A/N:
Neues Kapitel, aber *stöhn* Schreibblockade. Das nächste Kapitel sollte so um die BD2-Premiere fertig sein (nur ein Scherz ... hoffe ich zumindest).
Kapitel 11: Blut und Spiele
"Das haben wir auch nicht vergessen, meine Liebe. Deswegen erhältst du auch eine faire Chance, dein Leben zu retten. In einem Werwolfkampf. Wenn du es schaffst, gegen den besten Kämpfer des Rudels zu bestehen, lassen wir dich gehen. Ist das nicht aufregend?"
Noch am selben Abend sollte der Kampf in der alten Arena stattfinden. Als die Abenddämmerung hereinbrach, verschwanden die Menschen von den Straßen der Stadt, verschlossen die Türen und verbarrikadierten die Fenster. Versteckten sich in ihren lichtlosen Häusern, als ahnten sie, was draußen vorgehen würde und um nichts in der Welt damit zu tun haben wollten. Sogar die streunenden Katzen suchten sich ein sicheres Versteck. Wahrscheinlich setzte Alec seine Gabe ein, so wie er es mir erzählt hatte. Außerdem waren die Menschen von Volterra abergläubisch und sie hatten auch allen Grund dazu.
Kurz vor Mitternacht brachen wir von der Festung auf. Es war eine bleiche Vollmondnacht, wie geschaffen für lebendig gewordene Mythen und Legenden, die ihr Unwesen trieben und die Menschen noch bis in ihre Träume verfolgen würden.
Die Volturi trugen schwarze Kutten, die Kapuzen verdeckten ihre bleichen Gesichter und sie gusseiserne Laterne - auch wenn das wohl eher zum Schauspiel gehörte als irgendeinem wirklichen Zweck zu dienen. Wie eine dunkle Prozession bewegten sich die Vampire lautlos durch die leergefegten Straßen der Bergstadt Richtung Amphitheater, und meine Familie und ich waren mitten unter ihnen. Unsere Schatten wurden von den Laternen an die Wände der Häuser geworfen, flossen darüber wie schweigsame Begleiter. Lautlos wanderten wir durch die Stadt.
Das altertümliche Theater sah anders aus als bei Tageslicht, als Alec es mir gezeigt hatte. Ölfackeln waren aufgestellt und entzündet worden und tauchten die steinernen Ruinen in einen feuerroten Schein. Es sollte wohl so authentisch wie möglich aussehen - wie es vor tausend Jahren bei den echten Gladiatorenkämpfen ausgesehen haben mochte, als die menschliche Zivilisation noch jung und wild gewesen war, dürstend nach Brot und Spielen.
Das Theater füllte sich schnell bis auf den letzten Rang. Fast alle Volturi mussten anwesend sein, um sich das Spektakel anzusehen, einschließlich der Gefährtinnen der Wachen. Sie standen zusammen und schwatzten wie alte Waschweiber, feilschten darüber, wie der Kampf wohl ausgehen mochte.
Aro, Caius und Markus hatten eine eigene Loge hoch über den anderen Rängen mit dem beste Blick auf die Arena. Ihre Roben waren ebenfalls schwarz, jedoch prächtig geschmückt mit Goldfasern und eingelassenen Edelsteinen. Als das Theater gefüllt war, erhob sich Aro erhob von seinem Platz und die anderen Vampire schwiegen andächtig, um seiner Begrüßung zu lauschen.
"Willkommen Freunde zu diesem besonderen Abend. Es ist lange her, dass wir diese alte Tradition ehren durften. Es ist die Nacht des Urteil und der Vollstreckung. Lasst uns beginnen."
Zwei Volturi-Soldaten zerrten Victoria in die Arena. Sie war sichtlich verängstigt, doch auch ihre Widerspenstigkeit erwachte im Schein der Flammen. Als sie meine Familie unter den anderen Vampiren erblickte, begann sie zornig zu knurren und nahm dann schnell wieder eine unterwürfige Haltung ein. Die beiden Wachen ließen sie alleine in der Mitte der Arena zurück. Wie ein gehetztes, verletztes Tier sah sie sich um, suchte nach einer Fluchtmöglichkeit und fand doch keine. Es gab kein Entkommen, ihr blieb nichts anderes übrig als zu kämpfen.
