A/N: Hallöle, da bin ich endlich wieder. Das neue Kapitel hat leider aus vielfältigen Gründen viel länger gedauert als erwartet, ich hoffe, ihr seht mir die ganze Warterei nach. Dafür ist es auch etwas länger als die vorherigen geworden.

Viel Spaß beim Lesen.


Kapitel 5: Stadt im Wind

Am nächsten Morgen sah die Welt immer noch gleich aus, auch wenn eine dichte Wolkendecke über der Stadt hing und Frühnebel durch die noch menschenleeren Gassen zog. Als ich aufgestanden war und das Fenster geöffnet hatte, blies mir ein kühler Wind ins Gesicht, der den Duft von Pinien und Abgasen trug, doch vermischt mit den mir bekannten Gerüchen von Natur und Zivilisation war da noch etwas anderes – die Überreste einer nicht mehr allzu frischen Duftspur, die dabei war sich weiter in der Morgenluft zu verflüchtigen.

Ich inhalierte tief, versuchte zwischen all den verschiedenen Gerüchen mehr von diesem seltsam, intensiven Aroma in der Luft zu schmecken, doch je mehr ich es versuchte, desto schneller schien sich der würzige Duft aufzulösen, als versuchte ich Wolken mit der Zunge zu fangen. Einfach nicht greifbar…

Ich gab es schließlich auf. Wahrscheinlich war es sowieso nur irgendein ausgefallenes Perfum gewesen. Ich konnte den Anblick der Stadt unter mir nicht länger ertragen und machte einen Schritt rückwärts, weg vom Fenster. Das trübe Wetter rief unerwartet Heimweh nach Toronto in mir hervor. An einem Tag wie diesem wäre meine Familie nicht an unser Haus gefesselt gewesen und wir hätten etwas unternehmen können. Bei Gewitter hätten wir sogar Baseball im Algonquin Park spielen können. Welch Glücksgriff, dass unser Besuch ausgerechnet auf einen der wenigen Tage im Jahr viel, an denen die Volturi nicht in ihrer Festung ausharren mussten. An denen sie sich unter die ahnungslosen Touristenscharen mischen konnten und …

Ich zwang meine Gedanken in eine andere Richtung. Vielleicht lag es daran, dass ich selbst halb Mensch war, weswegen ich die Ernährung der Volturi nicht ertragen konnte. Es gäbe für sie ausreichend Möglichkeiten sich von Menschenblut zu ernähren ohne jemanden schaden zu müssen, aber für die Volturi war dieser Gedanke Irrsinn. Es war gerade die Jagd, die ihnen das Blut versüßte.

Ich wollte mir wirklich nicht vorstellen, wie die Volturi durch die Straßen geisterten und mit ihren Ketten rasselten, die Menschen heimsuchten mit ihren Geisterhunden …

Hunde … mein Verstand kehrte zu meiner nächtlichen Erscheinung zurück. Große, massige Körper, größer noch als die Grizzlies in Kanada, die Emmett so gerne jagte … eindeutig keine verwilderten Hunde … aber was konnten sie dann gewesen sein? Hatte ich denn wirklich etwas gesehen? Wenn ja, würden die Volturi darüber Bescheid wissen – sie würden keine anderen Monster in ihrem Revier dulden …

Von Nebenan hörte ich meine Eltern. Sie und Großvater waren natürlich längst auf den Beinen, als ich mich zu ihnen gesellte. Ein Vorteil, wenn man nicht schlafen musste, war, dass man morgens genauso tadellos aussah wie am Abend. Mir hingegen war meine unruhige Nacht sofort anzusehen – die Bluse zerknittert und mein sorgfältig von Rosalie frisiertes Haar nur noch ein struppiges Vogelnest. Getrockneter Schweiß juckte auf meiner Haut und ließ mich nach einer Dusche sehnen.

„Guten Morgen, mein Schatz", wurde ich von Mutter begrüßt, kaum dass ich in der Tür erschienen war. Sie lächelte mir von der cremeweißen Ledercouch zu. Großvater saß ihr im farblich abgestimmten Sessel gegenüber und blätterte in einer italienischen Morgenzeitung. Er zwinkerte mir zu, bevor er sich wieder in die Nachrichtenwelt vertiefte. Vater saß an dem prachtvollen, schwarzen Konzertflügel, der jedes Philharmonieorchester vor Neid erblassen lassen hätte, und klimperte Gedankenversunken vor sich hin. Als er mich jedoch bemerkte, schwenkte die experimentelle Tonfolge schnell in die vertraute Melodie meines eigenen Schlafliedes über. Eine Melodie, die ich überall wieder erkennen würde. Vater hatte das Lied nach meiner Geburt geschrieben, nur für mich, und spielte es immer noch jedes Mal, wenn ich nicht einschlafen konnte. Selbst in meinen Träumen hatte es mich stets begleitet. Die Melodie umschmeichelte mich wie eine vertraute Umarmung, voller Geborgenheit. Eine Symphonie aus samtweichen Klängen wie ein wohliger Sonnenaufgang.

