A/N:
Wow, über 2 Monate hat das Kapitel gedauert, ich fühle mich so mies deswegen und kann mich nur bei euch entschuldigen für die lange Warterei. Grund ist der übliche - einfach zu wenig Zeit. Ich würde mich trotzdem freuen, wenn mich der eine oder andere Leser noch nicht aufgegeben hat. Vielleicht ist es eine kleine Entschädigung, dass in diesem Kapitel wieder Jacob vor kommt ... und zwar ziemlich viel von ihm. Viel Spaß beim Lesen ;P
Kapitel 9: Pandoras Büchse
"Bist du dir auch wirklich sicher, dass du das tun willst, Renesmee?" fragte mich Großvater mit einem besorgten Seitenblick in meine Richtung, als wir uns auf den Weg zu den Werwölfen machen wollten. Wir standen vor demselben Durchgang, den ich schon in der Nacht zuvor benutzt hatte. Selbst bei Tageslicht wirkte es wie der Weg in ein verbotenes Reich. Betreten nur auf eigene Gefahr.
Das massive Eisentor stand speerangelweit offen, die schwere Eisenkette war entfernt worden - stattdessen waren zwei hünenhafte Volturi-Soldaten als Wachen zu beiden Seiten des Tores postiert worden, die noch viel disziplinierter in ihrer strammen Position verharrten als die berühmten Wachen vor dem Buckingham Palast - sie atmeten nicht einmal, bei Vampiren auch nicht weiter verwunderlich. Sie sahen Großvater und mich nicht an, doch ich wusste, dass sie unserer Unterhaltung aufmerksam lauschten und jedes Wort gehorsam an Aro weitergeben würden.
War ich mir wirklich sicher?
Es war eine einfache Frage, wieso fiel mir die Antwort dann so schwer?
Es war mein Vorschlag gewesen, wieder zu den Wölfen zu gehen - ich hatte Mutter praktisch angefleht mir zu helfen, hatte Vater hintergangen und zudem ein dubioses Abkommen mit Aro getroffen - nur um an diesen Punkt zu gelangen ... um jetzt so kurz vor dem Ziel die Nerven zu verlieren ... Wo meine Courage sein sollte, klaffte eine große Lücke, die ich nicht zu schließen vermochte, egal wie sehr ich mir einzureden versuchte, dass ich das Richtige tat.
"Ja, das bin ich", sagte ich mit einem tiefen Atemzug, der das flaue Gefühl in meinem Magen verdrängen sollte, obwohl es die reinste Lüge war. Auch wenn ich noch so fest beteuern würde, dass ich bereit war mich den Werwölfen zu stellen, die Wahrheit sah anders aus. Ich war mir absolut nicht sicher, in Bezug auf gar nichts. Besonders wie ich reagieren würde, wenn ich Jacob gegenüberstehen würde ... Oder was sich noch alles aus meinem Deal mit Aro ergeben würde...
Als ich die Abmachung eingegangen war, kam es mir vor, als würde ich einen Pakt mit dem Teufel schließen. Und mit jeder verstreichenden Sekunde wurde diese bange Ahnung stärker, dass ich es noch bereuen würde. Aro wollte, dass ich meine Gabe weiterentwickelte und das allein wäre schon Grund genug gewesen, es nicht zu tun - Aro tat nie etwas ohne eigennützige Hintergedanken. Er machte das Leben zu einem Roulettspiel mit viel zu hohen Einsätzen.
"Vielleicht sollte ich doch lieber mitkommen", meinte Alec. Ich hatte fast vergessen, dass er auch noch da war, so still, wie er sich die ganze Zeit verhalten hatte. Er hatte uns vom Thronsaal begleitet und war nicht begeistert davon, dass ich den Werwölfen einen weiteren Besuch abstatten wollte. Er wusste immer noch nicht von Janes Verstrickung in meinen Beinahetod. "Werwölfe sind gefährlich."
"Das sind Vampire auch", erinnerte ich ihn eisig. Alec wirkte gekrängt und ein Teil von mir bedauerte meine harten Worte. Wenn Alec wirklich nichts von Janes Vorhaben wusste, tat ich ihm Unrecht - aber ich konnte nicht an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen. Zuerst musste ich mich um die Wölfe kümmern, danach konnte ich mich mit meiner Freundschaft zu Alec befassen - falls sie dann noch existieren würde.
Ich nickte Großvater zu und wir traten durch das Tor, folgten der geschwungenen Steintreppe bis zu dem Felsvorsprung, den mich Jane hinunter gestoßen hatte. Großvater sprang zuerst und landete leichtfüßig auf dem Feldgrund weit unter mir. Ich schloss die Augen und versuchte Janes gefühlloses Lächeln aus meinen Gedanken zu verdrängen, dann trat sich über die Kante. Ich sauste in die Tiefe und beugte leicht die Knie, um den Aufprall abzufedern. Meine Landung war bei weitem nicht so graziös und lautlos wie Großvaters, aber ich stand zumindest noch aufrecht.
