A/N: Endlich das neue Kapitel fertig! Ich hoffe, es ist nicht nur ein "Füll"-Kapitel. Eine kleine Warnung zuvor: Edward kommt in diesem Kapitel ziemlich schlecht weg, ich hatte nicht vor ihn so kaltherzig zu schreiben, ist irgendwie passiert, aber behaltet bitte im Hinterkopf, dass selbst Edward nicht perfekt ist und er im Grunde nur das Beste für Nessie will. Er wird sich wieder bessern. Versprochen.

Kapitel 8: Von Wölfen und Lämmern

Wir wurden von Heidi und weiteren Wachen zurück zu unserer Suite im oberirdischen Teil der Festung zugebracht. Auf dem Weg wurde kein Wort gesprochen. Nicht dass ich meinen Eltern irgendetwas zusagen gehabt hätte – außer ihnen jede Menge Vorwürfe zu machen.

In meinem Kopf drehten sich die Bilder der nächtlichen Ereignisse im Kreis. Ich sah immer wieder das Gesicht des jungen Werwolfs, Jacob vor mir - den hilflosen Ausdruck in seinen dunklen Augen, als ich mich immer weiter von ihm entfernte, während die Volturi sich darauf vorbereiteten, ihm wehzutun … Ich mochte mir nicht vorstellen, was er gerade durchmachen musste, was sie ihm antun würden mit ihren Peitschen und Messern und übrigen Folterinstrumenten … ich hoffte, dass er stark genug war, die Pein zu überstehen.

Werwölfe besaßen immense Selbstheilungskräfte, sie konnten fast alles überleben. Mutter hatte mir davon erzählt, dass sie in La Push von den höchsten Felsen ins Meer sprangen - Klippenspringen nannten sie das - es war ein Hobby und eine Mutprobe des Rudels, und die schnell verblassenden Blessuren von ihren waghalsigen Sprüngen trugen sie stolz wie Orden zur Schau. Aber das hier fiel in eine ganz andere Kategorie. Es war kein Spaß, es war blutiger Ernst... und es gab Wunden, die konnten nie wieder heilen...

Als ich die Suite betrat mit den viel zu teuren Möbeln und den aufdringlichen Blumengestecken, die den Anschein einer perfekten, heilen Welt erwecken sollten, überkam es mich heiß und kalt. Ein Wechselbad der Gefühle spülte mich zu neuen Ufern mit der Gewissheit, dass ich nicht eher zur Ruhe kommen würde, bis ich ein paar Antworten bekommen hatte.

Kaum dass die Tür der Suite wieder ins Schloss fiel, begann ich meine Eltern mit Fragen zu löchern. Zu viele Ungereimtheiten schwirrten mir im Kopf herum, zu viele Lücken und Fragezeichen, die mich quälten. Wo waren sie so lange gewesen? Wieso waren die Werwölfe in Volterra? Wieso dienten sie den Volturi? Und vor allem, in welcher Verbindung standen sie genau zu meiner Familie?

Ich fürchtete, mein Schädel würde explodieren, wenn ich nicht bald ein paar Antworten erhalten würde. Ich schaute meinen Eltern direkt ins Gesicht.

Ich war noch nie so wütend gewesen. So enttäuscht von meiner Familie. Ich kannte dieses Gefühl nicht. Es war so fremdartig wie der Besuch auf einem orientalischen Basar, wenn man nur den Shoppingkanal gewohnt war. Laut und aufdringlich und einfach nicht mehr zurückzudrängen. Der Zorn ballte sich zu einem schwelenden Klumpen in meinem Inneren zusammen, sank immer tiefer in mein Bewusstsein und machte mir deutlich, wie verklärt meine Welt bisher gewesen war.

Wie konnten sie nur? Wie konnte sie diese Ungerechtigkeit zulassen?

Ich bemühte mich, meine Gedanken zu zähmen, doch wie wilde Pferde zerrten sie mich in die Richtung eines ausgewachsenen Wutanfalls, auch wenn ich aus jenem "Alter" bereits raus gewachsen schien. Und es störte mich nicht im Geringsten. Sollte mein Vater doch all meine Entrüstung in meinen Gedanken zu spüren bekommen. Er hatte nichts anderes verdient bei seinem schäbigen Verhalten.

„Langsam, Renesmee", versuchte Vater mich zu zügeln, sein Gesicht eine bekümmerte Maske, doch er sagte nichts zu meinen unausgesprochenen Vorwürfen. Er war nicht gewohnt, dass ich wütend auf ihn war - ich war nicht gewohnt, auf ihn wütend zu sein - und es setzte uns beiden zu, auch wenn ich mich im Recht sah. „Eins nach dem anderen. Zuerst kümmern wird uns um deinen Arm."

Mutter hatte bereits eine Schale Wasser und ein Handtuch aus dem Badezimmer geholt. Wir setzten uns auf die Couch und sie entfernte den provisorischen Verband, den der andere Werwolf, Sam, mir angelegt hatte, um die Wunde säubern zu können. Mein Arm war mit getrocknetem Blut bedeckt, aber von der eigentlichen Wunde waren nur noch drei tiefe Striemen zu sehen. Meine außergewöhnliche Wundheilung hatte bereits eingesetzt. Mutters Hände waren sanft und geschickt. Auch ohne Großvaters Medizinkenntnisse wusste sie genau, was sie tun musste. Sie hatte sich schließlich als Mensch oft genug selbst verarzten müssen, um eine Expertin auf dem Gebiet zu sein.

Mein Vater sah ihr dabei zu mit dem deutlichen Verlangen im Gesicht, ihr zur Hand zu gehen, doch er hielt sich zurück. Stattdessen begnügte er sich damit mir endlich Auskunft zu geben: „Wir kenne selbst nicht alle Antworten."

„Dann gebt mir wenigstens die, die ihr habt! Fangt damit an, mir zu erklären, wo ihr so lange gewesen seid?"

