A/N:

Na, meine lieben Leser, kennt ihr mich noch? Ich habe endlich ein neues Kapitel geschafft.

Wie schon letztes Mal angekündigt ist hier Jacobs Story, zumindest der erste Teil davon - es wird mindestens noch ein weiteres Kapitel aus seiner Sicht geben, vielleicht auch zwei wenn ich ausführlich schreibe. Ich hoffe, es liefert ein paar Antworten und gibt Einblick in das Leben in Forks ohne die Cullens. Ich habe versucht, Jacob anders als Nessie klingen zu lassen und hoffe, bin nicht zu sehr OOC geworden. Es ist schwieriger wie jemand zu schreiben, den es schon gibt, die Grenzen sind wesentlich enger geschnürt.

Und wow, Breaking Dawn ist nur noch einen Monat entfernt!


Zwischenspiel – Teil 1: Der große böse Wolf

Jacob's POV – La Push, 3 Jahre zuvor…

Ich sah sie vor mir stehen – so klein und zerbrechlich wie ich sie in Erinnerung hatte. Cullen lungerte direkt hinter ihr, nur darauf wartend, sie mit sich zunehmen … von mir weg. Wahrscheinlich roch er nur ihr Blut und alles andere war ihm egal. Es war einfach, das zu denken, wenn ich seine leuchtend roten Raubtieraugen in der Dunkelheit aufblitzen sah. Wahrscheinlich konnte er es gar nicht erwarten, seine Zähne in ihren zarten Hals zu schlagen und ihr das Leben auszusaugen … Herzschlag um Herzschlag …

Und ich konnte nichts dagegen tun.

Ich war wie festgenagelt, als wäre ich mit dem Waldboden meiner Heimat verwachsen. Der Wolf in mir tobte, stemmte sich mit aller Kraft gegen die Ketten, die ihn hielten, und ich wünschte mir so sehr, ihn loslassen zu können. Ich wollte Cullen in Stücke reißen - für seine bloße Existenz und sein verfluchtes Timing!

Wieso hatte er nur zurückkommen müssen, wo alles so gut gelaufen war?

Wieso musste er jetzt alles wieder kaputt machen?

Ich wollte ihn packen und den Schädel einschlagen. Irgendetwas unternehmen, denn die Hilflosigkeit war schwerer zu ertragen als alles andere. Aber ich konnte nicht einmal die Arme heben, um nach ihr zu greifen, sie festzuhalten und zu beschützen, wie ich es versprochen hatte. Meine Arme hingen einfach nur an meinem Körper herab wie leblose Gewichte. Unnütze Werkzeuge.

Hilflos musste ich mit ansehen, wie er sie fortzog.

Immer tiefer in den Wald.

Immer weiter fort von mir.

Ihre liebliche Stimme klang noch als Echo in meinen Ohren nach, als sie längst verschwunden und ich alleine auf der schmalen, Mondlicht gefluteten Lichtung zurückgeblieben war mit einer tiefen Verzweiflung im Herzen.

Ich reckte den Kopf, sah zum Himmel und hielt nach etwas Ausschau, wo ich mir sicher war, dass ich es nicht finden würde. Da war kein Silberstreifen am Horizont, kein Licht am Ende des Tunnels, kein Fünkchen Hoffnung.

Ich war umschlossen von Dunkelheit.

Bella war fort … für immer.


Noch bevor mein Wecker einen Laut von sich geben konnte, war ich wach, lag einfach nur da und starrte an die Decke. Staubflocken tanzten in der schwülen Sommerhitze und auf meiner Haut stand der Schweiß, auch wenn ich weder Hemd noch Socken trug. Es war fast unerträglich heiß in der kleinen Hütte, fast wie in einem Brutkasten.

Verfluchtes nordwestpazifisches Wetter!

Ich schluckte schwer, mein Mund war wie ausgetrocknet. Der Traum hatte mich völlig ausgelaugt, mich überfahren wie ein Achttonner auf dem Highway zur Hölle.

Wieso ausgerechnet jetzt?

Seit 2 Jahren hatte ich nicht mehr von Bella Swan geträumt, hatte sie so gut es ging aus meinen Gedanken verbannt, hatte mein Leben einfach weitergeführt. Irgendwann war das Verdrängen zu Routine geworden und war in Vergessen übergegangen. Es hatte mich selbst überrascht, wie wenig mich noch an Bella gebunden hatte, nachdem sie aus meinem Leben verschwunden war. Mit beängstigender Leichtigkeit hatte ich sie in eine Schublade gesperrt und an einem Ort begraben, den ich fast vergessen hatte.

