Martyr
Kapitel 4
Schlange
Es ist vorbei, noch ehe es überhaupt so richtig begonnen hat. Mir scheint, als hätten wir uns wirklich nichts mehr zu sagen, denn als ich ihn am Montagmorgen beim Frühstück in der Großen Halle sitzen sehe, sieht er mich nur kurz an, dann wendet er seinen unleserlichen Blick ab und vermeidet es fortan, in meine Richtung zu sehen.
Ein kalter Schauder überkommt mich. Ich fühle mich verraten und leer. Zugleich wächst mit jeder verstreichenden Stunde die Enttäuschung darüber an, dass er einfach so tun möchte, als wäre nichts geschehen. Es ist nicht so, dass ich ihm einen Vorwurf machen möchte, nein. Die Lage, in der wir uns befinden, ist kompliziert. Aber muss es deswegen wirklich so abrupt enden?
Die Weihnachtsferien stehen ins Haus und ich denke, es wäre das beste, wenn ich ihn ebenfalls meide. Hier in Hogwarts erinnert mich jeder Stein an sein kaltes Herz, womit ich beschließe, die erstbeste Gelegenheit zu ergreifen, um in den Grimmauldplatz zu reisen. Professor McGonagall erklärt sich bereit, die Entscheidung Mrs. Weasley zu überlassen. Ich bin volljährig, wie sie sagt, obwohl ich mich offengestanden keineswegs so fühle, was sie jedoch nicht wissen kann.
Während Harry außer sich vor Freude ist, endlich wieder in den Fuchsbau zu kommen, nutze ich dankbar McGonagalls Angebot, über ihren Kamin mit Mrs. Weasley zu reden, um ihr zu erklären, dass ich ein paar Bücher durchzuackern habe, ehe ich mich auf Weihnachten freuen kann. Zuerst ist sie, die allen als überaus fürsorgliche Mutter bekannt ist, gar nicht begeistert von meiner Idee, da ich aber erwachsen bin, willigt sie ein. Voraussetzung ist, dass ich ihr hoch und heilig verspreche, das Haus nicht zu verlassen. Kein Problem, mir ist sowieso nicht danach zumute, irgendjemanden zu sehen.
Erleichtert trete ich mittels Kamin meine Reise zum Grimmauldplatz an und treffe in der Küche auf Tonks. Vermutlich hat Molly sie hierher abkommandiert, um sicherzugehen, dass ich keine Dummheiten mache. Mir ist es gleich. Ich ziehe mich zurück, mache es mir in meinem Zimmer im ersten Stock gemütlich und packe dort in aller Ruhe meine Habseligkeiten aus. Es ist nicht so, dass ich Tonks meiden möchte, nach Gesellschaft ist mir aber trotzdem nicht zumute. Der Grund dafür ist einfach: Snape spukt mir noch immer im Kopf herum. Erst zum Abendessen gehe ich in die Küche und unterhalte mich kurz mit ihr, ehe ich wieder in meinem Zimmer verschwinde, um alleine und zurückgezogen meiner trübsinnigen Gedanken zu frönen.
Als mich des Nachts die unfreundliche Stimme der einstigen Hausherrin aus dem Schlaf reist, deren Portrait die Ankunft eines neuen Gastes verkündet, muss ich instinktiv an Harry und Ron denken. Ich hoffe sehr, dass es ihnen gut geht, denn für gewöhnlich verbringen wir die freien Tage so oft es geht zusammen. Obwohl es nicht weiter ungewöhnlich ist, unerwarteten Besuch im Haus zu haben, möchte ich sichergehen, dass alles in Ordnung ist, also tappe ich blindlings durch das Haus, um mich zu vergewissern, was dort unten vor sich geht. Vermutlich ist es nur Lupin, der Tonks ablösen soll...
An der Schwelle zur Küche angelangt stelle ich schnell fest, dass dem nicht so ist, denn der Gast ist niemand anderes als Snape. Ausgerechnet ihn mussten sie mir schicken; die übrigen Mitglieder des Phönixordens sind ausgeschwärmt, erklärt er knapp, Harry wohlbehütet in der Obhut der Weasleys im Fuchsbau untergebracht.
