A/N:
Ein neues Kapitel! Es geht langsam voran. Von hier ist die Geschichte wieder aus Nessies Sicht, sie ist irgendwie leichter zu schreiben, dennoch ist dieses Kapitel keines meiner Favoriten - hauptsächlich weil sich Jacob wie ein Vollidiot aufführt!
Ich bin aber trotzdem froh - nur noch ein paar Tage bis zur Breaking Dawn - DVD!
Kapitel 10 : Nachts sind alle Katzen grau
Nessie's POV - Volterra
"Some things are changeless.
People love, and die,
they dream, destroy, despair,
go mad.
They fulfill their destinies,
live out the course of their lives.
We fulfill our function,
as they fulfill theirs...
That will not change."
- Neil Gaiman
Noch lange nach dem Jacob seine Erzählung von den Ereignissen der vergangenen Jahre, die die Wölfe nach Volterra gebracht hatten, beendet hatte, saßen wir beiden am Rand der unterirdischen Lagune und schwiegen. Einzig das Plätschern des Wasserfalls und das Pochen meines eigenen Herzschlages durchbrachen die Stille, die uns umgab.
Mein Mund war trocken und ich brachte einfach kein Wort heraus, auch wenn es angebracht gewesen wäre, Jacob irgendeine Art von Trost zukommen zulassen. Doch der Schock steckte zu tief und ich war wie erstarrt, versuchte irgendwie zu verdauen, was ich zuvor gehört hatte. Versuchte zu verstehen, wie Jacob sich fühlen musste - und wie viel Überwindung es ihn gekostet haben muss, mir seine Seele zu offenbaren. Seine Offenheit hatte mich fast so überrumpelt wie seine Geschichte selbst - so gewaltsam. Grausam.
Ich dachte an Sam und den immensen Verlust, den er mit Emilys Tod erlitten hatte, und verstand, wie er zum Schatten seiner Selbst werden konnte. Menschen waren keine Inseln, sie brauchten einander und verdorrten ohne Vertrauen und Nähe zu schemenhaften Karikatur des Lebens ohne Sinn. Die Geschichte erinnerte mich an meine Eltern und ihre Beinahe-Tragödie. Als sie vor meiner Geburt getrennt gewesen waren, hatte es sie beide sehr mitgenommen. Als wären sie in zwei Hälften gebrochen. Gebrochene Herzen.
Irgendwann räusperte sich Jacob neben mir und erinnerte mich wieder daran, wo ich war. Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkel, wie er auf seine Hände starrte, die groß und kräftig waren und ständig in Bewegung schienen, und sein Kiefer unruhig zuckte, als hätte er an seinen eigenen unausgesprochenen Gedanken zu knabbern.
Er saß leicht nach vorne gebeugt, die Ellenbogen auf den kräftigen Oberschenkeln abgestützt. Seine langen Wimpern schattierten seine dunklen Augen wie ein Kranz. Er sah irgendwie ... verloren aus. Am liebsten hätte ich die Hand nach ihm ausgestreckt, sie ihm auf die Schulter gelegt. Ihn tröstend in den arm genommen und ihm gesagt, dass alles wieder gut werden würde, wie meine Eltern es immer taten. Mir ging es danach immer besser, aber ich bezweifelte, dass es bei Jacob so einfach sein würde. Er war bestimmt schon eine lange Zeit nicht mehr in den Arm genommen worden.
So gerne ich ihn auch aufmuntern wollte, ich hielt mich zurück. Wir waren doch kaum mehr als Fremde. Nur weil er mir seine Geschichte erzählt hatte, machte uns das noch lange nicht zu Freunden. Außerdem wollte ich ihn nicht anzulügen - es würde nicht alles wieder gut werden. Wie konnte es auch?
"Jetzt bist du dran", sagte Jacob nach einer Weile der Stille mit seiner rauen Stimme, die so viel mehr Selbstkontrolle auszudrücken schien als er in Wahrheit im Angesicht seiner Erinnerungen aufbringen konnte. Sein heftig auf und ab hüpfender Adamsapfel verriet ihn jedoch. Die Erinnerungen schienen ihm immer noch zuzusetzen, denn seine Augen waren dunkel verhüllt und von kleinen Sorgenfalten umgeben - was meiner Meinung nach auch nicht weiter verwunderlich war.
"Ich habe dir meine Geschichte erzählt, jetzt musst du mir deine erzählen."
