A/N: Sorry, dass es so lange gedauert hat, aber hier ist endlich das 2. Kapitel.

Zuallererst möchte ich mich bei allen bedanken, die meine Geschichte bisher gelesen haben, ganz besonders bei denen, die mir eine Review geschrieben haben. Sie bedeuten mir sehr viel und sind ein zusätzlicher Ansporn, und ich hoffe natürlich, dass ihr auch weiterhin viel Spass beim Lesen haben werdet. Falls ihr irgendwelche Fehler im Kapitel findet, entschuldige ich mich dafür, das macht die Sommerhitze!

Ich hoffe, ihr habt alle schon Eclipse gesehen, wenn nicht solltet ihr es tun, ich fand den Film wirklich toll und freue mich schon auf Breaking Dawn.


Kapitel 2: Der gelbe Ziegelsteinweg


Der Flug nach Florenz dauerte knapp 17 Stunden. Noch am selben Abend waren wir von Toronto mit dem familieneigenen Privatjet aufgebrochen. Mit jeder Flugmeile, die wir unserem Ziel näher kamen, wurde ich nervöser, und ich wusste, dass es jedem Mitglied meiner Familie genauso ging.

Ich saß in einem der breiten, bequemen Ledersitze am Fenster ganz hinten in der Kabine, von wo aus ich die anderen leicht beobachten konnte. Mein Vater und Jasper spielten Schach, meine Mutter las in einem ihrer Lieblingsbücher, Wuthering Heights, Großvater Carlisle tippte auf seinem Notebook, Emmett döste in seinem Sitz, Rosalie und Großmutter Esme unterhielten sich leise, während Alice immer noch verzweifelt versuchte, eine Vision von den Volturi zu erhalten. Sie alle versuchten so angestrengt ihre Anspannung vor mir zu verbergen, dass es mich nur noch kribbeliger werden ließ.

Ich wandte den Kopf ab, schaute aus dem kleinen runden Seitenfenster und beobachtete den tief unter uns liegenden Ozean und die vorbeiziehenden Wolken. Ich hatte die Knie unter den Körper gezogen, doch konnte ich keine bequeme Sitzposition finden. Ich war einfach zu angespannt.

Ich versuchte mich etwas abzulenken, in dem ich meinen MP3-Player laut aufdrehte – Bloc Party erklang in meinen Ohren – und ich versuchte mir Tiergestalten in den weißen Wattebauschen vor meinem Fenster vorzustellen – Löwen, Lämmer und Wölfe

Ich versuchte mir einzureden, dass alles gut werden würde. Dass wir in weniger als 12 Stunden Volterra erreichen und es in weniger als 24 Stunden wieder verlassen würden.

Es wollte mir nicht gelingen…

Zu viele Gedanken trieben durch meinen Kopf. Ich fragte mich, wie mein Vater es hier drin mit uns allen aushielt, seine eigenen Sorgen um ein Vielfaches durch unsere Gedanken verstärkt – vielleicht mit Ausnahme von Emmett, er schien es kaum erwarten zu können Italien zu erreichen.

Irgendwann überwältigte mich die Müdigkeit und ich schloss die Augen. Meine Träume waren erfüllt von ähnlich grauenhaften Bildern wie die, die mich schon den ganzen Tag gequält hatten…


Ich befand mich in einem dunklen, üppig grünen Wald, so wie ich mir ihn in Forks immer vorgestellt hatte. Der Wald selbst war mir jedoch fremd – dies war weder Toronto noch Alaska oder Esme Island, oder irgendein anderer Ort, an dem ich bereits gelebt hatte.

Es war Nacht und es regnete in Strömen. Ich bahnte mir meinen Weg durchs Unterholz, gehetzt, vor etwas weglaufend … oder auf etwas zu?

Das konnte ich nicht sagen. Ich wusste nur, dass ich auf keinen Fall langsamer werden durfte.