Mein Blick wanderte skeptisch die Felswand hinauf. "Wie kommen wir eigentlich später wieder hoch?"
"Ich könnte dich hochwerfen", scherzte Großvater. Ich verdreht die Augen, musste aber grinsen. Sein Versuch mir ein wenig die Spannung zu nehmen zeigte Wirkung - ich fühlte mich etwas besser. "Es gib eine Seilwinde", erklärte er und deutete zur Höhlendecke, wo sich hinter den Scheinwerfern verborgen irgendein hydraulischer Mechanismus erahnen ließ. "Das Einfachste ist aber einfach einen der anderen Ausgänge zu benutzen. Der Berg ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse."
Im Eingang zum Höhlensystem wartete ein Junge. Groß und drahtig, nicht so muskulös wie die Wölfe, die ich bisher gesehen hatte. Ein wenig schlaksig und sein Gesicht immer noch mit einem Hauch von Babyspeck behaftet. Sein dunkelbraunes Haar von sandfarbenen Natursträhnen durchsetzt. Auf dem löchrigen T-Shirt, das er trug, war die Karikatur eines Wolfes zusehen, betitelt mit den Worten "Hungry like the wolf". Fast musste ich wieder schmunzeln.
"Hey, ich bin Seth", stellt der Junge sich vor. So lässig und natürlich, als würden wir uns unter den normalsten Umständen begegnet. "Ich soll euch zu unserem Lager bringen." Er wandte sich an Großvater. "Wir sind Ihnen wirklich dankbar, Doc, dass Sie versuchen zu helfen. Auch wenn die anderen es nie zugeben werden."
Großvater nickte anerkennend. "Das ist doch selbstverständlich."
Seth winkte uns, ihm zu folgen und führte und durch eine Vielzahl Höhlen und Stollen immer weiter in die Tiefe, immer weiter fort von der Festung - ich wollte von Großvater wissen, warum die Wölfe so weit weg lebten - ich traute mich nicht Seth direkt zufragen, obwohl er mir eher die Antwort hätte geben können.
"Das Lager liegt ganz am anderen Ende der Höhle, so weit weg vom Palast wie möglich, weil die Volturi sie nicht unbedingt in ihrer Nähe haben wollen. Wegen dem Geruch."
Wir folgten Seths Führung weiter bis tief in die Eingeweide des uralten Höhlensystems, das sich unter ganz Volterra und dem nahen Umland erstreckte. Immer wieder warf Seth mir neugierige Blick zu, versuchte sie nicht einmal zu verbergen. Irgendwann ließ er sich etwas zurückfallen, sodass er neben mir gehen konnte.
"Du bist also-?"
"Renesmee," half ich ihm auf die Sprünge. Er hatte die Hände in den Taschen seiner Shorts vergraben und ging mit eingezogenen Schultern, versuchte sich kleiner zu machen als er war.
"Renesmee. Richtig. Das Kind von Bella Swan."
"Sie heißt jetzt Cullen." Seth lächelte irgendwie geknickt, als wollte er nicht gerne daran erinnert werden, wer meine Eltern waren.
"Cullen, richtig" Er deutete auf meinen verletzten Arm. Großvater hatte mir unnötigerweise einen neuen Verband angelegt, doch er hatte auf Nummer sicher gehen wollen. "Tut mir leid, was da gestern passiert ist. Wird nicht wieder vorkommen."
Ich lächelte ihm zu um zu zeigen, dass ich ihm glaubte und nicht übel nahm, was in der Nacht passiert war. Wir verfielen für den restlichen Weg in Schweigen.
Als wir dem Lager näher kamen, wurde der Wolfsgeruch immer intensiver, als würde man in eine Nebelwand laufen. Es roch nach Wald und Rauch. Auch die Geräuschkulisse nahm schlagartig zu - ich hörte abgebrochenes Geflüster, das Rascheln von Kleidung und das Klappern von irgendwelchen metallischen Gegenständen.
Das Lager selbst war ein katastrophaler Anblick - als wäre man mitten in eine Flüchtlingskatastrophe gestolpert. Ein schockierender Kontrast zu dem opulenten Lifestyle der Volturi wenige Stockwerke über uns. Das spartanische Lager bestand aus einfachen Zelten und provisorischen Holzhütten in einem chaotischen System angeordnet, die wohl nicht mehr Funktion hatten als Schlafplatz zu sein. Daneben gab einfache Kochstellen, ein paar Sperrmöbel und allgemein das Nötigste, was man zum Leben brauchte - nicht mehr. Es sah aus wie ein Campingplatz nach einem Tornado, der alle Wohnwagen und Dächer fortgerissen hatte. Und das Ganze eingeschlossen von den schwarzen, harten Höhlenwänden. Kein Himmel, keine frische Luft. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man hier unten gut leben konnte...
