Sinn kommt, was ich von ihm will, komme ich hoch, setze mich mit den Beinen links und rechts von ihm auf seine Schenkel und versenke meine Finger in seinen Haaren. Ungezügelt hole ich mir das, wonach mir in diesem Augenblick am meisten ist. Ich möchte wieder seinen Geschmack spüren, will noch mehr davon kosten, wie es ist, ihm nahe zu sein.

Mein ganzer Körper zittert vor Erwartung und der Angst, dass er mich aufgrund meiner Dreistigkeit von sich schieben könnte. Doch nichts dergleichen geschieht. Er lässt mich gewähren, lässt mich von ihm kosten, ohne selbst etwas zu tun.

Meine Gedanken überschlagen sich vor Aufregung, mein Herz pocht wie wild. Jeder seiner Atemzüge dringt an mein Ohr, sein Atem strömt in meinen Mund. Er schließt die Augen und legt seine Hände auf meinen Rücken. Zuerst spüre ich sie nur zaghaft, doch kurz darauf streicht er mir über den Rücken und drückt mich fest an sich. Ich komme ihm entgegen und presse meinen Körper eng an seinen. Es ist ebenso unglaublich wie verrückt, wie wir aneinander geklammert auf seinem Stuhl sitzen und uns küssen. Dabei geschieht es: ich stoße unbewusst mit meinem Unterleib gegen seine Erregung, vielleicht auch er gegen mich. Nur langsam wird mir bewusst, was das eigentlich zu bedeuten hat. Ein Teil von mir erstarrt und doch küsse ich ihn weiterhin, einfach aus dem Grund, weil es aufregend ist. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, als ich anfing, auf ihn zuzugehen, aber das war es nicht. Niemand hat mich bisher so geküsst. Niemand hat mir bisher das Gefühl gegeben, derart begehrenswert zu sein, dass ich selbst mit dem Gedanken gespielt hätte, einen Schritt weiterzugehen.

Er scheint zu spüren, dass ich es gemerkt habe und löst sich mit einem Ruck von mir los. Warum er das tut, will mir nicht in den Sinn. Verzweifelt will ich ihm zu verstehen geben, dass es in Ordnung ist und fahre fort, seinen Kopf an mich zu drücken. Nur dass ihm das passiert, muss ja nicht gleich heißen, dass wir soweit gehen würden, auch gleich miteinander zu schlafen. Ein Kuss ist schließlich ein Kuss, nicht mehr, nicht weniger. Oder vielleicht doch? Es ist mir egal. Ich will es so, weil es sich gut anfühlt, ihn zu küssen, also mache ich weiter.

Energisch greift er nach meinen Armen und bringt mich auf Abstand zu sich. Sein ganzer Körper bebt vor Aufregung, die schwarzen Strähnen, die ich so inniglich mit meinen Fingern durchpflügt habe, hängen ihm wirr ins Gesicht.

"Miss Granger!", stößt er in einem frustrierten Knurren aus.

Vermutlich sollte es eine Warnung sein, was mir jedoch in Anbetracht seines Zustands nicht sonderlich logisch erscheint. Warum will er, dass ich aufhöre, wo uns doch beiden klar ist, dass auch er diesen Kuss genossen hat?

Er sieht aus, als hätte er Angst. Aber das kann nicht sein. Snape hat keine Angst. Niemand, der so ist wie er, hat Angst vor einem Kuss. Es sei denn ... der Kuss war alles andere als harmlos, schießt es mir ins Gedächtnis. Er war weit entfernt davon, unschuldig oder banal zu sein. Ich habe es genau gespürt. Mein ganzer Körper lechzte danach, ihm zu gehören. Und auch jetzt ist mir noch immer danach, dort fortzufahren, wo er uns unterbrochen hat. Aber warum merke ich es ausgerechnet jetzt? Schon nach dem ersten Kuss hätte mir das bewusst werden müssen, sonst hätte ich ihn nicht zugelassen.

Ich muss mich zusammennehmen, um meine Atmung, meine Gedanken und Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Was wir hier tun, könnte uns beide den Kopf kosten. Ein Lehrer darf seine Schülerin nicht küssen. Und andersherum ist es genauso.

