A/N: Hallo liebe Leute, ich habe endlich das nächste Kapitel fertig. Ich entschuldige mich dafür, dass es wieder so lange gedauert hat, ich war sehr viel mit anderen Dingen beschäftigt. Aber jetzt ist es schließlich doch fertig geworden und ich hoffe, es gefällt euch. Viel Spaß beim Lesen.
Kapitel 6: Im Kaninchenbau
Im Zwielicht der glühenden Abenddämmerung machten Alec und ich uns auf den Rückweg zur Festung. In den kurzweiligen Abendstunden, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, schien die Stadt neu aufzuleben, als hätte sie für wenige Augenblicke den grauen Alltag abgestreift und sprühte nur so vor Flair. Die Geschäfte waren noch geöffnet, die Cafes und Bars gut besucht, aus denen Musik und Gelächter durch die Straßen schwebten. Die Stadt versprühte eine neue Lebenslust, wie ein letztes Aufbäumen vor der bevorstehenden Nacht.
Ich war immer noch so gefesselt von Alecs Erzählungen, dass ich nicht viel von unserem Rückweg mitbekam. Sie schwirrten mir im Kopf herum wie ein Schwarm verschreckter Bienen, vor allem die über die Werwölfe. Je mehr ich mich mit ihnen beschäftigte, desto interessanter wurden sie für mich. Gerade das Verbotene übte immer den größten Reiz aus, da war ich nicht anders als meine Eltern. Am liebsten hätte ich Alec noch weiter gelöchert, vielleicht würde ich mir diese Archive, die er erwähnt hatte, selbst einmal ansehen.
Als die Festung wieder vor uns auftauchte, waren wir nicht mehr allein. Ich konnte unseren Verfolger riechen, lange bevor er sich zeigte. Im Gegensatz zu ihrem Bruder war Jane so förmlich gekleidet wie am Abend zuvor, als ich sie im Thronsaal an Alecs Seite gesehen hatte. Die Kapuze ihrer dunklen Kutte hatte sie zurückgeworfen und aus ihren roten Augen sprühte der Zorn. Wie ein wütender Engel kam sie auf uns zu gerauscht.
„Da bist du endlich", zischte sie Alec an. „Ich habe dich schon gesucht. Hast du vergessen, dass wir zum Schach verabredet waren?" Ihr kalter Blick streifte mich für den Bruchteil einer Sekunde. Die Abneigung, die mir entgegen schlug, war überwältigend. Ich war froh nicht über Jaspers Gabe zu verfügen, ich wäre in ihrem Zorn verglüht wie ein Sternschnuppe in der Atmosphäre. Der kurze Blick allein reichte jedoch aus, um mir klar zumachen, dass Jane sich noch mit mir befassen würde, sobald sie mit ihrem Bruder fertig war und dass sie sich darauf freute.
Alec sah betreten zu Boden, ein wenig eingeschüchtert von dem brausenden Temperament seiner Schwester. „Es tut mir leid, Schwesterchen, ich habe nicht mehr daran gedacht. Ich habe Renesmee die Stadt gezeigt."
Jetzt war es soweit. Extrem langsam drehte Jane den Kopf in meine Richtung, als wollte sie jede Sekunde auskosten, fixierte mich mit ihrem gnadenlosen Blick. Sie musterte mich ausführlich, ihr Gesicht eine verzerrte Grimasse, aber immer noch unschuldig schön. Die Kälte, die mich überkam, stammte nicht von ihrer steinharten Vampirhaut oder sinkenden Temperaturen. Es hätte nicht offensichtlicher sein können, wie wenig sie Alecs Interesse an meiner Person teilte. Im Gegenteil, ich hatte keinen Zweifel, sie würde die erste Gelegenheit nutzen mir Schaden zu zufügen, wenn sie es konnte.
Obwohl Jane so jung erschien, klein und schmächtig, jagte sie mir mit ihrer drakonischen Art eine höllische Angst ein, besonders wenn ich an ihre diabolische Gabe dachte, bei anderen durch puren Willen Schmerzen zu verursachen.
„Aber natürlich", sagte sie voll bitterer Süße in der Stimme, die mir fast die Gallen hochkommen ließ.
„Kommt mit", befahl sie dann weniger lieblich und ging voran. Alec folgte ihr wie ein treuer Hund und auch ich wollte kein zweites Mal aufgefordert werden, also folgte ich ihnen widerwillig.
