Um kurz vor acht Uhr hatten alle vier ihr Ziel erreicht. Das Glück war ein wenig mit ihnen, denn an diesem Abend war es stark bewölkt, und es war fast so dunkel wie in der Nacht. Im Anwesen brannte noch Licht, allerdings nur in zwei Zimmern von vielen.
„Leira, hörst du mich?" Pontus funkte über das WalkiTalki.
„Ja, ich höre dich. Kannst du mich hören?"
„Bestens. Svatmann, bist du da?"
„Ja, ich bin vor dem Haus unterwegs. Alles ruhig, aber ich glaube, es fängt heute Nacht noch an zu regnen.", krächzte es über den Funk.
Pontus und Isabell sahen sich grinsend an, als ein kurzer Zusatz über das Gerät kam. „Keiner von euch hat Zufällig einen Regenschirm dabei, oder?"
„Tut mir leid Svatmann, da musst du jetzt durch. So und nun sollten wir Funkstille waren bis etwas passiert. Ich kann euch nicht garantieren, wie lange es dauern wird. Schlaft mir nicht ein."
Leira lehnte sich in ihren Autositz zurück und beobachtete durch das Fernglas das Anwesen. Nichts zu sehen. Sie ging davon aus, dass es eine lange Nacht werden würde.
Sie stellte das Radio an, und ein Jazzsender begann, vor sich hin zu dudeln.
…
„Sag mal Isabell,", begann Pontus, „wieso glaubst du Leira in dieser Sache, du bist doch sonst nicht so."
„Normalerweise nicht, aber hast du dich denn gar nicht mit ihr auseinander gesetzt? Sie ist in den Staaten wirklich eine gute Kriminologin. Sie hat ein paar der spektakulärsten Fälle gelöst."
Pontus tat, als fände er dies als nicht sehr interessant. „Zum Beispiel?"
„Der Kinderschlächter James Robbs. Noch nie davon gehört?"
Pontus erinnerte sich an etwas. „Ja, das war doch vor fünf Jahren oder so, kann das sein?"
„Der Kerl hat mehrere Grundschüler eiskalt umgebracht. Eine Welle der Gewalt ging in zwei Jahren durch die Staaten. Er hat mindestens 18 Kinder umgebracht. Eine Agentin mit dem Namen Leira Martin hat die Ermittlungen übernommen und wurde daraufhin zum Zentrum von Robbs Ansagen an die Polizei. Er vertraute sich keinem mehr an außer ihr. Er spielte mit ihr, er beobachtete sie und selbst nach seiner Festnahme hat er sie mit Postkarten und Verfahren wegen Körperverletzung und Justizschlamperei versucht, fertig zu machen."
„Wieso Körperverletzung?"
„Als sie ihn in einem Deli in Philadelphia erkannte, hat sie ihn zum Krüppel gemacht. Sein Gesicht soll ausgesehen haben wie Brei."
„Ja, ich erinnere mich dunkel."
„Danach hat sie sich in ein Austauschprogramm eingeschrieben und reist jetzt durch die Welt, um so was wie bei uns zu machen. Wahrscheinlich eine Flucht. Es heißt Robbs schicke ihr jeden Monat eine Postkarte aus dem Todestrakt."
Pontus nahm das Fernglas und blickte zu Leira Wagen hinüber. Sie las in einer Zeitung und spähte immer wieder zum Anwesen. Plötzlich blickte sie direkt zu Pontus herüber und griff das Funkgerät.
„Was zum.."
„Pontus, hör auf mich zu beobachten!"
Erschreckt senkte er das Fernglas, Isabell lachte leise.
Ein Schlag gegen die Autotür ließ beide aufschrecken.
„Gott Svatmann!"
„Tschuldigung, mir ist kalt und ich wollte wissen ob ihr schon was gesehen habt."
„Nein. Nichts."