„Hast du Hunger?" wollte Mutter wissen. Ich sah zu ihr und entdeckte einen Serviertisch, der am Abend noch nicht da gewesen war. Auf der gestickten, weißen Decke war auf feinstem Porzellan ein üppiges Frühstück aufgetischt worden – frisches Obst, duftendes Gebäck, eine große Auswahl an Kaffee- und Teesorten. Auch ein Straus langstieliger roter Rosen mit einer Karte war dabei. Neugierig trat ich näher, zupfte das kleine Kärtchen aus den Blumen, das mir nur sagte, was ich ohnehin schon geahnt hatte…

Mit freundlichen Grüßen von Aro...

„Ist das alles für mich?" Ich blieb skeptisch, denn mit solch einem Zeichen der Gastfreundschaft hatte ich nicht gerechnet. Zu jeder Zeit würde ich Blut menschlicher Nahrung vorziehen – für mich schmeckte alles entfernt nach Hühnchen - aber im Notfall fraß der Teufel Fliegen und in meinem Magen war ein klammes Loch. Ich beäugte die Leckereien hoch kritisch, suchte nach irgendeinem verräterischen Anzeichen, dass die Lebensmittel vergiftet sein könnten.

Die glänzenden, roten Äpfel?

Zu klischeehaft…

Ich verwarf den Gedanken wieder, meine Eltern hatten sicher alles schon überprüft.

„Das ist ja…" Ich suchte nach den richtigen Worten für diese Geste, doch mir mangelte es an Alternativen. „…nett." War das Beste, was mir einfiel. Was sollte ich sonst auch dazu sagen? Dass man mir Frühstück gebracht hatte, verwunderte mich nicht so sehr wie die Tatsache, dass es tatsächlich menschliche Nahrung war. Ich hätte eher mit einem frischen Jungfrauenopfer gerechnet als mit Pfannkuchen…

Vater lachte über meinen ausschweifenden Gedanken, der wohl allzu bildlich geraten war, und schüttelte den Kopf. Mutter und Großvater Carlisle warfen ihm verwunderte Blicke zu, doch sie hatten lange aufgehört, mit ihm mithalten zu wollen. Er konnte schließlich nicht jedes Mal explizit erklären, was er in unseren Gedanken gesehen hatte.

„Aro will eben nicht, dass du hier verhungerst. Sie wollten zunächst Blut schicken, haben sich dann jedoch in Anbetracht deiner bisherigen Diät umentschieden", drückte Großvater so diplomatisch wie möglich aus. Für die Volturi war der Konsum von nicht-menschlichem Blut anscheinend viel schlimmer und verachtenswerter als das Verspeisen menschlicher Nahrung, obwohl die für Vampire wie Dreck schmeckte.

„Sicher. Es wäre auch mühselig mich zu studieren, wenn ich vor Hunger gestorben wäre."

Ich griff nach einem Brötchen; es war noch warm, was ich durch meine eigene hohe Körpertemperatur nur als leichtes Kribbeln wahrnahm, und zupfte daran herum. Trotz der Leere in meinem Magen verspürte ich keinen großen Appetit. Mein Durst konnte jedoch durch Essen vorübergehend gedämpft werden, also zwang ich mich zu ein paar Bissen.

„Und wie geht es nun weiter?" fragte ich kauend in die Runde. „Bleiben wir solange, bis Aro uns überdrüssig wird?"

„Nun", sagte Großvater, während die Zeitung unter seinen Fingern raschelte, als er sie sorgsam zusammenfaltete und auf seinem Schoss platzierte, „Aro besteht darauf, dass wir uns nicht als Gefangene sehen sondern als Gäste. Da wir schon einmal hier sind, sollten wir einfach das Beste daraus machen. Wir könnten uns die Stadt ansehen. Es gibt hier viele Sehenswürdigkeiten, die dich interessieren dürften."

Ich starrte ihn mit offenem Mund an, meine Verwirrung bis an die Decke wachsend. War das sein Ernst? Das war der Plan, den sie ohne mich ersinnt hatten? Das Beste aus der Situation machen und uns wie gewöhnliche Touristen verhalten? Einfach nicht daran denken, dass wir jeden Augenblick ausgelöscht werden könnte? Ich wusste nicht, ob ich das wollte oder überhaupt konnte.

„Hast du Grandma gestern noch erreicht?" erkundigte ich mich, immer noch unseren Plan verdauend.

„Das habe ich. Ich habe den anderen die Situation erklärt und dass wir noch nicht genau sagen können, wie lange wir bleiben werden. Emmett ist furchtbar eingeschnappt, weil er nicht hier sein kann. Er hegt immer noch die Hoffnung, dass es zu einem Kampf kommen wird."

Ich schnaubte. „Emmett will doch nur seine Schwarzenegger-Imitation vor richtigem Publikum zum Besten geben." Mit Grauen dachte ich daran zurück, als er sie mir das letzte Mal vorgeführt hatte mit diesem lächerlichen Akzent. Seit ich meinen Onkel kannte, war er besessen von den Terminator-Filmen. Er teilte nicht nur die massive Statur mit dem Titelträger, er konnte genauso leicht durch Betonwände gehen, was uns in der Vergangenheit die eine oder andere zusätzliche Renovierungsmaßnahme gekostet hatte.

Plötzlich war mein Vater auf den Beinen. Noch bevor wir anderen uns bewegt hatten, war er quer durchs Zimmer geeilt und verharrte vor der Zimmertür in Kauerstellung leicht vorgebeugt wie ein Räuber auf Beutefang.

