A/N: Hey liebe Leute, es gibt tatsächlich ein neues Kapitel. Nessie trifft endlich auf die Volturi – die Stelle ist stark an BD orientiert. Ich bin nicht wirklich zufrieden mit dem Ergebnis und habe lange daran gebastelt. Die Beschreibung des unterirdischen Sitzes des Volturi ist ein wenig anders als in NM, also sage ich einfach, die Volturi haben inzwischen renoviert.
Kapitel 3: Die Höhle des Löwen
„Willkommen in Volterra!" begrüßte uns der Vampir mit tiefer Stimme und schlug seine Kapuze zurück. Zum Vorschein kam ein großer, stämmiger Mann mit kurzem schwarzem Haar. Trotz der weiten Kutte war es nicht zu übersehen, wie muskulös er war. Sein Bizeps hätte selbst Emmetts Statur in den Schatten stellen können. Seine bleiche Haut wies noch einen zarten Hauch ins Olivfarbene auf, ein Überbleibsel seiner südländischen Herkunft.
Wir blieben auf sicherer Distanz zu ihm stehen. Mein Vater quittierte die höfliche Begrüßung mit einem knappen Nicken.
„Felix."
Der eisige Unterton in seiner Stimme war kaum zu überhören. Er positionierte sich schützend zwischen mir und dem Volturisoldat, als wollte er mich mit seinem Körper vor Felix abschirmen, was diesem natürlich nicht entging. Seine Mundwinkel zuckten, als sein Blick neugierig über mich hinweg schweifte und anschließend wieder meinen Vater fixierte.
„Wir hatten euch ehrlich gesagt nicht so schnell erwartet", erklärte Felix mit einem herausfordernden Glitzern in seinen rubinroten Augen. Er versuchte nicht einmal zu verbergen, wie viel lieber es ihm gewesen wäre, hätte er uns gewaltsam herschleifen müssen.
Großvater schenkte ihm ein galantes Lächeln, hinter dem seine Anspannung deutlich hervor trat. „Nun, einen Freund soll man bekanntlich nicht warten lassen."
„Gewiss. Aro brennt darauf euch wieder zu sehen."
Felixs Augen wanderten von Carlisle zu meiner Mutter, die sich dicht an meiner Seite hielt, und musterte ungeniert ihre Erscheinung von Kopf bis Fuß.
„Du siehst wirklich gut aus, Bella. Die Unsterblichkeit schmeichelt dir." Deutlich war ihm anzusehen, wie sehr ihm gefiel, was er sah. Mein Vater biss die Zähne zusammen, verzichtete jedoch auf einen Kommentar.
Meine Mutter rang sich ein schwaches Lächeln ab und rückte noch näher an meine Seite, als Felix seine Aufmerksamkeit letztlich mir zuwandte. Unbehagen breitete sich in mir aus, während Felix mich ebenso ausgiebig begutachtete wie zuvor meine Mutter. Ich hatte große Mühe meinen Herzschlag zu kontrollieren. Felix sah mich auf eine Art an, die ich nicht gewohnt war – als wäre ich Fleisch … und es gefiel mir nicht.
Meinem Vater anscheinend auch nicht, nach seinem bedrohlichen Knurren zu urteilen. Ich wollte gar nicht wissen, welche unsittlichen Gedanken dem Volturi gerade durch den Kopf schossen. Felixs Lippen kräuselten sich und entblößten seine scharfen Reißzähne. Ein sardonisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, doch sprach er mich glücklicherweise nicht direkt an.
„Kommt", sagte er stattdessen an uns alle gerichtet und wandte sich zum gehen. „Wir wollen Aro nicht länger warten lassen."
Er trat zurück in das Gebäude und wir folgten ihm notgedrungen. Großvater schritt voran, meine Eltern blieben an meiner Seite. Sie waren beide angespannt und nichts entging ihren herumhuschenden, wachsamen Blicken, auch wenn das Gebäude seltsam menschenleer erschien. Wir bekamen keinen einzigen Beamten zu Gesicht.
Es war mitten am Tag … sollte nicht irgendjemand hier sein?
Auf dem Weg durch den alten Kommunalpalast tauchten weitere, gesichtslose Volturisoldaten in dunklen Kutten auf. Sie flankierten uns in gebührendem Abstand - unser persönlicher Geleitschutz …
Felix führte uns durch eine Vorhalle mit Kreuzgewölbe hinauf ins Obergeschoss und wir betraten die reich freskierte Ratshalle. In der Mitte des großen Freskos, das sich über die gesamte hintere Wand des Raumes erstreckte, war unverkennbar die Verkündigung dargestellt.
