Kapitel 1: Gruß aus der Hölle (Toronto, 6 Jahre später…)


Es war Nacht. Erster Frost zog aus den höheren Bergregionen hinunter ins Tal, verdrängte die letzte verbliebene Spätsommerwärme aus den Straßen. Der Himmel war klar und so sternenleer, dass es einem Angst einjagen konnte. Als wäre ihr Licht von einer finsteren Macht verschluckt worden.

Nur der große Vollmond thronte am Firmament wie ein allsehendes Auge. Es war der erste Vollmond in diesem Monat.

Der Blutmond, der dunkle Veränderungen ankündigte.

In Nächten wie diesen regierte das Tier, suchte nach Beute. Hilflose Opfer, an die es sich aus der Dunkelheit anschleichen konnte, um seine Gier zu stillen.

Das Tier kannte keine Gnade. Es war ein Dämon ohne Gewissen. Immer hungrig, nie befriedigt. Uralten Instinkten folgend tat es nur das, wozu es geschaffen war.

Jagen.

Töten.

Wieder und wieder, jede Nacht bis in die Verdammnis der Ewigkeit.

Das Tier regierte, wenn der Mann verschwand…

„Was liest du da?"

Mein Arm, mit dem ich mich an der Lehne der Beifahrertür abgestützt hatte, rutschte ab und die abrupte Bewegung riss mich ungewollt aus meinen Gedanken.

Ich hatte es wieder getan, war wieder in meine Tagträumerei verfallen ohne es zu wollen. Manchmal konnte ich ganze Stunden in meiner eigenen Welt verbringen ohne es zu bemerken. Meine Eltern fanden es amüsant, mir dabei zu zuschauen, meine innersten Gedanken zu belauschen, ich fand es nur noch lästig. Doch was blieb mir anders übrig, die reale Welt war mir fremd.

Ich sah von dem Buch in meinem Schoss zu meiner Tante Rosalie herüber. Es war ein sonniger Tag in Toronto und die ganze Stadt schien sich im Freien aufzuhalten, um die letzten warmen Herbsttage zu genießen. Der Winter würde schon früh genug kommen.

Wir saßen in Rosalies Wagen, ein rotes Porsche Coupe.

Man mochte es meiner Tante auf den ersten Blick nicht ansehen und auf den Zweiten nicht glauben, aber sie war ein As wenn es um Autos und Motoren jeder Art ging – sie konnte mit ihrem umfangreichen Fachwissen so manchen Mechaniker die Schamesröte ins Gesicht treiben. Und sie tat es auch bei jeder Gelegenheit.

Rosalie hatte mit Sicht auf den High Park und des großen Ontariosees geparkt, und wir hatten uns zum Schein vorher bei einem Drive-In-Restaurant Eiswaffeln gekauft. Keiner von uns mochte Eis, doch die Menschen erwarteten es in der schwülen Wärme, also taten wir zumindest so, als würden wir diefruchtige Abkühlung genießen.

Rosalie konnte das Auto bei diesem Wetter nicht verlassen. Sie trug eine modische Sonnebrille mit übergroßen Gläsern, hatte das Fenster an ihrer Seite herunter gekurbelt und gab vor, der Mittagshitze im klimatisierten Auto entgehen zu wollen. Sie wedelte sogar mit einem zusammengefalteten Werbeflyer vor ihrem Gesicht herum, dabei war es nicht die Hitze, vor der sie sich in Acht nehmen musste.

Ich hielt das in vergriffenes Leder gebundene Buch hoch, sodass sie den Einband sehen konnte. Die Seiten waren bereits vergilbt und an einigen Stellen rissig geworden, ein deutliches Zeichen für ihr hohes Alter. Das Buch war fast so alt wie der Mann, der es geschrieben hatte. Rosalie verzog das Gesicht mit einem tiefen Seufzer, was ihrer markelosen Schönheit keinen Abbruch tat. Mit den sanften, blonden Wellen und der ebenmäßigen, hellen Haut erinnerte sie an die legendären Filmstars der Vergangenheit wie Grace Kelly.

„Carlisles Aufzeichnungen? Hast du die aus seinem Arbeitszimmer stibitzt? Er wird davon sicher nicht begeistert sein. Wieso kannst du nicht Stoker lesen? Das ist wenigstens nicht ganz so deprimierend."