„Wir sind jagen gewesen, genau wie abgesprochen, aber wir sind etwas weiter weg gegangen, damit Alice uns in ihren Visionen klar sehen konnte", erklärte Vater weiter und beobachtete mich noch immer besorgt. Mutter hatte inzwischen so viel Blut von meinem Arm gewischt, dass das ehemals strahlendweiße Handtuch tiefrot gefärbt war. Vielleicht fürchtete er, ich könnte wegen Blutarmut in Ohnmacht fallen - den Gefallen würde ich ihm sicher nicht tun, dann müsste er schließlich keine Fragen mehr beantworten.

„Wir wollten, dass sie hinter Aros Geheimnis kommt, indem sie um die blinden Flecken in ihren Visionen herum navigiert. In Volterra kann sie uns genauso wenig sehen wie die Volturi selbst … und jetzt wissen wir auch den Grund…"

„Die Werwölfe", ergänzte Mutter, tauschte einen schnellen Blick mit Vater, den ich nicht zu deuten vermochte.

„Es sind die gleichen, oder?" fragte ich neugierig. „Die Wölfe aus La Push?" Mutter nickte zögerlich. Mein Herz schlug schneller - sie waren es wirklich. Die Wölfe aus den vielen Geschichten meiner Mutter, die mich schon mein ganzes Leben begleiteten wie unsichtbare Freunde. Ich hatte mit ihnen gelacht und geweint und war mit ihnen durch die üppigen Wälder der Olympic-Halbinsel getollt. Ich hatte keine echten Freunde und hatte mich nur in meine Vorstellung flüchten können. In meinen Träumen war ich immer irgendwie Teil des Rudels gewesen, zwar selbst kein Werwolf, aber ich hatte dazu gehört...

Ich fühlte mich hin und her gerissen, denn die wenigsten Kindheitsträume, die in Erfüllung gingen, entpuppten sich als das, was man sich immer erhofft hatte. Es war die falsche Zeit und der falsche Ort mit den falschen Statisten. Was, wenn sie ganz anders waren? Ich konnte es mir nicht vorstellen, nicht nachdem ich in Jacobs Wolfsaugen geblickt hatte...

„Werden sie nur deswegen festgehalten?" wollte ich wissen. „Damit sie Alice's Visionen behindern?"

„Weniger", meinte Vater, strich sich durchs bronzefarbene Haar und ging unruhig in der Suite auf und ab. „Aro scheint nichts davon zu wissen, dass Alice sie nicht sehen kann – zumindest bis zu unserem Besuch hatte er es nicht gewusst. Er benutzt sie als Wachhunde, setzt sie zur Jagd auf Nomaden, Neugeborene und abtrünnige Soldaten ein." Vater schüttelte den Kopf. „Ich frage mich nur, wie Aro überhaupt von ihrer Existenz erfahren hat. Bisher sind wir die Einzigen gewesen, die jemals Kontakt zu ihnen gehabt und überlebt haben - und auch wir waren nur durch puren Zufall über sie gestolpert. Die wenigsten Vampire verirren sich in eine Gegend wie Forks."

„Und es erklärt auch nicht, warum sie hier bleiben", ergänzte Mutter seinen Gedankengang. „Warum sie das mit sich machen lassen. Die Volturi stehen für alles, was sie verachten. Wogegen sie kämpfen und wovor sie die Menschen eigentlich beschützen wollten. Das ist ihre Aufgabe. Es ergibt keinen Sinn, wenn sie für Vampire ihr Leben aufs Spiel setzen."

Das hatte ich mich auch schon alles gefragt - wieso verließen sie Volterra nicht? Die Volturi waren in der Überzahl und besaßen Jahrhunderte an Kampferfahrung - keine normale Armee, nicht einmal eine Vampirarmee, konnte es mit ihnen aufnehmen. Ein Kampf gegen sie wäre unter den meisten Umständen sicherlich aussichtslos, aber die Wölfe in meiner Vorstellung waren Märtyrer - sie würde lieber sterben als von ihren Feinden in die Knechtschaft gezwungen zu werden ... nicht, dass ich das gewollt hätte. Ganz im Gegenteil, ich war froh, dass ich mich in diesem Punkt vielleicht über sie geirrt hatte, aber es musste irgendeinen Grund geben, warum sie blieben...

Plötzlich hob Vater die Hand, damit wir still waren. Er starrte zur Tür, lauschte auf den Flur hinaus, in dem sich lange nichts regte. Dann hörte auch ich, wie sich jemand pfeilschnell näherte. Vater gab Entwarnung. „Es ist nur Carlisle." Kurz darauf kam Großvater schon ins Zimmer gerauscht, eine schwarze Arzttasche bei sich.

„Ich habe gehört, was geschehen ist", sagte er und war an meiner Seite, bevor ich blinzeln konnte. Ich war an die Vampirgeschwindigkeit meiner Familie gewöhnt, doch manchmal überrascht es selbst mich, wie schnell sie sein konnten. Es lag vielleicht daran, dass ich nie so eine Geschicklichkeit und Schnelligkeit würde erreichen können, was sich vor allem beim traditionellen Baseball-Spiel mit meiner Familie als Nachteil entpuppte.

Mit seinem geübten Medizinerblick untersuchte er meinen verletzten Arm, suchte nach Brüchen und Nervenschäden. Das Blut war abgewischt und drei tiefe Furchen, die bereits am Ausheilen waren, zogen sich quer über die leicht gerötete Haut. Es tat nicht mehr weh, doch bei dem Anblick und der damit verbundenen frischen Erinnerung zuckte ich zurück. Mutter überließ es Großvater, mich weiter zu verarzten. Er legte einen neuen, stramm sitzenden Verband an. „Wirklich erstaunlich, wie schnell die Wunde verheilt. Ich glaube nicht, dass der Arm bleibende Schäden tragen wird, aber da ein Werwolf dafür verantwortlich ist, könnte eine Narbe zurückbleiben."

Vater schnaubte wütend auf, ich ignorierte ihn und wandte mich Großvater zu.

„Was hat Aro von dir gewollt?" fragte ich ihn und tastete nachdenklich den neuen Verband ab.