Jane führte uns zügigen Schrittes um die halbe Festung herum, als hätte sie ein ganz bestimmtes Ziel vor Augen. Es war nicht derselbe Weg, den wir gekommen waren. Die Abenddämmerung war inzwischen so weit fortgeschritten. Die Fortezza ragte düster in den blutroten Abendhimmel und warf einen langen Schatten auf die restliche Stadt, als wollte sie die Häuser mitsamt ihrer Einwohner verschlucken.
Während mein Blick die gewaltige Außenmauer hinauf glitt, wurde ich immer langsamer, abgelenkt von dem Anblick und dem Gedanken, der sich mir aufdrängte. Ich blieb stehen, sah mich genau um. Der Winkel stimmte und ich erkannte die Häuser wieder, so hatte ich schnell Gewissheit – ich stand fast genau unter dem Fenster unserer Suite, direkt in der Gasse, in der ich letzte Nacht die geheimnisvollen Schatten entdeckt hatte.
Ein breiter Abwasserkanal lief entlang der Mauer wie ein Miniatur-Burggraben und verschwand schließlich durch ein Loch im Mauerwerk im Untergrund. Es war mit einem schweren Eisengitter versperrt.
Es war zu dunkel, um besonders weit in das Loch hineinschauen zu können. Ich konnte das Wasser jedoch weiter in der Tiefe rauschen hören. Ein Hauch kalter Luft strömte herauf, roch nach feuchter Erde und Moder. Vermischt darin erkannte ich dieselbe Duftnote, die mir schon am Morgen aufgefallen war und mich schon den ganzen Tag zu verfolgen schien. Der Geruch, der mich so sehr in seinen Bann gezogen hatte. Jetzt wusste ich wenigstens, wo er herkam. Aus der Kanalisation, aber es war eindeutig kein Abwassergeruch, es roch zu sauber wie der Wald in Toronto nach einem frischen Regenguss … nach Wildheit und Freiheit … ich konnte es nicht besser beschreiben, dazu fehlten mir die Worte.
Ich starrte gebannt in das Loch, drohte in der Schwärze zu versinken wie Alice einst im Kaninchenbau, der sie ins Wunderland befördert hatte. Was für eine Zauberwelt mochte da unten liegen? Ich konnte viel zu wenig erkennen, alles jenseits des Gitters blieb in der Dunkelheit verborgen. Erneut wehte ein Windhauch mir um die Nase, trug diesmal auch Geräusche an mein Ohr, die sich beinahe wie ein tiefes Knurren anhörten. Ich glaubte ein leuchtendes Augenpaar aufblitzen zu sehen, doch als ich blinzelte, war es wieder verschwunden. Lebte da unten etwa ein Tier? Irgendeine mythische Kreatur wie die berühmten Alligatoren von Manhattan?
Eine kalte Hand legte sich auf meine Schulter, ließ mich erschrocken zusammenfahren. „Renesmee?" fragte Alec. „Ist alles in Ordnung?" Er zog seine Hand zurück. Ich konnte meinen Blick nicht von dem Loch abwenden.
„Was ist da unten?" fragte ich atemlos.
„Da unten? Nur die alte Kanalisation und…"
Plötzlich stand Jane neben mir, dichter als mein eigener Schatten. Ihr Mantelärmel streifte meine Haut und hinterließ eine Gänsehaut. Mit ihrer honigsüßen Stimme flüsterte sie in mein Ohr. „Dort unten sind die Katakomben von Volterra. Kellergewölbe, Krypten und Kerker. Jahrhunderte der Geschichte umschlossen von Stein. Die Menschen trauen sich nicht dort hinunter, weil es dort angeblich spukt. Sie fürchten, was dort lauert." Sie lachte, ein Glockenspiel im Wind. „Dort unten ist unser Reich. Dort befinden sich unsere Verließe für die Gefangene, die auf ihren Prozess vor dem Tribunal warten."
Ich konnte nicht sagen, ob sie wirklich die Wahrheit sprach oder lediglich mich verunsichern wollte, jedenfalls funktionierte es. Ich konnte das Zittern meiner Glieder kaum verbergen und es störte mich, diese Schwäche ausgerechnet vor Jane zu zeigen, wie leicht ihre Worte mich verstören könnten, welche Wirkung sie auf mich hatte.