Felix blieb davor stehen und strich mit den Fingern behutsam über das Kunstwerk. Wie von Zauberhand teilte sich die Leinwand plötzlich an einer zuvor für das menschliche Auge unsichtbaren Nahtstelle auf. Beide Bildteile glitten lautlos auseinander. Ein einfacher Fahrstuhl kam dahinter zum Vorschein. Er war mit einem Eisengitter verschlossen und jedwede moderne Technologie schien zu fehlen – es hätte mich nicht gewundert, wenn er noch von Hand bewegt werden musste. Er sah auch nicht so aus, als wäre er regelmäßig in Betrieb.
Felix schob das sperrige Gitter beiseite. Der Aufzug bot gerade genug Platz für uns fünf, die übrigen Volturi begleiteten uns nicht weiter und blieben in der Ratshalle zurück.
Der Fahrstuhl setzte sich ätzend und knatternd von der plötzlichen Anstrengung langsam in Bewegung und brachte uns ein paar Stockwerke in die Tiefe. Die Fahrt war kurz, doch ich hatte nie zuvor unangenehmere Sekunden in meinem Leben verbracht.
Felix stand in meinem Rücken. Obwohl ich nicht sicher sein konnte, dass er mich ansah, so fühlte es sich dennoch an, als würden seine Augen mich aufspießen. Glühend heiß schienen sie sich in meinen Rücken zu bohren. Meine Haut prickelte wie elektrisiert und ich kämpfte gegen den Drang, mich zu ihm umzudrehen und zu vergewissern, ob er mich wirklich anstarrte, oder ob ich es mir nur einbildete.
Die Nähe zu dem einschüchternden Volturisoldat, der uns ohne zu zögern töten würde, sollten seine Herren es von ihm verlangen, machte mich fertig. Die Kabine des Aufzugs war durchtränkt mit seinem bittersüßen Geruch, der dem Duft meiner Familie so ähnlich war und gleichzeitig so anders. Es konnte nicht lange her sein, dass er sich das letzte Mal genährt hatte …
Die Sekunden zogen sich endlos hin und ich klammerte mich an die Hand meiner Mutter, versuchte in der vertrauten Berührung Stärke zu finden. Mit meiner Gabe schickte ich ihr eine wortlose Botschaft, zeigte ihr mein Unwohlsein, obwohl ich wusste, dass sie nichts dagegen tun konnte. Sie schielte zu mir herüber, ihre gold schimmernden Augen voller Anteilnahme, und drückte meine Hand.
Als sich die Türen nach einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder öffneten, hatte der Fahrstuhl eine große Empfangshalle erreicht. Die Wände waren aus hellem Alabaster. Es gab keine Fenster, dafür unzählige Gemälde, die verschiedene Ansichten der toskanischen Landschaft zeigten. Leise Klassikmusik ertönte aus unscheinbaren Deckenlautsprechern. Zur rechten Seite des Aufzugs stand ein Tresen, an dem eine junge hübsche Frau saß – eindeutig menschlich. Sie begrüßte uns mit einem breiten Lächeln aus blutroten Lippen.
Ob sie wusste für wen sie arbeitete?, fragte ich mich.
„Ja, das tut sie", flüsterte mir mein Vater so leise zu, dass nur ich ihn verstehen konnte.
Ich starrte die Frau ungläubig an, die so völlig sorglos hinter dem Tisch saß, als würde sie in einer x-beliebigen Hotellobby sitzen und nicht direkt in der Höhle des Löwen. War sie wirklich so dekadent , dass es ihr egal war, für wen sie da arbeitete?
Felix nickte der Brünetten im Vorbeigehen zu und schenkte ihr ein wohl charmant gemeintes Lächeln. Ihre Wangen erröteten und sie kicherte hinter vorgehaltener Hand wie ein verliebtes Schulmädchen, was den Blutfluss in ihren Wangen verstärkte. Selbst ich konnte ihr Aroma quer durch den Raum riechen, meine Kehle wurde trocken, entfacht von neuem Durst und ich hielt die Luft an. Ich konnte nicht leugnen, dass ihr Blut köstlich roch …
Das letzte Mal, dass ich Menschenblut getrunken hatte, war ich noch ein Baby gewesen, gerade einmal ein paar Tage alt, aber in meiner physischen Entwicklung schon wesentlich weiter. Doch schon damals waren es ausschließlich Blutkonserven gewesen, nie von einem lebenden Menschen. Meine Eltern hatten mich schon früh an die Cullen-Philosophie gewöhnt - von Menschen zu trinken … sie zu töten … war falsch.
Nur weil wir es konnten, hieß das nicht, dass wir es tun sollten.