„Ich sollte zwei Werwölfe versorgen. Sie sind auf einer Aufklärungsmission für die Volturi gewesen und gebissen worden. Ihr Zustand ist kritisch. Ich habe getan, was ich konnte, aber es sieht nicht gut aus. Das Gift in ihrem Blutkreislauf verhindert ihre Selbstheilung. Wenn ihre Körper nicht bald anfangen, die Infektion zu bekämpfen, werden sie es nicht schaffen."

Mutter zog scharf die Luft ein und fasste sich ans nicht schlagende Herz. „Carlisle … jemand den wir kennen?"

Auf ihrer weißen Bluse waren einige Spuren meines Blutes gelandet, was meinen Vater sonst zum Schmunzeln gebracht hätte. Selbst das Vampirgift konnte ihre Tollpatschigkeit nicht kurieren, pflegte er immer liebevoll zu sagen. Ich wusste, dass Mutters außergewöhnliche Verletzlichkeit als Mensch ein Grund gewesen war, warum sich mein Vater in sie verliebt hatte. Sie hatte seinen Beschützerinstinkt geweckt und das hatte sich bis heute nicht verändert. Auch wenn sie genauso unzerbrechlich war wie er, glaubte er immer noch, sie vor allem beschützen zu müssen - so wie mich auch.

Großvater schüttelte den Kopf. „Dafür sind sie zu jung. Sie haben sich wohl erst nach unserem Aufbruch aus Forks dem Rudel angeschlossen."

Ich konnte nicht ganz folgen, hing immer noch an seinen vorherigen Worten wie ein Anrufer in der Warteschleife. „Es nicht schaffen?" wiederholte ich die Worte mechanisch. Ihre volle Bedeutung wurde mir erst allmählich bewusst. „Heißt das, sie werden sterben?"

„Du weißt, wie gefährlich Vampirgift für Werwölfe ist, Renesmee", erinnerte Großvater mich voller Nachsicht und Sympathie in der Stimme. Er litt immer mit seinen Patienten mit, ob es nun Vampire, Menschen oder Wölfe waren.

Ich nickte wie betäubt. Auch wenn ich darauf vorbereitet war, die Worte waren dennoch wie ein Schlag in den Magen. Ein Knockout, bei dem einem komplett die Luft wegblieb, der einen auf die Matte schickte und nicht wieder aufstehen ließ - denn mein Verstand stellte prompt die Verbindung zu Jacob her. Er war ein Werwolf, auch er konnte durch Vampirgift sterben … und er war umringt von Vampiren. Der Gedanke, dass ihm etwas Ähnliches passieren konnte, war ungemein beängstigend, beinahe physisch schmerzhaft.

Vater sah mich komisch an, irgendwie gequält – als hätte auch er physische Schmerzen – dann stöhnte er auf, rieb sich den schlanken Nasenrücken. „Genau wie ihre Mutter", murmelte er kopfschüttelnd und sah hilflos zwischen den beiden wichtigsten Frauen in seinem Leben hin und her. „Was ist nur mit euch Swan-Frauen und eurer Schwäche für Jacob Black?"

Meine Mutter musste lächeln, auch wenn es eine sehr flüchtige Erscheinung war. Der Kommentar meines Vater stimmte mich zusätzlich nachdenklich, drängte einen anderen Punkt zurück in mein Bewusstsein, den ich bisher übersehen hatte. „Mom, wie gut kennst du Jacob Black wirklich? In deinen Geschichten bist du nie direkt darauf eingegangen."

Sie senkte den Blick, schien mir ausweichen zu wollen. Das dunkle Gold ihrer Augen war nur noch als feiner Schimmer unter den langen Wimpern zu erahnen. „Ich hätte dir nicht so viele Geschichten erzählen dürfen."

Ich sah sie verständnislos an – dafür war es jetzt ein Bisschen zu spät. „Mom, sag es mir doch einfach!" drängte ich.

Sie tauschte Blicke mit Vater aus, als wollten sie sich mit ihm absprechen, wie viel sie mir verraten sollte. Es schürte meine Verdrossenheit, denn ich wollte nicht wieder nur Scheibchenweise Informationen erhalten, ich wollte nicht mehr im Dunkeln gelassen werden und am Ende über die Wirklichkeit stolpern wie ein Blinder auf einem Hindernislauf - ich wollte die ganze Wahrheit!

„Wir sind enge Freunde gewesen. Mehr musst du nicht wissen, Schatz. Aber wir sind nicht gerade als … Freunde auseinander gegangen. Das ist alles."

Ich blieb skeptisch. Meine Mutter hatte mir so oft von den Wölfe erzählt, aber sich jedes Mal gescheut, Jacobs Namen in den Mund zunehmen, hatte ihn immer nur als den "rotbraunen Prinzen" bezeichnet, aber das mit solcher Zuneigung, dass er ihr nicht egal geworden sein konnte - das passte alles einfach nicht zusammen!

„Trotzdem müssen wir ihnen helfen!" beharrte ich sofort, entschlossen und zu allem bereit. Ich überraschte mich selbst. Wo kommt nur dieser Tatendrang her? „Auch wenn ihr euch im Streit getrennt habt, wir können sie nicht einfach Aro überlassen."

„Das werden wir aber", mischte Vater sich ein. Mutter keuchte auf, ich sah ihn schockiert an. Selbst Carlisle wirkte betrübt. Vater sah keinen von uns an, schien sich seiner eigenen Worte zu schämen, sagte sie aber dennoch: „Wir können nicht anders. Ich werde nicht das Leben meiner Familie so leichtfertig aufs Spiel setzen – ganz gleich, ob sie einmal Freunde gewesen sind. Denn das ist lange vorbei, oder habt ihr vergessen, wie sie uns praktisch aus Forks verjagt haben?"

Das war mir neu … Aus Forks verjagt? Meine Familie hatte die Stadt doch auf eigenen Entschluss verlassen - um Mutter vor Victoria zu verstecken ... was hatten die Wölfe damit zu tun?