Sonntag
Die Stunden gingen ins Land. Es war mittlerweile Mitternacht. Leira hatte einige Mühen die Augen offen zu lassen. Sie hatte nicht daran gedacht, Kaffee mitzubringen. Sie nahm das Fernglas und blickte zu Pontus und Isabell hinüber. Pontus schien vor sich hinzu dösen, und Isabell beobachtete das Grundstück mit dem Fernglas. Svatmann hatte sich wieder für ein paar Minuten zu ihnen gesellt und blickte mit müden Blick in die Straße, in der Leira parkte. Sie lächelte still als sie plötzlich in Svatmanns Gesicht einen panischen Ausdruck feststellte. Er griff Isabell an die Schulter und deutete ihr mit dem Fernglas zu Leira herüber zu blicken. Auf Isabells Lippen konnte sie ein ihr nicht unbekanntes Schimpfwort lesen. Irgendwas ging vor. Da krächzte es aus dem Mikrofon.
„Wallander!"
Leira begriff nicht, als plötzlich die Autotür aufging, und sich jemand in den Wagen setzte.
Sie benötigte ein paar Sekunden, um im halbdunklen die Situation zu begreifen.
„Kurt! Was tust du hier!?"
„Na was wohl? Du hast mir doch förmlich angedroht, dass du Ole beschatten würdest, also bin ich hier hergekommen."
„Wie bist du hergekommen?"
„Mein Auto steht die Straße runter, niemand hat mich gesehen, keine Sorge. Ich muss mit dir reden."
Leira schätzte seine Offensive, war aber jetzt weder in der Stimmung noch in der Lage, lange Gespräche zu führen.
„Kurt, das ist vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt."
„Ja, das mag sein, aber ich wollte die Situation von heute Mittag klarstellen."
Seine Hartnäckigkeit als Kommissar war weit bekannt, dass er es schaffte, die Hartnäckigkeit sogar manchmal in sein Privatleben zu übertragen allerdings nicht. Leira suchte den schnellen Abschluss.
„Ich hab überreagiert. Du hattest Recht und ich Unrecht."
Er stockte einen Moment. Wieso war seine Exfrau eigentlich nie so einsichtig? Er schüttelte den Gedanken ab. Mit Leira Eingeständnis konnte sich Wallander nicht zufrieden geben.
„Leira."
….
„Was reden die beiden da?"
„Svatmann, sehe ich aus als könnte ich Lippen lesen? Ich hab keine Ahnung. Wahrscheinlich macht er sie jetzt zur Schnecke.", kniff Pontus die Augen zusammen um etwas mehr zu erkennen.
„Sieht eher danach aus, als wenn sie ihn zur Schnecke macht.", kicherte Isabell.
…
Leira griff seine Hand und versuchte, dies so unauffällig wie möglich zu tun, weil sie genau wusste, dass sie von sechs paar Augen beobachtet wurden.
Kurt lächelte. „Meine Unterstellung im Büro war falsch. Es tut mir leid. Ich kann verstehen wieso du so sauer warst, aber du musst meinen Standpunkt doch wenigstens ein bisschen verstehen."
Leira sah ihn an, sie versuchte, von vorneweg ein versöhnliches Gesicht zu machen.
„Reg dich jetzt bitte nicht auf, okay."
„Wieso?"
„Wir werden beobachtet."
Wallander sah sich irritiert um.
…
„Oh nein, ich glaub jetzt sagt sie ihm, dass wir eine Observation durchführen."
…
„Siehst du das Auto da hinten? Das ist Isabell."
„Isabell! Ich glaub jetzt geht's los, du hast Isabell zu einer scheinbar sinnlosen Observation angestiftet?"
„Ja,", sie machte eine kleine dramatische Pause, „Pontus auch."
Kurt entglitten kurz die Gesichtszüge. „Ich glaub … ich glaub ich spinne!"
„Schrei nicht so!"
„Was heißt hier, schrei nicht so. Du kannst doch nicht meine Polizisten abwerben."
„Ich hab sie nicht abgeworben, sie haben sich angeboten, alle Drei."
