A/N: Zu allererst: sorry, dass so lange nichts von mir zu hören war (seit Mai 2012?). Im letzten Kapitel hatte ich scherzhaft behauptet, dass neue würde erst herauskommen, wenn BD 2 im Kino ist (und jetzt auch schon wieder aus den Kinos raus?), und siehe da – selbsterfüllende Prophezeiung!

Scherz beiseite – es ist schon traurig, dass ich beim Schreiben dieser Geschichte nur noch schlecht vorankomme, aber dazu mehr (und zur Zukunft) im Anschluss ans Kapitel.


Kapitel 12: Der rote Faden

Ein paar Stunden nach unserer überstürzten Abreise aus Volterra erreichten wir Florenz. Die Stadt war immer noch wunderschön, ein Kunstwerk an sich mit den roten Zinnen der Dächer und unzähligen Türme und Kirchen, wie ein in die Landschaft gelegtes Mosaik, das eine eigene Geschichte zu erzählen schien.

Ich konnte jedoch keine richtige Begeisterung für den Anblick empfinden.

Wie sollte ich auch?

Jahrhunderte alte Gebäude, so beeindruckend und kulturell wertvoll sie auch waren, waren am Ende auch nur Glass und Stein. Leblose Bauwerke, die notfalls wieder restauriert oder aufgebaut werden konnten, doch ließ sich das mit meinem inneren Verlustgefühl nicht vergleichen.

Verlorene Kunst war tragisch, verlorene Liebe war ... ein Teil des Lebens?

Des Erwachsenwerdens?

So etwas passierte eben, Herzen wurden jeden Tag gebrochen - und hieß es nicht genau deswegen 'was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker'?

Wir suchten das Hotel auf, in dem der Rest meiner Familie logierte. Das moderne 5-Sterne Etablisment mit einem aufregend klingenden Namen befand sich in der Nähe der Piazzale Michelangelo, von der man einen atemberaubenden Ausblick über Florenz hatte. Die Stadt lag unter uns ausgebreitet wie ein bemaltes Seidentuch in fließenden Tönen von Rostrot bis Senfgelb. So malerisch, wie die großen Künstler der Renaissance sie in ihren kühnsten Träumen erdacht haben mussten. Die Kette der vielen niedrigen Altbauten mit ihren verzierten Fassaden wurden nur von wenigen höheren Gebäuden durchbrochen wie der gewaltigen Kathedrale Santa Maria del Fiore mit ihrer imposanten Kuppel und dem Palazzo Vacchio, welcher von seiner Architektur mit Zinnkranz und Glockenturm stark an das Rathaus von Volterra erinnerte.

Ich stand am Straßenrand, während Vater das Gepäck aus dem Kofferraum unseres Mietwagens entlud, sah mir das Panorama an und versuchte etwas anderes zu fühlen als Kälte.

Da war nicht viel, was sich in mir regte, und ich scheute mich, es näher zu betrachten, da ich wusste, es würde meine Gedanken zurücktragen. Zurück zu Jacob.

Ich schüttelte den Kopf, zwang mich selbst zur Räson.

Was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker!

Wir betraten die prächtige Empfangshalle des Nobelhotels. An der Rezeption erkundigte sich Großvater nach der Zimmernummer der anderen und ließ uns ankündigen. Mehrere Pagen wollten sich um unser Gepäck kümmern, doch wir hatten schließlich nicht viel dabei und bestanden darauf, unsere Taschen selbst zu tragen. Mit dem Aufzug fuhren wir in die oberste Etage, wo meine Familie eine Doppelsuite gemietet hatte.

Ungeduldig warteten Großmutter Esme, Alice, Rosalie, Emmett und Jasper schon an der Tür, ihre Mienen in Sorge und Erleichterung versteinert. Sie konnten es kaum abwarten, uns zur Begrüßung fest in die Arme zu schließen und liefen uns auf dem Flur entgegen. Man hätte meinen können, wir wären Monate getrennt gewesen und nicht bloß ein paar Tage, so herzlich war das Wiedersehen.

So viele vertraute Gesichter um mich zu haben, ließ mich ein wenig aufatmen. Ich war wieder bei meiner Familie. In Sicherheit. Wir würden Italien verlassen und alles würde wieder normal werden. Wir würden bis in alle Ewigkeit glücklich sein...

Wenn es doch nur so einfach wäre...

Wenn es nur einen Reset-Knopf für das Leben gegeben hätte, wäre jetzt der Moment gekommen, ihn zu drücken. Die vergangenen Tage in Volterra einfach löschen und von vorne anfangen. Keine Wölfe, kein Jacob. Vielleicht würde mich mein Gewissen dann endlich in Ruhe lassen.

