6. Kapitel: Schuld
Wechsel
Er wusste, dass er vorsichtig sein musste. Der Hohe Lord stand im Rang über ihm und würde ihn das spüren lassen.
„Mylord, Ihr kennt das Protokoll", er war im Auftrag der Königin hier und musste den Hohen Lord zur Vernunft bringen – Rang hin, Rang her. „Wenn sich Ihre Majestät im Avatarzustand befindet, müsst Ihr niederknien. Von dieser Regel gibt es keine Ausnahmen, denn sie macht dies dann nur aus einem Grund: Sie fordert den Gehorsam ein, den ein Diener ihr schuldet."
Man sah ihm an, wie sauer er war. Aber er hatte dazu kein Recht, das wusste Haiku sehr wohl.
„Lord Haiku, ich weiß, dass ich im Recht bin."
„Nein, das seid Ihr nicht. Ihr habt den Befehl, Lord White zu ehren, Ihr könnt Euch Eurer Königin nicht widersetzen. Und Ihr müsst Euren Ungehorsam bei ihr entschuldigen, das verlangt das Protokoll von Euch."
Wechsel
Sie winkte einen Diener zu sich heran. „Kannst du mir sagen, wo der Bote, den ich zum zum Hohen Lord Leon, damals noch Lehrer, geschickt habe, gerade ist?"
Der Diener nickte. „Ja, Majestät, er ist in seiner Wohnung in der Stadt."
„Danke", antwortete sie. „Ich werde für eine Stunde nicht zu erreichen sein, es ist dir nicht gestattet, jemanden über meinen Aufenthaltsort zu informieren. Außer natürlich im Notfall."
Der Diener verbeugte sich und ging.
Sie selbst verließ den Raum durch den Hinterausgang in ihre privaten Gemächer. Sie entließ die Diener und konzentrierte sich.
Einen Augenblick später stand sie vor einer massiven Holztür in einer der ärmlicheren Gegenden der Stadt, und klopfte. Eine Frau öffnete ihr. Misstrauisch sah sie sie an, dann weiteten sich ihre Augen und sie ließ sich auf die Knie nieder.
„Eure Majestät", sagte sie, „Was für eine Ehre, Euch in meiner bescheidenen Wohnung begrüßen zu dürfen. Wie kann ich Euch dienen?"
Felicy neigte leicht den Kopf, zum Zeichen des Dankes und bat sie, eintreten zu dürfen.
Die Frau, die zweifellos die des Boten sein musste, stand auf und trat zur Seite, um sie durchzulassen. Der Innenraum war spärlich möbliert, aber dennoch elegant, in seiner eigenen Weise. Felicy ging zur Mitte des Raumes. „Ich bin hier, um Euren Mann zu sprechen, wenn das möglich ist."
„Natürlich, Majestät, er ist in seinem Arbeitszimmer, ich werde Euch den Weg zeigen." Felicy nickte dankend.
Vor dem Raum angekommen bedeutete sie der Frau zu gehen, dann klopfte sie. „Ja, meine Liebe, ich komme gleich", sagte eine müde Stimme hinter der Tür.
Sie fasste dies als Erlaubnis auf, eintreten zu dürfen und öffnete die Tür. Der Raum dahinter war klein und es stand nur ein Sofa, ein Schreibtisch und ein Stuhl darin. Der Mann, der darauf saß, drehte sich zu ihr um. Der Schock breitete sich in seinem Gesicht aus, als er sie erkannte.
Er ließ sich auf die Knie nieder und drückte die Stirn auf den Boden.
„Bitte", sagte sie mit einer kleinen Geste ihrer Hand. Er hob den Kopf, vermied es jedoch, ihr in die Augen zu blicken.
„Merin, ich bin hier, um mich zu entschuldigen." Er zuckte zusammen und blickte fragend zu ihr auf. „Bitte steh auf", sagte sie.
Er gehorchte sofort, hielt den Blick jedoch wieder gesenkt.
„Als Königin muss ich ein Vorbild für meine Untertanen sein. Ich muss ihnen mit Respekt und Ehre entgegentreten, so wie sie es für mich tun. Ich habe meine Aufgabe vor zwei Wochen also gänzlich verfehlt, es war falsch, Ihnen zu drohen und Sie beinahe des Hochverrats zu beschuldigen", sie ließ sich ihrerseits auf die Knie nieder. „Bitte verzeihen Sie Ihrer Königin, ich habe zu keiner Zeit angemessen reagiert."
Er starrte sie an. „Meine Königin, Ihr müsst Euch doch vor einem Diener nicht entschuldigen. Ich wüsste nichts, weswegen ich Euch verzeihen müsste. Ich erkenne Euch voll und ganz als meine Herrscherin an und werde auch Eure Strafen für mein falsches Benehmen nicht anzweifeln."
Sie erhob sich. „Danke für Ihre Loyalität, Merin. Ich habe Sie lange nicht mehr am Hof gesehen, es würde mich freuen, wenn Sie wieder in meine Dienste treten würden."