Abgeschlagen lehne ich meinen Kopf an seine Stirn und mache die Augen zu. Endlich lässt er meine Arme los, die daraufhin schwer wie Blei nach unten sinken und zwischen unseren Körpern zur Ruhe kommen. Es ist vorbei. Der Zauber, den ich soeben noch gespürt habe, ist gebrochen. Wir stehen beide vor einer unüberwindbaren Felswand, inmitten einer kalten, tiefen Schlucht. Wie es scheint, hat er Recht behalten. Niemand würde das befürworten oder verstehen. Sie alle, gleich ob Dumbledore, Harry oder Ron, würden uns fortan hier unten verrecken lassen, wenn wir nicht umkehren, bevor es zu spät dafür ist. Bevor wir weitergehen und uns beide ins Verderben stürzen.

"Wer hat sich diese bescheuerte Regel nur ausgedacht?", frage ich gedankenverloren.

"Welche Regel?", höre ich ihn mit rauer Stimme antworten.

Ich öffne die Augen und sehe ihn an. Er jedoch meidet meinen Blick, fast so, als wäre er mit seinen eigenen Gedanken ganz weit von hier fort.

"Die Regel, dass ich Sie nicht küssen darf", sage ich bestimmt. "Die Regel, dass ich nicht damit weitermachen darf. Die Regel, dass Sie immer Recht behalten müssen, wohingegen ich ..."

Seine Hand kommt hoch und legt sich auf meinen Mund. Ich verstumme und er streicht mir mit dem Zeigefinger über die Kontur meiner Lippen. Der Blick in seinen schwarzen Augen ist dabei so unbeschreiblich mit Emotionen gefüllt, wie ich es bisher kaum wahrgenommen habe.

"Es ist zu Ihrem eigenen Schutz, Miss Granger."

Ich möchte laut losheulen. "Soll das ein Scherz sein? Wenn dem so ist, kann ich darüber gar nicht lachen."

"Wie dem auch sei, es hat seine Richtigkeit. Diese Regeln gibt es nicht ohne Grund."

"Und wenn ich mich weigere, sie zu akzeptieren? Sie kennen mich, Professor. Ich bin sehr wohl in der Lage, auf mich selbst aufzupassen …"

"Vielleicht ist das so", sagt er hart. "Aber hier geht es um Dinge, deren Tragweite Sie nur schwer erfassen können. So ist es einfach das Beste für Sie."

"Woher wollen Sie das wissen? Woher wollen Sie wissen, was das Beste für mich ist?"

Er verzieht das Gesicht. "In erster Linie geht es darum, dass ich nicht das Recht habe, Ihnen zu nahe zu kommen. Nehmen Sie es so hin. Die Konsequenzen, die aus unserem Handeln entstanden sind, sind schon schwerwiegend genug."

"Konsequenzen? Glauben Sie, das interessiert mich? Jetzt, wo ich endlich weiß, dass ich mich all die Jahre über in Ihnen getäuscht habe, möchte ich nicht einfach hinnehmen, dass das alles gewesen sein soll."

Er schüttelt den Kopf. "Nur weil wir zugelassen haben, dass das passiert, heißt das noch lange nicht, dass Sie mich kennen, Granger."

"Natürlich nicht. Aber ich weigere mich, Sie länger als Fremden zu betrachten."

"Und als was möchten Sie mich dann betrachten?", will er schon fast spöttisch wissen.

Zögerlich greife ich nach einer Handvoll der Knöpfe auf seiner Brust und schlinge fest die Finger darum.

"Als jemanden, der mir etwas wunderbares offenbart hat", sage ich eindringlich. "Jemanden, der der Welt weitaus mehr zu geben hat, als er selbst es für möglich hält."

