A/N:
Hey ho, ich hoffe ihr seid alle gut ins neue Jahr gekommen. Bei mir ist das letzte Jahr leider nicht so rosig zu ende gegangen.
Meine externe Festplatte war gecrascht, auf der ich alle bisherigen Kapitel und alles Vorgeschriebene für die Zukunft gespeichert hatte - auch die ganze Songauswahl zu den Kapiteln. Was also hieß praktisch wieder bei Null anfangen, deswegen hat das Schreiben noch länger gedauert.
Eigentlich hätten dies 2 Kapitel werden sollen, aber das 2. wäre zu kurz geworden (oder ich hätte sie ungeschickt aufteilen müssen), deswegen habe ich es bei einem belassen.
Ich hoffe, dass nicht allzu viele Schreibfehler drin sind und dass euch das Kapitel gefällt.
Zwischenspiel – Teil 2: Rubikon
Jacob's POV – La Push, 3 Jahre zuvor…
Noch in derselben Nacht verdoppelten wir die Patrouillen, patrouillierten fast rund um die Uhr durch den verschlungenen Wald von Forks und Umgebung. Die nächsten Tage blieben ruhig, doch unsere Alarmbereitschaft blieb bestehen. Wir wollten nicht noch einmal überrascht werden. Nicht noch einmal vorgeführt werden. Alle waren angespannt. Es kam uns vor wie die Ruhe vor dem Sturm. Meine Nackenhaare schienen ständig gesträubt als Zeichen meiner eigenen Anspannung - selbst wenn ich nicht verwandelt war, fühlte ich mich wie am Rand Wahnsinns. Als würde ein kleiner Funken genügen mich in Brand zu stecken.
Dann geschah genau das, was wir befürchtet aber keiner mit gerechnet hatte ... die Vampire kamen zurück.
Ich war mit Seth auf der anderen Seite des Quillayute River unterwegs, als wir über den uns bereits bekannten Geruch stolperten. So süß wie der Tod. Wie verfaultes Obst in der Sonne. Menschen rochen vergänglich, nach Leben, aber Blutsauger rochen nach kalter Asche und Kohle. Sofort teilten wir unsere Entdeckung mit dem restlichen Rudel. Sam gab den Befehl uns am Fluss zusammeln, um die Vampire gemeinsam zu verfolgen.
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis die anderen überall im Wald aus allen Richtung zu uns stießen. Fast das gesamte Rudel, wir warteten nur noch auf zwei Nachzügler. Collin und Josh waren nicht für ihre Pünktlichkeit bekannt, dennoch waren sie noch nie so langsam gewesen. Unruhig lief ich am Flussufer auf und ab und wartete darauf, dass wir endlich losziehen konnten.
Als die beiden jungen Wölfe immer noch nicht aufgetaucht waren, versuchten wir sie mit unserer Gedankenverbindung zu erreichen - vielleicht waren sie außer Reichweite und hatten Sams Befehl irgendwie überhört. Wir konnten sie jedoch nicht finden. Das ganze Rudel war schockiert. Das war noch nie passiert - besonders die jungen Wölfen durften sich eigentlich nicht so weit entfernen, dass wir sie nicht mehr hören konnten. Sie waren zu jung und unerfahren, um es alleine mit Vampiren aufnehmen zu können.
"Da stimmt etwas nicht!", stellte ich als erstes fest. Ich hatte dieses untrügliche Gespür, dass etwas passiert war. "Sie waren doch eben noch da..."
Paul fing an zu knurren. Die anderen stimmten überwältigt von ihren Gefühlen mit ein. Etwas Bedrohliches lag in der Luft. Eine Bedrohung, die wir in unserem Blut spüren, aber nicht sehen konnten. Zu der Wut über die Vampire mischte sich die Angst um unsere Brüder zu einem schwellenden Ball des Entsetzens. So etwas war noch nie passiert.
Was war mit ihnen geschehen?
So viele Fragen.
"Wieso können wir sie nicht mehr hören?"
"Vielleicht haben sie sich zurückverwandelt?"
"Ohne uns vorher Bescheid zu geben?"
"Vielleicht sind sie auch nur etwas essen..."
"Wir werden es bestimmt nicht herausfinden, wenn wir hier nur dumm rum stehen und spekulieren!"
"Wir müssen sie auf der Stelle suchen!"
Da waren wir uns alle einig und beschlossen die Spur der Blutsauger vorerst zu vergessen und stattdessen nach den beiden Vermissten zu suchen. Es war aber nicht verwunderlich, dass sich beide Spuren irgendwann im Wald kreuzten. Anscheinend hatten diese dummen Jungen versucht die Vampire auf eigene Faust zu stellen.
Der Gestank der Blutsauger wurde intensiver, als wir die äußerste Grenze unseres Territoriums erreichten, doch schlagartig brach die Spur dort ab. Verlor sich mitten im Nichts, als hätte man sie mit einem kalten Messer abgeschnitten.
Wir suchten und schnüffelten herum wie Lassie in seinen besten Filmtagen, konnten die Spur aber nicht wieder finden. Kalter Wind schien alle Spuren fortgeweht zu haben.
Es wurde uns schell klar, dass die anderen Vampire nur ein Ablenkungsmanöver gewesen waren, um die beiden jungen Wölfe von der Gruppe zu trennen und hierher zu locken - typisches Jagdverhalten in der Natur, aber nicht für Vampire - sie waren kein Rudel, agierten nicht in Gruppen wie die Cullens ... auch nicht wenn es um Werwölfe ging, also warum?
Um uns einzeln zu erwischen und töten zu können? Aber sie mussten doch wissen, das sie sich so das ganze Rudel auf den Hals hetzen. So verrückt hatten sich Blutsauger noch nie verhalten, nicht einmal die Cullens, und die waren schon ziemlich verrückt in ihrer Art gewesen.