Anfangs hatte ich mich gesträubt. Ich hatte nicht verstehen können, warum ich Tierblut trinken musste, wenn Blutkonserven es genauso getan hätten ohne einen Menschen zu gefährden … doch meiner Familie gegenüber wäre das nicht fair gewesen. Sie konnten kein Menschenblut, nicht einmal aus Konserven, trinken ohne von ihren Instinkten überwältigt zu werden – ihr Durst war um ein Vielfaches stärker als meiner - sie hätten ihr Leben unter den Menschen nicht fortführen zu können, hätte ich weiter Menschenblut getrunken … und ich war nicht bereit gewesen, ihnen das, was sie sich aufgebaut hatten, wegzunehmen … sie hatten soviel für mich opfern müssen, ihre „Menschlichkeit" sollte nicht dazu gehören …
Felix' Nasenlöcher blähten sich, als er den Blutgeruch tief in sich aufnahm und er gab ein hungriges Knurren von sich, das der jungen Frau entging, uns aber nicht. „Köstliches Bouquet", murmelte er mit einem Seitenblick in unsere Richtung und einem feixen Grinsen im Gesicht, das seine scharfen Fänge betonte.
Mit langen Schritten hielt Felix auf die goldene Flügeltür am Ende des Empfangraumes zu. Sie sah sehr kostbar aus und war mit filigranen Mustern übersäht. Ohne sich anzukündigen stieß er die Tür auf. Jenseits davon lag ein noch viel größerer, kreisrunder Raum. Felix trat beiseite und ließ uns eintreten. Beeindruckt von dem Anblick, der sich mir bot, sah ich mich um.
Es war ein prunkvoller Saal, mindestens drei Stockwerke hoch, mit makellosen Wänden und Fußboden aus feinstem Alabaster. Die breiten Steinsäulen endeten in einem impossanten Kuppeldach und die Zwischenpartien waren im oberen Bereich mit länglichen Fensterreihen versehen, durch die das Tageslicht flutete. Entlang der Wände zog sich ein gemeißelter Schriftzug in altem Latein …
„Vita Brevis Ars Longa Mors Tua Vita Mea Nemo Est Supra Leges Et Sic Semper Erit"
Das Leben ist vergänglich, nur die Kunst bleibt ewig.
Dein ist der Tod, mein das Leben.
Kein Mann steht über dem Gesetz
und so wird es immer sein.
In der Mitte des Saals standen auf einer Estrade drei exquisite, aus Ebenholz geschnitzte Stühle, auf denen die Volturioberhäupter thronten. Ich versuchte nicht zu starren, doch eine abstoßende Faszination ging von den drei Vampiren aus, denen man ihr hohes Alter auf eigenartige Weise ansehen konnte.
Sie sahen anders aus als die Vampire, die ich bisher kennen gelernt hatte, anders als meine eigene Familie. Ihre Haut war milchig weiß und wirkte unnatürlich transparent und so dünn wie Reispapier. Dunkle, abgestorbene Adern schimmerten unter ihr hervor … als hätten sie seit Jahrhunderten kein Tageslicht mehr zu Gesicht bekommen … Die Volturi verließen ihren Palast wohl nicht oft …
Sie trugen ähnliche dunkle Roben wie Felix, ihre waren jedoch mit feinen Stickereien und allerlei Accessoires verziert. Ihre Namen kannte ich auswendig, fürchtete sie wie normale Kinder den Schwarzen Mann.
Aro, der Worführer der Drei, saß in der Mitte. Er hatte langes, schwarzes Haar und sein bleiches Gesicht zeigte eine beinah gierige Vorfreude über unsere Ankunft. Er beugte sich leicht vor, als schien es ihn kaum noch auf seinem Platz zwischen seinen beiden Brüdern zu halten, und beäugte uns voller offenkundiger Begeisterung.
Markus, der zu Aros Rechten saß, lungerte desinteressiert auf seinem Thron, ein Ausdruck purer Langeweile auf seinem fahlen Gesicht, in dem sich nicht ein Muskel regte. Er hatte ebenfalls wallendes, schwarzes Haar, damit hörte die Ähnlichkeit zu Aro jedoch auch schon auf.