Die Spannung wurde größer, als die massige Gestalt eines Werwolfs in die Arena gelassen wurde. Es war Jacob. Der Feuerschein flackerte in Wellen über sein Fell wie geschmolzene Gestein. Das ausgerechnet er es sein musste - irgendwie hatte ich es geahnt und doch war ich nicht darauf vorbereitet ihn da unten zu sehen. Wieder zeigte sich Aros Grausamkeit.
Meine Mutter war genauso entrüstet wie ich. Ihre zittrigen bleichen Hände ballten sich zu Fäusten. Vater legte eine Hand auf ihre, um sie zu beruhigen. Ich schaute zu ihm herüber, fing seinen Blick auf.
Hast du es gewusst?, fragte ich in Gedanken. Hast du gewusst, dass Aro ihn wählen würde?
Tiefes Bedauern umspielte seine regungslosen Züge. "Er ist der Stärkste von ihnen", sagte er beinahe etwas zu sachlich. "Der beste Kämpfer. Der rechtmäßige Alphawolf. Er wird siegen."
"In einem Stück?"
Vaters Mundwinkel zogen sich nach unten. Er konnte mir jedoch nicht mehr antworten, denn auf Aros Signal begann der Kampf ...
Es ging alles so schnell und hektisch, dass ich Mühe hatte zu folgen.
Jacob preschte mit gefletschten Zähnen auf Victoria zu, versuchte nach ihr mit seinen kräftigen Kiefern zu schnappen. Die rothaarige Vampirfrau war jedoch sehr flink, schaffte es immer wieder, beinahe leichtfüßig, seinem Angriff zu entgehen, indem sie enge Haken schlug und akrobatisch durch die Luft wirbelte. Wer würde dieses "Katz und Maus" - Spiel länger durchhalten?
Noch zeigte Jacob keine Ermüdungserscheinungen, aber er war keine Maschine. Irgendwann würde er müde werden. Irgendwann würden Kraft und Konzentration nachlassen und dann wäre Victoria im Vorteil. Ich hoffte, dass er sie vorher erwischen konnte. Auch nach unserer Auseinandersetzung wollte ich nicht, dass ihm etwas passierte. Ich wollte, dass er lebte.
Und Victoria - so kaltschnäuzig es sich anhörte, sie war mir ziemlich egal.
Die Volturi erfreuten sich an dem Spektakel, was ein wirklich seltsamer Anblick war - zu sehen, wie sich sonst so disziplinierte Soldaten allmählich in eine grölende, ausgelassene Masse verwandelten. Bizarr war dafür kein Ausdruck. Aro schien sich nicht nur an dem Kampf selbst zu erfreuen, sondern auch an dessen Wirkung auf seine Anhänger. Wie die angeheizte Energie durch ihre Reihen pulsierte. Selbst Markus schien gefesselt von dem dramatischen Fight. Einzig Caius schien sich unbehaglich zu fühlen. Er wirkte verkrampft, seine glutroten Augen folgten Jacobs Bewegungen voller Hass und verschärfter Wachsamkeit. Womöglich erinnerte er sich an seinen letzten Werwolfkampf, bei dem er beinahe getötet worden war.
Je länger der Kampf andauerte, desto schwerer fiel es mir dabei zu sehen.
Zusehen zu müssen, wie sich Jacob komplett verausgabte und immer wieder von Victoria verletzt wurde, war eine Qual. Sein Fell war inzwischen schmutzig, bedeckt mit Staub und Dreck vom Rollen auf dem Boden, einige Stellen sahen dunkler aus, die Fellhaare erklebt. Ich musste es nicht riechen, um zu wissen, dass es Blut war. Auch der sandige Boden der Arena war teilweise rot gefärbt von Jacobs Blut. Victoria hatte ihn mehrmals hart erwischt und durch die halbe Arena geschleudert. Doch er hatte sich immer wieder aufgerafft. Er gab nicht auf, auch wenn er auf einem Hinterbein hinkte und seine Bewegungen immer schwerfälliger wurden.
Es war ihm gelungen, Victoria einen Arm abzureißen, was die Vampirfrau im Endeffekt nur wütender gemacht hatte. Sie kämpfte mit allen Mitteln, dreckig und unfair. Sie wollte um jeden Preis gewinnen.
