Martyr
Kapitel 6
Eroberer
Wenn ich erwartet habe, dass er sich sofort mit mir ins Schlafzimmer verdrücken wird, habe ich mich getäuscht. Snape lässt sich nicht drängen. Er lässt auch nicht erkennen, wann es überhaupt dazu kommen soll.
Erst nachdem wir uns eine Weile geküsst haben, löst er sich von mir los und nimmt meine Hand in seine. Mir kommt es vor, als würde er mir damit zeigen wollen, dass ich aufhören soll, mir Gedanken über das zu machen, was vor uns liegt.
Es ist verrückt, aber ich bin überzeugt davon, dass er weiß, was er tut, deshalb vertraue ich ihm. Innig verschlinge ich meine Finger mit seinen und lasse mich von ihm die Treppe hinauf und in sein Zimmer führen. Mein Herz klopft mir bis zum Hals. Trotz seiner beruhigenden Präsenz ist es nicht ganz so einfach, die Angst vor dem Unbekannten beiseite zu schieben.
In seinem Zimmer angekommen drückt er hinter mir die Tür zu und sieht mich an. Dann kommt er auf mich zu und streicht mir wie zufällig mit der Hand über die Wange. Die Berührung ist so flüchtig und zaghaft, dass ich schaudern muss. Gleich darauf entfernt er sich ein Stück von mir und fängt an, seinen Umhang abzulegen, der daraufhin mit einem gezielten Wurf auf einem Stuhl in der Ecke landet.
Ich bin so gebannt von ihm, dass ich ihn nicht eine Sekunde aus den Augen lassen kann. Alleine ihn ohne den berüchtigten Umhang zu sehen, der ihm an Hogwarts den Spitznamen der Fledermaus eingebracht hat, kommt mir befremdlich vor. Doch damit nicht genug. Geschickt öffnet er die Knöpfe an seinen schwarzen Ärmeln, die auf seiner Brust folgen unmittelbar danach.
Als er sich dann aus dem engen Frack schält, wird mir zum ersten Mal so richtig bewusst, dass nur noch wenige Millimeter Stoff zwischen uns liegen, die seinen bloßen Körper von mir trennen. Bereits jetzt bilde ich mir ein, seine fahle Haut darunter zum Vorschein kommen zu sehen; Snape fährt derweil ungerührt fort, sein weißes Hemd aufzuknöpfen. Auch scheint mir, dass er keinen besonderen Bezug zu seinem eigenen Körper hat. Ich kann weder Schamgefühl, noch etwas anderes erkennen, dass mir zeigen würde, was in ihm vorgeht. Selbst sein Blick ist wie so oft unleserlich, wenn nicht sogar kühl und berechnend.
Nachdem er das Hemd geöffnet hat, das wie der Rest seiner Sachen unachtsam auf dem Stuhl landet, weiß ich kaum noch, wo ich hinsehen soll. Zum einen, weil mir das Dunkle Mal auf seinem linken Arm entgegen leuchtet, zum anderen, weil ich vermeiden will, ihn wie eine Kuriosität anzustarren. Snape ist jetzt, wo er ohne seine üblichen schwarzen Sachen vor mir steht, ein ganz normaler Kerl. Zudem trägt er ein schlichtes, weißes Unterhemd, das seinen dünnen Armen mitsamt der blassen Haut einen eigentümlichen Anblick verleiht.
Erneut muss ich zugeben, dass er mich überrascht. Nie zuvor habe ich mir derartige Gedanken über sein Aussehen gemacht. Warum ich es jetzt tue, erkläre ich mir damit, dass es auch für mich ungewohnt ist, mich damit auseinanderzusetzen, früher oder später nackt vor jemandem zu stehen. Er weiß, dass ich noch nie mit einem Mann geschlafen habe. Was ich jedoch nicht weiß, ist, wie er auf mich reagieren wird. Angenommen, ich gefalle ihm nicht, was dann? Natürlich ist es eigenartig, dass ich mir darüber Gedanken mache, wo er doch selbst nicht gerade danach aussieht, als wäre er perfekt gebaut. Ehrlich gesagt, im Verhältnis zu seiner Größe wirkt er fast schon spindeldürr. Und noch immer frage ich mich, was es mit seinen langen Strähnen auf sich hat, die wie ein Vorhang sein Gesicht umrahmen...
Bevor ich zu Ende denken kann, was mir durch den Kopf geht, steht er plötzlich vor mir und schiebt mein Kinn nach oben, bis ich ihm ins Gesicht sehe. Deutlicher als je zuvor nehme ich seinen Geruch wahr und atme ihn tief in mich ein. Eine ungeheure Wärme stahlt von seinem Körper ab.
