Kapitel 8: Meister

2 Wochen später. Wechsel

Er war gerade auf dem Weg zum Unterricht, als ein Bote von hinten auf ihn zugerannt kam.

„Lord Miko, ich habe eine Nachricht vom Direktor an Euch!", keuchte der Bote und verneigte sich hastig. „Ihr sollt sofort in sein Büro kommen, die Königin möchte Euch dort sprechen."

Miko zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Um was geht es ?", fragte er leicht verwirrt. Er hatte noch nie die Königin getroffen. Was konnte sie von ihm wollen?

„Ich weiß nur, dass es um eine neue Schülerin geht, die Euch zugeteilt wurde, Mylord."

Miko nickte dem Boten zu. „Danke, dass du mir die Nachricht überbracht hast."

Kurze Zeit später befand er sich vor der Tür des Direktorats. Ein Diener der Königin stand davor, aber als dieser ihn erkannte, öffnete er sofort mit einer leichten Verbeugung die Tür. Anscheinend wurde er schon erwartet.

Nachdem er noch einmal tief durchgeatmet hatte, betrat er den weitläufigen Raum. Am Schreibtisch gegenüber der Tür stand der Direktor und neben ihm die Königin. Sie trug ihre Krone und den Ring der Avatare, wie Miko erkennen konnte. Und auch wenn er nur wenig vom Protokoll wusste, so war ihm doch klar, dass dies hieß, dass er praktisch der gesamten Staatsmacht gegenüberstand, dargestellt in dieser einen Person.

Respektvoll neigte er den Blick und kniete vor seiner Königin nieder.

Er konnte für kurze Zeit ihren Blick auf sich spüren, dann bedeutete sie ihm, dass er sich erheben durfte.

Er gehorchte, ließ jedoch den Blick gesenkt. „Eure Majestät, Ihr wolltet mich hier treffen. Wie kann ich Euch dienen?"

Statt von ihr kam jedoch die Antwort von Direktor Sarin.

„Mylord Miko, Ihr seid hier, weil ich Euch Eure neue Meisterschülerin vorstellen möchte. Ich weiß, es ist unüblich, dass der Lehrer seine Schüler auf diese Weise kennenlernt. Normalerweise hättet Ihr natürlich entscheiden können, ob Ihr sie ausbilden wollt oder nicht. Aber in diesem Falle ist das Ganze leider etwas komplizierter.

Ich gehe davon aus, dass Ihr wisst, dass der Avatar immer wieder die Schule besucht, um sich der korrekten Anwendung der Lehrmethoden in der Hohen Schule der Vier Elemente – dieser Schule – zu vergewissern?" Bei seinen Worten nickte Miko langsam.

„Gut, denn dieses Jahr ist es wieder so weit und der Avatar hat beschlossen bei Euch, Mylord Miko, eine Lehre zur Meisterin des Elements Feuer anzufangen.

Natürlich dient dies einzig und allein der Tarnung, damit sie sich in Ruhe umsehen kann, daher seid Ihr zu absolutem Stillschweigen verpflichtet, Mylord."

Miko nickte nur benommen mit dem Kopf. Er sollte die Königin unterrichten. Das konnte nicht wahr sein. Das war unmöglich. Immerhin war sie doch unendlich mal mächtiger und erfahrener als er selbst.

Er spürte, wie die Königin ihn musterte. „Lord Miko", sprach sie mit leiser aber deutlicher Stimme, „Ich habe viel über Euch gehört. Und auch wenn wir beide uns noch nie zuvor begegnet sind, so kam ich dennoch zu dem Schluss, dass Ihr für diese Aufgabe am besten geeignet seid. Ich weiß, dass ich Euch vertrauen kann.

Und es ist wirklich wichtig, dass Ihr das Geheimnis für Euch behaltet! Versteht Ihr den Grund? Versteht Ihr, dass sonst womöglich Zweifel auftreten könnten, wo niemals welche sein dürften?" Sie sah ihn durchdringend an.

Er jedoch hielt ihrem Blick stand und neigte den Kopf. „Ich verstehe voll und ganz, Eure Majestät. Ich hoffe, dass ich Euer in mich gesetztes Vertrauen niemals verletzen werde."

„Gut. Genau das wollte ich von Euch hören.

Ich möchte, dass Ihr mir schwört, dass Ihr mich niemals durch Worte, Gesten oder auf sonstige Weise verraten werdet. Niemand soll jemals davon erfahren, außer den hier Anwesenden. Und damit dieser Schwur nicht im Gegensatz zu Eurem Lehrereid steht, befehle ich Euch zudem, dass Ihr mich, wenn ich in Gestalt Eurer Schülerin auftrete, immer wie eine solche behandeln sollt.

Bevor Ihr das alles schwört, möchte ich Euch fragen, ob Ihr alles verstanden oder noch Fragen habt? Es muss Euch wirklich klar sein, worum es hier geht."

„Ja, meine Königin, ich verstehe die Bedingungen." Sie nickte.

„Und ich schwöre, bei meiner Ehre und meinem Leben, dass ich Euch niemals auf irgendeine Weise verraten werde und dass ich mich Eurem Befehl beugen werde." Wieder kniete er vor ihr nieder.