Der Boden war aufgewühlt, das Gras zertreten und einige Zweige umgeknickt. Es fehlten jedoch richtige Kampfspuren. Kein zerstörtes Unterholz, kein Blut, aber vor allem ... keine Leichen. Wolfsleichen oder Vampirreste. Nichts, was auf einen Kampf hin gedeutet hätte.
Sie waren einfach verschwunden - und unsere Brüder mit ihnen...
Tage vergingen.
Wochen gingen ins Land.
Nichts geschah.
Die Vampire ließen sich nicht wieder blicken. Und mit ihnen blieben Collin und Josh verschwunden. Wir versuchten das Ganze so gut es ging zu vertuschen - ihre Eltern waren nicht in die Wahrheit der Legenden eingeweiht und wussten nicht, dass ihre Söhne Werwölfe waren - für sie waren die Beeiden nur gewöhnliche Ausreißer, wie es sie oft genug beim Stamm gab.
Die Frage, was wirklich geschehen war, was aus den beiden geworden war, ob sie überhaupt noch lebten, lastete schwer auf unserem Rudelgewissen und sorgte für zusätzlichen Zündstoff unter den Wölfen. Die Stimmung verschlechterte sich mit jedem Tag der Ungewissheit. Sorge und Reue zerfraßen uns innerlich und brachten uns dazu, uns gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Sam hatte alle Mühe das Rudel unter Kontrolle zu halten, damit wir uns nicht die Köpfe einschlugen.
Ich machte mich rar im Reservat - noch mehr als zuvor - vergrub mich in der Arbeit und versuchte nicht daran zu denken, wie eingerostet mir alles erschien. Ich machte so viele Überstunden wie möglich und es gelang mir tatsächlich ein wenig Geld zu sparen. Ich wollte mir ein neues Motorrad kaufen - oder besser einen alten Schrotthaufen vom Schrottplatz, ihn wieder flott machen und wenn das Bike wieder funktionstüchtig war ... tja, was dann? Mich einfach in den Sattel schwingen und abhauen? Der Straße irgendwo hin folgen, wo immer die Sonne schien und es daher auch keine Vampir geben konnte?
Phoenix vielleicht ... dort war es doch immer sonnig, hatte mir Bella erzählt.
Wenn ich nicht arbeitete oder patrouillierte, bastelte ich an meinem alten Volkswagen herum. Schon lange wollte er nicht mehr anspringen, ich konnte den Fehler einfach nicht finden. Ein weiterer Grund, warum ich ein Motorrad wollte - ich brauchte irgendeinen fahrbaren Untersitz. Ich klammerte mich an den Gedanken, ihn doch wieder hinzubekommen, weil er der letzte Teil schien, der mich noch an Bella erinnerte. Alles andere war mehr oder weniger aus meinem Leben verschwunden.
Und wenn ich schon nicht meine Brüder beschützen konnte, dann konnte ich genauso gut auch abhauen und alles hinter mir lassen.
Ganz von vorne anfangen ohne irgendwelchen übernatürlichen Ballast...
Den ganzen Tag bis spät in die Nacht brütete ich über der offenen Motorhaube, ignorierte das Telefon, das schon den ganzen Tag keine Ruhe gab und an dessen anderem Ende eine furchtbar wütende Ex-Freundin lauerte, um mir Vorhaltungen zu machen, wie ich unsere Beziehung ruiniert hatte - indem ich mich zu wenig bemüht hatte ... oder zu sehr. Ich hatte irgendwann dann aufgehört, aus Lizzis Vorwürfen schlau werden zu wollen. Ich hatte es ihr nie recht machen können. Weswegen unsere Beziehung auch keine sechs Monate gehalten hatte.
Wieso kriege ich das nicht hin? Es war zum aus der Haut fahren! Das Einzige, womit ich mich wirklich auskannte waren Autos und jetzt ließ mich selbst dieses Wissen im Stich. Ich stieß einen tiefen Frustschrei aus und in einer Kurzschlussreaktion pfefferte ich den Schraubenschlüssel, der sich als genauso unnütz erwiesen hatte wie mein Mechanikergeschick, in Richtung des offen stehenden Garagentors. Im selben Augenblick tauchte Embrys Siluette vor dem schwarzen Hintergrund des Waldes auf und konnte dem Geschoss gerade noch ausweichen.
"Whoa, man! Pass doch auf, wo du hinzielt!" maulte er. "Du hättest mein hübsches Gesicht zerkratzen können."
"Welch großer Verlust für die holde Weiblichkeit", spottete ich und wischte die Öl verschmierten Hände an meinem Hemd ab, das bereits von einer Landschaft verschiedenster Flecken zierte - von Öl angefangen bis zur Chilli-Souce meines Mittagessens.
"Was auch immer", lachte Embry etwas gezwungen und schüttelte den Kopf mit den wirren schwarzen Locken. Er ließ sich an der Werkbank nieder, schaute sich in der kleinen Garage um, stieß einen langen Pfiff aus. "Warst du wieder den ganzen Tag hier drin? Das dir nicht die Decke auf den Kopf fällt."
"Gewöhnungssache", meinte ich und zauberte zwei Bierfalschen aus dem Handschuhfach des Wagens hervor, wo ich sie vor Billy versteckt hatte. Bei dem Thema Alkohol war er wie jeder andere Vater - er trank selbst - zumindest hat er das getan, als er noch nicht körperlich so angeschlagen gewesen war - aber wollte nicht, dass sein Sohn es tat. Da tat es auch nichts zur Sache, dass mein Wolfkörper den Alkohol schneller wieder abbaute als ich überhaupt trinken konnte und keiner von deswegen richtig betrunken werden konnte. Das Feuerwasser des weißen Mannes war Teufelswerk.