„Stokers Schilderungen sind aber auch nicht gerade authentisch, findest du nicht?" entgegnete ich und musste gleich an sein berühmtestes Machwerk denken, das ich bereits im zarten Alter von zwei Jahren gelesen hatte, und an all den falschen Irrglauben, den sein Bestseller noch heute unter den Menschen verbreitete:

Vampire, die im Sonnenlicht verbrannten und mit Knoblauch und Kruzifixen abgewehrt werden konnten. Nichts davon entsprach der Wahrheit. Es waren nur Belege dafür, dass Stoker nie einem echten Vampir begegnet war. Eine solche Begegnung hätte er wohl auch nicht überlegt, um dann anschließend einen Roman darüber verfassen zu können.

„Du solltest das trotzdem nicht lesen … du bist zu jung für so was", beharrte Rosalie und beäugte skeptisch ihre Eiswaffel, die allmählich zu tropfen begann. Sie hielt eine Servierte drunter, um ihre weißen Designer-Jeans vor Flecken zu schützen.

„Denkst du nicht, ich sollte mehr über mein Erbe erfahren?"

„Das ist nicht dein Erbe, Renesmee. Du bist kein solches … Ungeheuer wie wir."

„Aber ich bin ein Vampir - genauso wie ihr."

„Du bist anders. Besser. Einzigartig."

Natürlich hatte meine Tante in dem Punkt Recht – ich war anders und wenn schon nicht einzigartig, dann doch zumindest eine Ausnahmeerscheinung – aber war das gleichbedeutend mit besser?

Mein Blick wanderte durch die Windschutzscheibe zu dem Park und all den Menschen, die ihn in diesem Augenblick bevölkerten. Fasziniert beobachtete ich, wie sie die alltäglichsten Dinge taten – sie gingen mit ihren Hunden spazieren, spielten Basketball auf dem angrenzenden Sportplatz oder lagen einfach nur auf der Wiese in der Sonne und genossen sorglos den Tag … all das blieb mir verwehrt, eben weil ich so etwas Besonders war.

Wieder einmal überkam mich dieses beklemmende Gefühl, das mich schon öfter in der Vergangenheit heimgesucht hatte und einfach nicht in Ruhe ließ. Das nagende Gefühl, das mir etwas in meinem Leben fehlte. Es gab so viele Dinge, die ich aufgrund meines rapiden Wachstums bisher nicht hatte erleben können - mit Kindern meines Alters im Park spielen, in die Schule gehen, Freundschaften außerhalb der Familie schließen … mich verlieben … war ich dazu überhaupt fähig?

War ich dazu geschaffen, wenn ich so anders war?

Ich war halb Mensch, aber ich war kein Teil ihrer Welt. Ich war halb Vampir, doch auch unter ihnen gab es keinen richtigen Platz für mich. Ich liebte meine Familie abgöttisch, doch keiner von ihnen, nicht einmal mein Gedanken lesender Vater, konnte verstehen, wie es sich anfühlte, zwischen den Stühlen zu sitzen, nirgendwo richtig dazu zugehören.

Kein Vampir.

Kein Mensch.

Nicht einmal…

Plötzlich klingelte Rosalies Mobiltelefon. Sie nahm es vom Amaturenbrett und schaute auf die Nummernanzeige des Displays.

„Das ist Alice", sagte sie, bevor sie den Anruf entgegen nahm. Vom anderen Ende der Verbindung konnte ich Alices piepsige Stimme vernehmen, doch sie sprach so schnell, dass ich keine einzelnen Worte verstehen konnte. Rosalies versteinerte Miene sagte mir jedoch, dass es keine guten Neuigkeiten sein konnten. Ohne etwas zu sagen legte sie das Handy wieder beiseite und warf ihre kaum angerührte Eiswaffel achtlos aus dem Fenster.

Mir war ebenfalls der Appetit vergangen.

„Wir müssen sofort nach Hause", sagte meine Tante knapp.

„Was ist los? Ist etwas passiert?"

