A/N: Oh je, ich fühle mich wieder so mies. Ich verspreche jedes Mal, dass ich schneller schreibe, und dann dauert es bis zum nächsten Kapitel doch immer so lange. Das tut mir ehrlich leid, aber ich schaffe es einfach nicht, so oft zum Schreiben zu kommen, wie ich es gerne würde.
Wer hat sich noch alles das offizielle Handbuch gekauft? Ich habe es gestern geholt und bin wirklich begeistert, auch wenn ich bei dem Teil über die Volturi gemerkt habe, dass das alles irgendwie so gar nicht zu dem passt, was ich mir bisher ausgedacht hatte.
Dieses Kapitel ist ein echter Meilenstein, weil ab hier die Geschichte erst so richtig Fahrt aufnehmen und es endlich richtige Interaktion zwischen Renesmee und Jacob geben wird, worauf ich selbst gewartet habe und ihr wahrscheinlich auch.
Also, viel Spaß beim Lesen :)
Kapitel 7: Epiphanie
Epiphanie:
die plötzliche Erkenntnis einer großen Wahrheit
Die Menschen sagen, im Augenblick des Todes sieht man sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen … Für jemanden, der gerade einmal 6 Jahre auf der Welt vorzuweisen hatte, würde es da nicht viel zu sehen geben … ich hatte doch kaum Zeit gehabt, diese Welt mit all ihren Wundern und Überraschungen zu erleben … aber wie das Leben so spielte kamen manche eben zu kurz und starben lange vor ihrer Zeit.
Ich dachte an die Ironie, die meinem Leben innezuwohnen schien, an den beschwerlichen Weg meiner Eltern, der zu meiner Existenz geführt hatte – war ich nur geboren worden, um gleich wieder von der Bildfläche zu verschwinden? War dies die unmissverständliche Antwort des Schicksals, dass ich eigentlich gar nicht hier sein dürfte? Würde meine Existenz ein genauso gewalttätiges Ende finden wie sie begonnen hatte?
Würde es mir so ergehen? fragte ich mich, als ich in die Augen der mörderischen Bestie über mir blickte.
Der Werwolf.
Er war riesig. So groß wie ein Pferd, mit Pfoten größer als mein Brustkorb und Krallen länger als meine Finger. Neben seiner massiven Präsenz wirkte ich winzig. Wehrlos. Sein Maul war halb aufgerissen, heißer Atem schlug mir entgegen, die scharfen Reißzähne nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Das dumpfe Grollen aus seiner Kehle ging mir bis durchs Mark, ließ meinen ganzen Körper erzittern.
Worauf wartete er noch?
Wieso hatte er mir nicht schon längst den Kopf abgerissen?
Ich bewegte mich nicht. Nicht das ich überhaupt eine Wahl gehabt hätte. Es gab keine Möglichkeit zur Flucht. Jedes falsche Zucken konnte den Wolf provozieren und mit mir kurzen Prozess machen lassen. Atemlos starrte ich ihm in die Augen und was ich sah, war nicht, was ich erwartet hätte … ich sah nichts von meinem bisherigen Leben, keine Erinnerungsfetzen vermischt mit Reue oder Wehmut … ich sah nicht meine Eltern, meine Großeltern oder Onkel und Tanten … ich sah keine Zusammenfassung meines kurzen Lebens im Schnelldurchlauf an mir vorbei ziehen … nichts von alledem, was mir wichtig war, erfüllte in diesem Augenblick meine Gedanken …
Mein Kopf war wie leer gefegt. Ein schwarzes Loch ohne Inhalt. Ich sah nur mich selbst, klein und über dem schwarzen Abgrund schwebend. Wie im Vakuum, mein Bewusstsein losgelöst von meinem Körper.
Ich sah meine eigene Reflexion gebrochen in den großen Augen des Wolfes, als würde ich in einem tiefen See versinken … unergründlich tief…
Und ich wollte versinken, ich spürte es in jeder Faser meines Körpers … und dann war da noch etwas anderes … ein dunkles Leuchten … ein Hoffnungsschimmer … eine mächtige Erkenntnis … das Biest über mir war nicht so seelenlos wie ich angenommen hatte.
Ich wurde ganz ruhig, entspannte mich. Die Angst wich wie von selbst von mir und es erschien mir seltsam irreal, dass ich überhaupt welche empfunden hatte. Auch die Körpersprache des Werwolfs veränderte sich. Er knurrte nicht mehr, seine starken Kiefer entspannten sich ebenso wie seine Muskeln, als er seine Angriffshaltung aufgab. Zum ersten Mal betrachtete ich den Wolf aus einer anderen Perspektive, sah nicht mehr nur das wilde Biest, das mich vielleicht töten würde.
Ich sah einen majestätischen Jäger. Seine Kraft und Anmut. Das rotbraune Fell, das mir zuvor noch so zottig wie ein struppiger Bausch vorgekommen war, war in Wirklichkeit ein fließender Teppich, wie aus unzähligen Bronzefäden gewebt, die im Mondlicht schimmerten und sich geschmeidig zum Muskelspiel darunter bewegten.
