Dienstag morgen

„Ja, hallo? Kurt! Ja. Okay, klar ich komme hin. Nein, ich hab ein Navigationssystem im Mietwagen. Abholen? Das wäre toll. 30 Minuten. Ich stehe vorm Hotel." Sie legte auf. Sie starrte an die Decke. Eine Leiche war in der Stadt gefunden worden. Leira sprang aus dem Bett, duschte sich kurz ab und schlüpfte in frische Kleidung. Um kurz nach halb vier fuhr Wallander vor dem Hotel vor, und Leira stieg ein.

„Guten Morgen.", Ihre Stimme klang belegt, sie sah Kurt an und lächelte müde.

„Guten Morgen. Alles in Ordnung?"

„Ja alles toll. Du siehst müde aus. Genau wie ich mich fühle."

Leira meinte nicht nur seine müden Augen. Wallander war vom Revier um viertel vor zwei aus dem Bett geworfen worden, sein Hemd war ungebügelt und zum Rasieren war er auch nicht mehr gekommen. Abgesehen davon sah er aus, als hätte er die Nacht auf seinem Sofa verbracht.

Der Tote lag mitten in einer verkehrsberuhigten Zone, die zum Einkaufszentrum von Ystad führte. Er lag auf dem Bauch. Eine Blutlache hatte sich um ihn gebildet. Nyberg und die anderen Kriminologen waren schon da, machten eifrig Fotos, sicherten die Spuren. Isabell sperrte als Posten den Tatort ab. Noch war es ruhig, neben ein paar aufgeweckten Nachbarn tummelten sich, nur die ersten Presseleute.

Leira trat an Isabell heran. „Sag mal, wieso siehst du eigentlich so erholt aus und ich so grauenhaft?"

Isabell schmunzelte, während sie das Absperrband in zwei riss. „Weil ich Bereitschaft hatte, da schlaf ich immer vor."

Leira machte ein Gesicht, als wäre das die Erleuchtung nach all den Jahren, zwinkerte ihr zu und fragte sie, ob sie die Rechte an der Idee abgeben würde, damit Leira damit bei den Bereitschaftspolizisten viel Geld machen könne.

Wallander besah sich den Toten und fragte Nyberg, was er für ihn hatte.

„Ja also der Tod ist vor zwei Stunden eingetreten. Wie's aussieht, ist er aus dem Fenster da oben gefallen oder gesprungen, das kann ich noch nicht sagen."

Leira blickte mit Wallander nach oben zu einem Fenster im sechsten Stock. Leira stellte sich direkt neben den Toten, ging in die Hocke und versuchte durch verschiedene Blickwinkel, den Fall des Mannes zu rekonstruieren. Kurt beobachtete sie dabei.

„Wissen wir schon, wie der Mann heißt?"

„Sein Ausweis ist hier." Nyberg zog einen Geldbeutel hervor und hielt Kurt den Ausweis hin. „Ein Matts Unström."

Leira verglich die Briefkästen mit dem besagten Namen. „Gewohnt hat er hier zumindest."

Leira trat ins Treppenhaus und stieg die Stufen hinauf. Sie tat das äußerst langsam, ihr Blick schweifte immer wieder über die Stufen, das Geländer und die verschiedenen Türen.

„Suchst du nach was Bestimmten?" folgte ihr Kurt auf dem Fuße.

„Ich weiß noch nicht." Sie besah sich die geöffnete Eingangstür von Matts Unström, dann traten beide ein. Es war eine gewöhnliche Zweizimmerwohnung mit Bad und einer kleinen Küche. Im Wohnzimmer stand das Fenster offen. Leira warf einen Blick hinaus.

„Kein Abschiedsbrief auf den ersten Blick.", sichtete Kurt die Schreibtischunterlagen und Papiere auf dem Wohnzimmertisch.

Leira stützte sich mit beiden Händen am Fensterbrett ab, um sich soweit wie möglich nach draußen zu lehnen. Das Fenster hatte nach Außen hin eine Art Erker. Schräg abfallend nach vorne ging das Dach. Von hier oben konnte sie kaum die Straße sehen.

„Nyberg!?" rief sie hinunter, und Nyberg musste drei Meter in die Richtung der anderen Straßenseite gehen, um einen Blick auf Leira zu bekommen.

„Alles klar da oben?"

„Alles toll, ich wollte nur was prüfen. Danke."

Nyberg trottete zu seinem Toten zurück.

„Und, was glaubst du?" Wallander sichtete gerade ein Regal mit Bildern und Büchern.

„Matts Unström.", sie griff sich ein Bild mit dem Abbild des Toten, „36 Jahre alt. Scheinbar einen gefestigten Freundeskreis.", Sie deutete auf eine Reihe von Partybildern an der Wand hinter dem Schreibtisch, „Wahrscheinlich in einer Beziehung.", sie hielt ihm einen Post-It mit der Aufschrift „Ich seh dich um 13 Uhr" unterschrieben mit einem Lippenstiftmund.