Die riesige Suite bot allen Komfort, den man sich nur vorstellen konnte, und der für Menschen notwendig war, für uns aber eher überflüssig. Im Zuge unserer Tarnung lebte meine Familie oft im Luxus – reiche Menschen wurden seltener behelligt (oder sie erkauften sich das Schweigen mit dicken Checks), sonst schlichtweg als exzentrisch katalogisiert, was das Leben unter Menschen viel einfacher machte – aber wir konnten auch gut darauf verzichten. Das Einzige, was wir wirklich brauchten, war Blut.

Des guten Scheins wegen war die Minibar mit den exorbitanten Preisen für ein Tütchen Pekannüsse schon geplündert worden. Es waren nur noch ein paar der kleinen Alkoholfläschchen mit bunten, exotischen Etiketten übrig. Vampire tranken keinen Alkohol, sie konnten schließlich nicht betrunken werden – eines der wenigen Dinge, die besonders Onkel Emmett aus seinem früheren Leben vermisste. Zu einem kühlen Bier an einem heißen Sommertag hatte er als junger Draufgänger nur selten nein gesagt. Zudem hätte Alkohol nie dieselbe berauschende Wirkung auf einen Vampir wie frisches Blut.

Bei Halbvampiren war ich mir nicht sicher, wie sich der der Alkohol auswirken würde. Es gab keine Studien, da mir meine Eltern bisher verboten hatten mit Alkohol oder anderen Rauschmitteln zu experimentieren. Ich hatte auch vorher nie große Lust darauf verspürt, doch als ich die Suite betrat und die offen stehende Minibar sah, als würde sie mich fast rufen, konnte ich nicht anders, als die Möglichkeit gedanklich durchzuspielen. Sich einfach zu betrinken und alle Gedanken und Erinnerungen aus mir raus zu schwemmen, schien eine verlockende Aussicht.

Der Kopf meines Vaters schnellte in meine Richtung und er sah mich komisch. Ich schob die Minibar wieder aus meinen Gedanken und ließ mich auf eine Couch in der Nähe nieder, zog die Knie an und verschränkte die Arme vor der Brust, völlig egal, dass meine Schuhe die teure weiße Polsterung verschmutzten.

Ich hörte Gemurmel hinter mir – Tante Rosalie, die sich bei Mutter nach meinem Befinden erkundigte, besorgt, weil ich seit unserer Ankunft kaum zwei Worte gesprochen hatte. Mutter gab irgendwelche Ausflüchten von sich, die nur halb der Wahrheit entsprachen und Rosalie offensichtlich nicht zufrieden stellten, denn sie setzte sich zugleich neben mich, musterte mich eindringlich. Sie war auf ein „Frauengespräch" aus, das war ihr anzusehen.

Ich ignorierte sie bewusst, denn mir war überhaupt nicht danach.

Die restliche Familie versammelte sich ebenfalls im Wohnbereich der großen Doppelsuite, verteilte sich auf die verschiedenen Sitzgelegenheiten und viele große Augenpaare starrten uns erwartungsvoll an. Erwarteten weitere Details unseres Aufenthalts in Volterra und eine wesentlich umfangreichere Schilderung der jüngsten Ereignisse als am Telefon möglich gewesen war.

Großvater übernahm die Berichterstattung und brachte die anderen auf den neusten Stand. Ich stand am Fenster anstatt mich zu setzen und hörte nur mit halbem Ohr zu. Großvaters Schilderung war schließlich nichts Neues für mich, auch wenn er einige Details hinzufügte, die mir vorher entgangen waren.

Er erzählte von den Werwölfen, ihrem Lager unter der Stadt und den beiden verstorbenen Rudelmitgliedern. Er erzählte von Victoria, die sich als unser "Spion" entpuppt hatte und ihrem Ende in der Arena. Er erzählte auch von meinem ersten Training mit Alec, doch über Jacob und mich verlor er kein Wort. Vielleicht aus Taktgefühl. Vielleicht weil er der Meinung war, dass es nur mich erlaubt wäre darüber zu sprechen. Ich war ihm jedenfalls dankbar, denn ich konnte mir nur allzu gut vorstellen, welche Reaktionen meine Verbindung zu Jacob bei meiner restlichen Familie ausgelöst hätte und dafür war ich nicht bereit. Schon gar nicht, wenn sie alle auf einmal auf mich herniedergehen würden wie ein aufgescheuchter Gänseschwarm am Fütterungstag.

Ich beobachtete meine Familie während Großvaters Schilderung. Selbst Rosalie wirkte ein wenig ergriffen vom Schicksal der Wölfe, auch wenn sie es hinter ihrer "Eisprinzessinnen"-Fassade zu verstecken versuchte. Doch ich kannte meine Tante - sie hatte ein ebenso großes Herz wie Großmutter Esme, es war nur schwieriger hineinzugelangen.