„Drei?!", Kurt griff sich das Fernglas, „Svatmann. Du hast die halbe Belegschaft hier sitzen, wenn das raus kommt, kriegen wir mächtigen Ärger! Gib mir das WalkiTalkie. Isabell, Pontus, Svatmann, was habt ihr euch nur gedacht!?"
Leira nahm ihm das Gerät wieder ab.
„Kurt, hör auf zu schreien."
„Leira, bei aller Liebe, aber das geht zu weit. Das du ihn beschatten wolltest, okay. Aber du kannst meine Leute da nicht mit reinziehen. Das hier sind nicht die Staaten."
Entnervt warf er den Kopf in die Kopfstütze des Sitzes. Er schüttelte ihn dabei und ächzte ein-, zweimal zornig auf. Dann beruhigte er sich langsam wieder und blickte nachdenklich zum Anwesen hinüber.
„Ich mach's wieder gut."
Er zuckte die Schultern, als wollte er damit sagen, dass die ganze Sache ohnehin schon in den Brunnen gefallen war.
„Wein und Meer."
Kurt sah sie an. „Wein und Meer?"
„Ich versprech's."
Fast hätte er sich zu ihr hinüber gebeugt, als das WalkiTalki krächzte.
„Leira, da tut sich was!"
Sie nahm Wallander das Fernglas wieder ab und beobachtete einen Mann, der über den Rasen zur Veranda hoch lief. Er blieb dort stehen und schien gegen die Tür zu klopfen. Nach wenigen Sekunden ging im Zimmer das Licht an und die Tür wurde geöffnet.
Leira stieg aus dem Wagen aus.
„Was hast du vor?", folgte Wallander ihr.
„Schnell. Svatmann geh zum Vordereingang zurück. Pontus, Isabell sichert die Seiten."
Schnellen Schrittes liefen Wallander und Leira über den Rasen bis zur Veranda. Im Inneren brannte Licht. Zwei Männer führten ein gestenreiches Gespräch. Einer davon war Ole Holgerson, der gut an seinem Pflaster am Kopf zu erkennen war. Der Andere war mit dem Rücken zur Tür und war nicht zu erkennen.
Wallander schlich zur Glastür und versuchte Gesprächsfetzen aufzufangen.
„Ich gebe dir kein Geld mehr. Du hast mir nur Ärger bereitete!", rief Holgerson und fuchtelte wild in der Luft herum, „Du Polizei war hier und hat unangenehme Fragen gestellt. Ich konnte die nur mit Mühe überzeugen, dass da sinnlose Papiere gestohlen worden sind. Hast du eine Ahnung, was für ein Skandal drohen würde, nur weil du nicht warten konntest!? Ich möchte die Unterlagen jetzt haben."
„So schnell nicht mein Lieber, du schuldest mir noch Geld."
„Ich hab dich ausbezahlt. Ich hab die Schnauze voll von deinen Erpressungen."
Plötzlich zog der Unbekannte eine Pistole. „Ich werd' dich schon noch überzeugen!"
Leira erblickte den Stromkasten neben sich und öffnete ihn. Sie deutete Wallander, sich bereit zu halten.
„Willst du mich erschießen? Die ganze Nachbarschaft würde aufwachen, man würde dich schnappen, sei doch kein Idiot!"
Leira legte die Hauptsicherung um, und das Zimmer lag im Dunkeln. Die beiden Männer gaben einen Aufschrei von sich, man konnte hören, dass die beiden ein Gerangel im Inneren begonnen.
„Los jetzt." Leira schlug mit einem Stock die Scheiben der Tür ein, öffnete sie von Innen und ließ Wallander, der die Pistole im Anschlag hatte, den Vortritt.
„Polizei Ystad!" brüllte er noch, als sich mehrere Schüsse lösten.
..
Pontus und Isabell eilten so schnell wie möglich über die Grünanlage. Als sie an der Veranda ankamen, erkannte Pontus sofort, das am Stromkasten manipuliert worden war und schaltete die Hauptsicherung wieder ein. Im Inneren des Raumes bot sich ein chaotisches Bild.