Ihr süßlicher Atem streifte über meine Haut wie der Kuss des Todes. „Alles Verbrecher an unserer Spezies! Man kann sie nachts klagen hören in ihren Zellen … und wimmern nach Gnade…"
„Jane, das reicht jetzt!" ermahnte Alec sie.
„Sicher, wir wollen Renesmee doch keine Albträume bereiten", kicherte sie vergnügt, als wäre nichts geschehen. „Schlaf gut, kleiner Dhampir", flüsterte sie mir noch zu, bevor sie weiterging. Ich löste meinen Blick von dem Kanal und starrte ihr wütend nach, konnte gerade noch verhindern zu knurren, das hätte sie nur noch mehr angestachelt. Ein anderer Gedanke überkam mich – welche armen Kreaturen mochten in den Katakomben gefangen gehalten werden, wenn die wahren Monster auf dem Thron saßen?
Alec brachte mich zurück zu unserem Quartier. Er hatte nicht mehr viel mit mir gesprochen, eine knappe Entschuldigung für Janes unangebrachtes Verhalten gemurmelt und war dann verschwunden, vielleicht um seine Schwester zu suchen, aber sicher nicht, um ihr die Meinung zu sagen. Wie konnten zwei Personen, die auf den ersten Blick so ähnlich schienen, nur so unterschiedlich sein? Alec war zurückhaltend aber aufgeschlossen, wo Jane dominant und engstirnig war. Ich fragte mich, wer von ihnen mehr auf den anderen angewiesen war…
Als ich die Suite betrat, fand ich nur Großvater Carlisle dort vor. Er saß an dem großen Schreibtisch im Wohnbereich der Suite, vor ihm ein dickes, sehr alt und wertvoll aussehendes Buch aufgeschlagen, in dem er interessiert blätterte. Die Einträge waren allesamt handschriftlich und mit großer Sorgfalt verfasst.
„Ah, Renesmee, du bist wieder zurück", begrüßte er mich mit einem Lächeln. „Hattest du einen schönen Tag?"
„Ähm, sicher. Wo sind Mom und Dad?" Ich konnte meine Eltern nirgends entdecken und ihr Geruch in der Luft war alt und musste noch vom Morgen stammen.
Selbst wenn sie da gewesen wären, hätte ich sie bei dem intensiven Blumengeruch, der im Raum hing, sowieso nicht wahrgenommen. Frische Sträuße waren in jeder Ecke des Raums platziert worden, ihr Duft so stark, beinahe penetrant, dass es mir die Nase verstopfte. Es roch wie in einer Parfümerie. Was sollte das nur mit den Blumen? Wollte Aro uns ausräuchern?
„Mach dir keine Sorgen. Sie sind etwas weiter weg zum Jagen gegangen, aber sie werden bestimmt bald eintreffen. Es wird spät, du solltest schlafen gehen", meinte Großvater.
„Ich werde bestimmt nicht schlafen gehen, bevor sie nicht hier sind."
„Renesmee", sagte Großvater sanft aber bestimmt, mit großer Nachsicht. „Deine Eltern können auf sich aufpassen. Versprochen."
Wahrscheinlich hatte er Recht – ich reagierte wieder voreilig. Ich wusste nicht, von wem ich diesen Hang zur übermäßigen Dramatik geerbt hatte, aber bei zwei masochistisch veranlagten Elternteilen, kam es für mich doppelt dick.
Ich kaute auf der Unterlippe. Meine Aufmerksamkeit wanderte wieder zu dem Buch. Neugierig trat ich näher und spähte über seine Schulter. Alles war in Latein geschrieben, sodass ich nur wenig verstand (meine Liebe zu toten Sprachen hatte sich noch nicht entfaltet), doch ich erkannte, dass es sich um irgendeine Chronik handeln musste. Alle Einträge waren mit Datum versehen.
„Was ist das für ein Buch?"
„Oh, das ist ein Band der Ignis Aeternus, die Chroniken der Volturi aus ihrem Archiv. In ihnen ist die ganze Geschichte unseres Volkes aufbewahrt, von den großen Kämpfen im alten Süden bis zur Hippie-Krise in den 70ern. Ich habe es mir ausgeliehen, um mich auf den neusten Stand zu bringen. Es ist einiges passiert, seit ich die Volturi verlassen habe. Neue Zirkel sind entstanden, andere zerfallen. Die Volturi haben sogar eine Art Volkszählung durchgeführt."
