A/N: Hallo liebe Leute, ich habe es endlich geschafft, das nächste Kapitel fertig zu bekommen. Das Letzte ist schon wieder einen Monat her, aber ich hoffe ihr verzeiht mir, dass ich nicht schneller bin. Einen ganz herzlichen Dank an meine Leser und an die, die mir einen Kommentar geschenkt haben. Ich weiß, die Story zieht sich bisher ein bisschen wie Kaugummi hin und ihr wartet wahrscheinlich alle darauf, dass Jacob endlich auftaucht … Ich hoffe, ihr bleibt dennoch bei der Stange und lest weiter, es kann nur besser werden, richtig?
Schreib-/Grammatikfehler bitte ignorieren.
Kapitel 4: Wolfsstunde
Heidis 10 Zentimeter Pfennigabsätze kratzten rhythmisch über den Steinboden, als sie uns zu unserem Quartier brachte. Wir nahmen einen anderen, viel moderneren und komfortableren Aufzug als zuvor. Die geräumige Kabine war mit rautenförmigem Buntglas verkleidet und die gedämpfte Deckenbeleuchtung nahm der Welt die Härte, konnte jedoch nicht die vier Überwachungskameras verschleiern, die in jeder Ecke der Kabinendecke eingelassen waren, sodass man von allen Seiten beobachtet wurde. Eine schwermütige Klaviersonate säuselte aus den Lautsprechern – als Tochter eines leidenschaftlichen Musikers kannte ich es vom ersten Klang, der Trauermarsch von Chopin. Die Volturi hatten wirklich einen grotesken Sinn für Humor …
Dennoch, wenn ich die Augen zusammengekniffen hätte – und mir nicht immer noch der grantige Geruch der Ältesten, der von Heidis Duftnote noch verstärkt wurde, in der Nase gestanden hätte, hätte ich mich leicht an einen anderen Ort denken können – in die Lobby irgendeines Nobelhotels am anderen Ende der Welt. Weit weg von hier…
Heidi stand mir gegenüber, das perfekte Lächeln in ihr Gesicht gemeißelt, und lehnte beinahe schon lasziv gegen die Kabinenwand. Auf ihren Stöckelschuhen war sie auf Augenhöhe mit meinem Vater, und irgendwie schaffte sie es unweigerlich alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, selbst wenn sie nur dastand wie eine Säule. Der kurze Lederrock betonte ihre langen, cremeweißen Beine und perfekten Rundungen. Vom Typ her glich sie Rosalie, doch im Gegensatz zu meiner Tante schien es Heidi geradezu darauf anzulegen, im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit zu stehen und es auch noch zu genießen.
Der Aufzug trug uns in die Höhe, ich zählte innerlich die verstreichenden Stockwerke mit, um mich zu beschäftigen. Die Türen öffneten sich zu einem breiten Flur. Heidi schritt voran und bedeutete uns zu folgen. Sie bewegte sich so souverän auf den Stilettos wie ein Supermodel auf dem Mailänder Catwalk, dass ich mir im Vergleich zu ihr mit meiner halbmenschlichen Ästhetik geradezu plump vorkam.
Immer wieder warf sie ihr volles Haar über die Schulter, was schon beinahe wie ein Tick erschien, und schielte dabei in Großvater Carlisles Richtung. Das leicht verrucht anmutende Lächeln aus ihren sündhaft rot gepinselten Lippen wich dabei nie von ihren Lippen.
Ich blinzelte verwirrt, versuchte zu verdauen, was sich mein Verstand aus diesen Informationen zusammenreimen wollte … flirtete sie etwa mit Großvater?
Vater schmunzelte neben mir und warf mir einen amüsierten Blick zu, der mehr sagte als tausend Worte hätten tun können und meine grauenhafte Vermutung bestätigte … sie flirtete wirklich mit Großvater … nicht, dass mich das hätte überraschen sollen – Heidi schien die Art von Frau zu sein, die mit jedem flirtete!
Aber der Gedanke, dass sie sich ausgerechnet Großvater ausgesucht hatte … natürlich war mir bewusst, dass er auf andere attraktiv wirken musste – das tat jeder in meiner Familie, und Carlisles hätte eher als mein älterer Bruder durchgehen können als mein Großvater, aber er war eben mein Großvater, genauso merkwürdig hätte es sich bei Vater oder Emmett und Jasper angefühlt.
