2. Kapitel: Befehle
(Zeitsprung Ende) Wechsel
„Ja, der bin ich."
Der Bote nickte. „Die Königin möchte mit Euch sprechen."
„Was?" Er wusste, was das Protokoll von ihm verlangte, aber mehr brachte er gerade einfach nicht fertig. Er sollte zur Königin. Er.
„Warum?" Der Bote blickte vielsagend auf die Klasse, die gebannt lauschte. „Das wird Ihre Majestät Ihnen selber sagen, ich überbringe Ihnen nur ihren Befehl." Das letzte Wort betonte er besonders stark. Befehl. Das hieß, dass er kommen musste. Er wollte nicht. Und er konnte auch nicht. Er brauchte erst einmal Zeit zum Nachdenken. „Kann ich vorher noch eine Vertretung für meine Klasse finden?"
Der Bote sah ihn zweifelnd an. „Naja, sie hat mir keine Zeit genannt, wann Sie erscheinen sollen…"
„Gut, ich werde den Weg zu ihrem Palast schon selbst finden, Danke", sagte er so schnell wie möglich, damit der Bote keine Zeit hatte, es sich anders zu überlegen.
Verwirrt verbeugte er sich und ging. Endlich. Immerhin einer, der tat, was er sagte.
Aber was sollte er jetzt mit der Klasse machen, eine Vertretung zu finden konnte ewig dauern. Er wandte sich zu seinen Schülern um. „Ich gebe euch allen für den Rest des Tages frei. Keine Hausaufgaben."
Die erwartete Reaktion traf ein. Sie grölten und strömten aus dem Klassenzimmer.
Bis auf einen. „Angst?", fragte dieser. „Das sehe ich dir an. Ich habe gehört, dass du ihr Lehrer warst, hm? Ich wüsste, was ich mit dir machen würde, wenn ich jetzt König werden würde…". Mit diesen Worten verschwand auch er. Leon wusste, dass er ihn zurückholen sollte, aber er hatte Besseres zu tun, als irgendeinem Schüler beizubringen, was Respekt hieß. Er war es Leid. Außerdem hatte dieser Schüler genau ins Schwarze getroffen. Er war wohl nicht gerade Felicys Lieblingslehrer gewesen…
In seinem Zimmer angekommen wusste er immer noch nicht, ob er zu ihr gehen sollte. Was konnte sie von ihm wollen.
Eigentlich hatte er nur durchweg Gutes von ihr gehört, aber er wusste auch, dass sie noch jung war, und manchmal hatte sie ohne nachzudenken einfach nach ihren Gefühlen gehandelt…
Als es klopfte erschrak er. War das wieder der Bote? Widerstrebend öffnete er die Tür. Doch vor ihm stand nur ein Schüler, was wollte der jetzt von ihm?
Er sah äußerst nervös aus. „Ähm, Mr More, Sie wollten mich heute Abend eigentlich vor der Arena treffen, um mir die Prüfung abzunehmen."
Richtig. Aber das ging jetzt wirklich nicht. Oder war Ablenkung vielleicht erstmal genau das, was er brauchte. Kurzerhand entschloss er sich dafür, dass diese Prüfung vorging. „Ja, ich wollte gerade kommen, ich hatte noch etwas zu erledigen. Bist du bereit?"
Seine Augen weiteten sich, wahrscheinlich hatte er sich schon gefreut, weil er dachte, dass sein Lehrer wohl unabkömmlich sein würde. „Oh, ähm, ja natürlich…"
Einmal angefangen ließ er sich seine Nervosität nicht mehr anmerken. Und er hatte sich wirklich gut vorbereitet, endlich mal wieder eine erfreuliche Leistung eines Schülers. Er würde ihm ein A geben.
Doch wieder wurde er unterbrochen. Es war ein Diener. Ihr Diener.