„Die Hippie-Krise? Was soll das denn bitte gewesen sein?" Ich zog verblüfft die Augenbrauen hoch. Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, dass der Begriff überhaupt im Wortschatz der Volturi auftauchte. Großvater musste ebenfalls schmunzeln.
„Lass es mich so ausdrücken: es ist keine besonders gute Idee für einen Vampir, das Blut eines Menschen auf LSD zu trinken. Die wenigsten Drogen können unseren Metabolismus beeinträchtigen, aber es kommt auch immer auf die Dosierung an."
Ich nickte verstehend, war mit den Gedanken bereits weitergeeilt. Die Möglichkeit selbst einen Blick in dieses Archiv werfen zu können, reizte mich immer mehr. Wenn die Volturi soviel über die Vampirwelt wussten, wussten sie dann auch etwas über Meinesgleichen? Sicher, bei unserer Ankunft schienen sie überrascht, dass ein Halbvampir existieren konnte … aber die Welt war groß, vielleicht gab es irgendwo noch andere wie mich. Legenden darüber gab es schließlich genug.
Auf unserer Reise durch Südamerika waren wir auf viele solcher Geschichten über Libishomen gestoßen – Blut trinkende Dämonen, die bevorzugt Jagd auf hübsche Frauen machten. In manchen dieser Legenden wurden die Frauen nicht von den Libishomengetötet, sondern von ihnen geschwängert, was aber sehr unwahrscheinlich schien – welcher sich von Menschenblut ernährender Vampir würde schon genug Selbstbeherrschung aufbringen können, um die Frauen während des Beischlafs nicht zu töten? Vampire, die sich in Menschen verliebten, waren die Ausnahme, nicht die Regel. Und was noch viel gravierender war - selbst meine Mutter hatte ihre monströse Schwangerschaft nur mit viel Glück und Großvaters medizinischer Betreuung überstanden – jede andere Frau hätte keine Überlebenschance.
Wir konnten diesen Geschichten kaum nachgehen, da die meisten Einheimischen, die etwas darüber wissen konnten, besonders die Alten und Abergläubischen, nicht mit uns reden wollten. Sie erkannten uns als die ‚Monster', die wir waren, und verfluchten uns. Aber nur weil wir keinen stichhaltigen Beweis für die Existenz von anderen Hybriden finden konnten, bedeutete das nicht, dass es sie nicht gab …
Ich musste einfach daran glauben, dass ich kein Einzelfall war!
Noch ein weiteres Thema brannte mir auf der Seele, als ich das Buch anstarrte. „Steht darin auch etwas über die Prozesse der Volturi? Wie sie abgelaufen sind?" Carlisle sah überrascht zu mir auf; sah mich an, als dürfte ich davon gar nichts wissen. „Alec hat sie kurz erwähnt", erklärte ich deswegen.
Großvater räusperte sich unnötigerweise, seine Worte beschönigten nichts. „Ein Prozess vor dem Tribunal läuft immer auf dieselbe Weise ab: der Angeklagte wird vorgeführt, Aro liest seine Erinnerungen, stellt so die Schuld fest, und er wird zum Tode verurteilt."
„Ist jemals ein Angeklagter für unschuldig befunden oder verschont worden?"
Großvater seufzte, zögerte die Antwort hinaus, was im Grunde schon viel mehr sagte als jedes Wort. Von den Volturi war keine Vergebung zu erwarten. „Nun, wenn er ein besonderes Talent aufwies, hat Aro ihm das Angebot gemacht, sich den Volturi anzuschließen und so für seine angeblichen Verbrechen zu büßen, aber das kam nur äußerst selten vor. Ansonsten … nein, nicht zu meiner Zeit bei den Volturi. Und jetzt leg dich schlafen, es war ein aufregender Tag, von denen uns wahrscheinlich noch ein paar bevorstehen."
Ich gehorchte widerwillig und ging dann nach Nebenan. Ich legte mich ins Bett, auch wenn ich vorher schon wusste, dass ich lange kein Auge zubekommen würde. Nach Mitternacht waren meine Eltern immer noch nicht von ihrem ‚Ausflug' zurück, und das ließ mir einfach keine Ruhe.