Zeitweise erschien mir mein Verfolger so nahe zu sein, dass ich glaubte, seinen heißen Atem in meinem Nacken spüren zu können – wie eine glühende Hitzewelle, die mich unbarmherzig zu überrollen drohte.

Ich konnte nicht genau erkennen, wohin ich eigentlich steuerte. In der Ferne hörte ich seltsame Geräusche, scharrende Laute wie von Tieren. Der Wind trug mir einen modrigen Geruch entgegen, doch darunter fand sich noch eine andere Duftnote, die ich nicht näher beschreiben konnte. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gerochen.

Animalisch. Wild. Gefährlich …

Ich rannte weiter durch die Finsternis. Äste peitschten gegen meine nackten Arme. Meine Haare waren durchnässt vom anhaltenden Regen, ebenso das einfache, weiße Nachthemd, das ich trug. Ich musste schon eine ganze Weile durch den Regen gelaufen sein, um so nass zu sein.

Ich schlitterte über den rutschigen Waldboden. Mein nackter Fuß verfing sich in einer, aus dem Boden ragenden Wurzel und ich fiel auf die Knie. Schlamm spritzte mir in die Augen. Ich wischte ihn mit dem Regen fort.

Als ich den Kopf hob, sah ich hoch über dem Wald die Festungsanlage von Volterra aufragen, so wie ich sie mir immer vorgestellt hatte – düster und verwunschen – getränkt in dem unheimlichen Schein eines blutroten Vollmonds.

In den tief schwarzen Schatten unterhalb der Festung, kaum auszumachen in der bedrohlichen Dunkelheit des Waldes, bewegte sich etwas – groß und schnell – es kam direkt auf mich zu … mit Reißzähnen und Klauen … die genaue Gestalt konnte ich trotz meiner verbesserten Vampirsicht nicht erkennen … es hätte alles mögliche sein können …

Ich konnte mich nicht bewegen, war erstarrt vor Angst. Ich wusste nicht, was ich tun sollte …

Kämpfen?

Fliehen?

Würde es einen Unterschied machen?

Instinktiv rief ich nach meinen Eltern, irgendjemand, der mir helfen konnte. Natürlich bekam ich keine Antwort. Ich war allein …

Bis auf das namenlose Etwas, das auf mich zu kam …


Ein heftiger Stoß riss mich wach und ließ mich in die nicht weniger Angst einflössende Wirklichkeit zurückkehren. Einen Moment befiel mich Panik, bis ich mich erinnerte, wo ich war – in unserem Privatjet … mitten über dem Atlantik … auf dem Weg nach Italien … tausende von Kilometern von Zuhause entfernt …

Zuhause? Wann hatte ich angefangen, Toronto als mein Zuhause zu betrachten? Ich kannte die Stadt doch so gut wie gar nicht, hatte kaum mehr als ein paar Wochen dort gelebt und wusste noch nicht einmal, welches die beste Pizzeria in der Nachbarschaft war … aber jeder Ort wäre mir lieber gewesen als der, auf den wir zusteuerten.

Meine Panik wurde noch größer.

Eine kühle, bleiche Hand legte sich beruhigend auf meine und löste behutsam meine Finger von der Armlehne meines Sitzes. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich sie so krampfhaft umklammert hatte, dass sich nun schwache Dellen in dem Polster abzeichneten. Würde ich die Stärke eines normalen Vampirs besitzen, dann wäre von der Lehne wohl nicht viel übrig geblieben…

Ich wandte den Kopf meiner Mutter zu und sah in ihr markeloses Gesicht. Ihre Haut war so weiß und ebenmäßig wie feinster Marmor und dieselben großen, einst tief braunen Augen, die auch mein Gesicht zierten, strahlten nun in einem intensiven Gold auf mich herab.