Seine Schnauze senkte sich, als er intensiv an meinem Haar schnupperte, als wollte er den Geruch einfangen und in seinem Gedächtnis konservieren. Ich wusste, ich roch anders für Vampire. Wie mochte ich wohl für einen Werwolf riechen? Wie Beute?
Im Gegenzug nahm ich einen tiefen Atemzug von seinem überwältigenden Odour.
Er roch nicht so, wie ich mir den Geruch eines Werwolfs nach der Schilderung meiner Eltern immer vorgestellt hatte – beißend, nach nassem Hund. Sein Geruch war sauber, vollmundig und mehr als angenehm. Erinnerte mich an Leder. Wie der Geruch der Lieblingsjacke, die man lange nicht getragen hatte, aber in deren vertrauter Wärme wohlige Erinnerungen schlummerten. Er weckte in mir einen Rausch von Bildern. Ich konnte die Welt in seinen Augen widergespiegelt sehen – tiefe Wälder, weite Steppen, Schneestürme und brennende Hitze, und darüber der Ruf der Wildnis in einem gefangenen Geist, wie einst im Roman von Jack London erzählt.
Die Nacht brach an, und der Vollmond stieg über die Bäume in den Himmel,
erleuchtete das Land, bis es in geisterhaftes Tageslicht gebadet...*
Der Wolf begann zu erzittern, immer heftiger. Ich schloss die Augen, bereitete mich auf das Ende vor, das nun doch kommen würde. Ich hörte ein reißendes Geräusch, fragte mich, ob es von meinem eigenen Körper stammte, der in diesem Augenblick von dem Wolf zerfleischt wurde. Vielleicht war ich zu betäubt um den Schmerz zu spüren…
Die Hitze des Wolfs nahm ein bisschen ab, aber strahlte mir immer noch entgegen wie ein Heizstrahler. Die Fellhaare, die ich eben noch an meinen Armen gespürt hatte, waren plötzlich verschwunden. Wie weg geschmolzen.
Ich blickte auf und fand mich immer noch im Angesicht des Wolfs. Dieselben Augen … nur dass sie jetzt im Gesicht eines jungen Mannes saßen, der den Platz des Wolfes eingenommen hatte … ein sehr nackter junger Mann…
Warme, getönte Haut. Seidig schwarzes Haar. Umbrafarbene Augen, so dunkel und satt, dass man darin eintauchen wollte wie in eine sternenklare Nacht. Mir stockte der Atem. Mein Herz begann lauter zu klopfen, hämmerte schmerzvoll gegen meine Brust, während ich meine innere Hysterie zu besänftigen versuchte. Ich wusste nicht, was vor sich ging.
Der Junge starrte mich an ohne zu blinzeln, genauso gefangen von meinem Anblick wie ich von seinem. Mechanisch rückte er ein wenig von mir ab, so dass ich mich leicht aufrichten konnte, saß nun auf seinen Hacken vor mir und seine Augen hielten meine fest. Er starrte mich einfach nur an, ohne sich zu rühren, ohne etwas zu sagen…
Er ist irgendwie schön, kam es mir unerwartet in den Sinn. Verrückt, dass mir gerade das auffiel, wo ich soviel essentiellere Probleme hatte. Ich durfte nicht vergessen, dass ich mich immer noch in der Gewalt eines Werwolfs befand, auch wenn er jetzt wie ein Mensch aussah. Wolf im Schafspelz. Doch irgendwie konnte ich meinen Verstand nicht dazu bringen, auf angemessene Art zu reagieren – ich wusste, ich sollte mich immer noch vorsehen, mich fürchten … doch ich tat es einfach nicht.
Nur allzu willig ließ ich mich von seinem Anblick, seinem Gesicht und den ausdrucksstarken Augen fesseln. Er ist wirklich schön. Nicht auf dieselbe überirdische Art, wie meine Vampirfamilie schön war, sondern auf ganz andere und menschlichere Art. Er war nicht perfekt, er hatte eindeutig Makel – buschige Augenbrauen, eine breite Nase, verblasste Narben auf der Haut … all das war nebensächlich, trat hinter seine Erscheinung…
Millionen verschiedener Gefühle schienen im Bruchteil einer Sekunde über sein Gesicht zu wandern, ineinander zu fließen wie unterschiedlich gefärbte Wässer, die sich in einem Strudel aus Farben vereinten – Verwunderung, Schock, Neugier, Verleugnung … sein Körper zitterte immer noch leicht, als würde der Wolf gleich unter der Oberfläche lauern und nur darauf warten wieder hervor zu brechen.
Augenblicke vergingen wie eine Ewigkeit. Alles stand still. Die Luft, mein Herzschlag. Elektrisiert…
Ich hielt seinem Blick stand wie in Trance … nichts anderes schien in diesem Moment zu existieren. Ein vollkommener Augenblick, der je durch ein lautes Knurren unterbrochen wurde…
Ein weiterer Wolf tauchte am Rand des Lichtfeldes auf, geduckte Haltung, die Lefzen hochgezogen, bereit zum Angriff. Sein Fell war von einem dunklen Grau. Der junge Mann fuhr herum, bleckte die Zähne, reagierte sofort. Blitzschnell sprang er auf die Beine und lief dem angreifenden Wolf entgegen. Noch in der Bewegung verwandelte er sich zurück in einen Wolf und krachte mit dem anderen Tier zusammen. Beide Wölfe verbissen sich ineinander, rollten und überschlugen sich wie ein Knäuel aus Fell, Klauen und Zähnen. Schnappend und knurrend verschwanden sie aus meinem Sichtfeld. Ich konnte sie jedoch in der Dunkelheit weiterkämpfen hören, hörte wie Stein zerbrach unter der Wucht ihre massigen Körper und spürte den Boden vibrieren. Es hörte sich genauso gewalttätig an wie die Trainingskämpfe meiner Onkel.