Wie schnell man doch mit Dingen abschließen konnte, die nicht mehr zu ändern waren...

Und jetzt schlich sie sich ohne Vorwarnung zurück in mein Bewusstsein wie dickflüssiges schwarzes Motoröl, das aus einem leckenden Zylinder sickerte. Tropfen um Tropfen.

Mein Wecker begann zu klingeln, als müsste er seinen Senf zu meine Gemütsfassung dazugeben. Ich stöhnte.

Ich war immer noch erschöpft von der vergangenen Nacht und hatte das Gefühl, eben erst ins Bett gefallen zu sein, auch wenn das nicht stimmte, was schon als Glücksfall gewertet werden konnte. Die Patrouille hatte wieder einmal länger gedauert und der fehlende Schlaf der vergangenen Tage steckte mir in den Knochen, die patu nicht einsehen wollten, dass es längst an der Zeit war aufzustehen und sich dem Tagesgeschäft zu stellen. Mein Gehirn hatte ähnliche Probleme. Ich war gefährlich nahe wieder daran einzuschlafen und das konnte ich mir nicht leisten. Ich musste zur Arbeit und Geld verdienen, also quälte ich mich aus den verschwitzten Laken.

Angriff war immer noch die beste Verteidigung.

Mürrisch knurrend streckte ich meine Glieder und wischte mir übers verspannte Gesicht. Das Bett ätzte unter jeder meiner Bewegungen, als wollte es jeden Augenblick unter großem Protest zusammenkrachen. Es wunderte mich ohnehin, dass es unter meinem massigen Körpergewicht überhaupt solange durchgehalten hatte. Nicht dass ich fett war, ich war ein durchtrainierter Riese von über zwei Metern, der Muskeln an Stellen hatte, von denen andere nur träumen konnten. Sixpack inklusive, Werwolf-Genetik sei Dank. Das Bett war daher auch viel zu klein für mich … so wie der Rest des Zimmers, das für mich eher einer Schuhschachtel glich, die ich in zwei Schritten durchqueren konnte … zu klein, so wie der Rest meines Lebens …

Ich schlurfte geräuschvoll über den Flur in das nicht minder klaustrophobisch wirkende Badezimmer. Ich machte mir nicht die Mühe leise zu sein, auch wenn es noch früh am Morgen war, aber Billy war sowieso nicht da. Ich konnte ihn nicht hören. Die Hütte was still, abgesehen von meinen eigenen Trampelschritten. Er war wahrscheinlich wieder auf einem Angelausflug. Deswegen konnte ich es mir auch erlauben laut zu fluchen – wäre er hier gewesen, hätte er mir längst einen Klaps auf den Hinterkopf gegeben – Flüche gehörten für ihn nicht laut ausgesprochen. Er war furchtbar abergläubisch.

Mein Rücken tat höllisch weh und als ich mein Abbild im fleckigen Spiegel über dem Waschbecken betrachtete, starrte mir ein zynischer Neandertaler entgegen. Verwuscheltes schwarzes Haar, ein kräftiger Bartschatten, dunkle Ringe unter den ebenso dunklen Augen. Ich brauchte endlich ein neues Bett!

Zur Hölle, ich brauchte ein neues Leben!

Ich war ein über zwei Meter großer, 19 Jahre alter Werwolf, der immer noch unter dem Dach seines Vaters wohnte und seit drei Jahren einer verflossenen Liebe nachtrauerte, die es nie wirklich gegeben hatte … zumindest nicht für sie … ich war so erbärmlich wie ich im Spiegel aussah!

Eine schnelle Dusche ließ mich ganz wach werden und gewährte mir kurz Abkühlung. Das reichte als morgendliche Hygiene. In weniger als einer Stunde würde ich sowieso von Kopf bis Fuß in Motoröl stecken. Außerdem gab es niemanden, den ich mit meiner Reinlichkeit beeindrucken wollte – eher wollte ich alle von mir fernhalten.

Seit fast zwei Jahren hatte ich den Job als Mechaniker bei Ollie's Autowerkstadt in Forks. Fast genauso lange war ich nicht mehr in der Schule gewesen. Ollie störte es nicht, dass ich keinen Schulabschluss hatte, solange ich für den Mindestlohn gute Arbeit leistete. Und Ollies Deodorant aus Jack Daniels und Budweiser würde meinen eigenen Geruch meilenweit überdecken.