Rosalie antwortete nicht, als sie den Motor startete und wir vom Parkplatz fuhren. Meine Gedanken begannen zu rasen. Was immer Alice gesehen hatte oder was auch geschehen sein mochte, es reichte aus, um meine Vampir-Familie in Panik zu versetzen.


Eine Einladung der Volturi schlug man nicht aus.

Zumindest nicht wenn man noch ganz bei Trost war.

Sie war erst an diesem Morgen eingetroffen. Woher sie unsere neue Adresse hatten, war mir ein Rätsel. Wir lebten erst seit ein paar Wochen in dem altviktorianischen Haus in Toronto.

Jetzt war sie aber nun einmal da.

Sie lag aufgeschlagen auf dem teuren Esszimmertisch aus Mahagoniholz, um den sich die gesamte Familie versammelt hatte – meine Großeltern Carlisle und Esme, meine Onkels Emmett und Jasper und meine Tanten Rosalie und Alice.

Meine Eltern, Edward und Bella, hatten sich zu meinen beiden Seiten postiert, so nahe, dass sie meine Arme fast berührten, und beäugten den geöffneten Brief voller Argwohn und Abneigung – als könnte er jederzeit vom Tisch springen und uns angreifen. Überfürsorglich, so waren sie eben, aber nicht ohhe Grund.

Die Worte auf dem kostbaren Briefpapier, in üppiger Goldschrift gehalten, zeugten von einer trügerischer Höflichkeit, doch selbst ich wusste es besser – dies war keine simple Einladung.

Es war ein Ultimatum.

Erneut rauschten die wenigen Worte durch meinen Kopf, ohne die Nachricht selbst noch einmal lesen zu müssen. Sie schienen wie gebranntmarkt in meinen Geist. Wie eine Schallplatte drehten sie sich vor meinen Augen, immer schneller und schneller.

Wir erwarten euren Besuch zur Aufwartung/Vorstellung des jüngsten Familienmitglieds. Gezeichnet Aro von den Volturi"

Ein kalter Schauer durchfuhr mich. Diese Worte … es war keine Bitte oder Frage, es war eine unumstößliche Anordnung, der wir Folge leisten mussten, verborgen hinter den geschriebenen Zeilen – kommt zu uns oder wir werden euch holen

Und alles nur meinetwegen.

Lange herrschte bedrückende Stille um den Tisch. Niemand hatte etwas zu sagen, doch alle wussten, worauf es hinauslaufen würde. Es war so unumgänglich wie der nächste Sonnenaufgang.

Mein Großvater Carlisle, Begründer und Oberhaupt unserer Familie, ergriff schließlich als Erster das Wort. Er seufzte resignierend. „Wir wussten alle, dass es früher oder später dazu kommen würde. Ein solches Geheimnis lässt sich nicht ewig vor den Volturi verbergen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie von Renesmees Existenz erfahren würden."

Bei der Erwähnung meines Namens zuckte ich hilflos zusammen. Hier ging es nur um mich. Vielleicht hätten die Volturi meine Familie weiter in Ruhe gelassen, wenn es mich nicht gegeben hätte. Der ganze Ärger, der uns drohte – nur meinetwegen! Ich fühlte mich hundeelend und hätte mich am liebsten in ein tiefes Loch verkrochen.

Meine Mutter musste meinen Missmut gespürt haben. Automatisch legte sie den Arm um meine Schulter und drückte mich. Trotz ihres steinharten Körpers war ihre Umarmung tröstlich. „Es wird alles gut werden, Schatz", hauchte sie beruhigend in mein Haar, wie es Mütter eben zu tun pflegten.

Wie konnte sie da so sicher sein? Es waren schließlich die Volturi, nicht irgendein daher gelaufener Nomadenclan! Die großen Herrscher unserer kleinen Welt. Die über alles Bescheid wussten und überall ihre Finger im Spiel hatten. Auch wenn sie vorgaben, sich nicht in die Belange der Menschen einzumischen, waren sie es, die die Geschicke der Menschheit seit Jahrtausenden im Verborgenen leiteten.

Mein Vater lachte sanft neben mir, was ich unter den gegebenen Umständen nicht verstehen konnte. „Schatz, es sind die Volturi, nicht die Mafia", erklärte er. „Sie wollen nicht die Welt beherrschen, nur die Vampire in ihr."