Ruckartig sprang Jacob auf die Beine, als könnte er nicht länger ruhig neben mir sitzen, machte ein paar Schritte durch die Höhle und wirbelte dann zu mir herum. Die Verwirrung in seinem Gesicht sprach Bände, als er mich ansah, nach den richtigen Worten suchend. "Wer bist du? Was bist du? Wie kann ich...?" Ihm gingen die Worte aus, doch ich hatte den Klang der Verzweiflung in seiner Stimme gehört. Das dringende Bedürfnis, ein wenig Klarheit in die Unwissenheit zu bringen, die ihn so zu malträtieren schien. Hilflos ließ er die Schultern hängen, sah mich nur an, wartete auf meine Erklärung. Seine letzte abgebrochene Frage ließ mich nicht los...
"Wie kannst du was?" wollte ich wissen. Was hatte er noch sagen wollen? Ich wusste die Antwort nicht, kannte die Frage nicht einmal, doch aus irgendeinem Grund wusste ich, dass es um mehr ging als bloße Neugier - als würde mein Leben von diesem Wissen abhängen. Es ging darum, was sich seit unserer ersten Begegnung zwischen uns abspielte - die unerklärliche Anziehungskraft, die meinen Kopf schwirren ließ. Jacob schien eine Ahnung zu haben, was vor sich ging, doch er blieb mir die Antwort schuldig. Er schüttelte nur den Kopf, verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust und sein Gesicht wurde verschlossen. "Vergiss es! Sag mir endlich, wer du bist!"
"Ich bin Renesmee Cullen. Ich bin ein Halbvampir und die Tochter von Edward und Bella Cullen", purzelten die Worte aus mir hervor. Wenn ich schnell sprach, würde es vielleicht nicht so verrückt klingen. So unglaublich.
"Bella ... Cullen." Er sagte das so, als wäre es etwas Schändliches. Als würde er gleich an den Worten ersticken. Sein Gesicht verwandelte sich in eine gequälte Grimasse. "Sie hat den Blutsauger also wirklich geheiratet", sagte er mehr zu sich selbst sprechend und starrte auf einen imaginären Punkt irgendwo in die Luft. "Sie ist jetzt selbst ein Blutsauger..."
Blutsauger. Ich zuckte innerlich bei der abfälligen Bezeichnung zusammen. Sah er mich auch so? Als nichts weiter als ein bösartiger Parasit?
Jacobs Blick wanderte zurück zu meinem Gesicht, suchte es nach irgendetwas ab - vielleicht versuchte er Bella in mir wieder zu erkennen. Ich hatte ihre braunen Augen - hätte ihm das nicht längst auffallen müssen?
Er kam zu dem Schluss mir trotzdem nicht zu glauben. "Du kannst unmöglich ihr Kind sein! Du bist ... viel zu alt ... und Vampire können gar keine Kinder bekommen!" beharrte er.
"Ach, bist ein Experte auf dem Gebiet? Rein logisch betrachtet sollte es Vampire nicht einmal geben - auch keine Werwölfe, aber sie sind trotzdem hier. Wieso sollten dann nicht auch andere ... Dinge möglich sein?"
"Du weichst mir aus."
Recht hatte er. Das Thema war einfach so kompliziert und persönlich, dass es mir nicht leicht fiel darüber zu sprechen. Nicht mit ihm. Wenn ich meine Existenz erklären sollte, wurde mir wieder bewusst, wie wenig ich eigentlich über mich selbst wusste. Woher kam ich, wohin wollte ich ... ich fühlte mich wie eine unbekannte Variable in einer offenen Gleichung. Großvaters medizinische Theorie war nur ein Teil der Wahrheit. Es gab so viele Faktoren zu berücksichtigen - der richtige Ort zur richtigen Zeit.
Ein Wunder der Natur.
Oder ein Albtraum, je nach Sichtweise.
Ich ließ stöhnend die Luft aus meinen Lungen entweichen. Ein tiefer Seufzer als Ausdruck meiner Frustration...
"Vampire können untereinander keine Kinder bekommen", erklärte ich geduldig, "aber unter bestimmten Umständen können sich männliche Exemplare fortpflanzen. Es ist sehr selten und erfordert eine sehr spezielle Vorrausetzungen, aber wie ich schon gesagt habe, ich bin nur ein Halbvampir - ich bin auch halb Mensch, weil meine Mutter noch ein Mensch gewesen ist, als sie mich empfangen hat."
Ich biss mir nervös auf die Unterlippe, wartete auf Jacobs Reaktion. Mehrere Augenblicke vergingen, in denen gar nichts geschah. Jacob sagte nicht, bewegte sich nicht, blinzelte nicht einmal. Die Rädchen in seinem Gehirn schienen ins Stottern geraten zu sein.
"WAS?" brach es schließlich unerwartet aus ihm hervor. Das Zittern in seinen Händen setzte von Neuem ein und rief mich zur Wachsamkeit. Er würde sich doch nicht verwandeln oder? Nur ungern würde ich noch einmal seine Krallen und Zähne zu spüren bekommen.
Jacob fletschte die Zähne. Seine Augen verfinsterten sich zusehends.