Victoria warf Jacob eine Hand voll Sand ins Gesicht, so dass er kurz geblendet war. Mein Atem setzte aus, als sie die Gelegenheit nutzte, sich auf Jacobs Rücken zu schwingen und ihm den verbliebenen Arm um den Hals zu legen. Langsam druckte sie zu und schnürte ihm die Luft ab. Jacob begann gequält zu röcheln und buckelte wie ein Wildpferd in dem Versuch sie abzuschütteln, doch es wollte ihm nicht gelingen und je mehr er sich bewegte, desto mehr drückte sie zu. Wie eine Zecke krallte sie sich an ihm fest, presste die Beine in seine Flanken, als wollte sie ihn zerquetschen. Lange würde er das nicht mehr durchhalten.
Etwas musste geschehen!
Jemand musste ihm helfen!
Ich fühlte, wie sich etwas in mir aufbaute, heiß und bereit zur Entladung. Wie ein Kessel unter Hochdruck. Wut, Verzweiflung, Hilflosigkeit. Ein Orkan an Gefühlen, die sich immer weiter auftürmten, bis es mir schwer fiel, auch nur zu atmen.
Alle aufgestauten Gefühlen entluden sich in einem einzigen Schrei. Meinem Schrei. "NEIN!"
Der Schrei war nicht laut, kam mir nicht viel mehr als ein Flüstern vor, und drang nicht allzu weit über die gefüllten Ränge voller jubelnder Vampire hinaus, so dass nur meine Familie wirklich es mitbekamen.
Zu meinem Erstaunen schien aber auch Victoria zu reagieren.
Für den Bruchteil einer Sekunde wirkte sie abgelenkt, wie von Sinnen. Ihr Blick wurde glasig, ihr Griff um Jacobs Hals lockerte sich. Sie keuchte entsetzt auf. Es reichte aus, um Jacob die Kontrolle wiedererlangen zu lassen. Blitzschnell schüttelte er Victoria von seinem Rücken, wirbelte herum und zermalte ihren Kopf in einem Biss zwischen seinen gewaltigen Kiefern.
Der Kampf war vorbei. Jacob hatte gewonnen.
Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich angestarrt wurde. Nicht nur von meiner Familie. Aro starrte über die halbe Arena hinweg zu mir herüber und in seinen Augen lag ein dunkles wissendes Funkeln.
Auch Jacobs Augen suchten und fanden mich inmitten der Ränge. Für einen Augenblick trafen sich unsere Blicke und ich wurde ganz ruhig. All der Stress fiel von mir ab, die Sorgen und Ängste wichen der Erleichterung und Gewissheit, dass es vorbei war. Dass er es geschafft hatte. Dass es ihm gut ging.
Doch dann wurde auf einmal alles zuviel und es ging ganz schnell. Ich verlor das Gleichgewicht und mir schwindelte. Das Letzte, woran ich mich erinnerte, bevor alles schwarz um mich wurde, waren die wirr tanzenden Lichter und Schatten, die wie Sterne um mich herum vom Himmel zu fallen schienen...
In meinem Traum war ich zurück auf Esme Island, wo ich zur Welt gekommen war. Es war ein heller sonniger Tag, doch die Farben waren ausgewaschen und ins Monochrome verschoben. Der blaue Himmel ließ sich nur erahnen und sah aus wie eine verblasste Fotografie.
Es war kein Traum.
Es war eine verschwommene Erinnerung wie aus einem Fotoalbum entwendet und künstlich in Szene gesetzt.
Ich befand mich in dem großen Bungalow, den wir damals bewohnt hatten, mit Blick auf den Sandstrand und den endlos wirkenden Ozean. Leise Geräusche lockten mich ins Nebenzimmer. Ich sah meine Mutter kurz nach ihrer Verwandlung zum Vampir.
Sie stand vor dem großen Kleiderspiegel und betrachtete ihr Spiegelbild ausgiebig, nicht weil sie eitel gewesen war, sondern weil sie sich erst noch an ihr markeloses Erscheinungsbild als Unsterbliche hatte gewöhnen müssen. Ihre dunklen Haare hingen in üppigen Wellen herab und mit der weißen Haut erinnerte sie mich an Schneewittchen, die gerade von ihrem Prinzen aus ihrem Todesschlaf wach geküsst worden war.
Sie trug ein dunkelblaues Kleid, an dessen Rockzipfel mein jüngeres Ich hing. Trotz des Aussehens eines Kleinkindes konnte ich kaum älter als ein paar Wochen sein. Damals war meine Entwicklung noch so rasant vonstatten gegangen, dass man mir beim Wachsen wortwörtlich hatte zusehen können.