Ich öffnete die beiden Flaschen und reichte eine an Embry weiter, bevor ich mich an die Motorhaube lehnte und einen tiefen Schlug nahm. Das Bier war warm und schmeckte billig.
Ich sollte mir endlich so einen Mini-Kühlschrank besorgen, dachte ich.
"Kann ich dir trotzdem nicht verdecken, dass du dich hier verkriechst", fuhr Embry fort. "Im Moment ist es im Reservat schwer auszuhalten ohne durchzudrehen. Und jetzt ist wieder eine dieser Touristengruppen im Reservat unterwegs. Denen würde ich jeden Blutsauger vorziehen. Alles müssen sie fotografieren und endlose Frage stellen zu unserem..." Er machte demonstrativ Anführungszeichen in der Luft und seine Stimme wurde bissig. "...'kulturellen Erbe'! Sie nehmen sogar heute Abend am Lagerfeuer teil. Soll so ein gefaktes Ding werden. Vielleicht gibt es sogar einen Regentanz."
"Ein Regentanz?" Meine Augenbrauen schossen in die Höhe vor Unglauben. "In Forks? Was wollen die erreichen? Die nächste Sintflut? Und was meint der Ältestenrat dazu?"
Embry zuckte die Schultern, machte die internationale Geste für Zaster. "Es bringt Geld in leere Kassen, also was sollen sie schon dazu sagen?" Auch wieder wahr. Nur weil sich die Quileute in Werwölfe verwandeln konnten, bedeutete das nicht, dass unser Stamm nicht unter denselben sozialen und finanziellen Problem litt wie die anderen Reservate. Auch wir mussten an unsere Rente denken.
Ich seufzte genervt. "Solange sie nicht durch die Wälder streunen." Embry nickte zustimmend.
"Das sollten sie lieber nicht versuchen. Also, können wir los? Ich habe den anderen versprochen, dich zum Lagefeuer zu schleifen, auch wenn es das Letzte ist, was ich tut." Es war ein Scherz, doch Embry bemühte sich tot ernst zu wirken. Ich starrte zurück. Das hatten wir als Kinder oft gespielt, uns solange angestarrt, bis einer nachgegeben hat - meistens Embry. Doch diesmal war ich es. Mein Freund wollte mich nur aufmuntern und aus meinem Rattenbau locken, und ich war ihm dankbar dafür. Wir brauchten beide etwas Ablenkung - um nicht daran denken zu müssen, was mit Collin und Josh geschehen war...
"Na schön. Sind unter diesen Touristen wenigstens ein paar hübsche Mädchen?"
"Vergiss es! Die habe ich alle schon reserviert!"
Es war inzwischen kalt geworden. Die Temperaturen krochen immer wieder unter 0 Grad und die Kraft der Sonne reichte nicht mehr aus, das Land groß zu wärmen. Frost durchtränkte die Luft und bald würde es auch schneien. Ich hatte genug Winter in Forks erlebt, um die Anzeichen genau deuten zu können. Für dieses Jahr waren die warmen Tage vorbei und der Winter würde lang und dunkel werden.
Als wir am Strand eintrafen, schien der halbe Stamm versammelt zu sein. Auch die Kids, die sich sonst lieber davon fern hielten. Die Stimmung war gelöst wie schon seit Wochen nicht mehr. Es tat gut, meine Rudelbrüder wieder lachen und scherzen zu sehen. Einige spielten Fußball im Schein der aufgestellten Fackeln. Die meisten lauschten den von Billy angestimmten Stammeslegenden - die jugendfreie, entschärfte Version ohne Werwölfe oder Vampire.
Unter den vertrauten Gesichtern entdeckte ich auch schnell die Touristen. Kaum zu übersehen mit ihren Kameras und Notizblöcken - waren sie hier um Urlaub zu machen oder eine anthropologische Studie durchzuführen?
Embry und ich gesellten uns zu den anderen Wölfen und ihren Geprägten etwas abseits der Feier. Kurz nach uns traf auch Leah ein ... und sie hatte ihren Partner Riley Biers dabei ... und der hatte seine Gitarre vorbei. Ein Schauer lief mir den Rücken herunter bei dem Gedanken, was uns noch bevorstehen würde...
Embry stieß mich in die Seiten, in seinen Augen spiegelte sich das gleiche Grauen wie in meinen. "Oh shit, nein!" stöhnte Paul, was ihm einen deutlichen Klaps auf den Hinterkopf von Rachel einbrachte. Hatte ich erwähnt, dass sich Paul ausgerechnet auf meine Schwester hatte prägen müssen? Paul, der ungefähr so viel Kontrolle über seine intimen Gedanken hatte wie eine Kuh über ihre Flugbahn in einem Tornado? War das Leben nicht witzig?
Leah und ihr Herzblatt ließen sich bei uns nieder. "Hey Leute", begrüßte uns Riley sichtlich nervös. Er umklammerte Leahs Hand wie ein Schraubstock und hielt die Gitarre wie ein Schild eng am Körper - als könnte ihn das vor uns beschützen.
Riley war Musiker und Leah war seit der Prägung seine Muse. Bei jedem seiner Besuche brachte er ihr ein Ständchen. Leider hatte die Prägung sein musikalisches Talent völlig unangetastet gelassen - er hatte einfach keins. Leah sah das natürlich anders, aber sie war voreingenommen. Er hätte ihr wahrscheinlich auf einem Kamm etwas vorblasen können und sie hätte ihn immer noch für American Idol - Material gehalten.
Wir konnten nicht anders, als ihn jedes Mal bis aufs Blut zu triezen - oder bis Leah anfing uns in den Hintern zu treten - aber man musste dem Jungen auch zugute halten, dass ihn ein garstiges Rudel Werwölfe nicht davon abhalten konnte Leah zu sehen ... vielleicht liebte er sie tatsächlich...