Mir wird es schwer ums Herz, als ich ihn sehe. Seine Gesellschaft ist nicht gerade das ist, was ich mir um diese Uhrzeit erwartet habe. Auch was er mir mitteilt, ist alles andere als erbaulich. Voldemort hat eine Reihe an Angriffen auf verschiedene muggelstämmige Zaubererfamilien durchgeführt. Ich glaube nicht, dass Snape begreift, wie ich mich dabei fühle. Meine Herkunft ist schon seit geraumer Zeit zu einem wunden Punkt in meinem Dasein geworden. Nicht zuletzt wegen Draco. Dennoch zieht sich die dunkle Furche zwischen seinen Brauen beim Sprechen angespannt zusammen.
"Was auch immer Sie tun, verlassen Sie unter gar keinen Umständen das Haus, Granger. Solange immer einer vom Orden hier ist, können wir sichergehen, dass niemand Unerwünschtes das Versteck ausfindig machen kann. Das ist ein ungeschriebenes, magisches Gesetz."
Mir fällt die Kinnlade runter. "Vom Orden?", frage ich verblüfft.
"Herzlichen Glückwunsch", fügt er schnell an und fuchtelt mit dem Zauberstab herum, als würde er mich zum Ritter schlagen wollen. "Ich kann nicht länger bleiben und ernenne Sie hiermit offiziell dazu, das Hauptquartier des Phönixordens zu beschützen, sowie dessen Identität geheim zu halten, bis ein anderes Mitglied des Ordens Sie ablöst. Ihnen dürfte wohl klar sein, dass damit neue Rechte und Pflichten für Sie einhergehen, nicht wahr?"
Ich nicke wie benommen. Selten habe ich ihn so besorgt gesehen. Ich glaube, das erste Mal, als ich bewusst wahrgenommen habe, dass er überhaupt zu solchen Gefühlsregungen fähig ist, war bei Cedrics Tod. Damals, als wir alle wie ohnmächtig bezeugen konnten, was geschehen war, kam es mir vor, als würde er nicht von Dumbledores Seite weichen, komme was wolle. Doch ich bezweifle, dass jemand, der nicht so eng mit Harrys Schicksal verknüpft war, wie ich es bin, das überhaupt zur Kenntnis genommen hätte. Von Harry selbst ganz zu schweigen. Er ist ein wahrer Meister darin, die Zeichen, die sich um Snapes Position als Mitglied des Ordens ranken, zu ignorieren.
Zutiefst beunruhigt warte ich darauf, dass er etwas von sich gibt. Snape jedoch steckt den Zauberstab weg und starrt mich wenig zuversichtlich an. Sonderlich viel Vertrauen scheint er ja nicht gerade in meine Fähigkeiten zu haben.
Ich starre zurück. "Ähm, danke, Sir."
Snape seufzt leise und wirkt mit einem Mal furchtbar erschöpft. Doch nur kurz, dann wendet er sich ohne ein weiteres Wort von mir ab und verschwindet durch die Tür meines Zimmers nach draußen. Mit gemischten Gefühlen blicke ich ihm nach, bis ich höre, wie er disappariert. Dann ist er ebenso schnell wieder verschwunden, wie er hier aufgetaucht ist.
Das Haus ist leer. So alleine war ich in meinem ganzen Leben noch nicht. Ob die anderen vom Orden wissen, dass er mich alleine hier zurückgelassen hat? Vielleicht sind sie selbst zu beschäftigt, um sich Gedanken darüber machen zu können. Mir ist wieder einmal alles gleich. Ich wittere die Chance, endlich zu beweisen, dass ich kein Kind mehr bin. Ich werde die Stellung halten und das Haus bewachen, wie es sich gehört.
xxx
Am Morgen weckt mich der Geruch von frischem Kaffee, der mir aufreizend in die Nase strömt. Ich blinzle und stelle fest, dass ich tatsächlich noch einmal eingeschlafen bin, nachdem der Professor fort war.
Schnell ziehe ich mir was an und gehe hinunter in die Küche. Überrascht sehe ich Snape vor mir am Tisch sitzen, die Nase so dicht über eine Zeitung gebeugt, dass ich durch seine Strähnen hindurch sein Gesicht nicht ausmachen kann.
"Guten Morgen, Professor", sage ich verlegen.
Er blickt kurz auf und nickt. Der Anblick seiner blutverschmierten Visage lässt mich schlucken.
"Ist - ist alles in Ordnung mit Ihnen?"
Mit einer hochgezogenen Braue sieht er mich an. "Haben Sie ein Problem, Granger?"