Ich hatte nur eine einzige, vage Erinnerung an meine Mutter vor ihrer Verwandlung – den kurzen Zeitpunkt nach meiner Geburt, als sie mich in ihren Blut verschmierten Armen gehalten hatte, bevor mein Vater sie hatte verwandeln müssen, um ihr Leben zu retten, doch laut meinem Vater war sie schon als Mensch eine außergewöhnliche Schönheit gewesen.

„Keine Sorge, das war nur ein kleines Luftloch", besänftigte sie mich. Dann musterte sie mein Gesicht gründlich und fragte besorgt: „Renesmee, ist alles in Ordnung?"

Ich schluckte den Kloß, der sich in meiner trockenen Kehle gebildet hatte, hinunter. Ich spürte ein leichtes Brennen im Rachen, als ich die Luft im Jet einsog, die noch immer mit den Gerüchen der beiden menschlichen Piloten gesättigt war. Ich war nicht wirklich durstig – vor dem Aufbruch waren wir alle jagen gewesen. Es lag wohl mehr an der Aufregung.

Ich griff nach meinem Wasserglass und nahm einen tiefen Schluck, bevor ich schließlich nickte. Die Bilder aus meinem Traum wirkten immer noch nach. Alles hatte so real gewirkt … als wäre es kein Traum gewesen, vielmehr eine verschüttete Erinnerung, die sich ihren Weg an die Oberfläche gesucht hatte … ich konnte noch immer den Regen in meinen Ohren rauschen hören … vielleicht waren das aber auch nur die Jetturbinen …

Ich wollte nicht darüber sprechen, was wirklich in mir vorging. All die Ängste und Zweifel, die an mir nagten. Flüchtig erwartete ich jeden Moment meinen Vater an meiner Seite vorzufinden, um mich zu trösten. Meine Gedanken mussten ihm wie ein schrilles, unübersehbares Warnsignal vorkommen, er blieb jedoch bei seinem Schachspiel und ich war dankbar für seine Zurückhaltung. Ich wollte die wenigen Stunden, bis wir Italien erreichten, nicht einmal daran denken müssen, was uns bevor stand, also suchte ich schnell nach einem anderen Gesprächsthema.

„Ich habe nur gedacht", begann ich zögernd, „wenn wir … wieder zuhause sind, dann könnte ich doch zur Schule gehen…"

Bisher war ich ausschließlich von meiner Familie unterrichtet worden, überwiegend von Vater und Großvater. Ich verfügte über einen IQ, der mühelos an den von Einstein heranreichte, vielleicht sogar darüber hinaus, was mich im menschlichen Maßstab als Genie auszeichnete. Mein rapides Wachstum hatte mir bisher jedoch die meisten menschlichen Kontakte versagt. Eine normale Schule besuchen zu können war eines der Dinge, nach denen ich mich schon lange sehnte.

Meine Mutter lächelte mich an. Auch ihr schien der Gedanke an eine bessere Zukunft zu gefallen. „Ja, das wäre machbar." Doch ihr Lächeln erstarb allzu bald wieder, wahrscheinlich als ihr klar wurde, dass diese Zukunft vielleicht nie eintreffen würde. Ihre Miene versteinerte, auch wenn sie ihre erneut aufkeimende Sorge vor mir zu verbergen versuchte.

Eine weitere Turbulenz erschütterte das Flugzeug, ließ die ganze Kabine für einen flüchtigen Moment erzittern, doch ein Flugzeugabsturz war das Letzte, wovor ich mich fürchtete. Ich lehnte meinen Kopf an die Schulter meine Mutter und wünschte mich in die Zeit zurück, als ich noch klein genug gewesen war, auf ihrem Schoss sitzen zu können. Ich war immer noch müde, doch die Angst, die Albträume würden zurückkehren, sobald ich die Augen schloss, ließ mich nicht zur Ruhe kommen.