Auf dem dritten Stuhl saß der „jüngste" der Volturi – Caius. Mit seinem weißen Haar stach er unter den anderen beiden Vampiren deutlich hervor. Seine Miene war entrüstet, seine Abneigung ihm deutlich anzusehen. Ihm schien das ganze Spektakel, das sein Bruder um uns machte, zuwider zu sein. Seine karmesinfarbenen Augen sprühten vor unterschwelligem Zorn … dennoch war er mir nicht halb so unheimlich wie Aro – bei ihm wusste man wenigstens, woran man war …
Wir blieben in gebührenden Abstand zu den drei Vampiren stehen und verbeugten uns demütig. Erst auf den zweiten Blick bemerkte ich, dass sich noch weitere Gestalten im Saal befanden. Sie hielten sich so unscheinbar im Hintergrund, das sie mir beinahe entgangen wären. Regungslos wie Sälzsäulen. Die beiden Vampire sahen aus wie Teenager, jünger noch als meine Eltern. Der Junge war dunkelhaarig und etwas größer als das blonde Mädchen neben ihm, doch beide teilten die gleiche engelsgleiche Schönheit, die bei dem Mädchen jedoch nicht über ihren zweifelhaften Charakter hinwegtäuschen konnte – hinter ihrem Lächeln steckte etwas Bösartiges, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ …
„Ah, Carlisle, mein alter Freund", begrüßte Aro uns großmütig und erhob sich von seinem Stuhl mit ausgebreiteten Armen, als wollte er uns wirklich willkommen heißen. „Es ist so schön dich wieder zu sehen. Unser letztes Zusammentreffen ist viel zu lange her."
„Das bedaure ich ebenfalls", erwiderte Großvater mit der gleichen Höflichkeit. „Leider bin ich sehr beschäftigt gewesen, und die Zeit bleibt selbst für uns nicht stehen."
„Wohl wahr, wohl wahr, auch wenn die Zeit unsereins wesentlich günstiger gesonnen ist als den Menschen. Dennoch ist es umso schöner, dass wir endlich alle zusammenfinden konnten. Ich muss gestehen, ich hatte nicht mit einer so baldigen Antwort auf unsere Einladung gerechnet."
Großvater lächelte schwach. „Wir konnten es gerade einrichten. Eine glückliche Fügung des Schicksals, oder kommen wir etwa ungelegen?"
„Gewiss nicht. Edward, es ist auch wundervoll dich wieder zu sehen", wandte sich Aro nun an meine Eltern. Das gierige Funkeln in seinen Augen verriet, wie wundervoll er es wirklich fand, wie gerne er seine Klauen in meines Vaters Talent geschlagen hätte. „Und Bella, wie ich sehe trägst du mein Geschenk."
Die Hand meiner Mutter wanderte zu ihrer goldenen Halskette mit dem protzigen Diamantanhänger, den Aro ihr bei ihrem letzten Zusammentreffen geschenkt hatte.
Als Mensch hatte meine Mutter zuviel über die Welt der Vampire gewusst, weswegen sie von den Volturi als Bedrohung für ihr Geheimnis angesehen worden war, und daher hatte es für sie nur eine Möglichkeit gegeben – die Verwandlung - sonst wäre ihr der Tod sicher gewesen.
Kurz nach meiner Geburt war Mutter daher alleine nach Volterra gereist, um den Volturi ihre Aufwartung zu machen – im Grunde war es nur ein kurzer Kontrollbesuch, um ihnen zu zeigen, dass sie wirklich zu einer Unsterblichen geworden war, so wie die drei Vampire es verlangt hatten, bevor sie auf den Gedanken hätten kommen können, uns zu besuchen ... als Einzige in der Lage ihre Gedanken und Erinnerungen vor Aro zu verbergen war sie trotz der großen Bedenken meines Vater zu ihnen gegangen, nur um eine einzige Sache zu schützen … mich …
Aros Blick glitt über die Gesichter meiner Eltern, bis sich seine Aufmerksamkeit schließlich auf mich konzentrierte. Er blinzelte und machte ein paar Schritte auf uns zu. „Und das ist dann wohl-?"
Seine trüben Augen waren so weit aufgerissen, dass sie viel zu groß für seinen Kopf wirkten. Sie taxierten mich von oben bis unten, nicht auf die gleiche Art wie Felix zuvor, doch genauso unangenehm – als wäre ich etwas unter einem Mikroskop, das es näher zu erforschen galt …
Ich versuchte unter seinem stechenden Blick nicht zusammenzusinken. Das Blut schoss mir in die Wangen und Aros schwarze Augenbrauen wölbten sich angetan von meiner allzu menschlichen Reaktion. Was auch immer er in mir sah, es gefiel mir nicht, und meinen Eltern auch nicht, denn sie schoben sich gleich näher an mich heran.
„Renesmee", bestätigte Großvater. „Meine Enkeltochter." Ich bemühte mich um ein Lächeln, brachte aber nur eine verzerrte Grimasse zustande. Kleinlaut begrüßte ich den Vampir.
„Enkeltochter?" wiederholte Aro langsam, das Wort auf seiner Zunge testend, als wäre es ihm völlig fremd, und klatschte dann begeistert in die Hände. „Das ist bemerkenswert. Welch erstaunliche Familiendynamik. Die engen Bande zwischen euch, denen der Menschen so ähnlich, nicht wahr Markus?"