„Sie müssen nicht hierbleiben, wenn Sie nicht wollen, Granger", sagt er sachlich und seine Stimme dringt mir dabei bis ins Mark.
Wortlos entscheide ich mich dazu, dem Dunklen Mal auf dem linken Arm erst einmal keine Beachtung zu schenken, also lege ich meine Hand auf seinen rechten Arm und lasse die Finger darüber gleiten. Sofort legt sich eine Gänsehaut über seinen Körper.
Ich sammle wieder Mut. Zum ersten Mal überhaupt merke ich, wie empfindsam er doch ist, denn obwohl er für gewöhnlich nach außen hin kaum merklich auf die Gegenwart anderer reagiert, ist körperliche Nähe und Berührung für ihn keine Selbstverständlichkeit. Ein weiterer Beweis für seine jahrelange Einsamkeit.
Angezogen von seiner eigenen Befangenheit fahre ich fort und bahne mir über seine nackte Haut meinen Weg bis hin zu seiner Schulter. Jeder seiner Muskeln wirkt angespannt. Am Ende senke ich den Blick auf sein Hemd und wage es, es Stück für Stück an seinen Hüften nach oben und aus der Hose zu ziehen.
Die Prozedur, wie wir uns immer wieder ansehen und uns Zeit lassen, ist ebenso eigenartig wie wunderschön. Es gefällt mir, dass er mich an sich heranlässt, anstatt mir einfach die Klamotten vom Leib zu reißen, obwohl es ihn sichtlich Überwindung kostet, das mit sich geschehen zu lassen.
Beherzt ziehe ich das Hemd weiter nach oben und erhasche einen ersten Blick auf seinen bloßen Oberkörper. Während ich das Bild seiner farblosen, nahezu unbehaarten Brust auf mich einwirken lasse, gebe ich mich unbehelligt von den Narben, die aufgrund verschiedener Flüche hier und da in seine Haut gebrannt sind. Meine Nase kribbelt eigenartig und die altbekannte Wut auf Voldemort steigt in mir hoch. Dennoch fahre ich weiter, ihm das Hemd auszuziehen. Snape kommt mir dabei entgegen und streift es über den Kopf.
Als wir diese kleine Hürde genommen haben, stehen wir voreinander und ich denke, zu begreifen, warum er seinen Körper vor den Menschen verhüllt, als würde er ihm nichts bedeuten. Er hat irgendwann aufgehört, daran zu glauben, dass jemand ihm oder seiner Gestalt etwas mehr Wertschätzung oder Beachtung schenken könnte als Voldemort; vermutlich sogar schon vor langer Zeit, als er ein Todesser wurde.
Vorsichtig wage ich es, meine Fingerspitzen auf seine Brust zu setzen, ehe ich sie seitlich über seine gut erkennbaren Rippenbögen gleiten lasse. Dann sehe ich auf und noch bevor ich weiß, was ich tue, beuge ich mich zu ihm hoch und drücke einen sanften Kuss auf sein Schlüsselbein. Es ist die Stelle, die mir im Moment am meisten ins Auge springt, da sie unter seiner Haut deutlich sichtbar hervorragt. Außerdem wird sie von einer Narbe gekennzeichnet, die mich an einen Cruciatus-Fluch erinnert.
Snape atmet tief ein und senkt die Lider herab. Offenbar ist er erleichtert von meiner Reaktion, was mich wieder einmal nachdenklich macht.
„Tut er das oft?", frage ich wie beiläufig, obwohl es mich zutiefst erschüttert, daran zu denken, was er zu erdulden hat, wenn er Voldemort gegenübertritt.
Er zuckt mit den Achseln, es ist keine Frage, dass er weiß, worauf ich hinaus will.
„Mal mehr, mal weniger."
Ich schlucke einen ganzen Schwall Ärger hinunter und beschließe, nicht weiter nachzufragen, um uns den Augenblick unserer Zweisamkeit nicht kaputt zu machen. Stattdessen widme ich mich wieder seiner Haut und lasse die Finger über seine Brust gleiten. Seine Atmung scheint kaum merklich schneller zu werden, sobald ich mich seinem Herzen nähere. Vielleicht bilde ich es mir aber auch nur ein, es ist auch ohne meine ausschweifenden Gedanken schon ungewöhnlich genug, meinem Professor auf diese Weise nahe zu sein.
Langsam fahre ich mit meinen Händen nach unten, bis hin zu seinem Bauch. Wieder fällt mir auf, wie dünn er ist, obwohl mir das Gesamtbild seines Körpers offengestanden gefällt. Die Vorstellung von einem wohldefinierten Muskelpaket erscheint mir in Bezug auf Snape mit einem Mal geradezu absurd.
Als ich seine Hose erreiche und seinen Gürtel öffnen will, höre ich ihn schlucken. Ich löse meine Faszination von ihm los und richte den Blick nach oben. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, er ist verunsichert.
