Hermine traute ihren Ohren nicht. Was bildete sich dieser arrogante Schnösel eigentlich ein? Erst hatte er die Güte, sie vor dem Vertrauensschülerbad zu klammern und zu beleidigen, dann musste er ihre Erinnerungsnotizen lesen und jetzt bildete er sich ein, ihr auch noch befehlen zu können, ihre gute Arbeit mit ihm zu teilen?
„Ist das mein Problem, Malfoy, wenn Snape ein Trampeltier in seinen Kurs lässt?", erwiderte sie herablassend.
„Granger, bitte!", sagte Malfoy. Hermine hob eine Augenbraue und imitierte gekonnt Malfoys spöttische Art. Sie wusste genau, dass er wusste, dass, wenn er ohne einen Trank am Ende der Stunde dastand, auch Snape nicht darum herumkommen würde, ihm ein „T" zu geben. Und das wiederum würde Malfoy aus dem Rennen werfen, wenn er sich mit Hermine maß.
Klar, dass er sich nicht von ihr, einer Muggelgeborenen, schlagen lassen wollte. Doch Hermine konnte nicht umhin, Malfoy widerwillig anzuerkennen- dass er das Wort „bitte" überhaupt kannte, verwunderte sie.
„Also gut, Malfoy. Draco. Ich lasse dich mitarbeiten, aber wehe, du pfuschst mir dazwischen!", sagte sie. „Und solange wir zusammenarbeiten, nenn mich gefälligst Hermine und nicht Granger oder Schlammblut. Verstanden! Und du bist mir einen Gefallen schuldig."
Malfoy sah sie einigermaßen freundlich an. „Also gut, Gr-…, Hermine." Wahrscheinlich war er einfach nur froh, dass er kein „T" bekommen würde.
Zusammen und vor allem schweigend setzten sie ihre Arbeit fort. Am Ende der Stunde war das Klassenzimmer in nebligen Rauch getaucht, der von einigen Kesseln aufstieg. So wie es aussah, hatte es knapp die Hälfte geschafft, Specula Anima korrekt zu brauen. Bei den anderen war der Dunst mehr oder weniger schwarz. Zum Glück sonderte dieser Trank keinen übelerregenden Gestank ab, wenn man ihn falsch braute.
Hermine wartete nun schon gespannt darauf, was sie in dem silbrigen Dampf würde sehen können. Bücher? Ron vielleicht?
Noch benötigte der Trank ein paar Minuten Kochzeit, bis er ihre Gefühle spiegeln konnte.
„Gute Arbeit, äh, Hermine.", murmelte Malfoy. Jetzt war es an ihr, ihm zuzunicken.
Die Klasse verharrte schweigend und beobachtete nur die Dampfschwaden. Langsam begannen sich gewisse Formen zu ziehen, und das Silber verfärbte sich in andere Farben.
Hermine beobachtete ihren Trank stolz. Endlich würde ihr Snape keine Punkte abziehen, sie hatte wirklich gute Arbeit geleistet.
Doch dann erstarrte sie. Der Dampf nahm nun offenbar seine endgültige Form an. Hinter sich konnte sie bereits Lavender und Parvati kichern hören. Wen die wohl wieder sahen!
Doch ihr war nicht nach Lachen zumute. Rasch drehte sie sich um und beobachtete alle anderen Kessel. Und überall dasselbe. Ihr Banknachbar. Draco Malfoy. Entsetzt quieke Hermine auf. Das konnte nicht wahr sein, ihr musste ein fataler Fehler unterlaufen sein! Es musste Ron sein!
Doch ein Fehler wiederum konnte nicht sein, dagegen sprachen die anderen Tränke. Na gut, dann halluzinierte sie eben!
Impulsiv rutschte sie von Malfoy weg, der wie gebannt vor dem Abbild seiner Träume hing. Ihre Bewegung beförderte ihn nun zurück in die Wirklichkeit, denn der träumerische Ausdruck seiner Augen verschwand sofort, als er sie sah.
„Was denn, Granger?", fragte er süffisant, „Wen oder was siehst du denn? Einen Troll?" „Klappe, Malfoy!", würgte Hermine hervor.
Doch leider hatte Snape ihren Kommentar vernommen. „Miss Granger.", sagte er selbstgefällig. „Ich sehe ja keinen Trank vor Ihnen. Habe ich Sie nicht angewiesen, alleine zu brauen? Sind Sie schwerhörig? Nun, Sie wissen ja, welche Note Sie auf ihren nicht vorhandenen Trank bekommen. Übrigens, Draco, gut gemacht!"
