Martyr

Kapitel 8

Pharisäer

Letztendlich ist es vollbracht, wir haben es getan. Während er sich sammelt, um sich darauf zu konzentrieren, den Zauberspruch auszuführen, bin ich mit meinen Gedanken noch immer ganz bei ihm und seinem Körper, den er mir auf so wunderbare Weise geschenkt hat.

Wenig später liegen wir Seite an Seite in seinem Bett. Ich habe mich eng an seine Schulter geschmiegt, er den Arm um mich geschlungen. Ich glaube, so gut habe ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht gefühlt.

Als ich aufsehe, erkenne ich, dass er die Augen geschlossen hat - es gibt wohl kaum ein friedfertigeres Bild, als einen vor Erschöpfung dösenden Professor Snape.

Glücklich lausche ich seinem gleichmäßigen Atem und lasse meine Fingerspitzen über seine nackte Brust tanzen. Obgleich meiner Gefühle für ihn bin ich innerlich zerrissen. So sanft, wie er heute zu mir war, ist es schwer vorstellbar, sich irgendwann wieder damit auseinandersetzen zu müssen, ihm in Hogwarts gegenüberzustehen. Er muss wissen, dass es mir unmöglich ist, da eine klare Grenze zu ziehen. Er kennt mich. Wie kann er also von mir verlangen, so zu tun, als wäre nichts gewesen? Wie soll ich diese kostbaren Erfahrungen und all die schönen Erlebnisse mit ihm verdrängen oder gar verleugnen? Für einen Moment lang glaube ich sogar, ihm selbst wird es schwer fallen, obwohl er darin geübt ist, sich zu verstellen. Ich hoffe es, denn andernfalls würde alles nur ein Traum bleiben.

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Ich höre Stimmen und schrecke hoch. Neben mir liegt Snape und wirkt, ebenso wie ich, ziemlich überrumpelt. Beide sind wir eingeschlafen, doch plötzlich sind wir hellwach und sehen uns an.

Gepolter dringt durch das Haus, dann ein Schrei.

Verdammt! Die alte Hexe in ihrem Portrait kann nicht irren. Irgendjemand ist hier – war das etwa Harry? Und Ron? Aber was tun die hier? Sie sollten doch im Fuchsbau sein! Wunderbar. Und ich liege nackt und eng umschlungen mit Snape in seinem Bett...

Ich atme tief ein, als mir bewusst wird, was geschehen ist. Ich bin jetzt eine Frau.

Fest entschlossen, dafür zu sorgen, dass niemand unser kleines Geheimnis lüften kann, schlage ich die Bettdecke zurück und springe auf, um in Windeseile meine Sachen zusammenzusuchen.

Snape sieht mir mit einem wilden Ausdruck in seinen schwarzen Augen zu, ich kann seine Blicke förmlich auf meinem Rücken spüren.

„Bestimmt denken sie, ich habe mich in mein Zimmer zurückgezogen", sage ich hoffnungsvoll und schlüpfe in meine Jeans.

Er grunzt. Wie es aussieht, kommt ihm die Unterbrechung genauso ungelegen wie mir. Doch Not macht erfinderisch und so vergeude ich keine Zeit, rupfe das zerknüllte T-Shirt aus meinem Sweater und stülpe mir das gute Stück über. Den Rest klemme ich unter meine Arme oder stopfe sie in meine Taschen, sodass ich aussehe, als hätte ich ein paar Pfund zugelegt. Ab in die Schuhe und fertig bin ich.

Ich halte kurz inne und sehe ihn an. Was soll ich sagen? Wieso sagt er nicht was?

„Wie lange werden Sie noch bleiben, Professor?"

Seufzend hebt er die Hand und streift seine Strähnen zurück. Mir entgeht nicht, dass etwas Sorgenvolles in seinem Ausdruck liegt. Die berüchtigte Falte zwischen seinen Brauen, die vorhin noch so entspannt war, ist nun wieder zu einem tiefen Krater geworden, was mich offengestanden stutzig macht. Unweigerlich wird mir klar, wie schnell alles vorbei ist. Unsere traute Zweisamkeit hat ein jähes Ende genommen, Snape ist wieder der, der er immer war. Trotzdem, finde ich, sieht er gut aus; irgendwie verwegen. Er wirkt auf mich wie ein vom Sturm gebeutelter Baum, den so schnell nichts erschüttern kann.

Sichtlich durcheinander muss ich mich zusammennehmen, um nicht aus lauter Sentimentalität etwas Dummes zu sagen. Ich weiß, dass er das nur tut, um sich zu schützen. In meinen Augen gibt es nichts, das er nicht schaffen kann. Trotzdem habe ich Angst und würde mir am liebsten wünschen, dass er mich noch einmal in die Arme nimmt. Doch er tut nichts dergleichen.

„Mal sehen, Granger", sagt er nach einer kleinen, unangenehmen Pause.

Das war's.

Enttäuscht beiße ich mir auf die Lippe. Es war zu erwarten gewesen, dass er so reagieren würde, dennoch trifft es mich hart.

Ich bin so verunsichert, dass ich nicht weiß, was ich sagen soll, also fasse ich mir ein Herz und mache es kurz.

„Wiedersehen, Professor. Falls wir uns nicht mehr sehen, wünsche ich Ihnen Frohe Weihnachten."

Mir steht das Wasser in den Augen, als ich die Tür zu seinem Schlafzimmer hinter mir zuziehe. Ich hatte so gehofft, dass wir noch ein oder zwei Tage für uns haben würden. Aber ich schätze, wie so oft im Leben, sollte es nicht sein.