Als Wallander in den Raum eingedrungen war, hatte der Fremde sich umgedreht und einen Schuss ins Dunkle abgegeben, woraufhin Wallander ebenfalls feuern musste.
Leira konnte mit dem Stock die Waffe aus der Hand des Fremden schlagen, und sich auf ihn stürzen. Nach einem kurzen Gerangel hatte sie es geschaffte ihm Handschellen anzulegen. Daraufhin wollte Holgerson scheinbar die Flucht ergreifen. Leira hatte Wallander, der unter einem Schuss zu Boden gegangen war, die Waffe abgenommen und ihn am Vorderausgang gestellt, wo bereits Svatmann auf ihn gewartete hatte. Ihm wurden Handschellen angelegt, und am Treppengeländern von Svatmann überwacht. Als das Licht wieder anging, bot sich ein blutiges Szenario.
Wallander lag bewusstlos auf dem Boden. Seine Kleider waren mit Blut bespritzt wie der gesamte Boden. Leira machte einen Satz zu Kurt auf den Boden.
„Wallander! Kurt! Gott im Himmel, Pontus ruf eine Krankenwagen."
„Wo ist er verletzt?", sicherte Isabell die Lage, indem sie den noch Unbekannten mit der Pistole vor Dummheiten zurückhielt.
„Ich Weiß nicht." Leira wurde panisch und tastete Wallanders Körper ab. Sie hob sein Jacke und drehte seinen Kopf in alle Richtungen,m um eine Schusswunde zu suchen. Weil sie außer einer kleinen Wunde am Kopf nichts fand, wusste sie nicht, was sie tun sollte.
„Ich bin mir nicht sicher.", sie schlug Wallander vorsichtig auf die Wangen, „Kurt?"
Nur langsam kam er wieder zu Bewusstsein. Als er endlich die Augen aufschlug blickte er in das erschreckte Gesicht von Leira.
„Bist du verletzt?" griff er sie schwach am Arm.
Sie lachte erleichtert auf. „Das fragst du mich? Bist du okay?"
Er hob den Arm zu ihrem Ohr und schob ihr die Haare dahinter. „Er muss mich mit der Waffe niedergeschlagen haben.", da blickte er auf Leira Schulter, die einen Streifschuss abbekommen hatte. „Aber du bist verletzt."
Sie wandte den Blick nicht von seinen Augen. Er deutete ihr, dass alles in Ordnung sei. Vorsichtig rappelte er sich wieder auf die Beine. Leira hingegen blieb auf den Knien leicht desorientiert liegen.
„Komm, ich bringe dich jetzt ins Krankenhaus.", er half ihr auf die Beine und nahm ihr Gesicht in seine Hände, „Wir sprechen später, ja."
Sie nickte und ließ sich von Svatmann zu einem der Sanitäter bringen.
…
Sonntag Nachmittag
Leira Schulter musste mit zehn Stichen genäht werden, es war keine ernste Verletzung entstanden. Ihre Schulter wurde verbunden und ihr Arm in eine Schlinge verfrachtet. Martinsson und Wallander kamen zum Krankenhaus, um sie abzuholen.
„Wie geht es dir?"
„Hey Martinsson. Es geht gut, nichts Ernstes.", sie saß in sich gekehrt auf dem Krankenhausbett, ihr Blick ging zu Wallander, „Ich hab einen Fehler gemacht."
Er unterbrach sie. „Nein, ich habe einen Fehler gemacht. Du hattest das richtige Bauchgefühl und ich nicht."
„Das meine ich nicht. Ich hätte Isabell und die Anderen nicht mit reinziehen dürfen. Ich hab sogar dich mit reingezogen und für einen Augenblick dachte ich, dich hätte es erwischt!", sie war vom Bett aufgesprungen und versuchte nun, einarmig ihre Habseligkeiten in eine Tasche zu packen.