Da war er wieder … mein seltsamer Traum, der mich seit Tagen zu verfolgen schien, als hätte er ein Eigenleben entwickelt. Vermischt mit Teilen aus Alecs und Janes Geschichten. Wild durcheinander gewirbelt und zu einem neuen Bild zusammengesetzt …
Ich flog über die Stadt. Weit unter mir die Lichter von Volterra, über mir der gebieterische Vollmond. Ich schwebte lautlos über die Dächer wie ein Blatt im Wind…
Nein, ich schwebte nicht, ich lief über die Dächer mit der Grazie und Geschwindigkeit eines wahren Jägers, wie es mir im wachen Zustand nie vergönnt sein würde.
Die Stadt zog unter mir vorbei wie die fliegenden Seiten in einem Buch. Die Häuser standen so dicht beieinander, dass ich mühelos von einem zum nächsten springen konnte. Blitzschnell bewegte ich mich durch die Nacht, hangelte mich an Türmen und Fenstersimsen entlang mit nur einem Ziel vor Augen – die Festung.
Kurz bevor ich sie erreichte, sprang ich vom Dach in die Tiefe. Ich hielt genau auf den Wasserkanal zu, den ich tagsüber entdeckt hatte, und tauchte kopfüber in die unbekannte Schwärze, die sich hinter dem Eisengitter auftat. Das Gitter stellte kein Hindernis für mich da, als hätte ich keinen Körper mehr, als wäre ich nur noch Gefühl und Instinkt. Ein Geist…
Kälte und Nässe umfingen mich wie ein Schleier, als ich mich durch die Finsternis bewegte wie durch ein fremdes Land. Ein unterirdisches Labyrinth aus Gängen und Verließen eröffnete sich mir. Ich hörte die Gefangenen in ihren Zellen wehklagen, hörte Hunde in der Einsamkeit jaulen – vielleicht waren es auch Werwölfe, die darauf warteten, in die Arena geführt zu werden…
Der Geruch fiel mir als nächstes auf – dieselbe einzigartige Note wie schon am Tag. Er wurde stärke, je weiter ich mich in den Untergrund vorwagte auf meiner Suche nach dem Herzen des Labyrinths … der Quelle dieses Soges, der mich weiter vorantrieb, an mir zerrte wie eine verschwommene Erinnerung … als würde mein Leben davon abhängen …
Dort unten in der Finsternis … wartete etwas, ich konnte es spüren. Warm und pulsierend … ein Herzschlag … mein Herz … herausgerissen aus meinem Körper und in die Dunkelheit verbannt … darauf wartend, dass wir wieder vereint sein würden …
Ich musste es unbedingt finden, bevor es zu spät war …
Wann hatte ich es überhaupt verloren?
Ich wurde unsanft aus dem Schlaf gerissen, als jemand an mir rüttelte. Kalte Hände strichen meine Haut entlang.
„Renesmee, du musst kurz aufwachen", sagte eine vertraute, männliche Stimme.
„Dad?" murmelte ich verschlafen. Es war jedoch Großvater, der mich geweckt hatte. Ich richtete ich auf, sah auf die Uhr – sie zeigte kurz vor vier. Ich hatte keine Stunde geschlafen, doch kam es mir viel länger vor. „Wo sind Mom und Dad?"
„Sie sind noch nicht zurück, aber deswegen habe ich dich nicht geweckt. Aro hat nach mir schicken lassen. Er möchte mich sofort sehen. Ich wollte aber nicht gehen ohne dir vorher Bescheid zu geben."
Ich riss die Augen auf. Plötzlich war ich wieder hellwach. „Du willst mich alleine lassen? Jetzt?"
„Ich werde nicht lange weg sein und deine Eltern müssen jeden Augenblick zurückkommen", versuchte er mich zu beruhigen. „Versuch einfach noch ein bisschen zu schlafen." Er gab mir einen Kuss auf die Stirn und verließ das Zimmer. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, war es wieder dunkel um mich.
Ich blieb im Bett sitzen, starrte in die Dunkelheit und machte mir meine Gedanken. Großvaters Rat in allen Ehren, aber ich würde sicher kein Auge zu bekommen, solange er und meine Eltern fort waren. Was wollte Aro so Dringendes nur von ihm? Und warum waren meine Eltern immer noch unterwegs ohne sich zu melden? Das passt einfach nicht zu ihnen…
Plötzlich begannen sich meine Gedanken zu überschlagen, während ich an Janes Schauermärchen zurückdachte … über die Kellergewölbe unter die Festung … die Gefangenen … ein kleiner Anstoß genügte, um meine dunkelsten Sorgen wie eine Lawine ins Rollen zu bringen…
Was wenn meine Eltern längst zurück waren? Wenn dieser ganze Jagdausflug eine Falle gewesen ist und sie längst unten im Kerker eingesperrt waren – gefesselt, geknebelt, zerstückelt und verbrannt? Und wenn sie jetzt das Gleiche mit Großvater vorhatten? Und mit mir?