Ich verharrte regungslos am Boden aus Angst, jeder Zeit könnte ein neuer Wolf sich auf mich stürzen, sobald ich auch nur eine falsche Bewegung machte. Ich konnte die anderen hören, auch wenn sie sich jenseits des Lichts verbargen und sich so meinem Blick entzogen - ihre energischen Herzschläge, das ungeduldige Scharren der Krallen auf dem Steinboden, das bedrohliche Knurren; doch keiner von ihnen rückte näher. Sie standen nur da und beobachteten mich und warteten…
Vielleicht können sie sich nicht entscheiden, wer mich töten darf, dachte ich.
Ohne die Nähe des Jungen spürte ich all die negativen Gedanken in meinen Kopf zurückdrängen, explosiv wie schwarze Gewitterwolken an einem sonnigen Tag. Sorgen und Zweifel ließen in mir das beklemmende Gefühl zurück, dass bei Weitem nicht alles wieder gut war, auch wenn ich immer noch lebte. Jane wollte mich tot sehen – wie würde sie reagieren, wenn ich überleben würde?
Zögernd richtete ich mich weiter auf, jede meiner Bewegungen durchdacht. Ich atmete tief durch, versuchte aber nicht aufzustehen. Ich bewegte mich so vorsichtig, als würde ich auf einem zugefrorenen See sitzen, dessen dünnes Eis jeden Augenblick unter mir bersten konnte. Die Zeit schien sich zu dehnen, während ich in der Unsicherheit schwebte, ob jeder Atemzug mein Letzter sein könnte. Nur weil ein Wolf mich verschont hatte, bedeutete das nicht, dass die anderen es auch tun würden.
Ich inspizierte meinen verletzten Arm – der Beweis, wie einfach die Wölfe mich erledigen konnten, wie chancenlos ich war. Er war der Länge nach aufgeschlitzt und blutüberströmt. Meine Haut war sehr widerstandsfähig, jedoch nicht so unverwundbar wie bei meinen Eltern – gegen Wolfszähne und –krallen war sie nicht gefeilt. Zum Glück heilte mein Körper aber auch sehr schnell, schneller als bei einem Menschen – so schlimm die Wunde auch aussah, in wenigen Stunden würde sie sich schon wieder geschlossen haben. Nicht einmal eine Narbe würde zurückbleiben … zumindest keine sichtbare …
Ich wurde aufgeschreckt, als ich Schritte hörte, nicht von einem der schweren Wölfe sondern von etwas wesentlich Leichterem. Am Rand des Lichtkegels, in dem ich noch immer hockte wie im Scheinwerferlicht einer Theaterbühne, tauchte ein Mann auf. Nicht derselbe von zuvor auch wenn es eine starke physische Ähnlichkeit gab. Ich verharrte und schmeckte so etwas wie Enttäuschung meinen Verstand tränken, denn ich hatte den Jungen erwartet. Erhofft…
Ich schalte mich selbst. Wieso sollte ich den Jungen zurück wollen? Er hätte mich fast getötet…
Der zweite Mann war deutlich älter. Er trug nur eine einfache Hose, kein Hemd, keine Schuhe. Sein Kopf war fast kahl rasiert, das schwarze Haar nur als dünner Film vorhanden. Seine dunkle Haut war vernarbt. Seine Nase war breit und krumm. Das Antlitz eines Boxers nach zu vielen Knockouts im Ring. Bizeps und Oberkörper waren übersät mit Tribelartigen Tätowierungen. Verschlungene Pfade aus schwarzer Tinte. Geheimnisvoll zogen mich die Bilder an, schienen mir eine Geschichte erzählen zu wollen. Immer wieder tauchten Tiergestalten in den Mustern auf.
Wolfssymbolik.
Kriegsbemalung.
Der Mann kam auf mich zu, kniete sich vor mich. Von Nahem waren seine Augen so schwarz wie Onyx – hart und emotionslos. Seine Miene war verschlossen. Die alten Narben in seinem Gesicht nicht zu übersehen. Er war ein Mann, der schon viel erlebt haben musste, viel gesehen … ein gezeichneter, vielleicht sogar gebrochener Mann…
Er nahm meinen Arm, viel sanfter als ich von seinen rauen Händen erwartet hätte, und sah sich die Wunde an. Seine Hände fühlten sich ungewohnt heiß auf meiner Haut an. Etwas, was ich bisher nicht gekannt hatte. Mein Körper lief auf einer zu hohen Eigentemperatur, so dass sich normalerweise alles kühl für mich anfühlte. Der Mann strahlte dieselbe extreme Wärme aus wie der andere Junge zuvor, was sie wohl ihrer Wolfsnatur zu verdanken hatten. Die Wut ließ sie brennen…
„Du solltest nicht hier unten sein", sprach der Werwolf mit rauer, strapazierter Stimme, die wie ein tiefes Röcheln klang, als hätte er sie lange nicht benutzt.