Wir folgten der wandelnden Vampir-Sirene weiter und mir wurde bewusst, dass wir uns längst nicht mehr im unterirdischen Teil der Residenz befanden. Das Gemäuer war immer noch aus dicken Steinquadern und mutete an das Innere einer mittelalterlichen Burg an, hin und wieder waren jedoch kleine, längliche Fenster in die Wände eingelassen. Die meisten waren mit Holzladen verschlossen, zwischen deren Ritzen vereinzelt Sonnenstrahlen fluteten, in denen kleine Staubflocken tanzten, und auf dem Boden ein Streifenmuster aus Licht und Schatten hinterließen. Gusseiserne Fackelhalter und Alkoven säumten unseren Weg, in denen alte Ritterrüstungen und Bronzestatuen aus verschiedenen Epochen standen. Dazwischen waren immer wieder teure Gemälde platziert, die ich eigentlich im Louvre und anderen großen Museen erwartet hätte – sie stammten aus allen kunstgeschichtlichen Epochen, von Da Vinci bis Warhol, alles Originale natürlich. Die Decke des Flurs war leicht gewölbt wie in einem Kirchgang.
Heidi führte uns eine breite Wendeltreppe hinauf und wir landeten schließlich in einem weiteren Gang, der mit zahlreichen Türen gesäumt war. Ein Schwall verschiedener Duftnoten, allesamt menschlichen Ursprungs, hing in der Luft und hinter einigen der Türen konnte ich feuchte Herzschläge und andere Geräusche vernehmen, die auf Leben hindeuteten.
Ich tastete fragend nach der Hand meines Vaters.
„Das sind die Quartiere für die menschlichen Angestellten", erklärte er. „Die Volturi haben sie gerne … in der Nähe für den Fall…"
Für welchen Fall musste er mir nicht erklären, ich wusste es ohnehin … für den Fall, dass jemand Heißhunger bekam …
Ich musste an Gianna denken, deren Leben längst Geschichte war, auch wenn es ihr noch nicht bewusst sein mochte. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie zu einem Vampir werden würde und nicht bloß zur nächst besten Zwischenmahlzeit, wenn ihr Haltbarkeitsdatum für den Dienst bei den Volturi überschritten war, war verschwindend gering … dennoch schien sie sich an die vage Hoffnung zu klammern wie ein Ertrinkende … manchmal verstand ich die Menschen einfach nicht … und manchmal verstand ich sie besser, als es mir lieb sein konnte.
Die Unterkunft, die Heidi uns zuwies, glich einer prächtigen Hotelsuite. Es war ein großes Doppelzimmer mit dazugehörigem Bad, und um vieles protziger als die Gebäudefassade von außen vermuten lassen würde. Die extravagante Einrichtung ließ nichts zu wünschen übrig – von den mit kostbarem Kristall voll gestopften Vitrinen bis zu dem ultramodernen Plasmafernseher war alles vorhanden. Es gab sogar einen Wirlpool aus Marmor, der in den Boden eingelassen war, und einen Kamin. Doch das unbestreitbare Prunkstück im ganzen Raum war der glänzend, schwarze Flügel, der mich geradezu einlud, meine Finger über die Tasten klimpern zu lassen.
Auf den Tischen und Anrichten waren üppige Blumensträuße arrangiert, deren süßlicher Duft dem der Vampire in Nichts nachstand. Die Sitzecke im Zentrum des Raums war mit cremefarbenen Seidenbezügen überzogen. Alice hätte es hier gefallen im bitteren Sinn – es war ein wirklich hübsches Gefängnis.
Ich sah mich weiter um und ging zu einem der großen Fenster. Es war nicht vergittert, trotzdem wurde ich den Eindruck nicht los, dass dies alles nur Fassade war, um uns einzulullen. Dass es uns nicht wirklich frei stand zu gehen, wenn wir es gewollt hätten. Ich schob den schweren Samtvorhang beiseite und schaute hinaus. Unter mir breitete sich die Stadt aus. Wir befanden uns jetzt tatsächlich in der Fortezza Medicea auf dem Gipfel des Bergrückens. Ich konnte von hier die Piazza und den Glockenturm sehen.
Großvater trat zu mir, um ebenfalls einen Blick auf die Stadt zu werfen. Er hielt sich jedoch im Schatten des Vorhangs, um nicht in den Lichtkegel der immer noch kräftig scheinenden Nachmittagssonne zu geraten.