Es war wieder ein Heulen in der Nacht, der uns unerwartet aufschreckte. Der Ruf eines Wolfes, der uns warnte. Wie gewohnt waren zwei vom Rudel auf Patrouille geblieben, um die anderen notfalls alarmieren zu können. Und heute Nacht schien das wieder der Fall zu sein.
Die Stammesmitglieder, die nicht in das Geheimnis unserer Vorfahren eingeweiht waren, wurden unruhig und sahen sich ratlos um - vor allem die Nähe des Wolfes schien sie zu verunsichern. Wir lebten am Rande des Wildnis, trotzdem hatten die meisten Quileute noch nie einen Wolf aus der Nähe gesehen.
Wir Werwölfe wussten es natürlich besser - und wir konnten den Ruf eines durchschnittlichen Wolfes auch von dem einer unserer Rudelmitglieder unterscheiden. Sam sah über den Strand hinweg, sah die besorgten Gesichter. Seltsamerweise blieben die Touristen erstaunlich ruhig - vielleicht hielten sie das alles für einen Teil des vorgetäuschten Lagerfeuers. Eine dumme Inszenierung. Aber wegen ihrer aufmerksamen Blicke und gezückten Kameras durften wir kein Risiko eingehen und konnten uns auch nicht am Strand verwandeln.
Sam wandte sich an Emily. "Bring die Leute in die Häuser. Sag ihnen irgendwas, damit sie drin bleiben", wies Sam er sie zügig an. Emily nickte verstehend - sie wusste um die Gefahr, falls es sich wieder um einen Vampirangriff handelte - und küsste ihn zum Abschied.
"Seid vorsichtig und kommt alle heil zurück", sagte sie, bevor sie seiner Anweisung Folge leiste und die anderen vom Strand in Richtung Siedlung scheuchte.
Wir stürmten den Strand entlang und verwandelten uns, sobald wir im Wald waren und vor neugierigen Blicken geschützt. Die beiden Wölfe, die auf Patrouille gewesen waren, berichteten uns sofort von ihrer Entdeckung - Vampire.
Es war der gleiche Geruch wie bei unseren entführten Brüder, dieselben Vampire!
Die Spur führte uns tief in den Wald, wo die Bäume so dicht standen, dass es schwer fiel bei unserer Größe sich zwischen ihnen lautlos zu bewegen.
Die Vampire waren nicht alleine, es waren weitere bei ihnen, doch wir waren ihnen immer noch zahlenmäßig im Vorteil. Sie standen einfach nur da, gehüllt in dunkle Umhänge, wie Statuen. Die Kapuzen verhüllten ihre bleichen Fratzen. Zwei von ihnen waren kleiner, hatten die Statur von Kindern. Wie alt sie gewesen sein mochten, als sie zu Monstern wurden? Ich schüttelte den Gedanken ab, sie blieben Blutsauger und für Mitleid war es zu spät.
"Denkt daran", mahnte Sam brodelnd vor Zorn wie wir anderen auch. "Wenn wir herausfinden wollen, was mit Colin und Josh geschehen ist, brauchen wir einen von ihnen lebend." Das würde schwer genug werden - wir wollten Blut sehen - oder in diesem Fall Vampirgift!
Wir stürmten geschlossen los, unsere Pranken donnerten über den Waldboden. Sam rannte an der Spitze und führte uns mit gefletschten Zähnen an. Der Geruch wurde immer penetranter. die Vampire rührten sich immer noch nicht, gaben ihre perfekte Formation nicht auf. Wollten sie sich nicht wehren? Konnte dies eine weitere Falle sein?
Sam wurde langsamer, wir anderen wurden es auch. Misstrauisch knurrte er die Vampire an. Er war zu dem gleichen Schluss gekommen wie ich - die Vampire hatten irgendetwas vor. Sie rechneten damit, dass wir sie angriffen, sie wollten es.
Schließlich kam doch Bewegung in die Reihen der Vampire. Eine der kleineren Gestalten trat vor, schlug die Kapuze zurück und enthüllte ihr Gesicht. Es war ein junges Mädchen mit hellem Haar, oder das, was von ihm übrig war. Das leuchtende Rot ihrer Augen verriet, dass sie ihre kindliche Unschuld lange verloren hatte. Ihr Lächeln war schauderhaft, als wäre sie direkt aus dem Film "Das Dorf der Verdammten" entsprungen.
Sie sagte nur ein Wort, das der Wind wie ein Flüstern über die Lichtung zu uns trug. "Schmerz."
Sam jaulte auf, warf sich auf den Boden und krümmte sich vor Schmerz. Wir spürten es durch unsere Gedankenverbindung. Spürten es, als würden wir die Schmerzen selbst erleiden. Es fühlte sich an, als würde man bei lebendigem Leib verbrennen. Ich hatte bisher in meinem Leben nur einmal einen solchen allumfassenden, heißen Schmerz gespürt und das war bei meiner ersten Verwandlung zum Werwolf gewesen.
Ich krümmte mich, biss die Zähne zusammen und blinzelte durch den Schmerz, versuchte zu erkennen, was geschah. Das ganze Rudel lag am Boden, denn wir alle teilten Sams Schmerz. Er war der Alphawolf - was er spürte, spürten wir alle. Ich sah das Vampir-Mädchen. Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf Sam gerichtet, aber das reichte aus, um uns alle außer Gefecht zusetzen ...
Sie wissen es, schoss es mir durch den Kopf, heller als der Schmerz. Sie wissen von unserer Verbindung und wie sie sie gegen uns einsetzen konnten ... Colin und Josh ... so haben sie davon erfahren ... deswegen wurden sie entführt ... um unsere Schwächen herauszufinden ... alles geplant!