Ich konnte mir nicht ausmalen ohne meine Familie leben zu müssen. Die Vorstellung war einfach zu grausam. Ich konnte nicht länger rum sitzen und nichts tun. Ich musste etwas unternehmen. Wenn meine Familie wirklich gefangen gehalten wurde, musste ich sie befreien. Ich war ihre einzige Hoffnung. Wäre es anders herum, würden sie alles tun, was nötig wäre, um mir zu helfen.
Ich stieg aus dem Bett, schlüpfte in die Schuhe und schlich durch die Suite bis zur Tür. Ich lehnte mein Ohr gegen das lackierte Holz und lauschte, doch ich konnte niemanden in der Nähe hören – was aber nicht bedeutet, dass keine Wachen da waren. Vampire waren sehr gut darin, sich absolut still zu verhalten. Sie hatten nicht einmal einen verräterischen Herzschlag.
Vorsichtig öffnete ich die Tür und spähte über den Flur, um zu sehen, ob die Luft rein war. Ich war allein, soweit ich das beurteilen konnte. Ich schlich weiter, sah mich um. Es gab nur eine spärliche Beleuchtung und lange Schatten begleiteten mich wie wachsame Späher. Ich folgte den Fluren und Treppen immer weiter in die Tiefe, bis ich das unterste Stockwerk der Festung erreicht. Ich hatte keinen richtigen Plan, wohin ich eigentlich gehen sollte. Ich wusste nur, ich musste weiter nach unten, irgendeinen Zugang zu den Katakomben finden.
Kein Volturi begegnete mir auf meinem Weg. Auch keiner der menschlichen Angestellten. Alles wirkte absolut leblos, als wäre das Gebäude verlassen, was mein Misstrauen schürte. Ich bildete mir nicht ein, dass ich so einfach durch die Gegend spazieren konnte ohne, dass jemand es bemerken würde. Entweder störte es die Volturi nicht oder sie wollten sogar, dass ich mein Ziel erreichte.
War ich auf dem besten Weg auch in eine Falle zu tappen?
Irgendwann landete ich im alten Zellentrakt, der weitaus mehr an die lange Geschichte des Gebäudes als Gefängnis erinnerte als alles Übrige. Es war eine lange Halle, gesäumt mit drei Stockwerken von Zellen. Am hinteren Ende stieß ich auf einen großen Durchgang, der über eine abgetretene Steintreppe in die Tiefe führte. Eine schwere Eisentür, die den Durchgang wohl normalerweise verschloss, stand halb offen. Ich starrte die Tür an mit der Gewissheit, dass sie nicht unabsichtlich offen gelassen worden war. Jemand wollte, dass ich gelangte, wohin ich wollte.
Auch wenn mein Magen flau war und meine Nerven blank, und all meine Instinkte mir rieten nicht weiterzugehen, folgte ich der Steintreppe in die Tiefe. Grubenleuchten an den Wänden leuchteten mir den Weg in einem unheimlichen, kalten Schein. Der Durchgang endete an einem steilen Felsvorsprung, mitten in einer riesigen Höhle, die vereinzelt mit Scheinwerfern ausgeleuchtet war. Voller Staunen trat ich an den Abgrund und schaute mich um.
Die Ausmaße der Höhle waren nur zu erahnen. Viel größer als das Air Canada Center in Toronto. Meter dicke Säulen stützten das Gebilde um den Vorsprung herum. Ein paar waren eingestürzt und bildeten massige Schutthaufen. Weiter hinten zeigte die Höhle ein wesentlich natürlicheres Gesicht, eine unterirdische Felsenlandschaft mit massigen Stalagnaten. Mehrere Gänge zweigten von der Höhle in die Dunkelheit ab.
Ein kalter Luftzug blies mir entgegen und ließ mich frösteln. Auch wenn es kein direktes Anzeichen für Gefahr gab, so war ich mir sicher, dass in der Dunkelheit etwas Gefährliches lauerte.