Als nächstes steuerte ich die Küche an. An der Kühlschranktür hing ein Zettel mit Billy's lausiger Handschrift. Bin zum Angeln. Wird wahrscheinlich spät. War mir nur Recht so, dann konnte mein Vater mir wenigstens nicht ständig so mitleidige Blicke zu werfen.

Im Kühlschrank fand ich kaltes Hühnchen und Krautsalat. Von meiner Schwester Rachel in Plastikschüsseln verpackt. Alles probiotisch versteht sich. Sie war eine richtige Gesundheitsfanatikerin und achtete wie eine Krähe auf den Cholesterinspiegel von Billy. Er war in dem Alter, in dem Männer ständig Herzinfarkte bekamen - so wie Harry Clearwater ein paar Jahre zuvor.

Ich as das Hühnchen, machte einen großen Bogen um den viel zu gesund aussehenden Salat und trank dazu Saft direkt aus der Tüte, die ich fast leer und schadenfroh grinsend wieder in den Kühlschrank zurückstellte. Nur um Rachel zu ärgern.

Dann machte ich mich auf den Weg zur Arbeit.

Ollies Werkstatt lag genau zwischen Forks und dem Reservat von La Push, mitten im Nirgendwo also. Ich hatte keine Ahnung, warum er den schlechtesten Standort der Welt für sein Geschäft gewählt hatte - oder warum er nicht längst Pleite gegangen war ... am hervorragenden Service konnte es jedenfalls nicht liegen.

Ich schlurfte in die Werkstatt, die nicht viel größer und ebenso brütend heiß wie unsere Hütte war, und warf einen Blick in das angrenzende kleine Büro. Ollie schnarchte in seinem Stuhl mit weit offen stehendem Mund, schlief selig seinen Rausch aus. Sein kugelrunder Bauch schien fast aus seinem aufgeknöpften Overall zu platzen. Ein Tischventilator mühte sich vergeblich gegen die Mittagshitze ab und verteilte nur noch wärmere Luft im Raum. Das Radio lief und spielte James Morrison's "It's a wonderful world". Ich kannte sogar den ganzen blöden Text dank Rachel, die solche Singer/Songwriter-Schmonzetten rauf und runter dudelte.

I know that it's a wonderful world

But I can't feel it right now...

Ja, genau. Kluger Mann.

Ich begab mich zu dem Chevy, an dem ich seit Tagen rumschraubte, und schaute tief in die geöffnete Motorhaube, als würde ich dort alle Antworten auf alle Fragen finden. Wieso ich hier war? Wieso kein Tag verging, an dem ich nicht jemanden eine runter hauen wollte? Wieso mein Leben, so nett es auch war, irgendwie deplatziert wirkte, als würde etwas fehlen? Wieso ich über so etwas überhaupt nachdenken musste?

Bei der Arbeit konnte ich alles vergessen - es gab dann nur Schrauben und Kolben und mich ... keine Beinahe-Ex-Freundinnen, die mich in Träumen heimsuchten.

Ich liebte schnelle Autos, auch wenn ich mir keins leisten konnte, doch basteln tat ich am liebsten an den alten Modellen, wo Metall noch Metall war und die Eingeweide noch nicht mit so viel Elektronik voll gestopft war, dass man fast einen Ingenieurstitel brauchte, um sie zu verstehen. Während der Arbeit konnte ich alles andere ausblenden, was mir zu schaffen machte ... doch an diesem Tag war es anders.

Der Traum ließ mich nicht los.

Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte ich nicht mehr an Bella gedacht - und jetzt tauchte sie wieder aus der Versenkung auf und brachte alles durcheinander. Drei Jahre seit die Cullen Forks verlassen und Bella mitgenommen hatten ... die Welt war zu meinem Verdruss nicht stehen geblieben, wie ich es damals gedacht hatte. Das Rudel war an ihrem Verschwinden nicht ganz unschuldig gewesen, wir hatten ihnen praktisch keine Wahl gelassen, sonst wäre es zum Kampf gekommen. Andererseits war ich mir nicht sicher, ob ich den Anblick von Bella als Vampir ertragen hätte - vor allem wenn sie glücklich gewesen wäre.