Ich blinzelte perplex.
„Ich … ich bin gefallen", erklärte ich. Die Auseinandersetzung mit Jane wollte ich eigentlich nicht erwähnen, doch wie der Mann mich ansah, sagte mir, dass er meine Lüge längst durchschaut hatte.
„Wirklich?"
„Nein…" Ich zögerte nervös. Wie viel konnte ich dem Mann anvertrauen? Wie viel wusste er bereits? Steckte er mit Jane unter einer Decke? Das konnte ich mir nicht vorstellen. „Jane hat mich runter gestoßen", gestand ich.
Kollektiver Aufruhr wie ein Paukenschlag ging durch die Reihen der Werwölfe, kaum dass ich ihren Namen ausgesprochen hatte, eher der Mann sie wieder mit einer knappen Geste zum Schweigen brachte. Danach blieb es still.
„Verstehe." Er riss einen Stofffetzen von seiner Hose und begann meinen Arm zu bandagieren. „Du riechst merkwürdig. Nicht wie ein Blutsauger, aber auch nicht wie ein Mensch. Du hast einen Herzschlag und blutest und deine Haut ist warm. Was bist du also?"
Ich überlegte, ob ich auch hier lügen sollte, doch was sollte mir das bringen? Wollte er mich töten, würde er es ohnehin tun, egal, was ich ihm erzählte. Aber die Wahrheit konnte mich vielleicht weiterbringen. Wenn ich ihn davon überzeugen konnte, dass ich keine Gefahr war, würden die Wölfe mich dann gehen lassen?
„Ich bin nur zur Hälfte ein Vampir." Der Mann, dessen Name ich immer noch nicht kannte – vielleicht hatte er gar keinen und war wie einer dieser namenlosen Gesetzlosen in den alten Western, die Onkel Jasper so liebte, weil sie ihn an sein sterbliches Leben erinnerten, an die gute alte Zeit - ließ meinen Arm los, begutachtete seinen Verband einen Augenblick und sah mir dann in die Augen, prüfend, als versuchte er meine Worte richtig einzuordnen. Ob ich wirklich die war, für die ich mich ausgab. Ob so etwas wie ein Halb-Vampir überhaupt möglich war. Ich konnte nicht sagen, ob er mir glaubte, jedenfalls hakte er nicht nach.
„Zu welchem Clan gehörst du?" wollte er dann wissen. Der Mann kannte sich aus, das musste man ihm lassen.
„Ich gehöre zu den Cullens. Mein Name ist Renesmee."
Cullen. Der Name meiner Familie löste eine noch viel heftigere Reaktion unter den Werwölfen aus als Janes zuvor. Sie knurrten wild durcheinander. Auch der Mann vor mir reagierte angespannt, schien endlich aus seiner Starre zu erwachen. Sein Kopf zuckte hoch und er starrte mich fassungslos an. Ein dunkler Schatten huschte über sein Gesicht. Etwas wie Erkenntnis blitzte in seinen dunklen Augen auf, warf neue Fragen für mich auf. Zweifelsohne sagte der Name meiner Familie dem Mann etwas …
Bevor ich nachfragen konnte, tauchte der andere junge Mann wieder auf. Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn wie kleine Perlen, als hätte er sich sehr beeilt. Als ich ihn sah, hüpfte mein Herz vor Aufruhr. Er trug jetzt eine Hose und ein paar frische Blessuren zierten seinen freien Oberkörper von der Auseinandersetzung mit dem grauen Wolf. Seine Atmung ging schnell, sein Blick suchte meinen und fand ihn mit zielgenauer Sicherheit.
„Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst dich fern halten?" sprach der ältere Mann zu dem Jüngeren ohne ihn anzusehen.
Der Junge kam nicht näher, auch wenn er das tun zu wollen schien. Seine Hände ballten sich immer wieder zu Fäusten und entspannten sich dann wieder, als müsste er sich selbst davon abhalten, keinen falschen Schritt zu machen. Er sprach gebrochen, als wäre jedes Wort die reinste Qual. Er biss die Zähne zusammen und presste sie mit aller Willenskraft heraus: „Konnte. Nicht. Anders."
Schockiert sah er meinen blutigen Arm und seine Miene zerbröckelte voller Reue und Schuldbewusstsein. Er fühlte sich verantwortlich für meine Verletzung, was auch zutreffend war, nur warum traf es ihn so sehr, dass sogar seine Hände zitterten? Wieso kümmerte es ihn, dass er mich verletzt hatte? Aber noch viel wichtiger war … wieso kümmerte es mich, dass es ihn kümmerte?