„Die Wohnung ist aufgeräumt.", sie ging zum Kühlschrank, „Bier, Chinesisch von Gestern, Frische Tomaten. Gestern noch gekauft. Sieht man an der Quittung. Nichts was aus dem Rahmen fällt. Nichts was auf einen Selbstmord hindeutet.", Sie schloss die Tür wieder. Sie sah Wallander nachdenklich an.

„Frische Tomaten? Also ich würde keine frischen Tomaten kaufen, wenn ich vorhätte Selbstmord zu begehen." sinnierte er vor sich hin.

Leira setzte sich auf einen Stuhl im Zimmer. „Ich würde gar nicht einkaufen. Sag mir, das ich richtig liege, wenn ich glaube, hier stimmt etwas nicht. Schau mal aus dem Fenster.", deutete sie ihm. Wallander tat es, er wusste, auf was sie hinaus wollte.

„Von hier zu springen … also... er hätte entweder bis zur Dachrinne hinunter gemusst, um von dort zu springen oder man springt von hier..."

„...und schlägt hundertprozentig dort auf der Rinne auf und fällt dann nach unten. Völliger Irrsinn. Das hier,", sie deutete energisch auf das Fenster, „ist kein Fenster für Selbstmord."

„Also glaubst du, es ist Mord?" Wallander sah noch einmal durch die Wohnung, natürlich wusste Leira, was er mit dieser Bewegung sagen wollte.

„Keine Kampfspuren. Vielleicht wurde er dort unten hingelegt?"

„Mh.. glaube ich nicht. Zu viel Blut. Und sein Kopf ist so Matsch, dass er gefallen sein muss. Ob von diesem Fenster oder von einem anderen." Wallander kramte eine Zigarette heraus, er hielt Leira das Päckchen hin, und sie griff danach, um sich ebenfalls eine anzustecken.

„Stimmt." Sie klopfte in ihrer Jacke nach dem Feuerzeug, Kurt beobachtete sie dabei und gab ihr dann seines, was schließlich ihres war. Er lächelte kurz.

„Ich bin gespannt auf den Autopsiebericht. Vielleicht hat man ihn niedergeschlagen und dann aus dem Fenster geworfen."

Wallander zog an seiner Zigarette und suchte nach einem Aschenbecherersatz. Leira schob ihm ein halb volles Glas Wasser hin, das auf dem Wohnzimmertisch stand.

„Du vergisst die fehlenden Spuren am Fenster."

„Es ergibt noch keinen Sinn. Ich bin hier durch. Kommst du mit nach unten?"

Er nickte und folgte ihr. Da blieb sie im vierten Stock stehen und lauschte an den beiden Türen jeweils ein paar Sekunden. Wallander sah ihr an, dass sie überlegte, zu klopfen, es aber dann beließ und ohne weiteren Blick für etwas nach unten trabte und sich zu Nyberg gesellte. Der war gerade dabei, die Leiche abtransportieren zu lassen und mit seinen Technikern ins Haus zu gehen.

„Sag mal Nyberg, kannst du zufällig sagen, aus welchen Stock er gefallen ist?"

Er sah Leira verwundert an. „Nun, also, ich denke, dass der Fall so ab dem 4ten Stock tödlich wird, aber um genaueres... nun ich glaube nicht, dass man sagen kann aus welchem genau."

Damit war für Leira die Beweisaufnahme abgeschlossen, Wallander und sie fuhren zurück zum Präsidium, es war mittlerweile 6 Uhr morgens. Leira schlenderte in den Arbeitsraum, um sich von dort einen Kaffee zu ziehen und setzte sich auf die Couch in der Ecke. Abwesend von allem außer dem Fall rutschte sie mit dem Kopf an die Lehne. Verschiedene Szenarien spielten sich vor ihrem geistigen Auge ab. Dann wurde es dunkel um sie herum.

Kurt Wallander betrat den Aufenthaltsraum und sah Leira, wie sie auf der Couch eingeschlafen war. Ihr unangetasteter Kaffee stand neben ihr auf dem Boden. Er beobachtete sie einen Moment, dann streckte er die Hand aus und berührte vorsichtig ihre Schulter. Er hatte eigentlich mit einem müden Augenaufschlag gerechnet und einer trägen Reaktion. Leira jedoch schoss nach oben, griff seinen Arm, zog daran, schob ihn rau in eine Sitzposition auf der Couch und rief: „Blutspuren im Treppenhaus."

Wallander saß ein wenig verschreckt auf der Couch, während Leira vor ihm stand und völlig aufgelöst im Raum umhersah.

„Himmel Kurt!"

„Ich wollte dich nur wecken."