Markus regte kaum merklich das spitze Kinn und lugte unter trägen Lidern hervor. Sein Blick streifte mich flüchtig, ohne eine Spur von Interesse. „Ganz wie du meinst, Aro", seufzte er so monoton wie eine Tonbandaufnahme und fiel gleich zurück in seine Lethargie.
„Können wir bitte beim Thema bleiben!", knurrte Caius ungeduldig. „Enkeltochter - wie soll das möglich sein? Sie ist keine von uns!" Er betrachtete mich und verzog angewidert das Gesicht, als hätte er etwas Schlechtes gerochen … es konnte nicht mein natürlicher Geruch sein, der ihn so abstieß - ich roch angenehm für Vampire, ihrer eigenen blumigen Duftnote ähnlich genug, um nicht als Beute angesehen zu werden. Es musste meine halbmenschlichen Herkunft sein, die ihm so widerstrebte. Hegte Aro auch ein gewissenes Interesse, so schien Caius nicht mehr in mir zu sehen als eine Störung der natürlich Ordnung. Eine Mikrobe unter Göttern.
„Seht sie euch doch nur an!" spie Caius voller Abscheu. „Wie schwach sie ist! Sie hat einen Herzschlag! Warmes Blut fließt durch ihre Adern! Sie ist mehr Mensch als Vampir! Welcher Zauber sie auch immer erschaffen hat, es ist wider der Natur! Eine abscheuliche Mutation, die hier nichts verloren hat! Vielleicht sollten wir die Höflichkeiten endlich beiseite lassen, damit ihr uns das erklären könnt!"
Mit einem Mal schien die Stimmung zu kippen, wurde frostig und unberechenbar. Mutter und Vater bleckten beide die Zähne und stierten Caius wütend an. Felix und die anderen Wachen gingen in Angriffshaltung, bereit jede Zeit einzugreifen. Meine Eltern taten das Gleiche und nahmen mich in ihre schützende Mitte. Selbst Großvater schien mit einer handgreiflichen Auseinandersetzung zu rechnen, seine Augen waren zu wachsamen Schlitzen verengt.
Obwohl das schale Lächeln nicht von Aros Lippen gewichen war, sah man ihm seine Missstimmung an. Die Maske des barmherzigen Gönners begann zu bröckeln und darunter kam etwas noch viel Alarmierendes zum Vorschein. Ein falsches Wort würde reichen, die Situation eskalieren zu lassen…
Großvater trat mit erhobenen Händen vor, eine Geste des Friedens. „Bitte, Freunde", mahnte er, „genau das wollen wir ja, wenn ihr uns ausreden lasst…"
Aro schien ihm kaum zu hören. Sein Blick war unfokusiert, nach innen gekehrt als er sich umdrehte und in die Richtung seiner Brüder wanderte, die düster von ihren Thronen auf uns herab starrten. Besonders Caius' rote Irden brannten vor Rage, durchbohrten mich wie giftige Pfeile, als wollte er mich bloßen Blicks zu Asche verbrennen.
Aro sprach viel mehr zu sich selbst und faltete die Hände, wobei seine beiden Zeigenfinger nachdenklich gegen einander tippten, als er sagte: „Dass sie das Mädchen so lange vor uns geheim gehalten haben … Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das leicht als Beleidigung angesehen werden kann … was natürlich nicht geduldet werden darf, vor allem wenn sie ein …"
„Sie ist kein unsterbliches Kind!"
Vaters harte Stimme durchschnitt den Raum scharf wie eine Rasierklinge und hallte wie Donnerschlag von dem hohen Deckengewölbe wieder. „Du siehst es selbst, Aro! Warmes Blut in ihren Adern, ein Herzschlag, das ist keine Täuschung. Sie wächst, entwickelt sich, lernt … bald wird sie erwachsen sein!"
„Aro", flehte Großvater inständig. „Ich sagte bereits, ich möchte euch alles erklären, wenn ihr mich nur lasst. Dann werdet ihr verstehen, warum wir uns so verhalten haben. Wir taten es sicherlich nicht mit der Absicht euch zu beleidigen, doch die besonderen Umstände erforderten ein–"
Endlich schien Aro wieder in die Realität zurückzukehren – er drehte sich um und seine milchig roten Augen richteten sich wieder auf uns und seine Miene heiterte sich auf. „Auch wenn ich Caius' Ausbruch und seine unbedacht gewählten Worte bedauere, so muss ich ihm in gewisser Weise beipflichten. Die junge Miss Cullen wirft allerlei Rätsel auf … Gewiss, die Umstände sind mehr als besonders." Dann schwieg er einen Moment und schien Großvaters Vorschlag zu überdenken. Er kniff die Augen zusammen und sein Anblick erinnerte mich an einen verschlagenen Schakal, der kurz vor dem Angriff stand und seine Beute in falscher Sicherheit wog, bevor er sie verschlang.