„Wir haben Ole festgenommen. Der Fremde heißt Marcus Sorens. Er hat Holgerson erpresst. Vor ein paar Wochen hat er ihm Papiere gestohlen, die ihn eindeutig der Steuerhinterziehung bezichtigen. Sorens fing an ihn zu erpressen und gestern wollte Holgerson ihm die Papiere für eine größere Summe abkaufen. Sorens überlegte es sich anders, es kam zum Streit, er schlug ihn zusammen."
Martinsson erklärte weiter.
„Heute Nacht wollte Holgerson dann den Spieß umdrehen und drohte ihm mit Anzeige. Wir haben in Holgersons Jacke einen Revolver gefunden. Wahrscheinlich wollte er ihn beiseite schaffen. Den Rest der Geschichte kennen wir ja."
Leira schüttelte den Kopf. Ihr Unverständnis und ihr Unbehagen für diese Welt wuchs von Tag zu Tag.
„Komm Leira, ich bring dich nach Hause.", bot ihr Martinsson an.
Leira sah ihn dankbar an. „Würde es dir was ausmachen, wenn mich Kurt fährt, wir müssen noch was bereden."
Er hob die Augenbrauen. „Oh! Nein, wie du willst. Ich geh dann mal, gute Besserung. Kurt, wir sehen uns auf der Dienststelle. Hey."
„Hey." Kurt sah ihm nach, wartete bis er aus der Tür verschwunden war und schloss sie dann. Seine Schläfe war von einem Bluterguss gezeichnet.
Leira versuchte hilflos, den Reißverschluss der Tasche zu schließen. Wallander trat an sie heran und erledigte das für sie. Sie blickte ihn mit müden Augen an.
„Das ist eindeutig zu viel Abenteuer für eine Woche."
„Eindeutig.", sie berührte mit ihrer Hand seine Stirn.
Dabei zuckte er leicht auf. Sie fuhr zur Wange und spürte seine Wärme. Leicht drückte er sein Gesicht in ihre Hand.
„Ach Kurt!", ging die Tür auf und Martinsson stand plötzlich wieder im Raum.
Leira zog schnell die Hand weg und Kurt versuchte noch sich so weit wie möglich, von ihr wegzudrehen.
„Oh, stör ich?" Martinsson stand überrascht und perplex da.
Wallander räusperte sich und sah ihn eindringlich an. „Was gibt's denn noch?"
Er musste sich schütteln von dem für ihn sehr heftigen Eindruck. „Ich hatte den Wagenschlüssel noch in der Tasche. Den brauchst du ja wohl, wenn du Leira nach Hause fährst.", unschlüssig darüber, was er tun sollte, legte er den Schlüsselbund auf den Tisch an der Tür. Leira lächelte ihn verlegen an.
„Noch was?"
„Äh.. ja.. nein. Bis dann. Hey.", er machte auf dem Absatz kehrt und verschwand so zügig wie er gekommen war.
Wallander hob leicht den Kopf und sah Leira an, die sich einen leisen Lachanfall verkneifen musste. Er grinste und ging zurück zu ihr.
Sie schob ihre freie Hand in seinen Nacken, doch bevor sie dazu kam, ihn zu küssen, löste er sich zügig aus ihrer Umarmung.
„Moment ja.", er zwinkerte ihr zu, schritt schnell zur Tür und sprang aus dem Flur hinaus.
„Was tust du da?"
Er blickte in beide Richtungen, als wolle er sich um irgendetwas versichern, kam dann wieder ins Zimmer, schloss die Tür und trat zu Leira, die ihn mit fragendem Blick ansah.
„Ich wollte mir nur sicher sein, dass wir nicht gestört werden. Sonst komme ich heute nie dazu."
Wallander lächelte sie an und senkte seinen Kopf für einen lange ausstehenden Kuss. Leira schloss die Augen und hätte ihre Schulter nicht durch die Umarmung geschmerzt, hätte sie Wallander nicht mehr losgelassen.
„Bring mich zu dir nach Hause, ja?"
Er legte ihr die Jacke um die Schultern. „Unbedingt."
….
Bei seinem Haus angekommen legte er ihre Sachen im Wohnbereich ab und setzte sich mit ihr auf die Couch.