„Tut mir leid. Ich bin ein wenig überreizt. Ich wollte dich nicht erschrecken. Hab ich dir wehgetan?" Sie griff ihren kalten Kaffee und lies sich neben ihn auf der Couch nieder.

„Nein, alles bestens, du hast mich nur erschreckt."

„Ich hätte dich warnen sollen. Einem Kollegen in Seattle habe ich mal fast den Arm ausgekugelt, weil er glaubte mich in meinem Schlaf zu stören. Aber er war sowieso ein Idiot.", sie nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und verzog dabei das Gesicht zu einer Grimasse, „Wie lange habe ich geschlafen?"

„Es ist jetzt 11 Uhr. Hier, der vorläufige Bericht aus der Autopsie. Du hattest Recht, an seiner rechten Schläfe wurde ein Trauma gefunden, höchstwahrscheinlich ausgelöst durch einen harten Schlag."

„Also war es Mord. Ich würde mir gerne noch mal den Tatort ansehen, und wir sollten uns mal die Nachbarn vornehmen. Würden wir einen Durchsuchungsbefehl für die Wohnungen bekommen?"

„Wohl eher nicht. Die Staatsanwältin würde uns abweisen wegen zu geringem Beweismaterial."

„Lass uns hinfahren und sehen was wir finden, okay."

Er stimmte ihr zu, erklärte Martinsson, dass sie beiden noch mal zum Tatort fahren und dort die Wohnung noch mal in Augenschein nehmen würden. Angekommen nahm Leira mit noch größerer Sorgfalt das Treppenhaus unter die Lupe, fand aber nichts. Als sie oben vor der Tür standen, erkundigte sie sich bei Wallander, ob es in Schweden üblich sei, seinen Müll unten im Keller zu sammeln, bis die Müllabfuhr kam. Dem war so, daher ging sie hinunter in den Keller und fand dort mehrere bunte Tonnen. Es dauerte eine Weile, aber Leira stieß auf ein blutiges Lacken. Die Tonnen gehörten der Allgemeinheit, daher konnte der Müll keinem genau zugeordnet werden. Überraschend kam eine ältere Frau nach unten und sah die beiden Polizisten verwundert an.

Kurt zog seinen Ausweis und hielt ihr ihn hin. „Kurt Wallander. Polizei Ystad. Eine Frage, wer wohnt hier so alles in diesem Haus?"

Die alte Frau hatte scheinbar nicht viel Gesellschaft, denn sie begann, die Informationen wie ein Wasserfall von sich zu geben. Ganz unten würde sie und eine alleinerziehende Mutter leben, die ganz unter ihnen gesagt, nie der Hausordnung nachkommen würde. Im zweiten Stock wohnten jeweils zwei Pärchen, von denen sich eins im Sommerurlaub in Dänemark befand. Darüber wiederum, wohnte eine junge Studentin und daneben der alte Peters, der Stocktaub war und deswegen immer sehr laut Fernsehen schauen würde. Darüber würde eine Wohnung leer stehen und in der anderen Wohnung lebe ein junger Mann, der sie nie grüße und sonst nicht viel sprach. In der letzten Wohnung, der bereits bekannte Tote.

Natürlich fiel der Verdacht sofort auf den jungen Mann in der Wohnung darunter. Leira und Kurt klopften an der Tür an der „Lundt" stand. Leira stellte fest, dass die Wohnung auf die andere Seite des Hauses hinaus ging. Niemand öffnete und Leira klopfte an der anderen Wohnung, die leer stand.

„Keine Mieter, kein Durchsuchungsbefehl." Die Tür war nicht mehr die neueste, und ein kräftiger Ruck genügte und beide standen in der leeren Wohnung. Kurt lehnte die Tür an, und beide liefen durch die Wohnung.

„Kurt!" Leira fand im Wohnzimmer einen kleinen Schemel, der blutig war. Im Raum fanden sich verteilt mehrere feine Blutspritzer.

„Ich glaube, das könnte unserer Tatwaffe sein."

Leira ging zum Fenster und erklärte Wallander, dass nur hier die Leiche hinausgeworfen worden sein könnte. Im selben Moment kam ein junger Mann die Straße herauf und blickte zu den Beiden hoch.

„Lundt?", rief Leira nach unten. Der junge Mann reagierte sofort und ergriff die Flucht. So schnell beide konnten, rannten sie die fünf Stockwerke hinunter und nahmen die Verfolgung zu Fuß auf in die Richtung, in die der Verdächtige geflohen war.

