Martyr

Kapitel 9

Träumer

„Ich habe den Eindruck, du freust dich gar nicht, uns zu sehen", sagt Ron eingeschnappt.

Schnell überlege ich. Es ist unausweichlich, dass ich mir was einfallen lassen muss. Da ich jedoch nicht in Stimmung bin, rolle ich mit den Augen.

„Weißt du, wenn du so anfängst, gehe ich lieber wieder in mein Zimmer. Die Gesellschaft meiner Bücher war sehr angenehm ..."

Harry sieht uns beide an, dann schüttelt er den Kopf.

„Hört endlich auf, euch wie zwei kleine Kinder zu benehmen. Wir haben wirklich andere Probleme, meint ihr nicht?"

„Allerdings", werfe ich pflichtbewusst ein, zum Beispiel Snape, Voldemort und natürlich die Todesser, womit wir wieder bei Snape wären.

Auch Ron gibt sich geschlagen und die Diskussion ist damit beendet.

Endlich kann ich mich in Gedanken wieder Snape widmen. Ob er noch immer da oben in seinem Zimmer ist? Das ist echt schwer zu sagen, denn soweit ich weiß, kann er problemlos ins Hauptquartier kommen und gehen, wann und wie er mag.

Obwohl ich es insgeheim nicht gutheißen kann, ihm nachzutrauern, schließlich hat er mich davor gewarnt, dass es so kommen würde, kann ich nicht aufhören, an ihn zu denken. Daran, wie er sich mir hingegeben hat. Oder daran, wie er auf dem Küchenboden gesessen hatte, fast wahnsinnig vor Wut, Zorn und Schmerz. Snape ist mir ein Rätsel. Und ganz besonders jetzt, nach der wunderbaren Zeit mit ihm, noch mehr als je zuvor.

Für den Rest der Ferien geht im Fuchsbau und auch im Grimmauldplatz alles seinen gewohnten Weg. Die Zwillinge sorgen mit ihren Erfindungen für reichlich Abwechslung und bringen Mrs. Weasley damit beinahe um den Verstand. Harry, Ron und ich reden wieder miteinander, wobei ich immer versuche, von Snape abzulenken, sobald einer von ihnen auf ihn zu sprechen kommt. Mir ist es zuwider, wie sie über ihn herziehen und urteilen, als würden sie ihn kennen, denn so ist es nicht. Nicht einmal ich wage es mehr, mir eine Meinung über ihn bilden zu wollen. Ich weiß nur, dass er tut, was er tun muss. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er wieder einsam ist, wenn er nicht gerade bei Voldemort antanzen muss. Er wird seine Gründe haben, dem Grimmauldplatz aus dem Weg zu gehen, wenn es sich vermeiden lässt, dort zu sein. Einer davon ist der Feiertagstrubel, Geselligkeit ist eben nicht so sein Ding. Der andere bin ich.

Beinahe bin ich froh, als ich meine Sachen packen kann, um meine Reise nach Hogwarts anzutreten. Was mich jedoch dort erwartet, kann ich nicht sagen. Schon am ersten Abend beim Essen sehe ich Snape an seinem Platz am Lehrertisch sitzen und mir dreht sich der Magen um. Nie hätte ich gedacht, dass sich das Wiedersehen zwischen uns so grausam gestalten würde. Er wirft mir einen kurzen Blick zu und wir sehen uns in die Augen. Aber da ist nichts, keine Gefühlsäußerung, ja, nicht einmal das geringste Lächeln oder ein Bedauern.

Ich sitze wie erschlagen zwischen all den schwatzenden Schülern und kann nichts tun, außer in unseren langsam verblassenden Erinnerungen schwelgen, die mich so sehr quälen, dass ich mich frage, ob ihm unsere gemeinsamen Stunden überhaupt etwas bedeutet haben. Es tut so unglaublich weh, dass meine Augen vor Schmerz zu brennen anfangen. Ich kann nichts dagegen tun. Die Kälte, die mich bei dem Gedanken an unsere vergangene Liaison umhüllt, lässt sich einfach nicht aufhalten. Aber das schlimmste ist, er sitzt einfach nur da und sieht mich mit diesem unleserlichen Blick an, der eigentlich nur besagt, dass es unwiderruflich vorbei ist.

Erst Dumbledores Stimme holt mich zurück in die Gegenwart. Mir läuft es eisig den Rücken hinunter. Er weiß, was geschehen ist, da bin ich mir sicher. Und trotzdem lässt er meinen Lehrer, seinen Spion hier bei uns allen in der Großen Halle sitzen, als wäre nichts passiert. Kann er denn nicht sehen, dass es mich verletzt? Will er nicht wahrhaben, was er uns beiden damit antut? Meine Wut, so groß sie auch sein mag, ist absolut lächerlich und für niemand anderen nachvollziehbar. Es hilft nichts, am Ende muss ich mir selbst eingestehen, dass nur ich allein dafür zur Rechenschaft zu ziehen bin. Ich hätte wissen müssen, worauf ich mich einlasse. Aber so einfach ist das nicht, denn meine Gefühle machen mir einen Strich durch die Rechnung. Sie begehren auf.