Die anwesenden Werwölfe, alle in Menschengestalt, hielten inne in ihren Aktivitäten, als wir näher kamen. Sie beäugten uns feindselig. Seths offenes Gemüt schien die Ausnahme zu sein. Keiner der anderen Männer schien uns zu trauen, obwohl wir keine Volturi waren, aber wieso sollten sie da auch einen Unterschied machen - Vampir blieb Vampir hier unten.
"Es tut mir leid", meinte Seth leise, dem der frostige Empfang auch nicht entgangen war. "Sie denken, ihr seid genauso wie alle anderen ... und der Name Cullen hilft da auch nicht gerade weiter."
"Wegen dem Vertrag?" wollte ich wissen. Seth wirkte nicht überrascht, dass ich davon wusste, aber das Thema schien ihm Unbehagen zu bereiten. Er räusperte sich.
"Und wegen andere Dinge", murmelte er ausweichend. Er beließ es dabei und winkte uns weiter. Durch das Lager zu laufen war wie ein Spießroutenlauf über glühende Kohlen - einige der Wölfe knurrten und über ihre Haut pulsierten Wellen, der Wolf in ihnen kurz vorm Erwachen. Doch ich entdeckte auch eine andere Seite des Lagers, das es ansatzweise wie ein Heim erscheinen ließ. Die Höhlenwände waren mit indianische Schriftzeichen versehen und andere rituelle Objekte wie archaische Masken, Traumfänger und Talismane waren aufgehangen worden. Zeichen ihres kulturellen Erbes. Im Zentrum des Lagers gab es sogar einen Totempfahl. Die Werwölfen bewahrten sich ihre Identität, in ihren Herzen waren sie immer noch Stammeskrieger. Das gab mir Hoffnung.
Seth führte uns weiter zu einem großen Zelt. Vor dem Eingang wartete der Werwolf mit den vielen Tätowierungen, die wie Rangabzeichen wirkten, da keiner der anderen Wölfe annähernd so viele Tattoos besaß - er war der Leitwolf, kommandierte das Rudel und war sein Sprachrohr. Mir wurde ganz mulmig, aber auf aufregende Art - unwillkürlich hielt ich nach Jacob Ausschau, vermutete ihn in der Nähe von Sam, tastete die Luft nach seinem speziellen Duft ab. Doch er war nicht da. Ich konnte lediglich ein paar alte Geruchsfetzen aufschnappen, die mir sagten, dass er hier gewesen war, doch die anderen Geruchsspuren waren so ausgeprägt, dass ich nicht einmal sagen konnte, wie lange es her sein mochte. Die Spur lockte mich ihr zu folgen, nach Jacob zu suchen. Ich hatte jedoch vor unserem Aufbruch Großvater versprechen müssen, in seiner Nähe zu bleiben, also widerstand ich dem Verlangen. Vielleicht würde Jacob noch auftauchen...
Großvater erkundigte sich bei Sam nach dem Zustand der beiden gebissenen Werwölfe. "Hat sich etwas geändert während meiner Abwesenheit?"
Sam verschränkte die Arme vor der Brust, ließ seinen Bizeps anschwellen. War es nur Gewohnheit oder eine unbewusste Dominanzdemonstration? Er schüttelte den kahlen Kopf und hielt den Zeltvorhang, als Einladung selbst nachzuschauen.
Ich folgte Großvater in das Zelt.
Das Zelt war viel geräumiger, als es von außen erschien. In der Mitte gab es einen niedrigen runden Tisch, beinahe wie ein Altar, alles andere schien darum arrangiert worden zu sein. Es gab keine anderen Möbel, Decken und Kissen lagen einfach auf dem Boden. Zwei Schlaflager waren in einem Teil, halb verdeckt durch aufgespannte Tücher, eingerichtet worden, wo sich die beiden verletzten Werwölfe befanden. Ich war kein Arzt, doch die Zeichen waren unverkennbar - es stand nicht gut um die beiden Jungen. In dicke Decken gehüllt wurden sie von fiebrigen Krämpfen und Schüttelfrost gepeinigt. Sie waren kreidebleich im Gesicht, ihre Haut ließ jenen warmen Schimmer vermissen, der die gesunden Indianer auszeichnete - sie wirkten grau und ausgelaugt. Kränkliche schwarze Adern zeichneten sich wie dicke Blutegel unter der Haut ab, blutiger Schorf umrahmte Augen, Nase und Mund. Ihre Körper schienen alle Kraft verloren zu haben - selbst ihr Stöhnen war nur ganz schwach zu hören.