„Ich danke Euch, Lord Miko. Bitte steht wieder auf.

Ich werde jetzt mein Äußeres ändern. Von nun an bin ich nicht mehr Eure Königin, sondern Eure Schülerin, zumindest für die nächsten acht Monate."

Nachdem er sich wieder erhoben hatte blickte er sie an und sah zu, wie sie plötzlich ganz leicht zu schrumpfen schien. Ihr Haar wurde von einer leichten Brise erfasst und verdunkelte sich vom Ansatz bis zu den Spitzen, als hätte jemand einen Eimer dunkler Farbe auf ihrem Kopf ausgekippt. Ihre Haut straffte sich kaum merklich und ein leicht rosiger Schimmer legte sich auf ihre Wangen.
Sie sah jetzt ganz anders – jünger – aus, sogar ihre Augenfarbe hatte sich von dem leichten Blauton in ein leuchtendes Grün verwandelt.

Sie verbeugte sich vor ihm und Sarin. „Direktor Sarin, Meister Miko, ich danke Euch, dass Ihr mich auf der Hohen Schule der Vier Elemente aufgenommen habt. Ich freue mich auf die nächsten acht Monate des Studiums und hoffe, dass ich Eure Erwartungen nicht enttäuschen werde. Ich werde mein Bestes geben, um den Meisterkurs erfolgreich abschließen zu können."

Sarin nickte. „Ich bin überzeugt davon, dass du eine Bereicherung für diese Schule sein wirst, Taina."

„Taina?", fragte Miko verwirrt.

„Der Name bedeutet so viel wie ‚Geheimnis'. Ich dachte, er passt sehr gut zur Situation, Mylord", erklärte seine neue Schülerin, „Ich denke ich werde ab morgen früh in den Unterricht kommen, was meint Ihr, Lord Miko?"

Er nickte zustimmend. „Ja, ich werde Euch... Entschuldigung, ich meine dich gleich zu deinem neuen Zimmer in der Schule bringen, wo du während deiner Ausbildung wohnen wirst. Ein Diener wird dir noch heute Abend deine Schuluniform und deinen Stundenplan bringen. Hast du sonst noch irgendwelche Fragen?" Es war seltsam und ungewohnt, die Königin, auch wenn sie in einer anderen Gestalt war, zu duzen. Immerhin wusste er dennoch von der Macht, die sie besaß und das würde sich auch nicht ändern.

„Nein, Mylord", sagte sie nur und blickte ihn an, als ob sie ihn daran erinnern wollte, dass ihm so ein Fehler wie eben nicht mehr unterlaufen durfte. Und im Stillen stimmte er ihr voll und ganz zu. Er hatte immerhin einen Eid geschworen, also würde er von nun an seine Worte immer sorgsam überdenken müssen. Er könnte es sich nie verzeihen, wenn er seine Königin durch einen so dummen Fehler verraten würde.

Am nächsten Morgen erwachte Miko mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Heute würde der erste Tag sein, an dem er die Königin unterrichtete. Zum wiederholten Male fragte er sich, wie all das wohl ablaufen würde. Er konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen. Würde er verlegen sein, jedes Mal, wenn er sie im Unterricht dran nahm oder würde sie sich vielleicht gar nicht melden, sondern nur beobachten und sich möglicherweise sogar Notizen machen? Wie würde sie wohl mit den anderen Schülern zurechtkommen, würden sie merken, dass sie eigentlich schon viel älter war?

Fragen über Fragen häuften sich in seinem Kopf. Um ihnen auszuweichen und da er wusste, dass er sowieso keine Antwort finden konnte, stand er rasch auf, wusch sich das Gesicht mit etwas Wasser aus einer Holzschüssel, die ein Diener früh am Morgen vorbeigebracht hatte, zog seine feuerroten Roben an und ging dann nach Draußen. Es war noch zu früh, für das Frühstück, also ging er hinaus und betrat die riesige Gartenanlage der Schule, die von vielen auch „Garten der Träume" genannt wurde. Besonders jetzt, im Frühling, machte sie ihrem Namen alle Ehre.

Bunte Farben, sanfte Gerüche und Blätterrascheln strömten ihm entgegen und beruhigten ihn auf eine Weise, wie es nur die Natur vermochte.

Noch einmal dachte er über die ihm bevorstehende Aufgabe nach.

Letztendlich sollte er alles einfach auf sich zukommen lassen und das Ganze als Chance ansehen. Vielleicht konnte er ja etwas daraus lernen – oder viel mehr von ihr. Immerhin war sie doch der Avatar.

In seinem Unterricht ließ er seine Schüler immer wieder mit dem Bändigen experimentieren, um ihnen zu zeigen, dass die Figuren, die er ihnen zeigte, nicht die einzigen und letzten waren, sondern dass jeder Bändiger eigene schaffen konnte. In der Mitte und am Ende eines jeden Monats sollte dann jeder zeigen, was er Neues erfunden hatte. Und er konnte sich vorstellen, dass die Dinge, die er von ‚Taina' zu sehen bekommen würde, ganz gewiss atemberaubend sein würden.