„Wir müssen sie zurückbringen, bevor nach ihr gesucht wird", sagte der Ältere und zog mich auf die Beine. Ich fühlte mich etwas wackelig. Die Augen des Jungen weiteten sich als Reaktion auf meine Unsicherheit. Er kam nun doch zu uns geeilt, schien sich aber nicht sicher, wie er helfen konnte. Er streckte die Hände nach mir aus, scheute aber mich zu berühren. Ich fragte mich, ob sich seine Hände genauso heiß auf meiner Haut anfühlen würden wie die des anderen Werwolfs, wie sanft seine Berührung sein würde … oder ob er mich ganz fest halten würde … meine Wangen brannten und ich senkte verlegen den Blick.
Erneute Unruhe brach unter den übrigen Werwölfen aus. Das ganze Rudel schien sich auf einmal in Bewegung zu setzen, synchron und perfekt auf einander abgestimmt wie ein frisch geöltes Getriebe. Irgendetwas hatte sie aufgeschreckt und die Ursache wurde schnell klar - Vampire näherten sich. Lautlos und rasend schnell. Die Wölfe rauschten an mir vorbei, flogen wie Schatten durch den erhellten Bereich der Höhle und verschwanden in der finsteren Tiefe hinter mir. Sie liefen so dicht an mir vorbei, dass ich die Enden ihrer Fellhaare über meine Haut peitschen fühlen konnte, und der Luftzug, den ihre dahinjagenden Körper erzeugten, an meiner Kleidung zerrte. Ich hielt mich ganz still, um nicht überrannt zu werden. Die Wölfe waren so plötzlich verschwunden, wie sie zuvor aufgetaucht waren ohne eine Spur zu hinterlassen. Lediglich die beiden Männer blieben zurück, gingen jedoch auf Sicherheitsabstand zu mir. Sie wollten wohl nicht in meiner Nähe sein, wenn die Vampire eintrafen.
Ich reckte meine Nase in die Luft, versuchte trotz des intensiven Wolfsgeruches, der noch immer in der Höhle hing, die näher kommenden Vampire zu riechen, sie zu identifizieren. Ich wollte wissen, wer da auf mich zu kam – ob es Jane war…
Erleichtert stellte ich fest, dass meine Eltern auch unter den ankommenden Vampiren waren. Sie wurden von einer ganzen Horde von Volturi-Soldaten begleitet, doch wenigstens ging es ihnen gut. Ich fühlte einen Stein vom Herzen fallen, als ich ihre unversehrten Gesichter erspähte. Aro persönlich führte die Gruppe an, umringt von seiner Leitgarde. Markus folgte ihm wie ein hagerer Schatten, Felix und Aros persönliches Schutzschild Renata waren auch dabei, doch von Caius und Jane war nichts zu sehen.
Meine Mutter eilte der Gruppe voraus und erschien als Erste am Rand des breiten Lichtkegels. Geisterhaft schön wirkte sie in dem staubigen Mondlicht, wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt, auch wenn ihre perfekten Züge verrutscht waren, von Sorge gequält. Als sie mich aus der Ferne entdeckte, hatte sie nur noch Augen für mich. Sie keuchte auf und eilte auf mich zu. Ich lief ihr entgegen und ließ mich bereitwillig von ihr in die Arme schließen. Es tat so gut von ihr gehalten zu werden. Sie seufzte in mein Haar.
„Liebling, wir haben uns solche Sorgen gemacht." Sie tastete mich von oben bis unten ab, versuchte sich zu vergewissern, dass es mir gut ging. Strich mir über Wange und Haupt und drückte mich noch einmal, als wäre sie immer noch nicht überzeugt, dass ich es wirklich war. Als sie meinen verletzten Arm sah und das viele Blut, keuchte sie entsetzt auf.
Vater erreichte uns kurz nach ihr und stimmte in unser Wiedersehen mit ein, umschlang uns beide mit seinen langen Armen. Dann wiederholte er die ganze Prozedur wie Mutter zuvor und begutachtete mich von Kopf bis Fuß, um sicher zu stellen, dass ich noch in einem Stück war. Leicht genervt ließ ich es geschehen, denn ich wusste, er würde keine Ruhe finden, bis er sich selbst von meinem Wohlbefinden überzeugt hatte. Mein verletzter Arm löste bei ihm die gleiche Reaktion wie bei Mutter aus, doch ich berührte seine Hand, versicherte ihm, dass es nur ein Kratzer war … wenn auch ein ziemlich großer…
„Wir dachten schon … wir wussten nicht, wo du warst…" Die Worte gingen ihm aus, als ihn seine Gefühle überwältigten. Etwas, was meinem sonst so beherrschten Vater recht selten passierte. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen, bis er sich wieder in der Gewalt hatte. Es verdeutlichte mir, wie groß der Schrecken war, den ich meinen Eltern mit meinem kopflosen Handeln eingejagt hatte. Ich fühlte mich noch schlechter als ohnehin schon.
Wenn mir etwas passiert wäre, es hätte sie umgebracht…
„Ah, wie wundervoll." Aros leise tonierte Stimme hallte in der Höhle wieder wie ein ominöses Echo, hinterließ eine Gänsehaut auf meinen Armen und ein schmerzhaftes Zusammenziehen in meinen Eingeweiden.