Die Wut gab mir neue Kraft, so dass ich mich wieder auf die Füße rappeln konnte. Das Vampir-Mädchen, sie war die Quelle des Schmerzes. Wenn es mir gelang, sie zu töten, könnten wir uns wehren. Ich sammelte alle meine verbliebene Kraft zusammen und setzte mich entschlossen in Bewegung, schoss auf die Vampire zu - strauchelnd und nicht halb so schnell, wie ich wollte, aber ich hoffte, ich hatte das Überraschungsmoment auf meiner Seite.
Doch bevor ich sie erreichen konnte, bewegte sich die andere kleine Gestalt neben dem Mädchen, wahrscheinlich noch ein Vampirkind. Sie drehte nur leicht den Kopf in meine Richtung. Die Kapuze verbarg das Gesicht der Gestalt, doch ich wusste, sie hatte mich bemerkt. Der Nebel um mich verdichtete sich, seine Struktur veränderte sich und nahm mir die Sicht, tastete dich über mein Fell wie kalte, tote Finger und umschloss mich, strömte in meine Lungen und erfüllte mich mit grauenhafter Kälte.
Aber es betraf bei Weitem nicht nur mein Augenlicht, das plötzlich schwächer wurde, auch meine anderen Sinne versagten. Ich konnte nichts mehr hören, nichts mehr riechen. Ich konnte meine Beine nicht mehr spüren - lief ich überhaupt noch oder lag ich längst auf dem Boden?
Alles war verschwunden - der Wald, der Schmerz...
Ich spürte gar nichts mehr ... als wäre ich in einem leeren Raum, einem absoluten Nichts. Es gab nur Schwärze und Stille. Ich rief in Gedanken nach meinen Brüdern, doch auch sie waren verschwunden. Nur Einsamkeit war zurückgeblieben.
Ich war allein. Abgeschnitten von der Welt.
Ich versuchte mich zusammenzureißen, zu konzentrieren, versuchte alles - zu sehen, zu fühlen. Irgendetwas. Ein Zeichen, dass ich überhaupt noch am Leben war ... oder war ich bereits tot? Konnte ich deswegen meinen eigenen Herzschlag nicht mehr wahrnehmen?
War dieses Vakuum das große Jenseits, das uns alle am Ende erwartete?
Für einen Augenblick glaubte ich zu fallen, doch wohin? Hier gab es kein oben oder unten. Ich hatte das Gefühl, mich in der Leere zu verlieren, mich aufzulösen. die Die Dunkelheit um mich gewann an Kraft, umfing mich wie ein weicher Mantel, drang wie schwarzer Rauch in meinen Kopf und löschte dort einen Gedanken nach dem anderen aus, bis ich mich nicht einmal an meinen eigenen Namen erinnern konnte.
Hatte ich je gelebt?
Hatte ich je geliebt?
Nichts.
Dann spürte ich plötzlich wieder etwas. Nur flüchtig. Ein kurzer, zwickender Schmerz wie der Stich eines Moskitos ... oder einer dünnen Nadel ... dann versank auch der Rest meines Bewusstseins im unendlichen Nichts...
Als ich wieder aus der kalten Dunkelheit auftauchte, flackerte eine alte Vision vor meinen Augen auf wie eine Kerze im Wind, die mir schnelle klar machte, dass ich nicht wirklich wach war. Eine Erinnerung in einem Traum gekleidet.
Ich befand mich in unserer Garage, die Farben um wirkten blass und ausgewaschen, das Licht war gedämpft und die Ränder verschwommen. Bella saß an meiner Seite, schaute mir über die Schulter, während ich die beiden alten Motorräder reparierte, die Bella angeschleppt hatte. Mit großen Kulleraugen und geröteten Wangen hatte sie mich darum gebeten, die Maschinen wieder flott zu machen - wie hätte ich ihren Wunsch abschlagen können? Ich hätte alles für sie getan.
Es war der Anfang vom Ende gewesen.
Ich war fast fertig mit der Reparatur, auch wenn ich gerne das Gegenteil behauptet hätte. Ich wollte die Reparatur hinauszögern, um noch mehr Zeit mit Bella verbringen zu können - hier in der Garage, wo noch alles gut und vertraut gewesen war - doch meine Hände mit ihren geübten Griffen folgten ihrem eigenen Willen, arbeiteten akribisch weiter.
Bellas warmer, süßer Atem strich über meine Wange wie ein Frühlingshauch, als sie sich näher beugte. Würde sie mich küssen? Schließlich war dies ein Traum, und in Träumen geschahen immer die Dinge, die in der Realität nicht geschahen...
Ich sah sie an. Ihre Mokka-Augen bohrten sich in meine, die Stirn leicht in Falten gelegt, als suchte sie nach etwas Bestimmten in meinen Augen.
"Bist du bereit?" fragte sie.
Ich wusste nicht, was sie meinte. Bereit für die Motorräder? Bereit sie an einen Vampire zu verlieren? "Bereit für was?"
Sie lächelte voller Sanftmut und Güte. Mehr sehend und wissend, als ich begreifen konnte. Bella hatte schon immer in ihrer eigenen Welt gelebt - vielleicht sah sie wirklich Dinge, die uns anderen entgingen.
"Bereit für alles."
Die Erinnerung verschwamm, wurde durch eine andere ersetzt. Ich war auf dem Rückweg von Seattle, wo ich einen neuen Vergaser besorgt hatte. Am Straßenrand entdeckte ich einen liegen gebliebenen Wagen, ein wirklich schöner Mustang.
Ich erinnerte mich noch gut, denn das war meine erste Begegnung mit Lizzi Evans gewesen - dem Mädchen, von dem ich gedacht hatte, dass es tatsächlich mit uns funktionieren könnte. Ich hatte ihren platten Reifen gewechselt, wir waren ins Gespräch gekommen - hauptsächlich über Autos, denn sie war auch ein Motor-Freak - und am Ende war ich weitergefahren mit ihrer Nummer in der Tasche und dem Vorsatz, sie auch wirklich anzurufen.