Für ein paar Sekunden sehen wir uns in die Augen, dann nimmt er seine Hand und schiebt mir eine Strähne hinters Ohr. Warm und beruhigend fühle ich seine Finger auf meiner Haut, ehe er in meinen Nacken fasst und sich zu mir hinabbeugt, um mich zu küssen.
Seine Lippen auf meinen zu spüren, ist mir vertraut. Nicht lange darauf dringt seine Zunge in meinen Mund, zuerst sanft, dann begierig; jetzt bin ich mir sicher, dass seine Atmung sich beschleunigt hat.
Während wir uns küssen, fängt er an, mir meinen Gryffindor-Sweater mitsamt dem darunter befindlichen T-Shirt über den Kopf zu stülpen und wir unterbrechen das Schauspiel unserer Münder für einen Moment. Dann drückt er mich wieder an sich und lässt seine Hände über meinen entblößten Rücken gleiten, um mir den BH zu öffnen. Vorsichtig unterbricht er dabei unseren Kuss, tritt einen Schritt zurück und streift mir die Träger ab. Dann lässt er ihn zu Boden fallen und sieht mich an.
Ich bin so durcheinander, dass ich kaum begreife, was geschehen ist, ehe mir bewusst wird, dass ich mit nacktem Oberkörper vor ihm stehe.
Snape senkt den Blick, sodass ihm einige seiner schwarzen Strähnen vors Gesicht fallen und es mir beinahe unmöglich ist, zu erkennen, was in ihm vorgeht. Eine ganze Weile steht er so vor mir und mustert mich, dann öffnet er den Mund.
„So jung, so schön", höre ich ihn mit rauer Stimme sagen.
Mir klebt vor Verwirrung die Zunge am Gaumen. Sollte das eine Feststellung oder ein Kompliment sein? Was genau hat das eigentlich zu bedeuten? Schönheit ist in meinen Augen ja eher relativ. Er selbst mag nicht sonderlich schön sein, dennoch finde ich ihn anziehend und aufgrund seines Auftretens irgendwie auch attraktiv. Sonst wäre ich ja schließlich nicht hier mit ihm in seinem Zimmer. Aber was dieses leidige Thema mit dem Alter angeht, finde ich, sollten wir nicht weiter darauf herumreiten.
Etwas, das ich nicht begreifen kann, scheint in ihm vorzugehen, denn er geht vor mir in die Knie und umfasst mit seinen Armen meinen Leib. Zärtlich schmiegt er sich an mich und drückt mir einen Kuss auf den Nabel, der mich wohlig schaudern lässt.
Ich kann nicht anders, versenke willenlos meine Finger in seinem schwarzen Haar und presse seinen Kopf an mich. Die Wärme, die Nähe, diese Zärtlichkeit, einfach alles an ihm treibt mich mehr und mehr in den Wahnsinn.
Inniglich liebkost er mit seinen Lippen und den Händen meine nackte Haut. Mein Kopf fällt weit in den Nacken, ich schließe die Augen.
Schon beim letzten Mal hatte ich das Gefühl, in seiner Gegenwart der Vollkommenheit nahe zu sein. Doch diesmal, wo ich weiß, dass er auch optischen Gefallen an meinem Körper findet, fühle ich mich darin bestätigt, dass das mit uns kein banaler Zufall sein kann. Es muss eine Bedeutung haben, muss uns weiterbringen.
Ich kann und will nicht länger warten, in mir überschlägt sich alles. Ich will ihn sehen, ihn halten, ihn küssen, ihn spüren...
Und so gehe auch ich vor ihm in die Knie, streiche ihm die Strähnen beiseite und umfasse mit meinen Händen sein Gesicht.
Verwundert sieht er mich mit seinen schwarzen Augen an, sodass ich nur den Kopf darüber schütteln kann. Mir ist unbegreiflich, dass wir hier so beisammen sind, wo er mir all die Jahre über in Hogwarts das Leben schwer gemacht hat. Aber wie das eben so ist, spielt das Geschehene im Moment keine Rolle. Solange ich weiß, dass er mich und meinen Körper weiterhin mit dieser Zuneigung und Wertschätzung überhäuft, bin ich bereit, ihm zu vergeben. Snape hat mich mit einfachen Gesten und Berührungen erobert.
Ich nehme seine Hand und stehe auf. Wortlos folgt er mir, während ich ihn zum Bett hinüberführe und mich darauf niederlege. Ich will ihn auf mir spüren, auch dann, wenn er noch seine Hose anhat, will ich das Gefühl genießen, ihn fest und hart bei mir zu haben. Der Rest ergibt sich von selbst, denke ich. Langsam, Schritt für Schritt.