Und deswegen sollten sie weniger Furcht einflössend sein?

„Aber wie haben sie überhaupt von Renesmee erfahren?" stellte Großmutter Esme die entscheidende Frage, die uns alle in diesem Moment beschäftigte. „Wir haben doch so darauf geachtet, wo und mit wem wir verkehren. Sind wir nicht deswegen die letzten Jahre pausenlos von einem Ort zum anderen gezogen? Um genau dies zu verhindern?"

„Die Volturi haben überall ihre Spione", antwortete Jasper pragmatisch. Esme sah ihren Ziehsohn erschüttert an, als konnte sie nicht glauben, was er eben gesagt hatte.

„Nur die engste Familie wusste über Renesmee Bescheid, wir und die Denalis. Willst du sie etwa beschuldigen, uns verraten zu haben?"

„Nein, natürlich nicht. Ich habe nur gesagt, wie es ist. Dass es irgendwo eine undichte Stelle gegeben hat, das ist alles."

„Ist doch egal, wer geplaudert hat", brummte Emmett von der anderen Seite des Raumes. Er lehnte scheinbar entspannt gegen die Wand, doch in seiner Haltung und der Anspannung seiner immensen Muskelpackete ließ sich leicht erkennen, wie aufgeregt er wirklich war. Als würde er auf glühenden Kohlen sitzen, bereit zuzuschlagen. „Ich sage, wir nehmen diese Einladung und schieben sie den Volturi in den -"

„Emmett!" Rosalie schlug ihm gegen den Arm, um ihn zum schweigen zu bringen, und strafte ihn mit einem bösen Blick. „Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für deine Scherze!"

Emmett lächelte grimmig. „Wer macht denn hier Scherze?"

Mein Vater räusperte sich neben mir – eine überflüssige Angewohnheit für einen Vampir. „Wir sollten jetzt ernsthaft überlegen, was wir tun wollen", sagte er. „Und nein, Emmett, wir werden nicht einfach nach Volterra stürmen und sie umbringen", fügte er hastig hinzu, bevor Emmett erneut den Mund öffnen konnte. Emmett knurrte missmutig, schwieg jedoch. Mein Vater wandte sich an Großvater. „Carlisle, du kennst die Volturi am besten. Was sollen wir deiner Meinung nach tun?"

Großvater schwieg für einen langen Augenblick, versunken in seine eigenen Gedanken. Er kannte die Volturi wie kein anderer in der Familie. Mein Vater hatte zwar bei seinen wenigen, bisherigen Begegnungen mit ihnen ihre Gedanken lesen und einen kleinen Einblick in ihre Intentionen erhaschen können, doch Carlisle hatte lange unter ihnen gelebt. Auch wenn er vieles an ihrem Verhalten und vor allem ihre Ernährungsweise stets abgelehnt hatte, war er einer von ihnen gewesen. Etwas, was er im Nachhinein bedauerte. Er konnte am besten einschätzen, wozu sie fähig waren.

„Ihre Einladung auszuschlagen…", begann er zögernd. Es war offensichtlich, dass ihm selbst nicht gefiel, was er zu sagen hatte. „Sie auszuschlagen wäre auf jeden Fall ein großer Fehler. Wir würden uns nur ihren Zorn zuziehen und ich bezweifele nicht, dass sie uns jeder Zeit aufspüren könnten, wenn sie es wollten, selbst wenn wir uns permanent auf der Flucht befänden. Renesmee ist jetzt beinahe vollkommen erwachsen. Von ihr geht keinerlei Gefahr mehr für die Geheimhaltung unserer Existenz aus. Ich hoffe, Aro wird das erkennen und schnell wieder das Interesse verlieren, aber sie aufsuchen und Renesmee ihnen vorstellen, das müssen wir auf jeden Fall." Er sah jedem einzelnen Mitglied seiner Familie tief in die Augen. Auf mir und meinen Eltern ruhte sein Blick etwas länger und er schenkte mir ein bedauerndes Lächeln.

Auf ein unmerkliches Nicken meines Vaters hin, fuhr er fort: „Edward, Bella und ich werden Renesmee nach Volterra bringen. Ihr anderen werdet uns nicht weiter als bis nach Florenz begleiten und dann dort auf uns warten."