Emmetts Reaktion war vorherzusehen. Enttäuscht begann er vor sich hin zu grummeln.

"Es ist so unfair, dass ich nicht dabei gewesen bin. Ich hätte zu gerne gesehen, wie diesem rothaarigen Biest der Kopf abgerissen wurde." Esme, die auf der Sofakante hinter ihm saß, tadelte ihn missbilligend mit einem Klaps auf den Hinterkopf.

"Emmett!"

"Was denn?" meinte dieser verwirrt, bis er doch noch ein Einsehen hatte. "Schon gut, ich weiß. Arme Werwölfe. Müssen so viel leiden." Er senkte den Kopf und murmelte in seine Faust. "War sicher trotzdem ein toller Kampf. Wieso müssen die coolen Dinge immer Edward passieren?"

Vater verdrehte die Augen, Mutter kicherte neben mir. So viel sich auch in den vergangenen Tagen verändert hatte, Onkel Emmett war immer noch der Alter und das würde er wahrscheinlich auch immer bleiben. Ein tröstlicher Gedanke an diesem grauen Tag.

"Zumindest wissen wir jetzt genau, warum Alice keine Visionen von den Volturi empfangen konnte", meinte Jasper. "Solange die Wölfe in der Stadt sind, wird sich das auch nicht ändern."

"Und Aro weiß das jetzt auch", ergänzte Vater. "Das macht sie umso wertvoller für ihn. Er wird sie keines Falls gehen lassen."

"Was tun wir also?" fragte Mutter in die Runde.

Schweigen kehrte ein.

Ich hielt mich zurück mit einer Antwort. Ich wusste, was ich tun wollte, und ich wusste, wozu ich nicht in der Lage war. Ich konnte nicht die Superheldin spielen, zurück nach Volterra stürmen und die Wölfe auf eigene Faust befreien. Nicht einmal, wenn ich ein waschechter Vampir gewesen wäre.

War ich deswegen hilflos?

Ich hatte meine Gabe gegen Victoria sogar wie eine Waffe einsetzen können - wenn auch nur für einen kurzen Moment und eher unbeabsichtigt - aber das würde nie gegen Aro und die anderen Volturi funktionieren.

Was konnte ich schon ausrichten im Angesicht einer gnadenlosen, uralten Vampirarmee?

Weitere Fragen schlossen sich an. Was war ich breit zu riskieren für jemanden, den ich kaum kannte, von dem ich nicht einmal einordnen konnte, was ich für ihn empfand? Oder er für mich…

"Was wir tun?" wiederholte Rosalie schnippisch. "Wir verschwinden natürlich. Die Volturi lassen uns gehen, Gott weiß warum, aber das werden sie kein zweites Mal tun. Wir müssen unsere Chance nutzen, solange es noch geht."

"Und was wird aus dem Rudel?"

"Ist das denn unser Problem?"

"Ich stimme Rosalie zu", pflichtete Jasper bei, "auch wenn ich es nicht ganz so hart formulieren würde. Das Schicksal der Wölfe, so furchtbar es auch ist, ist in erster Linie nicht unser Problem. Es wäre unlogisch für unseren Feind den Kopf zu riskieren und selbst wenn wir es täten, würde es nichts nützen. Wir können die Volturi nicht bezwingen. Wir sind zu wenige. Das Risiko wäre zu groß."

Bevor die Diskussion richtig losgehen konnte, verkroch ich mich ins Badezimmer und schloss die Tür hinter mir.

Ich drehte den Wasserhahn am Waschbecken auf und begann meine Hände zu reinigen. Sie waren nicht schmutzig, dennoch hatte ich das Bedürfnis etwas mit ihnen anzufangen. Sie fühlten sich viel zu nutzlos an.

Ich konzentrierte mich auf den plätschernden Wasserstrahl, auf das Rauschen des Wassers in den Ausguss, weil ich nicht hören wollte, was meine Familie weiter zu besprechen hatte. Dasselbe Hin und Her, das ich schon in Volterra mit meinen Eltern durchgekaut hatte. Dieselben Argumente, die mein Vater wahrscheinlich die ganze Fahrt über nach Florenz vorbereitet hatte. Um meine Familie zu überzeugen. Um mich zu überzeugen.

Warum wir den Werwölfen nicht helfen konnten.

Warum wir in erster Linie an uns selbst denken mussten.

Wäre die Situation umgekehrt und wir in Not, würden uns die Wölfe schließlich auch nicht zur Seite stehen, oder? Sie hassten uns - begründet oder nicht - und wir schuldeten ihnen nichts.