Von den restlichen Mitgliedern meiner Familie war nichts zu sehen. Wahrscheinlich befanden sie sich auf dem Festland zum Jagen. Mutter und ich waren die Einzigen gewesen, die die Insel nicht hatten verlassen hatten können, da wir Beide nicht hatten unter Menschen gehen können - sie wegen ihrem ausgeprägten Blutdurst, ich wegen meinem anhaltendem Wachstum.
An der Hand meiner Mutter verließ mein jüngeres Ich das Haus zu einem Spaziergang in den tropischen Dschungel der Insel. Ich folgte den Beiden. Wir besuchten die Brutstätte der Paradiesvögel, deren prächtiges, buntes Gefieder und ulkigen Balzrituale mir immer so gefallen hatten. Das kindliche Lachen meines jüngeren Ichs vermischte sich mit den Gesängen der Vögel, während es durch den Dschungel tobte. Meine Mutter hielt Abstand, um die Tiere nicht zu verscheuen.
Damals hatte ich nicht darauf geachtet, was meine Mutter getan hatte, doch diesmal sah ich genauer hin. Sie kniete sich auf den Boden unter einer besonders hohen Palme, die den restlichen Dschungel überragte und grub ein kleines Loch. Dann hantierte sie an ihrem Armband mit dem Diamantenherzanhänger herum, welches Vater ihr an ihrem 18. Geburtstag geschenkt hatte.
Sie vergrub etwas in der Erde.
Was genau es war, konnte ich von meiner Position nicht erkennen.
Als Mutter sich mit meinem jüngeren Ich auf den Weg zurück zum Strand machte, blieb ich zurück. Neugierig grub ich die frische Erde wieder beiseite und fand, was Mutter vergraben hatte. Es war ein Holzanhänger.
Ein kleiner geschnitzter Wolf.
In der feuchten Erde würde es nicht lange dauern, bis das Holz verrottet wäre.
Ich legte den Anhänger in meine Handfläche und spürte die Wärme, die von dem Holz ausging. Fühlte ihn pulsieren. Beinahe wie ein Herzschlag, als wäre die kleine Figur irgendwie lebendig.
Der Wind frischte auf, umspielte die Baumwipfel, brachte das Grün um mich geheimnisvoll zum Rascheln und heulte auf.
Es klang wie der Ruf eines Wolfes...
Als ich das nächste Mal erwachte, regnete es. Zumindest hörten sich die Geräusche, die vom Fenster kamen, nach Regen an. Oder mehr nach Hagel. Ich fühlte weiche Kissen unter mir, eine warme Decke, die mich einhüllte. Der Duft von Lavendel in der Luft. Auch meine anderen Sinne sagten mir, dass ich mich nicht länger draußen in der Arena befand, sondern zurück in der Volturi-Festung in unserer Suite war.
Ich erinnerte mich daran ohnmächtig geworden zu sein, doch ich konnte nicht sagen, was danach geschehen war - oder warum ich überhaupt das Bewusstsein verloren hatte. Vielleicht hatte ich mich doch beim Training mit Alec überanstrengt. Vielleicht hatte ich meinem Geist einfach zu viel in zu kurzer Zeit zugemutet, dass er jetzt anfing zu streiken.
Ich starrte in die Dunkelheit des Zimmers, unfähig wieder einzuschlafen, wo ich schon einmal wach war. Wieder diese leise, klirrende Geräusch vom Fenster, als würden Hagelkörner gegen die Scheibe schlagen ... oder als würde jemand kleine Steinchen dagegen werfen. Es ließ sich nicht ignorieren und schoss jedes Mal wie ein weißer Blitz durch meinen Kopf. Als ich das Geräusch besser einschätzen konnte, wurde mir bewusst, dass es zu unregelmäßig für Hagel war. Jemand musste tatsächlich Steine gegen das Fenster werfen ...
Aber das Zimmer lag mehrere Stockwerke hoch - wer sollte in der Lage sein so hoch und präzise zu werfen? Außer ein Vampir natürlich ... vielleicht war es Alec, aber wieso sollte er das tun, wenn er mich einfach durch die Tür besuchen konnte?
Und noch wichtiger, wer wäre so dumm, so etwas bei einem Vampirnest zu tun?
Ich setzte mich auf, schüttelte den Schwindel ab. Von Nebenan war kein Geräusch zu hören, weswegen ich annahm, dass meine Eltern nicht da waren. Ich stieg wackelig aus dem Bett, ging zum Fenster und öffnete es, um herauszufinden, wer hinter den Steinchen steckte. Die Nachtluft war frisch und voller verlockender Gerüche.