Das Zittern überwältigte seinen ganze Körper, wurde so heftig, dass ich kaum mehr als ausgewaschene Konturen von Jacob wahrnehmen konnte. An Teilen seines Körpers begann bereits rotbraunes Fell zu sprießen und die Proportionen seiner Gliedmaßen veränderten sich. Es war ein befremdlicher und zugleich faszinierender Anblick, ihn in diesem Zwischenstadium zusehen - noch kein Wolf aber auch kein Mann mehr.
Bisher hatte er sich so schnell vor meinen Augen verwandelt, dass mir der Übergang wie ein fließendes Leuchten vorgekommen waren, doch jetzt kämpfte er gegen die Verwandlung an, wollte sie aufhalten und blieb irgendwo im Limbo stecken.
"Sie hat mit ihm ... als Mensch?" Jacobs Stimme hatte nun mehr etwas von einem Jaulen. Er schüttelte angewidert den Kopf, hielt sich den Schädel, als wollte er unangenehme Bilder, die sich ihm aufdrangen, loswerden. "Das kann ich nicht glauben! Das ist ... dann wäre sie besser gestorben!"
Gestorben? Ich hörte wohl nicht richtig. Wünschte er sich allen Ernstes den Tod meiner Mutter? Er sagte noch mehr, doch ich hörte nicht mehr hin. Ich hatte genug gehört.
Plötzlich regte sich eine neue Emotion in mir, die ich Jacob gegenüber in der kurzen Zeit, in der ich ihn kannte, noch nicht gespürt hatte - Zorn. Verwirrung, Neugier, ein irrationales Bedürfnis in seiner Nähe zu sein - all das hatte Jacob ungewollt in mir ausgelöst, niemals Wut, nicht einmal als er mich verletzt hatte.
Doch seine Worte, so bedachtlos gewählt und gleichzeitig so scharfkantig, waren wie ein Eispickel, der immer wieder in meine Brust gestoßen wurde - oder zumindest so wie ich es mir vorstellte, dass es sich anfühlen musste. Immer tiefer und am Ende dort wie ein spitzer Dorn stecken bleibend.
Er redete hier immer hin von meiner Zeugung - meinem Leben! Als wäre meine Familie das Schlimmste von der Welt ...
Wie kam er darauf, sich so ein Urteil zu erlauben? Es war nicht seine Entscheidung, nicht sein Leben. Sollte ich mich für meine Existenz entschuldigen? Er hatte mich nicht einmal ausreden lassen oder mir die Gelegenheit gegeben, es ihm besser verständlich zu machen.
Am Ende schien es für ihn ganz einfach zu sein - er war ein Werwolf und Vampire der Feind. Alles, was mit ihnen zu tun hatte, war schlecht. Vielleicht verstand er nicht, wie ambivalent die Welt in Wirklichkeit war, vielleicht wollte er es nicht, weil er sich dann eingestehen müsste, dass seine eigene Moral begrenzt war. Mir wurde dadurch nur bewusst, wie fixiert Jacob darauf war, was ich war, anstatt zu sehen, wer ich war. Wer ich sein wollte ... und mit großer Traurigkeit kam mir der Gedanke, dass er es vielleicht nie sehen würde. Dass ich mir nur falsche Hoffnungen gemacht hatte, als ich ihn hatte wieder sehen und kennen lernen wollen.
Vampire und Werwölfe passten eben nicht zusammen...
Entschlossen erhob ich mich und straffte die Schultern. Ich ballte die Fäuste und bemühte mich um Kontrolle. "Hör auf damit!" sagte ich mit einer Stimme fester als ich es mir je zugetraut hätte. Und wie viel Wut in den paar Worten aufkochte. Genug um eine Kleinstadt verbrennen zu lassen. "Das reicht jetzt!"
Jacob starrte mich an, mindestens genauso überrascht über mein kleinen Ausbruch wie ich. Er wirkte verblüfft, fast so als hätte er einen Schlang ins Gesicht erhalten. Sein Kopf zuckte sogar etwas zurück, als er meinen finsteren Blick auffing. Das Zittern hatte aufgehört und er sah wieder wie ein Mensch aus. Keine Spur des Wolfes zu sehen.
Ich zog die Augenbrauen so krampfhaft zusammen, dass es beinahe wehtat. Die Worte brachen wie eine Fontäne aus mir hervor, als hätten sie zu lange im Verborgenen geschlummert und nur darauf gewartet aus meiner Brust explodieren zu können.