Warum fühlte es sich dann so falsch an, sie im Stich zulassen?

Warum konnte ich nicht einfach vergessen und dort weitermachen, wo ich vor unserem Besuch in Volterra aufgehört hatte, in mein behütetes Leben zurückkehren?

Die Antwort war ernüchternd und sehr simpel.

Irgendwann auf dieser Reise war ich erwachsen geworden.


Als meine Hände rot vom Waschen waren, drehte ich den Wasserhahn langsam zu und überlegte, zu meiner Familie zurückzugehen. Doch sie waren immer noch am Diskutieren. Ohne wirkliches Ergebnis. Ich nahm stattdessen die andere Tür, die in eines der Schlafzimmer der Doppelsuite führte. Es hatte ebenfalls eine Tür, die zum Hotelflur führte, und sie war unverschlossen. Ohne dass meine Familie es bemerkte, flüchtete ich aus dem Zimmer auf den Gang und fuhr mit dem Aufzug hinunter in die Lobby.

Als ich in der Empfangshalle stand und Richtung Ausgang blickte - eine gläserne Drehtür, die sich unentwegt in Bewegung befand und in der sich das matte Tageslicht spiegelte - überlegte ich einen Augenblick, ob ich das Hotel verlassen sollte. Einfach losgehen.

Und wohin?

Zurück nach Volterra?

Und was dann?

Mir wurde bewusst, wie absurd das gewesen wäre, und ging stattdessen in die angrenzende Lounge, wo sich eine Bar befand und ein weißes Klavier auf einer kleiner Bühne stand, auf der Abends wohl gespielt wurde. Es waren keine Gäste zu sehen und auch der Barkeeper war im Hinterzimmer verschwunden. Ich konnte ihn mit irgendwelchen Flaschen hantieren und dabei leise fluchen hören.

Ich setzte mich an den opulenten Flügel und klimperte abwesend auf den Tasten herum. Es wollte keine richtige Melodie entstehen, dafür war ich zu abgelenkt, und die Töne enthielten keine Harmonie, als wären sie ihrem ursprünglichen Verbund entrissen.

Musik war wie Mathematik - es war nicht schwer, die perfekte Sonate zu ermitteln, doch andere Menschen zu berühren und der Musik Seele zu verleihen, war nichts, was sich berechnen ließ. Meisterwerke wurden aus dem Gefühl heraus erschaffen, nicht aus Kalkül. Ich war aber nicht in Stimmung, etwas zu erschaffen und deswegen konnte ich nicht spielen.

Im Grunde machte ich also nur schönen Krach.

Vater musste schon eine ganze Weile im Türrahmen gestanden und mich beobachtet haben, bevor es mir auffiel. Erst eine flüchtige Bewegung seinerseits, als er sich durch die bronzenen Haare fuhr, die ich aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte, machte mich schließlich auf ihn aufmerksam. Ich war nicht so aufmerksam, wie ich es hätte sein müssen.

Vaters Miene war rätselhaft verschlossen. Ich wollte ihn nicht ansehen. Meine Gefühle waren immer noch durch Wut und Enttäuschen verfärbt und das wollte ich ihm nicht offen zeigen, obwohl er es durch meine Gedanken längst wissen musste.

Es schien eine Weile zu dauern, bis Vater den Mut oder Willen aufbrachte, sich mir zu nähern und er sich wortlos neben mich auf die gepolsterte Klavierbank setzte. Noch viel länger dauerte es, bis er sprach.

"Es tut mir leid", war das Erste, was ich von ihm hörte, seine Stimme so sanft und brüchig wie ein Windhauch. Dabei beobachtete er meine Finger, die nun regungslos auf den weißen Klaviertasten verharrten.

Für was er sich genau entschuldigte, ließ er offen. Es gab so viele Dinge, die ich ihm an den Kopf werfen konnte. Vielleicht entschuldigte er sich für alles, was in den letzten Tagen schief gelaufen war, ob es nun seine Schuld gewesen war oder nicht. Wie gesagt, so war mein Vater gestrickt - er war ein Masochist und trug auch die Lasten, die ihm gar nicht zustanden. Die er sich nur selbst auferlegte.

"Für was entschuldigst du dich genau?" fragte ich dann doch aus dem Bedürfnis heraus, es einfach aus seinem Mund zuhören. Wenn er sich schon entschuldigte, sollte er es richtig tun.