Traurig gebe ich mich geschlagen. Harry und Ron erzähle ich, dass ich mich nicht wohlfühle, womit ich mich kurzerhand entschuldige. Dann verlasse ich den Saal. Sobald ich um die Ecke verschwunden bin, drücke ich mich an eine abgeschiedene, kalte Wand und lasse meinen Tränen freien Lauf. Es hat keinen Sinn, sich etwas vorzumachen. Ich bin hoffnungslos in ihn vernarrt. Schlimmer noch, ich weiß, dass ich meine Gefühle für ihn unterschätzt habe, denn ich bin in Snape verliebt.

xxx

Ich weiß nicht, wie lange ich dort gestanden habe. Es hätten ein paar Minuten sein können, vielleicht auch eine halbe Stunde. Doch auf einmal höre ich Schritte. Wie ohnmächtig versuche ich, mich zusammenzunehmen. Mit dem letzten Rest meiner Selbstbeherrschung löse ich mich von meinem Platz an der Wand los, richte mich auf und wische mir mit dem Ärmel meiner Strickjacke die Tränen aus dem Gesicht.

Die Schritte kommen näher. Ich kann deutlich die Präsenz eines Menschen in meinem Nacken spüren, dann macht er Halt. Es wird still und ich wage nicht, mich umzusehen. Wer auch immer es ist, soll einfach an mir vorübergehen und so tun, als würde ich nicht existieren.

Sekunden ziehen sich dahin. Warum geht die Person nicht einfach wo anders hin?

Fast überlege ich schon, ob ich davonlaufen soll, da höre ich eine Stimme.

"Granger."

Nein.

Wie erstarrt stehe ich da. Es kann nicht sein. Nicht jetzt, nicht hier. Nicht er.

Betreten ziehe ich die Nase hoch. Mein Herz klopft so schnell, dass er es bestimmt hören kann. Aber will ich das? Ich brauche kein Mitleid von einem derart gefühllosen Wesen, wie er es ist. Was also soll ich tun?

Ein leises Rascheln dringt zu mir vor. Plötzlich steht er bei mir, greift nach meinem Arm und wirbelt mich herum. Ob von ihm beabsichtigt oder nicht, ich kollidiere hart mit seiner Brust, spüre seinen aufgewühlten Herzschlag, rieche seinen vertrauten Duft. Dann sehe ich in seine Augen.

Eindringlich starren sie mich an, die Furche in ihrer Mitte bebt, so stark hat er die Brauen zusammengezogen.

"Sie werden sich auf keinen Fall gehen lassen", sagt er scharf. "Verstanden?"

Seine zweite Hand packt mich am Handgelenk und so hält er mich fest. Mir wird ganz komisch dabei. Einerseits will ich, dass er mir zeigt, wie viel Kraft und Macht er hat, immerhin war das einer der Gründe, warum ich mich zu ihm hingezogen gefühlt habe. Andererseits wehrt sich mein Verstand dagegen, das geschehen zu lassen.

"Was kümmert Sie das, Professor", bringe ich bissig hervor.

Er zuckt wie von Schmerz durchzogen zusammen.

"Was es mich kümmert?", fragt er dann mit rauer Stimme. "Alles und nichts, Granger."

Er senkt seinen Kopf zu mir hinab und drückt seine Lippen fest auf meine. Von der Zärtlichkeit, die ich in seinem Zimmer im Grimmauldplatz zu spüren bekommen habe, ist nichts mehr übrig. Stattdessen schlägt mir pures Verlangen entgegen. Und Sehnsucht.

Mir bleibt die Luft weg. Was soll das werden? Wo wird das hinführen? Kann ich das überhaupt zulassen, wenn ich weiß, dass er mich doch wieder nur aufs Neue verletzen wird?

Ich spüre, wie ich in seinen Armen zerfließe, spüre den Druck seiner Erregung, die sich an mich presst. Er ist so voller Begierde, dass ich denke, er wird mich hier und jetzt nehmen. Aber das geht nicht. Es darf nicht sein.

Energisch mache ich mich von ihm frei und sehe ihm ins Gesicht.

"Was wollen Sie von mir, Professor? Wenn Sie nur gekommen sind, um Ihren Spaß mit mir zu haben, muss ich Ihnen leider sagen, dass ich das nicht akzeptieren kann."