Er seufzte theatralisch.
„Nun gut, wir wollen eure Erklärung anhören, aber ich würde sie lieber aus erster Hand erfahren und da Renesmee eindeutig die physischen Merkmale von Edward und seiner jungen Gefährtin trägt, nehme ich an, dass sie eher etwas damit zutun haben als du, Carlisle. Edward, wenn du selbst die Güte hättest mich aufzuklären." Er sah meinen Vater an und streckte ihm die Hand als Einladung entgegen. Dann wartete er mit einem versteinerten Lächeln im bleichen Knochengesicht.
Vater hatte also Recht gehabt – Aro wollte seine Erinnerungen, nicht unbedingt um unsere Geschichte zu bestätigen, das hätte er auch von Großvater erhalten können – er wollte mehr … all unsere Geheimnisse, jeden unausgesprochenen Gedanken, jedes noch so nebensächliche Geisteskonstrukt, das sich tief in den Winkeln unseres Verstandes verbarg. Jeden Plan, jede von Alices Visionen, jede Schwäche … das alles würde ihm die Berührung meines Vaters liefern.
Widerwillig löste Vater sich von Mutter und mir. Felix und die anderen Wachen verblieben in Lauerstellung und musterten jede seiner Bewegungen, bereit im Notfall einzugreifen um ihre Herren zu schützen. Vater trat unbeirrt an Großvater vorbei, der ihm kurz über die Schulterstrich und sie tauschten einen flüchtigen Blick aus, bevor er den Rest des Saals durchquerte und vor Aro stehen blieb.
Ohne ein Wort legte er seine Hand in Aros wartende Klaue. Seine dürren Finger schlossen sich blitzschnell um Vaters Hand wie eine Venusfliegenfalle und hielten sie fest. Während ich beide beobachtete, fragte ich mich, was gerade genau zwischen ihnen geschah … Aro, der Vaters Erinnerungen las … Vater, der gleichzeitig Aros Gedanken las und seine eigenen Erinnerungen durch dessen Augen noch einmal durchlebte … allein bei der Vorstellung schwirrte mir der Kopf.
Es gab kein äußeres Zeichen für den eigentlichen Gedankenaustausch, außer dass beide sich hoch konzentriert anstarrten. Auch wenn das Ganze höchstens ein paar Minuten gedauert haben konnte, dauerte es mir zulange – innere Unruhe drohte mich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Mutter und Großvater ging es nicht anders, selbst die übrigen Volturi schienen es kaum zu ertragen, so im Ungewissen zu sein.
Doch dann hellte sich Aros Miene mit einem Schlag auf, zeigte eine Mischung aus Neugier und purem Unglauben, als hätte er etwas überaus Verblüffendes in Vaters Erinnerungen gesehen. Er strahlte bis über beide Ohren, was ihn aber nicht sympathischer wirken ließ.
„Faszinierend", raunte er, als er seine Hand zurückzog und Vater entließ. Vater kehrte zurück an unsere Seite und legte den Arm um Mutter und mich. Seine Miene war verschlossen und sein grimmiger Blick starr auf Aro gerichtet – wahrscheinlich um herauszufinden, wie der Vampir nun handeln würde.
„Aro, was hast du gesehen?" fragte Caius ungeduldig. Selbst Markus schien hellhörig geworden zu sein und eine Antwort zu erwarten.
„Etwas so erstaunliches, mein Bruder, dass ich es nie für möglich gehalten hätte, hätte ich es nicht gerade mit eigenen Augen gesehen. Sie haben die Wahrheit gesprochen, das Mädchen ist kein unsterbliches Kind. Sie ist tatsächlich die leibliche Tochter von Edward und Bella."
Caius zog hörbar die Luft ein. Sein Blick verfinsterte sich, seine Augen hart wie Onyx. Aus seiner Kehle entwich ein tiefes wütendes Knurren, das mir die Haare zu Berge stehen ließ. Ich spürte Vaters schützenden Arm noch fester um mich. Caius Hände krallten sich in die Lehnen seines Throns und brachten das Holz beinahe zum bersten. „Das ist unmöglich. Es muss eine Täuschung sein!"
„Vampire können keine Kinder zeugen, Aro", fügte Markus an.
„Nicht untereinander, aber Bella empfing und gebar sie noch vor ihrer Verwandlung, deshalb ist sie halb Mensch und halb Vampir. Eine waschechte Chimäre. Incredibile!"