Auf Menschen hatte Vampirgift eine ganz besondere Wirkung. Nach Schilderung meiner Familie fühlte sich die Verwandlung in einen Vampir an, als würde man von Innen heraus zerreißen - das aggressive Gift loderte in den Adern und verbrannte alle menschlichen Zellen zu Asche, begleitet von entsetzlichen Schmerzen, weswegen die Wenigsten die Prozedur überhaupt überstanden.
Doch Werwölfe konnten nicht verwandelt werden, ihre Körper unterwarfen sich nicht dem Willen des Giftes. Es war wie eine heftige Immunreaktion und ihre Zellen bekämpfte das Gift mit allem, was ihnen zur Verfügung stand ... bis zur Selbstaufgabe. Sich von einer solch massiven Reaktion wieder zu erholen, war fast unmöglich. Und die Wölfe litten dabei unmenschliche Qualen ...
Nur zögerlich rückte ich näher zu den beiden Wölfe, ließ genug Platz, damit Großvater sich ungehindert um seine Patienten kümmern konnte. Ich hatte einen guten Blick auf ihre eingefallenen Gesichter. Sie sahen noch so jung aus - ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie sich in ebenso große Wölfe verwandeln können sollten wie Jacob.
Großvater kniete auf den Boden, die schwarze Arzttasche vor ihm geöffnet, überprüfte gründlich den Zustand der Wölfe. Er checkte ihre Pupillenreaktion und ihre Herzfrequenz, maß ihre Temperatur, doch an seiner bekümmerten Miene konnte ich ablesen, wie wenig Zuversicht er hatte. Sam ging die ganze Zeit angespannt im Zelt auf und ab, beobachtete jeden von Großvaters Handgriffen aufs Schärfste. Als ob Großvater ihren Zustand noch verschlimmern könnte! Sie standen doch längst an der Schwelle des Todes.
"Ihre Temperatur ist weiter gefallen", teilte Großvater uns mit und sah über die Schulter zu dem älteren Werwolf, der seine Wanderung unterbrochen hatte. Sam nickte verstehend.
"Kann man gar nichts mehr tun?" fragte er. Die Frage, die auch ich mir heimlich stellte. Großvater war schon so lange Arzt, hatte so viel gesehen und so viele Menschen gerettet. Niemand wusste besser über die Wirkung des Giftes Bescheid - er musste doch irgendetwas tun können ... ein kleines Wunder zur rechten Zeit.
Großvater schüttelte den Kopf. Ich hielt die Luft an. "Ich fürchte nicht. Ihr Immunsystem ist am kollabieren. Bis zum Einsetzen von multiplen Organversagen ist es nur noch eine Frage der Zeit. Sie werden die Nacht keinesfalls überstehen und es wird alles noch bedeutend schmerzhafter für sie werden. Ich kann ihnen weiter Morphium geben, doch sie verbrennen es so schnell, dass es nicht viel helfen wird ... das Humanste wäre..." Großvater hielt inne, warf mir einen leidvollen Blick zu, beinahe, als wollte er sich bei mir entschuldigen. "Das Humanste wäre, sie von ihrem Leid zu erlösen."
Ich konnte nicht länger zuhören. Ich wusste, worauf er hinaus wollte mit seiner zivilisierten Wortwahl. Ihr Leid beenden ... sie töten.
Sam wirkte erstaunlich ruhig. Nachdenklich starrte er die jungen Wölfe an. Er sagte lange nichts, doch gerade diese harte Stille machte mir klar, dass seine Entscheidung längst gefallen war. Sie erlösen ... war das der richtige Weg? Der Einzige? War es wirklich zu spät?
"Renesmee." Großvater musste meinen Namen mehrmals wiederholen, bis ich reagierte. Wie eine Marionette dreht ich mich in seine Richtung, doch ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mich selbstständig bewegte, es geschah einfach automatisch ohne dass mein Geist noch etwas damit zutun hatte. Ich starrte Großvater an, er sah entschuldigend zurück. "Ich möchte, dass du jetzt gehst. Ich will nicht, dass du das hier mitansehen musst", wies er mich an, berührte meine Schulter, doch ich merkte es kaum. Ich war mit meinen Gedanken woanders.
Wie benommen nickte ich, konnte meine vor Schock geweiteten Augen kaum von den beiden "Todgeweihten" lösen, die so hilflos vor mir lagen, und wankte rückwärts aus dem Zelt. Die Luft wurde stickig. Ich fühlte mich seltsam mit einem schwellenden Gefühl in der Brust, ein Druck wie von einem Schraubstock. Der Anflug einer Panikattacke, ich kannte die Anzeichen - das Zittern, die Kurzatmigkeit, das Gefühl die Orientierung zu verlieren...