Er legt den Kopf schief und scheint zu überlegen, was er darauf antworten soll. Offenbar hat er nicht mit dieser Reaktion gerechnet. Und auch mir kommt es eigenartig vor. Sein Blick, der so verloren scheint, löst etwas in mir aus. Erinnerungen, Gefühle.

Sanft lege ich meine Hand auf seine raue Wange und drücke meine Nägel in seine Haut.

"Ich will mehr, Professor", sage ich unmissverständlich. "Ich will das volle Programm. Ich will nicht nur mit Ihnen ins Bett gehen und danach wieder in meinem Turm verschwinden, als wäre nichts geschehen. Es tut mir leid. Ich kann es nicht ändern. Mir ist klar geworden, dass meine Gefühle für Sie weit über das hinausgehen. Ich - ich liebe Sie, Snape. Mehr als Sie sich vorstellen können. Deshalb würde mich alles andere nur verletzen."

Es wird still zwischen uns. Noch immer sehen wir uns an und er scheint auch nicht vorzuhaben, den Blickkontakt zu mir unterbrechen zu wollen. Ob er damit herausfinden will, ob ich die Wahrheit sage?

Plötzlich seufzt er, lehnt seine Stirn an meine und macht die Augen zu.

"Ich weiß", sagt er leise.

Überrascht muss ich schlucken. Das habe nun wiederum ich nicht erwartet. Er schien nie dafür gemacht zu sein, ein derartiges Eingeständnis abzulegen.

"Dann verstehen Sie es?"

Er nickt und wirkt verunsichert, wenn nicht sogar traurig. "Doch ob es mir gefällt, ist eine andere Sache."

Fast muss ich darüber lachen. "Denken Sie vielleicht, mir gefällt es so?"

"Nein."

Vollkommen perplex komme ich zu dem Schluss, dass wir uns einig sind.

"Gut", sage ich leise. "Und was jetzt?"

"Ich weiß es nicht. Aber hören Sie bitte auf zu weinen."

Er schließt mich in seine Arme und drückt mich an sich und plötzlich weiß ich, wie unrecht ich hatte. Niemand kann wissen, was in ihm vorgeht, doch in einem bin ich mir sicher, nämlich in der Tatsache, dass ich ihm nicht gleichgültig bin.

In dieser Nacht höre ich ihn zum ersten Mal sagen, was er für mich empfindet. Mir ist gleich, ob Dumbledore früher oder später davon erfährt, dass ich bei meinem Professor in den Kerkern gewesen bin. Es soll auch nicht das letzte Mal sein, dass ich ihn dort aufsuche. Doch jedes Mal, wenn wir alleine sind, fühle ich mich bestätigt. Ich weiß jetzt, wie einfältig es von mir war, zu glauben, es würde ihn nicht kümmern. Snape mag zwar nach wie vor ein Eigenbrötler sein, gefühllos ist er aber bestimmt nicht.

Wann immer es sich ergibt, schleiche ich in der Nacht zu ihm und werde von ihm empfangen.

Obwohl ich Angst hatte, dass das mit uns in einer rein körperlichen Beziehung ausarten könnte, ist es anders. Wir lieben uns, wir vertrauen einander. Wenn er mit mir schläft, gibt er sich auf. Manchmal halten wir uns aber auch einfach nur in den Armen, bis wir irgendwann eindösen. Umso mehr kann ich nicht glauben, was um uns herum geschieht. Er weiß, dass ich es ihm nie verzeihen würde, wenn er mich anlügt, schließlich sind wir nach den desaströsen Erfahrungen, die uns zusammengebracht haben, zu einer Einigung gekommen. Wenn wir schon gezwungen sind, zu lügen, so wollen wir wenigstens nicht uns belügen. Und so erfahre ich von Dumbledores Plänen.

Zuerst will ich es nicht wahrhaben. Er muss sich irren! Dumbledore kann nicht so etwas von ihm verlangen. Es wäre reiner Selbstmord...

Doch dann ist es zu spät, die Zeichen zu verleugnen. Alles, was Dumbledore geplant hat, war von Anfang an daraufhin ausgelegt gewesen, Severus in noch größere Schwierigkeiten zu bringen, als die, die er ohnehin schon durchzustehen hatte. Es war auch klar, dass es ihn unweigerlich noch weiter in die Isolation drängen würde. Aber erst, seit ich davon weiß, begreife ich so richtig das Ausmaß der Katastrophe. Die Welt verachtet ihn. Ganz besonders Harry.

Monatelang spielen Severus und ich verstecken, ohne uns je ganz aus den Augen zu verlieren. Ich bin fest mit ihm verbunden, als Freundin, die für ihn da ist und ihm Gesellschaft leistet, ebenso als seine Geliebte. Und doch scheint es aussichtslos zu sein, etwas zu tun, um ihm zu helfen.