"Vor allem für mein Verhalten in Bezug auf Jacob", antwortete er. Ich versuchte bei dem Namen keine Miene zu verziehen. Versuchte nicht weiter zu denken. "Ich weiß, es muss dir grausam erscheinen, wie ich mich verhalten habe, und ich habe keine ausreichende Rechtfertigung außer meiner väterlichen Fürsorge und der nackten Angst um das Wohlergehen meines einzigen Kindes. Aber das Schlimmste daran ist, dass ich dich enttäuscht habe und das ist etwas, was ich nie wollte."

"Ehrenvolle Absichten rechtfertigen kein unehrenvolles Verhalten", erinnerte ich ihn, doch meine Härte begann zu bröckeln. Er war mein Vater, natürlich machte er sich Sorgen um mich und versuchte mich vor allem Übel dieser Welt zu bewahren. Das verstand ich. Nur ging sein Beschützerinstinkt manchmal zu weit. Ich war kein Kind mehr. Er musste mir gestatten erwachsen zu werden, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und ja, auch Risiken einzugehen, mit denen er vielleicht nicht einverstanden war. Nur so konnte ich als eigenständige Person reifen.

Vater lachte, vielleicht sogar ein wenig stolz darüber, dass ich ihm so die Stirn bot. "Ich weiß, Renesmee. Ich hatte einfach Angst dich zu verlieren. Nicht wegen den Volturi. Gegen die könnte ich notgedrungen kämpfen, auch wenn ich Verhandeln immer vorziehen werde. Aber gegen Jacob ... du weißt nicht alles, was zwischen ihm, deiner Mutter und mir vorgefallen ist, und der Gedanke, dass er sich schon wieder in unser Leben einmischen könnte … dass ausgerechnet er derjenige sein soll - " Er schüttelte den Kopf, rieb sich den Nasenrücken. „Am liebsten hätte ich ihm den Kopf abgerissen!"

"DAD!" ermahnte ich ihn, denn er drohte abzuschweifen.

"Tut mir leid, Schatz", entschuldigte er sich erneut mit einem reumütigen Lächeln. "Es ist nur ... ich war Schuld an der Misere deiner Mutter. Was sie alles aufgeben musste - ihre Familie, ihre Zukunft. Wenn wir uns nicht begegnet wären, dann wäre sie-"

"Jetzt noch ein Mensch?" unterbrach ich ihn irritiert. Ich wusste nicht wirklich, warum er jetzt darüber sprach, was das genau mit Jacob und mir zu tun hatte. Aber ich wusste, dass er falsch lag. Selbst Alice war keine fehlerfreie Prophetin, die sich die Zukunft aussuchen konnte. "Glücklich? Das kannst du nicht wissen. Du kannst nicht wissen, wie es ihr als Mensch ergangen wäre - ob sie alt geworden wäre, glücklich verheiratet mit Hund und weißem Gartenzaun. Oder ob sie krank geworden wäre oder ... noch vor ihrem 19. Geburtstag von einem Trümmerteil der MIR erschlagen ... sie hat diese Entscheidung selbst getroffen. Bewusst der Konsequenzen. Sie wollte dieses Leben. Unsere Familie."

Vater seufzte, sah mich lange an mit einem tiefgründigen Glimmen in den Augen. "Du bist schon so erwachsen. Du verstehst so viele Dinge besser, als ich es jemals werde. Du bist in vielen Dingen deiner Mutter so ähnlich und gleichzeitig so anders. Zweifelsohne das Beste von uns beiden."

Er streichelte mir übers Haar und kehrte zum eigentlichen Thema zurück. "Dennoch als ich Jacob sah, wurde ich an all das wieder erinnert. An den Teil des Lebens deiner Mutter, dem ich nie angehört hatte. Und dann die Möglichkeit, dass er mir auch noch meine Tochter wegnehmen könnte, hat die dunkelsten Instinkte in mir wach gerufen. Es ist hart zu akzeptieren, dass ich nicht mehr dein Held bin."

Ich sah ihn mehr als erstaunt an. „Daddy, du wirst immer mein Held bleiben, immer mein Vater, den ich liebe und achte, und der immer zu mir stehen wird, egal wie dumm oder egoistisch ich mich verhalte. Und ich werde immer deine Tochter bleiben, daran wird nichts und niemand etwas ändern können. Wenn ich auf eigenen Beinen stehen will, meine eigenen Fehler machen, dann bedeutet das nicht, dass du mir plötzlich nicht mehr wichtig bist. Ich wollte immer, dass du stolz auf mich bist."

„Das bin ich schon immer gewesen, seit dem Tag, an dem du uns geschenkt wurdest. Das wird sich nie ändern. Ich verspreche dir, ich werde immer für dich da sein und dich unterstützen, welchen Lebensweg du auch einschlagen wirst… und wenn dich dieser Weg zu Jacob führt … dann werde ich das überleben."