Ich taumelte aus dem Zelt und lief durch das Lager - keiner der Wölfe versuchte mich aufzuhalten, auch wenn ich Seth hinter mir herrufen hörte. Tränen trieben mir in die Augen. Ich stürzte blind links weiter. Versuchte der Vorstellung, was sich gleich im Lager abspielen würde, zu entkommen.
Ich bewegte mich immer schneller, ich konnte gar nicht schnell genug vorankommen, getrieben von meinen eigenen düsteren Gedanken. Ich konnte nicht anders. Ich musste weg vom Lager, von den Gerüchen, den Geräuschen, den Resten von Leben.
Alles war so verwirrend. Ich war Halbvampir. Es entsprach meiner Natur zu jagen ... zu töten ... der Tod sollte mir nicht so einen Schrecken einjagen ... aber es war auch nicht meine Vampirseite, die mir Probleme bereitete, sondern mein menschliches Gewissen, das mich nicht in Ruhe ließ. Blut war verlockend, doch Menschen zu töten stand außer Frage. Ich weigerte mich sein Handlanger zu werden!
Ich fühlte mich elend, als müsste ich mich übergeben, doch mein Magen war leer. Ich rannte weiter in die Tiefe des Untergrunds, einen Tunnel nach dem anderen entlang, weiter in die kalte Finsternis, egal wohin, nur weg von allem, das mir graute...
Irgendwann, als ich mich wieder beruhigt hatte und durchatmen konnte, wurde ich langsamer, unfähig zu sagen, wie lange ich gerannt war oder wie weit ich mich vom Lager der Wölfe entfernt hatte - jedenfalls weit genug, um sie weder riechen noch hören zu können. Planlos blieb ich stehen, konnte kaum noch etwas um mich herum erkennen. Es war einfach zu dunkel und es kam einem Wunder gleich, dass ich nicht längst gegen irgendeinen Felsen gelaufen war. Mir war bewusst, ich musste zum Lager zurückkehren, bevor sich Großvater Sorgen machen konnte, nur hatte ich keine Ahnung, in welche Richtung ich gehen musste.
Wasser rauschte zu meinen Füssen und ich beschloss dem Geräusch zufolgen. Wenn es mich nicht zurück zum Lager brachte, würde es mich vielleicht an die Oberfläche führen. Der Weg vor mir gabelte sich in zwei Richtungen und ich folgte weiter dem Wasserlauf. Es war etwas heller als die Umgebung und deswegen leicht auszumachen.
Das Plätschern des Wassers wurde lauter und plötzlich stieg mir sein Geruch in die Nase. Intensiv. Belebend. Er war hier. Ich wusste nicht genau, was dieses Wissen in mir auslöste, aber die Reaktion war heftig.
Ich tastete mich zittrig an der Wand entlang. Es wurde schnell wärmer, auch die Luftfeuchtigkeit stieg rapide, so dass ich bald zu schwitzen begann. Beinahe wie in einer Sauna. Vor mir wurde es heller - ich blinzelte ins Licht, das keinesfalls von der Oberfläche stammen konnte - es mussten irgendwelche Lampen sein. War ich doch auf dem richtigen Weg zum Lager?
Hinter der nächsten Abzweigung erstreckte sich ein Grotte in einem sanften surrealen Schein. Im Zentrum war ein kleiner See, der den Wasserlauf, der mich hierher geführt hatte, speiste. Dampf stieg daraus hervor und hüllte den Großteil des Hohlraums in einen Dunstschleier. Es roch leicht nach Schwefel, aber nicht allzu aufdringlich. Viel prägnanter war der Wolfsgeruch - holzig, warm und dunkel. Jacob.
Die Decke der Höhle war zum nächsten Stockwerk eingebrochen und Wasser rauschte in freiem Fall über die Kante, erzeugte dichte Dampfschwaden, wo Kälte auf Wärme traf. Moos und mineralische Ablagerungen bedeckten viele der Felsen und Stalagmiten, die die Senke säumten wie verschwiegene Wächter. Schillernde Sinterkaskaden und Alabasterfahnen.
Ein sanfter, azurblauer Schein ging von dem Wasser aus - als würde der See von Innen heraus leuchten. Wie die abgeschiedene Lagune auf Esme Island, wo Vater mir das Tauchen beigebracht hatte. Bioluminiszierendes Plankton brachten das Wasser dort zum leuchten. Es war, als würde man durch den Sternenhimmel schwimmen...
Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, der Anblick war so atemberaubend. Nie hätte ich erwartet, hier unten etwas so schönes zu finden ... etwas so magisches...