"Alles, Renesmee", beantwortete Vater meine Gedanken. "Gib dich bitte keinen falschen Illusionen hin. Sie haben uns immer als Feinde betrachtet, ohne dass wir ihnen einen Grund dafür geliefert haben. Sie sind nicht die Helden aus deinen Märchen!"

Ich spürte meine Augen feucht werden. Vaters Worte schnitten mir ins Herz - nicht nur wegen ihrer Bedeutung, sondern auch weil sie meiner Idealvorstellung von meinem Vater, der bisher immer eine strahlende Lichtfigur in meinem Leben gewesen war, Risse verliehen. Ich wusste, dass er mir eigentlich nicht wehtun wollte, dass er nur tat, was er für das Beste hielt. Aber er verstand nicht, wie schwer es mir fiel, ihm zu glauben. Ich wollte daran festhalten, dass die Werwölfe gut waren - genauso wie meine Familie es war.

„Außerdem", fuhr er fort, wesentlich sanfter, „werden die Volturi es sowieso nicht zulassen, dass wir uns einmischen. Aro wird uns nicht mehr aus den Augen lassen, jetzt wo wir sein Geheimnis kennen – solange bis wir Volterra verlassen, was wir so schnell wie möglich tun sollten. Ich weiß, dass du das nicht verstehst, Renesmee, aber wir haben keine andere Wahl!"

Ich starrte ihn trotzig an. „Nein!" entfuhr es mir. Ich war so schnell auf den Beinen, das mir fast schwindelig wurde. „Das können wir nicht machen! Wir können sie nicht zurücklassen und so tun, als wäre nichts gewesen! Ihr habt mir immer gepredigt, wie kostbar das Leben ist. Das man es bewahren muss! Deswegen jagen wir keine Menschen. Die Wölfe sind menschlich … so wie ich … wir dürfen das nicht!" Ich sah zu Großvater und Mutter, suchte nach einem Verbündeten. Beide blieben still. Ich schäumte vor Wut. Heiße Tränen brannten in meinen Augen.

„Das ist nicht richtig und das wisst ihr auch!" Empört über ihr Verhalten rannte ich ins Nebenzimmer und knallte die Tür hinter mir zu. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich enttäuscht von meiner Familie und schämte mich ein Vampir zu sein.

Lange saß ich auf dem großen Himmelbett im Schneidersitz, das Gesicht in die Hände gestützt und starrte vor mir ins Leere, dachte nach. Die teure in Porzellan gefasste Uhr auf dem Nachttisch zählte die Minuten hinunter. Ein neuer Morgen war dabei anzubrechen. Es war mir gleich.

Mit einer Hand fingerte ich an meinem IPod herum, durchsuchte die Playlist nach einem Song, der zu meiner Gemütslage passte. Bei Razorlight blieb ich hängen, drehte den Ton so weit auf, dass ich meine Eltern nicht länger nebenan diskutieren hören konnte. Ich wollte sowie nicht wissen, worum es ging. Für den Moment hatte ich die Nase voll von ihnen.

What is love but the strangest of feelings?

Ich drückte eines der flauschigen Kissen an mich und ließ mich von den Worten davon treiben, versuchte, alles um mich auszublenden, auch wenn es mir nicht ganz gelingen wollte. Ich konnte einfach nicht vergessen..

You've been looking for someone to believe in

Ich nahm das Kissen und presste das Gesicht hinein, um den Frustschrei zu dämpfen, der schon die ganze Zeit in meiner Kehle gelauert hatte. Ich biss ins Kissen und meine Zähne rissen den zarten Stoff auf, sodass Federn durch die Luft wirbelten. Ich legte mich zurück auf die Mattratze und starrte an die Zimmerdecke. Die Erinnerungen schlugen wie hohe Wellen über mir zusammen...

Ich sah alles noch einmal vor mir - die Höhle, die Wölfe ... und Jacob Black. Der Werwolf, der mich fast getötet hätte ... ich vermochte ihn einfach nicht aus meinen Gedanken zu verdrängen. Jedes Detail von ihm hatte sich in meinem Gedächtnis fest verankert - sein Gesicht, sein Geruch, seine Stimme. Wenn wir einander unter anderen Umständen begegnet wären - als zwei ganz normale Menschen fernab von jeder übernatürlichen Skurrilität...

Love me, wherever you are

Irgendwann klopfte es an der Zimmertür. Ich reagierte zunächst nicht. Ich wollte niemanden sehen. Meine Mutter kam trotzdem herein und setzte sich zu mir aufs Bett. Ich ignorierte sie so gut ich konnte. Sie tätschelte mein Bein.

„Dein Vater und Carlisle machen einen Spaziergang, und ich habe mein Schild oben. Wir können uns also ungestört unterhalten." Ich schwieg eisern, denn mir war nicht nach Reden. Ich hatte schon alles gesagt und es hatte nichts gebracht. Also begann Mutter das Gespräch. „Ich weiß, du bist wütend und enttäuscht von deinem Vater und kannst seine Reaktion nicht verstehen…"

„Bist du etwa nicht wütend?" schoss ich zurück und richtete mich schlagartig auf, um ihr in die Augen sehen zu können. Sie sah sehr traurig aus.

„Nicht auf ihn", seufzte sie. „Sondern auf die Situation an sich. Es ist nicht seine Schuld, wie die Dinge liegen, und so sehr ich mir auch wünsche, es wäre anders ... wir können im Moment nichts tun. Es wäre zu gefährlich. Nicht nur für uns, sondern auch für die Wölfe. Wir können nur abwarten."

„Dann lassen wir sie lieber langsam sterben?" Ich sah sie vorwurfsvoll an. „Sind sie wirklich deine Freunde gewesen, denn so behandelt man sie keine Freunde, das weiß selbst ich."

„Das waren sie, Schatz, aber die Dinge liegen jetzt anders. Ich glaube nicht, dass sie mich noch als Freundin ansehen, seit ich ein Vampir geworden bin. Schon bevor wir Forks verlassen mussten, stand der Vertrag auf der Kippe."