„Aber, aber Professor, Sir, dieser Trank ist meiner! Ich habe ihn doch alleine-" „Halten Sie den Mund, Miss Granger, ich habe Sie nicht nach Ihrer Meinung gefragt! Gibt es etwas, Draco, das du mir sagen willst?", fügte Snape in süßlichem Ton und mit Blick auf Malfoys leeren Kessel hinzu.
„Nein, Professor.", sagte Malfoy klar und deutlich. Die Gryffindors begannen zu protestieren, die Slytherins lachten. Hermine glaubte fast, sich verhört zu haben. Aber die Reaktion der Slytherins belehrte sie eines Besseren.
„Draco Malfoy! Du… du Arschloch!", schrie Hermine, packte ihre Tasche und stürmte zum Kerker hinaus. „Strafarbeit und zwanzig Punkte Abzug für Gryffindor!", sagte Snape ölig, doch das hörte Hermine schon gar nicht mehr.
Sie rannte durch die Gänge, bis sie sich schließlich in der Nähe des Ravenclawturms in einer Nische niederließ und zu schluchzen begann. Dermaßen unfair hatte Snape sie ja noch nie behandelt! Er hatte ganz genau gewusst, dass es Malfoy gewesen war, der sie um Hilfe gebeten hatte und nicht umgekehrt!
Und Malfoy, dieses Frettchen, hatte die Gunst der Stunde genutzt und ihren Erfolg eingeheimst. Mit einer dreisten Lüge. Wie sie ihn hasste!
Hermine hielt inne. Hasst sie ihn, wenn ihr der Trank doch das genaue Gegenteil gesagt hatte? „Ach, der verfluchte Trank!", weinte Hermine, „Was weiß denn der von der Realität!"
Sie hörte jemand näher kommen. „Hermine, bist du das?", hörte sie eine träumerische Stimme. Luna Lovegood. „Luna? Ja, ich bin's!", antwortete sie.
Luna kniete sich neben Hermine. „Was ist denn passiert?", wollte sie wissen. „Ach, Malfoy und Snape…", murmelte Hermine. „Ach komm schon, Hermine. Lass dich doch von denen nicht unterkriegen!", sagte Luna leise.
Hermine erinnerte sich daran, dass Luna selbst ziemlich oft Opfer einiger gemeinen Streiche war und daher genau wissen musste, wie sie sich fühlte. „Danke, Luna!", flüsterte sie und erhob sich, um zu ihrem Gemeinschaftsraum zu gehen.
Aber eines war sicher. Malfoy würde ihr das büßen, und wenn es das letzte war, das sie tat.
Draco Malfoy indes befand sich auch gerade auf dem Weg zu seinem Gemeinschaftsraum. Irgendwie verstand er sich selbst nicht mehr.
Gerade eben hatte er es geschafft, mit Hermine Granger auszukommen und mit ihr an einem Tisch friedlich zu arbeiten. Er hatte es auf gewisse Weise sogar genossen, neben einer stillen und ausnahmsweise mal nicht besserwisserischen Granger zu sitzen, als der Trank fertig geworden war.
Begierig hatte er in den silbrigen Dampf geschaut, um schnellstmöglich herauszufinden, was denn sein Begehren wäre, immerhin hatte er doch alles, was er sich wünschen konnte oder wollte.
Was ihm jedoch entgegengeblickt hatte, war äußerst unerwartet und vor allen Dingen ärgerlich gewesen. Der Dampf ihres Kessels hatte ihm Hermine Granger in einem Ballkleid gezeigt. Vermutlich das Kleid, das die in der vierten Klasse an Weihnachten angehabt hatte, überlegte Draco.
Warum gerade sie? Wie konnte dieses besserwisserische, Schlamm-, äh, muggelgeborene Mädchen sein Herzenswunsch sein! Wahrscheinlich hatte Granger einfach den Trank falsch gebraut und er würde nun die schlechte Note, die eigentlich ihr zustand, bekommen.
Und wenn doch alles stimmte? Das konnte einfach nicht sein. Eine boshafte Stimme in Dracos Hinterkopf wisperte ihm zu, dass es offensichtlich war, dass es gerade Hermine Granger war: hatte er nicht eben gerade selbst festgestellt, dass er alles haben konnte? Nun, selbstverständlich galt das auch für die weibliche Hälfte Hogwarts'.
Aber Hermine Granger konnte er nicht haben, denn die hasste ihn abgrundtief. Und genau deswegen stellte sie gerade sein Begehren dar. Ja, so musste es sein.
Das alles hatte Draco erkannt, während er das rauchige Abbild Hermines betrachtet hatte.
Erst ein Quieken und eine Bewegung Her-, äh. Gran-, äh Hermin-, äh, des Schlammbluts, verdammt, hatte Draco aus seinen Überlegungen gerissen. Jetzt wusste er noch nicht einmal mehr, wie er sie nennen sollte.