Caius sprang auf, die Zähne gefletscht, Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Das ist absurd!"
„Hast du eine andere Erklärung, Bruder?"
Caius biss die Zähne zusammen und starrte Aro beleidigt an, als wäre dieser ihm soeben in den Rücken gefallen. Schnell sammelte er sich wieder. „Selbst wenn es die Wahrheit ist", presste er mühsam hervor, „verstößt es immer noch gegen das Gesetz und muss bestraft werden!"
Aro schüttelte mitleidig den Kopf. „Genau genommen", seufzte er, „verfügen wir über kein solches Gesetz, das es einem Vampir untersagt, sich mit einer Menschenfrau fortzupflanzen. Wir haben es nie für möglich gehalten. Ein bedauerliches Versäumnis, das wir vielleicht für die Zukunft korrigieren sollten."
„Das Kind ist trotzdem eine Bedrohung! Wer weiß zu welcher Abnormalität sie sich noch entwickeln wird. Sie könnte uns alle enttarnen. Sie muss vernichtet werden!"
Ich lauschte Caius Anklagen und mir drehte sich der Magen um. Vernichtet … das Wort schien mir keinen Sinn zu ergeben, es war bedeutungslos. Zwecklos. Wieso debattierten sie noch, wenn ihre Entscheidung längst feststand? Ich fühlte mich wie ausgehöhlt. Mein Verstand, der meinen so gut wie feststehenden Tod nicht begreifen konnte, hatte sich längst verabschiedet. Ich sah den schlimmsten Moment, den ich befürchtet hatte, gekommen – alles würde hier und jetzt enden – für mich, meine Eltern, vielleicht meine ganze Familie … und mir kam es so vor, als würde mich das nicht betreffen … als würde es um jemand anderes gehen, was irgendwie tröstlich war … nur würde es mich letztendlich nicht vor dem Tod bewahren …
Großvater versuchte immer noch einen Konsens zu erreichen und redete weiter auf Aro ein. „Aro, du hast Edwards Erinnerungen gelesen – alles über unsere Nachforschungen und Vermutungen erfahren. Du weißt, dass es nicht…"
Aro nickte nachdenklich.
„Mit Verlaub, Bruder", sagte er zu Caius, „siehst du ein Kind vor dir? Renesmees Entwicklung ist in dem Maße beschleunigt wie unsere verlangsamt. Wenn auch noch nicht vollkommen erwachsen, so sehen wir im Augenblick vor uns, was wir von ihr zu erwarten haben. Nach Carlisles Einschätzung hat sich ihr Alterungsprozess inzwischen dem eines normalen Menschen angeglichen. Nicht mehr lange und er wird ganz zum Stillstand gekommen sein. Renesmee wird die Ewigkeit so jung und bezaubernd verbringen, wie sie heute vor uns steht. Unser Geheimnis bleibt somit gewahrt. Vielmehr noch besitzt sie eine einzigartige Sicht der Dinge. Ohne unsere Schwächen kann sie mit der Menschenwelt auf eine Weise interagieren, die uns verschlossen ist. Von ihr geht kein Risiko für unsere Existenz aus."
Caius grummelte etwas Unverständliches, unterbrach Aro jedoch nicht in seinem Redeschwall.
„Und sie ist genauso talentiert wie ihre Eltern. Sie kann ihre Erinnerungen und Gedanken projizieren – meiner eigenen Gabe nicht unähnlich", staunte er zufrieden und sagte es so, als wäre es eine große Ehre etwas mit ihm zu teilen … Ich versuchte seinem Lob nicht allzu viel Bedeutung zuzumessen, allein die Vorstellung mit ihm etwas gemeinsam zu haben, verursachte in mir neue Übelkeit.
„Würdest du mir die Ehre erweisen und deine Gabe vorführen?"
Ich erbleichte.
Reichte es nicht, dass er sie aus Vaters Erinnerungen kannte? Was brachte ihm eine Demonstration? Ich blickte hilflos zu meinen Eltern, fragte sie um Erlaubnis. Beide nickten, also tat ich, worum mich Aro gebeten hatte.
Unter den wachsamen Blicken der Volturigarde überwand ich meine Scheu und trat zögerlich auf den Vampirältesten zu. Meine Finger zitterten. Zaghaft berührte ich mit den Fingerspitzen sein Gesicht. Trotz ihres merkwürdigen Aussehens fühlte sich seine Haut nicht viel anders an als bei meinen Eltern … vielleicht ein wenig staubiger, als wäre sie von einem feinem Puderfilm überzogen, der an meinen verschwitzten Fingerkuppen hängen blieb … vielleicht war das auch nur Einbildung … Aros kaltes Lächeln wirkte aus der Nähe noch viel deplazierter und sein Geruch war genau wie bei Felix eine Spur salziger als bei meiner Familie, wahrscheinlich ein Resultat seiner Ernährung.