„Mom, erzähl mir eine Geschichte", bat ich leise. Sie fragte mich, was für eine Geschichte ich gerne hören wollte. Ich brauchte nicht lange zu überlegen – es gab nur ein Thema, das mich faszinierte, seit ich denken konnte. „Erzähl mir von Forks."

Meine Mutter kicherte leise und seufzte.

„Aber du kennst doch schon alle Geschichten über Forks."

Ich kuschelte mich näher an ihren harten Leib und sie legte ihre Wange auf mein Haar. Die Kälte ihres Körpers machte mir nichts aus, ich war daran seit meiner Geburt gewöhnt.

Warme Hände waren auch etwas, was ich nicht kannte ...

„Dann erzähl mir von den Wölfen von La Push. Bitte."

Die Geschichten meiner Mutter über ihre einstigen Indianerfreunde mochte ich am liebsten, auch wenn ich froh sein konnte, noch nie einem von ihnen leibhaftig begegnet zu sein – sie waren die einzigen Wesen auf diesem Planeten, die Vampire töten konnten.

Die Einzigen, die die Volturi hätten bezwingen können …

Meine Mutter hatte mir schon oft von ihnen erzählt, wenn die üblichen Gutenacht-Geschichten nicht ausgereicht hatten, um mich zufrieden zu stellen. Ich vermutete jedoch, dass sie stets ein paar Details dabei ausgelassen hatte. Manchmal hatte sie mitten in der Erzählung abgebrochen, wenn die Sprache auf einen bestimmten Wolf gekommen war … ich kannte seinen Namen nicht; ich wusste nur, dass er als Wolf rotbraunes Fell besaß und meiner Mutter sehr viel bedeutet hatte, als sie noch ein Mensch gewesen war … immer noch bedeutete

Leise begann meine Mutter mit ihrer melodischen Stimme zu erzählen.

„Es war einmal vor langer Zeit in einer kleinen Stadt namens Forks", begann sie auch diesmal, wie sie es immer bei diesen Geschichten zutun pflegte. Ich schloss die Augen und mein Geist driftete schon bald davon … als säße ich auf dem Rücken eines gigantischen Wolfes, der mich durch unbekannte Gefilde trug …


Als ich das nächste Mal erwachte, standen wir kurz vor der Landung in Florenz. Dort würden wir uns von den anderen trennen und weiter nach Volterra fahren. Durchs Kabinenfenster konnte ich den Flughafen und dahinter die Dächer der Altstadt mit den großen Kuppeln der Kathedralen erkennen. Unter anderen Umständen hätte es mich gefreut, eine solche kulturelle Hochburg der Renaissance zu besuchen – ich hätte mir die berühmten Bau- und Bildwerke angesehen – von Da Vinci bis Botticelli - und wäre mit Alice in den Nobelboutiquen shoppen gegangen.

Die Ansage der Piloten ertönte über die Bordlautsprecher und wies uns an, uns für den Landeanflug zurück auf unsere Plätze zu begeben und uns anzuschnallen. Sie hatten uns schon oft geflogen, sie wurden sehr gut von Großvater bezahlt und stellten deswegen keine Fragen, was aber nicht bedeutete, dass sie uns nicht hin und wieder merkwürdige Blicke zu warfen, wenn sie glaubten, wir würden es nicht bemerken.

Mein Vater kehrte ebenfalls auf seinen Platz neben Mutter und mir zurück. Er sah angespannt aus, sein Mund war fest zusammengepresst und seine Hände zu Fäusten geballt. Er warf mir einen flüchtigen Blick zu, erkundigte sich so nach meinem Befinden.

Danke, sagte ich in Gedanken, dass du dich während des Flugs zurückgehalten und mir meinen Freiraum gelassen hast.

Er nickte kaum merklich und hielt die Hand meiner Mutter.