Ich wage nicht, davon zu sprechen, dass es eine Schande ist, wie er sich hier unten zurückzieht und in seiner Einsamkeit schwelgt. Nach den ungeahnten Erlebnissen mit ihm ist mir aufgegangen, dass er ein durchaus sinnlicher Mann ist. In ihm steckt so viel Energie und Leidenschaft, dass ich unbedingt noch mehr davon kennenlernen möchte. Etwas in mir ist erwacht. Vielleicht ist es Verlangen, vielleicht Sehnsucht. So oder so will ich, dass er es ist, der mir zeigt, was es noch alles geben kann. Die Vorstellung, dort, wo wir aufgehört haben, mit einem Jungen aus der Schule weiterzumachen, erscheint mir absurd. Ich glaube nicht, dass ich das kann. Nicht nachdem ich weiß, wie es ist, Professor Snape zu küssen. Was auch immer er also mit mir getan hat, sei es dieser Zauber, den ich verspürt habe oder einfach nur der Umstand, dass er mich so unglaublich durcheinandergebracht hat, lässt mich nicht mehr so einfach los.

„Und? Was erwarten Sie jetzt von mir?", frage ich vorwurfsvoll, nachdem er noch immer nicht geantwortet hat. „Dass ich mich dafür entschuldige? Das hatten wir doch schon, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Außerdem würde es diesmal sowieso nicht funktionieren, weil mir nicht auch nur eine einzige Minute davon leidtut."

„Trotzdem müssen Sie gehen", erwidert er streng. „Und ich erwarte, dass Sie es gleich tun."

Ich wage einen weiteren, sehr kläglichen Versuch, mich ihm zu nähern, um noch einmal das überwältigende Gefühl zu verspüren, in seinen Armen dahinzuschmelzen. Snape aber ist diesmal schneller und lässt es erst gar nicht dazu kommen. Er nimmt mich fest bei den Schultern und sieht mich mit der Ernsthaftigkeit des Lehrers an, die ich früher immer so gefürchtet habe. Im Moment jedoch kommt es mir eher befremdlich vor, dass er das tut.

„Ich erwarte es nicht nur von Ihnen, sondern ich verlange es", sagt er mit Nachdruck. „Sie werden augenblicklich in Ihren Turm zurückkehren und Ihr Leben leben. Ich werde das meine leben."

Blanker Horror steigt in mir auf. Seine Worte sind wie ein fieser Schlag in die Magengegend.

„Mit anderen Worten, ich soll so tun, als wäre nichts geschehen. Ist es das?"

„Ja."

„Aber das können sie unmöglich tun! Ich kann das unmöglich tun!"

„Dann müssen Sie sich dazu zwingen, Miss Granger. Manchmal lässt uns das Leben keine andere Wahl."

„Nur dann, wenn wir es nicht ändern. Wir können es selbst in die Hand nehmen, Professor."

„Sie sprechen wie ein Kind", sagt er verächtlich.

„Und wenn schon! Sie wollten es doch so. Oder möchten Sie es abstreiten?"

Ich kann und will nicht glauben, dass er mir nur etwas vorgemacht hat. Hundertprozentig wissen kann ich es bei ihm jedoch nicht, schließlich schafft er es ja auch, Voldemort zu hintergehen.

„Nein. Ich werde es nicht abstreiten, weil es falsch wäre. Sie waren heute Abend freundlich und ehrlich zu mir, Miss Granger. Das ist weit mehr, als ich unter diesen Voraussetzungen erwartet habe. Seit langem ist niemand mehr so zu mir gewesen."

Es tut weh, dass er das sagt. Trotzdem ignoriere ich es, so gut es im Moment geht. Ich fühle mich verletzt und zurückgewiesen, was nach dieser aufregenden Erfahrung mit ihm nicht gut ist.

„Aber dann verstehe ich das Problem nicht", sage ich trotzig.

Er lässt von mir ab und seufzt leise. „Sie verstehen es nicht, weil Sie es nicht verstehen wollen."

Schweigend senke ich den Blick auf seine Brust und komme nicht umhin, mir seine Worte noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Wie ich es befürchtet habe, muss er verdammt einsam sein. Aber wieso geht er nicht aus sich heraus? Wieso zieht er sich hier unten zurück? Irgendetwas muss doch vorgefallen sein, sonst würde er wohl kaum so isoliert leben wollen. Vielleicht hatte er ja eine Beziehung, die ihm viel bedeutet hat, eine Frau … Snape und eine Frau?