Die Verfolgungsjagd verlor sich auf dem alten Hafengelände, wo sie den Verdacht hatten, dass Lundt in eine der Hallen gegangen war, was sich später als Fehler herausstellte. Zuvor allerdings stieg Leira eine Treppe hinunter und ging durch eine Stahltür, wo sie unvorsichtig an einer Stahltrosse hängen blieb und stürzte. Kurt der ihren Fluch und das Geräusch eines Aufpralls vernahm, glaubte, sie hätte den Verdächtigen gefunden und stürzte in den Raum. Er blieb ebenfalls mit den Beinen an der Trosse hängen und riss sie sogar mit sich. Die Tür rutschte aus ihrer Halterung und fiel ins Schloss.

Dienstag Abend

An Wallanders Ohr drang ein leises Geräusch. Er war die ganze Zeit auf und ab gelaufen und hielt nun inne.

„Hörst du das?", reflexartig lief er zur Tür.

„Was?", Leira lauschte.

„Da, hörst du nicht? Eine Art...", Wallander überlegte, „Grollen. Ganz weit weg."

Leira brach in Gelächter aus.

„Warum lachst du? Himmel Herrgott, reiß dich zusammen."

Sie stoppte und sah ihn lachend an. „Das ist mein Magen, den du da hörst, Kurt. Ich habe tierischen Hunger. Deswegen lache ich."

Er machte ein vielsagendes Gesicht, was Ärger auf Leira bedeuten konnte, oder auch das er sich nun an sein eigenes Hungergefühl erinnert fühlte, was er eigentlich nicht haben wollte. Etwas entnervt trottete er zu Leira zurück und sank wieder neben sie.

„Ich hätte noch Zigaretten."

„Du wolltest doch aufhören." Es klang nicht einmal vorwurfsvoll.

"Woher weißt du das?" fragte er.

"Na, jeder der raucht, will aufhören."

Er dachte kurz darüber nach und fragte sich ob alle Kombination auf diese simple Art und Weise bei ihr vonstatten ging.

„Ja, das wollte ich." Wallander zog die Schachtel aus seiner Jacke und zählte, wie viele er noch hatte. Sieben Stück. Er zog zwei heraus und hielt Leira eine hin. Sie nahm sie, griff nach dem Zigarettenpäckchen und steckte die Zigarette zurück.

„Lass uns eine Teilen, wir sollten nicht so verschwenderisch sein."

Kurt zog das Feuerzeug aus seiner anderen Tasche und stimmt Ihr zu indem er die Zigarette an zündete, einmal tief daran zog und sie ihr hinhielt.

„Soll das heißen, du gehst von einem längeren Aufenthalt aus?"

Leira hatte gerade inhaliert und hielt den Atem an, dabei sah sie ihn mit großen Augen an.

Erst nach ein paar Sekunden blies sie den Rauch aus Ihren Lungen und antwortete unter leichtem Husten, dass sie niemanden verunsichern wollte und natürlich daran glaube, spätestens morgen Mittag wieder im Präsidium bei den anderen zu sein. Kurt wies sie sogleich darauf hin, dass sie jetzt schon bei Mittag wäre und nicht mehr an den Morgen als Befreiungszeitraum glaubte. Als Antwort nahm sie ihm die Zigarette ab und wiederholte die Prozedur vom ersten Zug.

„Himmel Leira, wie rauchst du denn?"

„Wenn man den Rauch ein paar Sekunden in der Lunge behält, dann bekommt man ein komisches Gefühl im Kopf. Ich hatte das Gefühl, mein Kopf könnte das jetzt gebrauchen."

Kurt sah sie misstrauisch an.

„Du weißt, dass das hier keine Haschsachen sind?"

Sie gab ihm nur einen bestimmten Gesichtsausdruck gefolgt von einem Lächeln. Ihre Schulter stieß an seine, und er lachte leise auf. So verbrachten sie ein paar schweigende Minuten bis die Zigarette zu Ende war.

„Kurt?"

„Ja?"

„Ich sag es ungern, aber ich muss auf Toilette."

Wallander sah sie schräg von der Seite an, worauf sie mit den Achseln zuckte. Er wollte es nicht zugeben, aber er verkniff sich sein Bedürfnis schon seit einer Stunde.

Er stand auf und wanderte zu den beiden Nebenräumen hinüber.

„Wir sollten vielleicht das hintere Zimmer ...", er zögerte, es war ihm ein wenig Peinlich, „zu einer.. ja.. also.."

Leira erhob sich ebenso und winkte mit der Hand ab. Sie wusste, was er sagen wollte und ging in das zweite Zimmer in eine der Ecken. Nach ein paar Minuten kehrte sie zurück und traf Wallander unschlüssig herumstehend im Raum, er wandte sich Ihr zu, als sie den Raum betrat. Seine Augen versuchten Ihr auszuweichen, es war keine Situation, mit der er gerechnet hatte. Leira fühlte sich ebenfalls etwas unwohl, versuchte die Situation aber so zu nehmen, wie sie war. Es war so, und obwohl sie mit Kurt Wallander eigentlich nicht solche intimen Dinge wie den Toilettengang teilen wollte, akzeptierte sie es schneller als er.