"Nein", sage ich schnell und bemühe mich dabei, nicht darüber nachzudenken, wessen Blut an seinem Kinn, beziehungsweise an seinen Händen klebt.
Mal ehrlich! Wie kommt er nur darauf, dass es mich, nach allem, was zwischen uns war, nicht kümmern würde?
Seine Mundwinkel verziehen sich zu einem hämischen Grinsen. "Gut."
Ich glaube, mir vergeht der Appetit, also verkrieche ich mich wieder in mein Zimmer. Erst nachdem er die Küche verlassen hat, wage ich mich erneut nach unten und mache mir Frühstück. Auf dem Tisch vor mir liegt noch immer die Zeitung, die er sich angesehen hat. Die Schlagzeile genügt mir vollends, denn wie fast jede Woche berichtet sie von einem weiteren Angriff auf muggelstämmige Zauberer. Aufgrund der immer wiederkehrenden schlechten Nachrichten verkneife ich es mir schmerzhaft, einen weiteren Blick darauf zu werfen.
Nach ein paar Minuten höre ich, wie oben die Tür zum Bad aufgeht. Snape kommt die Treppe hinunter und gesellt sich zu mir an den Tisch. Seine Erscheinung ist wie ausgewechselt, obwohl er dieselben Sachen wie immer trägt. Das Blut ist verschwunden, nichts deutet darauf hin, dass er letzte Nacht das Haus verlassen hat. Legere breitet er seine langen Beine aus und faltet auf dem Schoß die Finger ineinander.
Ich komme mehr und mehr ins Grübeln. Warum lässt er mich nicht einfach alleine? Es ist offensichtlich, dass er nicht mit mir reden möchte. Dennoch werde ich den Gedanken nicht los, dass es etwas gibt, das er mir mitzuteilen hat.
"Die Ankunft der anderen wird sich vermutlich noch um einige Tage verzögern, Miss Granger", sagt er plötzlich.
Ich spüre einen Stich. Jedes Mal, wenn er spricht, muss ich daran denken, wie er seine dünnen Lippen auf meine gedrückt hat.
"Was ist passiert?"
Meine Frage scheint ihn zu verwundern, jedenfalls vermittelt er mir das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben. Ich komme mir vor wie ein Idiot.
"Der Fuchsbau ist verschont geblieben. Dennoch hält Dumbledore es für besser, wenn vorerst jeder dort bleibt, wo er ist."
Erleichtert atme ich auf. Verstehen kann ich es trotzdem nicht. Ganz besonders Snape betreffend. Warum dieses Getue? Gestern war er noch besorgt, heute ist jede Spur davon verschwunden.
"Macht es einen Sinn, Sie zu bitten, mich darüber aufzuklären?"
Einer seiner Mundwinkel zuckt. "Ist das nicht offensichtlich?", fragt er mich seelenruhig. "Sie werden hier gebraucht, Granger."
"Jaah, aber jetzt, wo Sie hier sind …"
Weiter komme ich nicht. Snape fährt sich in langen Bahnen mit den Händen durch die Haare und seufzt.
"Ich stehe auf Abruf bereit."
"Oh."
Heißt das, dass er erwartet, wieder fort zu müssen?
Als hätte er meine Gedanken entziffert, rollt er mit den Augen. "Granger, wenn Sie nicht wollen, dass ich Ihnen irgendeine Lügengeschichte auftische, belassen Sie es dabei. Selbst wenn ich in Dumbledores gottverdammte Pläne eingeweiht wäre, würde ich sie wohl kaum vor Ihnen offenbaren."
Betreten sehe ich ihn an. Dumbledore steckt dahinter?
"Was tun Sie dann noch hier?", werfe ich ihm vorwurfsvoll entgegen.
Wenn er mich blöd anreden darf, finde ich, habe ich dasselbe Vorrecht, es auch zu tun. Immerhin, rede ich mir ein, bin ich im Auftrag des Ordens hier, um über das Haus zu wachen.
Seine Haltung versteift sich. "Wenn Sie nicht augenblicklich einen anderen Ton anschlagen", knurrt er unliebsam zwischen seinen dünnen Lippen hervor, "werde ich Ihnen die kommenden Tage zur Hölle machen, Granger, darauf können Sie sich verlassen."
Ich muss schlucken, so trocken ist mein Mund. Soviel zu meinen Rechten. Außerdem gefällt mir die Vorstellung nicht, alleine mit ihm hier ausharren zu müssen, wo ich doch offensichtlich noch immer irgendwelche Gefühle für ihn hege, die ich besser nicht haben sollte.