Die Landung verlief ohne Komplikationen, wir landeten sogar etwas früher als geplant. Es schien so, als wollten alle Mächte dieser Welt, dass wir unbedingt nach Volterra kamen …

Wir gelangten ohne Probleme durch die Flughafenkontrollen. Unsere Papiere waren natürlich alle falsch, jedoch von solch hoher Qualität, dass nicht einmal ein Fachmach für Dokumentenfälschungen sie als Replik hätte identifizieren können.

Auf meinem Ausweis stand der Name Vanessa Wolf, meine Mutter hatte sich dieses Pseudonym ausgedacht. Als ich sie einmal danach gefragt hatte, wie sie genau auf diesen Namen gekommen war, hatte sie nur wehmütig geschmunzelt und gesagt, dass es sie an einen alten Freund erinnerte – ihm hätte der Name gefallen … ich vermutete, dass es derselbe Freund war, der sich in einen riesigen Wolf verwandeln konnte und von dem es ihr so schwer viel zu erzählen … der große namenlose Unbekannte … ich hatte nicht weiter gefragt.

Ich hatte dieses Pseudonym schon bei mehreren Gelegenheiten benutzt, es war zu meiner zweiten Natur geworden, mich Fremden gegenüber als Vanessa und nicht als Renesmee vorzustellen. Je weniger jemand über mich wusste, desto weniger angreifbar war ich, hatte mir Onkel Jasper schon früh beigebracht und er wusste, wovon er sprach.

Er war auch derjenige gewesen, der die falschen Papiere für die Familie besorgt hatte. Das tat er für gewöhnlich immer, er war ein richtiger, alter Hase in diesem Geschäft und hatte überall seine Kontaktleute. Auch ohne seine Gabe der Gefühlsmanipulation konnte er sehr überzeugend sein, sodass niemand unnötige Frage stellte. Mit seiner Militärausbildung hätte er einen ausgezeichneten Geheimagenten abgegeben. Emmett zog ihn deswegen ständig damit auf, dass er ein besserer Bond wäre als der „echte" Bond.

Es war ein ungewöhnlich warmer Herbsttag in Florenz. Ich stand an der großen Frontscheibe der Flughafenhalle und schaute auf die Stadt hinaus, während die anderen unser Gepäck holten. Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel, was mir nicht besonders viel ausmachte.

Direktem Sonnenlicht ausgesetzt zeigte meine Haut nur einen subtilen Schimmer, kaum wahrnehmbar für jemanden ohne verbesserte Sehkraft, im Gegensatz zu dem Rest meiner Familie, die im Sonnenschein glitzerten, als wäre ihre Haut übersäht mit funkelndem Diamantenstaub, weswegen sie sich mit Kopftüchern, Kapuzen und Sonnenbrillen so vermummen mussten, als würden sie außerhalb der Flughafenhalle einen heftigen Schneesturm erwarten. Die anderen Reisenden warfen uns auf dem Weg durch die Flughalle irritierte Blicke nach, doch das waren wir als Vampire gewöhnt.

Während Großvater losging, um einen Mietwagen zu besorgen, verabschiedeten meine Eltern und ich uns von dem Rest der Familie. Mein Tanten und Onkels drückten mich alle einer nach dem anderen so fest, dass sie mich wahrscheinlich zerquetscht hätten, wenn ich ein normaler Mensch gewesen wäre. Großmutter Esme hielt mich am längsten im Arm, als wollte sie mich gar nicht mehr loslassen, und ich hörte sie trocken schluchzen. Als würde sie befürchten, es wäre das letzte Mal, dass sie das können würde.

Ich hegte insgeheim die gleiche Befürchtung.

Genauso widerwillig entließ sie danach meine Eltern aus ihrer Umklammerung, und wenn sie hätte weinen können, sie hätte es in diesem Augenblick sicher getan.

„Seid bitte vorsichtig, mit den Volturi ist nicht zu spaßen", bat sie nachdrücklich, „und das ihr mir bloß alle wieder heil zurückkommt!"