In der Wand neben dem Eingang fiel mir eine schmale Einkerbung mit niedergebrannten Kerzen auf. Daneben standen kleine Objekte - winzige Tierfigürchen, geschnitzt aus Holz und Stein. Kleine Wölfe. Ein ganzes Rudel.
Meine Sicht war verschleiert, doch ich hätte schwören können, dass sich im Dunst etwas bewegte. Ich machte einen vorsichtigen Schritt in die Grotte. Eine dunkle Gestalt zeichnete sich gegen das trübe Licht ab. Ein Prickeln jagte über meine Haut - Jacobs Geruch war überall. Ich hörte sein Herz tief und gleichmäßig durch die Höhle hallen.
Er stand im seichten Wasser des Sees unter dem Wasserfall, mit dem Rücken zum Eingang gewandt und wusch sich. Seine überlegenden Wolfinstinkte musste ihm längst gesagt haben, dass er nicht mehr alleine war, dennoch ließ er sich nichts anmerken.
Seine nasse, kupferfarbene Haut glänzte wie poliertes Nussholz. Bei jeder Bewegung begannen die Muskeln seiner Schultern und seines Rückens zu tanzen. Ein Schauspiel geradezu von hypnotischer Wirkung. Ich ließ meinen Blick über seine satte Haut wandern, runzelte die Stirn entsetzt, als ich die getupften Schatten als Striemen und tiefe Hautabschürfungen identifizierte. Deutliche Spuren seiner Misshandlung. Der Anblick tat meinem Herz weh - ich dachte an meinen Arm und fand es nur gerecht mit ihm zu leiden.
Ich musste irgendeinen Laut von mir gegeben haben, denn im nächsten Moment hielt Jacob in der Bewegung inne, straffte sich und drehte sich zu mir. Fand mich sofort mit seinem suchenden Auge auch in mitten des Dampfes. Die letzten Wassertropfen perlten von seiner dunkel glänzenden Haut, rannen verspielt um die Konturen seiner Muskelpakete, bevor sie im Nichts verschwanden.
Der Anblick von nackten, männlichen Oberkörpern war nichts Neues - Emmett war recht exhibitionistisch veranlagt. Zudem konnten selbst in Toronto die Sommer so heiß werden, dass im Park alle unbekleidet herum liefen. Neugierig war ich geworden auf das andere Geschlecht, ich war immerhin ein Teenager, doch mehr nicht ... jetzt war es anders ... stärker...
Ich fühlte meine Wangen erröten und fühlte mich gleichzeitig schuldig. Er war meinetwegen bestraft worden und ich gaffte ihn an wie eine Zooattraktion. Fehlte nur noch, dass mir Sabber aus dem Mund lief! Er war auch nur ein Mensch - auch wenn Mensch hier relativ war - wieso brachte er mich so aus der Fassung?
Ich versuchte mich zusammenzureißen, mich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren als seinen durchtrainierten Körper - ich begann Dante im Original zu rezitieren und füllte meinen Kopf mit den schwierigsten mathematischen Formeln, wie ich es immer tat, wenn ich Vater aus meinen Gedanken raushalten wollte. Nur dass es mir dann immer leicht fiel mich zu konzentrieren ... bei dem hoch gewachsenen Werwolf vor meinen Augen funktionierte das nicht ... ich fühlte mich durchschaut, und keine Fassade, kein Damm und Mauer konnten ihn davon abhalten, mein Innerstes zu erschüttern.
Jacob stieg aus dem Pool, die triefendnassen Shorts so tief auf seinen Hüften sitzend, dass sie nicht viel der Fantasie überließen. Er blieb ein paar Meter vor mir stehen, seine Augen groß und dunkel, doch genauso gut hätte er direkt vor mir stehen können - der sinnliche Geruch seiner feuchten Haut umfing mich, überdeckte alles andere.
Der Schock über mein Auftauchen war schnell wieder aus seinen Zügen verschwunden, jetzt sah er mich so angestrengt an, als wollte er jedes Molekül meines Körpers bis ins kleinste Detail analysieren. Was er sich davon versprach, blieb sein Geheimnis. Seine nächste Reaktion ließ sich nicht abschätzen. Ob er mich umarmen oder davon jagen wollte. Beides konnte der Wahrheit entsprechen, denn so verwirrend alles für mich war, eins konnte ich mit Sicherheit sagen - für Jacob war es nicht leichter. Zumindest das konnte ich ihm ansehen.
"Was tust du hier?" fragte er beherrscht, seine Stimme tief und rau wie Holzkohle. Ich wusste nichts mit meinen rastlosen Händen anzufangen, sie vermissten den Halt, den mir die Felswand zuvor gegeben hatte, also versteckte ich sie hinter meinem Rücken.