Während der zwischen uns aufkommenden Stille nutze ich die Gelegenheit, an meinem Tee zu nippen und nachzudenken. Warum sollte Dumbledore wollen, dass ich mit Snape alleine bin? Der einzige Grund, der mir einfällt, ist die immerwährende Einsamkeit, die den Professor umgibt. Seit wir uns näher gekommen sind, bietet sie mir genug Anlass für Spekulationen. Ob Snape seinem Schulleiter am Ende also doch von unserer kleinen Affäre erzählt hat?
Obwohl ich mich unbehaglich fühle, wage ich es, Snape damit zu konfrontieren.
„Sir, kann es sein, dass Professor Dumbledore von unserer, ähm, Liaison erfahren hat?"
Sein Blick verhärtet sich schlagartig. „Ich werde auf keinen Fall mit Ihnen darüber reden, Granger, verstanden?"
Wie erschlagen nicke ich. Mir bleibt ungläubig die Luft weg. Er hingegen fährt sich mit den Händen durch die Haare. Dann steht er auf und geht zum Fenster hinüber.
Erst als ich sicher bin, dass er mich nicht weiter beachtet, wage ich wieder, zu atmen. Meine Augen brennen sich auf seine schwarze Rückseite. Mir wird bewusst, dass die Sache mit den Gefühlen zwischen uns noch längst nicht erledigt ist. Er kann so kalt wie ein Eisblock sein und trotzdem nicht einfach alles ausblenden. Oder doch?
Unbewusst muss ich mich schütteln. Nur zu gerne möchte ich wissen, was in ihm vorgeht.
„Was hat er gesagt?"
Nichts.
„Wollen Sie mich fortan ignorieren?"
Blitzschnell wirbelt er herum und funkelt mich mit einem wütenden Ausdruck in seinen schwarzen Augen an. Wie es aussieht, bin diesmal nicht ich die Schlange, sondern Dumbledore. Es quält uns beide, hier zu sein.
„Wenn es sein muss, werde ich das tun, Granger", sagt er hart.
Das glaube ich ihm aufs Wort.
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Nach unserer kleinen Auseinandersetzung ziehe ich es vor, erst einmal auf meinem Zimmer zu bleiben. Ich kann immer noch nicht fassen, dass das tatsächlich geschieht. Wie kann Dumbledore nur so etwas tun? Begreift er denn nicht, wie weh es tut, sich gegenüberstehen zu müssen, obwohl wir beide wissen, dass wir uns nicht aufeinander zubewegen dürfen? Alleine dass Snape so erregt auf meine Frage reagiert hat, sollte mir zeigen, dass ihn nicht kaltlässt, was geschehen ist. Es beunruhigt ihn, mit mir hier zu sein. Noch dazu, wenn er weiß, dass Dumbledore irgendetwas im Schilde führt. Soweit zu meiner Theorie. In Wahrheit kann ich nur darüber mutmaßen, was in ihm vorgeht.
Den Rest des Tages verbringe ich überwiegend auf meinem Zimmer. Snape scheint sich ebenfalls in eines der Zimmer zurückgezogen zu haben, denn als ich mir in der Küche was zu Essen mache, ist er nicht mehr hier. Vielleicht ist er aber auch ganz verschwunden, am besten dahin, wo der Pfeffer wächst; zum Teufel mit ihm!
Erneut weckt mich in der Nacht ein Geräusch. In meinen Morgenmantel eingehüllt und mit meinem Zauberstab bewaffnet wage ich mich die Treppe hinunter und sehe durch einen kleinen Spalt, dass das Licht in der Küche an ist. Als ich vorsichtig die Tür aufdrücke, tut sich ein eigenartiges Bild vor mir auf. Auf dem Boden, den Rücken an den Küchenschrank gelehnt und in seinen Umhang gewickelt, sitzt Snape. Er hat die Augen fest zusammengekniffen und hält sich den linken Arm vor die Brust.