Rasch fing er sich jedoch, als er ihren panischen Gesichtsausdruck zur Kenntnis nahm. „Was denn, Granger?", hatte er süffisant gefragt, „Wen oder was siehst du denn?" Musste ja etwas schrecklich Widerwärtiges sein wie das Wiesel, wenn sie so reagiert hatte.
Doch dann war Snape gekommen und hatte Granger, na gut, Hermine, zurechtgewiesen und fertig gemacht. Vollkommen ungerechtfertigt, wie Draco aufgefallen war.
Doch im Moment war ihm nicht danach gewesen, Granger zu verteidigen. Nicht, nachdem dieses blöde Weib ihn in eine Sinnkrise zu stürzen drohte. „ … Gibt es etwas, Draco, das du mir sagen willst?", hatte er Snape sagen gehört.
„Nein, Professor.", hatte Draco nicht ganz wahrheitsgemäß geantwortet und dabei fest in Hermines braune Augen geblickt.
Wenn er gedacht hatte, dass sie ihn heute in der Früh zusammengeklammert und gelähmt gehasst hatte, dann war das noch gar nichts gegen ihren jetzigen Blick, aus dem neben Hass auch noch Enttäuschung gesprochen hatte.
„Draco Malfoy! Du… du Arschloch!", hatte sie wutentbrannt geschrien und war aus dem Kerker geflohen. Diese letzten Worte hallten nun in Dracos Kopf nach. Irgendwie verletzte es ihn.
Nicht, dass das noch nie ein Mädchen zu ihm gesagt hatte. Nein, das waren sogar die Worte, die ihm ein Mädchen meistens entgegen schrie, wenn es herausgefunden hatte, dass er sie nur ausgenutzt hatte und Draco nicht im Traum daran dachte, die Beziehung als solche zu vertiefen.
Aber dass Granger ihm diese Worte an den Kopf warf, obwohl sie noch nicht einmal den Slytherinkerker, geschweige denn seinen Schlafsaal von innen gesehen hatte, ärgerte Draco.
Und es gab noch einen Grund für seine Nachdenklichkeit. Da schien der leere Schlafsaal eher das geringere Problem. Grangers Worte hatten ihm einen Stich versetzt. Die Sinnkrise ließ grüßen.
Er, Draco Malfoy, der Slytherin schlechthin, konnte doch nicht allen Ernstes Mitleid mit einer muggelgeborenen Gryffindor haben. Ein Malfoy leistete sich keine überflüssigen Gefühle, ob Todesser oder nicht.
Die Stimme in seinem Hinterkopf meldete sich wieder zu Wort: Wenn es schon Dracos Herzbegehren war, musste er da nicht auch Gefühle haben?
Und Gefühle hegte er ja seit der ersten Minute ihrer Bekanntschaft für Granger. Abneigung und leidenschaftlicher Hass, flüsterte die Stimme weiter.
„Verdammt!", fluchte er- seit er sprechen konnte tat er das und seinem Image schadete es kein bisschen, im Gegenteil- und zog einem Hufflepuff- Zweitklässler fünf Punkte ab, weil er ihm im Weg stand. Dann fiel ihm noch etwas anderes ein. Zu dem Trank. Hatte Granger da nicht etwas von einem Spiegel notiert? Draco machte auf dem Absatz kehrt und eilte in die Bibliothek.
Eine Stunde verbrachte er mit Suchen nach diesem Spiegel Nerhegeb, als ihm schließlich ein kurzes Kapitel in dem Buch Tausend magische Gegenstände der letzten 1000 Jahre ins Auge stach. Hastig begann er zu lesen.
„Einer der wohl rätselhaftesten Gegenstände, die in der Neuzeit jemals geschaffen wurden, ist der ‚Spiegel Nerhegeb', der nicht das Abbild des Betrachters spiegelt, sondern dessen Herzbegehren. Zum ersten Mal tauchte der Spiegel im Jahre 1497 auf. Seine Geschichte ist weitestgehend unerforscht, da er immer wieder verschwand, vermutlich weil die Besitzer die von dem Spiegel ausgehende Gefahr erkannten und ihn versteckten."
Draco hielt inne. Inwiefern konnte denn ein lächerlicher Spiegel gefährlich werden? Er las weiter.