Ja, ich war so ein Arsch - wollte sie lieber tot als glücklich auf eine Art, die ich nicht akzeptieren konnte. Herbe Selbsterkenntnis ließ mich zusammenfahren - in meinem Traum war Cullen das Monster, in der Realität war es am Ende doch nicht so einfach.

Ich schüttelte den Kopf, verdrängte die absurden Gedanken aus meinem Kopf, die mich ansatzweise Sympathie für einen Blutsauger empfinden lassen wollten, schnappte mir einen Schraubenschlüssel und machte mich an die Arbeit.

Das war besser als nachzudenken.


Nach einem harten Arbeitstag fand ich mich mit den anderen Rudelmitgliedern bei Sams Haus ein. Er war der Leitwolf und so war sein Heim so etwas wie unser Hauptquartier, der Mittelpunkt des Rudelalltags. Emily, Sams Frau, kochte immer für uns, genug um eine ganze Armee satt zu kriegen - oder ein hungriges Wolfsrudel. Sie wusste um unseren großen Appetit.

Der Abend war lau, immer noch im nur langsam schwindenden Griff der Tageshitze. Wir machten es uns auf der renovierungsbedürftigen Veranda gemütlich. Ich nickte Sam zu, als er sich zu uns gesellte und Emily sich in seinen Arm kuschelte. Die Beiden schienen völlig im Reinen mit sich und der Welt. Ich konnte den Anblick nicht lange ertragen ohne von Schuldgefühlen überrollt zu werden.

Seit einer ganzen Weile drängte mich Sam schon, seinen Platz im Rudel einzunehmen - Sam wollte das Rudel verlassen, um endlich eine Familie mit Emily gründen zu können und als Black-Sohn war ich der rechtmäßige Alpha. Doch ich wollte dieses Erbe nicht und die einhergehende Verantwortung. Es war unfair, sie stattdessen Sam aufzubürden, aber ich wusste, ich würde kein guter Anführer sein solange ich alle paar Nächte mit dem dringenden Verlangen aufwachte, einfach das Weite zu suchen...

Die Sommerluft schwirrte von dem Spiel der Grillen erfüllt - ich lauschte schweigend dem Geschwätz der anderen, jüngeren Wölfe. An Abenden wie diesen dauerte es nicht lange, bis man von der Vergangenheit eingeholt wurde. Bella. Als ich in die einbrechende Dunkelheit starrte - die Schatten, die sich allmählich von der Baumreihe lösten und über das Land wanderten - umgeben von all dem atmenden Glück der anderen Wölfe und ihren Lieben, spürte ich die alte Wunde, die Bellas Weggang hinterlassen hatte - die Leere in meinem Inneren. Wie ein ausgehöhlter Kürbis an Halloween, dem die Kerze fehlte.

Sam und Jared waren lange nicht mehr die Einzigen, die sich geprägt und ihre Seelenpartnerinnen gefunden hatten. Paul und Quil waren ihnen kurz darauf gefolgt (obwohl Quils Situation wesentlich komplizierter war), der kleine Seth mit seinen knapp 16 Jahren hatte schon seine Bree und sogar Leah hatte ihren Seelenverwandten gefunden. Ausgerechnet Leah! Auch wenn ihr Seelenpartner zu den fürchterlichsten Vertretern der menschlichen Zivilisation gehören musste ... Musiker!

Ich spürte einen Stich und er schmeckte nach purem Neid. Ja, ich war eifersüchtig auf ihr Glück, warum es ihnen vergönnt war und mir nicht. Wenn ich mich bisher nicht geprägt hatte, würde es wohl auch nicht mehr dazu kommen.

Jacob Black, ewiger Junggeselle.

Wenn ich mich schon nicht auf Bella prägen konnte, die mir so wundervoll vorgekommen war - genau das, was ich gewollt hatte ... dann konnte es sie gar nicht geben. Nicht in dieser Welt.

Der Abend war schon fortgeschritten als wir uns für den nächsten Patrouillengang vorbereiteten. Wir wechselten uns ab - am Tag übernahmen die jüngeren Wölfe, nachts übernahmen die Profis. Seit einer Weile war es verdächtig ruhig, seit dem letzten sporadischen Besuch der rothaarigen Vampirfrau, die anscheinend immer noch hinter Bella her war. Vielleicht hoffte sie, dass die Cullens früher oder später zurückkommen würden, jedenfalls tauchte sie immer wieder auf und wir jagten sie. Vielleicht hatte sie inzwischen aufgegeben. Andererseits sehnte ich mich nach einem anständigen Kampf. Ich wollte meine Zähne und Klauen in einen Blutsauger schlagen anstatt immer nur in Wild.