„Ich hatte schon fast vergessen, wie schön die Stadt ist, so lange bin ich nicht hier gewesen", seufzte er, ließ seinen Blick über die Dächer schweifen, „früher war dies ein Gefängnis, doch inzwischen steht die ganze Festung unter Denkmalschutz und nur noch eingeschränkt für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Volturi schätzen den Ausblick von hier oben, doch sie mögen es nicht, wenn die Menschen zu sehr in ihrer Privatsphäre herumschnüffeln."
„Ist das nicht ein wenig … auffällig?"
Großvater schmunzelte. „Möglich, aber manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Die meisten Menschen kriegen gar nicht mit, was sich direkt vor ihrer Haustür abspielt."
Als wir uns von dem Ausblick losreißen konnten, war Heidi längst verschwunden. Wir ließen uns zusammen in der Sitzecke vor dem gemauerten Kamin nieder, um uns zu beraten. Vater hatte seine Fühler ausgestreckt, konnte jedoch keine Vampire in Hörweite erfassen. Wanzen hatten wir auch keine entdeckt. Vielleicht achteten die Volturi tatsächlich unsere Privatsphäre … oder sie wollten uns das nur glauben machen …
Wir senkten trotzdem unsere Stimmen. Nur zur Vorsicht.
„Aro ist wirklich sehr daran gelegen, dass wir uns hier wohl fühlen", sagte Vater, „er hofft immer noch, wir könnten uns ihnen anschließen."
„Und wie lange müssen wir genau hier bleiben, bis er endlich kapiert, dass wir nicht interessiert sind?" fragte Mutter.
„Er hat zwar von ein paar Tagen gesprochen", meinte Vater, „aber er ist ein so alter Vampir mit einem anderen Zeitgefühl – für ihn könnten ein paar Tage durchaus Monate bedeuten."
„Mich würde viel mehr interessieren, was er damit meinte, er würde meine Fachkenntnisse benötigen", grübelte Großvater.
„Vielleicht ist einer ihrer Angestellten krank und du sollst ihn behandeln", schlug ich vor, das schien mir die einzig logische Erklärung zu sein, Vampire selbst brauchten schließlich keine Ärzte. Augenblicklich musste ich wieder an Gianna unten im Foyer denken – ich wollte lieber nicht wissen, wie viele ihrer Vorgängerinnen bereits das Zeitliche gesegnet hatten.
„Das würde sie nicht kümmern. Sie würden denjenigen einfach ersetzen", meinte Vater. Er sah irritiert aus und seine Stirn lag in tiefen Falten. Er beugte sich nach vorne, stützte das Kinn auf die gefalteten Hände und starrte ein wenig abwesend auf den zweifelsohne sehr teuren Teppichboden. „Nein, da muss noch etwas anderes dahinter stecken. Aro hat seine Absichten gut verschleiert. Ich konnte zwar nichts Genaues in seinen Gedanken lesen – nichts, was auf eine unmittelbare Gefahr für uns hindeutet – aber über seine genauen Motive konnte ich nichts herausfinden. Sie haben alle peinlich genau darauf geachtet, woran sie gedacht haben, damit ich nichts aufschnappen konnte, was ich nicht hören sollte."
„Ich fürchte, wir werden es noch früh genug herausfinden", entschied Großvater und erhob sich vom Sofa. „Ich werde versuchen, ein Telefon aufzutreiben, um die anderen wissen zu lassen, dass es uns gut geht, wir aber noch eine Weile hier bleiben werden."
„Das wird ihnen nicht gefallen", meinte Mutter, „uns gefällt es ja selbst nicht."
Großvater lächelte sie mitfühlend an, tauschte einen stummen Blick mit Vater und verließ das Zimmer dann. Niemand versuchte ihn daran zu hindern – es war vielleicht ein gutes Zeichen, dass keine Wachen vor der Tür postiert waren.
Vielleicht waren wir doch keine Gefangenen sondern nur Gäste…
„Das behauptet jeder Diktator", grollte Vater. Meine Mutter sah ihn fragend an, doch er winkte nur ab. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit mir zu, ihre Augenbrauen voller Sorge zusammengezogen.
„Schatz, ist alles in Ordnung? Du sieht etwas blass aus." Sie lächelte matt und fühlte mit ihren Eisfingern nach meiner Stirn. „Blasser als normal, meine ich."