In dem Vertrag, den meine Familie bereits vor 70 Jahren mit damaligen Rudel geschlossen hatte, ging es darum, dass sie in Forks bleiben durften, ohne etwas von den Werwölfen befürchten zu müssen, solange sie sich von dem Quileute-Territorium fern hielten und keine Menschen jagten. Als sie später das zweite Mal nach Forks kamen und wieder auf Wölfe trafen, wurde der Vertrag erneuert - dachte ich zumindest...

„Aber wie das? Sie haben doch nie einem Menschen geschadet. Das passt nicht zusammen. Mom, was hast du mir noch alles vorenthalten?"

Mutter schloss die Augen, sammelte ihre Gedanken und holte tief Luft. „Ich habe dir viele Dinge vorenthalten von denen ich dachte, du müsstest sie nicht wissen. Ich wollte dich beschützen, aber vielleicht bist du jetzt alt genug, die Wahrheit zu erfahren, warum wir Forks verlassen haben." Sie rutschte auf dem Bett herum, setzte sich neben mich.

"Victoria war nur einer der Gründe, aber ausschlaggebend war das Abkommen mit den Werwölfe. Es beinhaltete nicht nur, dass dein Vater und die anderen keine Menschen töten durften - sie durften sie gar nicht erst beißen."

Ich verstand sofort, worauf sie hinaus wollte. „Dad hätte dich nicht verwandeln können ohne die Wölfe zu provozieren", flüsterte ich. „Es hätte den Vertrag gebrochen…"

Sie nickte. „Deswegen mussten wir gehen. Den Wölfen war es egal, dass ich mich freiwillig dazu entschlossen hatte, sie machten da keinen Unterschied – für sie war ein Biss ein Biss. Nicht wieder gut zu machen. Ich wollte nicht, dass meine beiden Familien gegeneinander kämpfen würden. Meinetwegen … ich musste mich entscheiden."

Ich schaute auf meine Hände, unsicher, was ich dazu sagen sollte. Ich hatte die Wahrheit schließlich hören wollen und jetzt musste ich damit klar kommen. „Und Jacob Black?" Wieder sein Gesicht in meinem Kopf, wieder dieses beinahe wie Sehnsucht anklingende, neue Gefühl, das die kleinste Erinnerung an ihn auslöste. Ich wollte es als bloße Neugier abtun, doch dann hätte ich mir nur selbst etwas vorgemacht. Es war mehr...

Mutter studierte mich prüfend. „Wieso willst du soviel über ihn wissen?"

Ich zuckte die Schultern, versuchte gleichgültig zu wirken. „Man trifft eben nicht jeden Tag den Held seiner Kindheit." Ich verstand die Bindung nicht, die ich zu Jacob im Bruchteil einer Sekunde aufgebaut hatte, warum mich sein Schicksal so berührte, wo ich ihn doch gar nicht richtig kannte, kein Wort mit ihm gewechselt hatte. Aber ich musste herausfinden, was dahinter steckte...

Mutter gab sich meiner Beharrlichkeit geschlagen und erzählte weiter.

„Jacob ist kompliziert. Er hat es als Verrat angesehen, dass ich mich für deinen Vater und ein Leben als Vampir entschieden habe. Mir fiel es immer so schwer über ihn zu sprechen, weil ich dann immer daran erinnert wurde, was ich zurücklassen musste. Er ist ein Kapitel in meinem Leben, mit dem ich nie richtig anschließen konnte. Die Verkörperung eines anderes Lebens, verlockend einfach aber trügerisch zugleich. Jacob ist mein bester Freund gewesen. Als dein Vater mich verlassen hat, ist er für mich da gewesen. Er hat mich davor bewahrt, mich selbst aufzugeben, hat mich wieder aufgebaut. Dein Vater hatte eine Lücke in meinem Selbst hinterlassen, dass Jacob zu füllen versuchte - als mein Kamerad, mein Bruder, mein..." Sie brach unerwartet ab und setzte von Neuem an ohne zu sagen, was sie noch hatte sagen wollen.

„Ich habe ihn immer als meinen persönlichen Sonnenschein gesehen, weil er mit seinem Charme und Witz jeden Raum zum Leuchten bringen konnte…" Sie machte erneut eine Pause und lächelte in sich, als sie in ihren Erinnerungen schwelgte. Zu gerne hätte ich in ihren Kopf geschaut. „Doch als er zum Werwolf wurde und dein Vater zurück in mein Leben kehrte, konnte ich nicht länger mit ihm befreundet sein, so sehr ich es auch versuchte. Ich liebte Edward, Jacob verstand das nicht. Er ließ mir keine andere Wahl, als mich gegen ihn zu entscheiden … ihn aufzugeben war unglaublich schmerzhaft. Ich tat das Einzige, was mir fair erschien – ich ging und ließ so ihn gehen…"

Als sie fertig mit ihrer Geschichte war, schwiegen wir beide. Wir hatten über die Jahre ein paar dieser Mutter/Tochter-Gespräche geführt, auch wenn keine von uns besonders gut darin war. Je älter ich wurde, desto weniger wollte ich meine Gefühle mitteilen. Wie jeder Teenager begann ich meine Privatsphäre zu schätzen. Meine Eltern kamen unterschiedlich gut damit klar, vor allem für meinen Vater war diese Abkapselung ein schwerer Prozess – ich wurde zu schnell erwachsen, aber was blieb mir anderes übrig? Ich war kein unsterbliches Kind, ich konnte nicht ewig ihr kleines Mädchen bleiben. Ich konnte ihnen nicht einmal 18 Jahre geben, um erwachsen zu werden.

„Jacob hat sich in einigen Dingen geirrt, besonders die, die deinen Vater betrafen", sagte Mutter. „Er hat es nie verstanden und er wollte es auch nicht … er dachte, ich würde mein Leben wegwerfen, um mit deinem Vater zusammen zu sein."

„Hast du das nicht?"