„Wir bekommen Besuch!" knurrte er leise.

„Aro?" vermutete Mutter etwas furchtsam. Ihre Sitzhaltung war angespannt, ihre Finger krallten sich tief in den Polsterbezug des Sofas, hinterließen deutliche Spuren.

Vater entwarnte, auch wenn sich seine Haltung nicht entspannt. „Es ist Alec. Er ist allein und will mit Renesmee sprechen."

Mit mir? Ich starrte meine Eltern an und fragte mich, was er von mir wollen könnte, doch sie schienen genauso ratlos wie ich. Wenn es eine offizielle Angelegenheit war und er uns in Aros Auftrag aufsuchte, würde er mit Vater oder Großvater reden wollen, nicht mit mir. Aus persönlichen Gründen würde Alec aber sicher nicht mit mir sprechen wollen – keiner der anderen Volturi außer Aro schien ein besonderes Interesse an mir zu haben. Für sie war ich nicht mehr als ein lästige Laune der Natur.

Wie aufs Stichwort klopfte es verhalten an der Tür. Vater öffnete und ließ den dunkelhaarigen Vampirjungen eintreten. Es war ein merkwürdiger Anblick, die Beiden direkt nebeneinander zu sehen, auch wenn ich in meiner Familie viele Sonderbarkeiten gewöhnt war. Vater war größer und sah ein paar Jahre älter aus, dennoch war Alec mit seinen über 200 Jahren der Ältere. Es rief mir ins Gedächtnis, dass ich selbst am Ende meiner Entwicklung älter als meine Eltern aussehen könnte, und zwar für den Rest meines ewigen Lebens. Ein abstruser Gedanke, den ich mir zur näheren Erörterung für ein anderes Mal aufhebte. Man konnte immer nur mit so vielen Katastrophen auf einmal fertig werden…

Wenn man Alec jedoch so ansah, konnte man sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er zu den gefährlichsten Vertretern seiner Art gehören sollte und eine Schlüsselposition in den Reihen der Volturi einnahm. Der schmächtige Junge war kein Kämpfer, aber seine Gabe machte ihn unschätzbar wertvoll im Kampf.

Verblüfft nahm ich wahr, wie leger Alec gekleidet war. Er trug einen schwarzen Kapuzensweater, darunter ein weißes Hemd und schwarze Jeans. Im Hemdausschnitt baumelte eine modische Sonnenbrille. Das Outfit ließ ihn zusammen mit seiner bleichen Haut beinahe wie den typischen Gothic-Teenager wirken. Das Rot seiner Augen war von einem dunklen Karmesin und nicht ganz so auffällig wie bei den Ältesten. Sein dunkles Haar war perfekt frisiert und ließ mich daneben wie eine Vogelscheuche wirken.

Wieso hatte ich nicht zuerst geduscht? So beiläufig wie möglich richtete ich meine zerknitterten Sachen und strich mein Haar glatt.

Alec begrüßte uns mit einer knappen Verbeugung. „Guten Morgen, ich komme hoffentlich nicht ungelegen?" Seine Stimme war ein süßer Frühlingshauch im herbstlichen Volterra.

„Ganz und gar nicht", erwiderte Großvater. „Was können wir für dich tun? Schickt Aro dich?"

„Nein, ich bin aus eigenem Antrieb hier. Das Wetter ist ideal für einen kleinen Ausflug und ich dachte mir, Renesmee würde mich beleiten wollen. Ich würde ihr gerne die Stadt zeigen." Er fand meinen Blick, deutete ein vages Lächeln an und versuchte offen und ehrlich zu wirken. In seinen Augen glimmte unvorhergesehene Hoffnung.

Wie in Zeitlupe ließ ich die Hand, mit der ich eben noch mein Haar geordnet hatte, sinken und starrte Alec verdutzt an. Ich wusste nicht, was ich von seiner Einladung halten sollte, was ich von ihm halten sollte. Mit klaren Vorstellungen war ich hergereist, dass alle Volturi als gemeine Schurken anzusehen waren, die mir nach dem Leben trachteten. Eine ziemlich eindimensionale Vorstellung, das gebe ich zu, aber bisher hatte sie funktioniert. Wir waren die Guten, sie die Bösen. Doch plötzlich schienen die Grenzen zu verschwimmen, wenn die Volturi versuchten nett zu sein. Das war mir nicht geheuer.

Ich blickte ratlos zu meinen Eltern, sie schienen Alec mit genau denselben gemischten Gefühlen zu betrachten wie ich, das sah ich ihnen an – Mutter kaute auf ihrer Unterlippe herum und Vater starrte intensiv auf seine Füße.

„Eigentlich wollten wie einen Familienausflug machen und uns die Stadt gemeinsam ansehen", erklärte Mutter. Alec wirkte ernsthaft enttäuscht.

„Natürlich, das verstehe ich. Verzeiht mir, das war wohl etwas kurzfristig von mir…"

„Ich halte das für eine exzellente Idee", meinte Vater plötzlich. „Alec ist ein viel besserer Fremdenführer für Nessie. Sie sollte den Ausflug mit ihm machen."