Unter dem einfallenden Mondlicht und mit den tiefen Schatten unter den Augen sah er noch viel mehr wie ein Untoter aus. Wie der Tod selbst. Sein schwarzes Haar wehte leicht im Luftstrom, der durch die Höhle zog, wie unzählige feine Tentakel, die nach dem Licht tasteten, um es für immer in Dunkelheit zu tauchen. Seine Augen waren groß und leuchteten hellrot. Er musste sich gerade erst genährt haben – ein Hauch frischer Menschenangst haftete noch an ihm. „Die Familie ist wieder vereint und Renesmee ist wohl auf. Das ist eine Erleichterung. Wir waren alle so in Sorge", betonte er und hätte ich es nicht besser gewusst, ich hätte ihm diese Lüge vielleicht sogar abgekauft. Sicher sind sie das gewesen.
Ganz besonders Jane.
Aro wandte sich als Nächstes den beiden verbliebenen Werwölfen zu, die sich weiter abseits hielten. Die anderen Wölfe hatten sich soweit in die Tiefe des Höhlensystems zurückgezogen, dass ich ihre Herzschläge kaum noch wahrnehmen konnte. Nicht mehr als ein dumpfes Pochen aus dem Inneren der Erde, untermalt von plätscherndem Wassern und pfeifendem Wind. Ich hatte jedoch keinen Zweifel, dass sie die ganze Szene aufmerksam beobachteten.
Beide Männer versteiften sich und die Anspannung war ihnen ins Gesicht geschrieben, als Aro sie mit seinem glasigen Blick fixierte. Ihre Fäuste zitterten vor unterschwelligen Zorn, als ständen sie kurz vor der Explosion. Kurz vor der Wandlung zurück in die imposanten Wölfe, die in ihnen schlummerten. Als Wölfe mochten sie es mit den Volturi aufnehmen können, doch als Menschen wirkten sie trotz ihrer erstaunlichen Körpermaße irgendwie unterlegen. Es musste ihnen sehr viel abverlangen, im Angesicht so vieler Vampire nicht die Beherrschung zu verlieren. Widerwillig senkten sie die Köpfe vor dem Vampiroberhaupt, was dieser zufrieden zur Kenntnis nahm.
„Nicht auszudenken, wenn dem guten Kind etwas passiert wäre." Aros Worte hatten eine Schärfe inne, die mir missfiel – wie Glassplitter, die darauf lauerten, einem ins Fleisch zu schneiden, wenn man sich nicht vorsah. Ich konnte mich nicht lange mit irgendwelchen versteckten Botschaften beschäftigen, denn die Reaktion meiner Eltern lenkte mich ab.
Beide verkrampften sich wie zu Salzsäulen erstarrt, und ich war zwischen ihnen eingequetscht, konnte mich kein Stück bewegen. Sie starrten über meinen Kopf hinweg die Werwölfe an mit einem Ausdruck im Gesicht, der sich nur mit Schockstarre beschreiben ließ. Besonders bei meiner Mutter. Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihr Atem hatte ausgesetzt. Mechanisch machte sie einen Schritt nach vorne, ohne den Blick von den Wölfen zu nehmen, schüttelte den Kopf langsam von einer Seite zur anderen, doch schien ihr das beim Verstehen nicht zu helfen.
„Jacob? Sam?"
Die beiden Männer starrten genauso überrascht zurück. Verwirrt, als trauten sie ihren Augen nicht. Waren das ihre Namen? Der Jüngere der Beiden schien besonders getroffen vom Anblick meiner Mutter. Er musterte sie von Kopf bis Fuß, sein Adamsapfel hüpfte vom heftigen Schlucken. Er sah aus, als wäre er von einem Bus überfahren worden. Als wäre die Welt plötzlich aus den Angeln gehoben worden.
Jacob… der Name löste etwas in mir aus, das sich nicht genau erfassen ließ, wie eine verschüttete Erinnerung, die immer noch unter der Oberfläche Wellen schlug. Ich hatte diesen Namen schon einmal gehört …
Der Blick, den er meiner Mutter zuwarf, war ein anderer als den, den er mir zuvor geschenkt hatte – als er vor mir gekauert hatte und seine Augen mich fest gehalten hatten und wir uns so nahe gewesen waren, dass ich sein kräftiges Herz beinahe in meinen Händen hatte spüren können – aber mindestens genauso intensiv … und mit einer alten Vertrautheit verbunden, die bei mir einen schalen Geschmack hinterließ. Auch wenn ich keine zufrieden stellende Erklärung für meine Reaktion hatte … oder warum mich diese Frage mehr zu beschäftigen schien als die anhaltende Brisanz der Situation um mich herum … so konnte ich nicht verleugnen, dass es mir etwas ausmachte, dass der Werwolf meiner Mutter plötzlich so starke Aufmerksamkeit schenkte. Vielleicht war es nur Paranoia…
„Bella? Bist – du..." Jacobs Stimme erstickte unter dem Strudel der Emotionen, die über ihn hinwegrollten – Schock, Verwunderung, Freude. Der Hauch eines Lächelns strich über seine Lippen, bis die Wut zurückkehrte. Unendlich viel Wut. „Du bist … ein Vampir", stellte er leidvoll fest. Sein Blick wanderte zu meinem Vater, wurde düster und herausfordernd. Seine Nasenlöcher blähten sich, während seine Selbstbeherrschung Stück für Stück vaporisierte. Der ältere Wolf musste ihn zurückhalten, damit er nichts Falsches tat.