„Ich kann nicht sagen, dass ich nicht viel aufgeben musste, aber ich habe mein Leben nicht aufgegeben. Es hat sich verändert, ja, aber das tut das Leben immer. Das ist nichts Schlechtes. Die Raupe muss auch irgendwann zum Schmetterling werden, um zu überleben. Denn darum ging es im Endeffekt. Als Mensch war ich die totale Katastrophe – es verging nicht ein Tag, an ich mich nicht irgendwie verletzt habe. Ich hätte beinahe nicht einmal die ersten Wochen in Forks überlebt, wäre dein Vater nicht zur Stelle gewesen – nicht weil irgendwelche übernatürlichen Monster mich töten wollten, sondern weil mich ein sturznormaler Wagen überfahren hätte. Hätte ich diese Entscheidung nicht getroffen, hätte ich mich für ein menschliches Dasein entschieden, ich wäre sicher nicht besonders alt geworden. Ob nun das Schicksal dafür verantwortlich gewesen wäre oder meine eigene Dummheit. Ich habe mein Leben gewählt, weil dies das Leben ist, das ich wollte. Mit deinem Vater und mit dir."

„Aber es ist nicht richtig, dass Jacob hier sein und leiden muss, Mom, egal, wie falsch er damals lag", beharrte ich. „Er sollte nicht in einem Käfig eingesperrt sein wie Aros Schosshund und gequält werden. Willst du nicht wenigstens wissen, wie es soweit kommen konnte?"

„Natürlich will ich das, aber sie würden nicht mit mir reden. Für sie bin ich jetzt der Feind."

„Mit mir würden sie reden", meinte ich vorsichtig. „Wenn Aro mich zu ihnen lässt…"

„Wir werden dich nicht alleine-" setzte Mutter an, doch ich ließ sie nicht viel weiter kommen. Im Grunde hatte ich meinen Entschluss bereits getroffen, ob es meinen Eltern gefallen würde oder nicht. Ich würde mich nicht davon abbringen lassen, da konnte ich genauso dickköpfig sein wie sie. „Sie werden mir nichts tun. Das weiß ich! Mommy, bitte!"

Meine Mutter schwankte. „Aro wird es nicht erlauben..."

„Ich glaube, ich kann ihn überreden. Aber ich brauche deine Hilfe bei Dad. Er wird es nicht verstehen." Ich sah sie aus großen Augen an, setzte meinen flehensten "Hundeblick" auf, dem normalerweise niemand in meiner Familie widerstehen konnte - es hatte meine Großmutter schon ihr bestes Silberbesteck gekostet.

Mutter sah mich lange nachdenklich an; ihr schien erst jetzt richtig klar zu werden, wie groß ich inzwischen geworden war. Im Spiegel an der Wand sahen wir mehr aus wie Schwestern als wie Mutter und Tochter.

Sie zupfte mir eine einzelne, weiße Feder aus dem Haar, die sich dorthin verirrt hatte. „Deinem Vater wird das nicht gefallen." Sie herzte mich und küsste mich auf die Stirn und ich wusste, ich konnte auf sie zählen. Jetzt musste ich nur noch Aro überzeugen...

Mit schlotternden Knien machte ich mich auf den Weg zu meiner Audienz bei Aro. Alec hatte den Mittelsmann gespielt und das Treffen noch für denselben Tag vereinbart. Meine Mutter war von meinem Vorhaben, ihn dazu zu überreden mich mit den Werwölfen sprechen zu lassen, immer noch nicht begeistert. Ihre innerliche Zerrissenheit war ihr deutlich anzumerken. Sie sorgte sich genau sehr um die Wölfe wie um ihre Familie und sie wollte genauso dringend erfahren, was hier eigentlich vor sich ging wie ich. Sie sah die Werwölfe immer noch als ihre Freunde an, und wenn es einen Weg gab, ihnen zu helfen, dann war es einen Versuch wert.

Kaum dass mein Vater mit Großvater von ihrem „Spaziergang" zurückgekehrt war, lockte meine Mutter ihn auch schon wieder hinaus unter dem Vorwand, dass sie sich mit ihm ungestört unterhalten wollte. Ich wusste, sie hielt ihr Schild aufrecht, um meine Gedanken vor Vater zu verbergen. Vater kam das reichlich merkwürdig vor, da meine Gedanken für gewöhnlich ein offenes Buch für ihn waren – auch wenn Mutter ihm weiß machen wollte, dass ich einfach nur so wütend auf ihn war, dass ich ihn nicht in meinen Gedanken haben wollte. Der Schmerz war in seinen goldenen Augen ersichtlich, und mir tat es ebenso weh, meinen Vater so vor den Kopf zu stoßen. Aber hätte er gewusst, was ich vorhatte, er hätte es nie zugelassen.

Allmählich begann ich auch die Privatsphäre in meinem Kopf zu schätzen; die Möglichkeit, Pläne zu schmieden und eigene Entscheidungen zu treffen ohne, dass sich gleich jemand einmischen musste oder dass jemand schon im Voraus wusste, was ich tun würde. Vielleicht war es die rebellische Phase, die gerade bei mir einsetzte, aber es war ein machtvolles und irgendwie reizvolles Gefühl, nicht mehr ganz so berechenbar zu sein.

Alec geleitete mich in den Thornsaal, der immer noch eine einschüchternde Wirkung auf mich hatte. Es fühlte sich an, als würde man einen Gerichtssaal betreten und die Geschworenen hätten sich bereits ihr Urteil gebildet. Der Marmor strahlte dieselbe Kälte und Zeitlosigkeit aus wie in einem Mausoleum. Ein steinernes Grab. Wieder fiel mir der gemeißelte Schriftzug ins Auge.

Niemand entkommt dem Gesetz.

Aro war mehr als überrascht gewesen, als Alec meine Bitte um ein Gespräch übermittelt hatte, doch wie er mir unverzüglich deutlich machte, freute er sich sehr und nahm sich extra Zeit für mich. Ich sollte also dankbar sein...