„Frei." deutete sie mit dem Kopf in die Richtung des neuen provisorischen Bades. Kurt ging an ihr vorüber und als er auf Ihrer Höhe war, setzte sie hinzu, „aber der Wasseranschluss ist leider kaputt." Sie zwinkerte Ihm zu.

Als er zurückkam, lag Leira auf den Kartons. Es war bereits später Abend, und auch er war Müde. Die Kartons gaben nicht, viel her. Zwei Personen würden darauf Platz finden, allerdings wusste er nicht ob er sich dazu legen sollte oder besser woanders Ruhen sollte. Leira blickte ihn an und teilte seinen Konflikt.

„Es wird kühler werden, es wäre unklug alleine zu schlafen, wir würden uns sonst erkälten, so könnten wir uns wärmen. Außerdem,", sie setzte sich halb auf und sah sich misstrauisch im Raum um, „dachte ich du könntest mir die Krabbeltiere vom Leib halten."

„Ich kann es versuchen." Behutsam setzte er sich neben Leira. Es war eine seltsame Situation. Er wusste nicht, ob er nicht zuviel in diese Situation hineininterpretierte. Er war der Vorgesetzte und er hatte einfach Skrupel, sich neben eine Frau zu legen, die er seit sehr kurzer Zeit kannte. Was war er doch für ein altmodischer Kauz, der sogar in dieser extrem anmutenden Situation noch den Gentleman gab.

'Verflucht Wallander!', bedachte er sich und legte sich neben Leira.

Zuerst drehte er Ihr den Rücken zu, aber er spürte Ihre Blicke in seinem Nacken.

„Wieso schläfst du nicht?"

„Wieso schläfst du nicht?"

Er mochte es gar nicht, wenn man ihm sinnlose Gegenfragen stellte, allerdings hatte die Frage Berechtigung, da beide bereits über 20 Minuten so verweilt hatten, und während Wallander in das Halbdunkle geblickt hatte, hatte Leira seinen Nacken angestarrt.

Er drehte sich etwas umständlich zu Ihr um. Stumm sah er in ihr Gesicht und beobachtete sie, wie Leira ihn wortlos anblinzelte.

„Hast du Angst?", fragte er sie schließlich.

„Wieso fragst du mich das? Hast du nicht vor wenigen Stunden gesagt, ich würde so einen unerschütterlichen Eindruck machen?"

„Genau deswegen frage ich dich ja. Du hast mir nicht gesagt, ob ich mich irren würde. Außerdem kann auch ein starker Mann oder eine starke Frau Angstgefühle haben."

Sie schmunzelte kurz. „Wallander, Wallander, ich wusste gar nicht, dass du so diplomatisch weise sein kannst."

„Also, hatte ich Unrecht?"

„Jeder Mensch hat Angstgefühle.", Sie drehte sich auf den Rücken. Wallander stützte seinen Kopf mit der Hand ab und sah sie gespannt an. „Du. Ich. Aber wie viel Angst dürfen wir in diesem Job wirklich haben. Eure Tötungsrate hier in Schweden ist sicherlich nur ein winziger Bruchteil von der, welche wir in Chicago haben, geschweige denn den ganzen Staaten. Also, was heißt das nun? Darf ich deswegen mehr Angst als du haben oder sollte ich weniger haben?" Sie sah ihn an.

Wallander überlegte einige Augenblicke. „Solange die Angst nicht überhand nimmt und uns nicht in unserem Job hemmt, ist es vollkommen egal, wie viel Angst wir haben."

Leira machte ein anerkennenswertes Gesicht. „Du hast an der Uni ein Diplom in Polizeiweisheiten gemacht oder?"

Er grinste sie an und hob die Hand. Leira sah erst die Hand an, dann ihn. Vorsichtig schob er eine Haarsträhne von Ihrer Stirn. Sein Grinsen wurde zu einem verlegenen Lächeln.

„Wir sollten schlafen." sank er auf den Boden zurück und schloss die Augen. Leira blickte noch einen Moment an die Decke des Kellers, schaute dann zu Wallander, wie er scheinbar schon schlief, zog Ihre Jacke enger und schloss ebenfalls die Augen.

Im Laufe der Nacht war die kühle Luft in den Keller gekrochen, und beide hatten unruhig geschlafen. Im Grauen des nächsten Morgens wachte Wallander auf, weil Leira leise vor sich hinwisperte. Ergriffen von ihrem Traum und der Kälte zitterte sie. Ohne lange zu überlegen, legte er einen Arm um sie und zog sie an sicher heran und hoffte, dass ihr wärmer werden würde.