Mir schwant nichts Gutes, also ich lasse den Zauberstab sinken und komme vorsichtig näher. Ob er registriert hat, dass ich hier bin, kann ich nicht erkennen. Es spielt auch eigentlich keine Rolle. Ich habe andere Sorgen im Kopf. Seit ich weiß, dass Snape ein Todesser ist, war mir bewusst, dass er wie alle anderen seiner Art auch, das Dunkle Mal besitzt, was ihn in diese abscheuliche Abhängigkeit gebracht hat, Voldemort zu Diensten zu sein, wann immer er nach ihm verlangt. Was genau das zu bedeuten hat, ist mir aber erst so richtig bewusst geworden, als er mit mir alleine in seinem Büro war und vertraulich mit mir darüber gesprochen hat, wie es für ihn ist, ein Todesser zu sein. Ihn jetzt hier sitzen zu sehen, macht mir beinahe Angst. Er wirkt einsam und verloren auf mich, genau wie er es angedeutet hat.
Ich nehme all meinen Mut zusammen, dann durchbricht meine Stimme die Stille. "Sir, sollten Sie nicht lieber auf seinen Ruf antworten?"
Er lacht auf. "Das habe ich, Granger", sagt er, ohne aufzusehen. "Aber wie es aussieht, ist er noch immer stinkwütend."
"Auf Sie?", frage ich unbeholfen.
Er verzieht das von klebrigen Strähnen verhangene Gesicht zu einem fiesen Grinsen und hustet dabei. "Wer weiß das schon so genau."
Erst jetzt erkenne ich, dass er am ganzen Leib zittert. Schweiß steht auf seiner Stirn.
Instinktiv gehe ich neben ihm auf die Knie und lege meine Hand auf seine. Er ist eiskalt, dennoch drücke ich sie, um ihm zu zeigen, dass mir nicht gleichgültig ist, was mit ihm geschieht.
Noch während ich darauf warte, dass er mich wieder von sich schiebt, merke ich, dass er mich ansieht. "Gehen Sie wieder ins Bett, Granger", murmelt er zwischen den Zähnen hervor.
Ich muss blinzeln. "Und was ist mit Ihnen?" Er kann doch unmöglich von mir erwarten, dass ich ihn hier zurücklasse?
"Ich komme schon klar", murrt er zurück.
"Das sehe ich."
Der Sarkasmus in meiner Stimme ist mir nur so rausgerutscht und sofort bereue ich es, das gesagt zu haben. Er muss ziemlich durch den Wind sein, sonst würde er hier nicht sitzen. Dass ich ihm obendrein dabei zusehe, wie er sich vor Schmerz windet, macht die Sache für ihn vermutlich nicht gerade einfacher.
Er schüttelt angestrengt den Kopf. "Wenn Albus nur wüsste, was er mir damit antut, mich hierher zu verbannen ..."
Wie es aussieht hatte ich Recht. Irgendwas läuft da zwischen ihm und Dumbledore.
Zaghaft setze ich mich neben ihn, ohne seine Hand loszulassen. Meine Hüfte berührt wie selbstverständlich seine, ebenso freizügig lehne ich meinen Kopf an seine Schulter. Zuerst versteift er sich, nach kurzer Überlegung scheint es ihm jedoch nichts weiter auszumachen. Wie gesagt, das haben wir vermutlich weit hinter uns gelassen.
"Bestimmt hat er sich etwas dabei gedacht", sage ich nachdenklich, "Sie und mich hier alleine zu lassen, meinen Sie nicht?"
Er dreht den Kopf und sieht mich an. Dann, vollkommen unerwartet, nimmt er seine zittrige Hand und umfängt damit meine Wange. Dankbar für den Kontakt komme ich ihm entgegen und nehme die Berührung tief in mich auf.
"Es war nie vorhergesehen, dass das passiert, Granger", sagt er mit rauer Stimme. "Sie und ich - das ist ... Es geht nicht."
"Das weiß ich selbst", gebe ich traurig zu. "Aber manchmal haben wir keine Wahl, oder?"
Kaum merklich lächelt er und streicht mir mit dem Daumen über die Wange, ehe er sich zu mir herabbeugt und seinen Kopf an meine Stirn lehnt. Seine Augen sprechen Bände und treiben mir die Tränen heraus. Sie sagen mir deutlich, wie durcheinander er ist. Ich kann es ihm nicht einmal verdenken, schließlich geht es mir nicht anders.
"Sie haben mir gefehlt, Professor", sage ich in einem kläglichen Flüstern. Ich kann einfach nicht anders. Ich muss ihm die Wahrheit sagen. Tagelang habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, wie das alles nur geschehen konnte. Es tat unglaublich weh, sich eingestehen zu müssen, trotz der Distanz, die die gesellschaftlichen Konventionen zwischen uns brachte, nicht von ihm loskommen zu können.