Sein Gesicht, das vorher so müde und ausgezehrt ausgesehen hatte, wurde plötzlich durch einen Schimmer der Hoffnung erhellt. Er verbeugte sich. "Eure Majestät, ich danke Euch, dass Ihr meinen Fehler verzeiht, ich stehe tief in eurer Schuld."
Wieder bei der Haustür angekommen, bedankte er sich noch einmal. Er wollte sie gerade schließen, doch sie hielt ihn auf.
„Das war nicht Ihr Fehler,", sagte sie zu ihm, „Es war der Fehler des Hohen Lords."
Einen Augenblick später stand sie wieder in ihren Gemächern.
Sie rief einen Diener zu sich. „Bitte frage Lord Haiku, ob er sein Versprechen gehalten hat, und wenn er ja sagt, dann sag dem Hohen Lord, dass ich ihn sprechen möchte." Der Diener verbeugte sich, schien jedoch zu zögern.
„Hast du eine Frage", fragte sie ihn.
„Ja, Majestät", antwortete er, „Was soll ich tun, wenn Lord Haiku Nein sagt?"
„Das sollte er besser nicht tun", erwiderte sie nur und entließ ihn.
Was sollte sie nur tun. Wenn sie White zum Lord ernannte, ohne den wirklichen Segen des Hohen Lords, würde das zu Schwierigkeiten führen. Es konnte nicht auf Dauer gut gehen, wenn Leon White nur ehrte, weil sie es ihm befohlen hatte. Einmal abgesehen davon, dass er diesen Befehl niemals so ernst nehmen würde, wie jeder andere am Hofe. Er nahm sich ihre Befehle nicht so zu Herzen.
Als der Diener kurze Zeit später wiederkam, hatte sie eine Entscheidung getroffen. Sie würde White zum Lord erheben.
„Eure Majestät", sagte der Diener, „Der Hohe Lord Leon ist gekommen, um Euch um eine Audienz zu bitten, darf er in Eurem Namen eintreten?"
Sie nickte. „Ja, er soll in meinem Namen eintreten und wird in dieser Halle angehört werden... wie er es wünscht."
Der Diener verließ den Thronsaal und kam kurze Zeit später wieder herein, gefolgt von Leon. Dieser blieb vor dem Thron stehen und ließ sich schließlich auf die Knie nieder. „Eure Majestät. Als Eurer Diener bin ich hier, um mich für mein falsches Benehmen zu entschuldigen und Euch zu versichern, dass ich jeden Eurer Befehle anerkenne." Er hielt den Blick weiterhin gesenkt.
Sie stand auf und ging zu ihm hinunter. Dann hielt sie ihm ihre Hand hin.
Er nahm sie sanft in seine Hand, dann beugte er den Kopf hinunter, um einen Handkuss anzudeuten, wie es das Protokoll verlangte. Als sie ihre Hand langsam hob, erhob auch er sich mit einer flüssigen Bewegung und sah ihr in die Augen. „Ich danke Euch, dass Ihr meine Entschuldigung annehmt, meine Königin."
Sie seufzte und ging wieder die Empore hinauf, um sich auf den Thron zu setzten. „Ihr seid der Hohe Lord, ich brauche Euch und Eure Meinung zählt sehr viel. Natürlich habe ich nochmals darüber nachgedacht, aber ich denke immer noch, dass White der Richtige ist."
Sie konnte deutlich sehen, wie Leon seinen Ärger darüber hinunterschluckte. „Ich werde mich eurem Befehl beugen und Lord White ehren, ich verspreche es, Majestät."
Sie seufzte wieder. Er war doch tatsächlich der Hohe Lord, er sollte mehr Meinungsfreiheit haben, als sie ihm hier bot.
Er schien etwas sagen zu wollen, entschied sich dann aber anscheinend doch dagegen.
„Bitte sprecht, Hoher Lord Leon, ich weiß, dass Ihr etwas sagen wolltet."
Er zögerte. „Ich darf es nicht aussprechen, oder ich werde gegen Euren Befehl verstoßen." Sie sollte es darauf beruhen lassen, dennoch glaubte sie, dass er vielleicht eine Lösung gefunden haben könnte, also bedeutete sie ihm zu sprechen.
Er runzelte die Stirn, dann begann er, langsam und immer noch zögerlich. „Vermutlich lag mein Problem daran, dass ich Euren Standpunkt nicht verstanden hatte", er betonte dabei besonders die Vergangenheitsform, „Verzeiht mir bitte, dass ich mir erlaube, dies zu sagen, aber vielleicht versteht auch Ihr meinen Standpunkt nicht." Diesmal legte er die Betonung auf das 'vielleicht', „Ich weiß, dass Ihr in der Lage seid, meine Gedanken zu lesen und Ihr seid frei… dies wann immer Ihr wollt zu tun, um Euch meines Standpunktes in dieser Angelegenheit zu versichern."
Sie war geschockt und es fiel ihr nur sehr schwer diesen Umstand nicht nach Außen treten zu lassen. Mit Mühe und Not versuchte sie sich wieder zu beruhigen. Sie sollte in seinen Geist eintauchen? Eines stand jetzt schon fest: Sollte es wirklich soweit kommen, würde sie sich jede Beschränkung auferlegen, die es gab, um nur das Nötigste zu erfahren. „Seid Ihr Euch sicher? Ich mache das nur in Situationen, in denen es wirklich nicht anders geht. Und ich mache es nicht gern. Ich möchte Euch Eure Privatsphäre lassen, so gut es geht."