„Ich hatte Angst um dich, deswegen bin ich in der Nacht zu dir gekommen. Ich dachte, dir passiert was, ich hatte ein schlechtes Bauchgefühl."
„Das ist lieb von dir, und du hattest ja auch nicht ganz Unrecht.", sie hob unmerklich die verletzte Schulter.
„Lass mal sehen.", vorsichtig hob er ihren Arm aus der Schlinge und entfernte sie von Ihrem Hals. Als nächstes schob er das Krankenhaushemd vorsichtig von Ihrer Schulter. Darunter erschien ein großer Verband.
„Tut es weh?"
„Nur ein bisschen."
Behutsam senkte er den Kopf und küsste die Stelle neben dem Verband.
„Besser?"
„Ein bisschen.", antwortete sie leise.
Wallander küsste sie an der Stelle zwischen Schulter und Hals. Stück für Stück bis zu ihrem Ohr. „Und jetzt?"
Ihre Lippen suchten seine. „Absolut schmerzfrei."
Sanft schob er seine Hand in ihren Nacken und ließ sie auf das Sofa nieder. Er küsste sie leidenschaftlich bevor er aufstand und ihr deutete liegen zu bleiben.
„Ich hab Sorge um deine Schulter.", verschwand er in die Küche und kehrte mit einer Flasche Wein zurück, „Daher dachte ich, wir trinken so lange, bis die Wunden aufhören zu schmerzen." Dabei lehnte er die kalte Weinflasche an seine Wunde am Kopf.
Leira lachte ihn freudig an. Wallander öffnete die Flasche und schenkte Ihnen beiden ein Glas ein, danach setzte er sich wieder auf das Sofa und legte ihren Kopf auf seinen Schoß. „So okay?"
„Wunderbar.", stieß sie mit ihm an. Seine freie Hand begann, ihren Kopf zu streicheln.
„Ich habe ein Angebot bekommen, von einem Kriminalinstitut in England.", begann sie unvermittelt.
„Das.. das klingt doch gut. Was...wann..", er blickte sie über sein Weinglas an.
„Die wollen, dass ich am Mittwoch da anfange."
„Das ist ja in drei Tagen!", das Glas senkte sich, „Aber ich dachte... Ja. Toll."
Leira hörte die Enttäuschung in seiner Stimme. Sie leerte ihr Weinglas und genoss noch ein wenig die Streicheleinheiten, ehe sie sich wieder aufrichtete.
Sie wollte ihn küssen, aber er wich ihr aus.
„Kurt, bitte, ja ich weiß, ich hatte gesagt, ich würde noch eine Woche bleiben, aber es ist ein gutes Angebot."
Er sah sie kritisch an. „Ja, klar. Der Job geht vor.", dann griff er zur Weinflasche.
Leira packte danach und nahm sie ihm aus der Hand, wofür sie einen protestierenden Blick erntete. Sie schenkte sich selbst ein.
„Das ist jetzt hier kein Beziehungsstreit, oder?"
„Wie kommst du denn darauf?", er stand auf und nahm ihr die Flasche ab.
„Weil du aufstehst. Du stehst immer auf, wenn dir was nicht passt."
„Das stimmt überhaupt nicht.", er setzte sich wieder.
„Kurt, das ist nicht Liebe haben wir gesagt. Ich bin doch gar nicht dein Typ. Ich arbeite zu viel. Ich trinke und manchmal rauche ich zu viel. Ich bezeichne Kollegen als meine besten Freunde. Ich habe keine Ahnung von der Welt da draußen, außer dass ich ihr Grauen sehr gut kenne. Das macht mich zu einer unendlich melancholischen und von der Welt abgrundtief enttäuschten Person."
Kurt gingen ihre Worte durchs Mark. Eine klare Erkenntnis kroch in ihm hoch. „Du bist wie ich."
„Genau und deswegen würden wir uns letztendlich nur aufzehren. Bis wir uns gegenseitig vernichtet hätten."
Wallander biss sich die Innenseite seiner Lippen wund.