Kaum, dass ich mich verwandelt hatte, erfüllten die Stimmen der anderen Wölfe meinen Geist. Nach zwei Jahren als Wolf hatte ich mich längst an diese Invasion gewöhnt, meine Gedanken mit ihnen teilen zu müssen, keine richtige Privatsphäre zu haben. Nur wenn Paul anfing von Rachel zu fantasieren wünschte ich mir einen eingebauten Filter.

Das Durcheinander der verschiedenen Stimmen wurde von Sam zum Schweigen gebracht. Mit seiner Alphapräsenz brachte er Harmonie in das Rudelchaos. Seine Gedanken waren wachsam und auf Collin fixiert, der sich bereits auf Patrouille mit Brady befunden hatte. Sie hatten eine frische Geruchsspur entdeckt, die uns alle in Aufregung versetzte.

Vampire.

Keine die wir kannten, was bedeutete, dass sie zum ersten Mal unser Territorium streiften und daher keine Ahnung hatten, was sie erwarten würde. Selbst wenn sie uns gerochen haben. Leichtes Spiel für uns, wir waren ein eingespieltes Team und wussten, was zu tun war.

Das Rudel machte sich geschlossen auf den Weg zu Collins Position. Als wir jedoch eintrafen, waren die Vampire längst verschwunden - wahrscheinlich hatten sie uns gewittert und gleich wieder kehrt gemacht. Irgendwie kam es mir trotzdem komisch vor, dass sie nicht einmal versucht hatten, unsere Linie zu durchbrechen. Und ja, enttäuscht war ich auch, dass es keinen Kampf geben würde.

"Sei nicht so negativ, Jake", ertönte Sams stimme tadelnd in meinem Kopf. "Jeder Tag, an dem wir nicht kämpfen müssen, ist ein Tag, an dem wir nicht sterben können. Ein guter Tag." Ich konnte ihm nicht widersprechen, grummelte aber weiter vor mich hin. Die Worte eines Mannes, der tatsächlich einen Grund zum Leben hatte.

"Jake, du hast auch einen Grund zu Leben", erinnerte mich Sam. "Du hast deinen Vater, deine Schwestern und früher oder später wird dich das Universum auch zu deiner Seelenverwandten führen." Ich wollte die Augen verdrehen über diesen romantischen Kitsch - das Universum hatte es bisher nicht gerade gut mit mir gemeint. Und ich war ein Mann der Tat - ich wollte mir nichts vorschreiben lassen, schon gar nicht vom Schicksal. Ich wollte selbst entscheiden, wer meine Seelenverwandte war - weil meine bisherigen Entscheidungen ja auch immer so umwerfend gewesen waren...

Doch in meinem Inneren - so tief vergraben, dass nicht einmal meine Wolfsbrüder davon ahnten, steckte diese Sehnsucht nach genau dem, was Sam mir prophezeien wollte. Sieendlich zu finden. Nicht mehr alleine zu sein. Vervollständigt zu sein. Selbst wenn sie sich als so eine Niete wie Leahs Seelenverwandter entpuppen würde.

Ich wollte nicht für immer allein sein.


Am nächsten Tag und einer weiteren Nacht erfüllt mit Bella-Träumen stattete ich dem Friedhof von Forks einen Besuch ab, wo ich schon lange nicht mehr gewesen war. Meine Vorfahren und Verwandten ruhten alle auf dem Stammesfriedhof des Reservates. Das einzige Grab, das mich hier interessierte, war das von Bella Swan.

Ich schlich zwischen den Grabsteinreihen entlang und wappnete mich innerlich für den Anblick, der mir bevorstand. Das Schlimmste war vor dem Grab zu stehen und zu wissen, dass es leer war. Dass es alles nur Betrug war, um Bellas Eltern und den Rest der Welt zu täuschen. Nur das Rudel kannte die Wahrheit.

Vor dem Grab wartete bereits eine andere Person. Es sollte mich nicht überraschen, Bellas Vater Charlie vorzufinden. Er hatte einen frischen Blumenstrauß aus weißen Nelken niedergelegt.

"Hallo Jacob", begrüßte mich Chief Swan. Er trug seine gewohnte Polizeiuniform. "Ich habe dich lange nicht gesehen."