Ich schob ihre Hand beiseite und rieb mir die Schläfen. Ich fühlte mich wirklich nicht besonders. In meinem Kopf pochte es wie in einem Uhrwerk. Wahrscheinlich ein Zeichen meiner Erschöpfung. Ich weigerte mich jedoch das zuzugeben – meine Eltern würden sofort darauf bestehen, dass ich mich hinlegte und alle weiteren Pläne ohne mich schmieden.
Sie betrachteten mich immer noch als Kind und versuchten mich vor allem Schlechten der Welt zu bewahren … was ich ihnen auch nicht übel nehmen konnte … das machte es für mich aber nicht leichter. Wie sollte ich wirklich erwachsen werden, wenn sie mir nichts zutrauten und mir alle schwierigen Entscheidungen abnahmen? Ich wollte nicht länger wie ein Kind behandelt werden.
„Mir geht es gut", beharrte ich stoisch, doch wem versuchte ich etwas vorzumachen – mein Vater konnte Gedanken lesen. Er wusste, dass dem nicht so war.
„Erwachsen zu sein bedeutet nicht automatisch auf den Rat seiner Eltern zu verzichten, Renesmee", erklärte er. „Du musst uns nichts beweisen – nicht heute. Leg dich etwas hin und wenn du wieder aufwachst, werden wir immer noch hier festsitzen." Er lächelte schief, dann fügte er hinzu: „Alles wird wieder gut werden."
Ich nickte nur, weil es keinen Sinn hatte zu streiten und ging dann ins Nebenzimmer. Leise schloss ich die Tür hinter mir. Das Schlafzimmer war ebenso feudal eingerichtet wie die übrige Suite mit einem großen, weichen und sehr einladend aussehenden Himmelbett. Darüber hing ein großes Ölgemälde, eine exakte Kopie von Michelangelos berühmten Erschaffung des Adams, nur das der Adam in dieser Version eindeutig die Züge von Aro trug … gruselig …
Der Gedanke unter einem halbnackten Porträt von dem Volturi-Anführer schlafen zu müssen, ließ mich frösteln, doch die Erschöpfung gewann allmählich die Oberhand, sodass ich mir nicht mehr allzu viele Gedanken darüber machte …
Auch in diesem Raum gab es ein großes Fenster, das ebenfalls mit einem Vorhang verdeckt war, und an der anderen Wand lehnte ein mit Blattgold geschmückter Garderobenspiegel, der mir einen Blick auf mein Spiegelbild gewährte.
Ich sah müde aus, mehr als das, ich sah völlig erledigt aus. Der rosige Schein war von meinen hellen Wangen gewichen und das bronzene Haar hing schlaff von meinem Kopf. Die sonst so auffällige Ähnlichkeit mit meinem Vater war in den Hintergrund getreten – was übrig geblieben war, war ein unsicheres Mädchen, das versuchte in der Liga der Großen mitzuspielen, obwohl es nicht wusste, ob es dazu schon bereit war …
Wie sollte es jetzt weiter gehen?
Würden die Volturi uns wieder gehen lassen? Oder würden sie uns doch noch beseitigen, wenn Aro uns überdrüssig geworden war?
Mein Kopf schwirrte vor zu vielen verkorksten Gedanken und Sorgen, vor meinen Augen drehte sich das Zimmer. Ich entledigte mich meiner engen Schuhe – Alice hatte sie ausgesucht, weswegen sie tot schick, aber leider auch furchtbar unbequem waren – und kroch unter die federleichte Bettdecke. Das Bett war noch viel weicher, als es auf den ersten Blick gewirkt hatte. Himmlisch.
Ich legte mich auf die Seite, zog die Knie an und rollte mich zu einem Ball zusammen. Ich schloss ermattet die Augen und ließ die Luft mit einem tiefen Seufzen aus meinen Lungen weichen. Ich versuchte die Geräusche, die von draußen ins Zimmer drangen, so weit es ging auszublenden und konzentrierte mich nur auf meine Atmung. Ein und aus.
Es tat gut, endlich die Anspannung der vergangenen Stunden abfallen zu lassen, für einen kurzen Moment loszulassen, und nicht länger in dunkler Ungewissheit über die Zukunft zu schweben.
Alles würde wieder gut werden, hatte mein Vater versprochen.
Und er hatte mich noch nie belogen.