Er saß in bequemer Pose mit übereinander geschlagenen Beinen auf seinem Stuhl und unterhielt sich gerade mit einer dürren Vampirfrau, umringt von einer ganzen Schar Dienstboten, überwiegend Vampire. Bei der Vampirin musste es sich um seine Gefährtin Sulpicia handeln, so vertraut er ihre Hand tätschelte. Es sah beinahe liebvoll aus, doch die Vorstellung, Aro wäre zu Gefühlen wie Zärtlichkeit oder gar Liebe fähig, war unvereinbar in meinem Kopf. Genauso wenig konnte ich nachvollziehen, dass sich eine Frau wie Sulpicia - oder irgendeine Frau überhaupt – zu Aro hingezogen fühlen konnte. Vielleicht war es eine Zweckehe oder ein Machtspiel, aber keinesfalls konnte es Ähnlichkeit mit dem haben, was meine Eltern miteinander teiltern.

Aro lächelte mich zur Begrüßung an und winkte mich näher. Sulpicia warf mir einen kalkulierenden Blick zu. Als Vampir war sie natürlich mit außergewöhnlicher Schönheit gesegnet, doch vom Typ her war sie ganz anders als meine Mutter oder meine Tanten, die so sehr versuchten, sich an ihre verlorene Menschlichkeit zu erinnern. Sulpicia war eine Statur aus Eis. Ihre Haut war weißer als frisch gefallener Schnee, ihre Haare so farblos und filigran wie Spinnenweben. Sie trug schwarzen Lippenstift auf den dünnen Lippen. Ihre Erscheinung war so blendend und unerbittlich hart, dass man sich leicht an ihr schneiden konnte.

Wie die Schneekönigin, die alles Leben um sich herum erstarren ließ.

Auf Aros Anweisung hin zog sie sich mit ihrem Gefolge sehr schnell und sehr schweigsam zurück - das Tagesgeschäft ging sie anscheinend nichts an. Markus lungerte auf dem Stuhl zur Aros Linken, so apathisch wie eh und je, Caius' Platz war verweist. Schon in der Nacht war mir seine Abwesenheit aufgefallen. Ich hatte angenommen, es hätte daran gelegen, dass er sich immer noch vor den Werwölfen fürchtete und ihnen lieber aus dem Weg ging, aber vielleicht war er gar nicht mehr in Volterra. Hin und wieder begleiteten die Oberhäupter, zumindest Caius, ihre Truppen bei ihren „Strafexpeditionen", um der Langeweile am Hof zu entgehen.

Mir war das nur Recht. Caius war der Misstrauiste der drei Anführer – ihn von meiner Bitte zu überzeugen wäre wesentlich schwieriger gewesen, so musste ich mich nur mit Aro beschäftigen. Markus konnte ich vernachlässig, da er sich sowieso für nichts und niemanden wirklich interessierte, auch wenn mich sein merkwürdiger Blick, als er mich mit den Wölfen zusammen gesehen hatte, immer noch verfolgte.

Ich trat in die Mitte des Saals, blieb im gebührenden Abstand zu den Vampiren stehen und verbeugte mich. Alec hielt sich in meiner Nähe auf. Er hatte versprochen mich zu unterstützen und ein gutes Wort bei Aro einzulegen falls nötig, auch wenn er nicht nachvollziehen konnte, warum ich unbedingt wieder zu den Wölfen wollte. Ich hatte ihm verschwiegen, dass es darum ging, nach einer Möglichkeit zu suchen, den Wölfen zu helfen – genauso wie ihm verschwiegen hatte, dass es seine Schwester Jane gewesen war, die mich in eine Falle gelockt hatte. So sehr ich Alec auch mochte, seine Loyalität zu Aro war zweifelsohne stärker als unsere fragile Freundschaft.

Ich hoffte, meine wahren Absichten auch vor Aro geheim halten zu können. Ich hoffte, ihn mit Worten überzeugen zu können – mit Ausflüchten und Schmeicheleien. Bestand er jedoch darauf, meine Erinnerungen zu lesen, hätte das alles zunichte gemacht. Ich musste mich also vorsehen und durfte mich nicht von meiner Furcht ablenken lassen. Denn fürchten tat ich mich immer noch in Aros Nähe und ich glaubte auch nicht daran, dass sich das noch einmal ändern würde. Nicht in diesem Leben.

„Was kann ich für dich tun, teuerste Renesmee?" fragte der Vampir.

Ich war nervös, wusste nicht genau, wie ich mein Anliegen formulieren sollte. Ich hatte das Bedürfnis, nach meinen Eltern Ausschau zu halten, mich von ihnen leiten zu lassen, doch sie war nicht da. Ich stand alleine vor Aro. Zum ersten Mal in meinem kurzen Leben war ich auf mich gestellt ohne das gewohnte Auffangnetz meiner Familie. Ich hatte es so gewollt. Ich hatte Mutter versichert, dass ich soweit war, dass ich kein Kind mehr war und Verantwortung tragen konnte. Jetzt lag es an mir, dies auch zu beweisen.

Ich ließ mir einen Moment Zeit, um meine Worte im Kopf sorgfältig vorzuformulieren, um beim Sprechen nicht ins Stottern zu geraten. Ich wollte Selbstvertrauen ausstrahlen, emotionale Reife. Ich wollte, dass Aro mich ernst nahm. Er wartete, nicht ungeduldig, nur amüsiert.

Ich hob den Blick und sprach gerade heraus: „Ich habe eine Bitte, Aro."

Der Vampir beugte sich in seinem Stuhl interessiert vor. „Bitte, fahr nur fort, Kind."

Ich holte noch einmal Luft und stand nun kerzengerade vor ihm wie jemand, der wirklich etwas zu sagen hatte. Jemand, dem er zuhören musste.

„Ich würde gerne wieder runter in den Kerker gehen und mit den Wölfen sprechen. Ich würde gerne Großvater begleiten, wenn er nach den beiden Verletzten sieht."