Aufruhr ging durch den Raum. Keiner war mit diesem Plan wirklich einverstanden. Mir gefiel der Gedanken überhaupt nicht, nach Volterra reisen zu müssen, selbst in Begleitung meiner Eltern. Ich konnte mir nicht annähernd ausmalen, was mich dort erwarten würde, aber etwas Gutes konnte es nach allem, was ich über die Volturi wusste, wohl kaum sein.

„Das kann doch nicht dein Ernst sein", protestierte Emmett am lautesten.

„Wir sollten alle zusammen gehen", beharrte Jasper, seinem Bruder zustimmend. „Gemeinsam sind wir stärker."

„Dies ist aber nicht der rechte Zeitpunkt, um Stärke zu demonstrieren", widersprach mein Vater. „Sondern um zu kooperieren. Wir wollen die Volturi nicht unnötig herausfordern. Es steht zuviel auf dem Spiel." Er sah zu meiner Mutter herüber, dann auf mich herab. Aus seinem Blick sprach so viel Liebe, so viel Opferbereitschaft, das es mir die Kehle zuschnürrte.

Ich brauchte mich nicht zu fürchten, meine Eltern würden nie zulassen, dass mir etwas passierte. Nein, um mich selbst brauchte ich mich nicht fürchten … um meine Eltern schon …

„Und wenn etwas passiert?" sprach Alice genau meine Gedanken aus. „Wenn ihr in Schwierigkeiten geratet, wie sollen wir euch dann helfen? Schon so lange kann ich die Volturi nicht mehr in meinen Visionen sehen. Woher sollen wir wissen, was sie wirklich vorhaben - bevor es schon zu spät ist?"

„Nun, vielleicht können wir ja jetzt endlich herausfinden, wie sie sich deinen Visionen entziehen können. Wir werden uns während unseres Aufenthalts in Volterra regelmäßig bei euch melden, wenn wir können, und euch über alles auf dem Laufenden halten", erklärte Carlisle. Wieder wollten Emmett und Jasper protestieren, doch Großvater brachte sie mit erhobener Hand vorher zum Schweigen. „Sei es, wie es ist, der Plan steht fest. Wir sollten so schnell wie möglich aufbrechen. Je eher wir diesen Besuch hinter uns bringen, desto besser."


Ich kehrte auf Anweisung meiner Eltern in mein Zimmer zurück und begann wie mechanisch zu packen, so wie auch die restlichen Familienmitglieder es in diesem Moment taten. Ich konnte sie in den anderen Zimmern hören – Emmett grummelte immer noch wütend vor sich hin, doch das alles ging irgendwie an mir vorbei, als würde es mich nichts angehen. Als würde es einer anderen passieren, nicht mir.

In meinem Inneren war alles zu Eis erstarrt. Ich wollte nicht nach Volterra. Ich fürchtete mich vor dieser Reise wie vor nichts anderem zuvor, auch wenn sie unvermeidlich war. Ich fürchtete mich vor Aro und seiner Menschenblut saugenden Garde. Ich fürchtete mich davor, was sie mir und meiner Familie antun könnten, wenn ihnen nicht gefiel, was wir ihnen zu sagen hatten.

Meine Eltern hatten mir nie ausgiebig über die Volturi erzählt, wahrscheinlich um mich zu schützen, doch gerade diese Unwissenheit bestärkte in mir die Befürchtung, dass die Volturi Monster waren. Selbst für Vampire galten sie als machthungrig, selbstgerecht und grausam. Einst mochten sie diese Welt in ihren Fugen gehalten haben, doch das war schon lange vorbei.

Vor meinen Augen tanzten verhüllte Gestalten durch eine alptraumhafte Landschaft.

Unter einem großen, rot glühenden Vollmond, feierten sie groteske, archaische Orgien. Der Boden war gepflastert mir Knochen, der Erboden rot gefärbt vom vergossenen Blut hunderter unschuldiger Menschen…

Ich schüttelte mich, versuchte diese grauenvollen Bilder wieder aus meinen Gedanken zu verdrängen, bevor sie sich in meinem Unterbewusstsein einnisten und mich in meinen Träumen heimsuchen konnten. Meine Albträume am Tage zu erleben, würde schon schlimm genug sein.