Der Schlaf kam schneller als erwartet und mit ihm kehrten die Träume zurück …
Ich befand mich wieder in der gleichen bizarren Traumwelt wie schon im Flugzeug. Ich rannte auch wieder durch die Nacht … nur diesmal war ich nicht im Wald … ich rannte durch die Straßen von Volterra. Über mir ragte die Festung der Volturi aus dichten Nebelschwaden hervor …
Ich lief … auf verschlungenen Wegen wie in einem Labyrinth … angetrieben von einem unbekannten Drang und einem ebenso unbekannten Ziel vor Augen …
Verfolgt.
Gehetzt.
Keine Gerüche waren da. Keine Geräusche um mich herum … ich war völlig abgeschnitten von der Welt. Ich fühlte nichts außer diesem Zerren … dieser unbändige Sog, der meine Brust zu sprengen drohte …
So stark …
Stärker noch als Gravitation …
Ich hatte das Gefühl mich im Kreis zu bewegen. Ich kam nicht vor und auch nicht zurück, so sehr ich mich auch bemühte … und dabei lief mir doch die Zeit davon, soviel wusste ich, auch wenn ich mir auf nichts anderes einen Reim bilden konnte …
Alles war irgendwie verschoben, nichts ergab einen Sinn … rechts war links, oben war unten … es war, als hätte die Welt eine völlig neue Gestalt angenommen … als hätte das Universum eine neue Symmetrie entfaltet mit einem neuen, wie ein warmer Herzschlag pulsierendem Zentrum …
Mein Verstand konnte nicht begreifen, was vor sich ging, und mein Körper begann zu streiken. Wie auch beim letzten Mal stolperte ich und stürzte zu Boden, doch diesmal blieb ich einfach liegen. Meine Kraft war am Ende … mein Puls raste so schnell, als hätte ich einen Marathonlauf hinter mir … meine Muskeln schmerzten und meine Lungen brannten, während ich um neuen Atem rang …
Das Pflaster unter meinem Gesicht war angenehm kühl und erinnerte mich an die liebevolle Berührung meiner Mutter … Zuhause …
Ich schloss die Augen und spürte das Erdreich unter mir erzittern … dumpfe Donnerschläge in anschwellendem Rhythmus … wieder und wieder … wie ein Trommelwirbel unter der Oberfläche … Schlag um Schlag näher rückend …
Was auch immer es war, vor dem ich geflüchtet … oder auf das ich zugelaufen war … es kam jetzt zu mir …
Ich erwachte schweißgebadet und mit wild pochendem Herzen. Meine Augen huschten desorientiert von einer Seite zur anderen, bis ich wieder voll wach war und die letzten Traumschwaden aus meinem Bewusstsein verschwunden waren. Das Zimmer um mich lag im Dunkeln, die Sonne war längst untergegangen, was bedeutete, dass ich den halben Tag geschlafen haben musste. Obwohl es mir bei Weitem nicht so vorkam, als hätte ich auch nur eine Minute die Augen geschlossen gehabt. Ich fühlte mich noch weniger ausgeruht als vorher, wie gerädert, der Traum hatte meine Aufregung nur noch verstärkt. Doch so müde ich auch war, der Schlaf wollte sich nicht wieder einstellen.
Als ich den Kopf wandte und zum Fenster schaute, sah ich um die Säume der zugezogenen Vorhänge den schwachen silbrigen Mondschein glimmen. Es war eindeutig Nacht, vielleicht schon nach Mitternacht. In der Ferne hörte ich eine Kirchenglocke läuten. Ich zählte die Schläge mit – 3:00 Uhr …
Wolfsstunde …
Ich hatte also noch viel länger geschlafen, als ich gedacht hatte…
Ich wandte den Blick in die andere Richtung zur Tür. Unter der Schwelle trat ein heller Lichtschein hervor und ich konnte meine Eltern leise mit einander sprechen hören, doch worüber sie sich genau unterhielten, wollte sich mir nicht erschließen. Ich wartete darauf, dass sie jeden Augenblick ins Zimmer gestürmt kamen, um nach mir zu sehen … sie mussten doch gemerkt haben, dass ich wieder wach war …
Wieso hatten sie mich überhaupt so lange schlafen lassen?