Ich hatte einen großen Fehler gemacht. Meine Eltern waren nicht hier unten. Ich wollte gerade wieder umkehren, als Jane wie aus dem Nichts hinter mir stand. Ich schreckte zurück und wäre beinahe über die Felskante gestürzt. Kleine Steinchen lösten sich unter meinen Füssen und rieselten in die Tiefe.
„Sieh an, wen haben wir denn hier?" grinste sie unverblümt. „Weißt du nicht, dass Neugier der Katze Tod war?" Die Art, wie sie mich ansah, ließ mich Schlimmes erahnen.
„Du bist es gewesen", erkannte ich. „Du hast die Wachen abgezogen." Jane stritt es nicht einmal ab.
„Natürlich. Dachtest du etwa, du könntest so einfach durch die Festung wandern? Törichtes Kind!"
„Aber wieso?"
Ihr Lächeln wurde breiter. Unter dem Schein der Lampen wirkte sie teuflisch. „Um einen kleinen Zwischenfall zu inszenieren. Du hast dich hier herunter geschlichen, bist die Kante hinuntergestürzt und auf tragische Weise ums Leben gekommen. Und wenn deine Eltern davon erfahren…"
„Sie werden das niemals glauben!" beharrte ich. „Mein Vater liest Gedanken, schon vergessen?"
„Damit rechne ich doch. Du wirst dennoch Tod sein, und die Wut und die Trauer werden eine Eltern überwältigen und uns genau den Grund liefern, den wir brauchen, um sie zu töten."
Darum ging es also! Ich konnte es nicht glauben. Hasste Jane meine Familie wirklich so sehr, dass ihr jedes Mittel Recht war, sie zu zerstören? Dass sie sogar bereit war Aro zu hintergehen? Ich konnte das nicht zulassen. Meine Familie durfte nicht wegen meiner Dummheit zu Schaden kommen. Ich wusste, mit Jane zureden würde nichts bringen.
Ich versuchte sie zu überraschen, mich an ihr vorbei zu stehlen und zur Treppe zu gelangen, doch sie war zu schnell. Sie versperrte mir den Weg und verpasste mir einen harten Schlag gegen die Brust, der mich rückwärts über die Felskante beförderte. Ich segelte in die Tiefe und schlug hart auf dem Höhlenboden auf. Die Luft blieb mir weg und ich rappelte mich mühsam auf die Beine. Ich starrte zu Jane empor.
Der Felsvorsprung war mindestens 30 Meter hoch – zu hoch für mich – und die Wand darunter war aus dunklem Eruptivgestein, so abgewetzt, dass sie fast wie poliert wirkte. Zu hart und zu glatt um daran hoch zu klettern. Jane sah überheblich auf mich herab, ihres Sieges vollkommen sicher, auch wenn ich noch atmete. Dann verschwand sie.
Was sollte ich nur tun? Was konnte ich tun?
Miene Eltern konnten jeden Moment zurückkehren und Janes gerissener Plan würde aufgehen. Es würde ein Gemetzel geben…
Ich wich von der Wand zurück. Ich musste einen anderen Ausgang finden. Vielleicht konnte ich den Abwasserkanal erreichen und mich durch das Eisengitter zwängen, aber ich musste mich beeilen. Mit einem mulmigen Gefühl machte ich mich auf den Weg tiefer in die Höhle, die sich wie eine unbekannte Welt ausbreitete. Es war ein verzweigtes Netz, das weit über die Stadtgrenzen hinaus reichen musste. Vielleicht durchzog es den ganzen Bergrücken, auf dem Volterra errichtet worden war.
Nicht einmal meine sensiblen Vampiraugen konnten viel mehr als Schatten erkennen. Je weiter ich in das unterirdische Labyrinth vordrang, desto mehr beschlich mich das Gefühl, nicht allein zu sein, beobachtet zu werden. Der merkwürdige Geruch, der mir schon am Abwasserkanal aufgefallen war, wurde immer intensiver. Ich konnte mindestens ein Dutzend Nuancen unterscheiden, die jedoch eines gemeinsam – sie rochen mehr nach Tier als nach Mensch…
Und dann hörte ich etwas…
Mein eigener, flatternder Herzschlag dröhnte so laut in meinen Ohren, dass es mir beinahe entgangen wäre. Ein dumpfer Rhythmus in der Ferne … ein zweiter Herzschlag … und er kam näher. Lautlos löste sich ein Schatten vor mir vom Rest der Dunkelheit. Ein gelbes Augenpaar blitzte mich an. Das Wesen war viel größer als ich, seine genauen Umrisse jedoch nicht auszumachen, da es fast vollständig mit der Dunkelheit verschmolz. Ein gefährliches Knurren gab das Biest von sich, sträubte mir die Nackenhaare.