Bevor wir uns verabschiedet hatten und sie in ihr Auto gestiegen war, hatte Lizzi mich noch einmal angeschaut, hatte mir so tief in die Augen gesehen wie Bella in der Garage, als würde auch sie nach etwas Ausschau halten ... und es nicht finden...
Die nächste Erinnerung holte mich ein. Ein lauwarmer Sommerabend am Strand von La Push. Das Rudel war zum gewohnten Lagerfeuer versammelt, zusammen mit unseren Familien - Emily und die anderen Objekte der Prägung.
Wir scherzten und feierten wie gewohnt und ich machte mir einen Spaß daraus, Riley zu aufzuziehen. Vielleicht trieb ich etwas zu weit, denn als Riley kurz telefonieren ging - sichtlich mit der Absicht eine Pause von meinen Sticheleien zu bekommen - erntete ich Leahs Zorn dafür.
"Ja, ja, wirklich witzig" schnaubte Leah genervt. "Wann hört ihr endlich auf solche Kindsköpfe zu sein?"
"Ach Leah, nimm das doch nicht so ernst", neckte ich sie, mich immer noch krümmend vor Lachen über ihr angefressenes Gesicht. "Wenn du dich nur nicht auf so einen Trottel geprägt hättest."
"Ach Jacob", erwiderte sie. "Du kannst das doch gar nicht verstehen. Deine lächerliche Schwärmerei für Bella Swan ging doch nie über Welpenliebe hinaus." Sie sah in Rileys Richtung mit einem sehnsuchtsvollen Glanz in den Augen. "Du glaubst alles besser zu wissen, uns, die wir geprägt wurden, beurteilen zu können. Aber das kannst du nicht, wenn du es nicht erlebt hast. Die erste Liebe brennt immer sehr heiß", sagte sie mit Blick zu Sam aber ohne Bitternis in der Stimme, "Aber wenn Bella die Richtige gewesen wäre, die dich wirklich glücklich machen könnte, hättest du dich auf sie geprägt. Vielleicht ist sie ihr schon nahe gekommen, so wie ich Emily nahe gekommen war, aber ich war es nicht. Und Sam war es nicht für mich. Halte es für verrückt, aber Riley macht mich glücklich, und das ist, was zählt. Ganz gleich, was du davon halten magst."
Ich wurde schlagartig still. Das Lachen war mir vergangen. Sprachlos starrte ich Leah an. Auch wenn ich ihren Klartext gewohnt war, tat es doch unerwartet weh diese Worte zu hören. Ich sprang auf die Beine und stapfte eingeschnappt davon.
Ich wünschte mir die Furie zurück - Leah war immer noch Feuer und Flamme, aber die Verbitterung hatte sie verlassen. Ich hasste diese neue, glücklichere Leah, die so viel Verständnis und Geduld für mich aufbrachte. Man konnte sich nicht mehr richtig mit ihr zanken, genauso wie man sich nicht mehr mit Paul zoffen konnte.
Wieder wechselte der Ort und meine Erinnerung, und jetzt war ich mir sicher, dass es nur ein Traum sein konnte. Ich befand mich am Strand von First Beach. Es war Nacht und vor mir brannte ein Feuer. Gegenüber saß mir Ephraim Ulysses Black, mein Urgroßvater, Stammeshäuptling und Alphawolf. Er war lange vor meiner Geburt gestorben, deswegen war ich ihm nie begegnet, doch eine ähnliche Vision hatte ich von ihm schon einmal gehabt - in der Nacht, als ich mich zum ersten Mal verwandelt hatte.
Ephraim sprach in altem Quileute, das nur noch von wenigen fließend gesprochen werden konnte, zu mir, seine dunkle Stimme wie Rauch über dem Feuer schwebend. Worte wie Geheimnisse geflüstert in die Dunkelheit. Er war traditionell gekleidet in einfachem Leder mit vielen Ornamenten und Federn.
Ich versuchte seinen Worten zufolgen, doch ich verstand ihn nur bruchstückhaft, als wären meine Ohren mit Wasser gefüllt. Sein ernster Gesichtsausdruck mit den tiefen Falten verriet jedoch, dass es etwas Wichtiges war. Eine Botschaft von immenser Bedeutung, die sich mir Wort um Wort offenbaren sollte ... wenn ich ihn nur besser verstehen könnte...
Urgroßvaters Worte wurden immer rhythmischer, flossen in den typischen Sprechgesang meiner Vorfahren. Trommelschläge ertönten, erschütterten den Boden im Gleichklang mit meinem eigenen Herzschlag, gingen mir durch Mark und Bein. Die Schläge gewannen an Kraft und Schnelligkeit, wurden schneller, lauter, bebend. Das Feuer im Steinkreis vor mir loderte höher, die Flammen tanzten in wildem Zickzack vor dem sternenklaren Nachthimmel.
Dann abrupt brachen die Trommeln ab, Ephraim schwieg. Stille. Wir sahen uns an - zwei einsame Wölfe im Feuerschein.
"Die Zeit wird kommen", sprach Ephraim, zeigte auf mich, "um aufzustehen."
Ich schüttelte den Kopf erschrocken. "Ich kann nicht", flüsterte ich atemlos.
Ephraims Augen verdunkelten sich, spiegelten des Feuer in seinem Inneren wieder, das so lange gelodert hatte und nun dabei war zu verrauchen. Er war ein alter Mann, doch das stolze Tier, der Beschützer dieses Stammes, war immer noch in ihm.
"Du wirst es können, wenn es so weit ist. Du wirst deine Stärke finden, mein Sohn. Die Geister werden dir beistehen. So wie sie es seid jeher getan haben."
Als ich endlich wieder zu mir kam - diesmal richtig und nicht bloß im Traum - spürte ich als Erstes kalten, harten Stein an meinem Bauch. Scharfe Kanten piekten mir in die Haut. Ich war nicht länger in Wolfsgestalt. Irgendwann in der Bewusstlosigkeit musste ich mich zurückverwandelt haben.