Die Tür blieb jedoch geschlossen – entweder achteten sie einfach nicht auf mich oder sie wollten mir so zu verstehen geben, dass ich mich noch weiter ausruhen sollte … trotz meiner Erschöpfung, der Gedanke wieder einzuschlafen und von Neuem von Albträumen geplagt zu werden, gefiel mir gar nicht.
Ich musste mich irgendwie ablenken.
Ich schlang die Beine über den Bettrand und stand auf. Die Kälte des Fußbodens kroch durch den teuren Teppich und meine Beine hoch. Ich streckte meine verspannten Muskeln und ging dann die paar Schritte zum Fenster, schob den Vorhang beiseite und spähte hinaus auf das nächtliche Volterra.
Die Stadt erschien mir noch fremdartiger als am Tag, so viel dunkler als Metropolen wie Toronto, die ich gewohnt war. Es gab keine funkelnden Hochhausfassaden oder blinkende Reklametafeln. Nur ein paar alte Straßenlaternen mit trüben, gelben Licht. Die Wildnis schien nicht weit, gleich hinter der Stadtmauer. Ich konnte Zikaden zirpen hören. Auf Esmes Insel und in Alaska war es nachts auch dunkel gewesen, doch dort hatten wir weit ab von jeder Zivilisation gelebt … aber eine Stadt ohne Licht war für mich etwas Ungewohntes. Unheimlich. Ich konnte sogar die Sterne am Himmel sehen, die hier nicht von den urbanen Lichtern überstrahlt wurden … und den Vollmond …
Ich schauderte, als ich an meinen Traum zurückdenken musste. Ich verstand nicht, warum diese seltsamen Dinge plötzlich geschehen mussten, wieso wurde ich auf einmal von meinen Träumen verfolgt … nie zuvor war es so gewesen … war mein Leben als einzigartiger Halbvampir nicht schon kompliziert genug?
Waren es wirklich nur Stressreaktionen, die diese Träume hervorriefen oder steckte mehr dahinter? Versuchte mein Gehirn nur mit der Situation fertig zu werden oder mir tatsächlich etwas zu sagen? Etwas, das ich noch nicht verstand, aber sich mir unweigerlich erschließen würde, ob ich dazu bereit war oder nicht …
Verlor ich langsam den Verstand?
Gut möglich. Nicht einmal Großvater konnte mit seinem umfangreichen Wissen voraussagen, wie ich mich wirklich entwickeln würde, was aus mir werden würde. Seit meiner Geburt hatten er und Vater Nachforschungen angestellt – es gab viele Legenden, die sich um Geschöpfe wie mich, Dhampire im Volksmundgenannt, drehten, doch bei den meisten handelte es sich um bloßen Unfug, der genauso wenig der Wahrheit entsprach wie all die Volksmärchen über meine Vollblutsverwandten.
Würde Caius am Ende doch Recht behalten und ich war eine Gefahr?
Etwas unten/in der Stadt erregte meine Aufmerksamkeit. Angestrengt starrte ich in die schattenverhüllte Gasse unterhalb meines Fensters und versuchte mehr zuerkennen.
Etwas bewegte sich dort unten.
Ein großer, unförmiger Schemen fegte durch die Gasse. Zu groß um ein Tier zu sein, zu schnell für einen Menschen.
War es ein Vampir?
Das ließ sich nicht genau sagen.
Der Schatten huschte blitzschnell vorbei, verschwand unterhalb der Festung und damit auch aus meinem Blickfeld, doch kurz darauf folgte ein weiterer Schatten, und dann noch einer und noch einer … ich zählte insgesamt fünf von ihnen. Sie alle verschwanden genauso schnell wie sie aufgetaucht waren … völlig lautlos … als wären sie nichts weiter als das Nachflackern eines Traumes gewesen.
Ein Nachtgespenst.
Ich schrak zurück, als ich wieder die Bilder aus meinem Traum gewaltsam hineingezogen wurde. Waren dies die Wesen, die mich gejagt hatten? Gab es sie wirklich? Waren meine Träume vielmehr Zukunftsvisionen, so wie Alice sie hatte, und wiesen auf meinen bevorstehenden Tod hin?
Ein gequältes Wimmers durchbrach die bedrückende Stille des Zimmers und als ich registrierte, dass ich den Laut selbst von mir gegeben hatte, schlug ich schnell die Hand vor den Mund, um weiteres Schluchzen zu unterdrücken, meine Finger zitterten wie Espenlaub und ließen sich nicht beruhigen. Doch es war bereits zu spät – der Seufzer hatte ausgereicht, um meine Familie zu alarmieren. Die Zimmertür flog ruckartig auf und meine Mutter kam herbei geeilt, tiefe Besorgnis in ihre wunderschönen Züge gemeißelt.