Dieser Augenblick genügte, um meinen Fluchtinstinkt zu wecken. Panisch rannte ich weiter. Bloß weg von dem Monster. Ich wollte gar nicht wissen, was es war. Ich konnte es jedoch hinter mir hören, wie es zur Verfolgung ansetzte. Schwere Pranken schlugen auf dem Steinboden auf, ließen ihn unter meinen Füssen erzittern wie ein kleines Erdbeben. Ich schlug flinke Haken um die Steinsäulen, um das Biest abzuschütteln. Vergeblich, es schloss immer weiter zu mir auf.
Dann hörte ich weitere Herzschläge um mich herum auftauchen – hinter mir, neben mir. Von überall kamen sie her, kreisten mich ein…
Deswegen hatte Jane sich nicht die Mühe gemacht, mich persönlich zu töten. Sie wusste, ich würde diese Höhle nicht wieder lebend verlassen. Ich spürte meine Kräfte schwinden, dennoch zwang ich mich zum Weiterlaufen. Vor mich sah ich Lichtkegel in der Finsternis auftauchen, wo die Decke durch die Erdrutsche eingestürzt war. Mondlicht flutete in die Höhle wie ein Hoffnungsschimmer. Vielleicht konnte ich dort irgendwie an die Oberfläche gelangen. Ich zerrte an meinen Kraftreserven und versuchte zu beschleunigen, doch ich war unachtsam…
Plötzlich wurde ich von der Seite gerammt und zu Boden gerissen. Ich schlug genau in einem der Lichtkegel auf. Schmerz schoss durch meinen Körper und ich spürte etwas Warmes meinen Arm hinunterlaufen. Ich roch frisches Blut in der Luft – mein Blut! Über mir dreht sich der Nachthimmel. Ein dunkler Umriss schob sich in mein Blickfeld, umrahmt vom Mondlicht. Eine schwere Pranke legte sich auf meinen Brustkorb, presste mich zu Boden, sodass ich mich nicht mehr rühren konnte.
Ich riss die Augen auf, starrte in das Angesicht der Bestie über mir – gefletschte Zähne voll triefendem Speichel, struppiges rostbraunes Fell, Augen voll glühendem Zorn.
Ich sah mein letztes Stündlein gekommen…
A/N: Ta da, ich hatte ja versprochen, Jacob würde auftauchen… Ich weiß sein Auftritt ist wirklich kurz, aber ich wollte, dass er einen dramatischen Eindruck hinterlässt. Und ich wollte auch mal so einen fiesen Cliffy benutzen.
Songs zum Kapitel:
„Closer"von Kings of Leon und „Rose" von A Perfect Circle.
Ignis Aeternus bedeutet „Ewiges Feuer" – ich dachte, dass wäre ein schöner Name für die Volturi-Chroniken, da sie als Vampire auch praktisch „ewig" sind.
Und zum Schluss kleine Vorschau aufs nächste Kapitel, weil Jacob zu kurz gekommen ist. Ich werde versuche, es schneller fertig zu bekommen als dieses:
Der Wolf begann zu erzittern, immer heftiger. Ich schloss die Augen, bereitete mich auf das Ende vor, das nun doch kommen würde. Ich hörte ein reißendes Geräusch, fragte mich, ob es von meinem eigenen Körper stammte, der in diesem Augenblick von dem Wolf zerfleischt wurde. Vielleicht war ich zu betäubt um den Schmerz zu spüren…
Die Hitze des Wolfes nahm ein bisschen ab, aber strahlte mir immer noch entgegen. Die Fellhaare, die ich an meinen Armen gespürt hatte, waren plötzlich verschwunden.
Ich blickte auf und fand mich immer noch im Angesicht des Wolfs. Dieselben Augen … nur dass sie jetzt im Gesicht eines jungen Mannes saßen, der den Platz des Wolfes eingenommen hatte … ein sehr nackter junger Mann…
Bis zum nächsten Mal