Leon bedeutete dem Schüler, dass er aufhören sollte. „Das reicht schon, ich danke dir, das war wirklich eine gute Leistung, du kannst stolz auf dich sein." Alle Anspannung fiel von ihm ab und wich einem Lächeln. Der Schüler nickte ihm noch einmal dankend zu, dann ging er eilends davon. Leon blickte ihm nach. Auch er wäre jetzt gerne woanders. Mit absolut widerstrebenden Gefühlen wandte er sich dem Diener zu. „Wie kann ich dir helfen?"
„Mr More." Der Diener verbeugte sich. „Verzeiht mir, dass ich Euch störe, aber ich habe den Befehl, Euch mitzuteilen, dass Ihr noch vor Sonnenuntergang im Palast der Königin sein sollt."
Befehl. Und noch vor Sonnenuntergang. „Mit anderen Worten jetzt." Eine Feststellung. Der Diener nickte. „Die Kutsche steht für Euch bereit." Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als einzusteigen.
Die Tür der Kutsche schloss sich, doch er bedeutete dem Diener, sie wieder zu öffnen. „Ist es dir erlaubt, im Innern der Kutsche mitzufahren, wenn ich es dir gestatte?" Der Diener nickte nur, stieg ein und bedeutete dem Kutscher loszufahren.
„Kannst du mir sagen, was die Königin von mir will?" Einen Versuch war es Wert, auch wenn er nicht erwartete, dass der Diener es ihm sagen konnte, oder durfte.
„Verzeiht mir, aber ich weiß es nicht." Natürlich.
Eine Weile herrschte Stille, bis auf das stetige Gepolter, mit dem sie über den unebenen Weg fuhren.
„Ich war noch nie am Hof. Es ist mir etwas unangenehm, aber können Sie mir sagen, wie ich mich zu verhalten habe." Er hatte zur Respektsform gewechselt, das bewirkte normalerweise immer, dass die Diener ihn ebenso respektierten und ihm gerne seine Fragen beantworteten und dann auch sehr viel ausführlicher.
„Natürlich", antwortete der Diener verblüfft. „Ich werde Euch zum Thronzimmer bringen, das ist sozusagen eine kleine Empfangshalle. Ich werde als Erstes eintreten, während Ihr noch vor der Tür wartet. Wenn sie bereit ist, Euch zu empfangen, werde ich zurückkommen. Ihr werdet mit mir zusammen die Halle betreten. Ihre Majestät wird auf dem Thron sitzen, der ganz am Ende des Raumes steht. Ich werde Euch durch die Hälfte der Halle begleiten, den Rest geht Ihr alleine nach vorne.
Ihr lasst Euch vor der Königin auf die Knie nieder. Während des gesamten Weges und in der Halle dürft Ihr den Blick nicht heben, das ist wichtig. Sie ist die einzige Person, bei der diese Regel gilt und Ihr müsst sie einhalten. Schaut ihr erst in die Augen, wenn sie es Euch mit einer kleinen Geste der Hand erlaubt. Alles Weitere wird sie Euch dann erklären…" Er verstummte. Leon wusste nicht was er sagen sollte, nicht einmal, was er denken sollte. Er musste niederknien, vor Felicy, vor seiner Schülerin. Wie?
Der Diener sah ihn schief an.
„Ihr seid noch niemals vor jemandem auf die Knie gegangen?", sagte er mit einem wissenden Blick.
Leon schüttelte den Kopf. Und er hatte es auch niemals tun wollen.
„Aber Ihr werdet nicht darum herumkommen. Das Knien drückt aus, dass Ihr sie als Eure Herrscherin respektiert, dass sie über Euch steht. Dass sie Macht über Euch hat und dass Ihr ihr zeigen wollt, dass Ihr diese Macht nicht anzweifeln werdet. Wenn Ihr es richtig macht, könnt Ihr mit dieser Geste den Stolz, den Ihr empfindet, vor ihr stehen zu dürfen, ausdrücken. Und damit auch die Kränkung wieder gut machen, dass Ihr Euch ihrem ersten Befehl widersetzt habt…"
„Wenn ich unbeholfen und verlegen dort hocke, drückt das wohl kaum Stolz aus."