„Renesmee, was hast du? Ist etwas passiert?"
Sie drehte mich zu ihr und tastete mich von oben bis unten ab, suchte nach irgendeiner sichtbaren Verletzung, die es natürlich nicht gab. Ich ließ es geduldig über mich ergehen. Mein Körper war völlig in Ordnung, bei meinem Verstand hatte ich allerdings so meine Zweifel … wenn man unter Vampiren aufwuchs, waren selbst die äußergewöhnlichsten Dinge nromal … Gedankenlesen, Zukunftsvisionen … das war alles alltäglich für mich … doch wie konnte es normal sein, sich vor imaginären Monstern zu fürchten, wenn man selbst als eines geboren war?
Ich war wie betäubt. Noch immer sah ich die fremdartigen Schatten vor mir. Als ich wieder aus dem Fenster blickte, war dort nur die leere Gasse zu sehen. Keine Anzeichen von irgendwelchen lebenden Schatten, die die Stadt unsicher machten – die Volturi würden sie auch kaum in dulden. Die Stadt war ihr Revier.
Meine Mutter wartete immer noch auf eine Antwort.
„Ich-ich dachte nur…", stammelte ich unsicher, ob ich mir das Ganze nicht nur eingebildet hatte. „Ich dachte, ich hätte etwas gesehen … aber das war bestimmt nur meine Fantasie, die mit mir durchgegangen ist. In einer Stadt voller Vampire kann das vorkommen, oder?" Der Scherz kam mir nur spröde über die Lippen und klang wenig überzeugend, doch ich wollte Mutters Sorgen nicht noch vergrößern. Ich schüttelte den Kopf, um die Hirngespinste aus meinem Kopf zu vertreiben. Ich war wirklich zu alt für so etwas. Wenn ich als Erwachsene angesehen werden wollte, musste ich mich auch wie eine verhalten.
Kinder hatten Angst vor Monstern, Halb-Vampire nicht!
Ich strich mir das vom Schlaf zerwühlte Haar aus dem Gesicht und kletterte zurück ins Bett. Mutter deckte mich zu und setzte sich dann für einen Augenblick auf die Bettkante.
Ihre schmale Silhouette wurde vom Mondschein erhellt und ihre ebenmäßige Haut schimmerte perlmuttartig, das Glitzern ihrer Vampirhaut war im schwachen Mondlicht nicht so intensiv wie in der Sonne. Sie studierte mich mit einem ihrer langen, schweigsamen Blicke. Ich konnte an ihrem Gesichtsausdruck erkennen, dass sie unschlüssig war, was sie jetzt tun sollte - schweigen oder nachhaken. Die Grenze zwischen überfürsorglicher Mutter und geduldiger Freundin waren schwimmend und man wusste nie so genau, welcher Teil gewinnen würde.
„Ich weiß, das ist alles sehr schwer für dich", sagte sie schließlich. „Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Besuch hier – besser als mir lieb ist – die meisten meiner menschlichen Erinnerungen sind vom Schleier der Vampirwerdung getrübt, aber manche Dinge vergisst man einfach nicht … aber diesmal ist es anders. Dein Vater und ich werden alles tun, damit dieser Albtraum bald vorbei ist. Versprochen."
Ich nickte, spielte mit dem Saum der Bettdecke.
„Ich habe übrigens mit deinem Vater gesprochen über deine Zukunftspläne", sagte Mutter dann. Ich blickte überrascht auf. Ich hatte nicht angenommen, dass sie unter den gegebenen Umständen an unser Gespräch im Flugzeug überhaupt gedacht hatte. „Er ist begeistert von der Idee, dass du zur Schule gehen willst."
Begeistert? Das wollte mir so gar nicht passen. Ich hatte fest damit gerechnet, mir eine lange und schwierige Debatte, ob ich schon reif genug für die Schule war, mit meinem Vater liefern zu müssen. Ich hatte mir dafür schon allerlei Argumente einfallen lassen, die meisten begannen mit „Aber Mum durfte das auch und sie war viel zerbrechlicher als ich" … nie hätte ich es für möglich gehalten, dass mein überfürsorglicher, manchmal auch etwas rückständig denkender Vater sich so einfach geschlagen geben würde.
