4. Kapitel: Gedanken
(Zeitsprung Ende) Wechsel
Er erhob sich, blickte ihr in die Augen.
Augen, die ihn scharf musterten, Augen, die nichts vergessen hatten.
Der Rest ihrer Körpersprache war absolut nichtssagend, aber er hatte die Vermutung, dass sie ihn in ihre Augen hatte sehen lassen wollen, denn sie sprachen Bände. Sie warnten ihn. Gaben ihm zu verstehen, dass sie nicht allzu angetan war, von der Tatsache, dass er hier vor ihr stand.
Er fragte sich, warum sie ihn herbefohlen hatte, wenn sie ihn so offenkundig nicht in ihrer Nähe haben wollte.
„Mr More", sagte sie schließlich, „Wenn es Sie nicht stört, werde ich direkt zum Punkt kommen."
Das war mehr eine Feststellung als eine Frage an ihn. Dennoch nickte er kurz.
„Sie wissen sicherlich, dass ich einen Kronrat habe, der aus zehn Lords besteht, jeder von ihnen auf bestimmte Bereiche in der Politik spezialisiert, sodass ich in jeder Situation einen kompetenten Berater an meiner Seite habe. Und Sie wissen auch, dass der Hohe Lord des Kronrates diesen befehligt und im Rang direkt nach mir kommt, mich also vertritt, wenn ich unabkömmlich bin. Außer natürlich ich hätte einen Mann…"
Wieder nickte er nur zustimmend.
„Bis zum heutigen Tag hatte Lord Adrian den Posten des Hohen Lords des Kronrates inne, aber er hat heute seinen Dienst quittiert. Sie sind einer der Ersten, die davon erfahren, ich möchte, dass dies hier fürs Erste unter uns bleiben wird."
„Natürlich", was blieb ihm auch anderes übrig.
„Haben Sie den Hohen Lord Adrian schon einmal persönlich getroffen?", fragte sie ihn.
Das war eine sehr belustigende Frage. Warum sollte er den Hohen Lord treffen. „Nein, mir wurde diese Ehre noch nicht zuteil." Das klang etwas hochnäsig, aber er konnte seine Worte nicht mehr rückgängig machen.
Doch sie nickte nur. „Dann sollten Sie das jetzt tun."
Ein gut gekleideter, leicht einschüchternd wirkender Mann, der auf Frauen eine geradezu anziehende Wirkung ausüben musste, betrat wie aufs Stichwort den Raum und stellte sich neben Felicy, die auf dem Thron saß.
„Mylord,…", begann Leon mit der formellen Begrüßung, doch weiter kam er nicht. Sein Blick war auf das Revers des Mannes gefallen.
Er trug die Ehrenmedaille.
Mit enormer Selbstbeherrschung konnte Leon sich gerade noch davon abhalten, dass ihm der Mund vor Überraschung aufklappte.
Dann versuchte er sich auf das Protokoll zu besinnen und ließ sich wieder auf die Knie niedersinken, senkte aber nicht den Blick. Er sprach die traditionellen Worte zur Ehrung eines Trägers der Ehrenmedaille. „Mylord, es ist mir eine große Ehre, hier vor Euch treten zu dürfen, ich werde jeden Eurer Befehle mit Stolz ausführen."
Der Mann nickte ihm zu und gab ihm zu verstehen, dass er aufstehen durfte.
„Nun zu dem Grund, warum ich Sie treffen wollte. Wie schon gesagt, habe ich seit heute morgen keinen Hohen Lord mehr und da Lord Adrian den Wunsch geäußert hat, dass Ihr sein Nachfolger werdet, ist dies meine erste, inoffizielle Anfrage."
Ihm stockte der Atem.
„Leon More, Lehrer am Internat der Vier Elemente, ehemaliger Mentor ihrer Majestät, der Königin. Entsprechen Sie dem Wunsch eben dieser und Ihres Oberbefehlshabers, der neue Hohe Lord des Kronrates zu werden, Vertreter der Königin, höchster Würdenträger des Landes und Befehlshaber der königlichen repräsentativen Armee?"
Das war zu viel für ihn. Er hatte mit allem gerechnet, nur niemals damit. Woher kam ihr plötzliches Vertrauen in ihn.