„Waren Sie jemals verheiratet, Professor?", höre ich mich plötzlich fragen.

Sowie ich es ausgesprochen habe, bereue ich es, denn er sieht mich so eigenartig an, dass mir unweigerlich klar wird, wie unangemessen diese Frage war. Es steht mir nicht zu, ihn weiterhin mit meiner Neugier zu konfrontieren.

„Nein", sagt er dann und es klingt alles andere als freundlich.

Um davon abzulenken, setze ich ein dünnes Lächeln auf. „Wieso nicht? Sie sind ein interessanter Mann, Professor."

Entschieden schüttelt er den Kopf. „Das glaube ich kaum, Granger. Mein Leben birgt zu viele Probleme in sich, als dass ich mich mit derartigen Dingen beschäftigen könnte."

Wieder verspüre ich einen Stich. Neulich, als ich vor ihm stand und er mich dazu bringen wollte, ihm die Wahrheit über meine Lüge aufzutischen, saß er so gelassen auf seinem Platz, dass ich ihm vor Wut eins auswischen wollte. Jetzt, wo ich ihn abgeschlagen und für seine Verhältnisse offen vor mir sehe, überkommt mich nichts als Traurigkeit. Ich weiß, dass das zwischen uns auch für ihn etwas Besonderes gewesen sein muss, denn so wie er auf mich reagiert hat, ist offensichtlich, dass er nicht oft mit anderen Menschen in Kontakt kommt.

In diesem Moment wird mir wieder bewusst, wie sehr er die Nähe zwischen uns gebraucht hat. Ebenso wie ich es getan habe, hat auch er sich danach gesehnt, den Kuss zwischen uns zuzulassen.

Mein Körper gerät in Aufruhr, als ich daran denke. Instinktiv drücke ich mich ein weiteres Mal an ihn und umschlinge die Knöpfe auf seiner Brust mit meinen Fingern, während meine andere Hand in seinen Nacken fährt, um ihn fest zu mir zu ziehen.

Bereits bei der ersten Berührung unserer Lippen stöhnt er auf, so sanft und tief, dass ich schaudern muss. Gleich darauf kommen seine Hände hervor und umfassen mein Gesicht. Ich kann alles fühlen, von seiner Wärme bis hin zu seinem Atem. Die Erregung seines Unterleibs, die uns vorhin so abrupt voneinander getrennt hat, kehrt zurück. Fordernd und hart presst sie sich an mich. Und obwohl es eigenartig ist, sich vorzustellen, was mit ihm geschieht, möchte ich es genauer wissen. Ich möchte ihn mit meinen Fingern spüren und ihn mit meinen Augen sehen.

Voller Ungeduld lasse ich meine Hand über seine Brust hinabgleiten und rücke mit meinem Unterleib ein Stück zurück, sodass ich freien Zugang zu seiner Männlichkeit bekomme. Dann lege ich meine Hand auf seine Hose und drücke zu.

Das Gefühl, das mich dabei überkommt, überwältigt mich schier. Es ist so vollkommen anders als erwartet, vielleicht auch deshalb, weil es überaus reizvoll ist, so etwas ausgerechnet bei ihm zu tun.

Erneut höre ich sein verhaltenes Stöhnen und mir wird ganz warm dabei. Bis in die Tiefen meines Körpers hinein kann ich das wohlige Kribbeln spüren.

Sein Verlangen scheint nun endgültig erwacht zu sein, denn während ich ihn zwischen den Beinen streichle, kommt er mir entgegen und bewegt sich genüsslich auf und ab. Immer wieder höre ich, wie er seinen Atem ausstößt, er lässt sich gehen. Nie hätte ich erwartet, dass er so etwas tut, doch da ist er und gibt sich mir hin. Auch seine Zunge weiß genau, was sie will. Begierig kreist sie um meine, nimmt mich mit auf eine Reise, die so voller Gefühl ist, dass sich ihr niemand entziehen kann, nicht einmal er. Ebenso wie seine Hände, die mehr und mehr meinen Körper erkunden. Sie gleiten bis zu meiner Hüfte und schieben meine Strickjacke hinauf, um Zugang zu meiner Bluse zu erlangen. Als Nächstes zieht er sie mit einem Ruck aus meinem Rock. Eine Gänsehaut streift mich, die Luft des Kerkers ist kühl, doch sogleich sind es seine warmen Hände, die mich berühren und mir neben unserem Kuss fast den Verstand rauben. Inniglich erkunden sie meinen Rücken, streicheln und liebkosen mich.