Wo war der Haken?
„Es gibt ein paar sehr gute Mädchenschulen in der Nähe von Toronto", fuhr Mutter fort und ich hatte den Haken gefunden.
„Mädchenschulen? Wie in „nur für Mädchen"?" fragte ich verdutzt. Mutter lächelte entschuldigend. Das war eindeutig nicht ihre Idee und sie schien ihr genauso zu missfallen wie mir. Zu einer klassischen Teenager-Erfahrung gehörte auch der Umgang mit Jungs und war es nicht das, was sich meine Eltern für mich wünschten? Normalität?
„Du weißt, wie dein Vater auf hormongeplagte Teenager reagiert. Bei mir ist es schon schlimm, aber wenn er auch noch ihre Gedanken über seine eigene Tochter würde ertragen müssen, wird ihn das verrückt machen. Deswegen hofft er, dass du dich für eine dieser Privatschulen entscheiden wirst."
„Wirklich? Gehört das zu demselben Traum, in dem er mich für die nächsten 50 Jahre in einem hohen Fenster- und Türlosen Turm sperren und einen Feuer speienden Drachen davor postieren will, auf das auch ja kein Märchenprinz auf die Idee kommt, mich zu retten?"
Mutter lachte glockenhell. „Du bist sein kleines Mädchen. Er braucht nur noch etwas Zeit sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass du nicht mehr ganz so klein bist. Mir geht es genauso. Du bist schnell erwachsen geworden, Schatz, und für deinen Vater, für den die Zeit schon so solange stehen geblieben ist, ist es noch schwieriger damit zu Recht zu kommen."
Ein wenig Zeit … Ich presste die Lippen zusammen und sah sie stoisch an. Ich würde nicht klein beigeben – nicht in diesem Fall – ich wollte auf eine richtige Schule, etwas Normales in meinem Leben haben, das mich daran erinnerte, dass ich auch halb Mensch war. Bisher hatte sich mein Leben fast ausschließlich um meine Vampirseite gedreht.
Mutter seufzte geschlagen. „Ich werde mit ihm reden", versprach sie und ich lächelte triumphierend. Mit ihr auf meiner Seite war die Schlacht schon so gut wie gewonnen. Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn und bewegte sich auf die Tür zu. Jetzt war es an mir zu zögern, denn auf meiner Seele brannte immer noch eine Frage, die ich ihr unbedingt stellen musste.
„Mom?"
Sie wandte sich mir noch einmal zu, zog fragend die feinen Augenbrauen in die Höhe. „Glaubst du, dass es noch andere Wesen gibt? Ich meine außer Vampiren und Werwölfen. Die Welt ist groß und … vielleicht sind wir ihnen nur noch nicht begegnet, weil sie ihre Existenz vor uns geheim halten, so wie wir unsere vor den Menschen verbergen."
Sie dachte lange darüber nach. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als würde sie sich an etwas Schönes erinnern. „Ich weiß noch, früher habe ich immer geglaubt, es würde Engel geben", sagte sie sanft. „Und dann bin ich deinem Vater begegnet und habe dich geschenkt bekommen, und da war ich mir absolut sicher, dass es so sein muss, also wer weiß, was es da draußen noch so alles gibt. Es ist eine verrückte Welt." Sie zwinkerte mir zu und schloss die Tür. Im Zimmer war es wieder dunkel.
Ich legte den Kopf in den Nacken, presste ihn regelrecht ins flauschige Kissen und starrte an die Decke. Ich machte eine Liste aller Sagengestalten, die mir einfielen, und versuchte sie den Schatten, die ich gesehen hatte, zuzuordnen. Doch so sehr ich mich auch bemühte, die Existenz von Kobolden und Feen als genauso realistisch anzusehen wie die der Vampire, landete ich immer wieder bei dem gleichen Schluss … nur ein Wesen kam in Frage, doch es war einfach unmöglich …
In Volterra gab es keine Werwölfe.
A/N: Songs zu dem Kapitel: „Der Trauermarsch" von Chopin (im Aufzug) und „The killing moon" von Nouvelle Vague (während und nach dem Traum).
Wie immer hoffe ich, das Kapitel hat euch gefallen. Über Kommentare würde ich mich sehr freuen.