Langsam fährt seine Hand in meinen Nacken und streicht mir dort über die Haut. Zutiefst ergriffen schließe ich die Augen und lasse es geschehen. Für etliche Minuten, so scheint es, gibt es nichts anderes als ihn und mich in dieser heruntergekommenen Küche. Ich fühle mich wohl in seiner Nähe und konzentriere mich nur noch auf ihn, seine aufgewühlte Atmung und seine Berührungen. Dann und wann merke ich, dass sein Körper leicht von Krämpfen geschüttelt wird, da er aber nicht wesentlich darauf reagiert, gehe ich davon aus, dass es ihn nicht weiter kümmert. Friedfertig und im Einklang mit seiner Gegenwart fühle ich mich der Vollkommenheit nahe. Beinahe ist mir dabei, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt und ich kann mir nichts Schöneres oder Sinnlicheres vorstellen. Einzig und alleine der Gedanke, dass uns jemand so vertraut beieinander sehen könnte, trübt meine verzauberte Welt. Doch niemand ist hier. Niemand kann über uns urteilen. Niemand wird je davon erfahren, außer vielleicht Dumbledore...
Nach einer Weile wandert seine Hand zu meinem Hals. Er streicht sanft an meinem Ohr entlang und setzt dann seinen Weg fort. Wohlig schaudernd nehme ich wahr, wie er meinen Morgenmantel beiseite schiebt und den dünnen Träger meines Nachthemds abstreift. Seine Hände stützen meinen Oberkörper, sein Kopf beugt sich tief zu mir hinab, dann drückt er seine Lippen auf die Stelle oberhalb meiner zur Hälfte entblößten Brust. Ich ringe überrascht nach Luft, zugleich nutze ich die Gelegenheit, ihn so innig bei mir zu haben, und vergrabe meine Finger in seinen Haaren. Sanft liebkost er mit seinen Lippen meine Haut, während eine seiner Hände meine Brust massiert. Als Krönung des Ganzen nimmt er seine Zunge zu Hilfe, lässt sie über meine Haut tanzen und umkreist mit ihr meinen harten Nippel.
Binnen kürzester Zeit fließe ich in seinen Armen dahin und bin obgleich meiner Unerfahrenheit dem Gefühl, jeden Moment den Höhepunkt zu erreichen, so nahe, dass ich am liebsten lauthals aufschreien möchte. Da es sich aber um Snape handelt, tue ich mein bestes, es zu unterlassen und beiße mir auf die Lippe. Wie soll ich ihm in Hogwarts je wieder gegenübertreten, wenn ich mich hier so willenlos vor ihm offenbare, dass ich dabei den letzten Rest meines Verstandes ablege?
Leise wimmernd gebe ich mich ihm hin, lasse mich von ihm streicheln und liebkosen.
Nach einer Weile hebt er den Kopf und sieht mich mit seinen unergründlichen schwarzen Augen an. "Wenn Sie wollen, dass ich aufhöre, sagen Sie es, Granger. Andernfalls bitte ich um Vergebung für das, was ich tue."
Offengestanden würde ich ihm im Moment so ziemlich alles vergeben, solange er nur nicht aufhört.
Sichtlich um Worte verlegen ziehe ich ihn zu mir und küsse ihn auf den Mund. Seine Arme drücken mich an ihn und geben mir Halt und Kraft, womit ich fortfahre, ihn mit meinen Lippen zu erkunden. Sehnsüchtig wälze ich mich auf seinen Körper, sodass wir halb sitzend, halb liegend aneinanderkleben.
Erst als ich, vollkommen außer Atem, überdeutlich seine Erregung vor mir spüre, mache ich mich von ihm los. Unweigerlich frage ich mich, wie hoch die Chancen stehen, dass wir das Haus noch eine Weile für uns alleine haben und widme mich mit meinen Fingern den Knöpfen auf seiner Brust; etwas ungeübt zwar, dafür aber umso passionierter. Während ich mich dabei Stück für Stück seiner Gürtellinie nähere, versteift sich seine Haltung und seine Brauen ziehen sich zusammen. Im selben Moment kommen seine Hände hervor und greifen nach meinen Handgelenken. Das war's dann wohl. Mir dämmert langsam, dass all meine erotischen Phantasien, die ich seit Tagen in Gedanken mit ihm durchlebt habe, hier ein Ende finden.