Seinem Blick ausweichend starrte ich stattdessen auf den Grabstein, las die Inschrift zum gefühlten Millionsten Male. "Ja, tut mir leid. Viel zu tun in der Werkstatt", log ich.

Die Wahrheit war, dass ich Charlie einfach gemieden hatte. Es war schwer genug, ihn zu belügen, ihm weiß zu machen, dass seine Tochter tot war, doch ihm dabei in die Augen - in Bellas braune Augen - sehen zu müssen, war grausam. Charlie hatte sich verändert, es ging ihm zwar wieder besser, aber er würde nie wieder der Gleiche sein. Wie konnte er auch. Der Verlust eines Kindes machte das mit Menschen - sie besaßen eine neue Aura der Melancholie. Es schürte meine Wut auf die Cullens und Bella, dass sie ihm das angetan hatten.

"Du könntest immer noch das College besuchen", meinte Charlie abwesend. Ich lachte in mich hinein - klar, in einer Parallelwelt, in der man keine guten Noten oder High School Abschluss dafür brauchte. Charlie sah mich an. "Etwas Richtiges aus dir machen."

Jetzt klang er wie Billy. Ich nickte, weil es das war, was er wohl erwartete. Aber wie die meisten Rudelmitglieder hatte ich die Schule vernachlässigt und war schließlich geflogen. Selbst vorher waren meine Noten nur unterer Durchschnitt, nicht annähernd gut genug für ein Stipendium - und das wäre die einzige Möglichkeit gewesen, mir den Collegebesuch finanzieren zu können.

"Ich bin gerne Mechaniker" sagte ich stattdessen und stopfte die Hände in die Taschen, um ihr Zittern zu verbergen. Sich vor Charlie zu verwandeln wäre keine gute Idee, er war auch in dem Herzinfarkt-Alter.

Der Chief seufzte. "Bella wäre aufs College gegangen. Sie hätte die Welt erobert." Er rieb sich die Stirn. "Sie hätte Präsidentin werden können!"

Der Gedanke ließ mich schmunzeln, als ich mir Bella vorstellte, wie sie zur Vereidigung die Treppe des Kapitols herunter schritt und vor der gesamten amerikanischen Bevölkerung in typischer Bella-Manier über ihre eigenen Füße stolperte. Mein Lächeln gefror, als mir wieder bewusst würde, dass das nie passieren würde. Jetzt, wo sie ein Vampir war, würde sie nicht mehr stolpern oder atmen oder erröten. Sie wäre kalt wie Stein und ihr Herz würde nicht mehr in meinem Rhythmus schlagen ... falls es das jemals getan hat.

Ich schüttelte die düsteren Gedanken ab. Dann klopfte ich Charlie zum Abschied auf die Schulter und ließ ihn am Grab zurück. Ich konnte den Anblick nicht länger ertragen ohne dass der Wolf sich in mir regte.


Die Tage zogen weiter ins Land. Der Sommer nahm Abschied und allmählich verfärbten sich die Blätter. Erste Herbststürme lagen in der Luft. Und nichts war geschehen. Die Vampire hatten sich nicht noch einmal Blicken lassen, hatten wahrscheinlich alle so die Hosen voll, dass sie sich in ihrer Gruft verkrochen hatten.

Ich machte mich rar im Reservat, vergrub mich in der Arbeit, lebte weiter wie bisher, doch von dem allwöchentlichen Lagerfeuer konnte ich nicht fernblieben. Auch wenn ich alle Stammeslegenden auswendig kannte und sie mich zu sehr an die Wirklichkeit erinnerten. Die Lagerfeuer waren jedoch nicht bloße Zusammentreffen bei Essen und Bier, sie waren auch Ratssitzungen und Rudelbesprechungen. Es wurden Neuigkeiten ausgetauscht und Entschlüsse getroffen, die den ganzen Stamm betrafen. Zudem war Billy seit dem Tod von Quils Großsvater Stammesältester und als sein Sohn erwarteten alle meine Anwesenheit.