Benommen versuchte ich mich aufzurichten. Mein Schädel brummte wie nach einer langen Zechtour, mein ganzer Körper war verspannt und protestierte bei jeder Bewegung. Ich hob den Kopf mühsam, sah mich um. Meine Rudelbrüder lagen um mich herum, alle zurückverwandelt und nackt wie ich. Einige waren gerade dabei aufzuwachen, bewegten sich zaghaft und desorientiert, andere waren immer noch KO, doch es schien allen gut zugehen. Ich zählte die Körper durch, das Rudel war vollständig - bis auf Collin und Josh natürlich.
Ich sah mich weiter um und wurde nur verwirrter, denn sofort stellte ich fest, dass wir nicht mehr im Wald von Forks waren. Wir waren an einem ganz anderem Ort.
Eine riesige Höhle, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Grelle Scheinwerfer leuchteten wie künstliche Sonnen von der Decke, die so hoch lag, dass sie sich nur erahnen ließ. Direkt vor uns erstreckte sich eine glatte Steilwand aus dunklem Stein in die Höhe und endete in einem breiten Felsvorsprung.
Immer mehr von meinen Brüdern erwachten und sahen sich genauso verwirrt um.
"Wo sind wir?"
"Was zum Teufel ist passiert?"
Sam richtete sich als Erster auf, sah sich langsam um. Seine Miene war verschlossen, doch ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er genauso ratlos war wie wir. Das Letzte, woran ich mich erinnerte, waren die Vampire mit ihren merkwürdigen Voodoo-Kräften - der Nebel, der Schmerz und dann diese Leere... es dämmerte mir schnell, dass sie uns verschleppt haben mussten, genauso wie Colin und Josh Monate zuvor, doch zu welchem Zweck war mir immer noch nicht klar. Und warum das ganze Rudel? Warum so ein großes Risiko?
Ich dachte an Forks zurück, La Push - das Reservat war schutzlos ohne uns. Wir mussten so schnell wie möglich wieder nach Hause.
Auf dem Felsvorsprung erschienen plötzlich Vampire - nicht dieselben wie im Wald, aber sie trugen ähnliche Kleidung. Sie sahen aus, als wären sie aus einem alten Horror-Streifen entsprungen, irgendwie altmodisch und ausgestorben mit den langen Haaren und Kutten - so wie man sich Vampire nicht klischeehafter vorstellen konnte.
Irgendwie schafften wir es uns wieder in Wölfe zu verwandeln. Der Anblick der Blutsauger hatte die Benommenheit und Verwirrung aus unseren Köpfen gefegt und uns wieder klar sehen lassen. Nichts belebt die Sinne so wie der Anblick des Feindes. Ich fletschte die Zähne, legte die Ohren an. Mein Maul schäumte vor Wut. Genau wie bei Sam und den anderen. Die Vampire ließen sich davon nicht wirklich beeindrucken, auch wenn einer der Drei, der Einzige mit weißem Haar, angewidert von unserem Anblick das Gesicht verzog.
Der schwarzhaarige Vampir in der Mitte trat vor und begann zu uns zu sprechen, seine Stimme hallte von den Felswänden wieder und war daher selbst über unser lautes Knurren zu hören.
"Willkommen, willkommen", begrüßte er uns mit ausgebreiteten armen und einem breiten Lächeln im Gesicht. In seinen roten Augen glitzerte der Wahnsinn. Sollte das ein Scherz ein? Hieß er uns wirklich willkommen?
Wollte er in dieser Situation auch noch Smalltalk betreiben?
"Es ist wundervoll, euch heute hier zu sehen." Er sprach wirklich, als wären wir Gäste und nicht Gefangene, gegen unseren Willen hier hergebracht und in eine verdammte Höhle sperrt wie Hunde in einen Zwinger. Der Vampir begutachtete das Rudel ausgiebig, jeden einzelnen von uns, als wären wir der Hauptgewinn irgendeiner Lotterie. Der Supercoup von Vegas.
"Ich bin so entzückt und angetan von eurer Qualität. Solche Kraft und Willensstärke sieht man nicht alle Tage. Unter der richtigen Anleitung wärt ihr zu soviel im Stande. Ihr könntet euer Potential richtig entfalten. Ihr müsst euch uns nur anschließen."
Jetzt war ich mir sicher, dass der Kerl total durchgeknallt war. Er wollte, dass wir uns ihnen anschließen? Dass wir ihre Schosshunde wurden?
Ein kollektiver Schrei der Empörung ging durch unsere Wolfsreihen. Wir knurrten, schnaubten, wetzten unsere Krallen am dunklen Gestein und konnten unsere Wut und Abscheu kaum noch im Zaum halten. Paul schoss nach vorne, versuchte an der Wand hochzuspringen und den Vorsprung zu erreichen, versuchte nach den Blutsaugern zu schnappen, doch der Felsvorsprung war zu weit oben und die Wand darunter zu steil und glatt, um daran hochzuklettern. Sie waren aus unserer Reichweite. Wir konnten ihnen im Moment nichts tun, aber das bedeutete nicht, dass wir nicht erstbeste Gelegenheit nutzen und sie auseinander nehmen würden. Der Zorn brodelte weiter in unserem Blut.
Die Mundwinkel des Vampiranführers zuckten nur leicht. Er seufzte theatralisch und faltete sie Hände vor der Brust. "Ich hatte gehofft, es würde anders laufen. Dass ihr gleich einsehen würdet, was gut für euch ist. Es hätte nicht so weit kommen müssen, aber ihr lasst mir leider keine Wahl." Er machte eine kurze Handbewegung und wie aufs Stichwort erschienen weitere Gestalten - die beiden unheimlichen Vampirkinder und ein großer Vampir, der eine zierliche Person mit sich zerrte. Eine Frau. Dunkles Haar, dunkle Haut, Furcht im Gesicht.