„Und du noch immer ein Werwolf", erwiderte meine Mutter staunend. Ich sah verwundert von den Wölfen zu meinen Eltern und wieder zurück.
In all der Hektik hatte ich kaum Zeit darüber zu sinnieren, woher meine Eltern die Werwölfe kannten. Im Grunde konnte es nur eine Erklärung geben – es mussten die Wölfe aus La Push sein. Die Wolfskrieger der Quileute. Die Helden meiner Kindheit. Es gab keine andere Erklärung, warum meine Eltern sie sonst kennen sollten. Keine andere mögliche Verbindung … meine Welt begann sich zu drehen.
Das alles konnte doch unmöglich Zufall sein … dass wir gerade sie trafen. Gerade hier…
Für einen Augenblick herrschte Stille, unheimlich und erdrückend, während Erkenntnisse sackten und die Zeit den Atem anhielt. Alle schienen darauf zu warten, was als Nächstes geschehen würde. Angespannte Blicke wurden ausgetauscht. Spannung züngelte in der Luft. Ich spürte ein warmes Kribbeln im Nacken, wie man es tat, wenn man sich beobachtet fühlte. Ich sah mich um und begegnete Markus' Blick. Der unscheinbare Volturi hielt sich bewusst im Hintergrund, ungerührt, wie ein ruhender Pol in rauer See. Er begnügte sich mit der Rolle des stillen Beobachters. Während alle anderen über mich hinwegblickten, auf die Werwölfe fixiert waren, sah er nur mich an, voller Gleichgültigkeit und doch schien dahinter etwas anderes zu stecken. Was auch immer es war, der Zeitpunkt schien mir reichlich unpassend nachzuhaken … ich versuchte mich auf die Dinge vor mir zu konzentrieren.
Aro grollte in Richtung der Wölfe. „Ich fürchte, es ist eine Züchtigung erforderlich." Wie aufs Kommando griffen einige der Soldaten unter ihre Mäntel, holten so etwas wie Schlagstöcke und Peitschen hervor. Vereinzelt sogar Elektroschocker – wozu brauchten Vampire Elektroschocker?
Züchtigung? Mein träger Verstand wiederholte das Wort immer wieder, tastete seine spitzen Kanten ab, bis es endlich einen Sinn ergab. Viel langsamer als mir lieb war. Meinte er etwa … Folter? Ich riss mich von meinen Eltern los, bevor sie mich halten konnten, trat zwischen Aro und die Wölfe mit erhobenen Händen und dem drängenden irrationalen Bedürfnis, sie vor dem Zorn der Vampire abzuschirmen … zu schützen…
„Nein, bitte nicht, es war nicht ihre Schuld. Es war ein Unfall", flehte ich Aro an und die Verzweiflung in meiner Stimme musste ich nicht einmal spielen. „Es war meine eigene Schuld. Ich bin neugierig und unvorsichtig gewesen und…" Mein Blick huschte zu meinen Eltern, als ich erwog, Jane bloß zu stellen. Doch was würde das bringen? Wie würden meine Eltern reagieren? Und Aro? Würde er Jane in Schutz nehmen und sich zu einem Kampf genötigt fühlen? Dann würde es Tote geben…
„Ich bin gefallen."
Ich biss mir auf die Zunge, um nicht mehr zu sagen. Mein Vater musste die Wahrheit in meinen Gedanken gesehen haben, doch ich flehte ihn inständig mit den Augen an, nichts zu verraten und nichts Unüberlegtes zu tun. Er presste die Lippen zusammen und gewährte meinen Wunsch mit großer Mühe. Vorrest…
Aro legte den Kopf schief, studierte mein Gesicht auffällig genau, als suchte er nach etwas. Irgendeinen Hinweis darauf, warum ich mich so für die Wölfe einsetzte. „Du hast eine Schwäche für meine Wölfe." Es war eine Feststellung, keine Frage. Ich wusste nicht genau, was er mit „Schwäche" meinte – ich wollte einfach nicht, dass Unschuldige verletzt wurden. „Aber Kind, das sind gefährliche Tiere, keine Schosshunde. Sie müssen für ihren Ungehorsam bestraft werden."
„Aber sie haben nichts getan", beharrte ich, sah Hilfe suchend zu meinen Eltern. Meine Mutter wirkte verunsichert, schien etwas sagen zu wollen. Vaters Lippen waren weiterhin fest zusammengepresst und er wich meinem Blick aus, und auf einmal fröstelte es mich vor der gewohnten Berührung ihrer kalten Hände.
„Und was ist mit deinem Arm?" Aro deutete auf meine blutverschmierte Seite. Das getrocknete Blut juckte unter dem Verband. „Das sind eindeutig Werwolfspuren. Einer von ihnen hat dich verletzt. Ich würde gerne Milde walten lassen, aber ich fürchte, unter diesen Umständen ist es mir unmöglich. Sag mir, wer es gewesen ist."