Als Vater den Blick hob und in unsere geschockten Gesichter sah, hatte er dieses gewisse, besserwisserische Funkeln in den Augen, dass er viel weiter denken konnte als wir anderen und seine Handlungen durchaus einen Sinn ergaben, auch wenn wir ihn nicht gleich erkannten. Es war das Frustrierenste auf der Welt, wenn er seine Gabe auf diese Art einsetzte und der Hauptgrund, warum niemand außer Alice gerne mit ihm Schach spielte – er schummelte!

Ich starrte ihn immer noch perplex an und versuchte vergeblich zu ergründen, warum mein Vater es für eine exzellente Idee halten könnte, mich mit einem Volturi alleine davon zu schicken, der wer weiß was mit mir anstellen konnte … ich strafte ihn mit meinem finstersten Blick, der ungefähr soviel Wirkung auf ihn hatte wie ein Mückenstich.

„Ist das dein Ernst, Edward?" fragte Mutter. Der Beschützerinstinkt für ihr Junges flammte in ihr hoch und der warnende Unterton in ihrer Stimme kaum zu überhören. Vater lächelte gelassen.

„Durchaus. Wenn wir noch etwas hier bleiben, müssen wir jagen gehen. Heute ist dafür die perfekte Gelegenheit. Und für Nessie wäre es gut Kontakt zu einem Gleichaltrigen zu haben."

Auch das machte alles nur halb Sinn. Wir waren doch vor unserem Aufbruch aus Toronto jagen gewesen – so schnell konnte mein Vater nicht wieder durstig sein, nicht einmal Emmett konnte das Blut in so kurzer Zeit wieder aufbrauchen – und Alec als Gleichaltrigen zu bezeichnen war lächerlich. Er war mindestens 200 Jahre älter als ich. Wir hatten nichts gemeinsam…

Es ließ nur einen Schluss zu – Dad wollte nicht Jagen gehen. Er hatte irgendetwas anderes vor, möglicherweise Gefährliches, und wollte mich nicht dabei haben, zu meinem eigenen Schutz... Ich stöhnte innerlich auf. Typisch!


Ich war immer noch geschockt, als Vater mich praktisch, nachdem ich geduscht und mich umgezogen hatte, mit Alec aus der Tür schob, als könnte er es nicht erwarten, mich loszuwerden. Er ließ mich tatsächlich mit einem Volturi allein, der wer weiß was mit mir anstellen konnte … ich wusste, dass ich mit meinen Sorgen übertrieb. Hätte Vater wirklich Bedenken wegen Alec gehabt, hätte er mich nie gehen lassen.

Wir verließen die Festung über einen der unzähligen Geheimgänge – ich glaubte nicht, sie je alle zu Gesicht zu bekommen – und landeten in einer schmalen Gasse neben der Piazza. Kaum dass wir ins Freie getreten waren, setzte Alec seine Sonnebrille auf, um seine roten Augen zu verbergen. Das war einfacher als Kontaktlinsen zu tragen, die bei Vampiren nur allzu schnell verschlissen. Außer der steinharten, weißen Haut deutete so nichts auf seine Vampirherkunft hin. Er wirkte fast menschlich und auf einer gut belebten Straße konnte man ihn leicht mit einem normalen Jungen verwechseln.

„Du brauchst dich wirklich nicht zu fürchten", sagte Alec, als er meine gespannten Schultern musterte. Meine Körpersprache war eindeutig. Er lächelte scheu. „Ich beiße dich schon nicht."

Seltsamerweise fühlte ich mich gerade durch diesen schlechten Scherz etwas besser.

„Meine Absichten sind nicht so, wie du sie dir ausmalst."

„Und was genau sind deine Absichten?" hakte ich nach.

„Dich besser kennen zu lernen. Du bist faszinierend, ob du es glaubst oder nicht, und wie dein Vater schon so treffend bemerkt hat – man trifft nicht jeden Tag Vampire in unserem Alter. Also, sollen wir?"

Alec führte mich durch die Stadt und erzählte mir dabei einiges zu den verschiedenen historischen Gebäuden und der Stadtgeschichte im Allgemeinen. Über den Alabasterabbau und die alten Etrusker, die als die Gründungsväter der Stadt galten. Nichts, was sich nicht auch in einem durchschnittlichen Reiseführer nachlesen ließ. Ich war ein wenig enttäuscht, weil ich mir mehr erhofft hatte – Geschichten über die Volturi, ihre großen Abenteuer und makaberen Greueltaten. Darüber wollte ich etwas hören, nicht darüber, wie viele Restaurants es in der Stadt gab.

Wir folgten der Hauptverkehrsader, der Cordo Maximus, nordwärts bis zum anderen Ende der Stadt, wo sie von der alten Stadtmauer umschlossen wurde. Die säumenden Gebäude in den verschiedensten Varianten von Okka gehalten, bildeten ein Mosaik aus mittelalterlichen Bauten, Kirchen und Turmhäuser, und den wesentlich älteren Überbleibsel der Etruskerkultur, die alten Portale. Einige Fassaden waren aufwendig restauriert worden, andere wurde ihrem eigenen Verfall überlassen. Ein Wechselspiel von Altertum und Moderne auf engstem Raum.