Der Diener sah ihm beinahe wissend in die Augen. Sehr beruhigend. Er konnte das nicht tun, es kam ihm so unendlich falsch vor. Aber er hatte keine Wahl.
„Ich kann es Euch zeigen, Ihr habt noch eine halbe Stunde bis Sonnenuntergang."
„Ja." Nein!
Er stand vor einer riesigen Flügeltür und wartete, dass der Diener kam. Es kribbelte in seinen Fingern vor Aufregung. Wäre er ein unerfahrener Bändiger gewesen, hätte sein Element, Wasser, jetzt ungebändigt um ihn herum gewütet. Das passierte, wenn ein Bändiger sich zu sehr von seinen Gefühlen beherrschen ließ. Er wusste noch genau, wie er Felicy immer wieder versucht hatte, beizubringen, wie sie genau dies vermeiden konnte.
„Du bist entnervt, fühlst dich ausgelaugt, hast keine Lust mehr, bist müde. Zu müde. All das lenkt dich ab und so macht das Wasser, was du fühlst, aber nicht, was du willst. Es soll ruhig gleiten, aber ohne deine innere Ausgeglichenheit kannst du das nicht erreichen."
Sie starrte ihn wütend an. „Aber wie erreiche ich diese Ausgeglichenheit? Sie tun so, als ob das ganz einfach wäre, aber das ist es nicht!"
„Nicht in dem Ton, meine Liebe. Schließ die Augen und beruhige dich." Er versuchte, beruhigend auf sie einzusprechen. Und erreichte das Gegenteil.
Wutschnaubend schloss sie die Augen und steigerte sich nur noch weiter in ihren Zorn hinein. Als sie die Augen wieder öffnete, blitzten sie. Und als sie die Hand hob, um zu bändigen, brachen unglaublich große, wirbelnde Wassermassen aus der Geste hervor. Größer als jemals zuvor.
„Das reicht", sagte er. „Beruhige dich und geh dann auf dein Zimmer, das wird heute nichts mehr." Sie verbeugte sich und ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und verließ die Arena. Er hatte noch ein gutes Stück Arbeit vor sich, es würde nicht einfach werden, sie Beherrschung zu lehren.
Als er jetzt eintrat, gefolgt von dem Diener, versuchte er krampfhaft, nicht aufzusehen. Er war es einfach nicht gewohnt, einem Schüler gegenüber absoluten Gehorsam zeigen zu müssen.
Der Diener neben ihm blieb plötzlich stehen und ließ sich demütig auf die Knie nieder, also mussten sie die Hälfte der Halle durchquert haben. Er ging mit gesenktem Blick weiter bis er zu dem Kissen kam, das unmittelbar vor der Empore, auf der ihr Thron stand, lag. Er blieb stehen und kniete nieder, den Kopf hielt er weiterhin gesenkt. „Eure Majestät, als Euer treuer Diener bin ich Eurem Befehl gefolgt und werde jeden weiteren empfangen. Bitte verzeiht, dass ich Euch nicht gehorcht hatte, als Ihr mich das erste Mal herbefohlen habt, ich erkenne Eure Macht über mich an und werde Eure Befehle niemals wieder in Zweifel setzen."
„Mr More", antwortete sie, beinahe flüsternd. „Ich verzeihe Euch. Und bitte erhebt Euch, Ihr müsst den Blick nicht senken." Sie ließ keine Gefühle erkennen. Sie hatte sich so verändert seit ihrer Studienzeit. Sie strahlte eine große innere Ruhe und Selbstbewusstsein aus. Allein die zwei Jahre als Königin, mit aller Verantwortung, hatten sie gezeichnet.