Ich machte mir nicht die Mühe, meinen Öl befleckten blauen Overall auszuziehen, sondern machte mich direkt auf dem Weg zum Strand, folgte dem kleinen Trampelpfad, die Klippe von First Beach hinunter. Während ich mich der Feuerstelle, die wie eine rote Lampe gegen sich verdunkelnden Horizont abzeichnete, näherte, stiegen mir appetitliche Gerüche in die Nase, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen und mich daran erinnerten, dass ich seit dem Frühstück nichts gegessen hatte. Ich schnappte mir eines der gebratenen Hähnchen, die Sue Clearwater verteilte und suchte mir einen Platz zwischen all den hungrigen Wölfen und Pärchen. Innerlich stöhnte ich auf bei dem Anblick von soviel Glückseligkeit an einem Ort. Das sollte verboten werden.

Ich ließ mich auf einem angespülten Stück Treibholz neben Seth nieder, der mich kaum wahrnahm. Viel zu sehr war er damit beschäftigt SMS mit seinem neuen modischen Mobiltelefon zu verschicken. Es war giftgrün, ein Geschenk seiner Freundin Bree - und der Klingelton war "Who let the dogs out?". Seth störten solche Klischees nicht. Er trug auch Shirts mit zähnefletschenden Wolfskarikaturen.

"Kommt deine Freundin nicht?" fragte ich Seth in dem Versuch ein Gespräch anzuzetteln. Er tippte weiter, während er antwortete.

"Nee, sie hat Hausarrest, weil wir letztes Wochenende zulange aus waren. Aber ich schau später noch bei ihr vorbei."

Ich verzog amüsiert das Gesicht. "Ihre Eltern werden sicher begeistert sein."

Seth lachte schelmisch mit funkelnden Augen voll jugendlicher Unbekümmertheit. "Die werden davon gar nichts mitbekommen. Ich weiß, wie man in das Zimmer eines Mädchens einsteigt. Ich bin ja kein kleines Kind mehr."

Ich hielt geschlagen die Hände hoch. "Solange du es nicht bei dem falschen Mädchen tust." Seth verdrehte die Augen, als hätte ich etwas unglaublich Dummes gesagt. Ich beließ es dabei, denn mit geprägten Wölfen über Liebe zu diskutieren war eine Einbandstraße.

Während Billy die Legende von Taha Aki, dem ersten Wolfskrieger, mal wieder zum Besten gab, schaute ich ins knisternde Feuer. Meine Gedanken begannen ihre eigene Reise, streiften gefährliches Territorium...

Wie meine Seelenverwandte wohl sein würde?

Ich versuchte sie mir bildlich vorzustellen, setzte sie wie ein Puzzle zusammen ... Der Humor von Mae West, der Verstand von Hilary Clinton, der Körper von Megan Fox...

Würde sie viel Ähnlichkeit mit Bella aufweisen oder wären sie so verschieden wie Tag und Nacht? Vielleicht hatte ich mich deshalb nie auf Bella geprägt - weil sie so anders war als meine "vorbestimmte Seelenverwandte" war ... aber müsste ich nicht am Besten wissen, wie sie sein müsste? Müsste sie dann nicht so sein, wie das Mädchen, zudem ich mich hingezogen gefühlt hatte? Wie Bella? Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, für jemanden ähnlich zu empfinden, der völlig anders als Bella war...

Es war eine Qual daran zurückzudenken, wie oft ich als Frischling aufgewacht war und mir nichts sehnlicher gewünscht hatte, mich auf Bella zu prägen - einen legitimen Anspruch auf sie zu haben ... ich war so überzeugt gewesen, dass es nur sie geben konnte ... nur, dass es sie eben nicht war.

Stattdessen war sie mit einem Vampir durchgebrannt!

Meine Gedankenpfade wurden jäh von Wolfsgeheul unterbrochen, das plötzlich durch den Wald drang und das Rudel in Aufruhr versetzte. Die Tonlage war eindeutig - irgendetwas stimmte nicht.

Sam schickte Emily und die anderen Nicht-Rudelmitglieder in ihre Häuser. Mit sorgenvoller Miene suchten seine Augen den dunklen Waldrand ab, bevor er sich verwandelte. Sein Fell war genauso schwarz wie die Nacht, die uns umgab, verschluckte ihn fast vollkommen vor unseren Augen als wäre er ein Teil von ihr. Nur hin und wieder konnte man eine Bewegung in der Dunkelheit erahnen, wenn das Licht vom Haus in Wellenkämmen über sein Fell huschte.

In Wolfsgestalt waren Sams Instinkte und Sinneseindrücke um ein vielfaches geschärft, doch man musste kein Wolf sein um die Gefahr in der Luft zu spüren. Etwas war ganz gewaltig faul hier.