"Ich wollte mich entschuldigen und nachsehen, wie es dir geht", gestand ich. Meine Stimme klang seltsam gefasst - seltsam, denn ich fühlte mich nicht im Geringsten so. Die Stärke, die mich offen sprechen ließ, war nicht meine - vielleicht kam sie von Jacob. Vielleicht besaß er eine ähnliche Gabe wie Jasper und konnte seine Gefühle übertragen. Werwölfe konnten immerhin telepathisch kommunizieren, wieso nicht auch das?
Ich hatte das Bedürfnis, ganz offen zu sein - nicht nur weil Jacob die Schläge der Volturi wegen mir hatte ertragen müssen, auch weil ich unser Kennen lernen nicht auf Lügen aufbauen wollte, davon hatte ich in letzter Zeit genug gehabt. Zudem wollte ich nicht, dass er den falschen Eindruck von mir bekam. Ich sah in seine Augen und es war mir einfach wichtig, was er von mir hielt.
"Du hast meinetwegen Ärger bekommen Du hättest dich nicht selbst an den Pranger stellen müssen. Das wollte ich wirklich nicht und es tut mir leid, was passiert ist."
Jacobs Kiefer begannen zu mahlen. "Und trotzdem bist du wieder hier. Solltest du es nicht besser wissen, als den gleichen Fehler zweimal zu machen?"
Ich fühlte mich wie vor den Kopf gestoßen von seiner frostigen Art, aber was hatte ich erwartet? Dass er nicht wütend auf mich sein würde? Ich war der Auslöser für den ganzen Schlamassel der letzten Nacht gewesen und er hatte jedes Recht mir zu misstrauen. Eis brauchte Zeit um zu brechen. Dennoch fand ich seine ruppige Art kränkend - sah er denn nicht, dass ich versuchte einen Neuanfang zu starten?
"Aro hat es mir gestattet. Es wird also keine neuen Probleme geben", versicherte ich. Jacob sah mich unerschüttert an, durchbohrte mich mit seinem Schweigen. Meine Selbstsicherheit geriet ins Wanken. Ich begann zu stammeln. "Ich musste mich doch wenigstens bedanken, dass du mich nicht getötet hast..." Es klang wie eine furchtbar lahme Ausrede. Die Stille hielt an, eine unerträgliche Farce, und ich wurde allmählich unruhig.
Sag doch etwas, dachte ich verzweifelt. Sag mir, dass ich gehen soll, damit das alles aufhört! Damit alles wieder normal wird!
Ich wich zurück. "Vielleicht hätte ich nicht kommen sollen ..." Schritt um Schritt wurden meine Füße schwerer. Die Wärme setzte mir allmählich zu und ich wusste nicht, ob es an der Thermalquelle oder Jacobs innerem Feuer lag. Ich fühlte mich leicht fiebrig. "Ich gehe lieber..." Ich dreht mich schnell um, bereit zur Flucht, doch ich kam nicht weit.
"Warte!", sprach Jacob so unerwartet, dass ich beinahe die Balance verlor. Sein Befehl hielt mich fest - seiner Stimme haftete ein tiefer gebieterischer Beiklange an, der mein Inneres berührte. Ich dreht mich wieder in seine Richtung. Der junge Werwolf kam näher, bis uns kaum noch zwei Meter trennten. Seine Augen glühten im Zwielicht der Grotte. Ich spürte seine Körperwärme wie Wüstenwind gegen mich strömen, zog mich magisch an, denn ich war nur Kälte gewohnt.
"Warum bist du wirklich gekommen? Und keine Ausflüchte. Ich weiß sofort, wenn du mich belügst."
Zwischen all den neuen Gefühlsregungen, die Jacobs Nähe in mir auslöste, gelang es mir tatsächlich, einen halbwegs klaren Kopf zu bewahren. Ich runzelte die Stirn. "Wie meinst du das, du weißt es sofort?"
Jetzt war es an Jacob zurück zu weichen mit geweiteten Augen, als hätte er beinahe einen großen Fehler begangen. "Wegen..." Er brach ab, schüttelte den Kopf, setzte von Neuem an ohne das zu sagen, was er ursprünglich hatte sagen wollen. "Ist doch egal. Ich weiß es einfach, okay?"
Ich fixierte ihn genauso intensiv wie er mich. "Jetzt lügst du!" stellte ich fest mit einer Gewissheit, die jeder Logik widersprach. Jacob knurrte leise, kam noch näher, bis kaum noch Platz zwischen uns war. So nah. Ich musste zu ihm aufschauen. Mein Herz schien fast zu zerspringen vor Aufregung.