Trotz der überwiegend hellen Farben wirkte die Stadt düster und verschlossen. Verstärkt wurde dieser schwermütige Eindruck von der tief hängenden Wolkendecke, die beinahe auf die Erde zu stürzen und bereits and den Turmspitzen zu kratzen schien.

Eine Stadt im Wind und Stein …

einer Insel gleich im Landesinneren,

noch immer sonderbar abgeschieden

und unwirtlich

… kamen mir D.H. Lawrences Worte in den Sinn.

Und er hatte Recht. Das Gefühl, das diese Stadt hinterließ, entzog sich jeder logischen Beschreibung. Selbst im grauen Alltag wirkte sie nur wie ein schwacher Abklatsch einer Stadt, als würde sie nur mit einem Bein auf der Bühne der Welt stehen, und dahinter würde ein viel größeres Schauspiel stattfinden. Vielleicht hatte Lawrence um die Existenz der Vampire in dieser Stadt gewusst, als er seine Worte niederschrieb …

Unablässig schien eine Brise durch die Stadt zu ziehen, trug Gerüche des Umlands mit sich, die verschüttete Erinnerungen an die kahle Wildnis weckten, der diese urbane Insel einst entrissen worden war…

Als das Eis erst einmal gebrochen war, fand ich Alecs Begleitung nicht so komisch wie befürchtet. Ich hörte seinen Ausführungen über das örtliche Handwerk nur mit halbem Ohr zu. Vielmehr beschäftigte mich Alec selbst. Fasziniert beobachtete ich, wie er sich unter den Menschen bewegte, anders als meine Familie.

Sie versuchten sich anzupassen, zu integrieren und immer im Hintergrund zu halten. Alec schien sich wie ein Fremdkörper durch die Masse zu bewegen, und die Masse teilte sich vor ihm wie das Meer. Wie eine einstudierte Choreographie … Die Menschen beachteten ihn nicht – nein, es ging noch weiter, sie schienen ihn gar nicht wahrzunehmen. Sie hielten Abstand und sahen nie in seine Richtung, aber es war nicht so, als würde sie ihn bewusst ignorieren – eher so, als würden sie durch ihn hindurch sehen …

Der Volturi bemerkte meine Unachtsamkeit. Er hob in Erwartung meiner Frage, die mir im Gesicht gestanden haben musste, die feinen schwarzen Augenbrauen. Ich kaute auf der Unterlippe, nicht sicher, ob ich es wirklich wagen sollte, ihn danach zu fragen, oder ob ich ihm zu nahe treten würde. Er war immer noch ein Volturi, auch wenn das in seiner Gesellschaft leicht zu vergessen war. Ich wählte meine Worte mit Bedacht.

„Wie … Ich meine, mir ist aufgefallen, wie die Leute dich …"

„Ignorieren?" Ich nickte mit glühenden Wangen und Alec lachte wie ein Engelschor. „Das ist so gewollt. Es ist einfacher, wenn die Menschen auf Abstand bleiben. Keine unangebrachten Fragen, keine nervöse Blicke. Weniger Versuchung."

„Du bewirkst das? Mit deiner Gabe?"

Ich wusste, dass Alec ein großes Talent besaß, das ihn für Aro wichtig machte, ebenso seine Schwester Jane, doch was er genau tun konnte, darüber hatten mich meine Eltern im Unklaren gelassen. Wieder einmal … um mich zu schützen … und wieder einmal biss mir diese Unwissenheit jetzt in den Schwanz. Man konnte sich schließlich nur vor einer Gefahr schützen, von der man wusste – Onkel Jaspers Überlebenstipp 101.

Alec erklärte es mir geduldig. „Ich kann anderen die Sinne rauben. Sie nichts mehr wahrnehmen lassen – keine Gerüche, keine Bilder. Nichts. Aber ich kann ihre Wahrnehmung auch nur abschwächen, sodass sie mich nur als Schatten erahnen. Nichts, dass eine nähere Betrachtung wert wäre. Dafür habe ich lange trainieren müssen, um meine Gabe so gezielt zu beherrschen. Er erfordert ein hohes Maß an Kontrolle."

„Warum kann ich dich dann immer noch klar sehen?"

Der Vampir zuckte die Schultern. „Du bist in meinem Wirkradius."

Dann geschah etwas mit ihm … Die Luft begann zu flirren wie an einem heißen Sommertag über dem Asphalt. Ein feiner Dunstschleier erhob sich, hüllte Alec ein wie ein schimmernder Kokon. Er schien vor meinen Augen zu verschwimmen, seine Konturen verblassten zusehends zu einem undefinierten Schemen. Je länger ich hinsah, um so mehr begannen meinen Augen zu scherzen. Der Konflikt zwischen Augen und Gehirn war zu groß. Als der Schmerz unerträglich wurde, musste ich den Blick abwenden. Ich blinzelte mehrmals und dann stand Alec wieder vor mir, genauso scharf und klar wie vorher. Ich war sprachlos, beeindruckt.

„Hast du nie versucht, deine Gabe zu trainieren? Deine Gedanken auch ohne Berührung weiterzugeben?" fragte er.