An meiner Zimmertür klopfte es und ich zuckte unweigerlich zusammen. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie mein Vater die Treppe hochgekommen war. Ich wusste, dass er es war, ich konnte ihn durch die Tür riechen.

Komm rein, sagte ich in Gedanken. Unnötig die Worte laut auszusprechen bei einem Gedankenleser.

Leise trat mein Vater ein und schloss die Tür behutsam hinter sich, als wenn das irgendeinen in meiner Familie davon hätte abhalten können, uns zu zuhören. In einem Haus voller Vampire gab es kaum Privatsphäre. Aber manchmal war es schön, den Schein zu wahren.

„Wie geht es dir, Liebling?" fragte er und setzte sich auf mein Bett. Ich zuckte die Schultern, packte weiter.

Wie soll es mir schon gehen?

Mein Vater rieb sich den Nasenrücken, eine vertraute Geste von ihm, die ich so gut kannte wie meine eigenen Angewohnheiten. Er beobachtete mich eine Weile schweigend. Dann griff er nach meiner Hand. „Renesmee, setz dich bitte einen Augenblick zu mir. Ich möchte etwas mit dir besprechen."

Widerwillig gehorchte ich und setzte mich neben ihn. Ich faltete meine Hände im Schoss, um sie vom Zittern abzuhalten, was meinem Vater natürlich nicht entging. Er griff nach meinen Händen und hielt sie in seinen. Die vertraute Kälte seiner Finger beruhigte mich ein wenig, gab mir Halt.

Wenn ich ihn ansah, war es beinahe so, als sähe ich in einen Spiegel. Mit meinen bronzefarbenen Locken und den aristokratischen Gesichtszügen war ich sein absolutes Ebenbild. Laut meiner Mutter besaß ich sogar das gleiche verzaubernde Lächeln. Nur die tief braunen Augen hatte ich von ihr geerbt, zusammen mit der Angewohnheit im unpassensten Moment zu erröten.

„Ich weiß, wie schwer das alles für dich ist", sagte er sanft. „Du hast Angst und das ist verständlich. Deine Mutter und ich haben auch Angst", gestand er. Ich sah ihn überrascht an. Mein unverwüstlicher, unzerstörbarer Vater hatte Angst … Ich hätte nie gedacht, dass er dieses Gefühl überhaupt kannte.

Mein Vater musste lächeln, doch trotz seiner ewigen Jugend und Schönheit, wirkte er auf einmal ungemein älter und kraftlos. „Wir kenne alle Angst, Schatz, ich habe mich schon oft gefürchtet – als ich deine Mutter beinahe an James verloren hätte … als ich euch beide beinahe bei deiner Geburt verloren hätte … in diesem Augenblick habe ich sehr große Angst verspürt. Ich wünschte, ich könnte dir diese Reise ersparen. Ich wünschte, ich könnte dich und deine Mutter an einen sicheren Ort bringen, weit weg von allen Gefahren … aber das kann ich nicht."

„Das verstehe ich doch", erwiderte ich sofort. Aus irgendeinem Grund gefiel mir dieses Gespräch nicht. Es gefiel mir nicht, in welche Richtung es sich zu entwickeln drohte.

„Deswegen möchte ich, dass du mir etwas versprichst", fuhr mein Vater fort und bestätigte das unheilvolle, schale Gefühl, das sich in meinem Bauch auszubreiten begann. Er konnte nicht wirklich...

Meine Augen weiteten sich. Ich schüttelte den Kopf, wollte mich aus seinem Griff winden, doch er hielt mich weiter fest – nicht so fest, dass es weh tat, aber doch stark genug, dass ich diesem unsäglichen Gespräch nicht entfliehen konnte.

„Renesmee, hör mir zu", sprach mein Vater eindringlich. „Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um deine Mutter und dich zu beschützen. Und deine Mutter wird alles in ihrer Macht stehende tun, um dich zu beschützen – so haben wir es vereinbart."