"Hör auf so über meine Familie zu sprechen und über mich! Was gibt dir das Recht? Glaubst du, du wärst besser? Das bist du nicht, du dienst den Volturi! Du hast wahrscheinlich mehr Blut an deinen Händen, als ich es je haben werde! Du wolltest die Wahrheit doch hören. Du wolltest wissen, wer ich bin, aber du interessierst dich nur für deine eigenen verletzten Gefühle! Ist dir vielleicht mal in den Sinn gekommen, dass auch ich Gefühle habe? Oder glaubst du, dass Vampire über so etwas nicht verfügen? Dass wir nichts fühlen können? Oh, aber das können wir - wir können hassen und wir können lieben! Genauso wie Menschen, vielleicht sogar noch mehr. Mein Vater hat meine Mutter immer nur geliebt und du weißt nicht, was er alles tun und opfern wollte, um sie zu beschützen. Ich habe mir nicht ausgesucht so zu sein und ich kann auch nichts daran ändern, aber ich versuche ein guter 'Mensch' zu sein. Deswegen bin ich überhaupt erst hier runtergekommen, um mit dir zu sprechen ... aber das zählt nichts, weil ich kein Mensch bin, richtig? Ich werde immer ein Vampir sein und du wirst immer ein Wolf sein."
Jacob schien sprachlos. Seine Lippen zitterten, doch es kam kein Ton heraus, und für einen langen Atemzug starrten wir uns nur an. Es gab nichts mehr zu sagen.
Ich drehte mich um und ging zielstrebig davon. Jacob fand plötzlich seine Stimme wieder, rief mir nach, versuchte aber nicht mich aufzuhalten und ich blieb weder stehen noch drehte ich mich noch einmal um. So sehr ich ihn hatte wieder sehen wollen, genauso schnell wollte ich jetzt von ihm wegkommen. Seine Worte, seine ganze Reaktion von der bitteren Abscheu bis zum erstarrten Schweigen, hatten mir mehr weh getan als seine Klauen und Reißzähne es jemals gekonnt hätten.
Wie schnell sich die Dinge doch ändern konnten...
Ich rannte durch das unterirdische Höhlenlabyrinth. Erst als ich Jacob nicht mehr wahrnehmen konnte - weder seinen Herzschlag noch seinen Geruch, erlaubte ich mir wieder langsamer zu werden. Meine Schritte wurden schlurfend und auf einmal fühlte ich mich sehr müde, regelrecht erschöpft. Ich streifte unbeabsichtigt einen kleinen Stein und das klackernde Geräusch, als er über den Höhlenboden hüpfte, hallte um mich herum wider. Jacobs Vorwürfe nagten an mir im gleichen Takt.
Ich sah immer noch sein Gesicht vor mir. Wie er mich angesehen hatte - als wäre ich auf einmal eine völlig andere Person. Nicht, dass er mich vorher gekannt hatte, dennoch tat es weh, dass sich seine Meinung über mich so leicht ändern ließ, dass sie nur durch meine Herkunft bestimmt wurde.
Hatte ich mir meine Existenz ausgesucht? Nein.
Konnte ich etwas daran ändern? An der Vergangenheit? Nein.
War ich deswegen ein schlechter 'Mensch'? Genau diese Frage beschäftigte mich schon so lange. Alle in meiner Familie hatten mir so oft versichert, dass man nicht durch seine Herkunft zu der Person wurde, die man war, sondern durch seine Persönlichkeit, Gefühle und Taten. Wir bestimmten unser Schicksal, auch wenn es manchmal ausweglos schien. Wir hatten alle eine gute und eine böse Seite - und nachts waren alle Katzen grau...
Aber vielleicht war genau das der Grund, warum sie mir all diese schönen Worte gegeben hatten. Sie waren meine Familie und mussten so über mich denken. Vielleicht hatte Jacob mehr Recht mit seiner Sichtweise, weil er nicht zu meiner Familie gehörte und mir gegenüber nicht voreingenommen war - er musste mich nicht lieben ...
Oder er war einfach ein Werwolf war, der alle Vampire hasste, Halbvampire eingeschlossen.
Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand. Am liebsten hätte ich all diese Gedanken zu einem Ball zusammen geknüllt und zum Mond geschossen, denn ich hatte es satt, von so vielen Zweifeln zerfressen zu werden. Ich wollte nur einen Augenblick Ruhe in meinem Kopf finden.
Ich schloss die Augen, beruhigte meine Atmung mit einigen der Meditationsübungen, die ich von Onkel Jasper gelernt hatte, bis es mir etwas besser ging.
Als ich wieder aus meinen Gedanken auftauchte, wusste ich nicht genau, wo ich war. Sich Untertage zu orientieren war selbst für Vampire schwierig, wenn es nur Finsternis und keine Orientierungspunkte gab. Ich hatte mich in dem weitläufigen Höhlensystem verlaufen. Auch wenn ich mich angeschlagen fühlte, machte ich mich auf die Suche nach einem Ausgang. Irgendwie fand ich den Weg zurück zum Wolfslager. Ich konnte nicht sagen, wie ich den richtigen Weg gefunden hatte, es war eine unbewusste Instinkthandlung gewesen, die mich in diese Richtung getrieben hatte.