Mittwoch

Als er am nächsten Morgen aufwachte, schmerzte sein Rücken, und er fühlte sich hundeelend. Er dachte an Frühstück und wohlriechenden Kaffee. Er wollte aufstehen, sich die Beine vertreten, aber er sah keinen Grund dazu, also blieb er liegen. Irgendwann wachte Leira auf, sie bewegte sich kaum, wahrscheinlich war ihr Rücken genauso in Mitleidenschaft gezogen wie Wallanders. Sie hob die die Hand und tastete nach seinem Bein, so als wolle sie kontrollieren, ob er noch da sei und die Nacht überstanden hatte.

„Ich bin noch da.", gab er als Antwort.

Der Tag kroch elend langsam an ihnen vorüber. Beide hatten Hunger, fühlten sich schlapp. Leira klagte des Öfteren über Magenschmerzen und das Bedürfnis nach Wasser. Kurt versuchte noch ein paar Mal, mit dem Handy ein Netz zu finden, gab aber schneller als am ersten Tag auf.

Es war irgendwann um die frühe Nachmittagszeit, als Wallander auf der anderen Seite des Raumes saß und Leira beobachtete, wie sie an einen Punkt gegenüber an der Wand fixierte. Ihr Gesicht war starr, aber für ihn einen geübten Ermittler erkannte er die minimalistischen Veränderungen. Ein leichtes Zwinkern, ein Zucken im Augenwinkel, ein glasiger Blick und ein Zucken der Halsmuskulatur verrieten ihm, dass vor Martins geistigem Auge gerade ein seltsamer Film lief. Er hatte ihre Dienstakte gelesen. Ein beeindruckendes Stück Papier, wenn man sich so durch ihre Karriere las. Als Talent ihrer Klasse schaffte sie schnell als eine der jüngsten Kriminologen den Sprung in die Ermittlerarbeit.

Was normalerweise erst über vergebene Jahre beim Streifendienst oder trister Laborarbeit möglich war, umschiffte sie mit unglaublicher Kombinationsgabe und extrem hoher Trefferquote. Trotz weltweiter Angebote, blieb sie stets im Kriminallabor von Chicago.

„James Robbs?" fragte er unvermittelt, weil er sie aus ihrer leidenden Lethargie herausreißen wollte.

Sie blinzelte schnell zweimal hintereinander, das Zeichen, dass Wallander sie aus ihrem inneren Film zurück in das Kellerverlies geholt hatte. Sie blickte zu ihm hinüber, ohne den Kopf zu bewegen.

„James The Kidsreaper Robbs."

Wallander kannte die Geschichte. 2005 war ein Serienkiller im Land unterwegs. Grundschüler verschwanden und tauchten nach einem anonymen Anruf in einem 50 Meilenradius wieder auf. Tot. Robbs fand heraus das Martin die Ermittlungen führte und rief ab da immer sie an. Er spielte sein perfides Spiel mit Ihr und den Ermittlern. Bis er 2007 in einem Delih in Philadelphia von ihr geschnappt wurde. Sie hatte ihm drei Kugeln ins Rückgrat geschossen und sein Gesicht zu Brei geschlagen. Nur weil Robbs überlebte, beließ man es bei einer Verwarnung in der Dienstakte. Robbs wartet seit dem auf seine Hinrichtung in der Gaskammer, welche schon mehrfach verschoben worden war. Er hatte sich bereits durch diverse Gerichte geklagt und den Ermittlern Voreingenommenheit, Schlamperei und Missbrauch der Staatsgewalt vorgeworfen. Die Klagen gingen zu 75 Prozent allein gegen Martin. Er konnte nie wirklich was beweisen, aber er wusste, dass Leira immer wieder aussagen werden müsste. Jedes Detail seiner brutalen Ermordungen und Vergebungen. 18 Tatorte. Sie hatte jeden vor Augen. Robbs wollte sie fertig machen, und da die Durchschnittswartedauer auf eine Hinrichtung etwa acht Jahre beträgt, wusste Wallander, dass Martin noch ungefähr fünf Jahre dieses Spiels vor sich hatte. Obwohl er die Todesstrafe keinesfalls befürwortete und auch glaubte, richtig zu liegen, wenn er vermutete, dass Leira diese Art der Justiz verteufelte, wusste er doch, wer in der ersten Reihe bei der Hinrichtung sitzen würde.

Die nächsten Stunden verbrachten sie mit Small Talk über den Fall und vergangene Fälle. Wallander erzählte ihr von seinem Einstieg in den Polizeidienst und seinem kompliziertem Verhältnis zu seinem Vater. Leira bekräftige ihn, sich mit seinem Vater auseinanderzusetzen, auch wenn es anstrengend und manchmal schmerzlich sei. Auf die Frage, ob ihre Eltern noch leben würde, antwortete sie mit nein. Wallander hatte das Gefühl, dass sie nicht ganz die Wahrheit sagte, beließ es aber dabei. Als sie wieder eine längere Schweigephase hinter sich gebracht hatten, sprach ihn Leira plötzlich wieder an.