Ich hatte es einmal versucht und war kläglich gescheitert. Großvater war zwar der Auffassung, dass ich einfach noch nicht reif für so einen Schritt wäre, das sich meine Gabe mit meinem Alter entfalten würde, aber ich war da nicht so sicher. Vielleicht hatte ich meine Möglichkeiten längst ausgeschöpft und würde nie in der Lage sein mehr zu tun.

„Ich könnte dir dabei helfen", bot Alec an.

Ich bezweifelte, dass meine Eltern davon begeistert sein würden. Von einem Volturi trainiert zu werden, würde mich ihrer Welt viel näher bringen als wünschenswert war. War das Aros Plan? Sollte sich Alec mit mir anfreunden, um mich auf ihre Seite zu ziehen?

Mein Zögern war offensichtlich Antwort genug für Alec. Schnell zog er sein Angebot zurück. "Verzeih mir. Ich wollte nicht so aufdringlich sein und dich überrumpeln."

„Nein, es ist nur … ich muss darüber nachdenken, okay?"

Wir beließen es dabei und setzten unseren Rundgang fort durch ein Netz aus verschlungenen Winkeln und Gassen, auch wenn die Leichtigkeit zwischen uns wieder verschwunden schien. Wir ließen das Stadtzentrum hinter uns und bewegten uns auf dem steilen Pflaster abwärts auf den Rand der Stadt zu.

Irgendwann hatte Alec aufgehört, mir weitere Touristeninformationen einflössen zu wollen, und wir gingen eine Weile schweigend nebeneinanderher. Seine Präsenz war mir nur allzu bewusst und ich lenkte mich dadurch ab, indem ich meinen Blick in alle möglichen Richtungen schweifen ließ. Alec schielte immer wieder zu mir herüber, schien zu überlegen, wie es jetzt weitergehen sollte oder ob es nicht Zeit war, unseren kleinen Ausflug zu beenden.

„Ich langweile dich, nicht wahr?" Ich wollte verneinen, doch Alec schien es mir nicht übel zu nehmen. Er lächelte verschwörerisch, beugte sich ein wenig zu mir herüber, so dass ich seine Augen schwach hinter den dunklen Gläsern der Sonnenbrille rot aufblitzen sehen konnte. „Willst du eine richtige Geschichte hören? Eine, die nicht in den übliche Broschüren oder Büchern über die Stadt zu finden ist?"

Mein Herz begann zu stottern. „Darfst du denn so vertrauliche Dinge einfach ausplaudern? Wirst du keinen Ärger bekommen?"

„Nur, wenn du es der Presse erzählen würdest, dann müsste ich dich töten", scherzte er so leichtfertig, dass ich es kurz mit der Angst bekam und mir ein kalter Schauer über den Rücken lief. Ich erinnerte mich, in wessen Gesellschaft ich mich befand. Wie schnell Alec doch umschalten konnte, wie leicht er einen vergessen lassen konnte, dass er ein uralter, kaltblütiger Killer war, nur um einen umso heftiger darauf zu stoßen. Es fühlte sich an, als hätte jemand meinen Kopf in eiskaltes Wasser getaucht.

Alec lachte auf. „Das war nur ein Scherz, Renesmee. Du solltest dein Gesicht sehen. Du bist halb Vampir. Das ist unsere Geschichte. Ich werde dir nichts erzählen, dass du nicht auch selbst in unseren Archiven nachlesen könntest. Hat dir dein Großvater je die Geschichte erzählt, wie Markus vor über 1500 Jahren die Vampire aus Volterra vertrieben hat?" Ich schüttelte neugierig den Kopf und bedeutete Alec fortzufahren.

Er begann zu erzählen …


Vor 1500 Jahren gab es nur wenige Unsterbliche. Die meisten lebten als Nomaden über den Kontinent verstreut. Damals war der mächtigste Vampirclan die Strigoi in Rumänien. Ihre Anführer hießen Vladimir und Stefan. Sie lebten in ihrem Schloss in der Nähe der heutigen Stadt Brașov und ließen sich von den Menschen wie Götter verehren. Von weither kamen sie, um ihnen zu huldigen und Opfer zu bringen. Sie mussten sich um nichts kümmern, wurden so faul und abhängig, und verloren bald den Überblick über ihr einstiges Königreich.

Dann schlossen sich Aro, Caius und Markus zu den Volturi zusammen und siedelten sich in Volterra an. Sie erkannten den Wandel der Zeit – dass die Menschen immer zahlreicher wurden und selbst in die entlegensten Winkel der Erde vordringen würden. Ihre Wissbegier war unersättlich und irgendwann würden sie diese Welt beherrschen. Die Volturi ahnten voraus, die Vampire würden nur überleben können, wenn sie sich in Zukunft vor den Menschen verbargen.

Sie forderten die Strigoi um die Vorherrschaft über die Vampirwelt heraus. Arrogant wie die Strigoi durch ihre lange Herrschaft geworden waren, sahen sie in dem neuen Zirkel keine echte Bedrohung. Sie schickten ihre Truppen nach Volterra, wo sie am helligten Tag wüteten wie wilde Tiere. Die Volturi konnten nicht einschreiten, ohne den Menschen ihre Existenz zu verraten, also ersann Aro eine List.