Sam reckte die Schnauze in die Luft, die Nasenlöcher gebläht, nach irgendeiner Witterung suchend. Der Wind hatte aufgefrischt und das Laub raschelte voll verwunschener Warnungen.

Wir folgten Sams Beispiel und verwandelten uns. Inzwischen war die Verwandlung ein Kinderspiel für mich. Kaum, dass ich die Gestalt gewechselt hatte, war ich nicht mehr allein mit meinen Gedanken, mein Kopf erfüllt von den vertrauten Stimmen meiner Brüder - und Leah. Sams Alphastimme brachte Ruhe in das Chaos, leitete uns wie ein geschickter Dirigent ein großes Orchester, ließ uns zu einer Einheit verschmelzen. Viele Köpfe, ein Gedanke sozusagen.

Wir hörten Embry, Collin und Joshua, die auf Patrouille gewesen waren und uns alarmiert hatten - sie waren aufgeregt, nervös.

"Sie sind es" wiederholte Embry mit derselben Mischung aus Euphorie und Grauen, die auch mich erfasste. "Sie sind wieder hier. Die Blutsauger, die uns entwischt sind."

"Das werden sie diesmal nicht!" warf Paul grimmig ein und fletschte die Zähne, wetzte die Krallen unruhig auf dem Waldboden. Vielleicht war er doch noch kein Schmusekätzchen.

"Was haben sie genau gemacht?" fragte Sam ganz professionell, ließ sich von unserer Ungeduld nicht anstecken und konzentrierte sich auf das Wesentliche.

"Sie sind um unser Territorium geschlichen, als wollten sie uns auskundschaften. Als sie uns bemerkt haben, haben sie den Rückzug angetreten, aber Colin und Josh verfolgen sie."

"Nein, sie sollen auf uns warten", meinte Sam, versuchte nach den beiden Wölfen mit seinem Geist zu tasten - entweder waren sie außer Reichweite oder wollten einfach nicht hören. "Dumme Frischlinge!" grummelte Sam und rannte in den Wald. Wir folgten ihm in geschlossener Formation, rannten auf Embrys Position zu. Als wir zu ihm aufschlossen, folgten wir der Spur der beiden abtrünnigen Wölfe. Sam an der Spitze, Paul und ich zu seinen Flanken. Ein paar Meilen vom Reservat entfernt an der Küste holten wir die Beiden ein.

"Sie sind ins Wasser gesprungen, bevor wie sie erwischen konnten", berichtete Collin aufgedreht und lief auf dem Felsen auf uns ab, nach irgendeinem Zeichen für den Verbleib der Vampiren suchend. Die Erinnerungen an die Verfolgungsjagd, die er mit uns teilte, waren verwirrend. Von den Blutsaugern sahen wir in der grauen Nacht nur ein flatterndes Etwas durch den Wald schießen und schließlich in den Wellenbergen verschwinden. Flüchtig wie Schatten.

"Dann war ihr letzter Besuch nicht nur Zufall", sinnierte Sam. "Sie wollen etwas Bestimmtes hier, das sie wieder zurückkommen lässt."

"Vielleicht gehören sie zu der rothaarigen Schlampe", schnaubte Jared. Wir alle stimmten ihm zu - normale Vampire würden kein zweites Mal zurückkommen, dazu war ihr Selbsterhaltungstrieb zu stark.

Sam war wenig überzeugt von Jareds Theorie, ich nahm seine Zweifel wie meine eigenen wahr. "Was auch immer sie hier wollten, sie werden sicher ein drittes Mal zurückkehren. Darauf sollten wir vorbereitet sein. Und diesmal lassen wir sie nicht wieder entkommen."

Amen!


A/N:

Songs zum Kapitel: "It'sawonderfulworld" von James Morrison und "Hometown" von The Killians.

Ich hoffe, das Kapitel hat euch gefallen. Wie immer interessiert mich eure Meinung sehr und ich würde mich über Kommentare freuen, wenn ihr die Zeit und Muse findet.

Ich bin nicht wirklich zufrieden, vor allem das Ende fand ich etwas gehetzt, aber mir fällt es schwer aus der Sicht der Wölfe zu schreiben, vielleicht brauche ich da einfach noch etwas Übung.

Und nebenbei - Jake hat natürlich keine Ahnung was "probiotisch" eigentlich heißt.

Bis dahin :D