„Sag mir eins, war das nur eine Zweckgemeinschaft? Das hier zwischen uns? Ein Spaß, ein Zeitvertreib? Bin ich nur irgendein Mann für dich?"
Sie schüttelte energisch, aber fast unmerklich den Kopf. Nur das Zittern ihrer Haare verriet die Energie dahinter.
„Du bist nicht irgendein Mann. Du bist Kurt Wallander von der Polizei von Ystad, und ich bewundere deine Art der Ermittlung. Ich finde dich attraktiv, intelligent, stilvoll und wenn ich nicht Leira Martin von Kriminallabor in Chicago wäre, vergiftet und seelisch aufgezehrt von den Abgründen dieser Welt würde ich mich sofort in dich verlieben. Aber ich kann das nicht. Ich bin ein ruheloses Tier immer auf der Suche nach dem nächsten Abgrund. Ich bin kein Mensch, den du verdienst."
Wallander hatte während Leira Ansprache die Weinflasche genommen und war so gerührt von den Worten, dass er wie ein unschlüssiger Kellner da saß. Das hatte noch nie jemand zu ihm gesagt. Eigentlich war es immer sein Part gewesen, dass andere ihn nicht verdient hätten. Eben weil er wie Leira war. Immer am Arbeiten. Vergesslich in allem, was nicht seinen Job betraf.
„Du bist die erste Frau, die mir sagt, dass ich etwas besseres verdiene. Normalerweise sagen mir die Frauen immer, dass ich sie gar nicht verdienen würde. Das ist unglaublich nett von dir."
„Das mit uns wird immer ein Highlight für mich sein, aber uns trennt zu viel für mehr."
„Du hast Recht."
Wallander stellte die beiden Gläser zur Flasche auf den Tisch. Nicht das er betrunken war, aber der Wein war ihm und auch Leira in den Kopf gestiegen. Leira stand auf und sah auf das dunkle Meer hinaus.
„Ich werde morgen meine Sachen packen und mit der Fähre nach England übersetzten."
Kurt würde lügen, wenn er nicht zugäbe, dass die Aussage ihn schmerzte. Natürlich konnte er sich keinerlei Zukunft mit Leira vorstellen, dafür trennte sie tatsächlich zu viel. Es war ein vorübergehendes Glücksgefühl, dass irgendwann der Ernüchterung Platz machen würde, und alles würde mehr oder weniger schnell den Bach runtergehen. Wusste er doch zu gut, was sie mit einem ruhelosen Tier meinte. Auch er, ein getriebener, auf der Suche nach sich selbst. Enttäuschst von Land und Leuten und der Liebe sowieso.
Leira sah seinen traurigen Blick.
„Aber vorher,", er sah auf, „will ich mit dir in dein Schlafzimmer gehen."
Der Blick eines 16 jährigen huschte über sein Gesicht. Er griff ihre Hand und zog sie an sich.
„Willst du mein Mobiliar bewundern?"
Sie lächelte und begann sein Hemd aufzuknöpfen. Unter wilden Küssen fielen sie halb entkleidet in Kurts Bett. Eine letzte Nacht. Es würde ihnen beiden genügen, ihre Speicher für die Zeiten der Abwesenden Liebe und Körperlichen Nähe aufzufüllen.
Am nächsten Morgen würde er Leira gehen lassen, aber solange gehörte sie noch ihm und er gehörte ihr. Mit jeder Faser seines Körpers. Er liebte sie die ganze Nacht, und selbst als Beide erschöpft und müde waren, der Wein aus ihren Köpfen verschwunden war, und ihre Wunden schmerzten konnten sie ihre Hände nicht voneinander lassen. Es war wie ein Klammern an ein bisschen Hoffnung, dass die Zeit stehen bleiben würde, und ihnen nur noch ein bisschen mehr von diesem Glück verschaffen würde.
Als Wallanders Wecker ansprang, hatten sie gerade eine Stunde geschlafen.