"Wie lange bist du schon geschieden?"

Er war erstaunt und blickte auf seine Hände. Er trug keinen Ehering mehr und ein weißer Hautstreifen, der ihn hätte verraten können, war auch nicht zu sehen. Sein kritischer Blick verriet seinen Gedankengang.

"Du spielst an deinem Ringfinger herum, schon die ganze Zeit, als wenn dort ein Ring wäre. Verheiratete neigen dazu, an ihren Eheringen zu drehen, wenn sie nachdenklich werden. Ich schätze, du hast die Angewohnheit noch nicht ganz abgelegt nach deiner Scheidung."

"Noch nicht lange, in der Tat." Kurt wusste nicht, ob er sich weiter offenbaren sollte.

"Du warst nie da, oder? Hast wichtige Termine vergessen, wie den Hochzeitstag, die Schulaufführung deiner Kinder, das lange geplante romantische Abendessen ..."

"Du warst verheiratet?"

"Gott bewahre, nein! Aber die Geschichten gleichen sich doch immer irgendwie.", sie machte eine Pause, "Du wachst irgendwann auf und stellst fest, dass der erste Gedanke deine Arbeit ist und wenn du abends nach Hause kommst, ist es dein letzter." Es klang, schmerzlich und professionell zugleich.

Wallander nickte milde. "Wenn du überhaupt nach Hause kommst."

Sie fuhr sich übermüdet durchs Gesicht und die Haare. Wallander griff zum Zigarettenpäckchen und warf es ihr zu. Sie griff schnell danach und zündete sich eine an.

Wallander sah sie herausfordernd an, er hatte ein Lächeln auf den Lippen.

"Was?"

"Ich dachte du wolltest aufhören?!"

Sie gab ein prustendes Geräusch von sich und warf ihm die Schachtel lax zurück.

...

Als es Abend, war legte er sich wieder zu Leira.

„Glaubst du, sie finden uns?", ihr war der Zweifel anzuhören.

„Ich hoffe es." Kurt hatte genauso wenig Hoffnung wie Leira. Beiden war klar, dass man sie finden würde, die Frage, die sich stellte, war, wann sie gefunden werden würden. Morgen wäre bald der dritte Tag ohne Wasser, und mehr als vier würden sie es nicht aushalten.

„Wie alt bist du?", fragte er sie plötzlich und wusste nicht einmal selber wieso er sich dafür interessierte.

Leira stutzte. „Solltest du das nicht wissen? Hast du denn meine Akte nicht gelesen?"

„Ja schon. Ich hab's eben vergessen." Er legte sich flach auf den Boden.

Obwohl Leira spürte, dass für ihn die Frage erledigt war, kam sie wenige Minuten später auf die Frage zurück.

„Wie alt bist du eigentlich?"

Er richtete sich wieder auf und stützte sich auf seinen Ellenbogen. Leira erkannte sofort, dass ihm die Frage etwas unangenehm war. Bevor er antworten konnte, winkte sie ab.

„Ist auch nicht wichtig, oder?"

„Nein eigentlich nicht. Ich weiß gar nicht, wieso ich gefragt habe."

„Vielleicht weil du dir zu viele Gedanken machst."

Das erwischte Wallander kalt. Er wusste, dass er sich in den letzten beiden Tagen viele Gedanken gemacht hatte, aber er hatte nicht geglaubt, dass Leira dies mitbekommen hatte.

„Worüber sollte ich mir Gedanken machen? Abgesehen davon, dass wir hier in diesem Keller feststecken."

„Das reicht doch, oder? Tu nicht so. Ich sehe dich doch. Deinen Blick und deine Gedanken. Du. Ich. Hier. Alleine. Zwei Fremde, die sich nicht nur Zigaretten teilen sondern auch den Schlafplatz. In der ersten Nacht hattest du Sorge, dich neben mich zu legen."

„Das ist doch ganz normal,", unterbrach er sie, „wir kennen uns doch kaum und dann dieses Situation. Außerdem bist du eine Frau, ich wollte höflich sein. Ich bin nicht so einer, nur weil ich..."

„..weil?"

Wallander fühlte sich ertappt. Er war müde, ihm war kalt, er war hungrig und durstig aber vor allem eins, ein wenig überfordert.

„Weil...äh... nichts. Ich bin eben höflich."

Leira genügte das nicht.

„Weil was? Sag schon!"

„Ich möchte nicht." Er legte sich wieder auf den Rücken und verschränkte die Arme.

„Du hast damit angefangen. Also, sag!"

„Herrgott Leira!", er setzte sich gereizt auf, „Wieso ist das jetzt wichtig? Ich wollte gar nichts sagen, ich hab mich versprochen, ich bin ein wenig müde, ich..."