Eines Tages treffen Harry, Ron und ich in der Heulenden Hütte im Verborgenen auf Severus und Voldemort. Wir sind nicht grundlos hier. Es gibt für jeden von uns einen Auftrag, obwohl die Jungs nicht wissen, was Severus tatsächlich im Schilde führt. Sein Ziel war es immer, Voldemort zu belügen, ich hingegen war dazu auserkoren, mit Harry und Ron auf die Suche nach den Horkruxen zu gehen, um Voldemort zu zerstören.

Nach Dumbledores Tod wurde es auch um uns einsam, womit wir uns dazu entschlossen, Hogwarts zu verlassen, um unsere Aufgabe zu erfüllen. Wir hatten Schwierigkeiten, doch auch die haben wir gemeistert. Plötzlich aber, als ich das Gespräch zwischen den beiden Männern belausche, gerät alles außer Kontrolle. Voldemort befiehlt Nagini, Severus zu töten. Starr vor Schreck sehe ich zu.

Severus stirbt vor meinen Augen! Aber das kann nicht sein! Ich werde es nicht zulassen … er bedeutet mir alles. Severus Snape ist mehr als nur mein Professor oder ein Freund für mich, denn das haben wir längst hinter uns gelassen.

Als Voldemort mit Nagini verschwindet, kehrt das Leben in mich zurück. In meiner Verzweiflung stürze ich auf Severus zu, drücke ihn an mich und versuche, nicht an das Blut zu denken, das langsam aber beständig aus seinem Körper strömt.

Sekunde um Sekunde entschwindet er mir mehr. Aber er darf mich nicht verlassen ... Er muss bei mir bleiben. So oft hat er Voldemort ausgespielt. Wieso ausgerechnet diesmal nicht?

Ich sehe in seine Augen und vergesse alles um uns herum. Harry, Ron, die Horkruxe...

„Tut mir leid, Hermine", höre ich ihn mit schwacher Stimme sagen. Sie ist kaum mehr als ein Flüstern.

Er gibt uns seine letzten Erinnerungen und Harry verspricht, sie anzusehen. Bereits jetzt ahne ich, dass die Jungs wissen, was auf sie zukommen wird, doch keiner von ihnen sagt ein Wort. Mir ist es gleich. Ich bleibe bei Severus, solange ich kann. Wir beide wissen, dass es kein Zurück mehr gibt. Naginis Gift rafft ihn langsam aber unwiderruflich dahin.

Dann spüre ich es. Insgesamt sind nur wenige Minuten vergangen, seit Voldemort verschwunden ist.

Severus sieht mich ein letztes Mal an, dann werden seine Augen leer und Professor Snape verlässt diese Welt. Vor allem aber verlässt er mich.

Ich blicke wie erstarrt auf sein vertrautes Gesicht, das ich so oft mit meinen Händen umfangen habe, um ihm zu zeigen, was er mir bedeutet. Ich kann nicht mit Worten aufwiegen, wie sehr ich ihn liebe. Auch dann, wenn er fort sein soll, wird das so bleiben. Vielleicht war es von Beginn an egoistisch von mir, an ihm festzuhalten, wo uns beiden bewusst war, dass es aussichtslos war. Aber so ist es nun einmal. Alles kommt anders. Eben war er noch bei mir, jetzt ist er fort, mit sich nimmt er die Wärme und die Zärtlichkeit, die er mir entgegengebracht hat. Das Gefühl, begehrt und geliebt zu werden.

Wie soll ich beschreiben, was in mir vorgeht? Was würde er von mir erwarten? Ich weiß, dass er nicht wollen würde, dass ich seinetwegen weine. Aber ich kann nicht anders. Ich empfinde nichts als Traurigkeit und Schmerz. Eine endlose Leere macht sich in mir breit. Und es gibt nichts, was ich dagegen tun könnte. Alles, was mit einer Lüge begonnen hat, endet nun in jener tiefen Schlucht, aus der es kein Entrinnen gibt. Zurück bleiben nur Harry, Ron und ich.

Erst als die Schlacht vorüber ist, wage ich es, mich gehen zu lassen. Er hätte nicht gewollt, dass Voldemort gewinnt. Ich war es ihm schuldig, diesen Kampf für ihn zu Ende zu bringen.

Für eine Weile wissen wir drei nicht, was wir sagen wollen. Doch irgendwie scheint Harry mich zu verstehen. Er hat die Erinnerungen gesehen, die Severus ihm gegeben hat. Sie sind alles, was mir von ihm bleibt. Ein flüchtiger Traum, nicht mehr, nicht weniger.

xxx

Zur Erinnerung

-houseghost-