Er versuchte zu antworten, doch er wusste nicht, was er sagen sollte. Er versuchte zu atmen, doch auch das wollte ihm nicht so richtig gelingen.
Schließlich brachte er nur ein „Warum", heraus, was Frage Nummer Eins in seinem Kopf war. Felicy sah zu Lord Adrian hinüber.
„Mr More", antwortete dieser daraufhin, „Ich weiß noch genau, wie ich damals Hoher Lord wurde. Ich war ein völlig Fremder am Hof der Königin. Wahrscheinlich hat mich der damalige Hohe Lord nur empfohlen, weil ich zu ihm ganz gute Beziehungen hatte."
Bei diesen Worten verdrehte Felicy leicht die Augen, doch er fuhr unbeirrt fort.
„Das größte Problem allerdings war, dass ich Ihrer Majestät noch nie zuvor begegnet war, wir waren einander also vollkommen fremd. Daher gab es zwischen uns im ersten Jahr sehr viele Missverständnisse, die nicht hätten sein müssen. Und auch nicht durften! Wir fanden jedoch schnell heraus, dass wir uns in unseren Ansichten perfekt ergänzten. Wenn der eine überzeugt von einer Tatsache war, war der andere immer anderer Meinung und holte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück.
Ich habe einige Nachforschungen angestellt," er wandte sich zu Felicy um, „und ich hoffe Ihr verzeiht mir, dass ich in Eure Vergangenheit geblickt habe, meine Königin…?"
„So oft, wie ich in Eure Gedanken geblickt habe, muss ich Euch jede dieser Privilegien erlassen, Mylord." Lord Adrian nickte dankend.
Doch als Leon den Sinn ihrer Worte verstanden hatte, lief ihm ein eiskalter Schauder über den Rücken und unwillkürlich bekam er eine Gänsehaut. In Eure Gedanken geblickt ? Hieß das, dass sie das vielleicht auch gerade jetzt mit ihm tat. Hatte sie ihn vielleicht sogar den ganzen Tag durch seine eigenen Gedanken hindurch beobachtet?
„…und habe herausgefunden, dass Sie damals ihr Lehrer und Mentor waren. Und dass Sie nicht immer einer Meinung waren. Ich habe also angefangen, mich zu fragen, ob Ihre gegenseitige Ablehnung nur aufgrund dessen war, weil Sie beide sich unter den, nennen wir sie misslichen, Umständen der Schule kennengelernt haben und ob man nicht vielleicht einen Neuanfang probieren könnte. Es wäre für Sie beide von unschätzbarem Wert. Für Sie, Mr More, weil die Position als Hoher Lord die besten und einzigartigsten Erfahrungen bietet und für Euch, Majestät, weil ihr einen Berater braucht, der Euch kennt und Euch versteht. Und Euch vielleicht auch mal Kontra geben kann.", fügte er mit einem Lächeln noch hinzu.
Leon begann die Entscheidung Lord Adrians immer mehr anzuzweifeln. Sie musste ihm dafür vertrauen und das würde auch nach einem Neuanfang niemals der Fall sein.
„Mr More", begann Felicy, „Ich weiß, dass dies eine sehr schwere Vorstellung ist, aber ich habe mich verändert. Ich bin inzwischen sehr gut darin, Ruhe zu bewahren und ich verstehe mich gut darauf, die Miene meiner Gegenüber zu lesen."
Ja, dachte er, weil du in meine Gedanken blicken kannst.
„Zum Beispiel waren Sie mehr als schockiert darüber, dass ich die Gedanken von Lord Adrian in der Vergangenheit gelesen habe. Sie sollten wissen, dass ich dies niemals ohne ausdrückliche Erlaubnis tun würde. Niemals.
Außerdem glauben Sie nicht, dass wir miteinander arbeiten könnten, weil wir einander nicht genügend Vertrauen entgegenbringen."
Er war sich nicht sicher, was er davon halten sollte. Und entschied sich, nicht zu antworten.
Sie seufzte und wandte sich Lord Adrian zu. „Ich glaube, dass wir noch nicht so weit sind, eine Entscheidung zu treffen, Adrian. Ich weiß auch nicht, ob es jemals dazu kommen wird. Bei uns beiden hat es ja letztendlich doch noch geklappt, ich sollte nach jemand anderem Ausschau halten."