Meine Nerven begannen zu flattern. Es war zwecklos, ihm vorspielen zu wollen, dass ich keine Angst hatte – seine überlegenden Vampirsinne sagten es ihm ohnehin. Mein Herz hämmerte gegen meine Brust, so laut in meinen eigenen Ohren dröhnend, dass es jeder im Raum und darüber hinaus hören musste. Ich bemühte mich tapfer zu sein, doch konnte ich das Bild nicht aus dem Kopf kriegen, Aro könnte mir jeden Augenblick die Hand abbeißen … wie der große Hai in dem Film, den Emmett mir einmal gezeigt hatte – ein unverzichtbarer Klassiker ...
Ich überlegt sorgfältig, welche Erinnerung ich ihm zeigen wollte - es fühlte sich viel zu intim an, ihm etwas aktiv zu zeigen. Etwas, dass ich sonst nur mit meiner Familie teilte … es fühlte sich nicht richtig an … als würde ich meine Seele der falschen Person offenbaren … Ich entschied mich schließlich für die Erinnerung von Rosalie und mir beim Eisessen vor unserer Abreise nach Volterra. Eine kurze und harmlose Erinnerung. Schmerzlos sie an den Volturianführer zu verlieren. Aros Gesicht erstrahlte, was ihn nur noch abscheulicher aussehen ließ, denn in seinen matten Augen konnte ich etwa zutiefst Verstörendes aufblitzen sehen …
Besessenheit und Verlangen ...
Mein Vater musste es ebenso empfunden haben, denn ein warnendes Grollen entrang sich seiner Brust. Aro ignorierte uns beide und mir kam der Verdacht, dass er oft nur das zur Kenntnis nahm, was er hören wollte und alles andere einfach ausblendete … andererseits kam es sicher auch nicht allzu oft vor, dass er tatsächlich etwas zuhören bekam, dass ihm nicht gefiel …
„Exquisit. Welch blühender Verstand und aufgeweckter Geist in ihr schlummern. Du bist wirklich eine außergewöhnliche junge Dame, Nessie." Ich fröstelte. Wie er meinen Kosenamen sagte, fühlte sich schmutzig an. Er hatte nicht das Recht mich so zu nennen. Ich biss mir auf die Lippe, um es ihm in einem plötzlichen Anflug von Hysterie nicht ins Gesicht zu schreien. „Ich werde die nächste Zeit genießen, dich noch ausführlicher studieren zu können."
Ich schrak zurück. Die nächste Zeit? Ausführlicher studieren? Wie lange erwartete er denn, dass wir hier bleiben würden? Wieso ließ er uns nicht einfach gehen, jetzt, wo er alles wusste, was es zu wissen gab? Meine Eltern waren genauso perplex wie ich und Caius schien die Aussicht auf einen verlängerten Aufenthalt ebenfalls wenig zugefallen.
„Wie sollen wir das verstehen?" fragte Vater vorsichtig und Mutter zog mich zurück in ihre schützende Obhut.
„Aro, wir hatten eigentlich nicht geplant länger zu bleiben", fügte Großvater hinzu.
„Oh, aber das müsst ihr! Wenigstens noch ein paar Tage – wer weiß schon, wann wir das nächste Mal zusammenfinden werden … zudem werde ich deine Fachkenntnisse in Anspruch nehmen müssen, mein alter Freund."
Großvater runzelte die Stirn. „Meine Fachkenntnisse … wofür?"
Aro schwebte zu seinem Thron zurück und ließ sich geschmeidig niedersinken. „Das wirst du dann schon sehen, aber jetzt wird Heidi euch erstmal zu eurem Zimmer bringen. Renesmee muss erschöpft sein von der langen Reise. Sie sollte sich ausruhen."
Wie aufs Stichwort öffnete sich die große Flügeltür und eine hoch gewachsene, atemberaubend schöne Vampirfrau kam hereingeschneit, um uns aus dem Saal zu geleiten. Die Audienz war damit wohl offiziell beendet. Wir durften zwar nicht abreisen, aber wenigstens waren wir noch am Leben.
Vorerst …
Songs zu diesem Kapitel sind „Down a rabbit hole" von Bright Eyes und „Cannibal's hymn" von Nick Cave & The Bad Seeds (passt perfekt zu Aro und den Volturi).
Ich hoffe, dass Kapitel hat euch gefallen. Wie immer würde mich ein Kommentar von euch freuen, um mir zu zeigen, ob noch jemand die Geschichte hier liest. Bis(s) zum nächsten Mal xx