„Keine Sorge, Esme", versicherte mein Vater. „Es wird schon alles gut gehen. Wenn sie auf jemanden hören werden, dann auf Carlisle. Sie betrachten ihn immer noch als Freund und würde ihn nur zu gerne wieder in ihren Reihen sehen."

„Das gilt nicht nur für ihn", meinte Jasper und schaute dabei auf Alice herab, die die Augen geschlossen hielt und die Finger an die Schläfen presste. Sie versuchte immer noch verzweifelt eine Vision zu erhalten.

„Lass es gut sein, Alice", sagte meine Mutter und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Du weißt doch, dass sich deine Visionen nicht erzwingen lassen. Ruh dich etwas aus."

Alices Augen öffneten sich schlagartig, sie starrte meine Mutter erzürnt an und schüttelte ihre Hand ab. „Ich werde mich erst ausruhen, wenn ich weiß, was dort verdammt noch mal vor sich geht!" zischte sie völlig ungewohnt in ihrer Art und stapfte ein paar Schritte davon, um sich etwas Luft zu verschaffen. Jasper folgte ihr wie ein Schatten und versuchte sie zu beruhigen – eine Welle der Ruhe und Gelassenheit ging von ihm aus, die uns alle aufatmen ließ.

Inzwischen war auch Großvater mit dem Mietwagen vor dem Flughafeneingang vorgefahren. Er verabschiedete sich noch einmal leise von Großmutter und gab ihr einen letzten Kuss, bevor er meinem Vater beim Einladen des Gepäcks half.

„Und denk immer dran, kleiner Hüpfer", ertönte Emmetts tiefer Bariton neben mir. Ich sah zu ihm auf und er beugte sich mit einem verschwörerischen Funkeln in den gold schimmernden Augen zu mir herab. „Immer auf die Weichteile zielen!"

Ich zog die Stirn kraus. „Vampire besitzen keine Weichteile, Onkel Emmett", erwiderte ich mit gesenkter Stimme, darauf bedacht, dass die Menschen um uns herum nichts von unserem Gesprächsthema mitbekamen.

Emmett lachte und zwinkerte mir zu. „Keine, von denen du als anständige, junge Dame wissen solltest - sonst hätte mich dein Vater längst skalpiert", meinte er mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht und winkte meinem böse drein blickenden Vater zu. Ich ahnte, worauf er anspielte und konnte die Schamesröte in meinen Wangen nicht unterdrücken. Schnell stieg ich in den Wagen.

Vater übernahm das Steuer, Carlisle nahm neben ihm auf dem Beifahrersitz platz, während sich meine Mutter zu mir auf die Rückbank gesellte. Alice tänzelte noch einmal zu uns herüber und spähte durch das offene Seitenfenster – sie war so klein, sie musste sich dazu kaum bücken.

„Ich werde versuchen, um die blinden Flecken in meinen Visionen herum zu sehen", versprach sie, bevor sich unsere Wege endgültig trennten.

Während der Wagen anfuhr und sich im Straßenverkehr einfädelte, drehte ich mich noch einmal um und warf einen letzten Blick durch die Heckscheibe auf die Hälfte meiner Familie, die hilflos vor dem Flughafengebäude zurückblieb - sah zu, wie sie immer kleiner wurden und ein beklemmende Gefühl des Verlusts wuchs in meiner Brust, dass mir erneut ins Bewusstsein rief, dass dies vielleicht das letzte Mal gewesen war, dass wir uns gesehen hatten.

Was wenn wir wirklich nicht zurückkehren würden …


Wir waren nicht lange unterwegs – Volterra lag weniger als 50 km von Florenz entfernt und bei dem rasanten Fahrstil meines Vaters würden wir die Stadt noch gegen Mittag erreichen. Die Landschaft der Toskana flog an uns vorbei, nur ab und zu begegnete uns auf der einsamen Landstraße ein anderes Fahrzeug.