„Der Tag wird der totale Horror.", lachte er und war versucht liegen zu bleiben. Leira legte sich auf seine Brust. Abschied stand im Raum.
„Ist das jetzt das Ende?"
„Nein, ich komm noch im Präsidium vorbei. Dann nehme ich die Fähre."
Nach einem stillen, schnellen Frühstück ließ er sie an ihrem Hotel raus und fuhr zum Präsidium, um dort lange in seinem Auto sitzen zu bleiben. Die Müdigkeit hatten Furchen in seinem Gesicht hinterlassen, aber das Glücks strahlte aus seinen Augen. Erst als Pontus an seinen Wagentür klopfte, konnte er sich aufraffen auszusteigen.
„Morgen Pontus."
„Morgen Kurt. Schlimme Nacht?"
„Mh. Heute Mittag will ich den Bericht von dir und Isabell. Und nächste Woche schiebt ihr zwei Extraschichten mit Svatmann, nur dass das klar ist."
„Und schon wieder der Alte.", murmelte Pontus und bog in den Aufenthaltsraum ab.
„Das hab ich gehört, Pontus! Guten Morgen Ebba."
„Morgen Kurt. Um Himmelswillen, du siehst ja schrecklich aus. Hast du überhaupt geschlafen?"
Wallander lies Ebba wortlos zurück. Da traf er Martinsson auf dem Flur.
„Morgen Kurt. Kaffee? Du siehst aus, als wenn du ihn gebrauchen könntest.", es war nur ein Hauch, aber Wallander konnte den Unterton genau hören.
„Janne..."
„Kurt. He.", er hob lächelnd die Hände, „es freut mich für dich. Meine Lippen sind versiegelt."
„Ja .. danke..."
Martinsson besah seinen Chef von oben bis unten. Wallander sah ihn fragend an.
„Zu alt für mich, ja? Schwätzer!", er grinste.
„Wer ist zu alt für wenn?"
Es war Leira, die aus irgendeinem Grund gar nicht müde aussah und bester Laune war.
„Ach nichts, wir haben nur über einen Fall geredet.", lehnte sich Martinsson an den Türrahmen.
„Gestern noch verprügelt und heute schon wieder tief im nächsten Fall, Respekt Kurt. Ich bin hier, um mich endgültig zu verabschieden. Ein Labor in England hat mir ein gutes Angebot gemacht, ich setzte Heute mit der Fähre über." Sie erklärte es mehr Janne, statt Kurt, weil sie wusste, dass Janne mittlerweile Eins und Eins zusammengezählt hatte.
„Das ist schade. Ich hoffe, du findest vielleicht irgendwann einmal den Weg wieder über Ystad."
„Ja, wer weiß? Vorstellen könnte ich es mir.", sie sah zu Wallander hinüber.
„Machs gut, Leira. Und euch lass ich dann mal allein, mh." Martinsson verschwand unauffällig.
„Ja dann,", begann Kurt nach Worten zu suchen, „melde dich, okay?"
„Mach ich. Pass auf dich auf."
Beide standen unschlüssig im Raum. Wallander machte den ersten Schritt.
„Komm, lass dich noch einmal drücken."
Beide waren gerührt. Leira hatte ein wenig, mit den Tränen zu kämpfen. Sie roch noch einmal an Kurts Körper. Ein letzter Kuss. Ein letztes Lächeln. Als sie ging, schloss sie die Tür, und Wallander trat ans Fenster. Es dauerte ein paar Minuten, als sie auf den Hof kam. Als sie an ihrem Wagen war, blickte sie zu ihm hoch. Sie hob die Hand und schickte ihm einen letzten Kuss. Seine Hand griff an die Scheibe. Als ihr Auto davonfuhr, kam Martinsson zurück. Im Wald war eine Leiche gefunden worden.
Sonntag
Da war er wieder. Der graue, hässliche, trostlose Alltag. Kurt Wallander war wieder angekommen, in der Realität.
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Das Ende. Ich hoffe es hat euch gefallen. Über Reviews würde ich mich freuen. Danke und weiterhin viel Spaß!