„Seit circa 75 Jahren befindet sich der Spiegel in den altehrwürdigen Gemäuern Hogwarts', und es wurde bekannt, dass Nicolas Flamel und Albus Dumbledore einst den Stein der Weisen in dem Spiegel versteckten. In diesem Zusammenhang ist auch bekannt, dass Harry Potter der einzige Mensch ist, der den Spiegel als Spiegel nutzen konnte und nicht als Abbild seiner Begehren. Ferner ist durch Forschungen Albus Dumbledores bekannt, dass der Spiegel den eingeschlossenen Dampf des Trankes Specula Anima enthält, wodurch diese phänomenale Erscheinung erst möglich gemacht wurde…"
Draco runzelte die Stirn. Potter und Dumbledore. Klar, dass Granger diesen Spiegel kannte. Er klappte das Buch zu. Dann fasste Draco einen Entschluss.
Wenn dieser Spiegel in Hogwarts stand, wie das Buch sagte, dann musste er diesen Spiegel finden und in ihn blicken, um sein wahres Begehren herauszufinden, denn unmöglich konnte das Granger sein. Sie konnte eben doch nicht Zaubertränke brauen, so musste es sein.
So, so. Das hatten wir doch schon, erwiderte die ungebetene Stimme in seinem Kopf. Ach, Klappe, dachte Draco ärgerlich und legte sich schon einen Plan zurecht, wie er den Spiegel finden würde. In jeder freien Minute würde er einen seiner Speichellecker dazu abstellen, nach dem Spiegel zu suchen. Und in der Zeit, in der er als Vertrauensschüler in den Gängen patrouillieren musste, konnte er ebenfalls suchen gehen. Wen interessierten schon ein paar Schüler, die aus den Betten waren!
Draco verließ die Bibliothek in Richtung Kerker. Dort stieß er auf Pansy, die sich gerade mit Blaise unterhielt. Naja, sie redete und Blaise nickte nur verzweifelt.
„Pansy", gurrte Draco, „wie wär's mit einem Treffen um 22 Uhr im Nordturm?" Sie kam ihm jetzt gerade recht, um seine Gedanken an Granger zu verdrängen.
Pansy blickte ihn mit großen Augen an und verstummte augenblicklich. „Aber ja, doch, Draco- Schatz! Wir sehen uns!", antwortete sie schließlich. Blaise und Draco ließen die verzückte Pansy auf dem Gang zurück und betraten den Gemeinschaftsraum der Slytherins.
Draco sah Blaise an und merkte sofort, dass dem Jungen, den er am ehesten als Kumpel bezeichnen konnte, etwas auf dem Herzen lag. „Was ist denn los mit dir, Zabini?", fragte er ihn fast freundlich.
„Naja", druckste Blaise, der sich sichtlich unwohl in seiner Haut fühlte, „die Sache ist die, Draco. Pansy hat mich gerade eine geschlagene halbe Stunde zugelabert mit wie toll sie dich findet und wie viel sie für dich empfindet und, ach du weißt schon." Blaise gewann an mehr Sicherheit, als er sah, dass Draco nur zuhörte und ihn nicht unterbrach.
„Und jetzt, Draco, muss ich dir mal was sagen. Meine Meinung zu… Pansy. Sie, eh, mag vielleicht nicht die hellste sein, aber ich denke, es stimmt, was sie über ihre Gefühle für dich erzählt hat." Blaise hielt einen Moment inne, bevor er nun etwas lauter fortfuhr: „Schämst du dich eigentlich nicht, so auf Pansy herum zu trampeln! Sie bringt dir wenigstens ehrliche Gefühle entgegen und du- du bescheißt sie ständig und nutzt sie nach Gutdünken aus! Überdenk mal deine Beziehungsstrategie, Draco!", endete Blaise.
Draco sah ihn verblüfft an, unfähig etwas zu sagen. „Ja, Draco, das meine ich ernst. Du hast mittlerweile den Ruf, den wohl einst Sirius Black innehatte. Und- und das wollte ich dir schon seit der vierten Klasse sagen, als die Mädchen begannen…" Blaise ging die Puste aus.
„Ist ja gut, Zabini!", winkte Draco großkotzig ab. Was fiel seinem Kumpel eigentlich ein? Neidete er ihm etwa seine Eroberungen!
Doch leider war Blaise noch nicht am Ende. „Weißt du was, Draco Malfoy? Ich wünsche dir, dass du dich in so einen besserwisserischen, verklemmten Streber wie die Granger verliebst und zurückgewiesen wirst. Damit du mal weißt, wie du sonst immer bist!" Damit ging er und ließ einen sprachlosen Draco Malfoy zurück.
Und wie, verdammt noch mal, kam Blaise gerade auf Granger! Dracos Entschluss stand fest: Er würde Blaise beweisen, dass er falsch lag. Und dafür kam ihm Granger gerade recht. Er musste sie nicht lieben, um sie zu bekommen. Ein Malfoy bekam sie alle.