Genau in diesem Augenblick traf mich eines der Steinchen an der Stirn. Es tat nicht weh, war aber irgendwie ärgerlich.
Zu meinem Erstaunen entdeckte ich Jacob unten auf der Straße stehen und zu mir aufblickend. Gegen mein besseres Wissen begann mein Herz schneller zu schlagen. Ich war erleichtert, dass es ihm soweit gut ging und wollte am Liebsten meine Freude darüber zu ihm herunter schreien, doch schnell erinnerte ich mich daran, dass dann auch jeder Vampir im näheren Umkreis mich gehört hätte - und das wäre vielleicht eine schlechte Idee gewesen.
Was wollte er überhaupt unter meinem Fenster? Dazu auch noch mitten in der Nacht. Wir waren nicht im schönen Verona, ich war nicht Julia und Jacob hatte ungefähr soviel Ähnlichkeit mit Romeo wie mein Vater mit einem braungebrannten Beach Boy.
Jacob winkte zu mir herauf, gestikulierte mit seinen Händen und deutete an, ich sollte vom Fenster zurücktreten. Was hatte er vor? Wollte er ernsthaft zu mir hinauf kommen?
Bevor ich ihn wegschicken konnte, holte er Anlauf und sprang an der Steinwand der Festung hoch. Mit einer Hand erreichte er einen kleinen Vorsprung, an dem er sich festhielt. Geschickt wie ein Akrobat kletterte er an der Fassade hoch, hangelte sich an Zinnen und Vorsprüngen bis zu meinem Stockwerk hoch.
Ich war mehr als beeindruckt - für einen Vampir wäre diese Aktion ein Kinderspiel gewesen, für einen normalen Menschen halsbrecherische Unsinn, für einen Werwolf wohl irgendetwas dazwischen, obwohl ich mehr auf das Letztere tippte - nicht wegen der Gefahr, sich bei einem Absturz alle Knochen zu brechen, sondern weil es sich eben um ein Vampirnest handelte.
War Jacob also tollkühn oder lebensmüde - die Frage würde ich ihm noch stellen müssen ...
In einer fließenden Bewegung schwang Jacob sich schließlich durchs Fenster ins Zimmer und landete beinahe lautlos vor mir auf den Füssen. Ich war so überrascht, dass ich ein paar Schritte zurücktaumelte - nicht weil ich mich fürchtete, sondern weil es mich einfach überwältigte, ihm unerwartet wieder so nahe zu sein. Der laute Schlag meines Herzens blendete alle anderen Geräusche aus und ich versuchte die Fassung zu bewahren.
Die Klettertour schien ihm keine große Anstrengung bereitet zuhaben. Mit großen Augen starrte ich ihn an, nicht nur verwundert über seinen Auftritt, sondern dass er überhaupt aufgetaucht war nach unserer Auseinandersetzung in der versteckten Lagune. Dass er mich wieder sehen wollte nachdem er so angewidert über meine Herkunft gewesen war. Oder wollte er mir noch einmal unter die Nase reiben, wie wenig er von mir und meiner Familie hielt? Ein ziemlich großer Aufwand, um mir etwas zu sagen, was ich schon wusste ...
Die Erinnerung an unseren Streit brachte mich in die Zwickmühle. Ja, ich war froh ihn zu sehen, ich konnte mich nicht selbst belügen, auch wenn er immer noch übersäht von den Kampfspuren war - tiefe Schrammen auf der Haut, die erst noch heilen mussten, Blut verklebte Haare, wo auch das ein oder andere Büschel fehlte und so wie er sich hielt, bereitete ihm auch eins seiner Beine Schmerzen. Aber es hätte schlimmer kommen können - er hätte auch einen Arm verlieren können ... oder seinen Kopf.
Zugleich war ich immer noch wütend und verletzt über seine Reaktion von zuvor.
Was sollte ich also tun? Wie sollte ich reagieren?
Ich entschloss mich ihn wenigstens anzuhören, wenn er schon so einen großen Aufwand betrieb, um mich zu sehen - bevor ich ihn wieder aus dem Fenster werfen würde!
"Du solltest nicht hier sein", sagte ich.
"Ich weiß ... aber ich konnte nicht anders. Ich musste sehen, ob es dir gut geht. Als du im Theater zusammengebrochen bist ... Geht es dir gut?"