Auch ich werde mit jeder Minute willenloser und möchte da weitermachen, wo meine Gedanken ohnehin schon waren, nämlich bei seinem harten Penis. Wie selbstverständlich nehme ich meine zweite Hand zu Hilfe und schiebe sein Gewand beiseite. Ich taste mich vorwärts, bis ich den Gürtel geöffnet habe, dann folgt seine Hose.

Zugegeben, ich bin etwas nervös und ungeschickt. Alleine der Umstand, dass er mich so weit gehen lässt, besagt deutlich, wie sehr wir einander wollen, womit sich unweigerlich die Frage in mir auftut, wann er zuletzt mit einer Frau geschlafen hat. Warum ich mir überhaupt Gedanken darüber mache, liegt daran, dass er älter ist. Er hat Dinge gesehen und erlebt, die ich mir nur schwer ausmalen kann, soviel weiß ich natürlich. Aber wie es mit seinem Liebesleben steht, da habe ich keine Ahnung.

Als ich seine Hose geöffnet habe, greife ich hinein. Der dünne Stoff seiner Unterhose ist zum Zerreißen gespannt, was ich mit den Fingern darunter spüre, warm und fest. Ich fahre mit der Hand unter das Gummiband und hole mit der anderen den harten Schaft heraus, der sich mir so willig entgegenstreckt, dann spüre ich seine Haut unter meinen Fingern, realisiere seine Größe und Form. Doch der Eindruck, den ich habe, lässt sich nicht weiterverfolgen.

Snape erstarrt, all seine Bewegungen hören ruckartig auf. Ob es an mir liegt, kann ich nicht sagen. Habe ich etwas falsch gemacht? Habe ich ihn am Ende vielleicht doch überrumpelt?

Schwer atmend umfasst er meine Arme und hält sie fest. Ich lasse ihn los und blinzle verunsichert zu ihm hinauf. Dort sehe ich in sein Gesicht und erkenne den Ausdruck der Zerrissenheit in seinen Augen, die mir durch seine unordentlichen schwarzen Strähnen entgegen leuchten.

Ungläubig sieht er mich an und schüttelt den Kopf. „Sie gehen zu weit, Miss Granger. Entschieden zu weit."

Fast muss ich lachen. Er hat ja schließlich auch mich erkundet. Trotzdem bewundere ich, wie abwesend er mit seinen Gedanken gewesen sein muss, wenn es ihm erst jetzt auffällt.

„Habe ich etwas falsch gemacht?", frage ich enttäuscht.

Er senkt den Blick. „Nein."

„Sehen Sie? Es ist alles gut, wie es ist."

Mit einem schmerzverzerrtem Ausdruck sieht er mich an. „Finden Sie das? Dann halten Sie es immer noch für gerechtfertigt, was wir hier tun?"

„Wenn wir beide es so wollen, durchaus", gebe ich entschieden zurück.

Er lässt meine Hände los und fährt sich mit den Fingern durch die Haare. „Das muss aufhören, Granger. Augenblicklich."

Wie geohrfeigt starre ich ihn an. Gerade eben noch habe ich die Begegnung mit ihm genossen. Sie war wunderbar und einzigartig. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Wenn er jedes Mal, sobald wir uns gut fühlen, so einen Aufstand macht, weiß ich wirklich nicht, wie ich reagieren soll. Einerseits bin ich zwar erwachsen, andererseits muss ich mir immer noch Vorschriften machen lassen, wie, wann und ob ich etwas zu tun habe oder nicht. Wie soll ich in der Welt dort draußen bestehen, wenn ich keine Erfahrungen machen kann? Wie soll ich jemals zur Frau werden, wenn mich der Mann, mit dem ich diese Hürde überwinden möchte, nicht darauf zuführen will?