Die anwesenden Wölfe musterten mich genauso wie zuvor voller Argwohn, als ich das Lager nach meinem Großvater absuchte. Jacob war nirgends zu entdecken und ich war froh darüber, ihm nicht noch einmal in die Augen blicken zu müssen.
Wen interessierte dieser blöde Wolf!
Ich fand Großvater vor dem großen Zelt, in dem die beiden verletzten Werwölfe gelegen hatten. Er lächelte erleichtert, als ich auf ihn zu ging.
"Renesmee", sagte er und in meinem Namen schwangen all die Fragen mit, die er mir eigentlich stellen wollte - wo war ich gewesen, ging es mir gut. Die Erinnerung an den Anblick der beiden kranken Werwölfe, die inzwischen tot sein mussten, huschte vor meinen Augen vorbei und ich versuchte sie wieder zu verdrängen, an etwas anderes zu denken. Nicht daran, wie Sam und Großvater ihnen das Leben genommen haben mussten - um ihr Leid zu beenden ...
Aber ich fühlte mich kraftlos und ausgekühlt und konnte Jacobs Worte nicht vergessen. Mich umringt von Werwölfen zu sehen und ihren Geruch ständig in der Nase zu haben, verstärkte nur noch das beklemmende Bedürfnis in mir wieder an die Erdoberfläche zu gelangen. Raus aus der Enge der Höhle. Frische Luft atmen.
"Es geht mir gut", versicherte ich Großvater mit matter Stimme, "aber ich würde jetzt gerne wieder nach oben, wenn es geht."
Großvater nickte und legte den Arm um mich. "Natürlich, ich bin sowieso fertig hier."
Den nächsten Tag widmete ich meinem Training mit Alec, wie ich es Aro als Gegenleistung meines Besuches bei den Werwölfen versprochen hatte. Meine Eltern, wenig begeistert von meinem Entschluss meinem Wort trotz allem nachzukommen, ließen mich gewähren, da ich es mir nicht ausreden lassen wollte. Außerdem brauchte ich eine Ablenkung nach dem Jacob-Fiasko, das ich in den hintersten Winkel meines Bewusstseins verbannt hatte, damit mein Gedanken lesender Vater nichts davon mitbekommen würde - sonst wäre er sicher schnurstracks in die Höhle marschiert und hätte Jacob das Fell über die Ohren gezogen.
Wortwörtlich.
Nach dem Frühstück hatten Alec und ich uns in den weitläufigen Innenhof der Festung begeben, der irgendwie an ein Atrium erinnerte. Es war ein halbwegs sonniger Tag, sodass die meisten Volturi den Hof mieden. Auch wenn die hohen Steinmauern sie vor den Blicken der Menschen schützten, schienen sie ihre geheimniskrämerische Haltung nicht aufgeben und kein Risiko eingehen zu wollen. Sich immer zu verstecken, nie am richtigen Leben teilzunehmen ... kam mir irgendwie bekannt vor. So war es mir schließlich seit meiner Geburt ergangen.
Alec hatte sich vermummt und trug sogar Handschuhe, ließ es sich jedoch nicht nehmen, hin und wieder den Kopf der Sonne entgegenzustrecken, um ihre warmen Strahlen auf dem Gesicht zu spüren, auch wenn er dann strahlte wie eine Diskokugel.
Auf einer der Steinbänke ließen wir uns nieder und Alec erklärte mir noch einmal ausführlich seine Gabe, demonstrierte mir ihre verschiedenen Wirkungsweisen und versuchte zu erklären, wie er es geschafft hatte, sie so zu entfalten. Doch all meiner Bemühungen zum Trotz kam ich einfach nicht voran. Ich versuchte Gedanken und Bilder an Alec weiterzureichen ohne ihn zu berühren und versuchte etwas aus seinem Geist aufzuschnappen, doch es wollte einfach nicht funktionieren. Ich empfang nichts als weißes Rauschen sobald der direkte Kontakt fehlte.
Je länger das Training dauerte, desto ungeduldiger und frustrierter wurde ich. Ich fühlte mich unzulänglich. Sicherlich hätte ich längst einen Fortschritt machen müssen, wenn auch nur einen kleinen. Stattdessen fühlte es sich an, als würde ich nur auf der Stelle treten und meine Zeit verschwenden. Vielleicht steckte nicht genug Vampir in mir, um meine Fähigkeit ausbauen zu können.