Emily Young, Sams Gefährtin.
Sam wurde stocksteif neben mir, seine Augen waren geweitet und nur auf Emily gerichtet. Das konnte nur ein Trick sein! Sie konnte einfach nicht hier sein!
"Sam", schrie sie verzweifelt, als sie den schwarzen Wolf sah. Ihre Wangen waren Tränen überströmt und sie wand sich hilflos im Griff des Vampirs. Sam war immer noch wie erstarrt.
"Wir haben zwei von euch vor ein paar Monaten gefangen genommen", fuhr der schwarzhaarige Blutsauger fort. "Das habt ihr sicher nicht vergessen. Sie haben uns alles über euch erzählt."
Zum ersten Mal ergriff jetzt der weißhaarige Vampir das Wort. "Wir kennen alle eure Geheimnisse. Alle eure Schwächen", sagte er. Wo der schwarzhaarige Vampir noch seltsam höflich gewirkt hatte, ließ diese hier keinen Zweifel daran, wie wenig er von uns hielt und sein Blick sagte mehr als tausend Worte, wie gerne er uns umgebracht hätte. Aber der Schwarzhaarige hatte wohl mehr zu sagen als er. "Und wir kennen die Verbindung zu dieser Frau und derer, die so sind wie sie - die, auch die ihr geprägt seid. Wir haben sie an einen sicheren Ort gebracht. Wenn ihr nicht tut, was wir verlangen, werden wir sie töten. Eine nach der anderen."
Wir konnten es nicht glauben. Das konnte nicht passieren! Durfte nicht passieren! Die Köpfe meiner Bruder waren genauso leer wie meiner, genauso ratlos. Die Gesichter der anderen Geprägten flammten in meinem Geist auf - Kim, Rachel, Claire ... sogar Riley - verbunden mit demselben Gefühle der verzweifelten Ohnmacht.
Was sollen wir tun?
Unsere Wolfinstinkte sagten uns anzugreifen, uns nicht diesen Monstern geschlagen geben ... doch das gab es noch einen stärkeren Impuls - das Bedürfnis unsere Liebsten zu schützen. Vielleicht war es ein Trick, vielleicht hatten sie nur Emily und die anderen waren noch in Sicherheit ... aber was würde das für einen Unterschied machen? Es war Emily!
Keiner von uns war bereit sie zu gefährden, Sam schon gar nicht. Wenn es Bella gewesen wäre ... wie weit wäre ich bereit gewesen zu gehen, um sie zu beschützen?
"Also", sagte der dunkelhaarige Vampir. "Bekennt ihr euch zu den Volturi als euren neuen Herren?"
Wir zögerten, warteten gespannt darauf, dass Sam uns die Entscheidung abnahm. Ein alphabefehl genügte, um uns alle gefügig zu machen. Sam sah zu Emily hoch, sah nur sie. Neue Tränen liefen ihr übers Gesicht, doch das war auch etwas wie Trotz zu sehen - Stolz und Tapferkeit. "Du es nicht, Sam", rief sie aus voller Kraft. "Ihr dürft ihnen nicht geben, was sie wollen!"
Der blonde Vampir wirbelte zu ihr herum, riss Emily aus dem Griff ihres Bewachers und zerrte sie näher zum Abgrund, so dass sie gefährlich nah an der Kante stand. "Ihr werdet gehorchen! Und damit euch klar wird, was für euch auf dem Spiel steht, eine kleine Demonstration für euch!" Mit einer schnellen Handbewegung, zu schnell für uns zum folgen, brach er Emily das Genick. Dann ließ er ihren schlaffen Körper achtlos über die Kante fallen. Eine Schrecksekunde hatte ausgereicht, um ihr Leben auszulöschen. Sie hatte nicht einmal Zeit gehabt zu schreien, und wir hatten keine Zeit gehabt sie zu retten.
Emilys Körper segelte wie in Zeitlupe vor meinen Augen in die Tiefe. Sam stieß einen unmenschlichen Schmerzensschrei aus, stürzte nach vorne und verwandelte sich in seine Menschengestalt zurück. Bevor Emily auf dem Boden aufschlug, fing Sam sie in seinen Armen auf. Er fiel auf die Knie, hielt Emily in seinen Armen, versuchte irgendwie zu begreifen, dass sie nicht wieder aufwachen würden ... dass sie wirklich fort war.
Ich teilte Sams Schmerz, und konnte doch nichts tun. Ich konnte nicht einmal wegsehen. Die Vampire hatten uns in der Hand, solange sie die anderen in ihrer Gewalt hatten! Die anderen Wölfe würden nicht riskieren ihre Liebsten zu gefährden, dazu war die Bindung zu stark.
Und Sam ...
... der lange Zeit später immer noch mit gebeugten Schultern auf dem Steinboden hockte und Emilys leblosen Körper in den Armen wiegte ...
... war seitdem nicht mehr derselbe ...
A/N:
Songs zum Kapitel: Olin & The Moon "Not in love" (Garage), Lisa Hanning "Your ghost" (Jacobs Visionen), Aqualung & Lucy Schwartz "Cold"(Emilys Tod)
Ich weiß, ich bin so gemein zu den Wölfen. Haben sie nicht schon genug gelitten...? Anscheinend nicht. Und ich hatte vorgewarnt, dass die Geschichte noch düsterer werden würde. Vielleicht ist es auch nicht unbedingt charaktertreu, dass sie sich nicht wehren, aber zum Wohle der Geschichte habe ich einfach dabei belassen. Sie werden sich noch zur Wehr setzen, keine Sorge.
Im nächsten Kapitel geht es wieder mit Nessie weiter. Bis dahin :D