"Sicher." Ich bemühte mich meine Stimme so gleichgültig wie möglich klingen zu lassen.
"Wieso kaufe ich dir das nicht ab?"
"Wieso interessiert dich das überhaupt? Oder hast du unser letztes Gespräch vergessen?" schoss ich zurück. "Ich bin die abartige Vampirhybride, schon vergessen?"
Schuldbewusst zog Jacob die Schultern ein, duckte sich und vergrub die Hände in den Taschen seiner abgetragenen Shorts. Er sah so viel jünger aus. Unschuldiger. "'tschuldigung. Ich habe viel Blödsinn geredet. Ich war einfach so geschockt, dass du ... dass sie ..."
"Wir sind eine Familie", erklärte ich. "Was auch immer du davon halten magst. Wir haben nichts Falsches getan." Jacob schwieg dazu, schien dieses Thema vorerst nicht weiterverfolgen zu wollen, was mir nur Recht war.
"In der Arena ... hast du mich gerettet. Du hast irgendetwas gemacht, das Victoria abgelenkt hat. Als du dann zusammengebrochen bist, da habe ich ..." Jacob schüttelte den Kopf. "Es hat sich einfach nicht gut angefühlt."
Wollte er mir etwa sagen, dass er besorgt gewesen war - um mich?
Er schwieg für eine ganze Weile länger, als würde er über viele Dinge nachdenken. Mit großen dunklen Welpenaugen sah er mich unsicher an und mein Zorn begann zu verrauchen. Man konnte auf niemanden böse sein, der einen so ansah.
"Ich war besorgt", gestand Jacob schließlich.
Ich wich seinem Blick aus, kämpfte gegen die Röte, die sich in mein Gesicht zu stehlen drohte. Ich fühlte mein Herz schmelzen. Wenn er solche Dinge sagte, die mir in ihrer Einfachheit wie Poesie vorkamen. Wenn er mir das Gefühl gab, dass auch er etwas fühlte ...
Ich zuckte die Schultern. "Ich habe eigentlich nichts gemacht." Das war keine richtige Lüge, da ich nicht wusste, was ich getan hatte. Ob ich wirklich etwas getan hatte oder alles nur Zufall gewesen war.
Jacob rückte näher und ich stand plötzlich mit dem Rücken an der Wand, Jacob ganz dicht vor mir, als hätte der Begriff "persönlicher Freiraum" keine Bedeutung für ihn. Das Zimmer schien in seiner Präsenz zu schrumpfen. Sein Geruch erfüllte die Luft wie süßer Nektar. Und er war so warm.
"Nein, du hast mich gerettet."
Zaghaft hob Jacob die Hand, strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Fingerspitzen streiften meine Haut, nur einen Moment, der allerdings ausreichte, einen Stromstoss durch meinen Körper zu jagen. Ich japste überrascht auf und im selben Augenblick tat Jacob, was ich nie möglich gehalten und doch in meinem Inneren irgendwie gehofft hatte - er küsste mich.
Es war mein erster Kuss, doch keine anderen Küsse der Welt, so war ich mir sicher, wären mit ihm vergleichbar, auch wenn er verhalten anfing. Die Gefühle, die mich durchströmten - als würde sich vor mir der Himmel auftun.
Jacobs Mund war warm und sanft. Ich legte die Arme um seinen Hals, webte meine Finger in sein schwarzes Haar. In meinem Inneren sang die Welt eine neue Melodie.
Wahrscheinlich geriet meine Gabe außer Kontrolle und ich projizierte unbewusste allerlei Unsinn in Jacobs Kopf, denn ich spürte ihn gegen meine Lippen ächzte. Bilder von Sonnenschein, Feuerwerk und Schmetterlingen im Bauch. Er küsste mich inniger und ich tauchte an einen unbekannten Ort ab.
Ich war plötzlich in Jacobs Kopf.
Fühlte, was er fühlte.
Seine Gefühle schienen meine wiederzuspiegeln, dennoch war es auch irgendwie anders - als wäre alles verkehrt herum. Er war ebenso überwältigt und durcheinander wie ich, doch fand ich einen leuchtenden Pfad, der sich wie ein Silberstreifen durch das Gewebe seines Verstandes zog, eine seltsame Symmetrie im Chaos wiedergab.
Und eine Sache stach deutlich, wenn auch an den Rändern etwas unscharf, hervor - als hätte Jacob noch nicht ganz entschieden, was er davon halten sollte.