Ich senkte den Blick. Ich fühlte mich traurig, als wäre ich einer Change beraubt worden, die ich nicht näher benennen konnte. Als hätte ich den Jackpot geknackt ohne überhaupt in der Lotterie zu spielen. Ein halbes Los, das nicht mehr eingelöst werden konnte. „Jacob kann mich euch nicht wegnehmen. Das ist sowieso nicht mehr wichtig. Selbst wenn die Situation anders wäre … er ... er empfindet nichts für mich. Er wollte, dass ich gehe."

"Um dich zu beschützen, so wie ich deine Mutter damals, als ich sie verließ. Gute Absichten, schlechte Entscheidungen. Du bedeutest ihm mehr, als du ahnst."

Ich verdrehte die Augen, denn Vaters Worte waren schwer zu glauben. "Wegen der Prägung? Ich weiß nicht einmal, was das wirklich bedeutet."

Vater seufzte erneut und holte weit aus, als schien er etwas sagen zu wollen, was ihm wirklich nicht leicht fiel aber von großer Bedeutung war. Etwas, dass ich hören musste, ob es mir am Ende gefiel oder nicht.

„Ich will nicht behaupten, die Prägung der Wölfe genau zu verstehen, aber ich habe durch ihre Gedanken einen guten Einblick erhalten.

Sie ist kein Parasit, der sich im Wolf einnistet. So unvorhersehbar sie auch scheint, sie taucht nicht aus dem Nichts auf. Sie erschafft keine Seelenverwandten. Sie befördert lediglich ans Tageslicht, was schon vorhanden war. Verborgen.

Die Prägung ist ein Moment der Erkenntnis. Ein Augenblick der Wahrheit. Wie ein Leuchtfeuer, das plötzlich in der Nacht entzündet wird … oder eine übergroße Neonreklame am Highway, die dich zur nächsten Frühstückspension leitet, wenn du so willst. Eine Botschaft des Universums.

Die meisten Menschen stolpern durch ihr Leben ohne zu wissen, was sie wollen oder brauchen. Ohne je zu finden, wonach sie eigentlich suchen. Oder nach wem sie suchen. Sie finden diese Person nicht oder übersehen sie oder geben sich mit Weniger zufrieden.

Für einen Werwolf, der dazu geboren wurde gegen Vampire zu kämpfen, ist das Leben zu kurz und brutal, um es allein zu verbringen - ohne eine Stütze, die sie daran erinnert, dass es da noch etwas anderes gibt. Die Prägung zeigt ihnen unmissverständlich, dass da noch jemand ist, der zu ihnen gehören kann, für den es sich lohnt zu warten, zu kämpfen, am Leben zu bleiben und sich nicht an ihre animalische Seite zu verlieren. Das kannst du für Jacob sein, wenn du dazu bereit bist."

Eine Stütze. Ich rieb mir die Stirn, als ich versuchte zu begreifen. Es war wirklich viel auf einmal zu verdauen. „Und wenn ich nicht bereit bin? Oder ich es nicht will?"

Vater legte mir den Arm um die Schulter und drückte mich an sich. Ich schloss die Augen. Ich brauchte keinen Herzschlag zu hören um zu wissen, wie sehr er mich liebte.

„Als ich auf deine Mutter traf, sind all diese vorher unbekannten Gefühle in mir hervorgebrochen, die ich nicht wirklich verstand. Sie waren da ohne dass ich sie gewollt hätte oder etwas gegen sie tun konnte. Aber ich hatte die Wahl, was ich aus ihnen machen konnte und ich entschied mich Bella Swan kennenzulernen, diesen Gefühlen eine Chance zu geben und zu sehen, wohin sie mich führten. So ist es bei dir auch, dein Herz hat Jacob gewählt. Auf eine noch völlig reine Art. Jetzt musst du entscheiden, was du aus dieser Wahl machst."

Ich schnaubte. „Ich denke, das hat das Universum schon entschieden, da ich ihn nie wiedersehen werde…"

Mein Vater wirkte mit einem Mal sehr entschlossen. Er setzte sich aufrecht, packte meine Schultern und drehte mich zu ihm, so dass ich ihm direkt in die Augen sehen musste. „Dann müssen wir das ändern. Du bist zu jung, um dich für den Rest deines Lebens nach dem ‚Was wäre wenn' zu fragen."

Ich starrte ihn verwirrt an, brauchte einen Augenblick um zu begreifen. Ein unerwarteter Energieschub durchfuhr mich, ließ mein Herz einen Takt schneller schlagen. Einen Hauch hoffnungsvoller. „Du … willst Jacob retten …? Und dafür das Leben deiner Familie riskieren?" fragte ich vage. Ich war noch nicht ganz überzeugt von seiner plötzlichen Meinungsänderung.