Die Strigoi waren zahlreich, jedoch wussten sie nichts von den besonderen Talenten, über die manche von Aros Gefolgsleute verfügten. Vladimir und Stefan hatten sich nie für so etwas interessiert, für sie zählte allein die physische Kampfkraft. Das war der Vorteil, den sich die Volturi zunutze machten.

Aro war seit jeher fasziniert von Vampiren mit besonderen Talenten – seit er gesehen hatte, wozu seine eigene Schwester nach ihrer Verwandlung in der Lage gewesen war. Er ahnte, dass es da draußen Vampire gab, mächtig genug eine ganze Armee mit einem Wimpernschlag zu vernichten. Einen von ihnen fand er in dem Syrer Murat, gefürchtet im ganzen persischen Reich für seine einzigartige Gabe. Er vermochte den Verstand zu manipulieren, Hass und Frucht in seinen Feinden soweit zu schüren, bis diese dem Wahnsinn verfielen.

Aro schickte Markus, als Missionar verkleidet, hinaus zur feindlichen Armee, während sich Murat und die übrigen Volturi im Hintergrund hielten. Auf dem Marktplatz, wo alle Menschen ihn sehen konnten, begann Markus aus der Bibel zu lesen. Gleichzeitig setzte Murat seine Kraft gegen die Strigoi ein. Er brachte sie dazu, übereinander herzufallen. Nur wenige vermochten dem Gemetzel zu entgehen.

Für die Menschen sah es so aus, als wären es Markus und die Worte Gottes gewesen, die die Dämonen in die Flucht geschlagen hatten. So wurde die Legende vom heiligen Markus geboren, der die Vampire aus Volterra vertrieben hat.

Murat und eine kleine Garnison Soldaten verfolgten die Überlebenden bis nach Rumänien und töteten alle Angehörigen der Strigoi, nur Valdimir und Stefan selbst vermochten aus ihrem brennenden Schloss zu entkommen – jedoch nicht, bevor sie Murat getötet hatten.

Sie sind immer noch da draußen, verstecken sich und warten auf eine Gelegenheit, ihre verlorene Macht zurück zu gewinnen.

Aro hat den Verlust Murats, seiner mächtigsten Waffe, nie ganz überwunden – seit dem hat er nach einem Ersatz gesucht…


Wir erreichten die Ruinen des alten, etruskischen Amphitheaters. Die Geschichte hatte mich so gefesselt, dass ich gar nicht bemerkt hatte, welchen Weg wir eingeschlagen hatten. Überall waren Warnschilder auf Italienisch und Englisch und Absperrungen wegen der Balze, den Erdrutschen, errichte worden, die bereits große Teile des alten Relikts zerstört hatten. Die Schäden an Fassaden und Fundamenten waren nicht zu übersehen. Ruinen der Zeit, abgenagt von Wind und Wetter. Die einstige Bühne war nicht mehr als ein Trümmermeer, von den Sitzreihen der Tribüne waren nur noch verwitterte Steinquader übrig. Wir setzten uns auf einen der großen Blöcke.

„Aro hat lange gebraucht um wieder so einen mächtigen Vampir wie Murat zu finden" fuhr Alec fort. Seine Gedanken schienen jedoch weit weg, an einem anderen Ort oder zu einer anderen Zeit … weiter, als seine Augen reichten, die unruhig über den bewölkten Horizont wanderten, als suchten sie dort nach etwas. „Bis er Jane und mich fand. Er erkannte unser Potential, vor dem sich die Menschen so fürchteten, dass sie uns verdammten. Deswegen hat er uns unbedingt verwandeln wollen. Es wäre zu große Verschwendung gewesen, unsere Fähigkeiten dem Tod zu überlassen. Er dachte, er würde uns einen Gefallen tun…"

„Hat er das denn nicht? Seid ihr nicht gerne Vampire?"

„Meistens… lange war ich glücklich, aber wenn ich nur ein paar Jahre älter gewesen wäre", meinte Alec. „Für immer in der Blüte seines Lebens zu stehen, das ist eine romantische Vorstellung, nach der sich viele sehnen." Er deutete abfällig auf sich selbst. „Aber wer will schon für immer ein Kind sein? Für immer auf der Schwelle zum Erwachsensein gefangen…"

„Peter Pan schon", erwiderte ich mitfühlend und erzielte die Reaktion, die ich bei Alec erhoffte hatte. Er lächelte schwach, doch die Melancholie in seinen Augen, als er die Sonnenbrille abnahm und gegen den Horizont blinzelte, ließ sich nicht abschütteln.

Ich verstand ihn, und auf einmal war da doch eine Verbindung zwischen uns, die ich nicht für möglich gehalten hatte. Wir waren beide die, die wir waren, ohne jemals die Wahl gehabt zu haben. Alec war zum Vampir geworden, weil Aro es so entschieden hatte, nicht er selbst. Er war noch ein Kind gewesen, verängstigt und dem Tode nahe, er hätte sicher allem zugestimmt ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein. Er war zu diesem Dasein gezwungen worden, genau wie die meisten in meiner Familie… der Unterschied war nur, Großvater hatte aus Mitgefühl gehandelt, Aro nur aus eigener Gier.