Ob Vater aus purer Gewohnheit so schnell fuhr oder diesen Besuch nur genauso schnell hinter sich bringen wollte wie wir anderen auch, ließ sich nicht sagen. Ich tippte auf das Letztere.

Während der Fahrt blieb es lange still. Keiner von uns sagte ein Wort. Wir hatten auch nicht wirklich etwas Neues zu erzählen, nachdem wir den Ablauf unseres Besuches bei den Volturi noch einmal durchgegangen waren: Großvater Carlisle würde das Reden übernehmen, da er ein hervorragender Diplomat war und zudem genau wusste, wie er Aro von seinem Anliegen überzeugen konnte. Mein Vater vermutete, dass Aro trotzdem die Erinnerungen von zumindest einem von uns würde lesen wollen, wahrscheinlich seine, um Großvaters Worte bestätigen zu können – Erinnerungen konnten nicht lügen im Gegensatz zu Worten.

Der Gedanke, dem Volturioberhaupt so nahe kommen zu müssen, dass er mich berühren konnte, behagte mir genauso wenig wie die Vorstellung, ihm meine Erinnerungen zu zeigen und ihm dabei all meine geheimsten Wünsche und Ängste zu offenbaren – Dinge, die ich selbst vor meinem Vater verborgen hielt. Mit meiner eigenen Gabe konnte ich kontrollieren, wie viel ich von mir preisgab – wenn ich jemanden berührte, konnte ich der Person einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt ermöglichen. Es war praktisch die umgekehrte Version der Gabe meines Vaters. Ich entschied dabei, welche Erinnerungen und Gefühle ich weitergab, doch Aros Talent ermöglichte es ihm, mit einer einzigen Berührung ein ganzes Leben in sich aufzunehmen. Ich war sicher, er würde eine perfide Freude daran haben, meine Gedanken vor aller Welt auszubreiten …

Die anhaltende Stille im Wagen war erdrückend. Ich dachte die ganze Zeit an unseren Abschied von den anderen. So vieles war ungesagt geblieben, was ich noch hatte sagen wollen … wie sehr ich es mochte, wenn Rosalie mich frisierte, Großmutter im Garten zu helfen oder Jaspers Bürgerkriegsgeschichten anzuhören …

Wenn ich nun keine Gelegenheit mehr finden würde, es ihnen zu sagen?

„Sie wissen es, Schatz", versicherte mein Vater. Unsere Blicke begegneten sich im Rückspiegel. „Sie wissen, wie sehr du sie liebst. Du zeigst es ihnen an jedem Tag, mit jedem Lächeln."

Ich fühlte mich dadurch ein wenig besser, doch war ich immer noch angespannt. Ich hatte nicht einmal die Nerven, mir die schöne Landschaft anzuschauen, die wir durchquerten. Das Einzige, was mir auffiel, war, wie surreal sie auf mich wirkte in dem Wissen, dass dies die Heimat der mächtigsten Vampirdynastie der Welt war – die kargen Hügelformationen eingerammt von hohen Bergrücken, dazu der helle Sonnenschein und die mediterranen Farben …

All das passte nicht zu dem traditionellen Bild eines Vampirsitzes. Selbst meine Familie bevorzugte Ort mit zusammenhängender Wolkendecke, wo sie sich nicht permanent vor dem Sonnenlicht verstecken mussten. Volterra war der letzte Ort, an dem man Vampire vermuten würde. Vielleicht gelang es den Volturi deswegen so gut sich hier zu verbergen – Menschen neigten dazu, nur das zu sehen, was sie sehen wollten; alles andere verbannten sie ins Reich der Hirngespinste.