„Ich schlage vor, Sie gehen jetzt wieder auf Ihr Zimmer", sagt er leise.
Ich bin verstört. Was ist es diesmal gewesen, das den Zauber zwischen uns gebrochen hat? Ist es so unbegreiflich für ihn, dass ich das, was er mir an Zuneigung gibt, erwidern will? Warum lässt er nicht zu, dass ich ihm etwas von mir gebe, was er doch offensichtlich haben möchte?
Entschieden schüttle ich den Kopf. „Ich denke gar nicht daran. Wann werden Sie endlich begreifen, dass ich bei Ihnen bin, weil ich es so will?"
„Müssen wir das denn wirklich jedes Mal aufs Neue durchgehen, Granger? Ich bin gegenwärtig nicht in Stimmung, das mit Ihnen zu diskutieren."
„Ich wollte überhaupt nicht darüber reden, bis Sie davon angefangen haben", antworte ich leicht säuerlich.
„Großartig", sagt er mit den Zähnen knirschend, ehe er damit beginnt, mit flinken Fingern seine Knöpfe zuzumachen, die ich so ungeschickt geöffnet habe. „Ich nehme nicht an, dass wir unter diesen Umständen weiter darüber reden sollten."
Wie ohnmächtig sehe ich ihm zu und erkenne, dass er alles andere als das will. Seine Augen lassen keinen Zweifel daran, wie sehr er sich danach sehnt, genau da weiterzumachen, wo wir aufgehört haben.
Vorsichtig lege ich meine Hand auf seine und halte sie fest, bis er endlich zum Stillstand kommt.
„Vielleicht sollten wir aufhören, uns etwas vorzumachen", sage ich eindringlich.
Dann stehe ich auf und strecke ihm die Hand entgegen.
„Kommen Sie, Professor. Wir sollten beide nicht hier sitzen. Gehen wir nach oben, von mir aus jeder auf sein Zimmer. Hauptsache, wir hören auf, uns gegenseitig mit Vorwürfen zu überhäufen, denn das ist auf gar keinen Fall das, was ich möchte."
Abschätzig sieht er mich an, ehe er meine Hand ergreift und sich von mir auf die Füße helfen lässt. Hand in Hand gehen wir die Treppe hoch und Snape macht erst vor seinem Zimmer Halt.
„Das wär's dann, Granger", sagt er knapp und entzieht mir seine Hand, um sich damit durch die Haare zu fahren.
Ich wippe nachdenklich mit dem Kopf, er dreht sich um und öffnet die Tür.
Mein Herz klopf vor Aufregung so schnell, dass ich nicht weiß, was ich zum Abschied sagen soll. Besonders verunsichert mich, dass ich nicht weiß, wann ich wieder die Gelegenheit haben werde, ungestört mit ihm zu sprechen. Beinahe alles ist möglich, auch dass er morgen wieder bei Voldemort ist.
Als er Anstalten macht, durch die Tür zu verschwinden, nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und lege meine Hand auf seinen Arm.
„Professor?"
Umgehend finde ich mich mit seinen schwarzen Augen konfrontiert.
„Was denn, Granger? Haben Sie ernsthaft erwartet, ich würde Sie mit auf mein Zimmer nehmen?"
Trotz des sarkastischen Untertons in seiner Stimme bemühe ich mich, die Fassung zu wahren und schüttle schnell den Kopf.
„Durchaus nicht. Ich – ich habe mich nur gefragt, ob ich Sie morgen zum Frühstück sehe. Das Haus ist so leer, da wäre es schön, etwas Gesellschaft zu haben ..."
Offenbar wenig begeistert von meinem Vorschlag ziehen sich seine Brauen zusammen. „Wir werden sehen, Granger. Gute Nacht."
Er entzieht mir seinen Arm, weg ist er. Hinter ihm fällt leise scheppernd die Tür ins Schloss und wieder fühle ich mich allein gelassen und verunsichert.
Warum tut er das nur, frage ich mich nun schon zum wiederholten Male. Sobald ich ihm zu nahe komme, werde ich das Gefühl nicht los, dass er sich gezwungen sieht, uns beide auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Aber was wirklich dahintersteckt, kann ich nicht erkennen. Wenn selbst Dumbledore soweit geht, unser Schicksal irgendwie miteinander verknüpfen zu wollen, muss es einfach einen Weg für uns geben, zu einer Einigung zu kommen. Wir haben ihn eben nur noch nicht gefunden, wie es scheint.