"Es ist gut, dass du ehrgeizig bist", versuchte Alec mich aufzumuntern, als er meine nachlassende Zuversicht bemerkte. "Aber du darfst auch nicht zuviel von dir verlangen. Wir haben doch gerade erst angefangen. Du kannst so einen Leistungssprung nicht von Heute auf Morgen erwarten. Mich hat es auch Monate und Jahre gebraucht, um meine Gabe soweit zu perfektionieren. Du brauchst Geduld."
"Ja, aber du bist ein Vampir", seufzte ich noch deprimierter. "Wenn du schon Probleme hattest, kann ich es gleich vergessen. Was, wenn meine menschliche Seite meine Gabe irgendwie blockiert? Wenn ich nie werde mehr tun können als bisher?" Ich ließ mich auf der Bank zurücksinken, bis ich den kalten Stein im Rücken spürte und schaute in den blauen Himmel, über den flauschige, weiße Wolken friedlich davonzogen.
"Und was wäre daran so schlimm?"
"Es ist nur - ich kann nicht mithalten", gestand ich leise. "Mit normalen Vampiren. Mit meiner Familie ... meine Eltern wissen das, weswegen sie auch so überfürsorglich sind. Sie müssen mich ständig beschützen, weil ich nicht stark genug bin. Nicht schnell genug. Und eine Kung Fu - Kampfmaschine wird Onkel Jasper auch nie aus mir machen können. Ich dachte einfach, meine Gabe könnte es mir ermöglichen, auf mich selbst aufzupassen und nicht so abhängig zu sein."
"Du willst deine Gabe zur Waffe machen? Die Idee könnte von Aro stammen," lachte Alec amüsiert. Seine Worte sorgten dafür, dass ich innerlich erstarrte. So hatte ich das noch gar nicht gesehen, obwohl es offensichtlich war. Der einzige Grund, warum Aro das Training mit Alec überhaupt vorgeschlagen hatte, war, dass er das Potential meiner Gabe sah, sie als Waffe einzusetzen zu können. Anderen meine Gedanken und Empfindungen als ihre einsetzen zu können war eine beinahe beängstigende Vorstellung - besonders wenn es Aros Zwecken dienen würde. Es war kein schöner Gedanke, dem Urvampir in diesem Punkt so ähnlich zu sein, dasselbe Ziel zu verfolgen ohne es zu merken.
Ich wollte nicht wie er werden.
Ich wollte ich selbst sein, nur hatte ich keine Ahnung, was das bedeutete. Ich glaubte mich auf dem besten Weg es herauszufinden, doch was, wenn mir am Ende nicht gefiel, was ich finden würde? Wenn ich mich immer weiter von dem entfernte, was ich eigentlich anstrebte zu sein? Kein Monster zu sein...
Alecs Worte brachten mich zurück in die Wirklichkeit. Er war ein Stück näher gerückt, sodass er auf mich herab schauen konnte. Sein Gesicht war sanft und ernst, trotz der rubinroten Augen im Schatten seiner Kapuze. Einmal mehr sah er wie ein Engel von Botticelli aus. "Du gibst dir selbst nicht genug Anerkennung, Renesmee. Du bist mehr als deine Gabe." Seine Hand suchte nach meiner und seine kalten Finger drückten meine sanft. "Du bist etwas Besonderes, das sieht jeder auf den ersten Blick. Du hast die Gabe Menschen auf eine Art zu berühren, ihr Innerstes zu berühren, wie es nur wenige vermögen. Ehrlichkeit und Vertrauen und eine Liebenswürdigkeit, die Herzen öffnen kann. Schau dir doch nur die Werwölfe an. Sie akzeptieren dich ohne dass du sie großartig überzeugen musstest ... fast wie eine von ihnen."
Ich lachte bitter, erinnerte mich an ihre Distanz und aggressiven Blicke im Lager. Erinnerte mich an Jacobs schroffe Worte, die immer noch wie Splitter in meiner Brust steckten und mich bei jeden Atemzug quälend daran erinnerten, was er wirklich von mir dachte. Wie schnell seine Haltung umgeschlagen war, von zurückhaltender Sympathie zu deutlichem Abscheu - wie er mich angesehen und von meiner Mutter, ihrer Verwandlung gesprochen hatte... Aber sicher, wie eine von ihnen...
"Können wir bitte nicht von den Wölfen sprechen? Ich würde wirklich lieber weiter arbeiten." Ich setzte mich wieder aufrecht und strich meine Bluse glatt - Alice würde mich umbringen, wenn sie Falten bekäme.
"Ganz wie du möchtest. Vielleicht sollten wir einen anderen Ansatz probieren. Möglicherweise könnte Meditation deine innere Blockade lösen."