„Ich möchte, dass Sie mit mir schlafen", sage ich ehrlich heraus. Meine Gefühle sind sich deutlich darüber im Klaren, dass ich mich nicht für einen Jungen aus der Schule entschieden habe, sondern für ihn, meinen Professor. Er ist es, den ich wirklich will. Nicht Krum oder irgendeinen anderen, schließlich habe ich nicht umsonst damit gewartet.

Vollkommen perplex muss er schlucken.

„Sind Sie – sind Sie noch bei Sinnen?"

Ich zucke mit den Schultern. „Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich das ebenso wollte wie Sie."

Er schiebt mich von sich und steht auf, um mit zittrigen Fingern seine Sachen in Ordnung zu bringen und die Hose zuzumachen, während ich ihm dabei zusehe und wie verloren die Arme vor dem Leib verschränke. Habe ich mich am Ende etwa doch getäuscht? Wenn er es nicht will, kann ich ihn schließlich nicht zwingen, das mit mir zu tun.

„Sie wollten es doch auch, nicht wahr?", frage ich vorsichtig. Ich muss einfach wissen, was hier mit uns geschieht.

„Ja, ich wollte es", sagt er gehässig. „Aber es darf nun einmal nicht passieren."

Für einen quälenden Augenblick lang sieht er mich an und ich bin mir selbst nicht mehr sicher, was ich mir davon erwartet habe, immer weiter zu drängen. Sein zerfurchtes Gesicht offenbart, wie sehr er mit sich ringt, mich zur Vernunft zu bringen. Doch dann macht er einen Schritt auf mich zu und nimmt mein Kinn zwischen seine Finger, bis wir uns ungebrochen in die Augen sehen.

„Sie werden lernen müssen, es zu verstehen, Miss Granger. Auch dann, wenn es Ihnen nicht gefällt."

Genau das war es, was ich vermeiden wollte, denke ich bitter. Dass ich in so eine Situation gerate.

Snape hält meinem Blick eisern stand. Nicht lange darauf kann ich ein eigenartiges Kribbeln in meinen Augen spüren. Mir ist ehrlich gesagt zum Heulen zumute, denn wenn das, was vor uns liegt, hier endet, ist der Zeitpunkt, voneinander Abschied zu nehmen, erreicht.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es macht mich traurig, dass alles zwischen uns so enden muss, ebenso wie es mich damals traurig gemacht hat, als der Ball mit Viktor sich dem Ende zuneigte. Der einzige Unterschied ist nur der, dass mir das mit Snape weitaus mehr bedeutet hat. Was ich empfunden habe, als wir so eng umschlungen beieinander waren, war so ziemlich das schönste, was mir je passiert ist. Obwohl es zugegebenermaßen absolut inakzeptabel wäre, die Sache zu vertiefen, möchte ich nicht glauben, dass es vorbei ist.

Langsam beugt er sich zu mir hinab und streicht mit seinem Daumen über meine Wange.

„Gehen Sie, Miss Granger. Es ist spät. Und nehmen Sie sich vor Filch in Acht, denn sollte er Sie um diese Zeit im Schloss erwischen, kann ich nichts für Sie tun."

Schlagartig fühle ich mich wieder wie eine Schülerin, die sich den Regeln zu beugen hat, nicht Kind, nicht Frau.

Als er daraufhin von mir ablässt, ist er wie immer ganz der Professor. Aufrecht steht er vor mir und bedeutet mir unmissverständlich mit seinen schwarzen Augen, dass ich entlassen bin.

Während ich den Tränen nahe den Rückweg zu meinen Turm antrete, denke ich ununterbrochen daran, wie er mich geküsst hat. Langsam dämmert mir, warum es ihn so viel Überwindung gekostet hat, die Dinge zwischen uns zuzulassen und zu akzeptieren. Auch für ihn muss es schwer sein, damit umzugehen, dass alles nur ein Traum ist. Es ist ein schwacher Trost, denn tief in mir fühlt es sich an, als hätte ich soeben einen ganz besonderen Menschen verloren. Zurück bleibt nur Snape, nicht aber der Mann, der er abseits davon sein kann.