Nein! Alles in mir sträubte sich dagegen, den Namen Preiszugeben. Selbst wenn ich gewollte hätte, schien es mir beinahe körperlich unmöglich die Lippen zu bewegen. Ich wollte nicht, dass Jacob verletzt wurde … verlor ich jetzt endgültig den Verstand? Ich sollte mich lieber um meine eigene Familie sorgen, anstatt um irgendeinen Fremden. Auch noch einen Werwolf!
„Wer war es, Renesmee!" drängte Aro energisch, ungeduldig, starrte mich nieder. Er wollte diese Antwort so sehr, wie ich sie ihm nicht geben wollte. Nicht geben konnte. „Wenn du mir den Schuldigen nicht nennst, werden sie alle bestraft."
Ich starrte zu Boden, blieb trotzig. Schwieg.
Was sollte ich nur tun?
„Ich war es."
Ich wirbelte herum und starrte Jacob fassungslos an. Wieso hatte er das getan? Wieso lieferte er sich selbst ans Messer? Hatte er nicht begriffen, was das für ihn bedeutete? Was Aro gedroht hatte, mit ihm zu machen?
Jacob sah mich demonstrativ nicht an, konzentrierte sich auf Aro. Ich wandte mich schnell wieder an den Obervampir. „Aber es ist wirklich ein Unfall gewesen. Es war keine Absicht", beteuerte ich.
Das war natürlich eine Lüge – natürlich hatte Jacob mich verletzen wollen, sogar töten… aber er hatte es nicht getan und im Nachhinein konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass er es tatsächlich getan hätte. Es war einfach dieses Gefühl, das mir sagte, ihm vertrauen zu können. Dass er kein Fremder war, auch wenn ich ihm nie zuvor begegnet war.
Aros Blick verfinsterte sich. „Ich denke, ihr solltet jetzt in eure Gemächer zurückkehren", sagte er und wies ein paar Soldaten an, uns zu begleiten – um sicherzustellen, dass wir auch wirklich gingen.
Meine Eltern griffen mir unter die Arme und trugen mich praktisch davon, umschlossen von den Volturi-Wächtern wie ein Vogel im Käfig. „Was? Wir können doch nicht einfach…" Ich versuchte mich zu wehren, doch gegen ihren eisernen Griff konnte ich nichts ausrichten.
„Edward", wisperte Mutter. „Es ist Jacob."
„Ich weiß", knurrte er, „aber wir können nichts für ihn tun. Außerdem hat er Renesmee in der Tat verletzt … alles, was ihm jetzt bevorsteht, hat er verdient."
„Er hat nicht verdient, gefoltert zu werden!"
„Er wird es überleben. Aro hat kein Interesse an seinem Tod. Lebend ist er wertvoller." Ich war geschockt von der Herzlosigkeit in Vaters Verhalten, der Rohheit seiner Worte. Ich erkannte ihn fast nicht wieder. Diese Gefühlskälte. So hatte ich ihn noch nie reden hören. Ich verstand nicht, wieso er mit solcher Abneigung auf die Werwölfe reagierte – besser gesagt auf einen der Wölfe – ob es wirklich nur daran lag, dass Jacob mich verletzt hatte … oder steckte noch etwas anderes dahinter…
Ich schaute noch einmal zurück, während ich gegen meinen Willen davon geschleift wurde. Die dunklen Augen des jungen Werwolfs folgten uns mit bekümmernder Miene. Flüchtig trafen unsere Blicke sich, doch viel zu schnell war es wieder vorbei. Die Reihen der Volturi mit den Stöcken und Peitschen schlossen sich um ihn, bis ich nur noch eine Wand aus dunklen Gewändern sehen konnte. Jacob war verschwunden und ich wurde von der beklemmenden Erkenntnis getroffen, dass ich ihn vielleicht nicht wieder sehen würde…
A/N: Das war's schon wieder. Ich hoffe, es hat euch gefallen und dass ich es geschafft habe, die erst Begegnung der Beiden emotional packend zu beschreiben. Ich fand es wichtig, den Augenblick der Prägung möglichst ausführlich darzustellen, aber ich wollte auch nicht zu sehr abschweifen. Nessie weiß zwar noch nichts von ihrer Verbindung zu Jacob, was aber nicht bedeutet, dass sie sie nicht bereits spürt. Für mich war die Prägung nie eine eingleisige Geschichte.
Songs zum Kapitel:
„My confession"von Rie Sinclair & Friends (für den Moment der Prägung) und "Down in a rabbit hole" von Bright Eyes
(* von mir übersetzt) Jack London hat die Bücher „Ruf der Wildnis" und „Wolfsblut" geschrieben, die als Analogie zu Jacob ziemlich gut passen.
Zum Schluss noch ein kleiner Ausschnitt der Lyrics von „My confession" (habe leider keine Preview), weil das Lied so wunderschön ist und der Text so wahnsinnig gut passt; wenn ihr könnt, solltet ihr euch das Lied unbedingt mal anhören:
Born to live Born to dive
Into this You and I
We belong
Ooh... this is my confession
I try to quit but i'm aching all tangled in you
Ooh... more than a soul connection
I am caught and under your spell
Bis zum nächsten Mal ;)