Er versuchte mich einzuschüchtern, was bei seiner physischen Präsenz nicht schwer fiel... doch Angst machte er mir nicht. Herausgefordert fühlte ich mich - wie wenn Emmett mich beim Jagen aufzog ...
"Ich fürchte mich nicht vor dir", flüsterte ich trotzig.
"Vielleicht solltest du das", hauchte er. Sein Atem streifte mein Gesicht. Sein Puls hämmerte in meinen Ohren. "Ich bin ein großer, böser Wolf. Ich könnte dich töten." In seinen schwarzen Augen blitzte es auf. Ein Schauer fuhr meinen Rücken hinab. Mein Mund wurde trocken.
"Das hast du letzte Nacht schon nicht getan."
Jacob verzog das Gesicht, wirkte gereizter denn je. Mit einem frustrierten Aufschrei gen Höhlendecke taumelte er zurück, raufte sich das seidig schwarze Haar. Ich wollte ihn nicht provozieren, doch ich konnte nicht anders, als weiter nachzuhaken. Als wäre ein Stein ins Rollen gekommen, der erst wieder anhalten würde, wenn er an der nächsten Mauer zerschellte.
"Etwas ist geschehen", beharrte ich und folgte ihm weiter in die Grotte. "Letzte Nacht ... zwischen uns ... ich fühle..." Ich biss mir auf die Zunge, um nicht noch mehr von dem Preis zugeben, wofür ich keine Worte hatte, doch es war bereits zu spät. Jacob sah mich neugierig an.
"Du fühlst was?"
Ich wich seinem Blick aus. Was fühlte ich? So viele Dinge, die keinen Sinn ergaben. Die sich nicht einmal beschreiben ließen. Er musste es doch besser wissen als ich. "Was ist letzte Nacht geschehen?" fragte ich erneut.
"Warum bist du hier?" fragte Jacob wieder genauso störrisch. So würden wir nicht weiter kommen und mir lief die Zeit davon - bald würde Großvater nach mir suchen...
"Ich will einfach nur wissen, was hier los ist. Wie es soweit mit euch kommen konnte. Wieso ihr hier seid und euch nicht wehrt", erklärte ich und ließ die Schultern hängen. "Ich will nur ein bisschen Licht in die Dunkelheit bringen."
"Das will ich auch", seufzte Jacob bitter. Er setzte sich auf einen der breiten Steine am Rand des Sees und ließ den Kopf hängen. Er sah so fertig aus, nicht nur wegen der Misshandlung. Immer wachsam sein zu müssen, immer bereit zum Kampf, umgeben vom Feind musste seinen Tribut fordern. "Ich will auch endlich den Sinn in alledem finden." Der hilflose Klang seiner Stimme setzte mir zu und ich sah plötzlich Sam vor mir und die beiden gebissenen Jungen - unverwundbare Werwölfe innerlich zerbrochen. Wenn Jacob auch noch nicht so weit war, so war er drauf und dran so zu werden und der Gedanke war unerträglich. Ich hatte das Bedürfnis zu ihm zugehen, ihm irgendwie Trost zu spenden, und ich wehrte mich nicht dagegen.
Ich setzte mich neben ihn, die Hände fest im Schoss gefaltet, denn ich wollte nicht versucht sein, ihn zu berühren. Mir fehlten die richtigen Worte, also saß ich einfach nur bei ihm.
"Na schön", seufzte Jacob, als er sich wieder gefangen hatte. "Ich mache dir einen Vorschlag. Ich werde dir deine Fragen beantworten, wenn du auch meine beantwortest."
Ich nickte sofort, begierig darauf mehr zu erfahren. Seine Augen waren abwesend auf das Wasser vor uns gerichtet, als er seine tragische Geschichte vor mir entfalten...
A/N:
Songs zum Kapitel: "For everything a reason" von Carina Round (im Wolfslager), "Transatlanticism" von Death Cab for Cutie (in der Grotte)
Ich hoffe, das Kapitel hat euch gefallen. Wie immer interessiert mich eure Meinung sehr und ich würde mich über Kommentare freuen, wenn ihr die Zeit und Muse findet :D
Das mit der Grotte fand ich einen schönen Einfall, weil die Beiden einen besonderen Ort haben sollten - Edward und Bella hatten ihre Lichtung, Jacob und Nessie haben ihre Grotte. Inspiriert hat mich vor allem die berühmte Blaue Grotte von Capri - hier ist zwar die Reflektion des Sonnenlichts für den blauen Schein des Wassers verantwortlich, aber unter Tage geht das schlecht, deswegen das leuchtende Plankton.
Im nächsten Kapitel (oder Kapiteln) wird Jacob seine Geschichte zum Besten geben - wie die Wölfe in Volterra gelandet sind. Aus seiner Sicht zu schreiben wird eine besondere Herausforderung.
Bis dahin :D