Ein Wort wie ein Leuchtfeuer in der Nacht.
Ein Erdbeben.
Prägung.
Ich war nicht in der Lage, mich näher mit diesem Begriff zu befassen, was er genau bedeuten mochte und warum Jacob ihn mit mir assoziierte, denn plötzlich schoss sein Kopf hoch, die Muskeln in seinen Schultern spannten sich an. Sein Blick zuckten zur Schlafzimmertür.
"Ich sollte gehen", meinte er.
Mit einem Satz war er wieder beim Fenster, bereit sich hinaus zu schwingen. Bevor es dazu kam, wurde die Zimmertür aufgerissen, so heftig, dass sie kaum noch in den Angeln hängen blieb, und mein Vater stand im Türrahmen. Wie ein Blitz schoss er durchs Zimmer, holte Jacob von der Fensterbank und rammte ihn hart gegen die Wand. Der Aufprall war so heftig, dass das ganze Zimmer kurz erzitterte und sich tiefe Risse in die Wand fraßen. Putz rieselte wie Schnee von der Decke.
"Wie kannst du es wagen!" knurrte mein Vater und hielt Jacob an der Kehle gepackt, seine rasiermesserscharfen Zähne gefährlich nahe an Jacobs Haut. Als wollte er ihn tatsächlich beißen.
"Edward, nicht!" flehte Mutter, die als nächste ins Zimmer kam, dicht gefolgt von Großvater. Beide waren sichtlich schockiert von Vaters Verhalten, von dem Anblick seiner Hände um Jacobs Hals. Jacob versuchte sich zu wehren, doch war er wohl schon zu benommen, um sich zu verwandeln und Vaters Griff konnte er nicht lösen.
Mit gemeinsamer Kraft schafften Mutter und Großvater es schließlich, die Beiden zu trennen und meinen Vater zu zügeln. Jacob sackte an der Wand zusammen und röchelte mit schmerzverzerrter Miene, hielt sich die gerötete Kehle. Ich stand nur dabei und sah zu, unfähig irgendetwas zu tun.
Großvater redete beschwichtigend auf meinen Vater ein, versuchte ihn zur Vernunft zu bringen. "Sohn, tu nichts, was du später bereuen würdest!" Die Worte schienen ihn zu erreichen, denn allmählich begann Vater sich zu beruhigen, auch wenn seine Augen mordlüstern auf Jacob fixiert blieben.
Endlich setzte ich mich in Bewegung, eilte zu Jacob und half ihm wieder auf die Beine, erkundigte mich dabei nach seinem Befinden, doch Jacob antwortete nicht und starrte einfach nur zur Seite, als könnte er mich nicht ansehen. Keinen von uns.
"Hat er dir etwas getan?" fragte Vater mich.
"Nein, natürlich nicht!" erwiderte ich entrüstet. Es war doch nur ein Kuss.
Vater gab einen gequälten Laut von sich. "Ich werde ihm das Fell über die Ohren ziehen!"
"Edward!"
"Du verstehst nicht, Bella. Er hat sich geprägt! Auf unsere Tochter!" Vater starrte Jacob nieder. "Du weißt nicht, was du angerichtet hast, Black! In welche Gefahr du sie gebracht hast! Aro weiß es!" Jacobs Kopf schoss hoch und er sah meinen Vater fassungslos an. Dieser nickte grimmig. "Ganz Recht, er weiß alles! Er will, dass wir die Stadt noch vor dem Morgen verlassen."
"Was?" entfuhr es mir. "Wieso will er plötzlich, dass wir gehen? Wir werden aber nicht einfach gehen, oder?" Ich war verwundert über meine eigenen Worte - noch vor zwei Tagen hätte ich keine Sekunde gezögert, Volterra so schnell wie möglich den Rücken zu kehren, jetzt war das nicht mehr so einfach.
Jacob und mein Vater starrten sich weiter an. Irgendeine wortlose Kommunikation fand zwischen ihnen statt, das konnte ich sehen. Jacob musste ihm irgendeine eindeutige Botschaft übermittelt haben, denn mit einem Mal gab mein Vater seine Angriffshaltung auf und nickte Jacob zu. Dieser riss sich von mir los und wankte aus dem Zimmer. Vater ließ ihn ohne weiteres passieren.
Ich eilte ihm nach und erwischte ihn noch, bevor er die Suite verlassen konnte.
"Warte! Du kannst doch nicht ohne ein Wort gehen!"