Wir wollten gerade unser Training fortsetzen, als Heidi auf uns zu marschierte um mir mitzuteilen, dass Aro meine Eltern und mich sprechen wollte. Vielleicht ging es um meine Gabe, vielleicht war er genauso ungeduldig wie ich und wollte Resultate sehen. Heidi eskortierte mich mit Alec im Schlepptau zum Thronsaal, wo meine Eltern bereits auf mich warteten. Großvater war nicht anwesend - wahrscheinlich war er wieder im Wolfslager. Ich griff nach Vaters Hand, um ihn zu fragen, ob er mehr wusste, doch er schüttelte nur den Kopf. Er wusste auch nicht, worum es ging.
Die großen Flügeltüren öffneten sich vor uns und wir betraten den Saal gemeinsam. Durch die hohen Fenster nahe der Saalkuppel flutete das Sonnenlicht auf den weißen Marmor und tauchte den ganzen Raum in einen hellen Schein. Wie gewohnt saßen die drei Volturi-Oberhäupter auf ihren Stühlen und erwarteten uns, Aro wesentlich enthusiastischer als die anderen beiden.
"Du wolltest uns sehen, Aro", sagte Vater und reckte neugierig das Kinn vor. Offensichtlich versuchte er einen Blick in Aros Gedanken zu erhaschen, um herauszufinden, was der Vampir jetzt schon wieder von uns wollte.
"Das wollte ich, wir haben nämlich einen weiteren Gast zu begrüßen." Wie er das Wort "Gast" mit Doppeldeutigkeit betonte, schien mir suspekt, als würde er nicht von jemanden sprechen, der wirklich willkommen war. Wer war das schon in Volterra. Dennoch lächelte er wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum, ein Abbild der guten Laune, was mich nur noch mehr irritierte.
Hinter uns öffneten sich die großen Flügeltüren erneut, als weitere Gestalten den Thronsaal betraten. Jane, gefolgt von Demetri und Felix, die beide eine junge Vampirfrau mit sich zerrten. Ihr lockiges, rotes Haar umgab ihren Kopf wie einen feurigen Schein und gab ihrem Antlitz einen zusätzlichen Touch von Wildheit. Zur Zeit der Inquisition hätte man sie mit diesem Aussehen, plus der unnatürlichen Vampirblässe und stechend roten Augen, leicht als Hexe brandmarken können. Die Frau war mir unbekannt, doch meine Eltern reagierten mit einem geschockten Aufschrei, als sie die Fremde sahen, die wiederum meine Eltern anstarrte, als wollte sie ihnen gleich das Herz herausreißen.
"Victoria!" Der Name war nicht mehr als ein Knurren aus der Kehle meines Vaters. Ich kannte den Name und wusste sofort, was vor sich ging. Victoria, die meine Familie so lange tyrannisiert hatte. Die mehr als einmal versucht hatte, meine Mutter zu töten, um den Tod ihres Geliebten James zu rächen. Die uns aus Forks vertrieben und uns um den halben Globus verfolgt hatte.
Victoria bebte vor Zorn, versuchte sich aus Felix Schraubstockgriff zu befreien und auf uns zu stürzen, doch der Volturi-Soldat war wesentlich stärker als die zierliche Frau. Ihre Gegenwehr schien ihn zu amüsieren, denn ein wölfisches Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Sicher hätte er Victoria nur allzu gerne auf uns losgelassen, wenn Aro es erlaubt hätte.
"Das genügt jetzt!" sagte Aro und Jane wandte sich Victoria zu, wandte ihre Gabe an und Victoria knickte sich vor Schmerzen krümmend zusammen. Statt wütender Schreie gab sie nur noch bemitleidenswerte Jammerlaute wie von einem verängstigten Welpen von sich. Zufrieden ließ Jane von ihr ab.
"Aro, was soll das?" verlangte Vater zu erfahren. "Wieso ist sie hier?"
"Victoria ist diejenige gewesen, die uns von eurem Familienzuwachs berichtet hat", erklärte Aro auf mich deutend. "Hätte sie euch nicht beobachtet, wäre uns Renesmees Existenz vielleicht für sehr viel länger entgangen. Sie hat uns aufgesucht und uns weis machen wollen, dass wir es mit einem unsterblichen Kind zu tun haben und ihr demnach unser Gesetz gebrochen hättet. Deswegen die Verwirrung bei eurem Eintreffen hier."
"Ich dachte, das hätten wir bereits geklärt. Es wurde kein Gesetz von uns gebrochen!" Caius schnaubte missmutig, doch Aro besänftigte ihn schnell.
"Natürlich nicht, mein Freund, darum geht es in diesem Fall auch nicht. Es geht darum, dass Victoria versucht hat, uns in die Irre zu führen, um ihre persönlichen Rachegefühle gegen deine Familie zu befrieden. Wir mögen es gar nicht, wie Schachfiguren benutzt zu werden. Wir haben sie herbringen lassen, damit sie sich für ihre Tat verantworten kann. Und da ihr diejenigen seid, denen sie Schaden zufügen wollte, sollt ihr auch diejenigen sein, die sie für ihr schändliches Verhalten bestraft."