Leira setzte sich ebenfalls auf. Sie griff nach seiner Hand, um ihm am Aufstehen zu hindern.

„Sei nicht böse, ich wollte dich nicht triezen. Verzeih mir. Ich hatte nur das Gefühl", sie zögerte kurz, „das da etwas wäre."

Er sah sie lange an.

„Es war mir unangenehm, ja. Du bist eine Frau, die wunderschön ist, und ich bin einfach nur überfordert gewesen. Die Situation hier ist nicht gerade alltäglich. Du darfst nicht denken, dass mir das jede Woche mit einer anderen passiert." Leira wusste, dass Kurt nicht mehr aufhören würde, Worte hervor zu sprudeln, wenn sie ihn nicht unterbrach. Bedacht legte sie ihm zwei Finger auf den Mund.

Die Berührung jagte ihm einen Schauer über den Rücken, der ihn sogleich seinen quälenden Hunger vergessen ließ.

Ihre Hand blieb an seinen Lippen und ihre Augen trafen einander. Leira erinnerte sich an Wallanders Berührung, als er ihr eine Strähne aus dem Gesicht gewischt hatte. Wallander sah, was sie dachte.

„Leira...", mahnte er.

Sie sagte nichts, sie wusste nicht was, sie wollte den Moment nicht zerstören. Sie wusste nicht, wo sich die Sache hin entwickeln würde, vielleicht nicht einmal, dass sich da etwas entwickelte, sie wusste nur, dass der Moment einer der angenehmsten war, den sie mit Kurt Wallander bisher gehabt hatte.

Ganz im Gegenteil Kurt. Er ahnte, was sich hier entwickelte und fürchtete die Konsequenzen, die unweigerlich auf sie zukommen würden. Er griff ihre Hand und führte sie in den Raum zwischen sich und Leira. Eigentlich sollte er sie los lassen, aber aus ihm unerfindlichen Gründen wollte er sie nicht loslassen. Vielleicht war es die körperliche Wärme, die Leira Hand ausstrahlte und seine eigene Hand wärmte. Er war sich im klaren, dass dieser Gedanke nur eine Ausrede war und nicht nur seine Hand gewärmt wurde, sondern sich ein warmer Schwall in seinem ganzen Körper ausbreitete. Er kannte dieses Gefühl gut, sehr gut. Es war ihm bekannt, auch wenn er es schon länger nicht mehr gefühlt hatte.

„Leira..."

„Mh?"

„Das ist ein gefährliches Spiel."

Sie gab ihm zu verstehen, dass sie nicht verstand, was genau er sagen wollte. Er wusste, dass sie es vielleicht gar nicht so genau wissen wollte.

„Ich bin..", er suchte schmunzelnd nach den richtigen Worten.

Leira zuckte sanft die Schultern.

„Wir sind Kollegen. Ich bin dein Vorgesetzter. Wir würden es bereuen."

Wieder zuckte sie die Schultern. Sie sah ihn weiterhin an ohne sich dazu zu äußern. Kurt wusste nicht recht was er davon halten sollte. Irgendwo in seinem Brustkasten pochte ein eindeutiges Bedürfnis ganz wild gegen sein Inneres und in seinem Kopf wuchs Befürchtung, dass er die Situation ausnutzen könne. Leira war zwar keine hilflose, willenlose Frau, aber sie war genauso übermüdet, so hungrig und vom Wassermangel aufgezehrt wie er, und seine Sorge war, dass sie nach Ihrer Rettung jegliches Tun in diese Richtung bereuen würden. Sofort fragte er sich, was denn wäre, gäbe es keine Rettung. Vorsichtig beugte er sich zu Leira, er zögerte ein; zweimal, als wolle er Ihre Reaktion testen, als wolle er sie nötigen auch etwas zu tun. Obwohl er ihr dasselbe Bedürfnis ansah, sah er ihr ebenso an, dass sie es ihm überließ, wie die Situation enden würde. Vielleicht weil sie ahnte, dass sie egal wie das hier enden würde, damit leben würde, im Gegensatz zu Kurt, der sich bei der für ihn im Gewissen falschen Entscheidung lange grämen würde.

Er war ganz nah an ihrem Gesicht. Seine Hand hatte ihre Wange berührt. Zaghaft schob er eine Strähne hinter ihr Ohr. Leira Hand griff nach der Hand an Ihrem Ohr. Es war wie ein beruhigendes Zeichen, sich keine Sorgen zu machen. Seine Lippen senkten sich auf ihre linke Schläfe und pressten einen langen festen Kuss auf die weiche Haut. Er zog Leira an sich und schloss von leisem Schmerz erfüllt die Augen. Er war ein Gentleman bis zum Ende. Er hasste sich für seine Moralvorstellungen. Zumindest jetzt.