„Siehst du die Trümmerteile dort hinten?" wechselte Alec erneut das Thema. Er deutete quer über den Theaterplatz. Ich sah dort nur einen gewöhnlichen Steinhaufen wie viele andere. Was sollte an ihm so außergewöhnlich sein? „Die Menschen glauben, die Balze sind auch für diese Zerstörung verantwortlich, aber das ist nicht wahr. Es gab sie schon vorher, sie rühren von den Kämpfen her."

„Den Kämpfen?"

„Den Werwolfkämpfen."

Ich horchte auf. Genau das Wort, auf das ich nicht vorbereitet gewesen war. Werwolf... Mein Körper verkrampfte sich. Mein Kopf zuckte ihn Alecs Richtung. Sprachlos starrte ich ihn an. Hatte ich mich verhört oder hatte er wirklich Werwolfkämpfe gesagt?

„Wer-werwölfe?"

Alecs Gesicht leuchtete freudig auf. „Ich wusste, dass dich das interessieren würde." Er breitete die Arme aus, deutete über die gesamte Ruine. „Früher war dies nicht nur ein Theater. Es war auch eine Arena – unser Colosseum. Wir hielten hier Gladiatorenspiele ab. Die mutigsten Volturi gegen die gefährlichsten Wölfe. Selbst Caius hat daran teilgenommen, es war eine große Ehre. Von überall auf der Welt wurden die Wölfe hergebracht. Das bösartigste Exemplare ist ein Wikinger namens Hákon gewesen – ein Riese, viel größer noch als Felix. Caius bestand darauf selbst gegen ihn anzutreten, doch Hákon war viel stärker und gerissener als erwartet. Er hätte Caius beinahe getötet. Der Biss eines Werwolfs ist toxisch für Vampire. Es zersetzt unsere Struktur, frisst sich durch unseren Körper wie Säure."

Während ich Alecs Schilderung weiter lauschte, sah ich mich um. Die Realität verschwamm, die Zeit drehte sich zurück. Vor meinen Augen veränderte sich das Bild und meine Fantasie ließ die alten Zeiten wieder aufleben. Ich sah das Theater vor mir, keine Ruine sondern den Prachtbau von einst mit meterhohen Säulen. Ich sah eine Arena vor mir, erleuchtet von hunderten, brennenden Fackeln, auf den Rängen die jubelnde Menge, in der Manege der brutale Kampf Bestie gegen Bestie…

Vampir gegen Werwolf

„Hákon ist der einzige Wolf, der die Arena lebend verlassen und aus der Stadt fliehen konnte. Seitdem fürchtet Caius Werwölfe und lässt sie gnadenlos abschlachten. Sie sind inzwischen so gut wie ausgerottet, aber Hákon haben wir nie gefunden. Vielleicht ist er tot, vielleicht versteckt er sich, wer weiß das schon."

„Und die Menschen haben von alledem nichts mitbekommen?"

Alec zuckte die Schultern. „Ich habe es nicht zugelassen. Ich habe meine Gabe genutzt, um das Theater abzuschirmen, und am nächsten Morgen, wenn die Menschen die neuen Zerstörungen sahen, gaben sie lieber den Erdrutschen die Schuld."

Ich dachte weiter über seine Geschichte nach, seine Worte ließen mich nicht mehr los. Mein Herz pochte vor Aufregung. Die nächste, die wichtigste Frage, die mir auf der Seele brannte, lag mir schon auf der Zunge, doch ich entschied mich, sie nicht zu stellen. Ich wollte Alec so sehr von meiner nächtlichen Erscheinung berichten und ihn fragen, ob jene Wesen wirklich Werwölfe gewesen sind, doch instinktiv schwieg ich.

Aro verheimlichte etwas, das hatte Vater gesagt, und ich wurde das Gefühl nicht los, dass sein Geheimnis mit diesen Schattenwesen zutun hatte. Er wäre sicher nicht begeistert, wenn ich sein Geheimnis aufdecken würde. Das könnte meine Familie nur in neue Gefahr bringen. Außerdem brauchte ich Alecs Bestätigung eigentlich nicht mehr, mein Herz war sich längst sicher…

Es gab Werwölfe in der Stadt…


A/N: Wie immer hoffe ich, das Kapitel hat euch gefallen. Über Kommentare würde ich mich sehr freuen. Im nächsten Kapitel wird endlich Jacob auftauchen! Jubel!

Songs zum Kapitel:

That Day" von Natalie Imbruglia und „Suburban War" von Arcade Fire

Anmerkungen für Besserwisser:

Brașovist die Stadt, wo das Schloss Bran steht, das angeblich Bram Stoker als Inspiration für seine Drakula-Burg gedient hat. Die Stadt wurde im frühen 13. Jahrhundert gegründet, also erst viel später als Stefans und Vladimirs Geschichte spielt.

Strigoi sind eine Variante der Upir-Vampire in der rumänischen Folklore. Im Gegensatz zu ihnen sind die Strigoi nicht dämonischen Ursprungs, sondern von den Toten zurückgekehrte menschliche Seelen.

D.H. Lawrence ist ein berühmter englischer Schriftsteller, der wirklich auf einer seiner Reise Volterra 1927 besucht hat. Eines seiner Reisetagebücher heißt übrigens "Twilight in Italy, 1916 (Italienische Dämmerung, TB)"... na wenn das kein Zufall ist…

Bis zum nächsten Mal