„Eigentlich nicht. Glaub mir, wenn ich könnte, würde ich ihn vergessen. Jacob ist furchtbar … irritierend … und nur weil ich eingesehen habe, dass wir uns falsch verhalten haben, bedeutet das noch lange nicht, dass er und ich beste Freunde werden ... " Es war ihm anzusehen, dass er am liebsten ein ganz anderes Wort verwendet hätte. „Aber für das Glück meiner Tochter würde ich Berge versetzen."

Wir lächelten uns an, umarmten uns fest und plötzlich war alles vergeben und vergessen. Alles andere war unwichtig, alle Streitereien, denn er war mein Vater und ich seine Tochter, und so würde es für immer bleiben.

Jetzt mussten wir nur noch den Rest unserer Familie überzeugen.


Vater reichte mir die Hand und gemeinsam verließen wir das Hotelfoyer und fuhren wieder hinauf zu unserer Suite. Mutter begrüßte uns an der Tür, im Hintergrund konnte ich immer noch meine Familie diskutieren hören. Sie waren weiterhin uneins, wie wir uns verhalten sollten. Wahrscheinlich warteten sie auf ein Machtwort von Großvater Carlisle, doch ich konnte mir vorstellen, dass er genau zerrissen war wie ich, zerrissen zwischen seinem Mitgefühl für die Werwölfe und seinem Beschützscherinstinkt für seine Familie. Die Entscheidung war nicht leicht, doch das waren die wichtigsten Entscheidungen oft nie.

"Ist alles in Ordnung?" fragte Mutter voller Güte in der melodischen Stimme und strich mir sanft über die Wange, was mir ein Lächeln entlockte. Mein Vater nickte.

"Ja, jetzt schon, aber ich muss mit den anderen sprechen. Wir haben eine Rettungsmission vorzubereiten."

"Eine Rettungsmission?" ertönte Rosalies Stimme aus der Mitte der Suite, als wie eintraten. Natürlich hatten sie und die anderen uns gehört und starrten uns an. Vater stellte sich vor den Rest unserer Familie und ergriff das Wort wie der geschickte Redner, der in ihm steckte.

"Ich habe noch einmal nachgedacht und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass wir dem Rudel helfen müssen."

Rosalie wirkte schockiert, die anderen hielten sie in ihren Reaktionen zurück, darauf abwartend, dass Vater seinen neuen Sinneswandel erklären würde. "Wieso das denn?"

"Weil es das Richtige ist, Rosalie!" Rosalie schnaubte ungläubig, doch Vater fuhr unbeirrt fort: "Weil wir keine Monster sein wollen und doch verhalten wir uns gerade wie welche. Wir vergießen zwar kein Blut, aber wir lassen es zu. Wir laufen weg, wir wenden uns ab und denken nur an uns. Wir wollen wie Menschen seien, aber Menschsein bedeutet nicht nur ein schlagendes Herz zu haben. Es bedeutet diesem auch zu folgen. Mitgefühl und Gnade zu zeigen. Unserem Gewissen folgen.

Ja, wir können unseres Gleichen nicht dazu zwingen unserem Lebenswandel zu folgen, dann wären wir nicht besser als die Volturi. Und wir können auch nicht jeden Menschen retten. Aber wir können als gutes Beispiel vorangehen.

Die Wölfe sind nicht irgendjemand. Sie sind durch uns so geworden. Wir haben ihnen diese Bürde auferlegt. Unbewusst, aber können wir unsere Augen vor unserer Verantwortung verschließen? Und sie haben damals Bella beschützt, als ich es nicht konnte. Dafür stehe ich in ihrer Schuld und vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, diese zu begleichen.

Was hat zu meiner Sinnesänderung geführt, wollt ihr wissen?" Vater sah zu mir herüber, unsere Blicke begegneten sich und er lächelte.

"Ich habe eine Tochter geschenkt bekommen. Mit einem so großen Herzen, dass selbst ein Wolf darin Platz findet. Ich will, dass sie stolz auf mich sein kann. Und dass sie glücklich ist, und dafür bin ich bereit zu kämpfen."

Stolz. Genau dieses Gefühl spürte ich in meiner Brust aufsteigen wie ein warmer Sonnenaufgang an einem frostigen Morgen, der alle Kälte und Dunkelheit vertrieb. Ich war stolz auf meinen Vater, auf meine Familie. Auf ihren Mut. Es war ein großes Risiko, das sie eingehen würden - und ja, der Gedanke, wir könnten jemanden dabei verlieren, nagte an meinen Nerven, aber wir konnten auch unendlich viel gewinnen. Ein Leben frei von dem Joch der Volturi. Neue Verbündete in den Wölfen. Und vielleicht der Beweis, dass noch genug Menschlichkeit in uns steckte, um keine Monster zu sein.