„Nein!" platzte es aus mir heraus, meine Stimme erstickt von meinen eigenen Tränen, die mir inzwischen über die Wangen liefen. Meine Kehle schnürte sich zu und ich musste heftig schlucken. Mein Vater sprach unbeirrt weiter.

„Wenn es ... wenn es nicht so laufen sollte, wie wir es uns erhoffen, dann will ich, dass du Volterra so schnell wie möglich verlässt – alleine wenn nötig, ohne zurückzublicken, ohne zu zögern."

„Nein, Daddy, das kannst du nicht von mir verlangen…"

„Doch das kann ich, Renesmee! Das kann ich, denn du bist mein Kind! Ich weiß, es ist viel verlangt, aber du musst stark sein." Er strich mir liebevoll übers Haar, fuhr mit dem Daumen über meine feuchte Wange. Ich gab meinen Widerstand auf und er zog mich in seine Arme. Ich weinte an seiner Schulter, ließ den Tränen ihren Lauf, denn ich sah keinen Sinn darin sie zurückzuhalten, wenn ich mich fühlte, als wäre soeben meine ganze Welt zusammengebrochen.

Ich wusste, dass ich bisher wie in einer sicheren Blase gelebt hatte, dass mich meine Familie vor so vielen schlechten Dingen ferngehalten hatte und dass die Welt da draußen viel erbarmungsloser war als alles, was ich bisher kennen gelernt hatte.

Doch es war einfach nicht fair!

Mein Vater tätschelte mein Haar, gab ein paar beruhigende Laute von sich, während er mich sanft hin und her wiegte, wie er es früher immer getan hatte, wenn ich nicht schlafen konnte.

„Nein, es ist nicht fair", flüsterte er. „Aber du bist noch so jung, du hast dein ganzes Leben noch vor dir. Und deine Mutter und ich haben dich so unendlich lieb."

Ich hörte, wie die Tür zu meinem Zimmer leise geöffnet und wieder geschlossen wurde. Der blumige Geruch meiner Mutter stieg mir in die Nase, als sie sich zu uns gesellte und mich ebenfalls in den Arm nahm.

Mein Vater griff nach dem kleinen Medaillon, das ich immer um den Hals trug und öffnete es. Ich hatte es kurz nach meiner Geburt zu meinem ersten Weihnachtsfest von meinen Eltern geschenkt bekommen. Innen befand sich ein kleines Foto von uns zusammen auf Esme Island. Auf dem Foto war ich erst ein paar Wochen alt, sah aber dank meines rapiden Wachstums schon wesentlich älter aus. Wir wirkten so sorglos, so glücklich – etwas, das mir in diesem Moment völlig abwegig erschien.

Auf der anderen Seite des Medaillons befand sich eine Inschrift in Französisch. Mein Vater drehte das kleine Schmuckstück so, dass ich sie sehen konnte.

„Was steht hier, mein Schatz?"

Ich wischte die Tränen aus meinen Augen, suchte nach meiner Stimme. „Ensemble pour toujours*", murmelte ich schluchzend. Ich kannte die Worte in und auswendig.

„Und was bedeutet das?" fragte meine Mutter.

„Für immer zusammen."

„Ja, genau, für immer zusammen. Wir werden für immer eine Familie sein. Ganz gleich, was geschieht."

Ich vergrub das Gesicht zwischen meinen Eltern und ließ mich von ihnen halten.

Wenn es doch nur so wäre


* da ich leider kein Französisch spreche, weiß ich nicht, ob das grammatikalisch wirklich stimmt, habe es von babelfish, ich hoffe mal schon. In BD bekommt Nessie ein Medaillon mit einer anderen Inschrift, aber ich fand diese Worte hier einfach passender.

Das war schon das 2. Kapitel, im nächsten begeben sich die Cullens dann nach Volterra...

Songs zu diesem Kapitel sind „The long way round" von Badly Drawn Boy und „Running up that hill" von Placebo. Und für die, die es nicht wissen, Bram Stoker ist der Autor von Drakula.

Da ich noch nie in Toronto war, bin ich mir nicht sicher, ob ich die Stadt richtig beschrieben habe. Seht da einfach drüber hinweg.

Ich hoffe, es hat euch gefallen, schreibt mir eure Meinung, wenn ihr Lust habt :"D