Bedrückt schleiche ich auf leisen Sohlen weiter und erreiche unbemerkt mein Zimmer.

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„Wie kann ich das tun? Sie wird es niemals verstehen."

„Dann sag es ihr."

„Ihr sagen? Was sagen?"

„Alles, was sie wissen muss, um zu verstehen. Es war deine Entscheidung, Severus, dein Stolz ..."

„Ja, ich weiß" schnappte Snape zurück.

Dumbledore sah ihn befremdlich über den Rand seiner Brille hinweg an, ehe er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und auf dem Bauch die Hände ineinander faltete.

„Schön. Dann mach du selbst einen Vorschlag, Severus. Ich bin für alles offen, was unseren Plan nicht gefährdet."

Murrend verzog Snape die Mundwinkel und entblößte seine Zähne.

„Mir gefällt Ihr Ausdruck nicht, Albus."

„Und mir gefällt deine Einstellung nicht. Du hattest dein Vergnügen mit ihr und solltest dich glücklich schätzen."

Mit einem gequälten Zischeln verzog Snape das Gesicht. „Es war nie vorgesehen, dass so etwas geschieht. Niemals."

Ermattet sackte er auf dem Stuhl vor seinem Gegenüber zusammen und stützte den Kopf auf die Hand.

„Ich kann das nicht tun, Albus. Es schmerzt zu sehr."

Dumbledore schüttelte sanft den Kopf. „Du willst also aufgeben? Meine Güte, Severus. Sie ist jung, sie wird es verstehen."

„Nein, wird sie nicht", sagte Snape mit Nachdruck. „Sie haben nicht den Blick in ihren Augen gesehen. Jedes Mal, wenn sie mich ansieht, macht sie sich Hoffnungen."

„Hoffnungen? Worauf? Auf eine Zukunft mit dir?"

Genau das hatte der Professor befürchtet. Für Albus war wie immer alles nur ein Schachzug in seinem immerwährenden Spiel um Gut und Böse und Leben und Tod.

„Vielleicht glaubt sie, etwas gefunden zu haben, was ich ihr in Wahrheit niemals geben kann. Ich bin nicht gut für sie. Außerdem -"

„Außerdem was?"

„Sie und ich, wir wissen genau, dass es aussichtslos ist. Wir wissen nicht, wie die Sache enden wird. Der Dunkle Lord ..."

Energisch schritt Dumbledore ein. „Wenn es euch so ernst ist, dann musst du eben einen Weg finden, Severus. Es fällt mir nicht leicht, Jahr für Jahr mitansehen zu müssen, wie du dich in deiner Einsamkeit vergräbst. Du hast noch so viel vor dir."

Mit deutlicher Bitterkeit in der Stimme lachte Snape auf. „Habe ich das? Er ist so ungeduldig, dass ich vielmehr glaube, es sind nur einige Monate."

„Gib ihm was. Etwas, das er hören will, dann ist er besänftigt."

„Nein. Wie stellen Sie sich das vor? Er ist nicht mehr so leicht zufriedenzustellen wie früher. Oder dachten Sie, es geht immer so weiter? Wir servieren ihm eine delikate Information und er vergeht vor Verzückung? Nein. Keiner von uns ist mehr sicher, seit Lucius und Bellatrix die Angelegenheit mit der Prophezeiung vergeigt haben."

„Dennoch gäbe es da eine Sache, die seine Aufmerksamkeit erregen dürfte", bemerkte Dumbledore, der nachdenklich anfing, seinen Bart um den Zeigefinger seiner geschwärzten Hand zu zwirbeln.

Snape war auf der Hut und legte lauernd den Kopf schief. Jeder neue, glorreiche Plan des Schulleiters war eine Herausforderung für ihn, der zu stellen, ein gewisses Risiko in sich hatte.

„Was, Albus?"

„Meinen Tod. Wir haben es lange hinausgezögert. Aber ich fürchte, wir können es uns nicht erlauben, noch länger zu warten. Wenn das stimmt, was du sagst, wäre es an der Zeit, ihm einen Köder hinzuwerfen, den er schlucken wird."

„Ich hatte mich schon gefragt, wann es soweit sein würde", murmelte Snape durch die eng aufeinander gepressten Lippen hindurch. „Draco führt irgendetwas im Schilde. Er ist so verängstigt, dass er mich nicht an sich heranlässt."

„Das kannst du ihm nicht verübeln."

„Nein, natürlich nicht", schnaubte Snape verächtlich.

„Gut. Gib mir noch ein paar Stunden, um Harry vorzubereiten."

„Heißt das, Sie werden weiterhin auf Reisen gehen?"

„Ja, das heißt es", entgegnete Dumbledore scharf, dem die Skepsis Snapes nicht entgangen war. „Und irgendwann werde ich Harry mitnehmen."

Snape wurde bleich. „Grund gütiger."

„Warum immer so theatralisch, Severus? Wenn alles gerichtet ist, wirst du deine große Stunde haben. Ich bin mir sicher, Tom wird dir dafür dankbar sein. So dankbar, dass er sich erkenntlich zeigen und dir und deinem Leben einen Aufschub gewähren wird."

Finster zog der Professor die Brauen zusammen. Er wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Die Welt mochte zwar im Zwiespalt sein, was Dumbledore anbelangte, dennoch gab es viele, die ihn aufgrund seiner kühnen und berechnenden Fähigkeit, die Lage zu seinen Gunsten zu verändern, verehrten.

„Wir werden sehen, Albus. Es wäre ein Wunder, wenn der Plan aufgeht. Vorausgesetzt, ich bin bis dahin noch am Leben."