Als Erstes schlug sich meine Mutter auf Vaters Seite. Kaum, dass er verstummt war, trat sie neben ihn und hielt seine Hand fest. Sie mussten sich nicht einmal ansehen, um sich zu verstehen.

Emmett folgte als Nächstes. Er schlug eifrig die Hände zusammen, vor Vorfreude breit grinsend. "Ja! Dann hauen wir ihnen endlich auf die Fresse? Den Volturi, meine ich."

Alice kicherte und tänzelte um meine Eltern herum wie eine aufgedrehte Elfe. "Ich habe auch schon alles in die Wege geleitet und die nötigen Anrufe gemacht." Wir alle sahen sie verdutzt an. Natürlich dachte Alice wieder zehn Schritte voraus, so dass es schwierig war, ihr zu folgen. "Wir brauchen für unseren Plan Verstärkung", erklärte sie lachend. „Das ist doch selbstverständlich."

"Welcher Plan?" fragte Großmutter.

"Jaspers Plan natürlich."

"Du meinst den Plan, den ich mir erst noch einfallen lassen muss?" meinte mein Onkel trocken und knuffte Alice liebevoll in die Seite.

"Keine Bange, Liebling." Sie balancierte auf den Zehenspitzen und küsste Jaspers Wange. "Ich habe deinen Plan in meiner Vision gesehen und er ist brilliant!"

"Dann bin ich ja beruhigt."

Ich beobachtete meine Familie dabei, wie sie Pläne schmiedeten. Viel konnte ich nicht dazu beitragen, auch wenn ich, wie sich am Ende des Tages herausstellte, eine zentrale Rolle in Jaspers Plan spielen würde. Das gefiel meinen Eltern nicht wirklich, aber sie hatten sich entschieden und konnte nicht kneifen. Wir würden den Wölfen helfen, koste es was es wolle. Ein Gefühl der Euphorie durchflutete mich.

Es fühlte sich gut an, endlich das Richtige zu.


A/N:

Songs zum Kapitel: Wintersleep „Insomnia", Sara Haze "Every heart", Imagine Dragons „Tiptoe"

Das Gespräch zwischen Nessie und Edward ist so lang geworden, weil sie definitiv Klärungsbedarf hatten. Ich habe versucht, durch Edwards Worte ein Bisschen meine Sicht der Prägung zu erklären. Keine Ahnung, ob es mir dabei gelungen ist, Edward zu rehabilitieren.

Der Titel des Kapitels bezieht sich auf die chinesische Version der Seelenverwandtschaft - nach alter Legende sind zwei Menschen, die füreinander bestimmt sind, mit einem roten Faden verbunden, der sie irgendwann zusammenführt.

Etwas ähnliches erzählte auch der antike griechische Philosoph Platon in seiner „Symposion" – einst gab es Kugelmenschen, die von Zeus in zwei Hälften (die heutigen Menschen) gespalten worden sind und die seitdem nach ihrer anderen Hälfte suchen.

Beides sind interessante Konzepte, die meiner Meinung nach ziemlich gut zur Prägung passen.

So und jetzt zur Zukunft der Geschichte…

Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich die Geschichte weiter schreiben soll (oder will).

Ich hatte immer gehofft, nie zu so einer Autorin zu werden, die ihre Story unvollendet lässt – und ich weiß eigentlich, wie es weiter gehen soll. Ich hatte mir schon, bevor ich anfing zu schreiben, ausgemalt, wie alles enden sollte. Nur hatte ich eben in den vergangenen Monaten große Mühe, meine Ideen auf Papier zu bringen. Und sich zum Schreiben zu zwingen ohne richtige Freude daran zu haben, ist auch nicht Sinn der Sache. Da kann nur Mist herauskommen.

Ich wünschte, ich könnte euch eine klare Antwort gegeben, ob es weitergehen wird, aber ich weiß es einfach nicht. Ich hatte gehofft, meine Inspiration würde durch BD2 zurückkommen, aber ich bin eher mit anderen Dingen beschäftigt. So schade ich das auch finde, denn diese Geschichte hat mir solange am Herzen gelegen.

Wenn ihr also nicht darauf warten wollt, ob es weiter geht, kann ich das auch sehr gut verstehen.

Jedenfalls möchte ich schon einmal all meinen Lesern für Treue und Geduld danken – den stummen Lesern aber auch besonders denjenigen, die mir Feedback gegeben haben (ja, ich habe tatsächlich letztens noch einen neuen Kommentar bekommen). Ihr habt mir das Schreiben definitiv versüßt.

Bis dahin (vielleicht)