Aro wollte, dass wir sie bestraften? Das einer von uns ... sie tötete? Meine Eltern? Sicherlich hatten sie jeden Grund Victoria zu hassen und es wäre etwas anderes gewesen, wenn es eine Kampfsituation gewesen wäre. Wenn es Notwehr wäre wie bei James, als er versucht hatte meine Mutter zu töten ... aber die Situation war völlig anders. Hier ging es um eine Hinrichtung.
Hier ging es darum, für Aro den Henker zu spielen.
Aber meine Eltern töteten nicht - außer Tiere zur Nahrungsaufnahme, und selbst dann machten sie es kurz und so schmerzlos wie möglich. Sie vergossen kein unschuldiges Blut, wenn es sich vermeiden ließ, das war der Grundsatz unserer Familie, der uns von Unseresgleichen unterschieden. Wir waren keine Sadisten wie manch anderer Vampir. Oder manch anderer Mensch ...
Würden meine Eltern Victoria dieselbe Gnade eine schnellen Todes erweisen, selbst wenn sie es nicht verdient hatte? Hatte sie überhaupt Gnade verdient, nachdem sie mehr als einmal versucht hatte meine Familie zu zerstören?
Vater trat auf Victoria zu, musterte sie lange und eindringlich. Obwohl sie am Boden kauerte, schien ihr Kampfeswillen ungebrochen. Wie würde er sich entscheiden? Würde er die Frau vor meinen Augen töten?
Vater sah zu mir herüber mit demselben Gedanken in seinen Augen aufkeimend, schien das geringere Übel abzuwägen. Victoria kaltblütig töten oder das Wohl seiner Familie riskieren.
Für einen langen Augenblick schien seine Entscheidung klar auf eines hinauszulaufen...
Doch dann tat er etwas für uns alle Unerwartetes - er wandte sich direkt an Victoria.
"Victoria, was ich dir genommen habe, ist nicht wieder gut zu machen. Ich verstehe deinen Schmerz und deine Verzweiflung mehr als du glauben würdest, und deinen Wunsch anderen denselben Schmerz zuzufügen. Aber das wird dir James nicht zurückbringen und es wird dir auch nicht das Leben retten, wie du jetzt selbst siehst. Du kannst nicht gewinnen, aber du bist eine Überlebenskünstlerin. Dies ist dein Scheidepunkt. Deine letzte Chance. Wenn du bereit bist, nie wieder in die Nähe meiner Familie zukommen oder ihnen etwas antun zu wollen, bin ich bereit dich noch einmal zu verschonen."
Aro bedachte ihn nachdenklich. Die anderen Volturi brachten noch viel weniger Verständnis für Vaters Entscheidung auf. "Das ist in der Tat sehr großzügig von dir, Edward, und es ist natürlich eure Entscheidung, wenn ihr auf eure Vergeltung verzichten wollt. Sie hat sich jedoch auch gegen die Volturi versündigt, und das kann nicht ungestraft bleiben."
Victoria starrte ihn entsetzt an. "Aber ich habe euch geholfen ... ich habe euch von den Werwölfen erzählt!"
Aros Miene erhellte sich weiter. Er lehnte sich in seinem Thron zurück, faltete die Hände zu seiner symbolischen Krone vor der Brust und betrachtete Victoria amüsiert und voller Überlegenheit. Vater handelte vielleicht nicht so, wie Aro es gewollt hätte, dennoch wirkte er unheimlich zufrieden.
"Das haben wir auch nicht vergessen, meine Liebe. Deswegen erhältst du auch eine faire Chance, dein Leben zu retten. In einen Werwolfkampf. Wenn du es schaffst, gegen den besten Kämpfer des Rudels zu bestehen, lassen wir dich gehen. Ist das nicht aufregend?"
A/N:
Songs zum Kapitel:
Lana Del Ray "Born to die" und Fever Ray "Keep the streets empty for me"
Na, wer hat erwartet Victoria in der Geschichte zu sehen?
Vielleicht wäre es logischer, dass Edward sie gleich töten würde, aber ich wollte unbedingt meinen Werwolfkampf (und es wäre wirklich wie eine Hinrichtung in Aros Sinn und der Volturi würde das für sich ausnutzen).
Es ist wohl nicht schwer zu erraten, welcher Werwolf in der Arena gegen Vicky antreten wird...
Wie immer hoffe ich, das Kapitel hat euch gefallen (und es sind nicht zu viele Schreibfehler drin) und freue mich über großes oder kleines Feedback.
Bis zum nächsten Mal :D