„Diese Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, natürlich. Aber ich bin Hoher Lord, um Euch richtig zu beraten, nicht für mehr und nicht für weniger. Und wenn ich dieser Aufgabe nicht gerecht werde, mit allen Mitteln, dann verdiene ich diese Ehre nicht mehr."
„Nein", sagte sie, sie wollte ihm klar machen, dass er das nicht tun musste, „Ich entscheide, ob Ihr es verdient und allein Eure letzten Worte haben mir bewiesen, dass ich die Würde des Hohen Lords dem Richtigen überlassen habe. Es ist ganz allein Eure Entscheidung und ich werde es niemals wagen irgendjemanden, sei er ein Diener oder ein König, dazu zu zwingen."
Er neigte den Kopf. „Ich danke Euch, meine Königin, dass Ihr es mir freistellt. Das ist nicht selbstverständlich und ich stehe dafür tief in Eurer Schuld, aber ich möchte, dass Ihr mich zumindest versteht.
Und ich weiß, dass Ihr das nicht gerne tut, aber bitte, Ihr müsst versuchen auch meine Gefühle, nicht nur meine Gedanken zu lesen, damit Ihr es verstehen könnt."
Sie sog scharf die Luft ein. „Dann kann ich Euch nicht versprechen, dass ich nicht mehr erfahre, als ich darf, über Eure Gefühle, das muss Euch klar sein. Ich würde das lieber nicht tun."
„Es ist mir klar." Er kniete nieder. „Verzeiht mir, dass ich Euch zu etwas drängen will, wie ich es schon einmal getan habe, ich werde Euren Befehlen weiterhin gehorchen und wenn Ihr wollt, dass ich still bin, werde ich darüber niemals wieder ein Wort verlieren." Er hielt den Blick gesenkt. Sie konnte sehen, wie sehr er hoffte, dass sie ihn anhören würde.
„Ich werde in den Avatarzustand gehen und Ihr müsst knien, wie es das Gesetz verlangt, denn all meine Macht wird gegen Euch gerichtet sein."
Er schluckte, doch sie fuhr unbeirrt fort.
„Ich werde Eure mentale Barriere, die Eure Gedanken schützt, durchbrechen, mit all meiner Macht und auch Eure Aura werde ich durchdringen, um Eure Gefühle abfangen zu können. In diesem Zustand werdet Ihr nicht mehr fähig sein, Euch gegen mich zu wehren. Ihr werdet überhaupt zu nichts mehr fähig sein.
Ihr dürft immer nur an diese eine Sache denken. Sobald Ihr abschweift, werde ich alles Erfahren.
Am Anfang werde ich Euch helfen, dass Ihr beim Thema bleibt, indem ich erstmal nur das Große und Ganze betrachte, danach werde ich ins Detail gehen, wenn Ihr soweit seid. Dies ist Eure letzte Chance, wollt Ihr wirklich, dass ich in Eure Gedanken und Gefühle sehe, Hoher Lord ?"
Er nickte.
Sie begann zu verstehen, was er meinte. Aus seiner Sichtweise, als Charlies ehemaliger Lehrer, war dieser wirklich nicht geeignet für die große Verantwortung, die der Posten eines Lords mit sich brachte. Aber dennoch kannte sie seine andere Seite, die er immer versteckte. Er war warmherzig und einfühlsam und es gab niemanden, der sie besser durchschaut hatte, als er. All diese Eigenschaften sprachen voll und ganz für ihn.
Sie begann, sich aus Leons Geist zurückzuziehen, doch dann hielt sie noch einmal inne. Ihr war ein Gedanke gekommen, wie sie ihn vielleicht doch noch von ihrer Meinung überzeugen konnte. Genauso wie er es gerade versucht hatte.
Natürlich durfte sie ihn nicht in ihren Geist lassen, aber sie konnte ihm dennoch ihre Gefühle senden.
Sie dachte an all das Gute, das in Charlie steckte und sandte diese Gedanken zu Leon.
Dann zog sie sich endlich zurück.
„Versteht Ihr jetzt, dass er anders ist, als Ihr denkt, Lord Leon? Vor seinen Lehrern war er immer etwas… angespannt, weil er unter großem Leistungsdruck stand, aber ich habe genau gesehen, dass er sich ändern würde." Leon schien nachzudenken. „Ja, das sehe ich." Er hob verblüfft die Augenbrauen. „Warum kann ich das sehen?"
Sie erklärte ihm, dass er ihre Gedanken sehen konnte, zumindest diese, die sie ihm geschickt hatte.
Er starrte sie an, als ob er das nicht glauben könnte. „Das sind Eure Gedanken, Majestät? Aber… warum bin ich dazu befugt, Eure Gedanken zu kennen?"
„Ganz einfach", sagte sie, „Weil Ihr so verstehen könnt."