Aro hob überrascht die feinen, schwarzen Augenbrauen. „Tatsächlich? Ich hatte angenommen, deine Familie und du würdet unverzüglich abreisen wollen, nachdem, was in der Nacht geschehen ist. Auch wenn ich eure Abreise bedauern würde, so könnte ich es doch nur allzu gut verstehen. Dieses ärgerliche Missverständnis." Er schüttelte den Kopf und seufzte tief, um sein Bedauern zu untermauern. Er sah mich an und neigte den Kopf zur Seite. „Warum das plötzliche Interesse an meinen Wölfen, junge Dame? Ich nehme nicht an, dass du vorher schon einmal in Kontakt mit Werwölfen gekommen bist, auch wenn deine Eltern es gewesen zu sein scheinen."

Meine Wölfe. Wut überkam mich wie ein Gewittersturm aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung, unaufhaltsam. Lief so heiß und heftig meinen Rücken entlang, dass ich das Gefühl hatte, mein Körper würde in Flammen stehen. Meine Wölfe. Wie konnte er es wagen?

Ich schluckte den Groll, den seine Worte bei mir ausgelöst hatten, widerwillig hinunter wie eine bittere Frucht. Ich wollte ihm sagen, dass sie nicht seine Wölfe waren. Wollte ihm ins Gesicht schreien, dass er sie gehen lassen sollte. Wollte ihm all das antun, was er Jacob angetan hatte…

Und was dann?

Dann würde mich Aro nie zu den Wölfen lassen, würde meine Bitte entrüstet abschmettern und mich mit meiner Familie für immer aus Volterra jagen. Ich würde nie die Wahrheit erfahren, würde nicht nachsehen können, ob es Jacob gut ging … ich würde ihm nicht helfen können…

„Ich bin einfach fasziniert von ihnen", umschiffte ich die Wahrheit so gut es nur ging. „Meine Mutter hat mir immer Geschichten über sie erzählt, seit ich denken konnte, doch hätte nie geglaubt, ihnen einmal wahrhaftig zu begegnen … das ist eine einmalige Gelegenheit, sie gefahrlos studieren zu können … Sie sind anders, so wie ich … Halbwesen … und wir haben viele Gemeinsamkeiten – erhöhte Körpertemperatur, schnelles Wachstum und Selbstheilung. Vielleicht habe ich noch mehr mit ihnen gemeinsam. Vielleicht kann ich mich auch mit etwas Übung in einen Wolf verwandeln", scherzte ich halbherzig.

Aro lachte über meinen Scherz, schien aber von der Idee, dass ich auch die Fähigkeit zur Transformation besitzen könnte, sichtlich angetan. Ein Vampir, der sich in einen Werwolf verwandeln konnte, musste für ihn ein Geschenk der Götter darstellen.

Aros lange Finger bildeten ein spitzes Dreieck, während er den Blick nach oben richtete und lange über meine Worte nachdachte. „Eine wissenschaftliche Faszination für das Andersartige – da haben auch wir noch etwas gemeinsam", betonte er, und ich lächelte ihn an, denn ich war mir sicher, das war die Reaktion, die er sich wünschte. Jetzt hatte ich also schon zwei Dinge mit ihm gemeinsam – meine Fähigkeit und meine Neugier. Ich fühlte mich plötzlich schmutzig und hätte mir am Liebsten die Haut vom Fleisch gekratzt.

„Und deine Eltern sind damit einverstanden, dass du die Wölfe besuchst? Ich möchte sie nicht verärgern, indem ich deinem Wunsch entspreche."

„Meine Mutter weiß Bescheid, und mein Vater … wird sich nicht einmischen. Ich bin alt genug, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen und notfalls die Konsequenzen zu tragen."

„In der Tat, das bist du", stimmte Aro mir zu. Er wirkte tatsächlich etwas beeindruckt.

In diesem Moment begann Markus sich zu regen, den ich schon fast vergessen hatte. Er streckte wortlos Aro die Hand entgegen und der andere Vampir ergriff sie. Aro lauschte einen Moment in Markus hinein. Sein Blick veränderte sich, als er mich nun ansah. Als würde sich ihm eine völlig neue Perspektive eröffnen. Ich fragte mich, was Markus ihm plötzlich zu zeigen hatte. Ich hätte wetten können, dass es etwas mit der vergangenen Nacht zutun hatte. Markus war ein Beobachter, ihm fielen Dinge auf, die allen anderen verborgen blieben…

„Das ist wirklich interessant. Und du bist dir absolut sicher?" fragte Aro seinen Bruder.

„Das siehst du doch selbst", antwortete Markus gelangweilt.

„Was für ein unglaublicher Zufall. Ich frage mich, ob sie sich dessen schon bewusst ist… ob sie irgendetwas gemerkt hat…" Aro sah mir direkt in die Augen. Ein freudiges Lächeln, als hätte er eine unerwartet gute Nachricht erhalten, jagte über seine schmalen Lippen und er kicherte vor Vergnügen. „Oh, ich bin neugierig, wie sich das alles noch entwickeln wird. Also gut, Renesmee, ich gewähre dir Zutritt zum Kerker, aber als Gegenleistung musst du auch etwas für mich tun, junge Cullen." Es wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein, wenn es nicht irgendeinen Haken gegeben hätte...

„Und das wäre?"

Aro deutete mit einem Nicken hinter mich, wo Alec stand. Er hatte sich die ganze Zeit nicht vom Fleck gerührt. „Ich habe gehört, dass Alec dir angeboten hat, dir dabei zu helfen, deine Gabe zu trainieren. Ich möchte, dass du sein Angebot annimmst und dein ungenutztes Potential auszuschöpfen lernst. Es wäre so eine Verschwendung, wenn du es nicht tätest."

Fast hätte ich losgelacht. Blieb mir denn eine andere Wahl?

AN: Ich weiß ich weiß, leider kein Jacob in diesem Kapitel, aber dafür kommt er im nächsten wieder vor.

Songs: Razorlight „Wire to wire", Massive Attack "Atlas Air"

Ich hoffe, es euch gefallen. Die Songs, die ich bisher für die Kapitel verwendet habe, habe ich in einer Playlist auf meinem YT-Kanal gesammelt, falls einer mal reinhören möchte:

http : / / www. youtube . com / playlist?p=PLD40057B3A304288D

Bis zum nächsten Mal