Als die abgeschieden liegende Stadt schließlich in Sichtweite kam, hoch erhoben auf einem schmalen Bergrücken, umringt von den Überresten einer archaischen Stadtmauer, gerieten meine Gefühle erneut in Aufruhe. Die Stadt selbst sah kaum so aus wie in meinem Traum, dennoch jagte mir die merkwürdige Vertrautheit ihres Anblicks große Angst ein. Die vielen, kleinen Häuser und eng geschwungenen Straßen zogen sich die Hügelkuppel hinauf, in deren Zentrum eine gewaltige Festungsanlage alles überschattete. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich an diesem Ort sterben würde. Dass meine Eltern mich nicht würden retten können, egal, was sie taten …

Es war, als sähe ich die Pforte zur Hölle vor mir und war drauf und dran sie zu betreten …

Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren* ...

Wir durchquerten ein altes, steinernes Tor, das noch aus der Frühzeit der Stadt stammen musste. In den Gassen aus Kopfsteinpflaster war nicht viel los – die wenigen Menschen auf den Straßen waren allesamt als Touristen zu erkennen, bewaffnet mit Reiseführern und Fotoapparaten. Eine unheilvolle Ruhe lag über der Stadt.

Unwillkürlich hielt ich nach den verhüllten Gestalten der Volturi-Wachen Ausschau, doch ich konnte sie nirgends entdecken. Ich zweifelte dennoch nicht daran, dass sie uns beobachteten, seit wir die Stadt betreten hatten.

Vater hielt im Zentrum der Stadt auf der Piazza dei Priori, einem großen Markplatz, vor einem großen, altertümlichen Gebäude, das als Sitz des Bürgermeisters und der Kommunalverwaltung ausgezeichnet war. Florentinische Wappen und schmiedeeiserne Fackelhalter zierten den monumentalen Backsteinbau. Ein schmaler, asymmetrisch angesetzter Glockenturm ragte aus dem Dach empor. Die Uhr an der Außenfassade zeigte kurz vor 12 Uhr mittags.

War es hier? fragte ich, mit meinen Gedanken an meinen Vater gewandt. Der Ort, an dem du dich damals umbringen lassen wolltest?

Mein Vater starrte regungslos durch die leicht staubige Windschutzscheibe zu dem Glockenturm empor. „Ja, es war hier", murmelte er, versunken in den Erinnerungen an seinen letzten Aufenthalt an diesem Platz. Meine Mutter wirkte ebenso abwesend. Sie hatte sich neben mir leicht vor gebeugt und schien ihren Blick ebenfalls nicht von der Uhr abwenden zu können, als sie in diesem Moment Mittag schlug. Beide reichten sich blind die Hände, ihre Finger fanden instinktiv die des anderen und verschränkten sich fest.

Was hier geschehen war vor über 6 Jahren … ich kannte nicht alle Einzelheiten … ich wusste nur, dass es sehr knapp gewesen war … dass meine Eltern sich an jenem Tag beinahe für immer verloren hätten …

Irgendwann erwachte mein Vater wieder aus seiner Starre und sagte mit düsterer Miene: „Es wird Zeit … wir werden bereits erwartet."

Wir stiegen aus dem Wagen und hielten auf den Eingang des großen Gebäudes zu. Die schwere Tür stand offen und im Schatten des Torbogens wartete eine große Gestalt in eine lange, dunkle Kutte gehüllt. Von der Statur her konnte es sich nur um einen Mann handeln, doch die Gestalt hatte die Kapuze der Kluft so tief ins Gesicht gezogen, dass die genauen Züge im Schatten verborgen blieben. Lediglich ein Paar rot glühende Augen blitzten bedrohlich darunter hervor.

Die Volturi waren gekommen …

„Willkommen in Volterra!"


* Zitat aus Dantes Göttliche Komödie

Ich hoffe, dass Kapitel hat euch gefallen. Eure Meinung interessiert mich natürlich sehr, also schreibt mir ruhig, wenn ihr Lust habt.

Songs zu diesem Kapitel sind „Signs" von Bloc Party (das Lied hört Nessie im Flugzeug) und „House of Valparaiso" von Calexico (während der Fahrt nach Volterra).