Jacob verharrte mit der Hand auf dem Türknauf. Widerwillig sah er mich an mit zusammengekniffenen Augen und bitterer Miene, als wäre es geradezu schmerzhaft mich anzusehen. Als würde er direkt in die Sonne blicken.
Sein Gesicht wirkte so verschlossen. Keine Spur mehr von den wilden Emotionen, die er eben noch empfunden zu haben schien. Ich konnte förmlich sehen, wie er sich vor mir zurückzog. Wie er all die Wände wieder aufbaute, hinter deren Fassade ich kurz hatte blicken dürfen. Wie er sich ein noch dickeres Fell zulegte.
"Geh", sagte er beherrscht, auch wenn sein rasender Puls eine ganze andere Sprache sprach.
Warum?, wollte ich fragen, doch die Worte blieben mir im Hals stecken. Wenn ich ihn berühren könnte, hätte ich ihn auch ohne Worte fragen können, doch dafür hätte ich mich bewegen müssen und ich war wie angewurzelt.
"Geh und komm nie mehr zurück!"
"Aber ... das eben ... was passiert ist ..."
"Das war verrückt. Einfach nur verrückt!"
Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte, denn irgendwie hatte er Recht. Es war verrückt, sogar mehr als das. Ich war das Kind der Frau, die Jacob vielleicht geliebt hatte, und dem Vampir, der sie seiner Meinung nach getötet hatte. Aber ich wollte ihm einfach nicht zustimmen. "Es ist eine verrückte Welt", war deshalb alles, was mir einfiel.
Jacob schüttelte nur den Kopf und trat durch die Tür. Nur noch ein leerer Fleck, wo er eben noch gestanden hatte. Ich starrte ihm nach, auch wenn ich ihn gar nicht mehr sehen konnte. Verraten. Mit gebrochenem Herzen.
Ich wollte ihm nachrennen, ihn anschreien, vielleicht gegen die Wand werfen, wie Vater es zuvor getan hatte. Vielleicht wäre es der richtige Zeitpunkt für ein paar Tränen gewesen, doch ich biss die Zähne zusammen und hielt sie zurück.
Meine Eltern hatten inzwischen gepackt und wir verließen die Festung ohne uns von irgendjemanden zu verabschieden. Nicht einmal Alec konnte ich auf Wiedersehen sagen.
Die Morgenröte war noch nicht ganz über den Horizont gezogen, weswegen der Großteil der Stadt noch verschlafen im Zwielicht lag. Als wir durch die geschwungenen Gassen zum Stadtrand fuhren, die Stadttore passierten und der Landstraße Richtung Florenz folgten, blickte ich zurück auf die Fassade von Volterra, die hinter uns immer kleiner wurde, während in meiner Brust eine dunkle Masse immer größer, sich verknotete und fest zusammenzog.
Ich hatte das Gefühl, etwas Wichtiges verloren zu haben. Etwas, das ich vielleicht nicht hätte versuchen sollen festzuhalten.
Ich sank in den Rücksitz zurück, holte meinen Ipod hervor, scrollte durch die Playlist und tauchte in die Musik ab. Blendete das Hier und Jetzt aus und ließ die Landschaft unbeachtet an mir vorbeiziehen wie ein schlechter Film.
Memory comes when memory's old
Menschen verloren jeden Tag irgendwelche Dinge - ihre Arbeit, ihr Heim, ihr Leben. Verlust gehörte zum Leben.
Er war nur ein Werwolf. Mein Todfeind.
Ich würde schon darüber hinwegkommen.
Ich hatte schließlich den Rest der Ewigkeit dafür Zeit.
I will never disappear
For forever, I'll be here
A/N:
Songs zum Kapitel:
Awolnation "Sail" (Kampfeszene), Gemma Hayes "Wicked Game"(Kussszene), Fever Ray "Keep the streets empty for me"(Schlussszene)
Drama, Drama - aber dafür kommen im nächsten Kapitel die anderen Cullens endlich wieder vor (hab sie irgendwie vermisst).
Sorry, dass ich den Kampf nicht besser beschreiben konnte - stellt ihn euch einfach so ähnlich wie in New Moon vor. Ich bin auch nicht sicher, ob es nicht zu früh war die Beiden sich küssen zu lassen, aber rasende Hormone kennt doch jeder :)
Natürlich hoffe ich das Kapitel hat euch gefallen und freue mich über Kommentare.
Bis zum nächsten Mal :D
